Ethik und/oder Gerechtigkeit nach der Postmoderne

23.-25. November 2007 in Erlangen

8. Internationale und Interdisziplinäre Graduiertenkonferenz der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Die Reformulierung ethischer Narrative ist eine der auffälligsten Signaturen der politischen und massenmedialen Kommunikation sowie der künstlerischen Produktionen der Gegenwart. Die Konferenz will diesen in den unterschiedlichen Bereichen feststellbaren ethical turn der letzten Jahre in den Blick nehmen. Schließen sich ethische Fragestellungen im Sinne einer Konzentration auf das Individuum und Forderungen nach politischer, sozialer, ethnischer oder geschlechtlicher Gerechtigkeit gegenseitig aus – oder bedingen sie sich notwendig ?

Zu fragen wird sein, ob die zunehmende Thematisierung ethischer Perspektiven ein Indiz ist für die Rückkehr zu traditionellen bzw. normativen Positionen, die auf das Ende der ,Beliebigkeit’ der Postmoderne hindeuten. In diesem Zusammenhang könnten auch die verbreitete aktuelle Theoriemüdigkeit sowie die zu beobachtende Reessentialisierung einstmals differenztheoretisch aufgelöster Weltbilder von Bedeutung sein. Oder könnte vielmehr die Fokussierung auf ethische Fragen und Aspekte der jüngsten Vergangenheit verstanden werden als eine Weiterführung postmoderner Theoreme, die die immer schon implizite Frage nach Gerechtigkeit in der poststrukturalistischen Debatte ins explizit Ethisch-Politische wendet angesichts der Konflikte einer globalen und postkapitalistischen Welt? Wie kann sich politisch gerechtes und ethisches Handeln legitimieren und konstituieren, wenn die religiösen, metaphysischen oder anthropologischen grands récits (Lyotard) nicht mehr als Grundlage zur Orientierung menschlichen Handelns zur Verfügung stehen ? Auf welcher Basis argumentieren Theoretiker, die das poststrukturalistische Denken weiterführen, das die Grundannahmen, auf denen die Werte der westlichen Identität ruhten, dekonstruiert hat ?

Wir wollen mit unserer interdisziplinären und internationalen Konferenz diskutieren, welche Rolle Gerechtigkeit und Ethik am Beginn des 21. Jahrhunderts in unserem Denken einnehmen beziehungsweise in welcher Weise Fragestellungen nach Ethik und/oder Gerechtigkeit in den Medien und den Künsten (z.B. als Rückkehr zu Narration, als Form einer neuen littérature engagée, als Erinnerungskultur) und in der Politik (Konstruktionen von Inklusion und Exklusion; Anerkennungs- und Umverteilungsgerechtigkeit) erscheinen und inwiefern Formen ethischen und/oder gerechten Handelns in Disziplinen wie der Philosophie und in den Sozialwissenschaften in den Blick genommen werden. Themenvorschläge :

  • Ethik der Dekonstruktion/Dekonstruktion der Ethik
  • Gerechtigkeit zwischen Erinnerung und Geschichte
  • Ethik und Narration
  • Interkulturalität, interkulturelle Ethik und Hermeneutik
  • Ethik der (kulturellen) Übersetzung
  • Medientheorie und Medienethik
  • Gouvernementalität und Biopolitik - Ethisches Handeln zwischen Subjektivation und Selbsttechnologie
  • Gender und Gerechtigkeit
  • Konstruktion von (nationalen und medialen) Identitäten - Eigenes und Fremdes ; Inklusion und Exklusion
  • Neuer Antisemitismus
  • Grenzen (politisch, ästhetisch, religiös, medial)
  • Grenzen des Humanen
  • Religiosität und Fanatismus, Terrorismus und Fundamentalismus
  • Transmarxistische Kulturkritik, postmarxistische Politik
  • Grenzen des postmodernen Liberalismus
  • Weltgesellschaft - Weltethik
  • Ethik in Film und Kunst der Gegenwart
  • Konzepte der Liebe und der (Gast-)Freundschaft

Die Konferenzsprachen sind Englisch und Deutsch. In den Workshops (2 bis 2.5 Stunden) werden zwischen drei und fünf Vortragende eine Kurzform (15 Minuten) ihres Tagungsbeitrages präsentieren, so dass genügend Zeit für die Diskussionen bleibt. Bei Annahme des Vortragsabstracts soll eine ausgearbeitete Version des Vortrags (ca. 4000 Wörter) bis zum 21. Oktober 2007 eingereicht werden. Die Vortragsmanuskripte werden so vorab auf der Webpage für alle TeilnehmerInnen der Konferenz einzusehen sein.

Alexandra Böhm, M.A. (Lehrstuhl für Allg. u. Vergl. Literaturwissenschaft)
Mark Schönleben, M.A. (Institut für Philosophie)