Abstracts / Beiträge (2006)

Joachim Baur

Zur Vorstellung der Grenze. Beobachtungen aus einigen nordamerikanischen Migrationsmuseen

Der Beitrag befasst sich mit der Präsentation und Konstruktion der Grenze in verschiedenen Museen der USA und Kanadas. Die Musealisierung der Migration ist dort, wie auch verstärkt im europäischen Kontext, ein virulentes Thema. 1990 eröffnete das Ellis Island Immigration Museum als erstes nationales Einwanderungsmuseum der Welt, das kanadische Museum Pier 21 folgte 1999. Beide sind in renovierten ehemaligen Einwanderer-Kontrollstationen untergebracht, die sie zum Ausgangspunkt des musealen Narrativs machen.
Mit Blick auf den Komplex Grenze sind zwei Aspekte bemerkenswert: Zum einen werden die Kontrollstationen, die als Institutionen von Grenzregimes zur Abwehr unerwünschter Immigranten eingerichtet wurden, umgedeutet in Orte, an denen Einwanderer Willkommen geheißen wurden. Als solche werden sie zum Ursprung und Fixpunkt eines Mythos von der harmonischen und egalitären multikulturellen Einwanderernation.
Zum anderen transportiert die Verortung von Einwanderungsgeschichte in diesen Grenzstationen ein spezifisches Bild von Migration: namentlich als eines Prozesses, der ausschließlich geordnet und geregelt verläuft und staatlich kontrollierbar ist. Vor dem Hintergrund der De-Stabilisierung nationaler Grenzen im Zeichen der Globalisierung, undokumentierter Immigration, v.a. an der US-amerikanischen Grenze nach Süden, und eines seit den 1980er Jahren aufgeregt geführten Diskurses über "Losing Control of Our Borders", konstruieren die Museen so ein romantisiertes Ideal- und Wunschbild und bedienen die Sehnsucht nach der klaren Grenze.
Ergänzt und kontrastiert wird die Diskussion der beiden Museen mit Betrachtungen zweier alternativer musealer Fassungen der Grenze: den Ausstellungen in der Angel Island Immigration Station, San Francisco, und des National Border Patrol Museum in El Paso, TX.

Stefan Bernhard

Inklusion in der Europäischen Union - Beobachtungen zum Wandel der Problematisierung von Armut in der EU

Unter dem Schlagwort "Inklusion" diskutiert die Europäische Union derzeit zentrale Fragen der Zugehörigkeit und des Ausschlusses zur Gesellschaft im Rahmen der so genannten Offenen Methode der Koordinierung (OMK). Dabei täuscht die Bereitwilligkeit, mit der sich die beteiligten Akteure auf eine Inklusionssemantik geeinigt haben, über die grundlegende konzeptionelle Unbestimmtheit des Terms hinweg: "Inklusion" hat eine paradoxen Effekt.
Einerseits schafft "Inklusion" Konsens auf Basis einer Bedeutungsverschiebung. Im Unterschied zu den Vorläuferkonzepten Armut und sozialer Ausgrenzung (vgl. Konauer 2002) handelt die Inklusionssemantik nicht von einem gesellschaftlichen Problem, sondern suggeriert einen Lösungsweg. Armut weist auf einen Misstand hin, für den solidarische materielle Umverteilung den normativ gebotenen Ausweg darstellt. Inklusion ist selbst schon ein Lösungsweg, bei dem materielle Umverteilung keineswegs im Mittelpunkt stehen muss. Vielmehr werden innerhalb der Inklusionssemantik Faktoren wie der Bildungsstand und die Flexibilität der Armen und Ausgegrenzten als Ursache für ihre Marginalisierung behandelbar. Die Bedeutungsverschiebung, auf der der Konsens der Inklusionssemantik also beruht, liegt in der Degradierung belastbarer Solidarität von der unabdingbaren Notwendigkeit hin zu einem möglichen Lösungsweg unter anderen.
Andererseits ist mit der Durchsetzung der Inklusionssemantik die Ausgestaltung dieses Lösungswegs keineswegs vollständig vorweggenommen. Inwieweit Ausgrenzung selbstverschuldet ist oder als Schicksalsschlag gesehen wird, bleibt beispielsweise ein Einsatz, um den es sich zu streiten lohnt.
Vor diesem Hintergrund versucht der Beitrag die jüngste Tendenz zu skizzieren, nach der Inklusion auf europäischer Ebene zunehmend enger als Integration in den Arbeitsmarkt verstanden wird und sich damit der neoliberalen Grundtendenz des europäischen Einigungsprojektes (Levitas 1996, Zängle 2004) unterordnet. Die empirischen Ergebnisse stehen im Kontext einer Feldanalyse im Anschluss an Bourdieu (insb. 1992, 2001).

Nurten Birlik

HEAD-ON : two clashing sites of being

Fatih Akin's Head-On underlines the anxiety of Turkish guest workers in Germany who try to position themselves and to feel at home in the margins of the dominant discourse. The film problematizes the correlation between one's process of identity formation and his/her community; and seems to suggest that one's own community offers the ground not only for consciousness but also self-consciousness and a unified framework of thought. These workers try to establish a closed community on the basis of national origin; and are more patriarchal and conventional than their counterparts in Turkey. Very suitably, their network of social relations is far beyond accommodating women. Thus women's marginalization is double-layered: they are pushed to the periphery both by the dominant discourse and also by their community. Languages in the film (Turkish, German and English) are reflected as sites of being and are used functionally to designate a "home" or a "center" for these characters. Through their language, their imagined community is produced, reproduced and consolidated. In such a context, language does not only provide forms of communication and self-expression, it also offers a privileged realm among the Turkish workers, which is closed to the ones who are not in command of it. This paper seeks to analyze Head-On with an emphasis on the search for a framework of thought in an alien discourse, feminization of both male and female members, how language works as a site of being, and the recognition granted or denied to its subjects by language.

Aida Bosch

Mode und Konsum in den globalisierten Kreisläufen von Wirtschaft und Kultur

Mode ist keineswegs als reines Oberflächenphänomen zu betrachten, sondern konstitutiver Bestandteil der spätmodernen Wirtschaftsordnung. Aufgrund weitgehend gesättigter Märkte (in den wohlhabenderen Weltregionen) gilt: Ohne die kulturellen Innovationen der Mode kein Markt, kein Absatz, keine Realisierung des Tauschwerts, ergo keine Produktion.
Dabei ist Mode auf doppelte Weise mit den globalen Kreisläufen verschränkt. Die Mode ist erstens verschränkt mit der globalen Zirkulation der Bilder und Symbole, mit den Strömen von Kulturelementen und ihren Sinnhorizonten. Bilder spielen dabei eine immer wichtigere Rolle, da erstens die wichtigsten modernen Kommunikationsmedien stark visuell orientiert sind und zweitens das Kommunikationspartikel Bild Kulturgrenzen leichter transferiert als Textmitteilungen, die häufig an Sprachbarrieren "hängenbleiben". Die Ökonomie kann Absatz und Verkauf nur realisieren, wenn Subjekte und ihre verbogenen Wünsche angesprochen und verführt werden. Die Verführung des Subjekts und seiner Emotionen mit immer raffinierteren Mitteln ist die wichtigste Aufgabe von Werbung und Mode. Das Subjekt und seine Psyche steht deshalb im Zentrum der spätmodernen Wirtschaft.
Zweitens ist die Mode verknüpft mit der globalen Macht des Geldes, mit einer zerstörerischen Form der Ökonomie, die ihre Zwecke verloren hat, der es lediglich um die Realisierung von Extra-Profiten geht, um außerordentliche Vorteile, die auf den Finanzmärkten nochmals honoriert werden. Die Produktion der Waren soll möglichst billig gestaltet werden, zu den global in jeder Hinsicht billigsten Konditionen. Auf der Suche nach den jeweils größten Extra-Profiten werden Menschen, natürliche Ressourcen und soziale Kontexte von den Strömen des Kapitals mißbraucht, vernutzt und in vielen Fällen quasi "ausgepreßt" zurückgelassen. Die "instrumentelle Vernunft" der Moderne ist damit nicht ausgesetzt, sondern radikal realisiert, mit einer Tendenz zur "Adiaphorisierung", d.h., zur moralischen Neutralisierung von Strukturen, Handlungen und Ereignissen. Das Subjekt und seine Psyche sowie seine sozialen Kontexte sind deshalb völlig belanglos in der Spätmoderne.
Zwei scheinbar paradoxe Thesen, die aber mit der doppelten Verstrickung der Mode in die Kreisläufe der Zirkulation und Produktion zusammenhängen. Während in der Sphäre der Kultur in der Folge die bunte, magische Welt der Postmoderne herrscht, die Welt der Verführung, Verfeinerung, der geheimen Wünsche, der Umschmeichelung des Subjektes, ist es in der Sphäre der Produktion umgekehrt: Hier herrscht das Gesetz der radikalisierten Moderne, der sozialen Verarmung, der Brutalisierung der Sozialstruktur, der adiaphorisierten, moralisch verelendeten sozialen "Ordnung". Beide Kreisläufe sind existent; der Sieg nur einer der beiden Logiken ist nicht anzunehmen, ihre Koexistenz auch weiterhin wahrscheinlich - mit unterschiedlichen Chancen je nach Ausgangsposition des Betrachters, je nach Schicht, Bildung und Herkunftsland.

Erica Carlino

Trafficking: Modern day slavery in the 21 century

Like the Early salt and slave trade in the 15th century have we regressed so far? Or, has our system just found new ways to mask and rename an inhumanity, which has existed for centuries in the name of business and trade?
In my paper I analyze Human Trafficking, and it's global effects. Through an in-depth look at what move these victims from periphery and semi-core countries into the core, I analyze social conditions as well as current global economic trends.
As I am currently researching and working in the Czech Republic on Trafficking in the Sex Industry, my focus will be mainly on the Czech Republic and other Eastern European source countries. I will also focus on destination countries near the borders, such as Germany, and the Netherlands.
In my analysis, I discuss how human trafficking is a global trend, which plays out on a global scale of disappearing borders. Finally, I attempt to make proposals for change, as I ask what can be done for prevention in such circumstances.

Stephany Ryan Cate/Annemarie Profanter

Women's Experiences of Polygamy in the Dhofar Region of Oman, Arabia

This study focuses on women's experiences of justice and injustice in polygamous marriages in the Dhofar region of Oman. Islam is not only the principal religion but also the primary culture in this region. The practice of Islam in this extremely tribal area is interpreted strictly in accordance with Koranic guidelines. Those guidelines define the extent and conditions upon which polygamy is practiced and explain why it remains the predominant marital form. Moreover, the impact of the polygamous marriages on wives, husbands and children as well as the perceptions of the general population regarding such practices were surveyed. Prior research in the region focused primarily on small populations of polygamous families in both Abu Dabi and Dubai, Emirates, as well as Kuwait. This study utilised data generated from a large sample of the population which included all the parties involved in the local practice of polygamy: wives, children, husbands, extended family and tribal members. However, the specific focus for this paper is on women's experiences as first, second, third or fourth wives. Data was collected using both quantitative and qualitative methodology: questionnaires, in-depth interviews and analysis of canonical secondary material. Questionnaires were devised using both open-ended and closed ended questions tailored to the target population. Open-ended questions prompted wives to investigate their own experiences of justice and injustice surrounding their marriage issues: economic, social, emotional, cognitive and relational. Topic such as religion, economic stability or instability, bride price, communal living arrangements, personal feelings related to love, companionship and child rearing, extended family involvement and parental responsibilities were covered in this study. Participants explored these issues in interviews which holistically approached the societal conditions surrounding such unions. The research focus was on the broad picture drawn by the interviews received from three generations of Dhofari women. The researchers paid especial attention to the cultural and gender implications of their study making every attempt to honour the women's cultural and religious believes. Initial statistical analysis shows significant effects and signs of experienced injustice in all generations including economic, social and emotional factors. However, the detailed analysis reveals a much more complex picture which warrants further study. This paper, which is the first hard statistical data on this issue, is one of an ongoing series adressing women's issues in the Dhofar region of Oman.

Thomas Dörfler

Die Nation als Exzeß

Was verbindet al Baschir, Mearsheimer & Walt und Udo Voigt miteinander? Jemand hat ihnen etwas geraubt, denn alle Beispiele beschreiben eine Struktur des imaginierten Verlustes: den Verlust der
nationalen Identität durch "Ausländer" und "Juden" (NPD-Chef Voigt), den Verlust der Hoheit über politische Einflußspären durch eine "Israel-Lobby" (die Politikwissenschaftler Mearsheimer/Walt) oder der nationalen Souveränität durch ein Komplott der Israelis (der Staatschef des Sudan). Der nationale Chauvinismus benötigt also einen "Exzeß", eine Figur mit destabilisierender Wirkung für das Gemeinwesen. Die nationale Einheit ist folglich von dem bedroht, was der Nationalist bereits als nichtzugehörig ausgeschlossen hat. Es lohnt sich, dieses Paradox genauer zu betrachten.
Weit davon entfernt, nationalen Chauvinismus als "Extrem" einer Minderheit abzutun, sollten wir Slavoj Zizeks Geste aufnehmen, und das Extreme jedweden Nationalismus und Patriotismus offenlegen: die Unmöglichkeit eines positiven Bezuges auf die Nation oder das Vaterland, ohne jemand anderen als Bedrohung desselben zu imaginieren. Für die zeitdiagnostischen Erklärungen zu aktuellen Chauvinismen hat sich eingebürgert, die Ablehnung von "Ausländern", "Juden", Migranten
etc. durch allerlei Absonderlichkeiten zu erklären: Die Ostdeutschen seien halt durch die nachwirkende autoritäre Erziehung der DDR noch nicht gewohnt an die Demokratie, die Osteuropäer im allgemeinen hatten schwierige Zeiten nach dem Systemzusammenbruch, weswegen sie
Sündenböcke brauchten etc.
Wir sollten dieser Versuchung widerstehen, und statt dessen im "normalen" Nationalismus dasjenige suchen, was auch den Radikalen umtreibt, um daraus eine kulturtheoretisch fruchtbare "allgemeine" Theorie des modernen Rassismus zu entwickeln. Was liegt näher, als dafür die jüngsten nationalen Aufwallungen hierzulande während der Fußballweltmeisterschaft heranzuziehen? Ist nicht gerade die
hysterische Reaktion der konservativen Feuilletons auf die Kritik an den debilen Formen patriotischer Appelle während der Fußballweltmeisterschaft symptomatisch für diese chauvinistische Exklusion ("Für Kritiker sollte Deutschland eine no-go-area werden", Jörg Quoos/BILD)?
Ausgehend von Slavoj Zizeks Ausführungen zum Nationalismus als das spezifische Begehren, eine ethnisch oder kulturell homogene Gruppe zu imaginieren, die einen Exzeß produzieren muß, um diese abseitige Ordnung aufrechtzuerhalten, läßt sich dementsprechend am Element des Ausschlusses die Wahrheit über den jeweiligen Chauvinismus ablesen: Dieser Ausschluß soll die Unmöglichkeit des positiven Bezugs auf die Nation verschleiern, und zwar exakt durch denjenigen, der diesen Bezug herstellt. Im Vortrag soll deshalb, ausgehend von solch aktuellen Beispielen, eine mögliche "allgemeine Theorie des Chauvinismus/kulturellen Rassismus" vorgeschlagen und diskutiert werden. Gemäß Marx' Diktum der latenten Stabilisierung des Kapitalismus ("sie wissen es nicht, aber sie tun es") läßt sich also fragen: Hat der Nationalist noch nicht bemerkt, daß er der ultimative Beweis dafür ist, daß der Nationalismus nicht funktionieren kann?

Ricarda Gerlach

Female political leaders in Asia

Many governments or opposition movements in South-, East- and Southeastasia have been, or are led by women. That these countries are widely considered patriarchal and paternalistic in character and male competitors have been around to challenge the women's ascendance to a political position makes the phenomenon even more interesting. Women in Asia lead governments and opposition movements independent of levels of economic development, cultural differences, and types of political systems. Most surprising - given widespread stereotypes about Islam - is female leadership in the heavily Muslim states in Southeast and South Asia. There is no doubt that the rise of female leaders is linked to their being members of prominent families: they are all the daughters, wives, or widows or former government heads or leading oppositionists. These women share dynastic origins and "inherited" political leadership. As a general phenomenon political dynasties are not unusual. What is less usual is women being the beneficiaries of their family's political inheritance. In addition to the question "why women leaders?" it will be considered what difference female leadership makes.

Politische Führerinnen in Asien
Der Vortrag behandelt die Fragestellung, warum in Süd-, Ost- und Südostasien (Frauen in politische Spitzenämter und Führungsrollen (Regierungschefin, Oppositionsführerin u.a.m.) gelangt sind, obwohl es genug männliche Verwandte und Anwärter gab und gibt, die diese Ämter hätten übernehmen können. Denn: Die Gesellschaften in der Region gelten als patriarchal und paternalistisch; eine Veränderung der Geschlechterverhältnisse im Zuge des sozialen und politischen Wandels vollzieht sich augenscheinlich nur marginal. Die Gemeinsamkeit, die die Frauen teilen, ist die der dynastischen Herkunft und ihrer "Erbfolge" in ein politisches Spitzenamt. In islamisch geprägten, autoritären Entwicklungsländern (z.B. Pakistan und Bangladesch) finden wir Frauen ebenso in Spitzenpositionen wie in konfuzianisch geprägten, demokratischen Industriestaaten (z.B. Japan und Südkorea). Die bloße Existenz des Phänomens politischer Dynastien ist dabei aber in keiner Weise ungewöhnlich. Was verwundert, ist vielmehr das Auftreten des Phänomens der politischen Führerinnen in kulturell, systemisch und entwicklungsperspektivisch äußerst verschiedenen Gesellschaften. Neben der Frage "warum Frauen?" wird noch der Aspekt behandelt, ob Frauen anders führen als Männer.

Markus Gottwald

Wenn die Liebe zum Organisationsproblem wird und die Organisation zur "totalen Institution" - Das Dual Career Couple "revisited"

Was haben der Jobnomade und das Dual Career Couple gemeinsam? Sie sind beide ökonomische Figuren mit einem gemeinsamen Problembezug: Mobilität und Flexibilität. Außerdem verkörpern beide Figuren Erfolg und Freiheit - sie werden als "Lebensstilpioniere" gefasst. Trotz dieser Gemeinsamkeiten unterscheiden sich beide Figuren erheblich. In meinem Vortrag möchte ich mich auf die Figur des DCC Konzentrieren, die in ihrer Genese und Ihrem Aufbau als eine ökonomische rekonstruiert wird. Dabei soll sich zeigen, dass der Schlüssel zur Freiheit des DCC in einer spezifischen Handhabung von Liebe und Partnerschaft liegt, die sich wie beim Jobnomadentum aus der Notwendigkeit einer Mobilisierung zur verbesserten Ressourcenallokation ergibt. Die Freiheit des DCC und ihre Begründung ist jedoch eine völlig andere als die des Jobnomaden. Der Jobnomade soll sich für seine Freiheit trennen dürfen, die DCC-PartnerIn darf dies nicht. Die Figur des DCC erscheint Paradox, denn für Freiheit und Gleichheit wird seine Liebe kontrolliert, rationalisiert und therapeutisiert. Begreifen wir das DCC als eine semantische Ausprägung (welt-) gesellschaftsstruktureller Veränderungen, so stellt sich die Frage, mit welcher Liebessemantik hier zu rechnen ist.

Sisse Grøn

Globalized Truck Drivers

On the basis of six months of fieldwork, where I shared the working conditions of 16 truck drivers, I empirically show that
• The drivers are to a large extent, left to protect themselves from harm to their
health and safety, which might be a parallel to a larger individualisation wave.
• The drivers demonstrate awareness to ethnic identity, which might point towards a broader cultural fragmentation of society.
• The company strategy is to be flexible, to achieve this, they use various kind of employment, including self-employed. I argue that the truck drivers work conditions are symptomatic of the methods of lean production and flexible work patterns that is argued to be an effect of globalization. By drawing on the work of Jonathan Friedman and Manuel Castells, I discuss the concepts of fragmentation and flexibility in relation to my material.

Federico Farini

Paths of hybridization through the invention of new cultural forms. Practices of participation to host social processes by immigrant adolescents attending high school in Modena.

This paper is based on data collected during spring 2006, trough qualitative interviews addressed to 48 immigrant adolescents in Modena (Italy), previously involved in the European project COMICS (Children Of Migrants Inclusion Creative Systems). COMICS project was composed of workshops addressed to promote social participation of immigrant adolescents, but also of a research addressed to examine meanings and forms of citizenship of immigrant adolescents.
This paper reports the results of the research on the aspects of citizenship' social practices and construction of identities by young immigrants; the analysis of social wellness and integration of the participants. We haven't analyzed subjects as social participation and wellness of the interviewed using indicators elaborated in others researches or in previous theoretical studies: we have chosen to build indicators accordingly to what, during the interviews,the participants pointed out as the most relevant aspects of their everyday life.
This paper highlights that participation in relevant social processes of the host society don't require neither acritical engagement in its cultural forms nor fully sharing of the meanings of cultural symbols. Social participation is connected to non-stop processes of negotiation and mixing of symbols' meanings and cultural forms, through intercultural communication, both at school than in the peer group during the freetime. As categories like "integration" and "adaptation" seem to oversimplify the shades of social participation this paper aims to report the variety in meanings ,expectations and problems of the integration paths followed by young immigrants, accordingly to their autonomous self-expression.

Oliver Hidalgo

Das Außen der Demokratie: Weltkultur im Spiegel von Politik und Literatur

Globale Entwürfe der Zukunft befassen sich oft indirekt mit der Frage nach dem "Außen" der Demokratie. Während Huxleys pseudodemokratische Wohlstandsgesellschaft keine alternativen Lebensformen zulässt und die Wildnis erbarmungslos zivilisiert, propagiert Orwells totalitärer Überwachungsstaat die Existenz eines äußeren Feindes, um den Terror nach innen aufrechtzuerhalten. Analog dazu suggeriert Fukuyamas demokratisches Telos der Geschichte die Inklusion des "Außen", der nicht-westlichen Gesellschaften, wogegen Huntington die Dominanz der christlich-demokratischen Hemisphäre durch antidemokratische Kulturen wie den Islam bedroht sieht.
Seit 9/11 und dem Krieg gegen den Terror gewinnt die Frage nach dem "Außen" der Demokratie eine zusätzliche Pointe. Neokonservative Denker in den USA wollen den "Kampf der Kulturen" mit dem Ziel des demokratischen "Endes der Geschichte" führen. Wie in Orwells düsterer Vision scheinen sich die Gegner in der Kompromisslosigkeit ihrer Mittel anzunähren, der Krieg, der im Namen der Demokratie geführt wird, gerät seinerseits zur Bedrohung. Auf dem Gebiet der Literatur wirft Jean-Christophe Rufins utopischer Roman Globalia neuerdings das Problem auf, inwieweit gerade die "perfekte" Demokratie auf äußere Feindbilder angewiesen bleibt, um sich ihrer Identität zu vergewissern.
Die heutige Demokratie changiert demnach zwischen Expansion und Abgrenzung. Daran anknüpfend gilt es zu fragen, inwiefern die von der Hypermacht Amerika forcierte Weltordnung tatsächlich kein "Außen" mehr kennt (Hardt/Negri), oder ob es nicht die Macht des Imperium Americanum bedeutet, das "Äußere" zu definieren, wie es Derridas Dekonstruktion der Rhetorik vom "Schurkenstaat" behauptet. Eine Antwort hierauf ist die Voraussetzung, um die demokratische Gestaltung des globalen Raumes als wünschenswertes Ziel, contradictio in adjecto oder auch als möglichen Pyrrhussieg zu identifizieren.

Arlena Jung

Grenze systemtheoretisch gedacht Welt

Der für diese Tagung zentraler Begriff "Grenze" spielt für die Theoriearchitektur von Luhmanns Systemtheorie eine zentrale Rolle. Luhmann versteht seine Systemtheorie als Paradigmenwechsel von der Identitätslogik "alteuropäischer" Theorien zu einer Differenzlogik. Zentrales Moment diesen Paradigmenwechsels ist die konstitutive Wirkung von Differenz. Die Grenze zwischen System/Umwelt sowie auf der Ebene von Operationen zwischen aktuellem und potentiellem Sinn erscheint als konstitutiv sowohl für die Identität als auch für die Eigendynamik von Systemen. Entsprechend der theoriearchitektonisch zentralen Bedeutung von Differenz ist der Grenzbegriff der Systemtheorie im Vergleich mit vielen anderen sozialtheoretischen Ansätzen präzise und stringent ausgearbeitet. Gleichzeitig - so die These diesen Vortrags - kann der systemtheoretische Grenzbegriff die ihr theoriearchitektonisch zugedachte Funktion nicht erfüllen. Dies wirft zum ei nen die Frage nach der Haltbarkeit des systemtheoretisch angestrebten Paradigmenwechsels von einer Identitätslogik zu einer Differenzlogik auf. Es stellt sich mit anderen Worten die Frage nach den Konsequenzen der theoretischen Inkonsistenzen des Grenzbegriffs für die Systemtheorie. Zum anderen drängt sich die Frage auf, ob Grenze kommunikationstheoretisch als analytisches Konstrukt oder als "reale", d.h. operativ wirksame Größe zu verstehen ist. Im Vortrag soll der systemtheoretische Grenzbegriff kurz referiert werden, die Systematik der theoretischen Inkonsistenz des Grenzbegriffs aufgezeigt werden und die beiden zuletzt genannten Fragen zur Diskussion gestellt werden.

Sven Kesselring

The social construction of global mobility potentials. International airports and the mobile risk society

Living in the mobile risk society rests on complex networks of socio-material relations and global connectivities. Airline networks and the social and spatial practice of "aeromobility" dynamically foster processes of globalization and cosmopolitanization. They play a crucial role for the territorial de- and restructuring of cities and regions under the conditions of globalization and the constitution of politics in an age of second modernity. Airports are part of risk society's mobility potentials (motility). They cause far reaching transformations in society's social and spatial structures. The "geopolitics of air transport" (Henri Lefebvre) is an underestimated field of research and sheds a light on the emerging world city network. Analyzing policies and discourses around airports reveals the nature of powerful interscalar networks which shape the future of cities and regions. Deliberative practices (such as the Frankfurt airport mediation process and the "airport neighbourhood advisory board" in Munich) often neglect and cover the glocal nature of policy and civil society networks around airports. The paper presents a point of departure for theoretical reflection and empirical research on one of the future key themes of social science based mobility research.

Matthias Klemm

Nomads against will?

Multinational enterprises play a significant role in shaping both international careers and images of "global managers". Within multinational enterprises especially the so-called 'expatriates' are sent to (foreign) subsidiaries in order to maintain control over processes far away, to distribute knowledge and to foster global communication. In the course of their global activities they shall become culturally globalized themselfes creating the backbone of an international management elite working for the benefit of their globally structured companies. The "global manger" therefore incorporates the ideal of the "globalnik" (Bauman) who is no more bound to specific social or cultural spaces.
Being sent to foreign subsidiaries in order to foster organisational, cultural and behavioural change in accordance to the dominant knowledge of their headquarter they get involved into dense social interaction with 'local' management which disposes own managerial knowledge, cultural logics and forms of social interaction. In the course of this encounter the expatriate has to both fulfil his tasks and change his stock of knowledge towards the image of the global manager. Returning to the headquarter of the enterprise he is thought of having gained new cultural competencies and being able 'internationalize' the structure and culture of the home company. He might then leap forward on the career ladder.
We will analyse such an encounter of foreign and local management both abroad and then back home in the case of a merger of two automobile producers and pose the question whether there is a direct link between the global structures of enterprises and the transformation of internationally working managers towards a "globalnik".

Frauke Lehmann

Freie Software - eine globale Subkultur

Bei den Entwicklern Freier Software handelt es sich um einen der recht seltenen Sozialzusammenhänge, deren Bezugsrahmen von Beginn an (fast) ausschließlich global war. Gefördert wird dies durch die Virtualität des Interaktionsraums (des Internets), der Abwesenheit von primären Regionalbezügen wie auch durch die stark ausgeprägte Sachorientierung im Feld. So richten sich Interaktionen der Beteiligten im Regelfall auf die gemeinsame Produktion von Software aus, die in offen Projekten mit freiwilliger Beteiligung hergestellt wird. Der Zugang zum Feld wird über die notwendigen technischen Fähigkeiten und die persönliche Motivation geregelt. Ein weiteres wichtiges Merkmal des Feldes ist die strukturelle Offenheit. Es gibt keine Institutionen, die das Feld insgesamt strukturieren, vielmehr bilden die einzelnen Projekte ihre jeweils eigene institutionelle Struktur heraus. Stabilisiert wird das Feld durch eine geteilte Kultur. Dieser geteilte Wahrnehmungs- und Bewertungsrahmen, der das gemeinsame Leben und Handeln regelt, betrifft aber nur einen Ausschnitt des Leben der Beteiligten, es handelt sich also um eine Subkultur mit einem entsprechend beschränkten Set an Werten und Normen. Traditionellerweise beziehen sich Subkulturen auf eine dominante Mehrheitskultur. Im Feld Freie Software ist solch eine Referenzkultur aber nicht gegeben. Einzelne kulturelle Elemente werden zwar aus bestimmten zeitlichen und lokalen kulturellen Kontexten in das Feld herein gebracht, dort aber zu einer spezifischen Feldkultur transformiert.

Christoph Mautz

Zur Rolle von Bildern im globalen Kommunikationsprozess der Mode Welt

Schon in den 1960er Jahren wurde das Phänomen Mode als ein eigenständiges kulturelles System entlarvt, das insbesondere als Ansammlung von Modegütern und somit als Ansammlung von Ideenzeichen verstanden werden kann. In einigen Analysen wurde dargestellt, dass das System Mode durch die Werbung generiert wird, die neben sprachlichen Codes vor allem visuelle Codes verwendet.

In diesem Vortrag soll vor allem an Modefotografie gezeigt werden, dass der Umgang mit Werbung in der Mode meistens körperbezogen ist und dass durch die Werbung sozial legitimierte Subjektivität (re-)produziert wird. Wenn man bedenkt, dass sich Modewerbung auf immer mehr Länder ausweitet, stellt sich die Frage, wie dort die z.B. von der Haute Couture geprägten Codes in der Werbung übersetzt werden. Der Vortrag soll auf diese Frage zuspitzen und daneben auf die von Pierre Bourdieu vorgenommene Analogie zwischen Haute Couture und Haute Culture hinweisen.

Anja Meyerrose

Modische Kreisläufe. Das Neue als ständiger Normenbruch

Modische Kleidung ist weltweit "on the move", Mode ist eine der Kapillaren der Weltkultur. Sie scheint Unterschiede zu verwischen, frei von Stand und Klasse, von Ländern und Regionen, Stadt und Land, vom Alter, aber auch frei von Geschlechtszugehörigkeiten, die strikte Trennung der Alltagskleidung von Frauen und Männern ist aufgehoben. Mode im global sich durchsetzenden Kapitalismus begreift fortschreitende Wahlfreiheit und Ausdifferenzierung einer individualisierten Gesellschaft, aber auch das Gegenteil einer sich durchsetzenden Gleichmacherei. Sie ist heute, am Anfang des 21. Jahrhunderts, aus modernen Gesellschaften nicht wegzudenken und erfasst immer mehr Bereiche und Warengruppen, die mit verschiedenen Formen, Modellen und Geschmacksrichtungen für Abwechslung sorgen.

Ich möchte am Beispiel der Veränderung der Männerkleidung einer Erklärung der heute sich weltweit ausbreitenden Tendenz der Mode und dem gesellschaftlichen Wandel im 20. Jahrhundert näherkommen. In der deutschen Diskussion wird "1968" bewertet als die gesellschaftliche Umbruchsituation, deren Folgen bis in die Gegenwart spürbar sind. (Negt 1995) Hier schienen sich die Männer mit neuer Kleidung von den uniformen Standards zu befreien. Ich möchte zeigen, dass das Neue für die Männerkleidung nach "1968" ein ständiger Normenbruch ist, der durch das künstlich erzeugte Flair vom Revolutionären attraktiv und immer wiederholbar wurde. Die Mode bewegt sich, trotz aller Beteuerungen ihres ewigen Wandels, im Kreis.

Olga Michel

Neue Identitäten in sich transformierenden sozialen Systemen

Der Vortrag wirft die Problematik der Identitätsfindung in der sich transformierenden Welt auf. Zentrale Aussagen sind folgende:
a) Die Identitätsbildung erfolgt infolge der Bewältigung und Auseinandersetzung mit der sozialen Realität.
b) Soziale Realität wird mittels der Variablen Zeit, Raum und Kultur strukturiert, die jeweils eine binäre Ausprägung haben.
c) Bei der Identitätsfindung erfolgt eine Selektion/Bekenntnis zu einem oder anderem Code der Zeit-, Raum- und Kulturvariablen: z.B. bei der Variable "Raum": Heimatbezug vs. Fremde; oder bei der Variable "Kultur": richtig vs. falsch, aber auch Wir und die Anderen etc.
d) Durch die Transformation der Welt erfolgt die Transformierung sozialer Systeme, was die Veränderung der binären Kodierung der Variablen Zeit, Raum und Kultur herbeiführt.
e) Folgende Kodierungen kommen anstelle bzw. ergänzen die ursprünglichen Identitätsbezüge:
- Verknappung vs. Überfluss
- Verdichtung vs. Zerstreuung
- Verfestigung vs. Formbarkeit
- Versklavung vs. Befreiung
Die Variablen Zeit, Raum und Kultur werden im Vortrag durch diese binären Kodierungen ergänzt und die Konsequenzen bzw. Herausforderungen einer derartigen Entwicklung für die Identitätsfindungsprozesse analysiert: Leistungsdruck, Versagens- und Existenzangst, Angst das bessere zu Verpassen, Entscheidungsprobleme, Verausgabe, Zwänge, Mechanisierung und Reduktion des Menschlichen auf das Schema "match - no match", Vernachlässigung des geistigen Lebens, Desorientierung und Loslösung von orientierenden Strukturen und frühes Ausbrennen. Aufgrund dieser Erwägungen werden mögliche Identitätsprofile sowie Lösungsmöglichkeiten bei der Bewältigung neuer binären Kodierungen von den Variabeln Zeit, Raum und Kultur extrahiert.

Julia Pfaff

A postcolonial trade journey through Tanzania: mobility, translocality and the instability of material obejcts on-the-move

This paper analyses the movements and flows of people, goods and information between several places in Tanzania by concentrating on a postcolonial trade journey of young Arabic traders from Zanzibar. Based on the results of mobile ethnographic research (January - June 2006) as a part of my PhD-project, this presentation provides an insight into the everyday experiences, mobile practices and the performativity of a trade journey and therefore addresses recent discourses on transnational commercial networks, object geographies and 'cultural economy'.
Examining the mobile cultural-economic processes by which actors and their networks forge the translocal connections and (re)create 'translocalities', this paper focuses on the complex interconnections between traders and their commodities. In this respect, current discussions on the instability and agency of material objects as well as their relevance to the analyses of translocal trading connections will be explored. Concentrating on two examples, aromatic aloe wood (udi) and mobile phones, their important role both as objects of exchange and as technologies of communication or alternatively as representations of geographical knowledges will be analysed. Moreover, the changing meaning of the goods while being on-the-move and how commodities influence the mobility of the traders as well as the route will be explored. Finally, by pointing out how the relations and interconnections between traders and their trading goods affect the economic, socio-cultural and especially the s ymbolic importance of the trade journey in general, I argue that a special attention to material objects is crucial in order to appropriately analyse transnational commercial connections.

Annemarie Profanter

Physical Punishment of Children and Youth in Pakistan

A number of nations are party to the UN Convention on the Rights of the Child and have officially banned physical punishment. The educational reality, however, often does not conform to existing legislation. This is particularly true for Pakistan, where the use of corporal punishment poses a major challenge to the educational system and an "educational emergency" has been declared. In this paper the author addresses issues of physical punishment by using data obtained through a combined quantitative and qualitative approach in a study carried out on teachers in Peshawar, the North-West Frontier Province of Pakistan. Evidence is presented that confirms the frequent practice of physical punishment of children and youths , and that it this remains a highly controversial issue. Moreover, the involvement of teachers in corporal punishment, as both victims during their own childhood and offenders as adults, and the gender imbalance with regard to physical punishment are ana lyzed. Additionally, fundamental beliefs and attitudes concerning the issue are explored and personal accounts of experiences of physical punishment and related feelings of victims and punishers are presented. Finally, the data are synthesized in an effort to outline future scenarios.

Mark Schönleben

Warum haben wir keine Medienethik?

Auf der letzten Erlanger Graduiertenkonferenz 2004 stellte Elena Esposito in ihrem Eröffnungsvortrag die Frage, "warum haben wir keine Medientheorie?" und problematisierte die vielschichtige, diffuse und widersprüchliche Debatte um den Begriff Medium. Vor dem Hintergrund der diesjährigen Konferenz und ihrer zentralen Frage nach medialen, sozialen und kulturellen Verschiebungen in den Diskursen, die zur Genese und Transformation des Wissens beitragen, soll in meinem Vortrag die Frage Espositos in den Bereich des Ethischen gewendet werden. Wir leben in einer "Weltgesellschaft", die sich für uns alle in erster Linie nur dank und durch Medien konkretisiert. Es erscheint daher konsequent, eine Medienethik zu fordern, die auf die normativen Bedingungen des Umgangs mit Medien reflektiert und nach einer ethisch konsistenten Form der Verantwortung der wissenschaftlichen Beobachtung der "Weltkultur" als "Medienkultur" sucht. In Auseinandersetzung mit Dieter Mersch, Niklas Luhmann und Theodor W. Adorno wird mein Vortrag auf aktuelle Aporien der Konzeption einer Medienethik eingehen, zugleich aber die Notwendigkeit einer Annäherung ethischer Fragestellungen an medientheoretische Überlegungen andeuten.

Birgit Schulte

Raum: Giddens vs. Bourdieu

Anthony Giddens "Theorie der Strukturation" und Pierre Bourdieus "Theorie der Praxis" sind zwei Sozialtheorien, die jeweils an Schlüsselstellen den Begriff des Raums platzieren. In dem Beitrag werden zunächst die unterschiedlichen Raumsemantiken untersucht - "Was heißt Raum hier" "Was Raum da?". Bereits hier zeigen sich Ähnlichkeiten, was ihre Vorstellung von Subjekt und Objekt in gesellschaftlichen Theorien anbelangt "Warum überhaupt Raum?". Die Frage nach der "Objektivität" des Raumes in beiden Perspektiven führt schließlich zur Darstellung der grundsätzlichen Unterschiede zwischen beiden - diesen wird sich mit den folgenden Fragen angenähert: "Wie verhalten sich Individuum und Raum zueinander?" und "Das Verhältnis von Raum und Ordnung - Wer strukturiert wen".

Stefan Stautner

Wie isst modern? - Fast Food als Blick auf den Westen - Praxen und Diskurse um 'modernes' Essen

Mein Dissertationsprojekt untersucht, wie KonsumentInnen von Fast Food und convenience-Produkten (z.B. Instant-Nudelsuppen) im Vollzug des Konsums Modernitätsvorstellungen aktualisieren bzw. hervorbringen. Anhand eines Vergleiches der Praxen und Diskurse um Fast Food in Deutschland und dem Nahen Osten soll dabei herausgearbeitet werden, wie sich ein "Blick auf den Westen / Moderne" jenseits einer explizit politischen Kommunikation ausdrückt.
Ausgangpunkt des Projektes ist die Betrachtung hiesiger alltäglicher Essenspraxis und der Diskurse um das Essen. In einer zweiten Phase sollen ‚moderne' Essenspraktiken und diskurse in Ländern des Nahen Ostens - des "klassischen Orient" (Said 2003) - untersucht werden. Die dort stattfindenden, mitunter gewalttätigen, Auseinandersetzungen um westliche / moderne Einflüsse sollen dokumentiert werden, und die Praxis der Ernährung vor diesem Hintergrund beobachtet werden. Die Kontrastierung der unterschiedlichen Untersuchungsgebiete erlaubt es, Übereinstimmungen und Unterschiede in den Praxen und Diskursen herauszuarbeiten und zu analysieren. Der Blick auf die Moderne / den Westen bildet in beiden Phasen den Beobachtungsfokus. Die in den Medien verbreitete manichäische Vorstellung hier (Deutschland) als modern, dort (Naher Osten) als nicht (bzw. anti-)modern wird dabei allein schon im Hinblick auf den Untersuchungsgegenstand abgelehnt. Untersucht werden nicht Länder für sich, sondern das Essen an sich.

Mareike Teigeler

Widerstand im Zeichen verinnerlichter Kontrolle

Mein Beitrag widmet sich der Frage nach der Bedingung der Möglichkeit von widerständischem Verhalten in der Passage von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft. Die Probleme, die sich in Bezug auf Kritikmodelle im Kontext neoliberaler Realitäten stellen, ergeben sich primär aus der Feststellung, dass eine unvollkommene, sich auf die scheinbare Ordnung innerhalb eines auf dem Boden einer künstlichen, ökonomisch ausgerichteten Freiheit existierenden Möglichkeitsfeldes berufende `Selbsterarbeitung´ bzw. `Selbsterfindung´ von einer vollkommenden nahezu ununterscheidbar wird. So bleibt das Ziel der Aufhebung von Subjektivismus und Objektivismus, das sowohl den Zielen der Situationistischen Internationale wie auch Foucaults Überlegungen zu einer Ästhetik der Existenz, diese Konzepte bilden den Ausgangspunkt meines Vorhabens, zugrunde liegt, an die Festlegung der Begriffe von Freiheit oder Identität gebunden, weshalb das konstituiv Momenthafte, das beiden Entwürfen gegeben ist, der Gefahr ausgesetzt ist, sich als solches nicht frei von einer `Manipulation´ durch die jeweilige Individualisierungslogik darstellen zu können. Diesen Kreislauf versuche ich mit Hilfe Hellmuth Plessners und seiner Theorie der exzentrischen Positionalität zu brechen und durch einen neuen zu ersetzen, der die Situation als Ausgangspunkt und nicht als manipulierbaren Endpunkt beschreibt. Es soll herausgestellt werden, dass kurze, situative Momente existieren, deren Handhabung auf dem Boden einer erst dieser Situation entspringenden Phantasie in immer weitere Auseinandersetzungen gespannt werden kann und einen Kontakt zu sich herzustellen vermag, einen Kontakt, den man vielleicht nicht dauerhaft leben kann, aber
wie Deleuze es vorschlägt, zumindest zu fühlen imstande ist.

Stephan Truninger

Kos-Mobile Begriffe. Zur Amerikanisierung der Sozialwissenschaften

Die Diskussionen innerhalb der US-amerikanischen Akademie beeinflussen heute die Sozialwissenschaften weltweit. Doch Begriffe sind keine neutralen Instrumente, vielmehr sollen mit ihnen bestimmte gesellschaftliche Erfahrungen erfasst werden. Der weltweite Erfolg von in US-amerikanischen Verhältnissen geprägten sozialwissenschaftlichen Begriffen, ihre Kos-Mobilität, scheint deshalb nicht allein der ökonomischen, politischen und kulturellen Hegemonie der Vereinigten Staaten geschuldet: dieser Erfolg auf dem transnationalen wissenschaftlichen Markt ist auch ein Index global gleichzeitiger gesellschaftlicher Prozesse. Diese global gleichzeitigen Modernisierungsprozesse erscheinen als ‚Amerikanisierung', weil die Neue Welt sich gesellschaftshistorisch von allen Alten Welten unterscheidet: von Beginn an war Amerika bürgerliche Gesellschaft, die Logik des Systems der Bedürfnisse hier entfesselt. Angesichts der globalen Durchsetzung bürgerlicher Verhältnisse wird Amerika deshalb zur "fortgeschrittensten Beobachtungsposition", wie Theodor W. Adorno schrieb. Doch die modernen Sozialwissenschaften sind nicht in Amerika entstanden: sie sind Produkt eines transatlantischen intellectual transfer. In der Genese amerikanischer Sozialwissenschaften am Ende des langen 19. Jahrhunderts wird die Unangemessenheit europäischer Begriffe zur Erfassung amerikanischer gesellschaftlicher Erfahrungen deshalb zum Index globaler gesellschaftlicher Prozesse. Doch die Texte früher amerikanischer Sozialwissenschaftler scheinen heute unter ihrer sozialdarwinistischen Sprache verschüttet. Es gilt deshalb eine Archäologie heutiger transnationaler sozialwissenschaftlicher Begriffe in der Entstehungsphase amerikanischer Sozialwissenschaften zu betreiben. Hierzu werde ich am Beispiel Thorstein Veblens, dem radikalen Theoretiker des melting pot, einen Beitrag leisten.

Jatin Wagle

Translation in Exile: Reassessing T. W. Adorno's Cultural Encounter with the U.S.

Theodor W. Adorno's American exile (1938-1949) has been frequently rendered as a unidimensional narrative of a rather stodgy central European intellectual unable or unwilling to 'adjust' to the dynamic realities of the United States. The binary coordinates of this characterisation belie a complex web of negotiations that informed Adorno's emigre American experience. I seek to rewrite this account by examining these multilayered exilic processes, placing them within a larger Problematik of Intercultural translatability and intellectual transfer. A crucial facet of this context is articulated through the persistent tension experienced by the Critical Theorist between his profound desire and endeavour to address the American situation and readership on the one hand, while preserving a certain degree of distinctness and autonomy, especially from the American mainstream academia, on the other. The translatability and transferability of Critical Theory is thus a function of the dialectic of engagement and resistance that marked its complex relationship with its context of forced emigration. Adorno's negotiations through the exilic terrain are vastly differentiated and range from his pioneering empirical social research of authoritarianism and prejudice, to his acerbic critique of mass entertainment culture, as well as his Adorno-Deutsch aphoristic reflections on a "damaged" exilic life in Minima Moralia, to the unpublished critique of radio-music - in American English - in Current of Music. It can therefore be argued that Adorno realised his diverse intellectual potentialities in his purportedly unhappy state of banishment to such an extent that his whole oeuvre is marked by his ambiguous exilic heritage.