Beiträge / Abstracts (2011)

Judith Holland (Erlangen, Germany)

Gewerkschaftspolitik von und für Frauen im deutsch-französischen Vergleich

Obwohl die Erwerbsquote von Frauen in Deutschland seit mehreren Jahren höher liegt als die in Frankreich, gelten erwerbstätige Frauen in französischen Betrieben wie im gesamtgesellschaftlichen Kontext in weit höherem Maße als in Deutschland als selbstverständlich und unterstützungswert. Die Gründe hierfür sind vielfältig. So war die französische Wirtschaft beispielsweise wegen eines verbreiteten Fachkräftemangels historisch auf MigrantInnen und eben auch Frauen angewiesen. Das Promotionsvorhaben stellt sich die Frage, ob die stärkere gesellschaftliche Akzeptanz von Frauenerwerbsarbeit in Frankreich auch mit einer intensiveren Interessenvertretung in der (Erwerbs-) Arbeitswelt einhergeht. Deshalb soll in dem angestrebten international vergleichenden Promotionsprojekt untersucht werden, wie zum einen Frauen sowohl als Mitglieder als auch als Aktivistinnen in Gewerkschaften vertreten sind und zum anderen wie ihre Interessen dort repräsentiert werden. Für die empirische Analyse wird in beiden Ländern - neben Literaturstudien sowie Dokumentenanalysen - einschlägig relevantes quantitatives Datenmaterial aufgearbeitet und ausgewertet. Zudem sollen je fünf bis zehn qualitative Interviews mit ausgewählten Gewerkschaftsaktivistinnen in beiden Ländern geführt werden. Das Ziel des Projekts besteht darin, einen Überblick über frauenpolitische Aktivitäten in beziehungsweise von deutschen und französischen Gewerkschaften auch in ihrem historischen Verlauf zu erhalten. Dies impliziert die Diskussion dessen, was frauenspezifische Interessen innerhalb der Erwerbsarbeit überhaupt sind und welche Unterschiede ihrer Repräsentation sich zwischen und in den jeweiligen Ländern feststellen lassen. Dies könnte für die Gewerkschaften „in der Krise“ wiederum von Bedeutung sein, in denen die soziologisch signifikante Gruppe der Frauen noch immer unterrepräsentiert ist, obwohl diese häufig von der zunehmenden Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse und der damit einhergehenden Repräsentations- und Mitbestimmungssituation betroffen ist.

Christoph Busch (Siegen, Germany)

Kontinuitäten und Wandel rechtsradikaler Arbeitsmarktpolitik

Arbeitsmarktpolitik gehört seit der Gründung der Bundesrepublik zu den politischen Top-Themen, zu denen jede Partei, die elektorale Ziele verfolgt, Stellung beziehen muss. Insofern verwundert es nicht, dass die älteste rechtsradikale Partei in Deutschland, die NPD, seit ihrer Gründung das Thema in der einen oder anderen Form aufgreift. Der Beitrag soll die Bedeutung und Inhalte der Arbeitsmarktpolitik der NPD seit 1965 im Längsschnitt analysieren. Dadurch soll herausgearbeitet werden, wie die Partei die (Dis-)Kontinuitäten der Arbeitswelt in einer rechtsradikalen Perspektive rekonstruiert und in eigene politische Handlungsoptionen übersetzt. Es wird dabei von der These ausgegangen, dass die NPD eine programmatisch-ideologische Partei ist und somit das Thema Arbeitsmarktpolitik eine policy-spezifische Konkretisierung der rechtsradikalen Ideologie darstellt. Während der Themenkomplex Globalisierung, Arbeitswelt und Wirtschaft bezüglich aktueller Einlassungen und Strategien rechtsradikaler Akteure intensiv beforscht wird, ist eine Längsschnittuntersuchung bislang ein Forschungsdesiderat.
Als Quellen der Analyse werden die Bundestagswahlprogramme der NPD ausgewählt. Dies hat zum einen forschungspragmatische Gründe. Denn die NPD ist seit 1965 bei fast allen Bundestagswahlen angetreten. Insofern liegt für einen relativ langen Untersuchungszeitraum ausreichendes Material vor, welches sich im Längsschnitt vergleichen lässt. Andere Quellen, wie zum Beispiel parlamentarische Initiativen, Pressemitteilungen oder Parteizeitungen, sind über den langen Zeitraum nur schlecht zu vergleichen, weil die NPD mit diesen Mitteln unterschiedlich intensiv kommunizierte und damit divergierende Zielgruppen bediente. Zum anderen sind Programme als Quellen für ideologiekritische Analysen besonders geeignet. Denn Programme sind eher langfristig, umfassend und grundsätzlich angelegt. Die Auswertung des Materials erfolgt mittels strukturierender und explorativer Inhaltsanalyse.

Cornelia Hippmann (Dortmund, Germany)

Die Bedeutung von „Gender“ für die Erforschung der Karrierechancen ostdeutscher Politikerinnen - anhand der Rekonstruktion ihrer Lebensgeschichten

Mein Abstract beruht auf den Ergebnissen meines Dissertationsprojektes "Ostdeutsche Frauen in der Politik. Eine qualitative Analyse", worüber ich an der Otto-von-Guericke-Magdeburg im Fachbereich Soziologie unter der Leitung von Herrn Prof. Dr. Fritz Schütze geforscht habe. Um die Prozesse der sozialen, individuellen und kollektiven Sinnbildung ostdeutscher Politikerinnen in biografischer Perspektive, unter Berücksichtigung der "Gender"-Perspektive bezogen auf ihre Arbeitsfähigkeit konstruieren zu können, war die Biografieforschung meine Hauptuntersuchungsmethode, denn der biographische Zugang klammert nicht aus, sondern trennt forschungsmethodisch differente Ebene voneinander. Die Studie setzte an den subjektiven Wahrnehmungen und Handlungen der Politikerinnen an da sich die Möglichkeit eröffnete, die Kategorie Gender für die beruflichen Identitäten der politisch interessierten Frauen zu erforschen. Die Studie zeigt, dass Gender einen zentralen Einfluss auf die Ausübung der politischen Arbeit der Frauen hat, aber auch, dass Gender erst im Zusammenspiel mit anderen Kategorien wie Zeitpunkt des politischen Engagements oder Alter wirksam wird. Sie belegt auch, dass viele der heutigen ostdeutschen Politikerinnen bereits vor der Wendezeit 1989/90 berufstätig waren, aber häufig erst begannen, sich nach dem Epochenwechsel politisch zu engagieren und auch beruflich umzuorientieren. Deshalb wird ihr berufliches Handeln in beiden politischen Systemen betrachtet. Es wird aufgezeigt, dass gerade die tabula-rasa-Zeit, als sich die "männliche" Prädominanz in der Politik kurz auflöste, den Frauen hervorragende Chancen für eine Karriere als Politikerin bot, wenn sie von ihrer Vita nicht zu eng mit der DDR-Diktatur verflochten waren. Da "Gender" aber dennoch für die Politikkarriere die zentrale Kategorie ist, ist explizierbar, wie in den Biografien der Frauen Geschlecht und Geschlechterdifferenz konstruiert werden.

Sebastian Kessler (Ulm, Germany)

Die Entpolitisierung des Medikalen? Soziale Ungleichheit und Krankheit im Blickpunkt zwischen Medizin und Politik

Prävention im Umfeld von Ungleichheit, Arbeitslosigkeit, Alter und Krankheit ist immer auch ein politisches Thema. Während aber beispielsweise Debatten um gesundheitliche Prävention von Impfkampanien bis sportive Betätigung sowohl im gesellschaftlichen Bewusstsein, als auch im politischen Diskurs präsent sind, wird - so die These des Vortrags - der Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit/Arbeitslosigkeit und Krankheit im politischen Diskurs der Bundesrepublik medikalisiert und dabei aus der Sphäre des politischen ausgelagert. Diese Entpolitisierung erschwert das Schnittstellenmanagement zwischen den, von der Querschnittsaufgabe Prävention betroffenen, Partnern und überlastet das Krankenversicherungssystem. Der Beitrag Untersucht dieses Feld mit Mitteln der historischen Diskursanalyse und Begriffsgeschichte. Durch die Analyse von Bundestagsdebatten und politischer Beratung seit 1970 bis heute (Aktuelle Stunde / spezifische Gesetzgebung, etc.) wird der Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und Krankheit in der Politik nachvollzogen. Ziel ist es dabei, die Prozesse aufzeigen, die die Medikalisierung und gleichzeitige Entpolitisierung von Arbeitslosigkeit im Kontext von Krankheit zur Folge haben. Daran anschließend soll erörtert werden, welche Prozesse dazu führen, dass der Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit/Arbeitslosigkeit und Krankheit im politischen Kontext in andere Diskurse (z.B.: Bildungspolitik) verlagert wird. Zuletzt sollen die sich daraus ergebenden Konsequenzen für jene Menschen, die von sozialer Ungleichheit negativ betroffen sind (z.B. Arme, Alte, Langzeitarbeitslose, Kinder aus bildungsfernen Verhältnissen), diskutiert werden. Diese Gruppen sehen sich von einer politischen Kultur beeinflusst, die ihre Lage nur bruchstückhaft wahrnimmt, was zur Folge hat, dass Lösungsansätze für den Zusammenhang von Krankheit und sozialer Ungleichheit einseitig in der Medikalisierung sozialer Ungleichheit gefunden werden. Die Probleme der betroffenen Patienten werden durch die ärztliche Diagnose als individuelle Krankheit therapiert, während politische Handlungsoptionen zum Ausweg aus der Situation nicht notwendigerweise zur Sprache kommen müssen.

Detlef Brem (Hall in Tirol, Austria)

Altern in Armut und Wohnungslosigkeit - Lebenslagen älterer wohnungsloser Menschen

Es gibt in der Bundesrepublik Deutschland weder zuverlässige Angaben über den allgemeinen Umfang von Wohnungslosigkeit noch eine empirische Studie, die das Ausmaß der beeinträchtigenden Lebensbedingungen der besonders benachteiligten gesellschaftlichen Randgruppe der älteren wohnungslosen Menschen erfasst. Die Forschungstätigkeit verfolgt das Ziel, die Lebenslagen älterer wohnungsloser Menschen darzustellen. Dazu werden Umfang und Struktur von Wohnungslosigkeit sowie das Ausmaß der Beeinträchtigungen untersucht. Die theoretische Grundlage der Untersuchungstätigkeit leitet sich aus einer Bewertung der Modelle aus den soziologischen Bezugsdisziplinen Alterssoziologie, Armutsforschung und Wohnungslosenforschung ab, wonach eine Erfassung der beeinträchtigenden Lebensbedingungen am besten durch den Lebenslagenansatz, kombiniert mit einem Modell des Lebenslaufs, möglich ist. Die Erforschung der verschiedenen Lebenslagen der älteren wohnungslosen Menschen erfordert eine differenzierte Vorgehensweise. Für den untersuchten Personenkreis können generell hohe objektive Beeinträchtigungen nachgewiesen werden, die bei der Mehrheit bereits im Kindes- und Jugendalter beginnen und sich über die Lebensspanne hinweg anhäufen. Darüber hinaus lässt sich ein Zufriedenheitsparadoxon feststellen. Grundsätzlich lassen sich auf Basis der Forschungsergebnisse Empfehlungen für einen Abbau von Schwellen im Sozialleistungssystem sowie für verbesserte Maßnahmen zur Armutsbekämpfung formulieren. Die Beschäftigung mit dem Phänomen Armut innerhalb der Lebenslagen älterer wohnungsloser Menschen verdeutlicht die Notwendigkeit, ethische Aspekte im Handlungsfeld Wohnungslosenhilfe zu entwickeln, damit ein gerechter, verantwortungsvoller Umgang mit dem betroffenen Personenkreis auf allen Ebenen möglich ist.

Nora Hicko (Novi Sad, Serbia)

The Modern Concept of Praxis and the Contemporary Concept of Work

This paper tends to question what is left of the modern concept of Praxis in what we understand today as Work and what is our human loss in the historical narrowing of the concept of Praxis to the concept of Work. Since defining Praxis itself requires much more space, the term will be interpreted here based on the main Marxist concepts of Praxis in the 20th Century, comprehended not only as a quantitative sum of the traditionally secluded types of activity: theory, praxis and poiesis, but rather in a way of overcoming their differences in a higher qualitative and speculative unity. What provides the possibility of the modern concept of Praxis is the dimension of Time, which oncomes in the form of historical activity, as temporalisation. In our fast developing, now globalised and capital-based world the concept of Work has gradually changed and it is difficult to define what Work is and what are the boundaries of this peculiar term today. However, whenever mentioned, Work today is most commonly associated with the term Job. This reduced contemporary form of Praxis shows its impoverished and alienated state, conducted by capital, which cruelly dissolves the practical mode of being, as the creative human essence.

Anej Korsika (Ljubljana, Slovenia)

Abstract and Cognitive Labour

Over last couple of decades notion of labour has experienced dramatic and unprecedented changes. Global division of labour, information revolution and fundamentally transformed constellation of geopolitical forces are just a few processes that have caused it. Various theories have tried to reflect on this metamorphosis of labour and have argued that we live in a post-industrial society. The main idea being that manual, i.e. classical industrial labour is already superseded and cognitive labour is becoming ever more predominant. In this line of thought abstract labour was often freely substituted for cognitive labour, both being used for describing non- manual labour. However abstract labour is actually a much older concept that was first introduced by Karl Marx in the opening chapter of Capital. As such it doesn’t denote any aspect of labours (im)material“ity but rather labours social dimension. Marx actually makes a distinction between concrete labour that includes both manual and cognitive labour and abstract labour. The latter is historically specific and is the very social moment that enables the universal exchangeability between various types of commodities and labour that is embodied in them. Abstract labour therefore already presupposes much of the processes we underwent in the last decades, while also maintaining a strong continuity throughout the historical development of capitalism as such. If cognitive labour defines itself in opposition towards manual, abstract is their common denominator. As such it seems to be a productive foundation for reflecting on new strategies of labour emancipation.

Philip Stewart (Munich, Germany)

Work and Value Represented in Protestant Theology

The antique view of work as toil and labor, something to be done only out of necessity, is one mirrored in the minds of many individuals today. This opinion of work, however, is one that was first decidedly changed in Christian theology‘s view of the relationship between the ideas of work and value. As theologians such as Wolfhart Pannenberg have pointed out, Jürgen Habermas‘ reference to a „biblical curse of work“ is false and unjustified. For this reason, this paper examines the view of work and value present in modern Protestant theology as the development of the theory (or doctrine) of vocation. More than the supposed „Protestant work ethic“ of Max Weber, the theory of vocation is shown to take an egalitarian view of work apart from its putative value, giving workers self-value regardless of the nature and result of the work engaged in. Moreover, the theory of vocation is shown to redefine work as an end in itself, and to re-center the aim of work on community and society rather than on individual achievement. Lastly, it is demonstrated that the theory of vocation and redefinition of work is an acceptable ground for claiming a right to work, though not a right to a certain type of work or a certain amount of income.

Olivia Good (Pennsylvania, USA)

Perceptions and Expectations of Work and the American Dream in the Midst of a Struggling Economy

America’s labor society, known for its productivity, has been largely shaped by the legacy of the “Protestant work ethic” and the promise of the American Dream. The Calvinist concept of predestination that drove the Puritan society to work hard has persevered, and even before the term was coined by James Truslow Adams, the concept of the American Dream inspired generations to achieve aspirations that were unfathomable to their ancestors. Even in difficult times, Americans derived hope from the American Dream’s promise to deliver fulfillment—or, at least, the means to earn a living—to those willing to exert the effort the Protestant work ethic prescribed. The recent economic downturn, however, challenges the sustainability of the “good life” afforded by the American Dream and the values of the Protestant work ethic. This research explores the impact of the unstable job market and the declining confidence Americans exhibit in their ability to earn a better living on perceptions of the American Dream and “good life” held by Americans of varying ages, as reflected by polling data, government statistics, and media outlet reports, and also questions the implications of these shifts in perception for workers in the future. Generational roles and attitudes about joblessness, education, and standard of living are among the elements of the American concept of the “good life” challenged by the current economic climate. Particularly relevant given the uncertainty surrounding economic recovery, the research provides both numeric evidence and human-interest accounts of trends which are likely to continue indefinitely.

Gabriel Henriques (Lisbon, Portugal)

Experience and Meaning in Work: Sociological Reflections and Empirical Study on Human Resources Knowledge

What is work for those who work? What kind of definition encompasses their experience, and reflects how work is it like, for them? What are the collective important aspects and the importance and impact of work in their lives and their relatives?This article uses an empirical study conducted in 2010, in the global context of the financial crisis, on the work experiences and meanings of a group of bank branch managers, hierarchically located at the bottom level and being the interface between the whole internal structure and bank customers.The findings of this study, conducted under a phenomenological perspective and methodology, are ideal descriptions of experiences and their meanings that characterize collective experiences and meanings of this group, featuring what may be work for this professional group, in the social context and in the bank where they work, as well as the impact on the relationships with their relatives and clients. These findings are compared with the conclusions of an industry standard satisfaction survey applied during the same period, showing a variety and deepness in the ideal characterization not foreseen by the survey and opening a way of reflection on collaboration between qualitative and qualitative methods.

Kathrin Schödel (Msida, Malta)

„Arbeit“ und „Leben“ - zur diskursiven Konstruktion einer folgenschweren Aufspaltung

In dem für den Arbeitenden scheinbar positiven Ziel einer Work-Life-Balance wird die zentrale Problematik deutlich, der sich mein Vortrag widmen möchte: die diskursiv konstruierte und legitimierte Trennung von „Arbeit“ und „Leben“, die erst die Grundlage für das Streben nach deren Ausgleich bildet, und die für die Konzeption der Sphären Arbeitswelt und Privatleben von weitreichenden negativen Konsequenzen ist. Zweck der Arbeit ist vor allem anderen Gelderwerb im Rahmen von Gewinnwirtschaft und Konkurrenzgesellschaft und diese Tatsache wird durch ihre ideologische Rechtfertigung nahezu unhintergehbar. Das private Leben erhält die Aufgabe, harmonischer und - allerdings nur scheinbar - von Konkurrenz freier Gegenpol zu den Mühen des Erwerbswirtschaftens zu sein. Die Vorstellung einer „feindlichen“ Welt von Öffentlichkeit und Erwerbsarbeit, die im Gegensatz zu der häuslichen Sphäre privaten Glücks steht, geht zurück auf gesellschaftliche und ökonomische Entwicklungen im 18. Jahrhundert, auf die „Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben“ (K. Hausen), und sie ist diskursiv eng verbunden mit der Konstruktion des Gegensatzes von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ In meinem Vortrag möchte ich die historische Entstehung dieser Gegensatzpaare (privat - öffentlich; Leben - Arbeit; weibliche und männliche Sphäre) im 18. Jahrhundert beleuchten. Die Seite der häuslichen Beschränkung der weiblichen Rolle ist diesbezüglich oft Gegenstand von kritischen Betrachtungen geworden, meine Thesen wenden sich ergänzend vor allem der anderen Seite dieser Opposition zu: was passiert mit der Vorstellung der Arbeitswelt, wenn sie dem privaten Glück entgegengestellt wird? Die Auswirkungen dieser diskursiven Trennung bis heute und Ansätze zu einer kritischen Dekonstruktion der genannten Oppositionen werden in meinem Vortrag auf der Grundlage der historischen Befunde erörtert.

Claudia Globisch/Yasemin Niephaus (Innsbruck/Leipzig)

Erwerbsarbeit, Arbeitslosigkeit und allgemeine Lebenszufriedenheit

Erwerbsarbeit ist ein zentrales Integrationsmoment in kapitalistisch organisierten Gesellschaften. Sie ist bedeutsam für die Einbindung in soziale Netzwerke, sie ist die Voraussetzung für die Absicherung von Risikolagen und nicht zuletzt ermöglicht sie die direkte Befriedigung von Bedürfnissen mittels Geld. Gleichzeitig ist sie Teil eines Entfremdungsprozesses, welcher die Möglichkeiten individueller Emanzipation begrenzt. Arbeitsplatzverlust, Arbeitslosigkeit bietet demnach rein theoretisch die Möglichkeit individueller Emanzipation. Doch wie wahrscheinlich ist das Eintreten dieser unter Konstanz der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Dieser Frage wollen wir in unserem Beitrag nachgehen. Dies werden wir machen, indem wir den Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und allgemeiner Lebenszufriedenheit analysieren. Auf der Grundlage der Daten des sozio-oekonomischen Panels werden wir für die Wohnbevölkerung die Entwicklung der Lebenszufriedenheit aufzeigen und den Einfluss der Betroffenheit von Arbeitslosigkeit unter Berücksichtigung weiterer Faktoren quantifizieren. Ebenso werden wir anhand qualitativ biographischer Interviews von Erwerbslosen einen Blick auf deren Autonomiegewinne und -verluste werfen.

Karola Brede (Frankfurt, Germany)

Psychodynamik des selbst-reflexiven Arbeitsethos

Luc Boltanskis und Eve Chiapellos avancierte Position in ihrer Untersuchung „Der neue Geist des Kapitalismus“ (1999) kann dahingehend verstanden werden, daß die von Arbeit ausgehenden vergesellschaftenden Effekte in einer deutlichen Aufwertung des Selbst der Wirtschaftsakteure bestehen. Angestellte begreifen diese Aufwertung ihres Selbst als Freiheit, die in Gestalt von Autonomie und Authentizität eingelöst wird. Vor dem Hintergrund dieses – nur skizzenhaft vorliegenden – normativ-kulturellen Scenarios möchte ich die These vertreten, daß der normative Zwang, Erfolg und Effizienz durch die Verinnerlichung von Selbst-Disziplinierung und -Kontrolle zu rechtfertigen, die Arbeitsethik des Protestantismus ablöst. Bezüglich des Subjekts der Arbeit kommt gesellschaftlicher Entfremdung größere Bedeutung zu, als die Betonung von Freiheitsversprechen bei Boltanski und Chiapello zu erkennen gibt. Bezogen auf das Selbst, verschafft das Entfremdungskonzept Zugang zu Reaktionsmustern, in denen dieses Freiheitsversprechen zusammen mit psychodynamisch fundierten Motiven der Selbstbehauptung unter Bedingungen delegierter Macht, chronischer Unsicherheit sowie der Vergeltungsangst auftritt. Der spezifische Charakter gesellschaftlicher Selbstentfremdung, der die Lage Angestellter kennzeichnet, geht in mehr oder weniger großem Umfang aus der Nutzung von Fähigkeiten hervor, die dem jeweiligen Beschäftigten als Subjekt seiner Arbeitstätigkeit eigen und an seine Individualität gebunden sind. Diese individuellen Gegebenheiten gehen als psychodynamisch fundierte Motivlage in die Verwertung immateriellen Arbeitsvermögens durch das Unternehmen ein. Aber nur die Beschäftigten selbst können diese Gegebenheiten beeinflussen, indem sie sie auf Handlungserwartungen des Unternehmens internalisierend abzustimmen suchen. Die reflexive Zuwendung zum Selbst in Gestalt libidinös besetzter Selbstbilder führt einerseits zu dem von Boltanski und Chiapello registrierten Überschuß an Einsatzbereitschaft Angestellter. Andererseits dient sie der Errichtung von Motiven der beruflichen Behauptung, der Sicherung des Beschäftigungsverhältnisses und der Wettbewerbsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt. Über Effizienz, Erfolg und Arbeitsplatzsicherheit entscheidet eine Selbstbeeinflussung, die ihre Grenze an der Psychodynamik der Abwehr und der motivationalen Verwendung bedeutsamer Triebqualitäten, inbesondere von Vergeltungsangst hat. Diese und andere Gesichtspunkte möchte ich anhand einer soziologisch-psychoanalytisch integrierten Fallstudie diskutieren. Sie gehört zu den Ergebnissen einer empirisch-interpretativen, DFG-geförderten Untersuchung Angestellter im mittleren Management und in Führungspositionen großer Unternehmen. Ich beziehe mich mit dieser Fallstudie auf einen Angestellten in einem IT-Unternehmen und will mich auf die motivationale Flexibilisierung kulturell geltender, moralischer Orientierungen konzentrieren, die an diesem wie weiteren Angestellten in der Untersuchung zu beobachten ist. Es wird die Frage aufzuwerfen sein, in welchem Verhältnis die regulative Kraft des Überichs zur subjektiven Verarbeitung von Differenzen im Verhältnis des Selbst zu Selbstbildern steht. Über diese Frage wird der Anschluß an Boltanski und Chiapello wieder hergestellt.

Gabriele Fischer (Munich, Germany)

Anerkannte Unterschiede? Die Bedeutung der Suche nach Anerkennung für berufliche Entscheidungen

Die Strukturen auf dem Arbeitsmarkt und ihre Veränderungen sind Ergebnis einer Vielzahl von Entscheidungen, die von den Akteur_innen hinsichtlich ihres Berufsverlaufs (also Berufswahl, Berufswechsel, Stellenwechsel, Arbeitsunterbrechungen etc.) getroffen werden. Diese Entscheidungen fallen nicht in einem machtfreien Raum, sondern mit dem mehr oder weniger expliziten Wissen darüber, was gesellschaftlich und innerhalb des jeweiligen Berufsfelds als anerkannt gilt.1 Sie werden zudem mit anderen Lebensbereichen abgestimmt, in denen auch sich widersprechende Anforderungen vorherrschen können. Die Akteur_innen sind also gefordert, ihre beruflichen Entscheidungen so zu treffen, dass sie Anerkennung in den für sie wichtigen Lebensbereichen finden, denn Anerkennung ist eine wichtige Voraussetzung für einen positiven Selbstbezug und für gesellschaftliche Teilhabe. Meine Forschungsfrage lautet: Auf welche Weise fließt die Suche nach Anerkennung in berufliche Entscheidungen ein? Das heißt konkreter: Welche Lebensbereiche werden von den Akteur_innen als relevant für berufliche Entscheidungen genannt? Was wird dabei als wertschätzenswert wahrgenommen? Wie gehen die Akteur_innen damit um, wenn Anforderungen aus verschiedenen Lebensbereichen miteinander in Konflikt geraten? Welche Strategien wählen sie, wenn ihnen Anerkennung verwehrt wird? Lassen sich dabei Geschlechterdifferenzen feststellen? Die Analyse erfolgt auf der Basis von biografisch-narrativen Interviews mit Männern und Frauen in zwei sehr kontrastierenden und stark vergeschlechtlichten Berufsfeldern (Chirurgie und Frisörhandwerk). Es wird analysiert, welche Begründungsmuster für berufliche Entscheidungen angeführt werden, welche Anerkennungsfelder dabei thematisiert werden und wie darauf Bezug genommen wird.

Camelia Errouane (Groningen, Netherlands)

Family and Work: Dreams of the Good Life

The question about the representation of working life is at the heart of my PhD thesis which is entitled „Advertising the Republic: Public Mural Decorations and the Invention of a New Republican Tradition in late 19th-Century Paris“. For the graduate conference on „(Re-)Presentations of Working Life“ I propose to present a historical case-study on the political motivations of idealized propaganda images representing work and family life. At the beginning of the Third French Republic, the city of Paris initiated a program to decorate the the public rooms of its various town halls with large-scale „educational“ paintings. These decorations were explicitly meant to inspire the visitors to become morally upright and loyal citizens. The ideals of the Republic, such as Family and Work, were translated into „modern allegorie“ with figures in realistic and contemporary settings. The images depicted an idealized representation of work and family life. Besides, the gender roles were clearly distinguished: women were taking care of the family while men were working outside the house, conducting either physical or intellectual labor. However, at that time Parisian society was confronted with an economic crisis that resulted in unemployment, the exploitation of female workers and prostitution. The municipal councilors that commissioned the decoration program were very well aware of these facts and the program was part of their response to counter the crisis. By presenting this very specific and well-documented case-study, I hope to add a historical reference point to the discussions on representations of working life.

Juraj Potancok (Brno, Czech Republic)

Representation of the “Intimate” within the Blue-Collar Fatherhood

The concept of “new” or “intimate” fatherhood has been presented in the sociological literature mainly as a white-collar, middle-class phenomenon. Blue-collar fatherhood is often portrayed as problematic (high divorce-rates, out of wedlock child-births, fathers avoiding child-support pay, absent fathers, etc.). Main objective of the presented qualitative research is to apply concept of intimate fatherhood (Dermott) within the group of blue-collar, working class fathers in order to analyze the extent of intimacy as a representation of “new” fatherhood and its occurrence within the conducts of blue-collar, working-class fathers. I will examine whether or not blue-collar fathers are influenced by the popular discourse of participating, carrying and engaged fatherhood. The presentation will focus on aspect of time as a determinant of fathers’ ability to embrace the concept of intimacy within fatherhood. Time will be discussed in three perspectives: a) parenthood as a planning project; b) time as moments spent together; and finally c) time as a generational shift. The aspect of time in the study of blue-collar, working-class fathers plays a significant role in terms of engagement in the fatherhood role and the family. This significance can be seen on the personal level (being prepared for the role), family level (managing the conflict between “cash” and “care”), and intergenerational level (old versus new fatherhood). In a broader context regarding stability of the family and reproduction of family roles, aspect of time resembles impact on fathers’ engagement in everyday life of the family and children.

Oleksandr Svyetlov (Düsseldorf, Germany)

Labour Migration from Ukraine: Theory meets Practice

I would like to explore the phenomena of gendered migration from Ukraine by finding out social and structural factors affecting it and determining socio-economic and demographic consequences. Besides, I will try to ascertain whether migration and low fertility rate are interdependent and to what extent migration distorts birth rate in Ukraine. The evidence will be screened against, among other, following theories: Disruption hypothesis suggests that migration lowers fertility of migrants because of family separation, making migrants postpone having children until they adapt. Network theory suggests that migrants are related through a set of interpersonal ties that facilitate migration by declining the costs of moving and risks. As a result, once a migration process began, the migration stream increases. Institutional theory predicts that once a migration process began, various provisions encourage further migration by provision of services for migrants. These can be clandestine transportation, false documents and visas, lodging, etc. Cumulative causation theory argues that each act of migration changes social context, making further movements more likely to occur. The migration affects resource distribution, income, human capital, organization, culture and social meaning of work. Segmented labour market theory of migration suggests that the pull factors of western economies encourage and maintain labour migration from less developed regions. Due to the structural factors of the labour market, which is defined not only by demand and supply but also more diverse structural features, western countries labour market is in need of migrant workers. This is due to the fact that the demand/supply for labour is measured not only by wage, but also social status and prestige. Secondary sector requires low skilled or un-skilled positions. This type of immigration is often illegal and/or temporary.

Ruth Steinhof (Berlin, Germany)

Religious Networks of Occupational Mobility

My proposed presentation mirrors my dissertation project and deals with the special characteristics of religious networks: how the general concept of networks is affected by a religious context and how religion can be understood when considered within a network perspective. Furthermore, it deals with the position and integration of individuals within religious networks (which is assumed to be different to non-religious networks). The relations individuals engage in within networks make social capital available. Social capital facilitates certain actions. Depending on the nature of the relations (strong or weak ties) and individuals' position within the networks different goals can be achieved through actions. In a general context, Mark Granovetter and Ronald S. Burt assume that weak ties and locations facilitate actions for getting a job. Focussing on this facet, the refined concept of religious networks will be considered limited to the aspect of occupational mobility. Thus, a closer look will be taken at the position of individuals within such networks, the resulting acquirement of social capital and how this capital is or can be used in the context of occupational mobility, e.g. getting a job. In doing so, specific religious meanings of occupation will be considered. Religious networks of occupational mobility is a highly multidimensional topic covering the dimensions of social networks and social capital as well as the job market interwoven with the religious sphere. The topic is based on a number of analyses and theories which in this study will be applied to a religious context.

Irina Vana (Wien, Austria)

Beschäftigte und Arbeitslose - Die Hierarchisierung von Lebensunterhalten in und durch öffentliche Arbeitsvermittlung (Österreich 1918-1938)

Markvermittelte, berufliche Erwerbsarbeit gilt in Österreich als die legitimste Art, den Lebensunterhalt zu bestreiten. An deren Durchsetzung gegenüber anderen Unterhaltsmöglichkeiten hatten unterschiedliche Institutionen Anteil. Wie trug die Etablierung öffentlicher Arbeitsvermittlungsstellen zur Durchsetzung neuer Hierarchien und Unterschiede zwischen verschiedenen Möglichkeiten, Lebensunterhalte zu bestreiten, bei? Die Arbeitsvermittlung gilt in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung als ein Zentralbereich zur Analyse von Arbeitsmarktbeziehungen. Bei der Arbeitsvermittlung wird über Umfang, Form und Inhalt von Erwerbsarbeiten und Erwerbslosigkeit (mit)verhandelt. Die öffentlichen Arbeitsvermittlungsstellen, die gegen Ende des 19. Und Anfang des 20. Jahrhunderts etabliert wurde, werden dabei als Ausgangspunkt zur Durchsetzung einer aktiven Beschäftigungspolitik und von erwerbsbezogener Sozialstaatlichkeit diskutiert. Diese wirkten auf die „Erfindung von Arbeitslosigkeit“ und von neuen politischen und wirtschaftlichen Konzepten (nationaler) Arbeitsmärkte. Trotz der sozial- und arbeitsmarktpolitischen Bedeutung, die Arbeitsämter für die Durchsetzung wichtiger Normen der Arbeitsgesellschaft hatten, wissen wir vergleichsweise wenig über die Nutzung von öffentlichen Arbeitsämtern. Wie und durch wen wurden öffentliche Arbeitsämter genutzt? Wie veränderten die Möglichkeiten zur Nutzung öffentlicher Arbeitsvermittlungsstellen die Bewertung von unterschiedlichen Lebensunterhalten Erwerbsloser, Arbeitssuchender und Erwerbstätiger? Diesen Fragen will ich durch die Analyse der Praktiken der Arbeitssuche von Personen, die auf möglichst unterschiedliche Weise ihren Lebensunterhalt bestritten, nachgehen. Der Fokus liegt dabei auf der Zwischenkriegszeit. Durch einen systematischen Vergleich von 67 (auto-)biographischen Texten will ich zeigen, welche Lebensunterhalte im Kontext der öffentlichen Arbeitsmarktverwaltung für wen als legitim gelten konnten, wie diese gesucht oder gefunden werden konnten, wie sie erlebt und bewertet wurden.

Gottfried Schweiger (Salzburg, Austria)

Kritik der Arbeitslosigkeit und soziale Wertschätzung

Arbeitslosigkeit ist das notwendige Gegenteil der Arbeit. Betroffene leiden unter einer Vielfalt an psychischen, physischen und sozialen Problemen und führen uns vehement vor Augen, dass etwas im System, der Politik, der Gesellschaft und der Wirtschaft nicht so funktioniert hat, wie es sollte. Arbeitslose, so die gängige Erzählung, sind einerseits Opfer von Wirtschaftskrisen und Standortwettkämpfen, andererseits doch selbst an ihrer Lage schuld, die sie mit mehr Initiative und Flexibilität überwinden könnten. Nicht dass den Arbeitslosen tiefes Mitgefühl entgegengebracht werden würde - höchstens kommt die Angst auf selbst einmal die Arbeit zu verlieren -, sondern die Gesellschaft leidet - oder besser: ächzt - weil Arbeitslose Geld kosten und zwar doppelt. Sie zahlen nichts und kassieren dafür auch noch - so die zynische Rechnung. Der institutionalisierte Umgang mit Arbeitslosen spitzt dabei Paradoxien und Widersprüche zu, die auch die Erwerbsarbeitswelt zunehmend prägen. Arbeitslose werden wie Kinder behandelt, die einer vorgegeben Tagesstruktur und der "strengen Hand" bedürfen, sollen aber doch eigenständig und aktiv sein - warum nicht zumindest ehrenamtlich? Sie sind gleichzeitig frei und „unter Kontrolle“, zumindest so lange sie „versorgt“ werden wollen. Dieser Beitrag wendet das Konzept der sozialen Wertschätzung von Axel Honneth auf den Komplex Arbeitslosigkeit an und kritisiert es damit: Die marktvermittelte Wertschätzung, welche an „wertvolle“ Eigenschaften oder Leistungen innerhalb der Arbeitswelt gebunden ist, wendet sich gegen die, die nicht arbeiten. Aus einer Kategorie des guten Lebens wird ein Stigma des Versagens und die Frage muss erneut gestellt werden: Wie ist eine Kritik der Arbeitslosigkeit möglich?

Frank Sowa/Ronald Staples (Nürnberg/Erlangen)

Re-Präsentation eines idealen Arbeitsmarktes in Beratungsgesprächen der Bundesagentur für Arbeit

Der Wandel von Arbeits(-verhältnissen) ist in der gegenwärtigen öffentlichen Diskussion schon fast zum feststehenden Begriff geworden, jedoch scheint diese Dauerpräsenz nicht zu einer Veränderung der Re-Präsentation von Arbeitsmärkten zu führen. So findet sich nach wie vor die wirkmächtige Vorstellung, dass es für jeden Arbeit gibt und jeder in der Arbeitsgesellschaft benötigt wird. Strukturelle Arbeitslosigkeit wird negiert und als persönliches Versagen oder Defizienz den Individuen angelastet. Die Analyse von Beratungsgesprächen zeigt, dass in diesen ein idealer Arbeitsmarkt re-präsentiert wird, vermittels der Interaktion zwischen Vermittlungsfachkraft und Arbeitsuchenden und ihrer dramaturgischen Rahmung. Empirisch stützen wir uns auf die teilnehmende Beobachtung von 94 Beratungsgesprächen in Agenturen für Arbeit, flankiert von leitfadengestützten Interviews mit Arbeitsuchenden und deren jeweiligen Vermittlungsfachkräften. Diese Daten wurden im Zuge eines umfangreichen qualitativen evaluativen Forschungsprojekts am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) erhoben. Unsere Analyse von Beratungsgesprächen mit Arbeitslosengeld-I-Empfängern zeigt, dass die formale Strenge dieses Settings, der geordnete Ablauf und kalkulierte Anfang und Ende mit seinem vertragstheoretischen Höhepunkt Arbeitslosigkeit inszeniert: Einerseits als gesellschaftlichen Ausstieg und somit als Ausnahmezustand mit dem Verlust an Normalität, andererseits als eine gesellschaftliche Realität, denn arbeitslos sein ist normativ institutionalisiert. Aus der Analyse des empirischen Materials ergibt sich eine erste These: In den Beratungsgesprächen werden die Einstellungen und das Verhalten der Individuen in Bezug auf Konformität mit der diskursdominanten Vorstellung von Arbeitssubjekten überprüft und auf die sichtbare Akzeptanz durch die Individuen hingearbeitet. Die spezifische Rollenübernahme als Arbeitslose(r) und Arbeitsvermittler(in) erweist sich als notwendig, um in einer gelingenden Aufführung die typische Re-präsentation des Arbeitsmarktes und seiner Sachzwänge zu perpetuieren.

Ariadne Sondermann (Siegen, Germany)

Erwerbslose im Spannungsfeld: Zwischen subjektiven Bezügen zu Erwerbsarbeit und den Normen der Arbeitsmarktpolitik

Wenn die Situation von Erwerbslosen unter den Bedingungen der sog. „Hartz-Reformen“ diskutiert wird, geht es meist um Armut oder um die Frage, ob die Arbeitsmarktreformen Exklusion bzw. Prekarisierung verschärfen. Ich möchte in meinem Vortrag jedoch eine andere Problematik fokussieren: Die Entwertung bzw. Gefährdung der subjektiven Bedeutung von Erwerbsarbeit, die mit dem „Fördern und Fordern“ vorangetrieben wird und für Erwerbslose den eigentlichen Kern ihrer Krise bedeuten kann. Ich werde gerade nicht von den Sichtweisen der vielfach thematischen „Chancenlosen“ (Stichwort: „neue Unterschicht“) ausgehen. Im Mittelpunkt werden vielmehr die Deutungen von Erwerbslosen stehen, die qua Ausbildung und Berufspraxis eine „innere“ Bindung an eine konkrete Tätigkeit entwickelt haben und nun als Klient/innen der Arbeitsverwaltung mit den disziplinierenden Normen der Arbeitsmarktpolitik konfrontiert sind. Grundlage wird empirisches Datenmaterial aus meinem laufenden Dissertationsprojekt sein. Es wird in meinem Vortrag primär um folgende Punkte gehen: 1) Die Diskrepanz zwischen dem reduktionistischen Verständnis von Erwerbsarbeit im arbeitsmarktpolitischen Diskurs (Erwerbsteilhabe, Disziplinierung bei der Lebensführung) und den vielschichtigen Bedeutungsdimensionen, die in der Auseinandersetzung von Erwerbslosen mit Arbeit eine Rolle spielen (Sinnstiftung, Bewährung, Leistungsethik, Werkgerechtig-keit, „Malocherehre“). 2) Die Integration einer positiven Begriffsbestimmung von Arbeit in die Diskussion über Erwerbslose, die stark von den Krisenbegriffen Exklusion und Prekarisierung geprägt ist. Damit soll weder die Erwerbsarbeitsnorm als unhinterfragbar reproduziert noch die Kritik an den gegenwärtigen Arbeitsbedingungen zurückgewiesen werden. Ziel ist vielmehr, die differenzierten Sichtweisen von Erwerbslosen auf Arbeit einzubeziehen und zu zeigen, dass nicht nur die höher Qualifizierten unter ihnen durch das „Fördern und Fordern“ der Arbeitsverwaltung etwas zu verlieren haben.

Sasa Bosancic (Augsburg, Germany)

Die Subjektivierungsweisen angelernter Arbeiter in der „Wissensgesellschaft“

Das Deutungsmuster ‘Wissensgesellschaft’ hat sowohl in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften wie auch in den politisch-medialen Debatten Hochkonjunktur. Deutschland, das rohstoffarme Land, sei im globalen Wettbewerb darauf angewiesen, zur einer ‘Bildungsrepublik’ zu werden und die Arbeitsplätze der Zukunft werden vor allem an ‘Wissensarbeiter’ vergeben. Wenn man nur genügend Leistungsbereitschaft an den Tag legt – so die institutionell und medial vermittelte Botschaft – und Qualifikationszertifikate erwirbt, kann man das eigene Humankapital verbessern und erfolgreich auf dem Arbeitsmarkt bestehen. Bei dieser meritokratischen Narration wird sowohl der Bildungserfolg als auch der Misserfolg nicht mehr als gesellschaftlich-strukturelles Problem verhandelt, vielmehr wird insbesondere das Scheitern im Bildungssystem als individuelles Versagen gedeutet. Generell sei die Gruppe der gering Qualifizierten zudem Weiterbildungsresistent, was häufig auf deren Erfahrungen von Inferiorität im Bildungssystem zurückgeführt wird. Unabhängig von den strukturellen Merkmalen der gegenwärtigen Ökonomie werden ausbildungslose Menschen und angelernte Arbeiter somit im Diskurs zu individuellen ‘Verlierern’ der Wissensgesellschaft – und die Perspektiven der ‘Bildungsverweigerer’ scheinen auf Arbeitsplatzunsicherheit und niedrigen Lohn festgelegt zu sein. Vor diesem Hintergrund untersuche ich in meiner Dissertation die Frage nach der gesellschaftlichen Selbstverortung von angelernten Arbeitern in der Wissensgesellschaft. In einer wissenssoziologisch-diskursanalytischen Theorietradition werden dazu Arbeits- und Bildungsdiskurse in den Blick genommen, um deren Einfluss auf die Identitätsbildungsprozesse von angelernten Arbeitern zu analysieren. In den qualitativen Interviews der empirischen Arbeit stehen die subjektiven Handlungsstrategien von angelernten Arbeitern aus verschiedenen Industrie- und Dienstleistungsbetrieben im Zentrum: welche Selbst- und Weltdeutungsstrategien entwickeln Menschen, die den normativen Vorgaben einer ‘Wissensgesellschaft‘ nicht genügen und denen entsprechend wenige positive kollektive Identitätsangebote zur Verfügung stehen?

Branko Woischwill (Berlin, Germany)

Die Problematik der Vertrauenskommunikation im Arbeitsalltag von Taxifahrern

Vertrauen als grundlegender Faktor zur erfolgreichen Gestaltung sozialer Kontakte besitzt nicht nur hohe Relevanz im Lebens- und Arbeitsalltag, sondern auch in der Sozialtheorie. Innerhalb von kommunikationssoziologischen Analysen erhalten Kommunikations- bzw. Interaktionsprozesse besondere Aufmerksamkeit. Im für die Untersuchung verwendeten Theorierahmen können Dichte und Häufigkeit von Kommunikations- und Interaktionsprozessen positiv auf das Entstehen von Vertrauen einwirken. Konkret stellt sich die Forschungsfrage, wie der interaktive, sequentielle Prozess der Vertrauensbildung zwischen Vertrauensgeber (Taxifahrer) und Vertrauensnehmer (Fahrgäste) beschrieben werden kann. Die qualitativ, explorative Untersuchung will hierbei durch Triangulation die Vertrauenskommunikation aus der Perspektive von Berliner Taxifahrern analysieren. Nach der Durchführung und Auswertung von Experteninterviews sowie erster Befragungen von Taxifahrern soll hierzu der aktuelle Stand des Forschungsprojekts vorstellt werden.

Melanie Trommer (Bochum, Germany)

„Geh ich halt ins Ausland...“ - Auslandsaufenthalte von (Post-)DoktorandInnen als rites de passage

Der wissenschaftliche Mittelbau ist gekennzeichnet durch prekäre Arbeitsbedingungen: befristete Verträge und Teilzeitarbeit sind oft die Regel. Dem gegenüber steht das interessante Arbeitsumfeld an einer Universität und das hohe Ansehen dieser Tätigkeit, begleitet von einer Promotion. Doch auch hier zeigt sich in Deutschland eine relative Heterogenität von Promotionsformen. Statt strukturierter Arbeit an Lehrstuhl und Dissertation zeigt die Realität meist den Promovenden als Einzelkämpfer oder gar Sklaven des Lehrstuhlinhabers/ der Lehrstuhlinhaberin. Einige (Post)Doktoranden nutzen die brüchige Berufsbiographie für einen Forschungsaufenthalt im Ausland, bei anderen gleicht der Auslandsaufenthalt einer Flucht. Und dies schlägt sich in entsprechenden Selbstbeschreibungen nieder: Von Kosmopoliten über Nomaden hin zu Flüchtlingen reichen die verwendeten Begriffe und Selbstzuschreibungen (vgl. Bauschke-Urban 2010). In der Forschung ist von internationaler Mobilität als „rite de passage“ die Rede, insbesondere in dieser Qualifikationsphase. Anhand von Studien über und Selbstbeschreibungen der untersuchten Gruppe (Sekundäranalyse von Studien zum Thema) gehe ich der Frage nach, welche Motive und Hindernisse für oder gegen einen Forschungsaufenthalt im Ausland sprechen und wie diese von den (Post)DoktorandInnen wahr genommen werden. Zahlreiche Studien befassen sich mit dieser Thematik und auch in den Print- und Onlinemedien (Die Zeit, ZeitCampus, academics.de, etc.) wird die Situation des wissenschaftlichen Mittelbaus thematisiert. Dabei ist oft von einem Brain Drain und der Abwanderung der besten Köpfe die Rede. Ich werde mich in meinem Beitrag anhand der erwähnten Quellen der Frage nähern, wie die Situation mobilitäts(un)williger WissenschaftlerInnen in dieser Qualifikationsphase aussieht und wie sie in den genannten Medien dargestellt wird.

Carina Großer (Leipzig, Germany)

Maschinenführer, Ehemann, Vater – Konstruktionen von Normalität im Alltag der Arbeitsgesellschaft

Die subjektive Bedeutung von Erwerbsarbeit angesichts erheblicher sozioökonomischer Transformationen steht im Zentrum meiner Dissertation „Biographien der Arbeit - Migrantinnen und Migranten aus der Türkei zwischen sozialem Aufstieg und Prekarisierung“ In meinem Vortrag stelle ich dar, in welcher Weise subjektive Vorstellungen von männlichen Rollenbildern im beruflichen und sozialen Alltag entwickelt und diskursiv verhandelt werden. Im Zentrum der Analyse stehen biographisch-narrative Interviews mit Männern, die als Kinder von MigrantInnen aus der Türkei in Deutschland geboren sind und über keine individuelle Migrationserfahrung verfügen. Sie haben Schullaufbahn und Sozialisation vollständig in Deutschland durchlaufen. Die relativ neue Bezeichnung Postmigrant (Foroutan 2011) versucht die gemeinsamen Merkmale auf den Punkt zu bringen. Eine kontinuierliche Erwerbstätigkeit in Vollzeit stellt aus der Perspektive der interviewten Postmigranten die zentrale und nicht in Frage gestellte Selbstverständlichkeit der Alltagswelt dar. Damit einhergehend bilden Eheschließung und Vaterschaft die in ihrer Bedeutung der Erwerbstätigkeit leichrangigen Bausteine, durch die das Rollenbild als erwachsener Mann konstituiert wird. In der Praxis sind umfangreiche Anstrengungen erforderlich, um die finanziellen Bedürfnisse der Familie möglichst ohne Erwerbsbeteiligung der Ehefrau zu erfüllen. Während die Arbeitsinhalte aus pragmatischen Gründen den ökonomischen Interessen untergeordnet werden können, ergeben sich im Bereich der Familie umfassende und zeitintensive soziale Verpflichtungen als Ehemann und Vater. Vor allem die Vorbildfunktion gewinnt im Bezug auf die Söhne und in Abgrenzung zu den eigenen Vätern an Bedeutung für das Selbstbild als engagierter Vater. Aufgrund der Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse und damit einher gehender sozialer Ungleichheit zeichnen sich hier gesellschaftliche Spannungsfelder ab, die durch kontroverse Diskurse um Partizipation und Zugehörigkeit noch verstärkt werden.

Radika Natarajan (Hanover, Germany)

Das biographische Gepäck: Arbeit ist halt mehr als das halbe Leben. Reflexionen tamilischer Migrantinnen

"Dass die Abwertung der heimischen Qualifikationen und fehlende Deutschkenntnisse ein Gutteil der Migrantinnen nur schlecht einen unmittelbaren Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt verschafft, ist allgemein bekannt. Festzustellen ist weiterhin, dass die schulische Bildung, Ausbildung, die bisherige Berufserfahrung sowie das Gesamtmilieu, aus dem sie kommen, die Erwartungen an sich selbst und an das Migrationsland Deutschland bestimmen. Wie aber sieht es konkret in dem Leben einer Migrantin aus, die aus der vom Bürgerkrieg verwüsteten Insel Sri Lanka fliehen musste und die trotz zehnjähriger Arbeitserfahrung in der Buchhaltung bzw. als Moderatorin für Radiosendungen den Beruf als Reinigungskraft in Deutschland ausübt?
Wenn eine ganze Community die Flucht ergreifen und sich mit einem Leben im Ausland arrangieren muss, dann redet man nicht mehr vom Glück oder Unglück im Alltagssinne. Es haftet nicht mehr an den Einzelnen, sondern die Verantwortung lässt sich auf die Community verteilen, sogar abwälzen. Der abzuzeichnende soziale Abstieg im Einzelleben kann wiederum in den eigenen Augen und denen der Community ausgeglichen werden, indem frau u.a. ehrenamtliches Engagement als Lehrerin in der tamilischen Samstagsschule oder Koordinatorin im hinduistischen Tempel aufbringt. Zu erkennen ist, dass frau sich erstens nicht als Opfer und ihre Arbeitswelten zweitens mit größter Würde darstellt. Mich interessiert daher die Rolle des biographischen Gepäcks bei der Einstellung zur Arbeit. Dieses Wechselspiel zwischen eigenen Ansprüchen und den scheinbaren Widersprüchen bei ihrer Auseinandersetzung mit der sozialen Situation gilt es in meinem Beitrag anhand der in biographisch-narrativen Interviews erhobenen Reflexionen tamilischer Migrantinnen auszuloten."

Victor Pit (Tyumen, Russia)

Globalization and Labor Migration

At present the economic development of many countries becomes more and more dependent on social attitude, on the world general tendencies of social development and interaction, in numerous spheres, of the countries between each other. For the last decade the scale and direction of migration processes grow greatly in Russia now. The population becomes more mobile, in other words «light on its feet». This could not but lead to some problems – adaptation of migrants; alert attitude of the native population towards the migrants; growth of xenophobic attitudes within the society, and so on. It is, therefore, necessary to look for practical and efficient methods of solving the problems of the migrants integration to the native society. Thus, the problem of employment in public opinion, according to the research, carried out by the Scientific-technical center «Perspective» in 2009-2010 , is one of the central and remains as it was, as long as the questions of employment and labor remuneration for the most economically active population remain unsettled. According to the estimations of Yugra inhabitants, for the last 5-7 years the opportunities to find a suitable job and stable salary did not improve. The public opinion ascribes the positive traits to the native population, while all the negative ones are «given» to the foreigners, for example, striving to work one’s best and for the best quality, pride for one’s labor results, according to the Yugra population’s viewpoint, are proved to be possessed by the local employees.

Hülya Çağlayan (Istanbul, Turkey)

Exploring the Intersections: Subordination and Resistance among Working Class Kurdish Women in Aydınlı, Istanbul

This paper aims to explore the dynamics of low-class Kurdish women’s social exclusion in Istanbul’s one of the most populated working class neighborhoods, Aydınlı. The purpose of this study is to examine the effects of intersecting dynamics of class, gender and ethnicity for Kurdish women workers. For this aim, based on in-depth interviews and participant observation, this study investigates urban poor Kurdish women’s narratives in terms of their social and economic relations, as well as the intersection of women’s gender and ethnic identities with poverty-based domains. This paper shows the interrelations of ethnicity and gender and their effects upon the position of Kurdish women in the labor market. Due to their exclusion from social hierarchy under neoliberalism, Kurdish women are “urban outcasts” following Wacquant. Kurdish women’s experiences of labor focus on two settings: household and factory. They face subordination at the household due to patriarchal oppression since they are naturally perceived as houseworkers. Kurdish women also face oppressions at the factories due to their gender and ethnic identities. Women’s narratives show that they are experiencing “relative poverty”. They at the same time point out that women encounter constant threats which may approximate their living conditions to “absolute poverty”. Within the multiple and intersecting factors leading to subordination, Kurdish women’s poverty is reproduced. Therefore, an intersectional approach on labor is another focal point of this paper, as there are multiple agents of ethnicity and gender, which directly effect women’s subordination on the basis of labor. This study also argues that women perform resistances against the dynamics of marginalization, which are reproduced at the neighborhood, as well as in households and workplaces

Alparslan Nas (Istanbul, Turkey)

Mehmet Aurelio and Festus Okey Controversies: Subjectification and Performativity of Citizenship in Turkey

This paper analyzes two controversies surrounding football player Marco Aurelio’s admission to Turkish citizenship in 2006 and Nigerian refugee and footballer Festus Okey’s murder committed by the police in Istanbul in 2007. The controversies show that the “desirability” of the migrant is constituted due to distinct types of subjectification. This paper discusses the ways in which subjectification necessitates various kinds of performances of citizenship. It explores the two-way relation between “subjectification” and “performativity” of citizenship, contributing to the theoretical approaches of Aihwa Ong and Paul Silverstein. This paper aims to show that the outsiders’ expected performances of citizenship are closely connected to their laboring/consumption potentials in the host society. The outsider’s performance of his/her occupation in the host society with success brings along the award of inclusion with his/her admission to citizenship. Concurrently, in order for the individual to become an essential part of the society, he/she is obliged to perform the acts in accordance with his/her subjection on the basis of “common cultural values”. However, the individual who lacks the credentials to become a prosperous consumer in the society is exposed to exclusionary mechanisms such as “deportability/detainability” following Nicholas de Genova and “institutional violence” following Etienne Balibar. All in all, as a recently admitted upper-class Turkish citizen, Aurelio’s career is progressing, while one cannot mention of a low-class refugee, Festus Okey’s career since he is dead. Within the intersecting dynamics of labor and culture, one is glorified with the inclusion to citizenship, while the latter is totally silenced.

Jonida Balla (Tirana, Albania)

Culture of Resistance to Socialist and Capitalist Developments in Albania - Case study of Metallurgical Workers

The paper sheds light to the complex relations between development projects and culture of resistance in local context of Albania. At the same time it has in its focus the Albanians workers conditions, experiences and feelings during the implementations of socialist and capitalist developments. It gives some insights of Albanian working class construction during socialism and what kind of class identity this has produced. The first argument is that workers are a marginalized group in development projects which are not taken in consideration independently of strategies that are used to inspire them in their daily work. Secondly, the main result from interviews with workers that have experienced both developments is that they tend to maintain an attitude of seeing both developments similar and without many differences in relation to their daily work although they may have different experiences. Another important result of this study is that development projects can create a new kind of culture of resistance and this can be transmitted from one development project to the other and sometimes there are even overlapping between different identities and can be shown in different kinds of acts of resistance. The main result from interviews with workers was that there are continuities and discontinuities in the acts of resistance of workers in Albania. From one hand acts of resistance are expressed differently from socialist to capitalist development but at the same time the source of acts of resistance during capitalist development can be found in the techniques and strategies that were used to diminish resistance during socialist development.

Alexander Preisinger (Wien, Austria)

Anders anders sein? Zur Poetik der Kapitalismuskritik in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

Romane mit wirtschaftlichen Bezügen werden nur allzu oft auf ihre Funktion als Seismograph für das „Reale“ reduziert. Eine Kritik an den bestehenden wirtschaftlichen Verhältnissen findet sich so in der literarischen Abbildung stets bestätigt: Wirtschaft im Geist des Neuen Kapitalismus führe zu Gefühlskälte, zur Ökonomisierung des Selbst, zur Ausbeutung. Aus diskursanalytischer Sicht bietet es sich daher an, Literatur über den gegenwärtigen Kapitalismus als realisierten kapitalismuskritischen Diskurs zu lesen. Genau dies soll anhand von drei Praktikantenromanen der deutschsprachigen Trivialliteratur geschehen (Sebastian Christ: … und wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute!; Carina Klein: Wo geht´s denn hier nach oben?; Judith Liere: Probezeit), deren ähnliche Emplotments gleiche Wertsetzungen und Ideologien die Frage nach der möglichen Poetologie von Kapitalismuskritik exemplarisch beantworten. Zutage tritt in der Literatur jenes Dilemma, das Ulrich Bröckling als „anders anders sein“ der Kapitalismuskritik beschreibt: Wenn sich der Kapitalismus flexibel stets neu erfindet, wie Kritik üben? Die literarische Kritik im Trivialroman entgeht diesem Dilemma gerade nicht: Wird an der textuellen Oberfläche das wirtschaftliche System massiv ob seines neoliberalen Charakters kritisiert, beweisen sie sich die Helden zuletzt dann doch als die besseren, leistungsfähigen und flexibleren Arbeitnehmer. Stellt der Neue Kapitalismus damit die Literatur vor ein dramaturgisches wie ästhetisches Problem?

Annemarie Matthies (Halle, Germany)

Der kritische Blick - Inszenierungen der Arbeitswelt in der Literatur nach der Jahrtausendwende

Ideologische Stilisierungen der schönen neuen Arbeitswelt, wie sie die Trivialliteratur der 90er vorstellte, die abgeklärt-coole Nicht-Betroffenheit, welche die Popliteratur zeitgleich inszenierte - solch affirmative Perspektiven auf die Arbeitswelt finden nicht einmal mehr in diesen Literaturen statt. Stattdessen zeichnet sich die erzählende Gegenwartsliteratur der Arbeitswelt vor allem durch eines aus: durch einen kritischen Blick. Dabei bedient sie sich erstaunlich homogener ästhetischer Verfahrensweisen; ganz ohne Skandalisierungen, partiell an der Grenze zum dokumentarischen, wird in den unterschiedlichsten literarischen Feldern daran gearbeitet, diskursiv erzeugte Versprechungen und Überhöhungen der gegenwärtigen Arbeitswelt literarisch zu dekonstruieren. Darin allerdings scheint sich die Identität der Literaturen zunächst zu erschöpfen - denn sowohl die Gegenstände, als auch die Maßstäbe der Kritik weisen bei genauerer Betrachtung beträchtliche Differenzen auf. Der Vortrag fokussiert diese Differenzen an drei zentralen inhaltlichen Zugängen: erstens, an dem des ad acta gelegten Selbstverwirklichungsgedankens nach dem New Economy-Boom (Röggla, Händler); zweitens, an dem der psychosozialen Härten am Arbeitsplatz sowie in der Arbeitslosigkeit (Pehnt, Dobelli); und drittens, an dem der Kontrastierung des „Rechts auf Arbeit“ in der Ideologie der DDR mit dem gleichfalls ideologischen Leistungsimperativ der kapitalistischen Arbeitswelt (Braun, Schulze). Im Abgleich dieser unterschiedlichen Inszenierungen soll erörtert werden, in welchem Verhältnis die literarischen Zugänge zueinander, in welchem sie zur faktischen Arbeitswelt und in welchem sie zu diskursiven Aussagen über ebendiese stehen. Zur Diskussion steht, welcher dieser Bezugspunkte es ermöglicht, trotz dieser Differenzen von "dem" genuin kritisch-literarischen Blick auf die aktuelle Arbeitswelt auszugehen.

Florian Öchsner (Erlangen, Germany)

Die Kehrseite der Konkurrenz. Subjektivierung von Arbeit und „Freizeit“ in erzählender Gegenwartsliteratur

In dem Vortrag soll es neben der Subjektivierung von Arbeit auch um das Verhältnis zur Subjektivierung von „Freizeit“ gehen. Ausgangspunkt ist zum einen die These, dass die private Sphäre funktional auf die Sphäre der Konkurrenz bezogen ist: Sie dient der Regeneration vom Arbeitsalltag, also der körperlich und geistigen (wie emotionalen) Reproduktion. Hierfür wird der privaten Sphäre - die derjenigen der Konkurrenz nur scheinbar äußerlich ist - zugemutet, was sie nur bedingt zu leisten im Stande ist. Der enttäuschte Wunsch nach Kompensation, Annerkennung und Glück kann so zu einer zusätzlichen (emotionalen) Belastung werden. Damit ist ein zweiter Strang der Kehrseite der Konkurrenz angesprochen: Dort wo sich Arbeitsverhältnisse immer mehr entgrenzen und die zu erbringende Leistung kaum mehr abschätzbar ist, wachsen die Angst vor dem Scheitern sowie Schuld oder Scham wenn die moralische Bürger_In sich dieses falsch oder einseitig erklärt. Die Forderung nach lebenslanger Entwicklung und Selbstoptimierung, macht an den Grenzen der Sphäre Arbeit keinesfalls halt, sondern betrifft - verbunden mit dem (tendenziell unerfüllbaren) Wunsch der „Selbstverwirklichung“ - das gesamte Subjekt. Diesen Zusammenhang von Arbeit und Konkurrenz auf der einen sowie Reproduktion, Kompensation und Enttäuschung auf der anderen Seite, möchte der Vortrag anhand von Beispielen aus deutschsprachiger erzählender Gegenwartsliteratur aufzeigen. Im Zentrum soll hier ein Arbeitsfeld stehen, das sich in besonderem Maße als entgrenzt darstellt: die wissenschaftliche Konkurrenz. Anhand von Enno Stahls Roman „Diese Seelen“ sowie Wilhelm Genazinos „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ sollen unterschiedliche Typen des Umgangs mit dem (notwendigen) Scheitern diskutiert werden.

Christian Däufel (Erlangen, Germany)

„Alles geht endlich arbeiten, schweigend“. Groteske Darstellungsverfahren von Arbeitswelten in Ingeborg Bachmanns Ein Ort für Zufälle

Ingeborg Bachmanns Prosawerk evoziert wiederholt Arbeitswelten als Teil eines alle Lebensbereiche umfassenden gesellschaftlichen Gewaltsystems, das dem Einzelnen keinerlei individuellen Entfaltungsspielraum lässt bzw. dessen Suche nach einem genuinen, nicht durch die Umwelt konfektionierten Leben unterbindet. Sind es im Erzählband Das dreißigste Jahr vor allem die scheiternden Versuche der Protagonisten aus den Zwängen ihres Arbeitsalltags auszubrechen, in denen sich die Kritik der Autorin an einem allumfassenden System der Unterdrückung und Entfremdung des Menschen manifestiert, so rückt das Werk der 1960er und 1970er Jahre in deutlicher Affinität zur Kritik der Frankfurter Schule an der Objektivierung aller gesellschaftlichen Verhältnisse, aber auch im Rekurs auf den historischen Materialismus von Karl Marx bis hin zu Ernst Blochs Materialismuskritik die Mechanismen des kapitalistischen Systems selbst in den Fokus. Vor diesem Hintergrund wählt der vorliegende Vortrag mit Bachmanns wichtigem Prosatext aus dem Jahr 1964, Ein Ort für Zufälle, einen Gegenstand, der an der Schwelle zwischen Früh- und Spätwerk wie kein zweiter Text der Autorin ein ganzes Tableau an Arbeitswelten entwickelt. Die gezeigten Orte der Arbeit, die Arbeitsbedingungen und ihre gesellschaftliche Verwobenheit reflektieren einen aus den Fugen geratenen städtischen Alltag in der geteilten Stadt Berlin als eine Folge von Verdrängung, Erniedrigung und Überforderung angesichts einer unverarbeiteten geschichtlichen Vergangenheit und unkontrollierbaren Gegenwart des Kalten Krieges. Neben der Bedeutung zeitgeschichtlicher Diskurse – etwa vom Ende der Nachkriegszeit, der Konsumgesellschaft und der „Formierten Gesellschaft“ (Ludwig Ehrhard) – soll ein starker Akzent auf der Bildlichkeit des Textes, auf den Verfahren der Groteske und Verfremdung liegen, mit denen Ein Ort für Zufälle die Wahrnehmung alltäglicher Arbeitsverhältnisse konterkariert.

Judith Wimmer (Bamberg, Germany)

Die Manie des letzten Mannes. Zur grotesken Komik in Murnaus Arbeiterfilm

Arbeit gilt, da sie im notwendigen Zusammenhang mit der materiellen Basis, der sozialen Integration und Identifikation oder ganz allgemein: dem „In-der-Welt-Sein“ gesehen wird, als sinnstiftende Kategorie des Lebens. Wird sie jemandem verweigert, drohen gesellschaftlicher Ausschluss und Identitätsverlust. Filmisch repräsentiert wird dieser Sachverhalt in Friedrich Wilhelm Murnaus Tragödie Der letzte Mann (1924), in der ein alter, erschöpfter Portier zum Toilettenwärter degradiert wird. Seine Abwärtsbewegung wird unter Verwendung der „entfesselten Kamera“ abgebildet, die Auslöschung seiner Identität vornehmlich durch Licht und Schatten. Dennoch: So dramatisch der Film auf den ersten Blick wirken mag; er entfaltet eine unerhörte, zuweilen groteske Komik, die speziell am Uniform-Motiv augenscheinlich wird. Denn indem der Namenlose blind vor Selbstüberschätzung und Realitätsverleugnung beharrlich an der Portiers-Kleidung festhält, erfüllt er wesentliche Merkmale einerseits der grotesk zwanghaften Figur nach Wolfgang Kayser, andererseits der komisch starren nach Henri Bergson. In einer neuen und interdisziplinären Herangehensweise legt der Vortrag den Fokus auf die spezifische Art von Komik, die evoziert werden kann, sobald sich jemand im Arbeitsraum als das Gegenteil des von Sennett lancierten „flexiblen Menschen“ outet.

Gerhild Rochus (Augsburg, Germany)

Zwischen sozialer Determination und Utopie: Die narrative Inszenierung ökonomischer Machtdiskurse in Veza Canettis Die gelbe Straße und Geduld bringt Rosen

Veza Canettis Roman Die gelbe Straße und der Erzählband Geduld bringt Rosen thematisieren die destruktiven Auswirkungen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung auf die Gesellschaft des Wiens der Zwischenkriegszeit ebenso eindringlich wie die Konsequenzen des patriarchalen Systems für die gesellschaftliche Situation der Frauen. Durch das Aufzeigen der Interrelation von ökonomischer Macht, sexueller Gewalt und misogyner Sozialstruktur demaskiert Canetti die herrschenden Machtdiskurse und zeigt sich sowohl einer sozialkritischen wie feministischen Perspektive verpflichtet. Canettis Texte erzählen von deklassierten und exkludierten Figuren, denen als Opfer ökonomischer Missstände die Partizipation am sozialen und ökonomischen Kapital verwehrt wird. Mit Blick auf diese „Poetik der Determination“, aber auch auf die Sprache der Figuren, wird der Einfluss der Gesellschafts- und Sprachkritik Georg Büchners auf Canetti lesbar. Die Figuren leiden an der Absenz einer identitätsstiftenden Sprache, die mit der Irreversibilität einer „entleerten Transzendenz“ korrespondiert. Neben der Sprache, die über die gesellschaftliche Intelligibilität entscheidet, fungiert insbesondere der Körper als Zeichenträger, dem symbolische, politische und soziale Machtdiskurse eingeschrieben sind. Evoziert wird ein semiotisches Körperkonzept, das einen reziproken Konnex von Körper und Charakter suggeriert und eine Affinität zur Groteske im Sinne Bachtins generiert. Diese Einschreibungen werden in Anlehnung an Nietzsche auch als „Narbenschrift“ entzifferbar und geben Aufschluss über Prozesse der Disziplinierung des Körpers. Darüber hinaus wird der Körper als Ort der geschlechtlichen Markierung lesbar, der die weiblichen Figuren als Paralysierte der herrschenden Machtdiskurse deutbar macht und die Stagnation in einem paradoxen Zustand „mobiler Immobilität“ repräsentiert. Zugleich werden die gesellschaftlichen Reglementierungen durch ein utopisches Potenzial konterkariert, das sich insbesondere in der Figur der Magd artikuliert.

Nerea Vöing (Paderborn, Germany)

Der ‚Drift‘ in ausgewählten Beispielen der Gegenwartsliteratur

Betrachtet man die Arbeitsdarstellungen in der europäischen Gegenwartsliteratur, so wird man mit einer auffälligen Häufung seltsam passiver Protagonisten konfrontiert, die im Angesicht „eines historisch exorbitanten Niveaus von Potenzialität“ an einer „eigentümliche[n] Ermüdung von Handlungsschwung“ [Hartmut Böhme] zu leiden scheinen. Demnach kommt es durch den Zusammenstoß von scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten auf der einen und individuellen Grenzerfahrungen (im Sinn von Überdruss) auf der anderen Seite zu einer Handlungshemmung ganz im Stile der Melancholie. Durch die gegenwärtigen Wandlungen des Arbeitsbegriffs verstärkt sich dieser Konflikt: Litt der arbeitende Mensch zuvor, dem marxistischen Entfremdungskonzept zufolge, an starren und entmenschlichten Arbeitsumständen, so leidet er nun in Zeiten des sogenannten Postfordismus an dem Gegenteil: Begriffe wie ‚Flexibilität‘, ‚Freiheit‘ und ‚Kreativität‘ bestimmen den Arbeitsbegriff unserer Zeit, doch anstatt zu einem idealen Zustand menschlicher Entfaltung zu führen, erscheint das Subjekt überfordert. In einem Umfeld von kreativer und selbstbestimmter Arbeit darf es keine Entfremdung geben, so möchte es das Modell, doch scheinbar hat die Entfremdung tiefere Schichten durchdrungen. Der von Richard Sennett formulierte Zustand des ‚Drifts‘ in postfordistisch geprägten Arbeits- und Lebenswelten stellt m. E. eine Form dieser ‚neuen‘ Art der Entfremdung dar. In der Literatur taucht er als Spielart der melancholischen Handlungshemmung auf, die die Protagonisten als passive, dahintreibende und orientierungslose Figuren inszeniert. Darstellungen dieser Art möchte ich in meiner komparatistischen Forschung u. a. in Terezia Morás "Der einzige Mann auf dem Kontinent" (2009), Joachim Bessings "Wir Maschine" (2001), Frédéric Beigbeders "99 Francs" (2000) und Bret Easton Ellis’ "American Psycho" (1991) untersuchen.

Julian Reidy (Berne, Switzerland)

„Die klebrige Langeweile der Büros“: Entfremdete Arbeit in Bernward Vespers Die Reise und zeitgenössische Paradigmenwechsel in der linken Ideologie

Bernward Vespers posthum publizierter und fragmentarisch gebliebener „Romanessay“ Die Reise (1977) gilt, in Bernd Neumanns Worten, als „Nachlass einer ganzen Generation“, die um 1968 gegen eine andere, als moralisch bankrott wahrgenommene Generation aufbegehrte. Peter Weiss bezeichnete Vespers Text gar als „intellektuelle[n] Höhepunkt der Bewegung des Jahrs 68“. In Vespers autobiographischen Schilderungen spielt die Erzählung seiner Zeit als Lehrling beim Braunschweiger Westermann-Verlag eine wichtige Rolle. Der Eintritt in die Arbeitswelt wird vom jungen Intellektuellen als Katastrophe empfunden, die zu leistende Täigkeit als „entfremdete Arbeit“ im marxistischen Sinne. Interessanterweise gilt dieser negative Eindruck aber nur für die Arbeit im Büro, wo die white-collar-workers wirken, die „Angestellten in ihren weissen Kitteln“. Im Maschinenraum dagegen, bei den Proletariern, also laut Marx den eigentlichen Opfern entfremdeter Arbeitsverhältnisse, fühlt sich Vesper „zu Hause“, ihre Tätigkeit empfindet er als „sinnvoll[]“. Die Repräsentation der Arbeitswelt in Die Reise zeigt paradigmatisch, welche Verschiebungen „linkes“ Denken in jener Zeit erfuhr: Im Zuge der reformistischen Bemühungen von Vertretern der sogenannten „New Left“ kam es zu einem Bedeutungsverlust des Proletariats, rückten unter dem Schlagwort des „Substitutionalismus“ andere Schichten als potenzielle „Träger der Revolution“ in den Blick. Mein Vortrag soll eine Analyse der einschlägigen Passagen bei Bernward Vesper bieten und diese mit einem Blick auf die relevanten theoretischen Texte verbinden, sodass Die Reise auch als Zeugnis eines gewandelten Blicks auf Arbeitsverhältnisse und linke Ideologie greifbar wird.

Francesca Goll (Nottingham, UK)

Die „Trialektik des Raumes“: Die räumliche Auflösung des Konzeptes „Arbeitswelt“ in Werner Bräunigs Roman Rummelplatz

In Kontrast zu der Annahme, dass Romane, die im Betrieb oder in der Fabrik spielen, die „Arbeitswelt“ darstellen, werde ich argumentieren, dass das Konzept einer separaten, klar definierbaren „Arbeitswelt“ in Rummelplatz nicht anwendbar ist. Im Fall des 2007 erschienenen Romans Rummelplatz, der 1965 nach einem Vorabdruck in der literarischen Zeitschrift Neue Deutsche Literatur (11/65) in der Deutschen Demokratischen Republik nicht erscheinen durfte, stellt der Erzbergbau Wismut nicht die Arbeitswelt dar, sondern das Leben der Menschen, die in der Wismut arbeiten. Die präzise Begrifflichkeit der „Arbeitswelt“ steht in starkem Kontrast zu einem Gesellschaftsmodell, in dem es keine Trennung zwischen Arbeit und Privatleben gibt. In diesem Beitrag werde ich durch die Analyse sowohl konzeptueller als auch geographischer Räume im Roman zeigen, dass der Sojasche Drittraum in literarischen Werken vorzufinden ist. Die Abschwächung und Tilgung sozialer, kultureller und politischer Gegensätze zu Gunsten eines neuen, sich konstant weiterentwickelnden gesellschaftlichen Projekts, ist eines der Merkmale des Sojaschen Drittraums. Die Auflösung spezifischer Dichotomien und einzelner, geschlossener Räume zugunsten eines sich immerzu bewegenden und wandelnden Raumes, stellt in Rummelplatz den Antrieb der Handlung dar. Die Wismut, sowohl Arbeitsplatz als auch Lebenszentrum der Arbeiter, ist Teil eines entworfenen Makroraums im Roman, der über die politischen Grenzen der DDR bis nach Westdeutschland und Russland hinausreicht. Die Stasis einer fixierten und klar definierbaren Arbeitswelt ist, im Falle von Rummelplatz, nicht mit den sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen, die dem Roman zugrunde liegen, vereinbar.

Gottfried Schnödl (Lüneburg, Germany)

Organisation der Kraft: Kunst-Arbeit im Zeitalter der Thermodynamik

Die Entgrenzung des Arbeitsbegriffs beeinflusst vor allem ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neu aufkommenden Konzepte künstlerischer Tätigkeit. Anders als noch um 1800 ist Kunst nicht mehr prinzipiell vom Bereich der Arbeit zu trennen. Vor allem die „Königin der Naturwissenschaften“ (Du Bois-Reymond 1878), die Physiologie, kann die Aktivität des Künstlers nur noch als thermodynamische Kraftumwandlung begreifen. Dennoch scheint selbst in stark von der Thermodynamik inspirierten bzw. informierten Konzepten das utopische Potential der Kunst nicht verloren, sondern vielmehr transformiert. Tradierte Vorstellungen von Kunst verknüpfen sich mit dem neuen Wissen von Physiologie und Psychophysik und ermöglichen so die Etablierung von Konzepten einer Kunst-Arbeit, deren Dignität nicht mehr so sehr in ihren Werken, als in einem besonderen Umgang mit Kraftpotentialen und Zeiteinheiten liegt. Ansätze zu solchen Konzept lassen sich bereits bei Karl Marx ausmachen, konkreter werden sie etwa bei Friedrich Nietzsche oder Hermann Bahr.

Christine Jäger (Mannheim, Germany)

Transformationen der Arbeit

„Der Roman soll das deutsche Volk da suchen, wo es in seiner Tüchtigkeit zu finden ist, nämlich bei der Arbeit.“ Mit diesen Worten spinnt Julian Schmidt die Fäden zwischen Arbeit und Literatur, sucht das Poetische im Alltäglichen. Die Arbeit ist aus vielen Perspektiven beschrieben worden und weckt unterschiedliche Assoziationen: literarische, soziologische, philosophische, historische, ökonomische. Auch hinsichtlich verschiedener Dimensionen, wie der naturalen, personalen oder sozialen, ist Arbeit definierbar. Arbeit ist allgegenwärtig - auch in der Literatur, doch erfährt sie hier eine zuweilen nur stiefmütterliche Aufmerksamkeit. Literatur fungiert wie Arbeit als Spiegel der gesellschaftlichen Transformationen. So ist deren Analyse von der Industriellen Revolution ausgehend: Es wird ein Bild der Transformation der Arbeit im 19. Jahrhundert entworfen, von der Romantik hin zum Realismus. Die Arbeit dient als Medium zwischen Individuum und Gesellschaft, skizziert die Interaktionen von Mensch und Ding - nach Hegel: „Arbeit ist das diesseitige sich zum Ding machen.“ Je technischer und höher entwickelt die Gesellschaft, desto geringer der Zauber der Welt - dieser These Webers kann kaum bedingungslos zugestimmt werden. Nach Marx etwa zeigt sich die Moderne geradezu verzaubert - durch den Fetischcharakter der Ware, den Wert des Arbeitsprodukts, welchem nicht „auf der Stirn geschrieben [steht], was er ist“. Eine Wiederverzauberung der Natur wird also von den Romantikern als Reaktion auf die Konsequenzen der Industriellen Revolution und der Erstarkung des Bürgertums ausgerufen. Wie verzaubert ist die romantische Welt tatsächlich? Sind in der Literatur des Realismus noch Überreste romantischer Beschreibungen zu finden, oder zeigt diese sich näher an der Wirklichkeit des wahren Arbeitsalltags?

Varun F. Ort (Erlangen, Germany)

„Die gegenwärtigen prosaischen Zustände“ - Erwerbswelt in der klassizistischen Ästhetik und Literatur

Die klassizistische Dichtung um 1800 scheint über die Arbeitswelt ein Darstellungsverbot verhängt zu haben, was angesichts dessen, dass der Wandel der Produktionsverhältnisse der vielleicht prägendste Transformationsfaktor der Gesellschaft ist, paradox anmutet. Der Dünkel dem Gemeinen gegenüber, den Goethe und Schiller gelegentlich äußern, verdichtet sich in Hegels »Vorlesungen über die Ästhetik« zur Aussonderung der Prosa von der Poesie, womit insbesondere die literarische Repräsentation der „gegenwärtigen prosaischen Zustände“ gemeint ist, d.h. die durch die Arbeitsteilung hervorgerufene Beschränkung des Subjekts. Gerade diese soziale Fragmentierung besetzt in Schillers Briefen »Über die ästhetische Erziehung des Menschen« eine systematisch privilegierte Stelle: Die „Absonderung der Stände und Geschäfte“ (6. Brief), die die Totalität des Individuums zerschlägt, ist die Voraussetzung für eine Poetologie des ganzen Menschen, dessen Wiederherstellung die Poesie zu leisten berufen ist. Allerdings soll dieses Telos nicht durch die Umkehrung der sozialen Entwicklung geschehen, gerade weil sie gesamtgesellschaftlich positive Effekte zeitigt. In diesem Gedankengang verschränken sich einerseits Affirmation und Kritik der Arbeitswelt ineinander, andererseits die Notwendigkeit ihres Ausschlusses aus der Dichtung sowie ihre Thematisierung.Vor diesem Hintergrund möchte ich die Funktion der Darstellung des Schmiedehandwerks in Schillers »Lied von der Glocke« (1799) und Goethes Festspielfragment »Pandora« (1808) untersuchen. Durch den Zeitabstand der Texte ergeben sich für die Spiegelung der Arbeitswelt signifikante Unterschiede. Z.B. nutzt Schiller das Schmiedehandwerk, um den Kosmos bürgerlicher Gesellschaft zu archaisieren, während Goethe es als modernes Element in den Pandora-Mythos einmontiert und darüber zu einer Auseinandersetzung mit dem Manufakturwesen gelangt. Dieser und weitere Zusammenhänge werden im Vortrag differenzierter erarbeitet.

Julia Zupfer (Leipzig, Germany)

Arbeit in Bewegung - der tanzende Körper als Wissensressource

Der Wandel in den Bedingungen der Arbeit stellt heute ganz neue Herausforderungen an den Mitarbeiter. Flexibilität, Kreativität und Teamfähigkeit sind erwartete Qualifikationen, denen neben fachlichem Können zentrale Bedeutung in Unternehmen zugesprochen wird. Bewusst werden dabei auch auf implizite Formen des Wissens der Mitarbeiter zurückgegriffen und diese für den Optimierungsprozess genutzt. Ein zentrales Thema im Personal- und Wissensmanagement ist demnach der Körper und seine Bewegung. Denn gerade Sinnes- und Körperwissen scheinen Formen eines kollektiven Wissens zu beinhalten, das produktiv in Unternehmen genutzt werden kann. Beispiele dafür finden sich u.a. in Formen des Unternehmenstheater und der Großgruppenveranstaltungen, die dazu dienen, Wissen zu schaffen, zu fassen und weiterzugeben. Diese aktuelle Entwicklung kann parallel zu Strömungen der industriellen Gesellschaft Anfang des 20. Jahrhunderts betrachtet werden. Als Reaktion auf eine als defizitär erachtete Realität befasste sich die künstlerische Avantgarde mit alternativen Lebensformen, die sich im Rhythmus der Bewegung formierten. Der Ausdruckstänzer Rudolf von Laban, der in seinem programmatischen Text „Was ist Arbeit“ diese als den „Nerf [sic] des Lebens“ bezeichnete, erkannte besonders im Tanz Möglichkeiten der ganzheitlichen Bildung des Menschen und darin liegende Potentiale für die Arbeitswelt. Anhand einer Analyse historischen Bildmaterials aus der tänzerischen Kinder- und Jugendbildung in der 1930er Jahre soll aufgezeigt werden, wie der Tanz dieser Zeit von der Diskussion um die Arbeit beeinflusst war und sich so im Spannungsfeld zwischen ganzheitlicher Befreiungsutopie und körperlicher Konditionierung auf Anforderungen in der Arbeitswelt befand. Historisierend sollen abschließend Parallelen zur Rolle des Körpers in der heutigen Arbeitswelt gezogen und im Kontext aktueller Lebensformen betrachtet werden.

Deirdre Flynn (Limerick, Ireland)

Postmodern Literature: When Work doesn't Work

"Dull translation jobs or fraudulent copy, it’s basically the same. Sure we’re tossing out fluff, but tell me, where does anyone deal in words with substance? C’mon now, there’s no honest work anywhere. Just like there’s no honest breathing or honest pissing." (A Wild Sheep Chase, Murakami 2003, p.49) In the postmodern worlds of Haruki Murakami's transnational fiction his detached, unfulfilled protagonists duplicate the concerns this conference raises. They lack an interest in work and have no real connection with their careers. Their postmodern apathy has eliminated the modernist metanarrative of hard work being an integral part of life. Through analysis of two of his novels 'A Wild Sheep Chase' and 'Hard-boiled Wonderland and The End of The World' I will describe the representation of the work in the postmodern world. The “unsettling” result of this separation of the self from work has created a difficulty for the postmodern individual searching for an identity, something Anthony Elliot discusses in his book 'Concepts of the Self'. "When people are inserted into a world of detachment and superficial cooperativeness, of weak ties and interchangeable relationships, and when all this is shaped by the pursuit of risk-taking and self-reinvention, the power of traditional social norms and cultural traditions begins to diminish. This can be potentially liberating: the self finds the potential to define itself anew and create fluid and innovative social relationships. But there is also something deeply unsettling." (Elliott 2007, pp.139-140) The examination of Murakami’s texts offers us a vital insight into the representation of work in our contemporary lives. This paper will provide an insight into work as portrayed in postmodern literature.

Saein Park (Illinois, USA)

The Livelier Squeaking: The Musical Sphere of Worklessness in Kafka's Short Stories

From the early modern German thoughts, the idea of labor (Arbeit) has demarcated the domain of communal life. It has been maintained that human labor on nature constitutes the primary condition to sustain biological life and social labor allows one’s necessary inclusion to the interdependency of communal life, which corresponded to the ethic of the emerging bourgeois society. Yet, modern industrial society brought the opposite experience of labor, as it threatens, damages, and ruins one’s biological and social life. In this paper, I explore the ways in which Kafka’s literary works challenge the inherited association of labor with life. In my view, his writing incorporates the altered understanding in that labor, instead of constituting life, damages life. Accordingly, Kafka presents in his short stories the dystopian vision of the world filled with nothing but restless work, along with the glimpses of the utopian moments of becoming out of work. From this perspective, I read the renowned case of Samsa’s metamorphosis as the event of becoming out of work and consequently losing one’s entire social status. Yet, it can be seen that he momentarily regains the humanness, as he encroaches towards his sister’s music. Also, the mice-singer Josefine’s stage constitutes a sole restful, communal space, whereas the mice’s world becomes dominated by nothing but labor. Despite the stage is threatened by the force of deadly disintegration, it is asked whether her squeaking towards the prehistoric memory would be „livelier“. I argue that the way Kafka grants this squeaking another livelihood puts the inherited association of labor, death, and life into question.

Doris Mironescu (Iaşi, Romania)

Prejudice and Resentment: Perspectives on Capitalist Work in the Romanian Novel at the Turn of the 20th Century

The representations of capitalism at the end of the 19th century in Romania are twofold: either they reflect resentment towards the emerging nouveau riche landowners, or they praise the individual effort of striving entrepreneurs who shape the world through their success. Such is the case of two classical Romanian works of fiction: Mara (1894), by Transylvanian author Ioan Slavici, and Tanase Scatiu (1895), by the diplomat Duiliu Zamfirescu. They reflect the different views on entrepreneurship that were being heralded as main ideologies of the epoch, liberalism and conservatism, one encouraging free initiative and personal merit, the other stressing the turmoil of social values brought about by the advent of the new class.
Since both novels are written in the realistic-naturalistic vein, they also pose the question of accurate, truthful representation through the eyes of an “objective” narrator. The narrator’s “gaze”, as well as his (obviously masculine) tone of “voice” illustrate the ideological penchant of the author. On the one hand (in Duiliu Zamfirescu’s novel), the narrator purposefully scrutinizes every gesture, but almost none of the economic doings of his main character, a brutal landowner and extorter, exposing his predetermined evilness. In the second case, (Ioan Slavici’s novel), the capitalist adventure of a Romanian woman struggling with petty commerce in multiethnic Transylvania is told in a sympathetic tone, that allows the humorous transfer of capitalist spirit within family relations.

Nadine Boettcher (Düsseldorf, Germany)

The Quest for a Perfect Living Environment: Narrative Constructions of Working and Housing Imaginaries in Paul Auster's Sunset Park

The field of US-American literature responded with numerous narratives to the economic crisis and the recession. These narratives deal with the development, the effects and the consequences of the crisis. One example for this type of literature is Paul Auster’s novel Sunset Park. The characters of the novel struggle with their professions and their lives during the time of 2008 post-recession America; the economic meltdown of the nation is evident in the streets of Florida where twenty-eight-year-old Miles Heller focuses on things abandoned by people due to the financial collapse including people’s houses. An abandoned house in New York City then becomes the new home to Miles and his friends, who do not make enough money by working their day-jobs in order to support themselves. Each one of the characters acts out of their personal quest for identity and happiness. In order to find happiness, Miles and his housemates construct their own way of living and working in a heterotopian space (Foucault). During this process of construction they cope with their fears and thus establish their own community, one that is limited in time and space. I will investigate the extent to which the characters in Auster’s Sunset Park do (not) define themselves through their working and housing environment in New York City and attempt to master the complex interdependence of work, (un)employment, relationships and identity.

Daniela Petrosel (Suceava, Romania)

Working (the) Future

The present paper aims at displaying various representations of working life by overviewing some Romanian science-fiction works written during the Communist regime. Since the Communist propaganda discourse was promoting the high value of work, irrespective of the individual wishes, the literary imaginary of these texts simultaneously enhances and subverts the principles of hard (often inhuman) labor. The exploration of these fictional communities reveals the collective and individual obsessions of an era. Assuming that science-fiction is both a means of social criticism, and a form of political propaganda, we are interested in the representations of working communities, labor’ status within the societies of the future, robotization of working process etc. Selected texts envisage societies lacking the labor burden, and all the psychological consequences of this phenomenon; they also project work-addicted individuals, or intricate social structures based on futuristic labor market.

Nora Niethammer (Bayreuth, Germany)

Die Arbeitswelt Theater als Gegenstand der Inszenierung

Nicht nur zeigt sich in den letzten Jahren eine wachsende, kritische Auseinandersetzung mit dem Thema 'Arbeitswelt' auf dem Theater, sondern auch eine sich selbst hinterfragende Besinnung auf den eigenen künstlerischen Kosmos, die 'Arbeitswelt Theater'. Gegenentwürfe können hier auf reflexiver bzw. Textebene stattfinden, wie es etwa die Stücke von René Pollesch vorführen. Abzulesen sind sie aber vor allem auch, und dies immer häufiger, rein auf der Produktionsebene bzw. in der szenischen Umsetzung. Als überholt geltende Produktionsprozesse, deren Machtverhältnisse es vor allem zu suspendieren gilt, halten zunächst Einzug in die Konzeptions- und Probenarbeit. Gerade hier zeigt sich die Tendenz zur kollektiven (Projekt-)Arbeit, die etwa den (Erwerbsarbeiter) Schauspieler im Theaterbetrieb problematisiert und neu positioniert. Der Arbeitsdiskurs Probe verweist dabei jedoch nicht nur auf sich selbst, sondern, wie es zu zeigen gilt, auf einen übergreifenden Arbeitsdiskurs unserer Gegenwart. Andererseits, so das Hauptinteresse meines Papers, geht es aber auch um die Offenlegung des 'Theater Machens' (und nicht nur des 'Theater Spielens') als kollektiver Arbeitsprozess, der nicht mehr länger hinter der Kulisse respektive dem finalen Kunstprodukt verborgen bleibt, sondern auf der Bühne präsentiert wird. Am Beispiel der Regisseure Nicolas Stemann und René Pollesch möchte ich aufzeigen, wie sich, als kritischer Gegenentwurf zu Arbeitsmodellen und Forderungen der Kunst, neue selbstreflexive Formen der Inszenierungspraxis entwickeln und inwiefern diese als Auseinandersetzung mit dem Thema 'Arbeitswelt Theater' gelesen werden können.

Eva Bonn (Mainz, Germany)

Erzählen über/als Arbeit: Zum Verhältnis von Sozialität und Performativität in Herr Dağacar und die goldene Tektonik des Mülls von Rimini Protokoll

In dem von den Rimini Protokoll-Mitgliedern Helgard Haug und Daniel Wetzel konzipierten Stück „Herr Dağacar und die goldene Tektonik des Mülls“ (2010) berichten die Müllsammler Abdullah Dağacar Aziz İdikurt, Mithat İçten und Bayram Renklihava von den Arbeitsabläufen auf den Straßen Istanbuls, den Lebensbedingungen in provisorischen Unterkünften und Aspekten ihrer kulturellen Identität, die sie eng an den Alltag in ihren Heimatdörfern koppeln. Eine weitere narrative Ebene spannt das Schattenspiel des Karagöz-Spielers Hasan Hüseyin Karabağ auf, der Geschichten von den Bewohnern Istanbuls und anatolischer Dörfer erzählt. Neben den Selbsterzählungen und dem Geschichten-Erzählen ist es die Praxis des Spielens selbst, die die Formensprache der Inszenierung konturiert und die verschiedenen narrativen Ebenen verflechtet: Die Performer spielen ein Würfelspiel, sie integrieren die zum Transport der Müllsäcke genutzten Handwagen in die Bühnenhandlung und thematisieren die Konsequenzen der bezahlten Arbeit am Theater. Basierend auf einer Verschränkung der performativen, narrativen und praxisbezogenen Ebene des Theaterrahmens werden Praktiken der Arbeit und des kulturellen Lebens präsentiert und zugleich reflektiert. Indem die Inszenierung an der Grenze zwischen Praktiken der Lebenswelt und jenen der Ãsthetik des Theaters angesiedelt ist, treten die je individuellen Konnotation der Performer in Bezug auf das Themenfeld „Arbeit“ in den Vordergrund. In meinem Vortrag möchte ich danach fragen, welche Perspektiven auf Arbeit und kulturelle Identität das Stück eröffnet und wie der Transport des realen Arbeitslebens in den Rahmen des Theaters vollzogen wird. Diese Engführung von Sozialität und Performativität führt abschließend zu der Frage, wie Subjektivität als Kriterium der Differenz auf der Bühne ver- und ausgehandelt wird.

Friederike Sigler (Dresden, Germany)

Arbeit zwischen Materialität und Immaterialität - Zur künstlerischen Kritik der gegenwärtigen Zustände

Spätestens seit Luc Boltanski und Eve Chiapellos Studie zum „Neuen Geist des Kapitalismus“ ist die Analogie zwischen künstlerischer Arbeit und den führenden Berufen der Dienstleistungsbranche in aller Munde. Attribute wie Autonomie, Selbstverwirklichung und Flexibilität sind nun nicht mehr dem alternativen Künstler vorbehalten, sondern soweit endogenisiert, dass sie zu den grundlegenden Forderungen an den gegenwärtigen Idealarbeiter zählen. Dass die maßlose Selbstaufopferung und Verwertung des Ichs zu Kritik führt, zeigen sowohl künstlerische Auseinandersetzungen als auch zahlreiche Veröffentlichungen zum „Prekariat des Kulturarbeiters“. Dabei scheint es, als ob die Reduktion des Kunst-Arbeit-Verhältnisses auf künstlerische Arbeit einen einseitigen Blick reproduziert und ausschließlich Arbeit (re)präsentiert, die durch ihr kreatives Element die Möglichkeit zur Autonomie und Selbstverwirklichung überhaupt zulässt. Doch welche Rolle spielt Arbeit außerhalb dieses Maßstabes wie etwa solche, die trotz des ökonomischen Paradigmenwechsels noch der alten Produktionsweise verhaftet bleibt? Und wie verhält sich die ökonomische Verleugnung dieser Arbeit zum gesellschaftlichen Umgang? Diesen Fragen widmet sich seit den 1970ern eine künstlerische Praxis, die disziplinimmanente Problematiken hinter einem gesamtstrukturellen sozialkritischen Anspruch zurückstellt. Ziel ist es vielmehr, wie die beiden exemplarischen Positionen, Nightcleaners Part I des Berwick Street Collectives (1975) und Santiago Sierras Workers who cannot be paid, remurated to remain inside cardboard boxes (2000), zeigen, die Bedingungen jener Arbeit sichtbar zu machen, die zwar für den Produktionszyklus tragend ist, jedoch durch die Dominanz des tertiären Sektors strategisch aus dem Diskurs gerät. Dadurch gelingt es, nicht nur die inszenierten Arbeitsverhältnisse, sondern zugleich die politökonomischen Rahmenbedingungen und gesellschaftlichen Auswirkungen, welche die ökonomische Aussonderung bedingt, kritisch zu reflektieren.

Anna Redlich-Gaida (Erlangen, Germany)

Industrialisierung und Autorschaft - Figuren der Automatisierung im literarischen Diskurs

Von den englischen Kaufmannsdramen über die Bergwerksnovellen der Romantik und die Industrieliteratur der Moderne bis hin zu kritischen Satiren auf die heutige Werbebranche dient die Arbeitswelt als Lieferant für Stoffe und Motive der Literatur. Doch daneben wandern die Entwicklungen innerhalb des Produktionsprozesses als technische Denkfiguren auch auf einer Meta-Ebene in das ästhetische Diskurssystem ein. Dort werden sie zur Grundlage für Reflexionen über Autorschaft, Textentstehung und Genese von Textbedeutung. In 'Gullivers Reisen' findet sich beispielsweise die Schilderung einer fiktiven Maschine zur Textproduktion, deren Aufbau sich an den mechanischen Webstuhl anlehnt, und die, ähnlich wie die Maschinen einer zeitgenössischen Manufaktur, in Arbeitsteilung von mehreren Personen gleichzeitig bedient wird. Der derart automatisch produzierte Text wird in einem weiteren Arbeitsschritt von einem Professor zusammengefügt und geordnet. Hier klingt also bei Jonathan Swift die Frage an, ob die schöpferische Arbeitsleistung von Schriftstellern durch Maschinen zumindest teilweise substituiert werden kann. So wird durch den Schreibautomaten einerseits implizit der Stellenwert des geistig-schöpferischen Schaffens des Menschen verhandelt - ein Stellenwert, der im Zeitalter der Frühindustrialisierung ebenso bedroht sein könnte wie der des Konsumgüter produzierenden Arbeiters - und andererseits die Frage aufgeworfen, wem die Autorschaft eines auf solche Weise entstandenen Textes zuzuschreiben wäre. Den Arbeitern? Dem Professor? Der Maschine? Das Bild der „Automatisierung der Autorschaft“ ist dabei nicht auf die britische Frühindustrialisierung beschränkt. Mein Beitrag soll zeigen, inwiefern der technische Stand der Arbeitswelt von Georg Philipp Harsdörffers 'Denckring' über Jonathan Swift bis hin zu Stéphane Mallarmés Vision vom absoluten Buch für die Reflexion über Literaturproduktion urbar gemacht wird.

Laura Hanemann/Yannick Kalff (Jena, Germany)

Zwischen Zeitautonomie und Kontrollverlust. Oder: Wenn Arbeit zur Belastung wird: Zeit und Arbeit, eine neue Pathologie des Ideals

Arbeit - so sind sich die Sozialwissenschaften einig - ist eine der, wenn nicht sogar die zentrale Kategorie gesellschaftlicher Integration. Von Marxens materialistischer Subjektphilosophie über Hanna Arendts Vita activa: Arbeit für die Gesellschaft scheint die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch verstehe. Und eben diese Bedingung macht sie „gefährlich“, wie es in einem vielfältigen Sinne der negativen Dialektik Dirk Baecker ausgedrückt hat. Im Fokus aktueller (arbeits-)soziologischer Debatten scheint dabei eine Zeitdiagnose unbestritten: viele Arbeitsverhältnisse weisen mehr offensichtlichen strukturellen Zwang aus, als ihr Versprechen semantischer Freiheit erfüllen mag. Ganz im Sinne des Freudschen „Unbehagen in der Kultur“ scheint sich die Arbeit wieder radikal gegen uns zu wenden und uns voll zu vereinnahmen. Formen von Arbeit korrelieren dabei - so Alain Ehrenbergs These - mit spezifischen psychopathologischen Mustern und Belastungen, die eng mit dem Arbeiten an sich verbunden sind. Wir möchten daher an dieser Stelle eine These diskutieren, die sich vor allem mit den zeitlichen Belastungen der Arbeit auseinandersetzt, die sich aus Zeitautonomie und Kontrollverlust ergeben. Im Kontext von Hartmut Rosas Theorie sozialer Beschleunigung wollen wir in unserem Vortrag vor allem die massiven zeitichen und vielschichtigen Veränderungsdynamiken in den Blick nehmen, die institutionelle, organisationale sowie individuelle Dezentrierungen festigen. Anhand von ersten Untersuchungsergebnissen zu Projektmanagement und der Arbeit prekärer Selbstständiger soll die schnellere Abfolge von Zeitsequenzen und das Aufeinanderprallen immer mehr Zeithorizonte diskutiert werden, die in letzter Konsequenz zu einem perzeptiven oder depressiven Loch führen können: das Gefühl des rasenden Stillstands. Wenn Arbeit zur Belastung wird, dann - so wollen wir zeigen - durch eine problematische Spannung zwischen dem Ideal der Autonomie und der Unmöglichkeit der freien Bestimmung über Zeit.

Lutz Eichler/ Daniel Dravenau (Erlangen, Germany)

Die Distinktion der Selbstverwirklichung - Symbolische Gewalt und Narzissmus

"Ein wichtiger Befund der arbeitssoziologischen Forschung zum Wandel der Arbeitswelt ist die Diagnose doppelt subjektivierter Arbeit. Insbesondere im gehobenen Dienstleistungssektor fordern Unternehmen heute mehr subjektive Anteile und Anteilnahme von ihren Mitarbeitern, und diese wollen sich auch vermehrt selbst verwirklichen und ihre Individualität einbringen. Kommunikative und emotionale Kompetenzen sowie Eigeninitiative, Innovation und Kreativität werden verlangt. Authentizität, Selbstverantwortung und Identifikation mit der Arbeit wird angestrebt. Allerdings versöhnen sich diese neuen Management- und Mitarbeiterwünsche nicht zur schönen neuen Arbeitswelt, sondern können vermittels intensivierter Selbstökonomisierung und Selbstrationalisierung auch zu gesundheitlichen Problemen, Stress, Burn-Out bis hin zu Depression führen. Wir wollen diesen Diskurs in soziokultureller und sozialpsychologischer Hinsicht erweitern. In soziokultureller Perspektive nehmen die Subjektivierungsbedürfnisse in einzelnen Sozialmilieus unterschiedliche Gestalt an und befähigen in unterschiedlichem Maß zur Bewältigung der Subjektivierungsansprüche. Für individualisierte, statushöhere Sozialmilieus stellen sie Chancen zur befriedigenden individuellen Ausgestaltung der Arbeit aber auch zur distinktiven Inszenierung individueller Autonomie und Kompetenz dar. Für traditionelle, statusniedere Sozialmilieus stellen die Subjektivierungsansprüche hingegen problematische Anforderungen dar und drohen im Verein mit der Distinktion der Selbstverwirklicher zur Quelle symbolischer Gewalt zu werden. In sozialpsychologischer Perspektive basiert Selbstverwirklichung als Ich-Ideal auf in der Adoleszenz ausgebildeten narzisstischen Strebungen, welche von den Subjektivierungsstrategien angesprochen und ausgebeutet werden, indem diese Raum bieten für Größen- und Einmaligkeitsphantasien. Diese gehen einher mit der Leugnung von Sicherheitsbedürfnissen und Ängsten, was mit der Äußerung sozial legitimierter Aggressionen kompensatorisch verarbeitet werden kann. Die Inszenierung eigener Größe und Unabhängigkeit, die Forderung nach bewundernder Anerkennung, die Abwertung und Instrumentalisierung anderer Personen, können so als Kehrseite der Selbstverwirklichung dechiffriert werden.
Durch die Verbindung der soziokulturellen mit der sozialpsychologischen Perspektive kann zum einen die Attraktivität des Subjektivierungsdiskurses plausibilisiert werden. Er bedient psychologische Bedürfnisse und milieuspezifische Werthaltungen und Lebensentwürfe. Darüber hinaus geraten seine aggressiven und gewaltförmigen Implikationen in den Blick."

Andrea Neugebauer (Frankfurt, Germany)

Die Entstehung überschüssiger Subjektivität in Arbeitsprozessen

"Der Diskurs über die „Industriearbeit“ während der Expansionsphase der industriellen Produktion in den westlichen Industriestaaten des 20. Jahrhunderts ist maßgeblich bestimmt von Sichtweisen drastisch zunehmender Arbeitsteilung, Kontrolle und dequalifizierenden Maßnahmen, die die Mehrheit der Lohnarbeitenden betraf, während kleineren Gruppen mit besonderen Ressourcen – Facharbeitern, seltener auch Facharbeiterinnen – Entfaltungs- und Einflussmöglichkeiten auf ihre Tätigkeit in der Erwerbsarbeitssphäre blieben. In Lebenserzählungen von IndustriearbeiterInnen werden jedoch auch diese Phase betreffend unterschiedliche Elemente von Selbst­entwürfen, Selbstverwirklichungsvorstellungen und eigensinniger Verweigerungen gegenüber Vereinnahmungen sichtbar, die weder von besonderen (Ausbildungs-) Ressourcen bestimmt werden, noch als Vorstellungen vom „guten Leben“ von Außen an die Arbeitswelt herangetragen werden: Sie stellen lebensweltlich fundierte Entwürfe für die „Auseinandersetzung mit Welt durch Arbeit“ (Alheit 1995) ebenso, wie alternativer Beziehungen der Menschen untereinander dar (Lüdtke 1995). Diese Vorstellungen entstehen innerhalb und zwischen ‚Arbeit’ und ‚Privatsphäre’. Arbeiterlebenserzählungen aus dem vergangenen Jahrhundert, und damit die Phase des Nationalsozialismus umfassend, hinsichtlich der Genese von Vorstellungen und Wünschen vorgestellt werden, die als Momente der Aneignung, Bewältigung aber auch ‚Selbst-Findung’ und mitunter auch mit anderen geteilter „projects“ (vgl. Lüdtke 1995) erkennbar werden, soll das Konzept des Subjektivitätsüberschusses für die Analyse der Entstehung von Gegenentwürfen auch im Rahmen neuerer, gesellschaftlich anders eingebundener Arbeitswelten vorgeschlagen werden. "

Lucas Zapf (Basel, Switzerland)

Arbeit und Seelenheil - Residuen des protestantischen Arbeitsethos in der Marktwirtschaft?

Religionswissenschaftlich-religionsökonomische Analyse von Funktionsanalogien der Arbeit zwischen Protestantismus und moderner Marktwirtschaft. Das religionsökonomische Projekt beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern die Arbeit in der Marktwirtschaft in ihren psychosozialen Funktionen Parallelen zu den Arbeitsfunktionen der Reformatoren Luther und Calvin aufweist. Die (Arbeits-)Hypothese des Projektes lautet: Die von der lutherischen und calvinischen Theologie proklamierte religiöse Prämierung der Arbeit beinhaltet die Versprechung des Seelenheils. Die Arbeitspsychologie schreibt der Arbeit in der Marktwirtschaft Funktionen zu, die diesem Ziel ähneln: Arbeit wird als integraler Bestandteil seelischen Wohlergehens beschrieben. Zentrale Funktionen der Arbeit über ihre manifesten Funktionen der Güterproduktion und der Subsistenz hinaus finden sich damit bei den Reformatoren wie in der modernen Marktwirtschaft.Dieser Hypothese wird mit zwei aufeinander aufbauendenden Forschungsfragen nachgegangen: 1. Welche Funktionen erfüllt die Berufsarbeit bei Luther und Calvin? In diesem Teil des Projektes gilt es zu klären, welche Funktionen die beiden Reformatoren der ersten Generation der Arbeit zuschrieben. Hierbei stehen insbesondere die religiöse Aufwertung der Berufsarbeit, die innerweltliche Askese und die Rationalisierung der Lebensführung als ökonomisch wirksame Bestandteile dieser Ausformung des Protestantismus im Vordergrund. 2. Gibt es in der Marktwirtschaft Analogien zu den Funktionen der Arbeit bei Luther und Calvin? Als Referenzpunkt der Funktionen von Arbeit in der modernen Marktwirtschaft wird Marie Jahodas Konzept der latenten Funktionen von Arbeit aus der Arbeitspsychologie herangezogen und mit den protestantischen Quellentexten verglichen. Theoretisch wird im Projekt versucht, die Neue Institutionenökonomie religionswissenschaftlich zu formulieren. Durch die Beschreibung der religiösen Satzungen als formalisierte mentale Modelle (Ideologies) soll gezeigt werden, inwiefern die wirtschaftswissenschaftliche Institutionenökonomik religionswissenschaftlich neue Perspektiven auf die Verbindung von Religion und Ökonomie ermöglicht.

Michael Festl (St. Gallen, Switzerland)

Die Bedeutung von Selbstrepräsentationen in einer immanenten normativen Theorie am Beispiel Arbeit

Ausgehend von Axel Honneths immanenter normativer Theorie wird im Vortrag expliziert, welche Bedeutung normativen Postulaten der von der Arbeitswelt „Betroffenen“ (insbesondere Arbeitnehmer), sprich Selbstrepräsentationen, in einer Moralphilosophie zukommen könnte, die den Anspruch vertritt, zur Emanzipation der Arbeitsverhältnisse beizutragen. Die These ist, dass die Beachtung solcher Postulate das notwendige Komplement zu einer Theorie darstellt, welche - wie Honneths immanente normative Theorie - ihre Aufgabe darin sieht, die Normen explizit zu machen, welche die jeweilige Organisation der Arbeitsverhältnisse mit sich bringen. Die von den von der Arbeit Betroffenen geäußerten Postulate übernehmen dabei, so wird argumentiert, eine Signalling-Funktion, insofern sie der immanenten normativen Theorie anzeigen, nach welchen eventuell in die Arbeitsverhältnisse eingebauten Normen sie zu suchen hat. Die Beachtung der geäußerten Postulate sichert eine immanente normative Theorie somit davor, den Bezug zum tatsächlich vor sich Gehenden zu verlieren und damit die von ihr angemahnte Immanenz wieder zu verspielen. Aus einer im vorgestellten Sinn betriebenen immanenten normativen Theorie resultiert, dass eine in Bezug auf die Arbeitsverhältnisse vollständig immanente Norm sowohl dadurch charakterisiert ist, dass sie sich implizit aus der Organisation der Arbeitsverhältnisse ergibt, als auch dadurch, dass es betroffene Subjekte gibt, die sie geltend machen. Liegt lediglich letzteres vor, droht die Gefahr eines genetischen Fehlschlusses, liegt dauerhaft lediglich ersteres vor, die des Paternalismus. Unter Rekurs auf kürzlich durchgeführte Studien eines Teams von Soziologen um Franz Schultheis soll angedeutet werden, dass die Möglichkeit zu sozialen Kontakten am Arbeitsplatz eine der Normen darstellt, die von den Betroffenen angemahnt, von der Moralphilosophie bisher aber kaum beachtet wird.

Carmen Dexl (Erlangen, Germany)

Desire and Consumption in Candace Bushnell's Sex and the City

Carrie Bradshaw and her friends are successful career women. Yet we do not see them earning as often as spending money. Candace Bushnell's Sex and the City evolves around the dilemmas of five friends who are meeting up for breakfast to gossip about their latest conquests, going out to cocktail parties to seduce new lovers, having dinner with their dates in the hippest NY restaurants or popularizing Manhattan shopping malls to get a hold of the trendiest designer clothes. However, fashioning and re-fashioning identity do have their price - literally and figuratively. Not only is the central characters' luxury lifestyle expensive. In the city where sex sells so much that it has become just another ""deal"", it also leaves them on a seemingly endless journey for true love. Drawing on theories of consumption and (post-)feminism, my paper argues that in the consumer jungle of Bushnell's New York intimate relationships between women and men have been transformed into a business in which both sides seek to get paid off. The central characters' choice of sexual partners represents another manifestation of their desires for consumption, self-marketing, and empowerment.
Considering that the images of the novels' central characters, who are loyal friends to each other, oscillate between the independent career woman and the desperate bachelorette, the bad girl who is fulfilling her sexual desires and the princess who is waiting for a hero to come along, I will interrogate the possibilities and limitations of a feminist politics as introduced in Sex and the City.

Katharina Gerund (Erlangen, Germany)

“Occupation: Housewife”? Women and Work in Mad Men

This paper will analyze the portrayal of women in and off the workplace in the TV series Mad Men. The detailed and historically “accurate” portrayal of 1960s society and culture, which has received much critical acclaim, also entails rather sexist and pre-feminist attitudes. The depiction of female characters as (single) working women or as suburban housewives is enmeshed in the discourses of the era portrayed but gains an additional dimension through the contemporary framework of its production and reception. My reading will follow up on both strands and 1) locate the representation of women in the context of an emerging feminist movement in the 1960s and 2) interpret them in the light of postfeminist thinking. While an ideology of ‘separate spheres’ relegated women to home and hearth as ‘housewife’ came to be regarded a full-time job and occupation in the postwar decades, the central female characters in Mad Men challenge these conceptions: Betty Draper appears a perfect embodiment of “the feminine mystique” (Betty Friedan), Joan Holloway seems to be modelled after Helen Gurley Brown’s Sex and the Single Girl, and Peggy Olson emerges as an almost proto-feminist character as she ventures into the male world of professional advertising. Postfeminism then provides a lens that helps to shed light on the popularity of the show (despite its explicit sexism) and to reveal that it is ultimately not only about a nostalgically desired American past but relates to still virulent discourses when it comes to women and work.

Dietmar Meinel (Berlin, Germany)

Monster Capitalism - Neoliberalism and Neoconservatism in Monsters; Inc (2002)

The „neoliberal turn“ in politics is characterized by the redistribution of (public) wealth from bottom to (corporate) top. This class warfare (David Harvey) utilizes situations of shock to push a neoliberal transformation of the public, political, and economic framework of a society (Naomi Klein). While military coups first employed this shock doctrine, in the United States the redistribution of wealth was voted for by the same people who suffer from the neoliberal transformation of the state. Political scientists like Klein and Harvey explain the electoral support of the anti-democratic neoliberal ideology by highlighting its re-definition of „freedom“ as the primary civil right and its contradictory connection to a rigid moral and religious code - neo-conservatism. Thus, culture as a battleground for meaning plays an important part in political struggles. I will analyze the portrayal of the economy in Monsters, Inc. (2002) as a popular representation of neoliberal and neoconservative definitions that frames meaning according to their ideals. „Freedom“ and the „American Dream“ are among the most prominent tropes of US-culture that I will address. However, as any cultural product demands interpretation and resists closure, Monsters, Inc also provides a narrative that can be employed against the neoliberal and neoconservative ideologies. Thus, despite being embedded within these ideologies, I will also present a reading of Monsters, Inc that highlights alternative perspective on neoliberal and neoconservative ideologies in the film itself. My aim is to demonstrate the limits of these ideologies and to emphasize the potential of re-appropriating meaning in political struggles.

Aviva Köberlein (Freiburg, Germany)

“Do Anything For That. Fucking, Anything”: Narrating Abject Poverty in Jon McGregor´s Even the Dogs

Das Konzept von Armut an sich bezeichnet bereits eine liminale Erfahrung von Devianz, von extrem abnormalem Anderssein, welches sich hyperbolisch übersteigert in der Vorstellung von Obdachlosigkeit und Drogenabhängigkeit manifestiert. Beide Begriffe stehen als Signifikanten ultimativer Verkommenheit für das Abjekte absoluter Entbehrung, und kodieren deshalb eine unvorstellbare und verstörende Abweichung von normativer sozialer Identität. Allerdings bewirkt gerade diese beunruhigende Aberration von sozialen Normativitätsvorstellungen, dass abjekte Armut als sowohl faszinierend als auch als Besorgnis erregend ambivalent wahrgenommen wird, was wiederum die Tropen der Obdachlosigkeit und Drogensucht mit einer Vielzahl von interdependenten, oftmals auch widersprüchlichen Bedeutungen verbindet.
Jon McGregors Roman Even the Dogs, der 2010 veröffentlicht wurde, erkundet abjekte Armut und deren komplexe Auswirkungen, so zum Beispiel die eng verknüpften transgressiven physischen und mentalen Erfahrungen des Selbst, die Disintegration und Fragmentierung von Subjektivität, die abjektes Leiden hervorruft, und die verschlungenen Prozesse des othering und der Abjektion, die diese Form der Armut mit sich bringt und durch welche sie gleichzeitig konstruiert wird. McGregor überschreitet die narrativen Grenzen traditioneller Erzählkunst, die das abjekte Andere definitorisch kontrollieren, einschränken und letztendlich vom symbolischen Reich des Selbst ausschließen könnten. Stattdessen wird die Liminalität abjekter Armut, das unerträgliche Leiden, welches sie impliziert, in der unbegreiflichen, radikalen Unbestimmtheit abjekten Andersseins ausgedrückt, ein Anderssein, das sowohl Distanz und Nähe schafft, das gleichzeitig Mitgefühl und Befremden auslöst. Der Roman untergräbt folglich binär strukturierte Diskurse der Armut und spricht auf unangenehme Weise das Unausprechliche aus, ohne zu versuchen, die verheerenden Konsequenzen äußerster Armut, Drogenabhängigkeit und Obdachlosigkeit zu romantisieren oder zu verdammen. Hierbei unterminiert Even the Dogs die ontologische Sicherheit, welche das othering abjekter Armut voraussetzt, was formal durch die verfremdende Wir-Erzählweise des Romans erreicht wird, eine narrative Form, die die essentielle Grenze zwischen Selbst und Anderem beunruhigend und verwirrend verwischt und dem Leser offen den Trost verweigert, mit den Geschehnissen des Romans abzuschließen.

Artur Szarecki (Warsaw, Poland)

The Marketing Gaze: Images of the Working Body in Mad Men TV-series

'Mad Men' is an award winning television series portraying corporate life in 1960s United States. The series' focus is on Don Draper, creative executive at an advertising agency Sterling-Cooper. Throughout consecutive seasons we learn about his life and work against a background of American society and culture of the period. The focus of my paper, however, would be on the body: how it is presented in 'Mad Men', especially in relation to creative or mental work that the characters perform. I want to introduce the concept of 'marketing gaze' to account for the cultural creation of working body in late capitalism. 'Mad Men' has received critical acclaim for its historical authenticity and visual style. I want to argue that by analyzing the series we can gain a deeper understanding of the body in corporate culture, as well as account for its absence in ideologies of so called 'cognitive' capitalism.

Iuditha Balint (Mannheim, Germany)

„Arbeit, mein Freund, das wird Arbeit“ - Entgrenzte Arbeit und hybrider Arbeitsbegriff in der zeitgenössischen Populärmusik

Ein kurzer Blick auf die zeitgenössische Populärmusik enthüllt eine geradezu inflationäre Tendenz zu sozialpolitischen Aussagen und entsprechenden Stellungnahmen. In zahlreichen Liedtexten lässt sich etwa eine gründliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Arbeit“ beobachten. Paradigmatisch hierfür sollen in meinem Vortrag die Lieder „Die Funktionalisierer“ (Die Kleingeldprinzessin, 2006) und „(Ode) An die Arbeit“ (Wir sind Helden, 2007) untersucht werden. Diese Werke reflektieren - so meine erste These - diejenigen Transformationen und Hybridisierungsbewegungen der Arbeit, welche im wissenschaftlichen Diskurs aktuell Hochkonjunktur haben. Unter Verwendung rhetorischer und semantischer Codierungsstrategien erwecken sie auf den ersten Blick den Anschein einer Leichtigkeit, mit welcher keine tiefere Bedeutung einhergeht. Tatsächlich jedoch offenbaren Zeilen, wie etwa „Beruflich und privat optimal strukturiert / Beruflich und privat strukturell optimiert“ mehr als rein stilistisch kalkulierte Stilmittel. So werden beispielsweise in diesem Chiasmus sowohl Korrespondenzen zwischen den Polen Arbeit und Freizeit erwogen, als auch Korrelationen von Optimierungs- und Strukturierungsprozessen ausgelotet. Zudem lässt sich - so meine zweite These - in diesen Texten eine tiefgründige Verhandlung zweier Codes erkennen, die sich operativ in Korrespondenzbeziehungen bzw. Parallelisierungen niederschlägt: Die Polysemie des arbeitsweltlichen Vokabulars wird mit der Polysemie der poetischen Sprache konfrontiert. Einerseits werden somit zwischen der Hybridisierung der Arbeit und der ebenso hybriden poetischen Sprache Parallelen hergestellt. Andererseits wird mit dieser Codierungsstrategie der Krise des schwer zu fassenden zeitgenössischen Arbeitsbegriffs (vgl. Castel, Voß, Füllsack) Ausdruck verliehen. Zugleich werden Poesie und Arbeit(swelt) als autopoetische Systeme (Luhmann) präsentiert, die auf bemerkenswerte Weise nicht nur ihren Sinn, sondern auch ihre Krisen selbst generieren. Insofern korreliert der Standpunkt der Populärmusik (als Repräsentation der Sphäre des Trivialen) mit Lars Clausens These über die intrinsische Dialektik der Arbeit, die zu ihrem ambivalenten Verhältnis zu anderen (Lebens)Bereichen und zu sich selbst führt.

Martin Gloger (Kassel, Germany)

Secreening late Capitalist Settleness: Prekarität, Arbeit und Erwachsenwerden im Film – eine transatlantische Perspektive

In den späten 1980er Jahren begann man das Genre des Jugendfilmes, der Jugendliteratur Verunsicherungen im Kontext ökonomischer Verunsicherungen zu beschreiben. Aus einer ökonomischen Verunsicherung - die mit einer kürzeren Halbwertszeit von Wissen und Arbeitsverhältnissen einhergeht - folgt eine kürzere Dauer von Lebensentwürfen, schließlich zu einer Schrumpfung von Identität. Diese Verunsicherungen werden im Film seit den 1990er Jahren thematisiert. Der Vergleich von US- amerikanischen und deutschen Film zeigt eine Ungleichzeitigkeit der Thematisierung dieser spätmodernen Verunsicherungen auf: Während in den 1990er Jahren in den USA und Kanada einerseits die trostlose, seelenlose, bürokratische Arbeitswelt kritisiert wurde und angemessene Bewältigungsstrategien aufgezeigt wurden ist dieses Thema dem deutschen Film relativ fremd geblieben, dennoch kann davon ausgegangen werden, dass die gleichen Probleme auch in der EU bestehen würden. Dennoch sind politische und künstlerische Verarbeitungsformen dieser Problematik relativ spät aufgetreten, z.B. der Praktikantenroman oder der die Bewegung Génération Précaire sind in Europa rund zehn Jahre später aufgetreten. Ein wesentliches Motiv des Jugendfilmes ist Devianz. Wie bringt der Film Devianz und Arbeit zusammen? Auch hier ist aus einer ersten Exploration zu erkennen, dass Arbeit sehr wohl ein Thema im deutschen Film ist, aber Angriffe auf die trostlose Arbeitsumgebung sind nicht zu erkennen. Eine mögliche Hypothese ist, dass dieses zögerliche Interesse an Problemen der Arbeitswelt einer konservativen Kontinuität geschuldet ist. Es kann vermutet werden, dass außerhalb von Alternativproduktionen politische und soziale Konflikte ausgeblendet werden.

Sebastian Kuhn (Bochum, Germany)

„We are family!“: Hollywood-Outtakes und die Verfestlichung der Filmindustrie

Mit Hilfe von Paratexten wie dem Making-of-Film bewirbt die Hollywoodindustrie nicht nur ihre Filme, sondern gleichzeitig auch deren Entstehungsbedingungen. So genannte Outtakes scheinen dem Zuschauer dabei einen besonders exklusiven Blick hinter die Kulissen von Blockbusterproduktionen zu gewähren. Über die zusammengeschnittenen Momentaufnahmen, in denen die Hollywoodstars inmitten ihres Rollenspiels Lachanfälle bekommen und sich gegenseitig Streiche spielen, festigt sich die Vorstellung vom Drehort als Schauplatz, an dem alle glücklich miteinander zusammenarbeiten. Die Aussage des Filmwissenschaftlers Roger Odin zu privaten Familienfilmen bzw. Homevideos, die ihm zufolge „eine erfüllte Gemeinschaft ohne Probleme“ (Odin 2005) konstruieren, ließe sich demnach auch auf die in veröffentlichten Hollywood-Outtakes vorgeführte, profilmische Realität übertragen. Anhand eines zweiminütigen Outtake-Clips zu einem aktuellen Hollywoodblockbuster möchte dieser Vortrag skizzieren, inwiefern sich die Filmindustrie hier der „Verfestlichungsstrategien“ (Schneider 2004) des privaten Familienfilms bedient, um mythische Stimmungsbilder zu propagieren, die stark mit dem faktischen Erwerbsleben innerhalb der Film- und Kreativwirtschaft kontrastieren. In einer Kurzanalyse werden dabei die präsentierten Performances der Outtake-Akteure untersucht. Als Anstoß für die anschließende Diskussion sei dann schlaglichtartig auf die Adaption von Hollywood-Outtakes durch die Arbeitgeberwelt verwiesen: Für ihr Branding nutzt diese ihr Ausschussmaterial am Ende von Unternehmensfilmen, um neben „großem Kino“ ebenfalls „Familie zu spielen“ und damit ihren potentiellen Arbeitnehmern ein Kompensationsversprechen für das stressbesetzte, „precarious work“ (Baker/Hesmondhalgh 2008) zu geben.

Alexander Zimbulov (Düsseldof, Germany)

„The hard life created the hard line“ – Die Arbeitswelt als Künstlermythos, politisches Sujet und ästhetische Polemik im Werk von Charles Bukowski

"Die Sternstunde des 'Dirty Old Man' schlug erst nach der Publikation der beiden Erstlingsromane Post Office (1971) und Factotum (1975). Zu diesem Zeitpunkt war Bukowski 50 bzw. 54 Jahre alt und avancierte vom Szenekuriosum (im Bereich Lyrik, short story und Kolumne), zur international geschätzten Gallionsfigur alles Authentischen in der zeitgenössischen Literatur. Avancierte – und inszenierte sich weiterhin, indem der immer berühmtere Autor in immer brillanterem Stil seines Spätwerks dem künstlerischen Selbstwerdungsmythos aus der Zeit VOR jedem Erfolg erst richtig Gestalt gab.
Diesen Lebensabschnitt – Anfang der 1940er bis Ende der 1960er Jahre – prägten tatsächlich diverse Verbindungen zu Sphären des politisch/sozial/psychologisch/etc. Marginalen. Entsprechend überführen die wenigen akademischen Kommentare die biographisch ausgewiesene und literarisch umgesetzte 'Glaubwürdigkeit' solcher Verbindungen in ein Repräsentationsverhältnis, das dem Autor ästhetische Originalität und gesellschaftliche Relevanz bescheinigt. Dabei bereitete es jenem große Freude, solche Parteinahme gerade auszuschlagen: „I was a hippie when there weren't any hippies; I was a beat before the beats. I was the Underground when there wasn't any Underground“. Nicht so das Repräsentationsverhältnis zur Arbeitswelt, das zum poetologischen Credo gerinnt: „It was very difficult for me to walk out of a slaughterhouse or a factory and […] write a poem I didn't quite mean.“ Möglicherweise ist Bukowski in der Integrität und Intensität seiner Hinwendung dazu gar einzigartig; so zeichnen allein die zwei genannten Romane ein knapp 30-jähriges Tableau amerikanischer 'working-class'-Verhältnisse.
Dennoch endet Post Office jubilatorisch damit, die Arbeit gegen professionelles Schriftstellertum einzutauschen; und Factotum ist ein Kompendium zu Strategien der Arbeitsverweigerung. In gewisser Hinsicht legitimiert sich die ästhetische Praxis also durch die Negation der Arbeit – aber wie genau ist dann das Repräsentationsverhältnis zu bewerten, und damit die hochgehaltene sozialpolitische Losung? Der Vortrag nimmt sich vor, dieses Problem anhand einer Gegenüberstellung früher Essays und Gedichte mit den späteren Romanen zu präzisieren und auf allgemeine Valenzen einer 'Politik der Ästhetik' zu prüfen."

Stephan Hilpert (Cambridge, UK)

The Representation of Work in Christian Petzold's Die Beischlafdiebin

Christian Petzold is one of the most important film-makers associated with the so-called Berlin school, a new wave of aesthetically engaged cinema in Germany. Exploring life in contemporary society, many of his films draw particular attention to issues of work. Arguably the most evident example is Die Beischlafdiebin (1998), one of Petzold‘s early films, where he introduces certain themes and motifs which he later develops in his more well-known works. In this paper, I shall analyse the representation of work in Petzold, focusing on Die Beischlafdiebin, but also making connections to some of his other films. Major points of discussion will be the film‘s exploration of the definition of work, the characters‘ attitudes towards work, work relationships, aspects of performance and self-representation in the context of sales and betrayal, the opposition of honest work and crime, as well as the blurry borderlines between work and private life. I argue that many of these aspects are reflected in the film‘s use of space: places of work and places of leisure overlap, scrutinising the classical notions of the office and the home. Looking at both content and formal cinematic means in Die Beischlafdiebin, my paper shall aim to contribute to the understanding of how Petzold‘s films depict life in Germany today.

Rita Singer (Leipzig, Germany)

It Is Not the Worker Who Is Heinous: Charles Chaplin and the Portrayal of Physical Labour in Film

The depiction of labour and the effect it as on the worker forms the leitmotiv of Charles Chaplin's last silent film, Modern Times (1936). However, Chaplin had focused on the portrayal of labour ever since he directed his first films with Keystone in 1914. Showing the denigrating effects of abject poverty and how it forces people into unacceptable work conditions was not always his prime concern. It can be argued that over the course of eight years, Chaplin changed his approach from exploiting labour as farcical element that formed the basis for many of his early short films, such as Dough and Dynamite (1914), eventually showing the exploitation of the labourer. Already during his second year as film-maker, when under contract with Essenay, he began making the transition as can be seen in the opening sequence of Work (1915) in which his alter ego, Charlie, is seen pulling a cart up an impossibly steep hill all the while he is being whipped like a works horse by his boss. By the time he produced his first feature length film, The Kid (1921), Chaplin had completed his development and boldly illustrated the failure of the American dream. There is no rags-to-riches-story for despite showing great determination and resorting to clever initiatives for acquiring work, Charlie and his adoptive film-son are held captive by poverty which they cannot escape on their own.

Irina Serikova (Hanover, Germany)

Movie Images of Successful Women in Post-Socialist and Capitalist Societies: Cultural Understanding of Work and Private Life Balance

Numerous studies tried to reveal the factors of successful reconciliation of work and family life by contemporary women in different - mostly European - countries (Hakim 1998, Brandth/Kvandle 2001, Pfau-Effinger 2003, Woodward 2003, Haas 2006 etc.). Remarkably, the majority of studies have taken into account only those women with children - either married to the time point of study or cohabiting with their boyfriends. The stress has been mostly made on family life of women. There still exists a lack of comparative studies that analyse the reconciliation of work and private life balance of women successful at work. Moreover, we have only few information regarding the situation of successful women in post socialist countries and comparison of those with ones from western European countries. Historically in Russia, as well as in the majority of other countries, success at work as such has developed as a sphere of man's activity, penetration in which by women was impeded by many objective and subjective circumstances. Even though the proportion of women that f. i. start their own business in Russia grows constantly, men still "fight" by all means against it. One of the means is movie production industry: the majority of directors consequently depict a successful/business lady as doing well in work but highly unsatisfied and unhappy in her private life, warning thus other (young) women wishing to establish themselves in work, from achieving a successful career. This trend is not only relevant for post-socialist but also for capitalist countries. The central research question of this paper is how successful women are depicted in movies in Russia and in the USA. What role do the stereotypes and the "gender order" (Ashwin 2003) play? Are there any hopes to reconcile work and private life balance for successful women? The study utilizes Russian and American movies shot in the period from 2004 to 2008.

Iria Matsuda (Osaka, Japan)

Management of Nightlife: Japanese Company Executives in the 1960s

This paper makes clear one of the social/ cultural origins of economic growth in Postwar Japan by reviewing movies in the 1960s. It concentrates on executives' life after working hours, especially, their nightlife. As an illustration a series of movies called 'Shachô (company president)' mostly released in the decade is selected. Shachô the protagonist spends much time for nightlife with or without an intention to make a deal with his clients. His working life and nightlife seem to be indistinguishably intertwined. Throughout the series Shachô almost always has his girlfriend. He often goes so far as to try to have relationship with her while cheating on his wife. Interestingly he never succeeds in it at the same time his business never goes wrong. This paper suggests social/ cultural function of his management of nightlife in terms of (1)his relationship with family, (2)culture of his workplace or Japanese company itself , and (3)desire of audience for the movies. This paper also implies that the conditions which Shachô enjoyed as an executive in the 1960s are undermined by the late 1990s. So is his nightlife. It is seen to be restructured, redundant, or even outdated.

Tobias Hinterseer (Salzburg, Austria)

Karl Marx heute - Die Aktualität einer marxistischen Kritik der Arbeit

Karl Marx hat die Auseinandersetzung mit Arbeit in den letzen rund 150 Jahren stark beeinflusst. Dieser Vortrag geht der Frage nach: Braucht eine aktuelle Kritik der Arbeit und der Arbeitswelt einen Rückbezug auf Marx beziehunsgweise ist eine Marxsche Kritik noch zeitgemäß? Ausgehend von der Arbeitswertlehre der Ökonomen Ricardo und Smith hat Karl Marx die bahnbrechende These der Mehrarbeit und der Mehrwertproduktion als ultimatives Charakteristikum und Spezifikum kapitalistischen Wirtschaftens formuliert. Marx hat dies an der zeitgenössischen Entwicklung der industriellen Produktion im 19. Jahrhundert, die im Vergleich zu heute geradezu in den Kinderschuhen steckte, gezeigt. Die Anwendung der Arbeitswertlehre und der Mehrwertproduktion auf die moderne, hochkomplexe, hochtechnologisierte und hochspezialisierte Arbeitswelt ist daher nicht leicht zu formulieren. Hinzu kommt noch die Herausbildung des bedeutenden Sektors der Dienstleistungsberufe und der immateriellen Arbeit. Im Angesicht dieser Vielschichtigkeit in der Arbeitswelt stellt sich die Frage, ob die moderne Form der Arbeit noch immer nach den Grundsätzen der Marxschen Kapitalismuskritik und -analyse funktioniert? Der Beitrag spannt den Bogen zwischen den Analysen von Karl Marx zum Themenfeld Arbeit aus dem 19. Jahrhundert und den gegenwärtigen Problemlagen der Arbeitswelt im vorherrschenden kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell der „Industrienationen“. Durch die Konfrontation der Vergangenheit mit der Gegenwart wird der Versuch unternommen, die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie auf ihre aktuelle gesellschaftskritische Legitimität hin zu überprüfen.

Maxi Berger (Oldenburg, Gemany)

Zum Verhältnis von Arbeit und Bildung. Thesen aus philosophischer Perspektive.

Arbeit und Bildung haben gemeinsam, dass sie die Vermittlung zwischen den Subjekten und der Welt bezeichnen, wobei Arbeit die zweckmäßige Veränderung der Welt, Bildung hingegen die zweckmäßige Veränderung der Subjekte meint. In diesem Vortrag soll die Frage gestellt werden, wie das Verhältnis von Arbeit und Bildung einmal im gesellschaflichen-ökonomischen Kontext und einmal im subjektiven Kontext aufzufassen ist: Welche ökonomische Funktion erfüllen Arbeit bzw. Bildung, wie wird das arbeitende und sich bildende Subjekt aufgefasst und wie fließen diese Funktionen im Habitus der Subjekte zusammen? Dabei sollen die jeweiligen Begriffe bei Hegel, Marx und Bourdieu untersucht werden.

Hans-Joachim Schott (Bamberg, Germany)

I am what I am / Der kommende Aufstand als Kritik der postfordistischen „Dienstgesellschaft“

„‚I AM WHAT I AM.‛ Das ist die letzte Opfergabe des Marketing an die Welt, das letzte Entwicklungsstadium der Werbung [...]. Jahrzehnte von Konzepten, um dort anzukommen, bei der reinen Tautologie. ICH = ICH“, heißt es in Der kommende Aufstand, dem wichtigsten politischen Manifest der vergangenen Jahre. Wie die Klassiker der postmodernen Sozial- und Medientheorie deuten die Verfasser des Manifests nicht mehr die Ausbeutung von Arbeit, sondern die tautologische Form des Codes als zentrales Herrschaftsinstrument des postfordistischen Kapitalismus. Die Eliminierung des funktionalen Werts der Zeichen zugunsten ihres strukturalen Werts markiert den Übergang in eine sozioökonomische Ordnung, die politische Subjektivierung im Zeichen ausgebeuteter Arbeit nicht mehr erlaubt. Da produktive, ‚lebendige‛ Arbeit in der postfordistischen Gesellschaft durch die pure Reproduktion von Dienstverhältnissen im Sinne Jean Baudrillards1 ersetzt wird, bietet sie keinen Bezugspunkt mehr für die Artikulation politischer Anliegen. Anhand einer Lektüre von Der kommende Aufstand zeige ich, dass die Autoren des ‚unsichtbaren Komitees‛ einen zentralen Grund für das Scheitern der Arbeiterbewegung im idealistischen Verständnis marxistischer und postmarxistischer Theorien von politischer Gewalt sehen. Soziale Kontrolle basiert nicht, wie Marx und selbst noch Althusser im Anschluss an Hegels Dialektik von Herr- und Knechtschaft ausführen, in letzter Instanz auf Gewaltanwendung, sondern auf einem symbolischen Pakt, den die Knechte mit ihren Herren schließen, um der traumatischen Erfahrung extremer Intensitäten zu entgehen, die sich der Beherrschung des Subjekts entziehen. Der kommende Aufstand analysiert diese freiwillige Selbstunterwerfung des postfordistischen Subjekts und stellt ihr eine polit-ästhetische Praxis a-subjektiver Intensitäten gegenüber, die das Einverständnis der Knechte mit ihrer Unterdrückung aufbrechen soll.

Marcus Hank (Munich, Germany)

Keine Arbeit, das ist Klasse! Vom Umgehen (mit) der Arbeit in der Darstellenden Kunst

Die Suche nach einem „klassenkämpferischen, revolutionären Subjekt“ im deutschsprachigen Theater der letzten zwanzig Jahre gestaltet sich als irrlichternde Reise durch inszenierten Arbeitswelten. Fand sich bei Marx gerade eine höchst ausdifferenzierten Betrachtungsweise von Gesellschaftsschichten, ökonomischen Tendenzen, Strömungen der Arbeiterbewegung und den Widersprüchen unterschiedlicher Interessenssphären innerhalb einer beschriebenen Gesamtklasse, so kulminiert der heutige mehr oder minder populär geführte wissenschaftliche Spezialdiskurs häufig in verkürzten Makrotendenzen oder einer Kapitulation vor vermeintlich nicht mehr erfassbarer Komplexität. In Verweisen auf Rifkin über Bourdieu bis Sennett, überall manifestiert sich in deren bildungsbürgerlicher Rezeption und künstlerischer Weiterverwertung vor allem ein „postindustrielles“ Moment sowie das Stereotyp der „verschwindenden Arbeit“. Eine „Klasse der Elendigen“ von Hartz-4, Prekariat und Arbeitslosen scheint das dazugehörige ästhetische Klischee. Dieses umfasst sowohl eine von Erosion bedrohte Mittelschicht, die abgehängte Unterschicht wie auch den gefallenen Topmanager und führt sie neben ihrer Figuration in klassischer Repräsentationsdramatik auch in aktuellen, auf leibliche Präsenz und Selbstbetrachtung ausgerichteten Theaterformen auf der Bühne zusammen (siehe R. Pollesch). Entspricht dies der gesellschaftlichen Realität oder findet hier eine Überzeichnung realer Verhältnisse in der bildungsbürgerlichen Anstalt Theater statt? Bereits im Jahr 2000 fragte das Hamburger Schauspielhaus nach den Arbeitsformen des „neuen Jahrtausends“, das Wiener Volkstheater stellt die Spielzeit 2011/12 ebenso unter das Motto „Arbeit“. Welche Ansätze findet die Darstellende Kunst zwischen wissenschaftlichem Spezialdiskurs und Alltagsdiskurs? Hat das Theater mit den Mitteln der „Künstlerkritik“ (L. Boltanski ) überhaupt Zugang und inhaltliches Interesse an den sozialen Verhältnissen der Arbeitswelt jenseits der eigenen Produktionsbedingungen? (Wie) Findet sich ein beschreibbares Stereotyp „Arbeit“ in der Darstellenden Kunst heute? Ein Vortrag mit Zwischeneinsichten in mein laufendes Promotionsprojekt „Klassenkampf adé!?“ (Kritisch-ästhetische Diskursanalyse zum Gegenwartstheater).

Andrea Ressel (Geneva, Switzerland)

Rente mit 67? Alter und Erwerbstätigkeit im literarischen Diskurs des 21. Jahrhunderts

Statistisch gesehen gibt es gegenwärtig in Deutschland eine alternde, eigentlich eine überalterte Gesellschaft. Eine niedrige Geburtenrate bei steigender Lebenserwartung und ein daraus resultierendes Ungleichgewicht zwischen dem Anteil Älterer und Jüngerer in der Bevölkerung führt zu der Tatsache, dass derzeit von einem demographischen Wandel die Rede ist. Im Zuge dieser Entwicklung in der Bevölkerungsstruktur werden Prozesse des Alterns in vielfältigen Diskussionen aufgegriffen. Zu einem Leitthema dieser Debatten wurde der Eintritt in das Rentenalter und die damit verbundene Finanzierung der Renten. Statistiken verdeutlichen die ökonomischen Konsequenzen der alternden Gesellschaft und bilden damit einen Gegensatz zur literarischen Auseinandersetzung mit der Thematik, in der die individuellen Bedürfnisse von alten Menschen verdeutlicht werden. Trotz dieser differenten Darstellungsmuster weisen literarische Texte auch auf den Anstieg an älteren Menschen in der Bevölkerungsstruktur hin und bedienen sich dabei der Statistik, um entsprechenden Aussagen Evidenz zu verleihen. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang Hellmuth Karaseks (1934) Werk "Süßer Vogel Jugend oder Der Abend wirft längere Schatten“ (2006), in dem in autobiographischen und generationsbiographischen Geschichten das Dasein des alten Menschen in Zeiten einer alternden Gesellschaft thematisiert wird und in dem er schlichtweg resümiert: „Wir werden älter. Das ist unser Schicksal. Unser statistisches, unser demographisches Schicksal.“ (Karasek 2006: 253) Dieses „demographische Schicksal“ erfährt in der Literatur des 21. Jahrhunderts eine zunehmende Aufmerksamkeit und in diesem Zusammenhang lassen sich in zahllosen literarischen Werken auch Debatten über die Rentenproblematik ableiten, wie dies z.B. in Barbara Bronnens Roman "Anfang und Ende" (2006), Kathrin Schmidts "Die Gunnar-Lennefsen-Expedition" (2000) und in Leonie Ossowskis "Die schöne Gegenwart" (2001) der Fall ist. Der Vortrag setzt sich zum Ziel, auf Basis dieser Werke, die in der Literatur zum Ausdruck kommenden Auswirkungen der Verrentung, der damit verbundene Abschied von der Erwerbstätigkeit und die Veränderungen der Lebensverhältnisse darzustellen. Thematisiert werden sollen ebenso die in den Werken porträtierte Altersarmut und die weiterführende Erwerbstätigkeit sowie die von Senioren ausgeübten ehrenamtlichen Tätigkeiten.

Renate Wöhrer (Berlin, Germany)

Arbeiten an den Politiken der Sichtbarkeit. Darstellungen von Erwerbsarbeit in zeitgenössischen dokumentarischen Projekten der bildenden Kunst

In meinem Vortrag möchte ich die Ergebnisse meiner Dissertation vorstellen, die sich mit solchen Positionen dokumentarischer Kunst beschäftigt, die den politischen Anspruch vertreten, aus den aktuellen öffentlichen Diskursen verdrängte Arbeitsbereiche sichtbar zu machen. Dies sind zum einen „alte“ Arbeitsformen (z.B. nicht-automatisierte Produktion in den westlichen, post-industriellen Gesellschaften) und zum anderen Hausarbeit, speziell als Erwerbsarbeit. In der Besprechung exemplarischer Kunstprojekte „Fish Story von Allan Sekula (1990-1995) und Chat(t)er Gardens. Stories by and about Filipina Workers von Moira Zoitl (2002-2008)“ werde ich die darin entworfenen Bilder von Arbeit analysieren und in ein Verhältnis zu sozialwissenschaftlichen Diskursen setzen. Sekula konzentriert sich in seiner Dokumentation der Umstrukturierung der Arbeitsbedingungen im Seehandel durch die Automatisierung auf die Darstellung von Tätigkeitsformen der „zweiten industriellen Revolution“. Mittels einer verweisungsreichen Bildsprache stellt er diese vielfältig dar, während er sowohl Arbeitsprozesse als auch Bildformen der dritten industriellen Revolution ausspart. Damit setzt er den dominanten Repräsentationen von Arbeit, die er selbst vermeidet, eine Fülle von Bildern entgegen. Zoitl produziert hingegen in ihrer Dokumentation philippinischer Hausangstellter in Hongkong kaum Bilder der Arbeit selbst, von dieser wird vorwiegend in sprachlicher Form berichtet. In den visuellen Darstellungen fokussiert Zoitl vielmehr auf die politischen Aktivitäten der ArbeiterInnen und deren öffentliches Auftreten in ihrer Freizeit. Ein Vergleich der beiden Projekte zeigt über die darin entworfenen Konzeptionen von Arbeit hinaus, welche Tätigkeitsbereiche überhaupt Eingang in die visuelle Repräsentation finden und welche Potenziale und Wirkungen deren Visualisierungen zugeschrieben werden. Abschließend möchte ich den Zusammenhang dieser An- und Abwesenheiten von Bildern mit den verschiedenen Marginalisierungsstrukturen der jeweiligen Arbeitsbereiche darlegen.

Carina Altreiter (Linz, Austria)

Das Leben ist ein Projekt. Konstruktionen von Arbeit und Geschlecht in Karriereratgebern

In verschiedensten Medien, im öffentlichen Diskurs aber auch in wissenschaftlichen Arbeiten finden sich zurzeit immer wieder Beiträge, die in den gegenwärtigen Transformationsprozessen der Arbeitswelt Chancen für Frauen und ihren beruflichen Erfolg sehen. Die zahlreichen statistisch belegbaren Benachteiligungen, welche die Erwerbssphäre für Arbeitnehmerinnen bereithält, weisen diesbezüglich in eine andere Richtung. Unter diesen widersprüchlichen Bedingungen versuchen Frauen sich in der Arbeitswelt zu bewähren und Positionen zu besetzen. Es ist nachvollziehbar, dass viele von ihnen nach Rat und Orientierung suchen, welche Verhaltensweisen im beruflichen Alltag erfolgversprechend sein könnten. Aktuelle Karriereratgeber setzen an diesem Punkt an und versprechen dem weiblichen Zielpublikum Antworten und Lösungen für ihre Probleme. Und es gibt Hoffnung, lautet die Botschaft. Frauen seien, so die in den Ratgebern vertretene These, aufgrund ihrer geschlechtsspezifischen Dispositionen besser als ihre männlichen Mitstreiter für die neuen Herausforderungen am Arbeitsmarkt gerüstet und halten deshalb den Schlüssel zum Erfolg in der Hand.

Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich der geplante Vortrag mit aktuellen Karriereratgebern für Frauen. Die darin enthaltenen Ratschläge sollen dekonstruiert und die latenten Konstruktionen von Arbeit und Geschlecht dadurch sichtbar gemacht werden. Zum Vorschein kommen Widersprüchlichkeiten, die in der Anrufung „weiblicher Stärken“ angelegt sind. Darüber hinaus lässt sich zeigen, wie sich die darin vorgeschlagenen Verhaltensweisen und Handlungsanleitungen letztlich zu einer gesteigerten Selbstoptimierung und Selbstausbeutung verkehren können. Damit tragen sie indirekt auch zu einer Stabilisierung der bestehenden Gesellschaftsordnung bei, welche die Verantwortung für den eigenen Erfolg - aber auch das Risiko für das Gelingen dieses Projekts - den Individuen selbst überträgt.

Diana Fischer (Hamburg, Germany)

Wandlungsfähigkeit der Erwerbsarbeit im ambivalenten Kapitalismus

Das Sprechen über die Veränderung von (Erwerbs-)Arbeit ist en vogue und bestimmt die alltäglichen Strukturen in denen Individuen sich verorten. Für die subjektiven Handlungsstrategien sind facettenreiche theoretische Deutungszugänge entstanden, um kapitalistisch geprägten Arbeitswelten zu begegnen. In meiner Diplomarbeit (Transformationen der Arbeitswelt. Eine empirische Untersuchung von weiterbildnerischen Coachingprozessen) habe ich die Veränderungen in der Arbeitswelt als Modernisierungsprozess untersucht. Dabei ging es, um die Deutungen und Vorstellungen in den bildungsbiographischen Erzählungen, die Coachs und deren Klienten transportieren. Pointiert betrachtet interpretiere ich Coaching in meiner Studie vor dem Hintergrund des Wandels von Arbeit. Dabei wird unterstellt, dass in Coachingprozessen Deutungen und Vorstellungen über die Veränderung von Arbeit transportiert werden. Die Fragestellung ist, wie der Wandel von Arbeit in Coachings gedacht wird. Hierfür sind zwei theoretische Folien zueinander in Beziehung gesetzt worden. Erstens die Auslegungen der Arbeitskraftunternehmerthese (Pongratz/Voss 1998) d.h, inwieweit das Verhalten der Arbeitenden im Sinne eines normativen Leittypus und eines empirischen Typus zu interpretieren ist, der sich strukturell durchgesetzt hat. Zweitens die Perspektive des normativen Wandels im Kapitalismus (Boltanski/Chiapello 2001), die die institutionellen und organisationalen Verflechtungen der Individuen aufgreifen und sie an gesellschaftliche Umformungen anbindet, um die Strategien der Legitimationen kapitalistischer Arbeitswelten aufzuzeigen. Der Vortrag soll die Problematiken der subjektiven, institutionellen und empirischen Sichweisen auf (Erwerbs-)Arbeit herausarbeiten und ebenso erkenntnisgewinnend beschreiben, wie sie verschränkt werden.

Tobias Hallensleben (Chemnitz, Gemany)

Reflexivität in postmodernen Arbeitswelten. Von der (berufs-)biographischen Genese bis zur Kultivierung organisationaler Praxis

"Institutionelle Reflexivität als analytische Konzeption anzuwenden bedeutet zunächst, Organisationen dahingehend zu untersuchen, inwieweit Regelsysteme und Praktiken vorhanden sind, die die Irritation etablierter Sichtweisen und Ordnungsstrukturen nicht nur zulassen sondern gezielt fördern, um der Fähigkeit zur Selbstaufklärung und Selbstkritik Vorschub zu leisten (vgl. Moldaschl 2005). Reflexivität meint hier den zur Methode erhoben Zweifel, der im ersten Schritt dieses Dissertationsvorhabens anhand spezifischer Verfahren organisationaler Praxis operationalisiert wird. Hierbei handelt es sich um (institutionalisierte) Methoden, in denen die Möglichkeit zur Diskussion und Revision alltäglicher Praktiken sozusagen strukturgeleitet angelegt ist.
Diesem regelorientierten Ansatz, lässt sich in einem zweiten Schritt eine subjektorientierte Perspektive gegenüberstellen, die den Reflexivitätsgrad handelnder Akteure anhand der Muster »subjektiven Sinns« (Weber 1972) zu beschreiben versucht. Anhand des im Beitrag vorgestellten Konzepts lassen sich sodann Grade der Reflexivität sowohl von Akteuren als auch von Professionen, Praktiken und organisationalen Kulturen rekonstruieren. Gleiches gilt für die empirische Ermittlung »deflexiver Handlungslogiken« (Jain 2000), einschließlich der ursächlichen Schwierigkeiten, mit ambivalenten, »unsicheren«, sich ständig wandelnden Zuständen hoher Komplexität umzugehen.
Im dritten Schritt stehen schließlich die Entwicklungsbedingungen eines reflexiven Denk- und Handlungsmodus im Zentrum der Analyse, d.h. es wird insbesondere nach der biographischen Genese von Reflexivität gefragt. Auf Basis narrativer Interviews mit Experten wissensintensiver Dienstleistungen wird Reflexivität vor dem Hintergrund unterschiedlicher Lebensverlaufsphasen (Arbeitseerfahrungen, Übergänge, Krisen) sowohl in ihrer subjektiven Bedeutung als auch in ihrer strukturellen Eingebettetheit für die Fallanalyse geöffnet. Untersucht wird, wie sich Reflexivität als Kompetenz über die Lebensspanne hinweg entwickelt und auf welche Weise die damit verbundene Kultivierung organisationaler Handlungsstile ihrerseits (quasi rekursiv) institutionalisierte Regelsysteme hervorbringt."