Widerstand

Widerstand im Zeichen verinnerlichter Kontrolle

von Mareike Teigeler

Die historisch-gesellschaftspolitischen Veränderungen in der Passage vom Fordismus zum Postfordismus bzw. von der Disziplinargesellschaft zur Kontrollgesellschaft 1 stellen die Grundlage dieses Beitrags dar. Der sich ändernden Verhältnisse entsprechend, soll die Frage widerständischen Verhaltens anhand einer Verbindung der Konzepte Michel Foucaults mit denen Helmuth Plessners sowohl problematisiert als auch einer Klärung näher gebracht werden. Im Fokus der dieser Veränderungen zu Grunde liegenden, in sich verschachtelten Strategien, im Kontext der Frage also, wie man die Kräfte der Unterdrückung widerständig wenden kann, wenn sie sich der Wahrnehmung zu entziehen scheinen (vgl.: Jain 2006: 1), werfen Foucaults späte Schriften über die Ästhetik der Existenz bzw. die Ethik der Selbstsorge einige vieldiskutierte Fragen, bzw. zentrale Kritikpunkte auf, die darum kreisen, inwiefern seine hier vorgestellten Konzepte über das Subjekt möglicherweise dem postfordistisch, neoliberalen Dauerplädoyer für Eigenverantwortung im Sinne eines Selbstmanagements in die Hände spielen und für eine Verschränkung seiner kritisch intendierten Ethik mit einer kapitalistischaffirmativen Doktrin sorgen. Einen Ansatz dieser möglichen Doppeldeutigkeit zu entgehen, bzw. das kritisch motivierte Moment innerhalb Foucaults Konzept deutlich zu machen, bietet meiner Meinung nach die Zusammenführung seiner Konstitutionsanalysen mit den Arbeiten Helmuth Plessners zur exzentrischen Positionalität, insofern diese den Zentralbegriff modernen Selbstverständnisses, nämlich Autonomie oder Freiheit als einen Sachverhalt der Unbestimmtheit und Möglichkeitsoffenheit beschreibt. Der Mensch ist in seiner Freiheit nicht festzulegen, Identität insofern nicht zu sichern. 1

a) Foucaults Konzept einer Ästhetik der Existenz

Foucault erweitert seine Arbeit im Zuge der Einführung des Begriffes der Regierung dahingehend, dass die beiden späteren Bände von Sexualität und Wahrheit, zunächst Band zwei Der Gebrauch der Lüste und Band drei Die Sorge um sich, seine Sicht auf das Subjekt durch die Dimension der Techniken des Selbst ergänzen. Foucault begreift das Subjekt nicht mehr, wie noch in Band eins, dem Willen zum Wissen, als völlig durch Machtverhältnisse unterworfen. Allerdings bezeichnet diese Verlagerung keine Rückkehr zu einem autonomen Subjekt, sondern öffnet vielmehr die Sichtweise dafür, den "Kontaktpunkt, an dem die Form der Lenkung der Individuen durch andere mit der Weise ihrer Selbstführung verknüpft ist" (Foucault zitiert nach Lemke 1997: 264) untersuchen zu können. Seine Auseinandersetzung mit den Techniken des Selbst beschreibt zum einen ein Instrument dafür, seinem Konzept der Gouvernementalität folgend, das Doppelspiel von gleichzeitiger Subjektivierung und Totalisierung, von Selbst-und Fremdpositionierung analysieren zu können, zum anderen bietet es eine Plattform dafür, Möglichkeiten zur Verteidigung des seelischen Wohlergehens zu entwickeln und somit eine Basis für eine Praxis des Widerstands zu schaffen. In Bezug auf die in diesem Beitrag zu untersuchende Passage ließe sich mit Hilfe Foucaults demnach eine derartige Vereinnahmung der durch Selbstsorge an das System angepassten Subjektivität erkennen, das innerhalb derselben gleichzeitig die Möglichkeit entsteht, Grenzen oder gegenläufige Prozesse entwickeln zu können. Foucault spricht in diesem Zusammenhang von einem Kampf gegen bestimmte Formen von Subjektivierung. "Im 19. Jahrhundert ist der Kampf gegen die Ausbeutung in den Vordergrund getreten. Und heute wird der Kampf gegen die Formen der Subjektivierung, gegen die Unterwerfung durch Subjektivität zunehmend wichtiger, auch wenn die Kämpfe gegen Herrschaft und Ausbeutung nicht verschwunden sind, ganz im Gegenteil." (Foucault 1994:247). Wie ein solcher Kampf gegen die neoliberale Form von Subjektivierung aussehen soll und welche Fragen und Kritikpunkte das von Foucault entwickelte Widerstandsmodell, das nicht in Determinierungsverhältnissen aufgeht, aber auch nicht mit der Figur eines völlig losgelösten, autonomen Subjekts zu erklären ist, aufwirft, soll im folgenden verdeutlicht werden.

Ich werde mich zunächst auf den Aufsatz Das Subjekt der Revolten von Thomas Seibert beziehen, um die Grundzüge des Foucaultschen Kritikmodells direkt in den Kontext des Begriffes der Situationskonstruktion zu stellen, der im weiteren Verlauf der Diskussion eine zentrale Rolle einnehmen wird. Seibert bringt Foucaults Konzept einer Ethik, das darauf zielt die Alternative von Objektivismus und Subjektivismus zu vermeiden indem es auf der Idee einer "Subjektivität ohne Heilsversprechen" (Lemke 1997: 303) basiert in den Zusammenhang mit der sich vor allem im Kontext der französischen Mai Revolten 68 etablierenden Bewegung der Situationistischen Internationale (S.I.). Die Situationisten waren eine Gruppe europäischer Avantgarde-Künstler, die an der Schnittstelle von Kunst und Politik operierend, ein Programm der theoretischen und praktischen Herstellung von Situationen entwickelten, in denen das Leben selbst zum Kunstwerk werden sollte. Sie versuchten, ästhetische Konzepte auf die Gesellschaft zu übertragen: Schön, ästhetisch interessant waren Situationen in denen sich Menschen unmittelbar frei und gleichberechtigt begegnen, austauschen, sich selbst verwalten, kreativ sind, sich ihren Leidenschaften hingeben und keinerlei unnötigen Zwängen mehr unterliegen. Der Slogan Nimm deine Wünsche für Wirklichkeit sei in diesem Kontext exemplarisch genannt. (vgl.:http://de.wikipedia.org/wiki/Situationisten). Seibert erarbeitet in seinem Artikel zum einen den Zusammenhang der Situationistischen Konzepte mit dem der Foucaultschen Existenzästhetik, "dass (nämlich M.T.) die auf getrennte Tätigkeit ästhetischer Experten reduzierte Kunstwerk-Artistik zum Alltagsleben hin entgrenzt und dass dabei vornehmlich der Gehorsam der Individuen gegenüber der Moral und der Wissenschaft gebrochen werden muss." (Seibert 1995: 26). Zum anderen jedoch stellt er fest, dass die revolutionstheoretische Abstraktion im Sinne der Idee einer proletarischen Weltrevolution, auf deren Durchbruch sich die S.I. im Zuge enttäuschter Erwartungen hinsichtlich der eigenen Momenthaftigkeit theoretisch zurückzog, mit Foucaults Konzept in direktem Widerspruch steht. Im Gegensatz zu den zweideutigen Vorstellungen der SI, die nicht genau wusste, ob es darum ging von nun an anders zu leben, oder nur darauf zuzusteuern, bemerkt Seibert, dass das "wesentliche Element der Existentästhetik (…) die Ausbildung einer die Situationskonstruktion gerade nicht mehr weltgeschichtlich, sondern bloß lebensgeschichtlich zusammenhaltenden Kohärenz der ethischen Lebensführung des einzelnen (ist)." (Seibert 1995: 27). Foucault selbst entwickelt die Grundzüge einer solchen ethischen Lebensführung aus der Analyse antiker Moralvorstellungen heraus, anhand derer er ein Kritikmodell darzustellen sucht, das im Gegensatz zu den christlichen Regelsystemen, die sich von außen kommend an einem Leben im Jenseits ausrichteten, anhand der Macht über sich selbst im Sinne eines inneren Regelsystems fungiert. Über die Erfahrung dieser Selbstbeherrschung erfährt sich das Subjekt im Rahmen der antiken Lebenskunst gleichzeitig als Bürger der Polis, ohne sich jedoch innerhalb der Raster privat-öffentlich oder ethisch-ästhetisch zu befinden. Die so geartete Ästhetik der Existenz lässt sich demnach als eine Subjektivierungsform bezeichnen, die dem Prinzip der Freiheit folgt und die Existenz als eine Arbeit an sich selbst begreift. Einer Arbeit deren Ziel allerdings gerade nicht in der Übereinstimmung mit einem äußerlichen Regelsystem besteht, sondern vielmehr in einer schönen und gelungenen Existenz zu suchen ist, deren konkrete Gestalt kollektiv bestimmt wird. (vgl.: Lemke 1997: 301). Inwieweit Foucaults Zuwendung zu den antiken Konzepten der Lebenskunst seine Arbeiten für Fragen des Widerstandes öffnet, erschließt sich aus der, der kollektiven Bestimmung dessen, was als schön und gelungen angesehen wird, innewohnenden Möglichkeit von Veränderung, durch die demnach verhindert werden kann, dass Machtverhältnisse zum Stillstand kommen und sich in Form von Herrschaft verewigen. In diesem Sinne ist Kritik nicht mehr über das eigentlich unmögliche Unterlaufen von Macht/Wissen Komplexen, in der Art von Kritik an Herrschaftsverhältnissen, denen gegenüber das Subjekt unterworfen ist, zu verstehen, sondern lässt die Möglichkeit von Kritik dahingehend als systemimmanent erscheinen, als dass ein sensibles Wahrnehmen des Funktionierens von modernen Machttechniken gleichzeitig zur Grundlage der Sicherung der eigenen Ästhetik der Existenz wird. Foucault zufolge liegt das Problem, dessen sich das Subjekt zu erwehren hat, darin, dass die Wahrheit in einem pastoral-christlichen Sinne mit den Wahrheiten in einem autonom-subjektiven Sinne verschmilzt. Die Loslösung von diesem Double-Bind ist somit nicht an das Entdecken der Wahrheit gebunden, sondern vielmehr an die Befreiung von den jeweils angebotenen Wahrheiten. Im Kontext dieser Befreiung erinnert Foucault an Baudelaires Abhandlung über den Maler des modernen Lebens, in welcher Baudelaire die Aufgabe gibt, aus dem Leben ein Kunstwerk zu machen. Im Gegensatz zu Baudelaire, der diese Aufgabe dem Bereich der Kunst zuspricht, will Foucault sie, wie im Kontext der Situationistischen Internationale bereits angesprochen, zu einer Aufgabe der gesellschaftlichen Praxis machen. (vgl.: Schmid 1991: 298). "Der moderne Mensch ist für Baudelaire nicht der Mensch, der darin aufgeht, sich selbst, seine Geheimnisse und seine verborgene Wahrheit zu entdecken; er ist vielmehr der Mensch, der sich selbst zu erfinden sucht. Diese Modernität ist nicht die Befreiung des Menschen in seinem eigenen Sein; sie zwingt ihn vielmehr, sich der Aufgabe sich selbst zu erarbeiten, zu stellen." (Foucault 1990: 45). Die Probleme, die sich in Bezug auf dieses Kritikmodell im Kontext neoliberaler Realitäten stellen, ergeben sich primär aus der Feststellung, dass die von Thomas Seibert erörterte lebensgeschichtliche Ausrichtung hinsichtlich einer Existenzästhetik durch neoliberale Kalküle unterlaufen werden kann und eine unvollkommene, sich auf die scheinbare Ordnung innerhalb eines auf dem Boden einer künstlichen, ökonomisch ausgerichteten Freiheit existierenden Möglichkeitsfeldes berufende Selbsterarbeitung, bzw. Selbsterfindung von einer vollkommenen nahezu ununterscheidbar wird. Die so entstehende Sackgasse soll durch eine Verbindung der hier angedeuteten Überlegungen Foucaults mit Helmuth Plessners Konzept der exzentrischen Positionalität aufgebrochen werden, indem die Analyse für weitere Dimensionen geöffnet wird.

b) Möglichkeiten von Widerstand im Zeichen verinnerlichter Kontrolle

Betrachtet man die zum Thema Neoliberalismus und möglichen Widerstandsformen vorliegende Literatur, fällt auf, dass die angesprochene Sackgasse auf Überlegungen zu übertragen ist, die zum Beispiel in der Depression einen Ausweg aus den Selbsterfindungszwängen aufzuzeigen versuchen. So beschreibt etwa Christine Morgenroth, dass eine depressive Reaktion Betroffener, bei aller Tragik im Einzelfall, als Basis einer Einsicht in und somit geradezu als Widerstand gegen alltägliche Zumutungen verstanden werden kann. (vgl.: Morgenroth 2003: 33). Mit Hilfe der Untersuchung dieses Beispiels soll die Basis dafür geschaffen werden, den Gewinn, der aus einer Beschäftigung mit den Analysen Plessners zu ziehen ist, herauszuarbeiten. Um den Untersuchungsgegenstand näher umreißen, bzw. problematisieren zu können bietet es sich an, das Beispiel der Depression zunächst in den Kontext des Aufsatzes über den `organlosen Körper´ von Gilles Deleuze zu führen, um eine Struktur gewinnen zu können, anhand derer die weiteren Schritte deutlich zu machen sind. Deleuze geht in diesem Aufsatz von in gewisser Weise durcheinander gebrachten Körpern, wie etwa dem drogensüchtigen oder paranoiden Körper aus. Er beschreibt, wie ein solcher Körper den normalerweise gegebenen Abläufen des Organismus, wie etwa dem Bedürfnis nach Schlaf und den hiermit zusammenhängenden Rhythmen nicht mehr gehorcht, bzw. seine eigenen Abläufe, seine eigenen Bedürfnisse oder Empfindungen entwickelt, deren Befriedigung sich dem eigentlichen Funktionieren des Organismus entziehen und dennoch innerhalb desselben stattfinden. So ist der Körper eines drogensüchtigen Menschen darauf eingestellt über den Konsum der Droge seine Bedürfnisse zu stillen; Tageszeiten, oder vom Organismus üblicherweise vorgetragene Wünsche nach regelmäßigen Mahlzeiten usw. verlieren ihre sonst Stabilität erhaltende Funktion, obwohl es immer noch die gleichen Organe sind, die nun jedoch auf andere Art und Weise Halt zu finden suchen. Deleuze fragt in diesem Zusammenhang nach der Möglichkeit einer solchen Neuordnung, jedoch ohne die selbstzerstörerische Konsequenz des dargestellten Beispiels, denn: "Das Schlimmste ist nicht, stratifiziert, organisiert, signifiziert oder unterworfen zu bleiben, sondern die Schichten zu einem selbstmörderischen oder unsinnigen Zusammenbruch zu treiben, der dazu führt, dass sie, schwerer als je zuvor auf euch zurückfallen." (Deleuze 1992: 221). Das Besondere an den Ausführungen Deleuze bzw. das für diesen Beitrag interessante, besteht in der Auseinandersetzung damit, die Möglichkeit einer Neuordnung nicht außerhalb eines bestehenden Systems, sondern innerhalb desselben zu denken. Auch Foucault agiert aus dieser Sichtweise heraus. Auf dem Begriff des Möglichkeitsfeldes (vgl.: Foucault 1994: 255) aufbauend, fasst er die grundsätzliche Fragestellung in Bezug auf die Möglichkeit des Durchleutens scheinbarer Ordnungen folgendermaßen zusammen: "Somit lautet die Frage nicht mehr: Welcher Irrtum, welche Illusion, welches Vergessen, welche Legitimitätsmängel haben die Erkenntnisse dazu geführt, Herrschaftswirkungen zu entfalten, wie sie in der modernen Welt der übermächtige Einfluss (...) manifestiert? Vielmehr wäre die Frage: Wie kann die Unlöslichkeit des Wissens und der Macht im Spiel der vielfältigen Interaktionen und Strategien zu Singularitäten führen, die sich aufgrund ihrer Akzeptabilitätsbedingungen fixieren, und zugleich einem Feld von möglichen Öffnungen und Unentschiedenheiten, von eventuellen Umwendungen und Verschiebungen, welches sie fragil und unbeständig macht, welche aus jenen Effekten Ereignisse machen, nicht mehr und nicht weniger als Ereignisse? Wie können die Zwangswirkungen, die jenen Positivitäten eigen sind - anstatt durch eine Rückkehr zur rechtmäßigen Bestimmung der Erkenntnis oder durch eine Reflexion auf ihr transzendentales oder quasi-transzendentales Wesen verflüchtigt zu werden - innerhalb des konkreten strategischen Feldes, das sie herbeigeführt hat, und aufgrund der Entscheidung eben nicht regiert zu werden, umgekehrt oder entknotet werden?" (Foucault 1992: 40/ 41). Die Entscheidung nicht regiert zu werden, oder wie Foucault es an anderer Stelle präziser ausdrückt, "nicht so, nicht dermaßen, nicht um diesen Preis regiert zu werden" (Foucault 1992: 52) richtet sich also nicht gegen ein Möglichkeitsfeld an sich, sondern vielmehr gegen die in diesem Feld herrschende scheinbare Ordnung die es zu durchschauen gilt, um den Prozess, der diese Ordnung herstellt, aufzuhalten bzw. zur Umkehr zu leiten. Deleuze konkretisiert diese Gedanken, indem er mit den von ihm gewählten selbstmörderischen Neuformungen zeigt, dass innerhalb des Systems Organismus etwas möglich ist, was an sich so nicht vorgesehen ist. Die Neuformung ist somit nicht utopisch, endet jedoch unter Umständen in selbstzerstörerischer Konsequenz. In dem Moment, in dem die vorgesehenen Raster, in welche der Organismus die Organe spannt, ihnen Halt verleiht und ihnen bestimmte Abläufe vorgibt, gebrochen werden, nehmen neue, Sicherheit versprechende Ordnungen diese Rolle ein. An diesem Punkt gehen die Ausführungen Deleuze einen entscheidenden Schritt weiter als die Foucaults. Indem Deleuze die Frage, welchen Rastern eine Neuformierung, eine Neuerfindung ausgesetzt sein kann, stellt, schafft er die nötige Sensibilität dafür, Beispielen wie dem der Depression als Widerstandsmoment nicht nur die Grundlage zu nehmen, sondern geradezu ihre Absurdität aufzuzeigen. Foucaults Konzept gibt an dieser Stelle Anlass dazu, Missverständnisse zu produzieren, die aus dem von ihm nicht klar herausgearbeiteten Verhältnis bezüglich des Wechselspiels zwischen einer subtilen sozialen Steuerung und einer sich konstituierenden `autonomen´ Subjektivität herrühren. Denn genau die von Foucault geforderten umgekehrten, entknoteten Neuordnungen sind zu oft gerade nicht Symbol von Freiheit, sondern haften umso mehr den Rastern einer selbstzerstörerischen Ordnung an. Deleuze versucht dieser Gefahr zu entgehen, indem er dazu animiert, einer bewussten Taktik zu folgen, deren Kern folgendes Zitat darstellt: "Man muss genügend Organismus bewahren, damit er sich bei jeder Morgendämmerung neu gestalten kann; und man braucht kleine Vorräte an Signifikanz und Interpretation, man muss auf sie aufpassen, auch um sie ihrem eigenen System entgegenzusetzen, wenn die Umstände es verlangen, wenn Dinge, Personen oder sogar Situationen euch dazu zwingen; und man braucht kleine Rationen von Subjektivität, man muss soviel davon aufheben, dass man auf die herrschende Realität antworten kann." (Deleuze 1992: 220). Um den Rahmen einer solchen Antwort auf die herrschende Realität, konkret also auf eine neoliberale Realität spannen zu können, um Situationen zu kreieren, die das Prinzip manipulativer Freiheit zu umgehen imstande sind, ist es nun angebracht, sich konkret mit Helmuth Plessner zu befassen. Plessners Arbeiten zur Exzentrischen Positionalität wurzeln in der Bestimmung der konstitutiven Gleichgewichtslosigkeit des Menschen, die sich aus Plessners Definition des körperlichen Leibes, der eine Mittelposition zwischen unbewusster Reproduktion und bewusster, kritischer Reflexion einnimmt, erklärt. Durch die Möglichkeit sich von sich zu distanzieren, indem der Mensch in der Lage ist, seinen Leib als Körper in Objektstellung betrachten zu können, erfährt er eine Relation der Unbestimmtheit zu sich, die die Basis einer steten Auseinandersetzung darstellt: "In dieser Relation der Unbestimmtheit zu sich fasst sich der Mensch als Macht und entdeckt sich für sein Leben, theoretisch und praktisch, als offene Frage. Was er sich in diesem Verzicht versagt, wächst ihm als Kraft des Könnens wieder zu. Was er an Fülle der Möglichkeiten dadurch gewinnt, gibt ihm zugleich die entschiedene Begrenzung gegen unendlich andere Möglichkeiten des Selbstverständnisses und des Weltbegreifens, die er damit schon nicht mehr hat." (Plessner 1981: 188). Das Prinzip des permanenten Ineinanderfließens der Perspektiven unterstreicht die Notwendigkeit dem Begriff der Situation eine zentrale Bedeutung zukommen zu lassen. Plessners Bestimmung der Situation als Grundlage widerständigen Verhaltens ergibt sich aus seiner Definition des Gegenwärtigen: "Der lebendige Vollzug ist allein je einer Gegenwart möglich, die sich damit eben als Gegenwart vor dem sich verlierenden Hinter-und Untergrund der Vergangenheit abhebt und aus dem bloßen Gewordensein als das Werdende heraushebt. Was von der Vergangenheit gesehen die letzte Auswirkung scheint, die gelebte Gegenwart, die aber eigentlich schon Vergangenheit, nur in ihrer Nähe noch gegenwärtige Vergangenheit ist, gibt sich in ihrer Unmittelbarkeit erst aus dem unergründlichen Woraufhin unserer Entscheidungen, also nur durch einen Umbruch der Blickstellung zu sehen und zu verstehen. In diesem Umbrechen des Blickes wendet sich das Leben selbst zu sich, um sich als vergangenes und gewordenes zu entdecken. In diesem Umbrechen aber hebt es sich aus dem Kontinuum des Gewordenen heraus und manifestiert als Gegenwart seine Macht über die Vergangenheit." (Plessner 1981: 183).

Anhand der Wechselwirkung in welcher Vergangenheit und Zukunft, bzw. vielmehr Vergangenheit und die Möglichkeit des Vorausschauens zueinander stehen, wird die praktisch-politische Macht des Menschen deutlich, "insofern [nämlich M.T.] von den Entscheidungen der je um ihre Gegenwart ringenden Generationen die Vergangenheit mitgestaltet wird." (Plessner 1981: 184). Das bedeutet, dass die in der Vergangenheit erworbene Erfahrungsgrundlage in die Vorausschau einfließt und sich jeweils im situativ-gegenwärtigen Vollzug, der dann bereits wieder Vergangenheit ist, neu entscheidet, inwiefern sich die nächste Vorausschau gestaltet. Ähnlich wie Deleuze Konzept vom organlosen Körper, das als ein Aufruf zur Wachsamkeit dazu verstanden werden kann, sich einer Festlegung der Funktion verschiedener Organe zu entziehen, und vielmehr dem Bild eines uncodierten, sich vom herrschenden Organismus durch permanentes Experimentieren befreienden Körpers Raum schafft (vgl.: Seyfert 2005: 4), arbeitet auch Plessner mit der Vorstellung eines sich immer wieder durch die Bedingung von Grenzen und Brüchen neu konstituierenden Lebens. Ein Konzept, dessen Basis ein spielerischer Umgang mit einer dauerhaften Abfolge neuer Situationen ist. Das Ziel der Aufhebung der Trennung von Subjektivismus und Objektivismus, das sowohl den Zielen der Situationistischen Internationalen wie auch Foucaults Konzept der Existenzästhetik zugrunde liegt, bleibt in beiden Fällen an die Festlegung der Begriffe von Freiheit oder Identität gebunden, weshalb das eigentlich konstitutiv Momenthafte, welches auch diesen beiden Ausführungen gegeben ist, sich als solches nicht frei von einer Manipulation der jeweiligen Individualisierungslogik darstellen kann. Das Begreifen des situativen Handelns aus dem Nichts heraus, verkennt die Gebundenheit an die Wechselwirkung von Kommendem und Vergangenem. Der weltgeschichtliche Rahmen, in dem die Situationistische Internationale agiert ließe sich zwar als Antwort auf diese Problematik begreifen, jedoch beinhaltet die Vorstellung einer Verschleierung tatsächlicher Wahrheit, dass auch die von ihnen konstruierten Situationen sich notwendigerweise im Kontext dieser Verschleierung befinden. Die Situation erfährt hier quasi eine Blockade durch die Idee, die ihr zugrunde liegt. Foucaults Konzept eines lebensgeschichtlich auf die Erfindung des Selbst ausgelegten Sich-Verhaltens verkennt hingegen das Prinzip der Selbstorganisation unter Bedingungen einer künstlichen Freiheit. "Denn das Selbst ist längst zu einem störenden Element im Gefüge der Macht geworden, und die Selbstfindung ist eine Industrie, die im Einklang mit der Macht steht. (…) Es geht bei der so genannten Selbstfindung entsprechend überwiegend um Selbstaufgabe." (Jain 2006: 5). Plessners Modell der Exzentrizität des Menschen besticht dadurch, weder Identität noch Freiheit als festlegbar zu konzipieren und kann meiner Meinung nach dazu beitragen, das Foucaultsche Kritikmodell erheblich eindeutiger fassen zu können, indem es durch die Grundlage der dem Menschen konstitutiv gegebenen Gleichgewichtslosigkeit das eigentliche Paradox, widerständisches Verhalten ohne Halt denken zu können, aufzulösen sucht. Die von Plessner erarbeitete Gleichgewichtslosigkeit befindet sich aufgrund der exzentrischen Positionalität des Menschen, aufgrund der auf der Möglichkeit des Blickwechsels bezüglich der Beziehung zwischen Innen und Außen basierenden Grenzrealisierung in der Grenze zwangsläufig vor einem Urteil, ohne jedoch deshalb eine freischwebende, haltlose Existenz als ihre Konsequenz herbeizuführen. Ähnlich wie Deleuze versucht "aus dem Körper ein Vermögen zu machen, das sich nicht auf den Organismus reduziert" (Deleuze 1980: 69) und somit von Differenzen innerhalb eines vollen Seins ausgeht, verweist auch Plessners Konzept der Realisierung einer Grenze auf die Notwendigkeit eines Bruches mit dem anderen Sein (Seyfert 2005: 8). Allerdings, und hier gehen Plessners Ausführungen meiner Ansicht nach einen Schritt weiter, befindet sich auch dieses `andere Sein´ zwangsläufig vor einem Urteil, wohingegen Deleuze Begriff des Organismus bereits ein Raster beschreibt, deren Befolgung es innerhalb seines Konzepts zu überwinden gilt. Anhand des folgenden Zitats von Thomas Lemke, das sich auf Foucaults Kritikmodell bezieht, soll noch einmal verdeutlicht werden, inwiefern Plessners Modell sich von einem solchen Raster löst, ohne aber in die Kategorie des `Nichts´ zu fallen: "Wir müssen das Spiel spielen, weil wir keine andere Wahl haben; aber gerade, weil wir keine andere Wahl haben, machen wir diese Tatsache zum Ausgangspunkt der Wahl dies nicht zu akzeptieren. Die ähnelt dem Unternehmen Münchhausens, sich mit den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Kritik ist für Foucault eine ethische Wahl, die sich aus dem Nichts erschafft und einen Raum der Freiheit eröffnet, indem sie den Zwang des Notwendigen nicht akzeptiert und die Kontingenz und Willkürlichkeit in dem aufzeigt, was als universell und überhistorisch erscheint." (Lemke 1997: 369). Das, was Lemke als das Nichts bezeichnet, aus dem sich die kritisch beabsichtigte ethische Wahl im Sinne Foucaults zu erschaffen hat erhält durch Plessners Situationsdefinition den Namen einer Haltsuche, die nie abgeschlossen werden kann und die nicht durch ein bestehendes, manifestiertes und nur schwerlich zu durchschauendes Ungleichgewicht innerhalb des Verhältnisses von Identität und Freiheit bereits einem bestimmten Weg folgt. Vielmehr existieren kurze, situative Momente, deren Handhabung beispielsweise auf dem Boden einer erst dieser Situation entspringenden Phantasie in immer weitere Auseinandersetzungen gespannt werden kann und einen Kontakt zu sich herzustellen vermag, einen Kontakt, den man vielleicht nicht dauerhaft leben kann, aber wie Deleuze es vorschlägt, zumindest zu fühlen im Stande ist: "In der Kritik handelt es sich nicht darum zu rechtfertigen, sondern anders zu fühlen: um eine andere Sensibilität." (Deleuze 1991: 103)

1 Die Begriffe Fordismus/ Postfordismus bzw. Disziplinargesellschaft/ Kontrollgesellschaft markieren einen Übergang, der sich sowohl in sozioökonomischer Hinsicht als auch in Bezug auf das Auftreten der in diesem Kontext wirksam werdenden Machttechnologie aufzeigen lässt. Gilles Deleuze bezeichnet diesen neuen Machttypus dem Titel seines Essays Postskriptum über die Kontrollgesellschaft folgend als eine Technologie der Kontrolle, die die Einschließungsmilieus der Disziplinargesellschaft durch eine permanente Kontrolle ersetzt. Die Krise des Akkumulationsregimes in den 70er Jahren und der mit diesem einhergehenden fordistischen Regulationsweise beschreibt in diesem Zusammenhang den Übergang von einem fordistisch geprägten Nationalstaat hin zu dem von Joachim Hirsch postulierten `nationalen Wettbewerbsstaat´. (vgl: u.a. Deleuze, Gilles (1993): Postskriptum über die Kontrollgesellschaft, in: Deleuze, Gilles: Unterhandlungen. Frankfurt am Main. Seiten 254 - 262; Hirsch, Joachim (1995): Der nationale Wettbewerbsstaat. Staat, Demokratie und Politik im globalen Kapitalismus. Berlin:)

Literatur

  • Deleuze, Gilles / Parnet, Claire (1980): Dialoge. Frankfurt am Main.
  • Deleuze, Gilles (1991): Nietzsche und die Philosophie. Hamburg.
  • Deleuze, Gilles (1992): Wie schafft man sich einen organlosen Körper?, in: Deleuze, Gilles / Guattari, Felix: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie. Berlin. Seiten 205 - 227.
  • Foucault, Michel (1990): Was ist Aufklärung?, in: Erdmann, Eva / Forst, Rainer / Honneth, Axel (Hg.): Ethos der Moderne. Foucaults Kritik der Aufklärung. Frankfurt am Main. Seiten 35 - 54.
  • Foucault, Michel (1992): Was ist Kritik? Berlin.
  • Foucault, Michel (1994): Das Subjekt und die Macht, in: Dreyfus, Hubert L. / Rabinow, Paul (Hg.): Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik. Weinheim. Seiten 243 - 261.
  • Jain, Anil K. (2006): Ankerpunkte des Widerstands. Die Gegenmacht des Unbehagens. http://www.power-xs-net/jain/pub/ankerpunkte.pdf. Seiten 1 - 10.
  • Lemke, Thomas (1997): Eine Kritik der politischen Vernunft. Foucaults Analyse der modernen Gouvernementalität. Hamburg.
  • Morgenroth, Christine (2003): Selbstverlust und Ich-AG, in: Forum Wissenschaft. 4/ 2003. Soziale Gerechtigkeit. Neue Leitbilder, neue Realitäten. Seiten 30 - 33.
  • Plessner, Helmuth (1981): Macht und menschliche Natur, in: Dux, Günter / Marquard, Odo / Ströker, Elisabeth (Hg.): Helmuth Plessner: Gesammelte Schriften. Band V. Frankfurt am Main.
  • Schmid, Wilhelm (1991): Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst. Frankfurt am Main.
  • Seibert, Thomas (1995): Das Subjekt der Revolten, in: Die Beute. Politik und Verbrechen. 4/ 1995. Seiten 19-31.
  • Seyfert, Robert (2005): Exzentrische Positionalität und Organloser Körper. Helmuth Plessner und Gilles Deleuze. Vortrag zum Plessner Workshop. Dresden. · http://de.wikipedia.org/wiki/Situationisten