Zur Vorstellung der Grenze

Zur Vorstellung der Grenze. Beobachtungen aus nordamerikanischen Migrationsmuseen.

von Joachim Baur

Bilder der Grenze sind omnipräsent. Sie stehen täglich vor Augen in den Nachrichten über afrikanische Flüchtlinge vor der Festung Europa, in den Diskussionen über einen geplanten Zaun zwischen den USA und Mexiko oder einen existenten zwischen Israel und Palästina. Zumeist sind es Bilder des Elends und der Gewalt, der Abschottung von reich gegen arm, Nord gegen Süd, weiß gegen schwarz. Bilder der Verwerfungen und der Barbarei des globalen Kapitalismus. Für KulturwissenschaftlerInnen ist die Grenze zudem omnipräsent in der Metaphorisierung von "border/borderland" als "trope du jour" in postmoderner und postkolonialer Theorie (Barrera 2003; Ewing 1998; Hicks 1991; Ribeiro 2004).

Repräsentationen der Grenze - so oder so - sind also en vogue. Im folgenden nehme ich sehr spezielle Bilder und Vorstellungen - im doppelten Sinn als Imaginationen und Einführungen - der Grenze in den Blick: solche produziert und präsentiert in Migrationsmuseen. Die Musealisierung von Migration, so knapp zum Kontext, ist ein relativ junges, dafür umso stärker boomendes Feld der Erinnerungskultur. Neben der zunehmenden Thematisierung in bestehenden Museen und in temporären Ausstellungen, entstanden in den letzten wenigen Jahren in etlichen Ländern Museen, die sich ganz dem Komplex Einwanderung oder Auswanderung widmen; in zahlreichen weiteren sind Initiativen auf dem Weg (Baur 2005: 456f.).

Ich beschränke mich hier zum einen auf den Komplex Einwanderung und zum anderen auf den Kontext Nordamerika, wo die entsprechende Entwicklung einige Jahre früher eingesetzt hat als in Europa. Insbesondere fokussiere ich auf zwei Museen, die als nationale Einwanderungsmuseen der USA bzw. Kanadas gelten können: das Ellis Island Immigration Museum in New York City und das Museum Pier 21 in Halifax, Nova Scotia.

Das 1990 eröffnete Ellis Island Immigration Museum ist mit Abstand das größte Immigrationsmuseum der Welt. Gelegen in unmittelbarer Nachbarschaft der Freiheitsstatue ist es untergebracht in einer ehemaligen Kontrollstation, in der zwischen 1892 und 1924 Einwanderer juristisch und medizinisch geprüft und je nach Ergebnis zugelassen oder abgewiesen wurden. Von 1924 bis zur Schließung 1954 wurde die Insel vor allem als Internierungslager und Abschiebegefängnis genutzt. Während der Ort mit der vor allem europäisch geprägten "New Immigration" in Verbindung steht, wird im Museum versucht, auch die weitere Geschichte der Migration in die USA abzudecken (Chermayeff u.a. 1991; Moreno 2004). Pier 21 in Halifax, aktiv genutzt von 1928-1971, ist das letzte erhaltene Einwanderer-Kontrollgebäude in Kanada. In diesem von seiner historischen Funktion her mit Ellis Island vergleichbaren, aber wesentlich kleineren und unscheinba reren Komplex wurde 1999 eine Ausstellung zur kanadischen Einwanderungsgeschichte eröffnet (Duivenvoorden Mitic/LeBlanc 1988; Vukov 2002).

Als Kontrast und Komplementär zur Vorstellung der Grenze in diesen beiden Museen werde ich abschließend knapp die Präsentationen auf Angel Island in der San Francisco Bay und des National Border Patrol Museums in El Paso betrachten.

"Willkommen" an der Grenze

Aufschluss über die spezifische Fassung und Charakterisierung der Grenze in der Präsentation des Ellis Island Immigration Museums gibt der Umweg über einen musealen Nebenschauplatz. Hinter dem Hauptgebäude des Museums, etwas unter Straßenniveau gelegen, sieht man die Fundamente des ehemaligen Fort Gibson, das nach dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg als Teil der New Yorker Hafenbefestigung errichtet und bei Bauarbeiten freigelegt worden war. Eine Texttafel gibt unter der Überschrift "Fort Gibson: The Other Ellis Island Story" in knappen Worten Auskunft über die Rolle und Bedeutung der Funde und schließt mit einer bemerkenswerten Kontrastierung: "[T]hese remains of the walls of Fort Gibson bear witness to the nearly 100 years when Ellis Island was used to ward off enemies rather than to welcome immigrants." Während die ehemalige Festung also, laut Text, Teil eines Abwehrbollwerks war, war die Einwanderer-Kontrollst ation ein Ort des Willkommens; während dort Feinde ferngehalten wurden, wurden hier Einwanderer freundschaftlich, so ist impliziert, begrüßt. Fort Gibson ist so das ganz Andere des Einwanderer-Ellis Islands. Doch wäre im Blick auf Ellis Island als Einrichtung des Grenzregimes nicht die Parallele angemessener als der Kontrast? Die Abwehr Unerwünschter mit militärischen Mitteln im einen Fall, mit ordentlich-bürokratischen im anderen Fall? Die Rhetorik des "Willkommen!", die sich auch im Rest des Museums findet, stellt das Phänomen von den Füßen auf den Kopf: von der Funktion der nüchtern-bürokratischen Kontrolle zum Zweck der Auslese Unwillkommener wird der Sinn der Kontrollstation umgedeutet und ideologisch aufgeladen in der Figur des Empfangs und Anfangs in der neuen Welt.

Verstärkt wird dies durch die narrative Parallelisierung der Kontrollstation mit dem Museum bzw. der historischen ImmigrantInnen mit den heutigen MuseumsbesucherInnen, die sich durch die gesamte Inszenierung zieht, am augenscheinlichsten etwa in der Ausrichtung des Museumsrundgangs am Weg der MigrantInnen durch den Kontrollprozess. Über diese Parallelisierung findet die skizzierte Verkehrung etwa Resonanz in der Berichterstattung, wie einige Headlines anlässlich der Museumseröffnung zeigen: "Gateway to America is Once Again Ready To Greet the Masses" (New York Times, 14.8.1990: C13), "The Golden Door, Re-opened" (NYT, 9.11.1990) oder "Once Again, Ellis Island Will Open Its Arms in Welcome" (NYT 9.6.1989: B1). Was für ein neues Museum angemessen erscheint - das emphatische willkommen heißen der anlandenden "Massen" -, irritiert zunächst, wenn rückprojiziert auf eine Einrichtung des Grenzregimes. In der gegenseitigen Überblendung vo n Kontrollstation und Museum, von Immigrant und Museumsbesucher, gewinnt die Umwertung jedoch an Plausibilität.

Damit sei nicht gesagt, dass die historische Funktion der Auslese auf Ellis Island in den Ausstellungen im einzelnen nicht erwähnt ist. Die Zahl der zwei Prozent Abgewiesener findet sich an verschiedenen Stellen und erscheint jeweils - zumeist im Gegensatz zu den 80 Prozent der sofort Zugelassenen - wie die bedauerliche Ausnahme und Kehrseite der Operationen auf Ellis Island. Räumlich anschaulich ist dies in einer Sektion, die unter der Überschrift "Isle of Hope/Isle of Tears" ein Fazit zu ziehen versucht. Während der Betrachter beim Betreten des Raumes direkt auf eine Gruppe strahlender akzeptierter Einwanderer stößt, zeigen sich die Ausgeschlossenen erst auf der Rückseite, der Kehrseite der Foto-Wand. Dass sich jedoch nicht in der Mehrheit der "willkommenen" Einwanderer, sondern gerade in den zwei Prozent der Ausgesonderten und Abgeschobenen, wie gering die Zahl auch erscheinen mag, die Funktion und, wenn man so will, das Wesen der Kontro llstation ausdrückt, geht in dieser Fassung verloren.

Das Ellis Island Immigration Museum inszeniert die Grenze also nicht als Ort des Ausschlusses, sondern als Ort des Willkommens. Die Kontrollstation als Einrichtung des Grenzregimes wird zum "Gateway to America". Neben der vermeintlichen Offenheit der USA und der amerikanischen Aufnahmegesellschaft gegenüber MigrantInnen suggeriert diese Metapher des "Tors zur neuen Welt" einen eindeutigen und leicht fassbaren Übergang von dort nach hier, von draußen nach drinnen, davor und danach - von alter Identität und Loyalität zu neuer, ohne Zwischentöne, Brüche, Differenzen. Die Nation konstituiert sich in dieser Fassung der Grenze nicht negativ, durch Abgrenzung gegen ein Außen, sondern positiv als Gemeinschaft derer, die das viel zitierte magisch-mythische "gateway" durchschritten haben. Erst in dieser Version wird es möglich, die Kontrollstation auf Ellis Island als Geburtsort der amerikanischen Einwanderergesellschaft zu feiern. Nicht ohne Ironie ist dabei, wie Kirshenblatt-Gimblett (1998a: 178) scharf in Erinnerung ruft, dass eben der Ort, an dem nun dieses "Willkommen!" und die multikulturelle Nation gefeiert werden, nur deshalb für das Museum verfügbar wurde, weil zuvor die Auslese der Immigranten über eine restriktive Einwanderungspolitik ins Extrem der weitestgehenden Abschottung getrieben und damit die Immigration Station obsolet geworden war.

Im kanadischen Einwanderungsmuseum Pier 21 findet eine ähnliche Umwertung statt. Anders als auf Ellis Island ist die Präsentation hier vollständig am Narrativ der Reise ausgerichtet. Die Dauerausstellung "The Immigration Experience" verfolgt in einem losen Parcours anhand mehrerer Stationen den Weg der Einwanderer während der aktiven Zeit von Pier 21: "Leaving", "Travelling", "Waiting", "Customs", "First Steps", "Cross-Country". Die Gestaltung ist von drei auffälligen Elementen in Form von kulissenartigen Inszenierungen geprägt: dem Schiff, sinnbildlich für die Reise nach Kanada, dem Zug, für die Reise durch Kanada, und schließlich dem Gebäude selbst, auf das zusätzlich mit einem Modell und einem nachgebauten Wartesaal verwiesen ist.

Neben der offensichtlich intendierten Abbildung der entscheidenden, von allen MigrantInnen durchlaufenen und mithin gemeinschaftsstiftenden Phasen der Migration entdeckt sich in dieser Erzählung eine zweite Bedeutung: Die Ausstellung metaphorisiert Einwanderung als "rite de passage", als Übergangsritus in ein neues Leben. Im Zentrum der Präsentation - sowohl räumlich als auch dramaturgisch - steht mit der Inszenierung eines Wartesaals und des Schreibtischs eines Grenzbeamten der bürokratische Akt der Einwanderung. Der Grenzübertritt wird zum Höhepunkt und Wendepunkt zu einem glücklicheren Leben sowie zum eigentlichen Ausdruck der Migration stilisiert.

BesucherInnen werden in diese Erzählung nicht nur über das Narrativ der Reise und die Ausstellungstexte, die den Leser in der zweiten Person Singular direkt als Einwanderer ansprechen, einbezogen, sondern auch durch täglich wiederholte Rollenspiele an dieser Grenze. MuseumsmitarbeiterInnen in Uniform befragen BesucherInnen auf humorvolle Weise zu den Gründen ihrer Migration - der Stempel "Landed Immigrant" wird hier keinem versagt. Die Grenze wird in diesen (Theater-)Vorstellungen in freundlichen Grenzbeamten personalisiert, die in ihrer Mehrheit den sogenannten "visible minorities" angehören. Kanada wird präsentiert als tolerantes, für jeden offenes Land ohne Rassismus und gesellschaftliche Spannungen, und die ehemalige Kontrollstation wird - im Sinne einer "invention of tradition" - zum Beleg für die tiefe historische Verwurzelung einer tatsächlich erst seit 1971 offiziell gültigen Politik des Multikulturalismus (Zorde 2001 : 65f.; Hobsbawm/Ranger 1983).

Migranten sind "moving targets". Was Gisela Welz (1998) als Herausforderung für ethnographische Forschungen darstellt, gilt als Problem auch für die Erinnerungskultur in den USA und Kanada. Wie lässt sich das disparate kulturelle Erbe der Einwanderer fassen und gemeinschaftsstiftend zusammenfassen? Wo lässt sich die Einwanderernation wirkungsvoll ins Bild setzten? Es sind die Grenzstationen, an denen die unterschiedlichen Wege scheinbar wie in einem Knotenpunkt zusammenlaufen, die sich zuallererst als Orte für die Inszenierung einer (vermeintlich) gemeinsamen Erfahrung anbieten und an denen die große Erzählung der Einwanderung und der "vorgestellten Gemeinschaft" der Einwanderer, zelebriert werden kann. Aus dieser geschichtspolitischen Notwendigkeit mutiert die Grenze zum positiven Ort - zum Ort des gemeinsamen Ursprungs bzw. des Ursprungs von Gemeinsamkeit.

Sehnsucht nach der klaren Grenze

In der Feier der Grenze als positivem Ort des Willkommens und des Neubeginns werden "[g]egenwärtige Einwanderungsbarrieren und Ausschlussmechanismen ebenso ausgeblendet wie die disziplinierende Funktion der ehemaligen Einreisekontrollstelle" (Welz 1996: 187). Insbesondere mit Blick auf das Ellis Island Immigration Museum entdeckt sich neben der Konstruktion der positiven Grenze noch ein zweiter Aspekt: die Sehnsucht nach und Glorifizierung der klaren Grenze. Das Museum wurde in eine Zeit hinein geplant und eröffnet, in der die Frage nach der Eindeutigkeit und Solidität der Grenze - und damit eines entscheidenden Faktors staatlicher Souveränität - massiv in der Debatte stand. Im Angesicht einer durchlässig und unkontrollierbar gewordenen Grenze nach Süden, verstärkter undokumentierter Immigration und, allgemeiner, der Erosion nationaler Grenzen im Zeichen der Globalisierung (Sassen 1996), erreichte der Diskurs über "Losing co ntrol of our borders" Mitte der achtziger Jahre einen Höhepunkt (Chavez 2001: 113, 118). Ronald Reagan bediente diesen Topos etwa in seiner Erklärung zur Verabschiedung des Immigration Reform and Control Act 1986, mit dem die illegale Einwanderung in die USA reduziert werden sollte: "Future generations of Americans will be thankful for our efforts to humanely regain control of our borders and thereby preserve the value of one of the most sacred possessions of our people: American citizenship" (zit. n. Daniels 2001: 52). Die Inszenierung der Kontrollstation auf Ellis Island als Dreh- und Angelpunkt des Einwanderungsnarrativs kann mithin als ein Versuch der ideologischen Rückgewinnung und Befestigung der klaren Grenze gelesen werden. In dieser Version der Erzählung von Migration gibt es keine "borderlands" die von einer Kultur des reziproken Grenzübergangs und der Kommunikation durchdrungen sind (Clifford 1997: 246) und keine "Entortung der Gren ze", in der die Kategorie des Nationalen der auflösenden Wirkungsweise der "internen Grenzen", welche die globalen Ungleichheiten widerspiegeln, unterworfen ist (Balibar 2005). Hier ist die Grenze noch und nur eine eindeutige Linie als klares Außen der als natürliche Einheit gedachten Nation. In einer Zeit der Unsicherheit präsentiert das Museum mit dem "Gateway to America" das Bild eines klar definierten und wohl kontrollierten Zugangs zu Staat und Nation und bedient damit ein überkommenes Idealbild domestizierter Migration.

Andere Grenzen

Während auf Ellis Island und Pier 21 in großer Geste die Grenze als positiver Ort des Willkommens gefeiert wird, liegt eine andere historische Einwanderer-Kontrollstation weit weniger im Mittelpunkt öffentlicher Geschichtsinzenierung : Angel Island bei San Francisco wurde zwischen 1910 und 1940 als Internierungslager zur Durchsetzung anti-chinesischer Einwanderungsbestimmungen genutzt. Aufgrund der im Gegensatz zu den anderen Kontrollstationen offensichtlicheren Funktion des Ausschlusses und des Charakters als Manifestation rassistischer Einwanderungspolitik scheint sich dieser Erinnerungsort für die "invention of tradition" im Einwandererland USA weniger zu eignen. Hinzukommt, dass sich dieser Ort nicht mit europäischer, sondern asiatischer, v.a. chinesischer Immigration verbindet und Asian Americans, nach Lisa Lowe (1996: 1-36), einem nach wie vor bestehenden Motiv gemäß nicht wie AmerikanerInnen mit europ&aum l;ischem Hintergrund als konstitutiv für die amerikanische Gesellschaft, sondern als "perpetual immigrants" und "foreigners within" gesehen werden. Statt eine Gegenerzählung zur Feier der positiven Grenze und zur europäisch konnotierten Figur des Immigranten, wie sie durch Ellis Island etabliert ist, ins Bild zu setzen, bleibt Angel Island jedoch weitestgehend unbemerkt im langen Schatten seines Widerparts an der Ostküste (Daniels 1997).

Bezeichnenderweise zielen aktuelle Initiativen, das Profil Angel Islands als Erinnerungsort zu heben, um ein größeres Publikum anzusprechen und bessere Finanzierung zu gewährleisten, auf die Angleichung der Geschichte an ein patriotisches Narrativ. In Überarbeitungen von Ausstellungen und Führungen wird der Fokus von der rassistischen Einwanderungspolitik der USA weg auf die MigrantInnen hin gelenkt, die als hart arbeitende, mit dem Willen zur Überwindung von Widrigkeiten gerüstete Menschen auf der Suche nach Freiheit, Demokratie und ökonomischen Chancen erscheinen (Hoskins 2004: 691ff.). Wenngleich Angel Island durch das "re-packaging" seiner Geschichte und die Feier der Internierten als Personifizierungen amerikanischer Ideale an Aufmerksamkeit gewinnen mag, werden die ausschließenden und disziplinierenden Mechanismen der Grenze darin noch stärker unsichtbar.

Wenn Angel Island einen (wiewohl sich auflösenden) Kontrast zur Feier der positiven Grenze darstellt, erscheint das National Border Patrol Museum in El Paso, TX, als komplementärer Entwurf zur musealen Anrufung der klaren Grenze und der kontrollierten Immigration. Gegründet Mitte der 1990er wird hier unter dem Leitspruch "Where heroes and legends come alive!" die Geschichte des U.S. Grenzschutzes und seines täglichen, heroischen Kampfs gegen illegale Einwanderung, insbesondere an der Grenze zu Mexiko, zelebriert. Zu sehen sind Abzeichen, Fahnen und Waffen verschiedener Einheiten, aber auch Gefährte von Schleppern und missglückte Tarnungen von MigrantInnen. Im Museumsshop erhältlich sind neben Mützen, T-Shirts, Stiefelsporen und Golfbällen mit der Aufschrift "I Support Our Border Patrol" auch vergoldete Handschellen und Spielzeughelikopter. Der Buchladen führt Titel wie "Tales of the Rio Grande" mit "real life sho rt stories depicting the action and humor of actual Border Patrol Officers", Anleitungen zu "people tracking skills and methods in the outdoors", und treffenderweise auch einen Band mit "hunting stories" aus aller Welt (www.borderpatrolmuseum.com; Barrera 2003; Dallas Morning News 2.9.2006).

Ein gemeinsames Thema aller Museumsobjekte und -inszenierungen sowie der Artikel im Shop ist die Charakterisierung der "illegalen" MigrantInnen als Kriminelle und damit als Bedrohung für die amerikanische Gesellschaft und Nation. Statt der Rhetorik des "Willkommens" und des "Tores", wie in Ellis Island und Pier 21, ist die Präsentation hier durchsetzt mit Metaphern der "frontier", der Jagd und nicht zuletzt des Krieges. Konsequent ist so, dass nicht Verweise auf das "neue Leben" der Einwanderer die Präsentation prägen, sondern vielmehr der Tod den bestimmenden Rahmen abgibt. Dies wird deutlich in einer Vitrine mit Abzeichen der Beamten, die im Dienst ums Leben gekommen sind, in Schaukästen voll mit Waffen und der nachgestellten Szene einer Migranten-Jagd im Schneemobil unter dem Titel "The One That Got Away". Barrera (2003: 167) analysiert in seinem Aufsatz "Aliens in Heterotopia" treffend: "The allusion to death frames the issue as a mythical opposit ion, as a situation of life and death, where two subjects are engaged in a conflict that can only be solved through reduction by annihilation or assimilation."

Das National Border Patrol Museum verkörpert die verdrängte Seite von Ellis Island und Pier 21: Wo die klare Grenze in Gefahr und das Ideal der kontrollierten Migration außer Kraft erscheint, wo es sich um aktuelle, nicht historische und noch dazu in ihrer Mehrzahl unerwünschte Einwanderer handelt, tritt die Repression aus der musealen Versenkung in den Vordergrund und mutiert nun ihrerseits zum Gegenstand der Glorifizierung.

Literatur

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