Neue Identitäten

Neue Identitäten in der sich transformierenden Welt

von Olga Michel

"In unserer heutigen Zeit kann man nur noch in der Leere des verschwundenen Menschen denken. Diese Leere […] ist nichts mehr und nichts weniger als die Entfaltung eines Raumes, in dem es schließlich möglich ist, zu denken" (Foulcault 1974, S. 412)

Der postmoderne Diskurs stellt den Menschen vor die Tatsache der Aufwertung der Marginalität, der Entfaltung des Hybriden, der Hinwendung zu "schizogenen" Identitätsformen, der Entwurzelung des Menschen aus dem Zeit-Raum-Kontinuum und seinem soziokulturellen Kontext. Diese Entwicklung reicht von der Entstehung der entgrenzten Kulturen, Entortung, Werte und Ethik ohne Kriterium, ohne Geschichte und ohne ein Subjekt bis zur These über den Tod des Subjektes und "das Ende der Überschaubarkeit und der binären Oppositionen zwischen den Herrschenden und Beherrschten, Macht und Ohnmacht, Ausbeutung und Revolution" (Ha 1999, S. 74). Angesichts dieser Herausforderungen wird der heutige Mensch vor die Fragen nach neuen Strategien der Realitätsbewältigung, neuen Identitätskonzepten und neuen Möglichkeiten der Wirklichkeitskonstruktion gestellt.

Eine Analyse der Mechanismen der Identitätsbildung zeigt, dass sich Identitätsprofile infolge der Auseinandersetzung mit der Außenwelt und infolge der Bezugsprozesse auf die zeitlichen bzw. historischen, räumlichen bzw. regionalen und soziokulturellen Variablen herausbilden. Die Ausprägungen der Bezugsvariablen der Zeit, des Raumes und der soziokulturellen Einheit sind kulturell bedingt und agieren in unserem Bewusstsein bei der Konstruktion der subjektiven Wirklichkeit in Form der kulturellen Codes. Durch die Aneignung bzw. Internalisierung dieser kulturellen Codes entwickeln sich bestimmte Identitätsprofile, Lebensentwürfe bzw. Sinn- und Glücksvorstellungen. So bilden die kulturellen Codes den Handlungsrahmen des Menschen zwischen "ich darf bzw. ich muss" und "ich darf nicht bzw. ich muss nicht" ab. In diesen Handlungsrahmen wird der individuelle Faktor, das Meadsche I, integriert. Gemeinsam stecken diese Faktoren - der individuelle Faktor "ich kann bzw. ich will vs. ich kann nicht bzw. ich will nicht" und der soziokultureller Faktor "ich darf bzw. ich muss vs. ich darf nicht bzw. ich muss nicht" - die Rahmenbedingungen der menschlichen Entwicklung ab und werden in ihrer Einheit und in ihrem Wechselverhältnis als Identität wahrgenommen. Der Schluss liegt daher nahe, dass die Ausprägungen der Bezugsvariablen der Zeit, des Raumes und der Kultur bzw. der soziokulturellen Einheit, mit anderen Worten, kulturelle Codes bei der Konstruktion der subjektiven Realität und der kulturellen Identitätsprofile eine wesentliche Rolle spielen, da sie Entwicklungsoptionen, Entwicklungsrichtung und Entwicklungspotenzial einer Persönlichkeit implizieren. Hierdurch wird die These über die Konstruierbarkeit der Identität begründet.

Ein weiterer wichtiger Mechanismus der Identitätsbildung liegt in der Natur der Wechselbeziehung zwischen dem Menschen und der Umwelt bzw. seiner historisch und räumlich festgelegten und kulturell geprägten Realität. Diese Wechselbeziehung erfolgt lebenslang und erfordert eine gewisse Anpassungsarbeit, deren Ziel die Selbstbehauptung und Integration in den gegebenen räumlichen, zeitlichen und soziokulturellen Kontext ist. Diese Anpassungsarbeit in Form von Rückschlüssen, Rückbezügen bzw. Selbstbezügen veranlasst eine Veränderung, Reorganisation oder Re-thinking des bestehenden Identitätskonstruktes. Dies lässt den Schluss über die Veränderbarkeit und Anpassungspotenziale der Identität zu.

Neben Konstruierbarkeit und Veränderbarkeit stehen Emotionalität und Kognitionsprozesse als weitere wesentliche Mechanismen der Identitätskonstruktion, denn Identität ist die Frage des Glaubens, des Gefühls, der Erkenntnis und der Bekenntnis. Integration in eine gegebene soziale Einheit, die räumlich, zeitlich und kulturell definiert ist, erfolgt nur unter der Bedingung des Vorhandenseins eines emotional und kognitiv bekräftigten Integrationswunsches. Dies bedeutet, dass man einem System Vertrauen schenkt und die kulturellen Codes in der Weise glaubwürdig und attraktiv findet, dass man sich dazu bekennt und sich freiwillig der Anpassungsarbeit aussetzt, deren Hauptbedeutung und Hauptanliegen in der Grenzziehung der eigenen Möglichkeiten im Rahmen des neuen Systems bestehen.

Wendet man sich der Analyse eines uns vertrauten Systems zu, kommt man zum Schluss, dass eine binäre Kodierung der Bezugsvariablen vorherrschend war bzw. ist. So wird in der westlichen Zivilisation die Zeit linear dargestellt und mit dem Code "es war vs. es wird" versehen. Wird von der Gegenwart gesprochen, so handelt es sich normalerweise um die "Gegenwart der Erinnerung" und die "Gegenwart der Hoffnung". Die Präsenz der Gegenwart wird also strittig, denn sie wird durch Vergangenheit und durch Zukunft ausgeprägt. Die Annahme liegt nahe, dass die Gegenwart in unserer Kultur zu einem Grenzwert wird, der Vergangenheit von der Zukunft abgrenzt. Die Wahrung dieser Grenze in der zeitlichen Dimension ermöglicht eine Strukturierung unseres Daseins, die in Form abgeschlossener Lebensgeschichten und Lebenskapitel oder Lebensetappen fungieren und die Illusion eines neuen Starts geben.

Die weitere Bezugsgröße - der Raum - wird ebenfalls binär kodiert: in unserem Kulturkreis wird zwischen dem "hier vs. da" oder "innerhalb vs. außerhalb" unterschieden. Dazwischen liegt eine Grenze, deren Wahrung genauso wie die Wahrung der zeitlichen Grenze die Strukturierung des Handlungsfeldes ermöglicht. Darüber hinaus ziehen wir selber Grenzen, um unseren Raum und unsere Zeit für uns selbst klar und verständlich. Wir füllen die zeitlichen und räumlichen Dimensionen sowie die soziokulturelle Einheit mit einer Bedeutung, mit welcher wir uns dann identifizieren. Damit gewinnt die Grenze als Phänomen einen essenziellen Sinn, denn ohne Grenzziehung und Grenzfindung erfolgt die Loslösung von Strukturen, was zu Desorientierung, Entwurzelung und Entgrenzung führt.

In der soziokulturellen Dimension sind diese binären Kodierungen ebenso vorherrschend. So grenzt sich eine soziokulturelle Einheit von der anderen durch die Unterscheidung "eigen vs. fremd", "richtig vs. falsch" ab. In diesem Zusammenhang erscheint die Frage nach der Bedeutung einer solchen Differenzierung wichtig. Das Schaffen der kulturellen Oppositionen mit Grenzen dazwischen ermöglicht ebenfalls die Strukturierung und Gestaltung des Handlungsfeldes des Menschen. Denn: Was macht einen Menschen aus? - sein Zugehörigkeitsgefühl bzw. Zugehörigkeitsbekenntnis, sein Heimatgefühl bzw. Ortbekenntnis und sein Bekenntnis zu bestimmten Werten (seien es moderne oder traditionelle Werte). In allen diesen Gefühlen handelt es sich um ein Zusammenspiel der Zeit-, Raum- und Kulturdimensionen in einer bestimmten Ausprägungsform, die mit einem bestimmten Code versehen ist. Durch diese Grenzziehung wird das Handlungsfeld erst möglich und gewinnt in seiner Entwicklung eine Eigenart, eine Besonderheit und Kolorit. Das eigentliche Problem besteht nicht im Phänomen der Grenzziehung, sondern in der Art und Weise der Grenzziehung. Eine stigmatisierte Grenze zwischen dem Eigenen und dem Anderen führt zur Entstehung von Kommunikationsblockaden auf beiden Seiten, Undurchdringlichkeit und Intransparenz in der Kommunikationsgestaltung sowie Entstehung der Feindbilder und Vorurteile.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich der Mensch seine Umwelt in einer strukturierten Form aneignet, indem er sich auf bestimmte Codes/Ausprägungen der Variablen der Zeit, des Raumes und der soziokulturellen Einheit bezieht. Infolge dieses Bezugsprozesses erfolgt die Konstruktion seiner persönlichen Identität und seiner subjektiven Wirklichkeit. Das bedeutet, dass die Identität infolge der emotionalen und kognitiven Reaktionen lebenslang konstruiert wird und je nach den Umständen einer stärkeren oder einer geringeren Veränderung unterliegt. Der Mensch entwickelt bestimmte Interaktionsmechanismen mit seiner Umwelt, die seine Integration in diese Umwelt und sein Wachstum bzw. seine persönliche Entfaltung ermöglichen. Der Mensch zeichnet seinen Handlungsrahmen ab, indem er sich in den Dimensionen der Zeit, des Raumes und der Kultur einordnet, sie strukturiert, mit einem Sinn füllt, sich auf diesen Sinn bezieht und daraus sein Identitätsbild bezieht. Der Mensch versteht sich und sieht sich nur im Kontext des Zeit-Raum-Kontinuums und im Kontext der soziokulturellen Wirklichkeit. Ohne die Möglichkeit, sich auf diese Variablen beziehen zu können, ist weder die Konstruktion der Wirklichkeit noch die Identitätsentwicklung in der Form, in der wir sie kennen und für "normal" halten, denkbar. Fraglich erscheint ebenfalls unter den Umständen die Fähigkeit zum gezielten bewussten Handeln. Ein Beispiel dafür ist die Situation des Kulturschocks, in der der Betroffene durch die Loslösung aus dem gewohnten soziokulturellen Kontext und seinem Zeit-Raum-Kontinuum einige Tage desorientiert ist und zu einem selbständigen Handeln und Entscheiden praktisch unfähig ist. Diese Situation wiederholt sich in einer späteren Phase der Integration in einen anderen Kulturkreis, wenn es dem Betroffenen die Unterschiede zwischen der anderen sozialen Konstruktion und der eigenen Wirklichkeit bewusst werden. Auf dieser Stufe kommt es sogar zu einer psychischen Störung, Isolation und dem depressiven Zustand (Han 2000, S. 169ff.). Diese Beispiele verdeutlichen die Gefahren einer Entwurzelung des Menschen aus dem zeitlichen, räumlichen und soziokulturellen Rahmen und bestätigen damit die essenzielle Bedeutung des Bezugsprozesses auf diese Dimensionen. Infolge dieses Bezugsprozesses wird also der Handlungsrahmen mit bestimmten Grenzen abgesteckt. Daraus wird ersichtlich, dass die Grenzziehung, Grenzfindung, Strukturierung der Zeit, des Raumes und der soziokulturellen Einheit, die Identitätsbildung und Handlungsfähigkeit aufeinander angewiesen sind. Sie bedingen die gegenseitige Entwicklung und sind nur in ihrem Zusammenhang und Wechselverhältnis zu betrachten. Die Beachtung dieser Mechanismen ist daher unumwunden, wenn man über die Herausforderungen der heutigen Welt spricht.

Die Darstellung der Welt "im Zeitalter der Globalisierung" wird in den Literaturquellen und öffentlichen Medien in Verbindung mit der zunehmenden Differenzierung und Segmentierung des Systems, dem Zusammenwachsens der augenscheinlich kontroversen Erscheinungen, mit zunehmenden Divergenzen und Widersprüchen gebracht. Das Paradoxe löst das Utopische ab, das Intransparente wird mit dem Bizarren ergänzt. Der Mythos ist dabei kaum von der Wirklichkeit zu trennen. Angesichts dieses Hintergrundes entsteht mit besonderer Schärfe und Brisanz die Frage nach den Anpassungsgrenzen eines Menschen, dessen Essenz das Zusammengehörigkeitsgefühl, Heimatgefühle sowie Ursprungsmythen, Erinnerungen und Hoffnungen ausmachen, dessen essenzielle Bedürfnisse das Streben nach der Integriertheit, der Geborgenheit und Sicherheit, der Durchsetzung des eigenen Weltbildes sind. Auch wenn der moderne flexible und mobile Homo Oeconomicus und Ratio heutzutage die angeblich führenden Maximen für Handlungen und Entscheidungen seien, kann dem entgegengebracht werden, dass die erste Reaktion auf einen Reiz in der Umgebung die emotionale Reaktion bleibt und auf die Konfliktsituationen nur in Ausnahmefällen rational und konstruktiv eingegangen wird, was ineffizient und energieaufwändig. Als ein weiterer Einwand ist das Phänomen des longue durée von Braudel (Landwehr 2004, S. 88) anzuführen, nach dem die mentalen Strukturen des Menschen sich nur langsam an die Veränderungen in der Umgebung anpassen. Es ist nicht zu bestreiten, dass die Bezugsvariablen der Zeit, des Raumes und der Kultur heutzutage eine in der Geschichte der Menschheit einmalige und präzidente Entwicklung annehmen, die ebenfalls von Widersprüchen und Paradoxien geprägt werden. Die Zeit wird schneller und langsamer, der Raum kleiner bzw. enger und überdimensionaler/grenzloser. Die Kultur spaltet sich ebenfalls in zwei auseinander laufende Extreme: sie wird lokaler und globaler, diverser und einheitlicher. Es ist beinahe unmöglich eine Trennlinie zwischen den realen Veränderungen der Phänomene und der Verschiebung in der menschlichen Wahrnehmung zu ziehen. Eines steht aber fest, die Welt ändert sich, es ändern sich Regeln- und Normensätze, es ändern sich Akteure, Strukturen, Zusammenhänge, Kommunikationsabläufe und Machtverteilung im System. Und schließlich: es ändern sich die Ausprägungen der Bezugsvariablen der Zeit, des Raumes und der Kultur. Der Mensch wird aus dem vertrauten Zeit-Raum-Kontinuum und aus dem vertrauten soziokulturellen Kontext losgelöst. Er ist heute emanzipierter Kosmopolit, der in seiner verplanten Freizeit durch digitale Räume surft, um imaginäre Freundschaften zu knüpfen und sich ein wertfreies Urteil über die pluralen Lebensweisen der imaginären Anderen zu fällen. Er leidet unter Einsamkeit, Selbstbezogenheit, Egoismus, unterdrückten Leidenschaften und Entgeisterung. Er scheut sich vor sozialen Bindungen, wünscht sich keinen Nachwuchs, übernimmt keine Verantwortung und ist nicht imstande, Vertrauen zu schenken außer seinen vereinsamenden Haustieren. Er ist im Grunde genommen extrem verunsichert und verängstigt. Deswegen versichert er sich gegen alle unmöglichsten Eventualitäten. Diesem Menschen mangelt es an Zeit, Raum und an Kultur. Er ist der emanzipierte Jude (Park 1928), der Fremde unter den Fremden, der kulturelle Hybride, der "marginal man" und der Gewinner mit Versagensgefühlen. Er ist entwurzelt, desorientiert und desozialisiert. Er hat keine Geschichte und keine Zukunft. Das ist das heute angestrebteIdealbild des Menschen, sein Identitätsprofil. Kaum vermittelt solch eine Beschreibung ein Bild über ein erfülltes glückliches Leben. Diese Identität bezieht sich auf andere Codes der Variablen der Zeit, des Raumes und des soziokulturellen Kontextes. Im Folgenden werden diese neuen Codes in der Form folgender divergierenden Tendenzen dargestellt:

1. Verknappung vs. Überschuss
2. Verdichtung vs. Zerstreuung
3. Verfestigung vs. Formbarkeit
4. Versklavung vs. Befreiung

Im Folgenden werden einige Beispiele dafür angeführt und die Konsequenzen für die Identitätskonstruktion dargelegt.

A) So äußert sich die Tendenz "Verknappung vs. Überschuss" in der zeitlichen Dimension in den uns allen bekannten Last-Minute-Angeboten, in dem Zeitdruck und Verplantheit einerseits, denen andererseits Verjungungswahn ("for ever young") mit dem daraus resultierenden Körperkult gegenübersteht. In der räumlichen Dimension kann man Raummangel für Authentizität und Kampf um Ressourcen anführen. Der Überschuss zeigt sich in der räumlichen Dimension in den Phänomenen der Nicht-Orte (Infrastruktur), der Entstehung der imaginären Räume und im Massentourismus. Die Verknappung in der soziokulturellen Dimension lässt sich mit der McDonaldisierung der Welt und Individualisierung in Verbindung bringen, indem sich der Überschuss in der Vielfalt der Lebensentwürfe, Identitätsmuster und zum Beispiel in der Individualisierung der Religion zeigt. Aus der Verknappungstendenz resultieren folgende Konsequenzen: extremer Leistungsdruck mit Versagens- und Existenzängsten. Die Überschusstendenz führt ihrerseits zum Perfektionismus, zur Angst, bessere Möglichkeiten zu verpassen, zur damit verbundenen Verausgabe und zu Entscheidungsproblemen.

B) Die Tendenz "Verdichtung vs. Zerstreuung" liegt folgenden Phänomenen zugrunde: Einerseits erlebt man auf Schritt und Tritt eine überdimensionale Intensität der Zeit, des Raumes und der Kultur: beispielsweise die 50 bis 60-jährigen Girlies, die alles einholen und das Ausleben sich zum Ziel setzen; die Konzentration aller möglichen kulturellen Essensangebote an einem Ort oder aller Weltanschauungskonzepte in einem Buchladen. Die Zerstreuung drückt sich dabei in den dezentralisierenden Tendenzen aus oder in der Verlagerung der Akzente auf die Peripherie: Geheiratet wird in Lederhosen und Trachten. Manager leben an den Nicht-Orten (Flughäfen und Bahnhöfen) und schlafen 4 Stunden in fremden Hotelbetten ihr ganzes Leben lang. Die Konsequenzen daraus sind leicht abzuleiten: Kinder mit Wochenendvätern, Überforderung der Wahrnehmung und der dadurch ausgelöste Abgang von den ursprünglichen Zielen, Identitätsverlust und Desorientierung.

C) Eine weitere Tendenz "Verfestigung vs. Formbarkeit" äußert sich besonders einleuchtend im Phänomen der zeitlichen, räumlichen, kulturellen und mentalen Grenzen bzw. am Prozess der Identitätsbildung selbst. Einerseits wünscht man sich grenzfreie, kontrollfreie Bewegungssysteme und macht sie humaner bzw. formbarer, andererseits verlagern sich die Grenzen und verfestigen sich an anderen Orten bzw. in anderen Aspekten: So flexibel und mobil der heutige Mensch zu scheinen mag, macht man Termine einen halben Monat oder ein halbes Jahr im Voraus aus. Einerseits wird man an den Grenzen kaum noch kontrolliert, zumindest in Europa, andererseits sieht man in der Schweiz eine kleine Brücke mit 10 Nationalfahnen und in einer kleinen schweizerischen Stadt Bad Ragaz stößt man auf ein Restaurant mit einem für sich selbst sprechenden Namen "National Club". Die Offenheit hat ihre Grenzen und stößt damit auf Geschlossenheit, und die Formbarkeit - auf die Verlagerung mit der weiteren Verfestigung. Nicht zufällig tauchen immer häufiger in den Schlagzeilen der Zeitungen und in den wissenschaftlichen Debatten Themen wie Neonationalismus und Rechtsextremismus auf.

D) Die letzte an der Stelle zu beschreibende Tendenz "Versklavung vs. Befreiung" führt ebenfalls die Umgestaltung der Beziehungen, Umdefinierung der Akteure und Strukturen bzw. Umdefinierung der Identitätsprofile und Lebensentwürfe herbei. Diese Tendenz lässt sich am Beispiel des Phänomens des Reisens verfolgen. Laut Ethnologen Herrmann Bausinger ist die Geschichte des Reisens eine Geschichte der fortschreitenden Befreiung: "immer mehr, immer weiter, immer schneller - immer weniger Zwang" (Bausinger 1991, S. 9). Betrachtet man nun einen modernen Touristen, dann kommen Zweifel auf, ob es wirklich der Fall ist, denn die ganze Reise von der Buchung bis zur Inszenierung des Authentischen und die immer gleichen Fotos - stellt nichts anderes als die freie Bewegung innerhalb eines Käfigs dar. Dieselbe Dissonanz zeigt sich in der Entwicklung der Arbeitskultur, in der Gestaltung der menschlichen Beziehungen, oder der Art und Weise, wie man die Zeit einplant und das ganze Leben nach Terminen verlebt. Die Folgen dieser Tendenz sind ebenfalls nicht erfreulich. Es erfolgt eine Mechanisierung des Menschlichen, Vernachlässigung des Gemeinschaftlichen, des Geistigen, was wiederum zum früheren Ausbrennen führt sowie zum Hindernis der Soziogenese eines Menschen wird, der praktisch in der Jagd nach dem Freiheitsmythos nie erwachsen wird.

Die kurze Darstellung und Beschreibung dieser Tendenzen und ihrer Wirkung auf bzw. Konsequenzen für die Identitätsbildung hatte zum Ziel die Widersprüchlichkeit und die daraus resultierenden Probleme der Selbstfindung im Kontext der Ausgangsprämissen der kodierten Bezugsvariablen der Zeit, des Raumes und der Kultur aufzugreifen. Eine wichtige Schlussfolgerung besteht darin, dass die Veränderung in der Art und Weise der Kodierung der Bezugsgrößen eine Veränderung in der Wahrnehmung der Umwelt, des eigenen Selbst, der Verhaltensweisen und der Konstruktion der sozialen Wirklichkeit verursacht. Es ist nicht abzuleugnen, dass die Menschen immer noch primär auf das vertraute System des Zeit-Raum-Kontinuums und des soziokulturellen Kontextes Bezug nehmen. Trotzdem ist es augenfällig, dass dieses vertraute Bezugssystem Transformationen unterliegt. Es entstehen neue Reaktionsweisen und Wahrnehmungsweisen, neue Mythen und neue Märchen, hinter denen die alten Fragen nach dem persönlichen Glück und erfüllter Existenz verborgen sind. Und wie die Analyse zeigt, bilden sich in dieser sich transformierenden Welt und angesichts der unumkehrbaren Prozesse nicht nur Gewinner-Identitäten heraus. Das Widersprüchliche liegt allen diesen Prozessen zugrunde und macht damit eine eindeutige Festlegung bzw. Zusprechung einer Erscheinung zu positiven bzw. negativen Seiten der Entwicklung nicht möglich.

Literatur

  • Bausinger, Hermann (Hg.) (1991). Reisekultur: Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus. München.
  • Beck, Ulrich (1986), Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main.
  • Foulcault, Michel (1974), Die Ordnung der Dinge, Frankfurt am Main.
  • Ha, Kien Nghi (1999), Ethnizität und Migration. Münster.
  • Han, Petrus (2000), Soziologie der Migration. Erklärungsmodelle - Fakten - Politische Konsequenzen - Perspektiven. Stuttgart.
  • Landwehr, Achim/Stefanie Stockhorst (2004), Einführung in die Europäische Kulturgeschichte. Paderborn.
  • Liungman, Carl G. (1974), Sozialprodukt Geisteskrankheit. Ursachen der psychischen Störungen und Methoden der Psychiatrie. Reinbeck bei Hamburg.
  • Mead, George H. (1968), Geist, Identität und Gesellschaft. Frankfurt am Main.
  • Park, Robert E, (1928), Human Migration and the Marginal Man. In: AJS 33(1928), S.881-893.
  • Zschocke, Martina (2005), Mobilität in der Postmoderne. Würzburg.