Özkan Bucakli (RWTH-Aachen, Institut für Soziologie):

Die Rekonfiguration kollektiver Identitäten in der postnationalen Konstellation

 

 

 

 

1. Einleitung: Krise und Rekonfigurationen kollektiver Identitäten

2. Der Identitätsbegriff: Personale und kollektive Identitäten

3. Der Kulturbegriff in den Sozialwissenschaften

4. Kulturelle Identität im Nationalstaat bzw. in der Staatenwelt

5. Was ist Globalisierung?

6. Wie berührt Globalisierung bisherige kulturelle Konstellationen und Konzeptionen?

 

 

 

1. Einleitung: Krise und Rekonfigurationen kollektiver Identitäten

Die Begriffe kulturelle Identität bzw. nationale Identität sind in der jüngeren Vergangenheit zu häufig diskutierten Kategorien avanciert. Es wird insbesondere eine "Krise der Identitäten" angenommen. Inzwischen hat sich eine Stoßrichtung der Kritik herauskristallisiert, die bisherige Vorstellungen homogener, dauerhafter und territorial fixierter kultureller Identitäten in Frage stellt. Gegen ein solches essentialistisches Kulturverständnis wird die Verwendung eines offenen, konstruktivistischen Kulturbegriffs - etwa "Transkulturalität" (Welsch)- eingefordert, welches die kontrafaktischen Totalitäts- und Abgrenzungsannahmen des traditionellen Kulturbegriffs abstreift.

Es zeigt sich, dass Impulse für eine solche Neuformulierung sich aus Prozessen einer "Raum-Zeit-Verdichtung" (Harvey) speisen, welche insbesondere nationale Identitäten in einen Modus der "Zerstreuung" (Laclau) überführen. Nationale Identifikationen sind dabei retrospektiv als eine spezifisch moderne Form der Solidaritätsbildung anzusehen, die seit der neuzeitlichen Entstehung des Territorialstaates als globale Norm diffundiert ist.

Der Beitrag richtet sein Augenmerk sowohl auf die Entstehung nationaler Identitäten, als auch auf neuerliche widersprüchliche und uneinheitliche Rekonfigurationen kultureller Identitäten. Im Neueren Kontext wird dabei einerseits auf kulturelle Mischungsverhältnisse und Übergänge verwiesen, die zur Herausbildung neuartiger "ethnoscapes" (Appadurai) und hybrider postmoderner - im Sinne postnationaler - Identitäten führen. Andererseits darf nicht aus den Augen verloren werden, dass gleichzeitig die "Rückkehr der Ethnizität" (Hall) und anderer partikularer Identitäten - als Widerstand gegen die transnationalisierungsbedingte Perforierung von Territorialräumen und Identitäten - stattfindet.

2. Der Identitätsbegriff: Personale und kollektive Identitäten

Der Begriff der Identität umfasst zahlreiche und keineswegs immer hinreichend voneinander unterscheidbare Bedeutungen. Eine mögliche begriffliche Leitunterscheidung besteht in der analytischen Abgrenzung personaler von kollektiver bzw. kultureller Identität. Unter personaler Identität versteht man die subjektive Verarbeitung biographischer Kontinuität bzw. Diskontinuität und ökologischer Konsistenz bzw. Inkonsistenz durch eine Person vor dem Hintergrund einerseits von Selbstansprüchen und andererseits von sozialen Erwartungen (Haußer 1989). Mit dieser Definition ist bereits die komplexe Wechselwirkung zwischen zwei für die Soziologie von Anbeginn zentralen Grundbegriffen angesprochen: Individuum und Gesellschaft. Individuelle Identität als Selbst-Bewusstsein (Innenperspektive auf sich selbst) ist auf die von der gesellschaftlichen Umwelt vorgenommenen Zuschreibungen (Außenaspekt) angewiesen. Klassiker wie Mead oder Goffman haben dieser Problematik gewidmete Sozialisations- und Interaktionstheorien entwickelt (Mead 1973, Goffman 1974).

Ich möchte mich an dieser Stelle nicht mit der personalen Identität und der psychischen bzw. mikrosozialen Vermittlung zwischen Selbstentwurf und sozialen Anforderungen befassen, sondern konzentriere mich auf kollektive Identitäten und hier insbesondere auf die Bedingungen und Mechanismen der Hervorbringung, der Persistenz und des Wandels nationaler kultureller Identitäten.

Mit der Vorstellung einer kollektiven Identität (eines Individuums) ist zunächst der Umstand gemeint, dass Personen sich selbst und andere Personen nicht nur als separate Individuen mit unverwechselbarer personaler Identität wahrnehmen, sondern auch als Mitglieder sozial relevanter Einheiten (Gruppen, Organisationen, Nationen, Kulturen etc.) bzw. als Träger sozialer (beruflicher, geschlechtlicher etc.) Rollen. Bestimmte sozial relevante Einheiten wiederum, sogenannte "Wir-Gruppen" (Elwert 1989), stellen ihren Angehörigen weitergehendere spezielle Loyalitäts- und Solidaritätsanforderungen, mit denen sie sich "identifizieren" können oder müssen.

Ein prominentes Beispiel für eine "Wir-Gruppe" ist die Nation. Sie ist im Unterschied zu Familien- und Verwandtschaftsgruppen (Primärgruppen) - keine Gruppe, die sich über face-to-face-Interaktionen verdichtetet, sondern als anonyme Großgruppe eine "unechte Wir-Gruppe" (Kreckel 1994: 15). Dennoch werden für Nationen häufig distinkte, allen Angehörigen gemeinsame, kulturelle Merkmale und korrespondierende homogene nationale Identitäten angenommen. Seit Beginn der Neuzeit bilden nationale Kulturen die zentrale Quelle kultureller Identitäten (Hall 1999: 424). Nationale Identität als eine Konstruktion des Kollektiven im Spannungsfeld zwischen Kultur und Politik (Giesen 1991: 13) stellt seitdem die dominante Form kultureller Identität dar. Die hier angesprochene tendenzielle Verschmelzung von Kultur und Nation resp. kulturelle Kollektividentität und nationale Identität ist keineswegs zwangsläufig, sondern historisch kontingent.

Bevor ich weiter unten im vierten Abschnitt die Entstehung und den Erfolg dieser weltgeschichtlich besonderen Form kultureller Identitäten skizziere, werde ich mich im nächsten Abschnitt mit den Eigentümlichkeiten des in der Soziologie und Ethnologie vorherrschenden Kulturbegriffs befassen. Dabei wird deutlich werden, dass spezifische Auffassungen von Kultur nahegelegt wurden, die inzwischen transnationalisierungsbedingt revisionsbedürftig sind.

3. Der Kulturbegriff in den Sozialwissenschaften

Wie so häufig in den Sozialwissenschaften weist auch der Bedeutungsgehalt des Begriffs "Kultur" eine kaum zu überschauende Variationsbreite und mithin Uneindeutigkeit auf. Alfred Kroeber und Clyde Kluckhohn (1952) listen in ihrem Buch "Culture: A Critical Review of Concepts and Definitions" mehr als hundert Kulturdefinitionen auf. Blickt man auf neuere kultursoziologische Ansätze, lässt sich inzwischen ein kleinster gemeinsamer Nenner erkennen, wonach Kultur bzw. Kulturalität auf die symbolische Dimension des sozialen Lebens, also auf die Sinn- und Bedeutungskomponente sozialen Handelns verweist, ohne die Verstehen und Orientierung in der Gesellschaft nicht möglich wäre (Müller 1994: 144).

Auf diese Ebene der Symbole, Zeichen und sinnhaften Bedeutungen zielt auch die Auffassung des Kulturanthropologen Clifford Geertz ab, der Menschen in ein "selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe" (Geertz 1983: 9), das er als Kultur bezeichnet, verstrickt sieht. In diesem Sinne versteht auch Hannerz unter Kultur "sozial organisierte Bedeutungen und Bedeutungsmuster" (Hannerz 1995: 66). Kultur umfasst aber nicht nur eine symbolische, sondern lässt sich auch über eine prozessuale bzw. eine handlungsbezogene Perspektive erschließen. Auf der prozessualen bzw. handlungsbezogenen Ebene rücken die Bezeichnungspraktiken, die diskursiven Praktiken, die Modi der Bedeutungsgenerierung und die Institutionalisierungsprozesse (Sozialisation, soziale Kontrolle), durch die Kultur auf "Dauer" gestellt wird, in den Blick. Kultur kann so zusammenfassend als ein "Ensemble von Symbolen, Ritualen und Praktiken" (Müller 1994: 144) verstanden werden.

Der fixierte Kulturbegriff: das traditionelle Konzept der Einzelkulturen

In dem bis hierher ausgebreiteten Sinne ist Kultur als symbolische und praktische Organisierung von Wirklichkeit nicht (mehr) eng an die Ebene einzelner Akteure und Akteursgruppen gekoppelt, wie dies im "traditionellen Konzept der Einzelkulturen" (Welsch) bzw. im "totalitätsorientierten Kulturbegriff" (Reckwitz) der Fall ist. Letzterer setzt eine "Identifikation der jeweiligen Grenzen von ‚Sinnsystemen’ mit den Grenzen zwischen sozialen Kollektiven, das heißt Gruppen von Akteuren, im Konzept der Gemeinschaft, des Volkes, der Nation etc." (Reckwitz 2001: 187) voraus. Eine solche Identifikation bzw. Kongruenz ist zwar denkbar, aber keineswegs eine zwangsläufige, sondern erklärungsbedürftige Konstellation.

Während aus einer kulturanthropologischen Perspektive die "Kulturfähigkeit" des Menschen, die Fähigkeit der geistigen und materiellen Gestaltung von Welt, als kulturelle Universalie ausgewiesen werden kann, erfolgt andererseits die bisher gängige historisch-empirische Verortung von Kulturen (im Plural) partikularistisch. Eine Kultur (im Singular) wird dabei "totalitätsorientiert" (Synonyme hierfür sind holistisch, ontologisierend, essentialistisch, substantialistisch) jeweils als ein auch geographisch abgesondertes Kollektiv begriffen, das sich in seiner Besonderheit von anderen Kollektiven signifikant unterscheide und dadurch kulturelle Differenzen sichtbar mache. Die Ursprünge einer solchen Konzeptionalisierung führen zurück zu Johann Gottfried Herder, in dessen Folgezeit sich das traditionelle Konzept der Einzelkulturen durchgesetzt hat.

Die Charakteristika eines solchen Kulturbegriffs möchte ich pointiert mit einigen Stichwörtern benennen (vgl. nur Hannerz 1995, Welsch 1997, Nederveen Pieterse 1998, Giesen 1999 und Bormann 1997).

- Primordialität: In besonders kruder Weise wird hier auf unveränderbare und mithin unüberwindbare Merkmale wie Geburt und Herkunft, Ethnie abgestellt, womit Zugehörigkeiten jenseits von willentlichem Handeln oder sozialem Vertrag begründet werden. Die primordiale Konstruktion von Differenz erfolgt insbesondere in der Folge der Begegnung mit dem Fremden, wie sie sich im Zuge der frühen Arbeitsteilung innerhalb der Sozialwissenschaftlichen Disziplinen einstellte. Während die Soziologie sich den eigenen, modernen westlichen Gesellschaften, widmete, richtete sich der Blick der Ethnowisenschaften (Kultur- und Sozialanthropologie und Ethnologie) auf fremdartige, geographisch abgelegene und räumlich begrenzte soziale Konstellationen, was schließlich zu einer Überbetonung der Differenz zur eigenen Lebensweise führte.

- Kohärenz und Homogenität: Kultur sei ein kohärenter Komplex spezifischer Verhaltensweisen, ein einheitliches Ganzes, das in sich homogen beschaffen ist.

- Separatismus und Territorialität: Kultur trete in verschiedenen Paketen oder Kugeln auf. Das Verhältnis der Kulturen zueinander sei durch Fremdheit oder Unvereinbarkeit geprägt und durch geographische Grenzen markiert.

Zur Veranschaulichung sei eine Definition aus einem soziologischen Wörterbuch zitiert, auch wenn sie nicht alle obigen Merkmale explizit aufweist:

"Heute versteht man unter Kultur die raumzeitlich eingrenzbare Gesamtheit gemeinsamer materieller und ideeller Hervorbringungen, internalisierter Werte und Sinndeutungen sowie institutionalisierter Lebensformen von Menschen." (Schäfers 1992: 169).

Was für den Kulturbegriff gilt, trifft in seiner Konzeptionalisierung auch auf den sozialwissenschaftlichen Gesellschaftsbegriff zu. Gesellschaft wird als "eine individuierte Entität mit eindeutigen Grenzen und Mitgliedschaften nach dem Muster nationalstaatlich organisierter Gesellschaften" (Peters 1993: 159) gefasst.

In Anlehnung an Ulrich Beck (1997: 49), der folgerichtig von einer "Container-Theorie der Gesellschaft" spricht, sehen Drechsel u.a. (2000: 6) bei Kultur-Konzepten das Vorherrschen eines "Container-Paradigma der Kulturen", wonach eine holistische Ontologie der Kulturen als geschlossenen Container unterstellt werde.

Was hier als Container bezeichnet wird, findet bei Herder im Begriff der Kugel seine Entsprechung. Bei ihm liegt ein Kugelmodell der Kulturen vor, wobei Nationalkulturen den paradigmatischen Fall darstellen: "Jede Nation hat ihren Mittelpunkt der Glücksseligkeit in sich wie jede Kultur ihren Schwerpunkt." (Herder 1967: 44f.). Mit Reckwitz habe ich oben festgehalten, dass begrifflich Kultur und Kollektiv nicht zwangsläufig gekoppelt sein müssen: "Sinngrenzen zwischen Unterscheidungssystemen und Komplexen sozialer Praktiken können anders verlaufen als die Grenzen zwischen Individuen oder zwischen Gemeinschaften" (Reckwitz 2001: 187). Im Falle von Nationalkulturen wird allerdings in prononcierter Weise die Identifikation von hier: Kultur und Nation unterstellt und angestrebt. Im folgenden gilt mein Augenmerk daher der Entstehung und den Eigentümlichkeiten von Nationen. Dabei sollen sowohl die Aspekte der symbolischen Konstruktion von nationalen Semantiken als auch Staatsbildungsprozesse als Strukturphänomene (Herausbildung von Kernorganisationen des Staates und die Institutionalisierung von Praktiken) untersucht werden.

 

4. Kulturelle Identität im Nationalstaat bzw. in der Staatenwelt

Der Begriff der Nation

Unter dem Begriff "Nation" wird eine "Wir-Gruppe" verstanden, welche überzeitlichen Charakter beansprucht, von ihren Angehörigen als (imaginierte) Gemeinschaft behandelt wird und sich auf einen gemeinsamen Staatsapparat bezieht (Elwert 1989: 446) Mit dieser Definition ist zunächst keine faktische Gemeinsamkeit kultureller, sprachlicher, lebensweltlicher u.a. Merkmale gefordert, auch nicht, dass eine tatsächliche überzeitliche Abstammungsgemeinsamkeit impliziert ist, wohl aber ist gemeint, dass die Mehrheit der Angehörigen einer Nation glaubt, diese Gemeinsamkeiten lägen vor, woraus dann ein Zusammengehörigkeitsgefühl ableitet wird. Andererseits wird auch nicht das faktische Vorhandensein eines eigenen Staatsapparat notwendig vorausgesetzt. Dieser kann schon bestehen, oder ist erst noch herzustellen.

Essentialistische und konstruktivistische Definitionen

Hingegen sind lange Zeit bei der Untersuchung von sozialen Kollektiven (Nation, Ethnien, Volk etc.) in den Sozialwissenschaften immer wieder (vermeintlich) gemeinsame Merkmale als Bestimmungs- und Definitionskriterium herangezogen worden. Dem "sharing of a common culture" wurde z.B. in der anthropologischen Ethnizitätsdiskussion eine zentrale Funktion als ursprüngliche und definierende Charakteristik der Organisierung ethnischer Gruppen eingeräumt (Elwert 1989). So wurde die Existenz einer vorpolitischen Essenz von Gemeinsamkeiten bezüglich Abstammung, Kultur, Sprache etc angenommen., weshalb von essentialistischen Definitionen gesprochen wird. Die semantische Wurzel von Nation (latein. nasci: geboren werden), legt ohnehin die Vorstellung einer Abstammungsgemeinschaft nahe (Heckmann 1992: 51).

Eine Kritik an dieser Vorgehensweise wurde von Frederik Barth (1969) Ende der 60er Jahre formuliert. Seine Kritik stellt die bedeutende Rolle der Kultur nicht in Frage, betrachtet sie jedoch als Resultat der ethnischen bzw. nationalen Organisierung und nicht als Voraussetzung. Daher führt für ihn kein Weg an jenen Definitionen vorbei, die den formalen Akt der sozialen Handlung des Grenzziehens als solchen in den Vordergrund zu stellen Hier wird daher von konstruktivistischen Definitionen gesprochen. Der Prozess der Grenzziehung als Form der sozialen Organisierung bzw. Konstruktion, durch die erst Gemeinschaften gebildet werden, ist nicht festschreibbar, sondern unterliegt sozialem Wandel.

Analog zu dieser Unterscheidung sind in der wissenschaftlichen Diskussion zwei Nationenkonzepte vorzufinden, die auf die von dem Historiker Friedrich Meinecke 1908 in seinem Hauptwerk "Weltbürgertum und Nationalstaat" eingeführte Unterscheidung von "Kulturnation" und "Staatsnation", zurückgehen.

"Man wird ... die Nationen einteilen können in Kulturnationen und Staatsnationen, in solche, die vorzugsweise auf einem irgendwelchen gemeinsam erlebten Kulturbesitz beruhen, und solche, die vorzugsweise auf der vereinigenden Kraft einer gemeinsamen politischen Geschichte und Verfassung beruhen. Gemeinsprache, gemeinsame Literatur und gemeinsame Religion sind die wichtigsten und wirksamsten Kulturgüter, die eine Kulturnation schaffen und zusammenhalten [...] Aber häufiger sind doch die Fälle, dass politische Einflüsse und Interessen die Entstehung einer Gemeinsprache und Gemeinliteratur gefördert, wenn nicht sogar verursacht haben" (Meinecke 1919: 1ff.)

Während das Selbstverständnis der "Kulturnation" eine vorgängige, vorpolitische Existenz einer ethnisch-kulturell homogenen Nation postuliert, der eine Einheit unter einem politischen Dach folgen solle (from nation to state), geht die zweite Auffassung (from state to nation) davon aus, dass innerhalb der "Staatsnation" heterogene Bevölkerungsgruppen zusammengefasst wurden bzw. kulturelle Homogenität erst das Ergebnis einer nachholenden Vereinheitlichungspraxis ist (Habermas 1996: 134). Die Unterschiede zwischen den beiden Konzepten spiegeln sich exemplarisch in den zwei Pfaden der Entstehung der deutschen Nation einerseits und der französischen Nation andererseits. Ist für Frankreich die politische Einheit konstitutiv für die Nation und die kulturelle Einheit erst Ausdruck der Nation, so ist im Falle Deutschlands dem Anspruch nach die kulturelle Einheit kennzeichnendes Kriterium für die Nation und die politische Einheit ihr Ausdruck.

Beiden Fällen jedoch ist die soziale Konstruktion eines als nationale "Wir-Gruppe" gefassten Kollektivs gemeinsam, was in der folgenden Darstellung im weiteren Kontext der Entstehung des Nationalstaates aufgezeigt werden soll.

Die Herausbildung nationaler Identitäten im Gesamtzusammenhang der Entstehung des Nationalstaates

Ein Blick auf eine (politische) Weltkarte, führt uns die Geläufigkeit der nationalstaatlichen Strukturierung der "Staatenwelt" vor Augen. Indes ist diese Selbstverständlichkeit ein vergleichsweise junges Ergebnis der Geschichte. Nationalstaaten sind in Europa ab dem 18. Jahrhundert aus zuvor bestehenden (absolutistischen) Territorialstaaten hervorgegangen. Flankiert wurde die strukturelle Entwicklung durch die Herausbildung einer Semantik der "Nation" (Bommes u.a. 2001: 249). Die Linie der Entwicklung bis in die Gegenwart ist –zumindest für die OECD-Länder - durch die "erfolgreiche" nationale Lösung von insbesondere drei Kernanforderungen gekennzeichnet, die an den Nationalstaat adressiert wurden:– Sicherheit, Identität und Legitimation (Zürn 1998: 41ff.). Bei der folgenden allgemeinen Darstellung stehen Vereinheitlichungen im modernen Nationalstaat im Vordergrund. Das besondere Interesse gilt dem Aspekt der Identität.

Sicherheit: Die Staatenwelt in ihrer national-segmentären Form hat ihren Ausgangspunkt im Westfälischen Frieden von 1648. Mit dem Friedenschluss wird gleichzeitig nach außen ein "Recht auf Krieg" (ius ad bellum) festgeschrieben. Der Fortbestand des Territorialstaates hing dann im weiteren Verlauf von der internen Monopolisierung der Gewaltmittel ab, denn souverän konnte nur der Staat sein, der im Inneren für Ordnung sorgte und nach außen seine Grenzen effektiv schützen konnte. Wichtige Voraussetzung für das innere Gewaltmonopol im sonst anarchischen Staatensystem war die Etablierung eines Verwaltungs- und Steuerstaates, der die Rekrutierung der entsprechenden Ressourcen (zur Grenzsicherung und inneren Ordnung mittels einer stehenden Armee bzw. Polizei) organisierte (Habermas 1996: 131f. und Zürn 1998: 43f.).

Von dem nun auf (militärische und administrative) Machtausübung konzentrierten Staat differenzierte sich im Rahmen des entstehenden Kapitalismus ein auf produktive Tätigkeiten spezialisierterer Bereich - die Marktwirtschaft - aus. Dieser Bereich bedurfte aber der staatlichen Gewährleistung und Sicherung allgemeiner d.h. generalisierter Wirtschaftsbedingungen (Wallerstein 1986: 28 und North 1988). Dies erfolgte durch die Etablierung von institutionellen Rahmenbedingungen, etwa durch die Bereitstellung von infrastrukturellen Grundlagen (Verkehrswegen, Kommunikationsmöglichkeiten etc.), durch die Gewährung von generalisierten Freiheitsrechten (z.B. Freiheit auf Eigentum, Vertragsfreiheit), durch Vereinheitlichung von Maßen und Normen, durch Etablierung einer allgemeinen Grundbildung und einer gemeinsamen Verkehrssprache, um den Erfordernissen einer bis zu den Territorialgrenzen ausgedehnten Verkehrswirtschaft zu genügen (Zürn 1998: 45 und Gellner 1991: 46, 89). Unter diesen Bedingungen erst macht die Rede von einer "Nationalökonomie" Sinn.

Identität und Legitimation: In der bis hierher aufgezeigten Entwicklungslinie sind Militärs, Diplomaten, Verwaltungsbeamte und Juristen die maßgeblichen Akteure bei der Formierung einer "Staatsnation" (Habermas 1996: 128). Interessant ist nun, dass mit obigen staatlich forcierten Vereinheitlichungstendenzen, die funktionalen Erfordernissen entspringen, gleichzeitig die Weichen für eine insbesondere im 19. Jahrhundert zum Tragen kommende nationale kollektive Identität gestellt werden. Denn die Formierung eines gemeinsamen Nationalbewusstseins ist nicht nur Nebenfolge funktionaler Imperative sicherheitspolitischer oder wirtschaftlicher Art, sondern erfüllt auch Legitimations- und Integrationsfunktionen insofern, als zur Rechtfertigung moderner staatlicher Herrschaft der Einsatz des staatlichen Machtmonopols eine Gemeinwohlorientierung aufweisen muss. Die "Locksche Lösung des Hobbesschen Dilemmas" (Zürn) besteht deshalb darin, dass seit dem 18. Jahrhundert neben bürgerliche Freiheitsrechte auch politische Rechte auf Teilnahme- und Teilhabe an der Macht hinzukommen, auch wenn sie noch nicht alle Bevölkerungsteile umfassen. Politische Beteiligung entschärft damit das staatliche Legitimationsproblem und ermöglicht auch eine neuartige Integrationsform:

"Eine sich langsam durchsetzende demokratische Beteiligung schafft mit dem Status der Staatsbürgerschaft eine neue Ebene der rechtlich vermittelten Solidarität; zugleich erschließt sich dem Staat eine säkularisierte Quelle der Legitimation" (Habermas 1996: 135).

Entscheidend wird aber, dass die rechtlich vermittelte Solidarität im Rahmen einer formal eingerichteten Republik in seiner Entstehungsphase durch ein "Nationalbewusstsein" flankiert wird, dass gewissermaßen das kulturelle Substrat der rechtlich konstituierten Staatsform abgibt, denn ohne diese

"durchaus künstliche, auch von bürokratischen Bedürfnissen gesteuerte Einschmelzung älterer Loyalitäten ins neue Nationalbewusstsein [...] hätte der Nationalstaat in seiner Entstehungsphase kaum die Kraft gefunden, über die Einrichtung der demokratischen Staatsbürgerschaft zugleich eine neue, abstraktere Ebene der sozialen Integration herzustellen" (ebd.: 137).

Genau in diesem Punkt der Verbindung von Republikanismus (als einer egalitären Rechtsgemeinschaft) und Nationalismus (als einer homogenen Kulturgemeinschaft) ist seitdem ein Spannungsverhältnis zwischen Universalismus und Partikularismus des Nationalstaates zu sehen. Mit der Transformation vorgängiger Identitäten in nationale Identitäten tritt eine partikularistische, homogenisierende "Aura einer nachgeahmten Substantialität" (ebd.: 140) in Erscheinung, durch die "Kultur" bzw. "kulturelle Identität" seitdem nationalstaatlich geprägt wurde. "Staaten", so Hannerz,

"neigen nun nicht nur dazu, in den Bereichen der physischen Macht und des materiellen Lebens eine Rolle zu spielen, sondern nahmen und nehmen, wie es scheint zunehmend, Einfluss auf die ‚Verwaltung von Bedeutungen’" (Hannerz 1995, 71).

Lokalitäten übergreifende Kommunikationsmittel (Bücher, Zeitungen, Nachrichtenagenturen, Telegraph und Telefon) und nationale Bildung lösen dabei soziale Beziehungen vom lokalen Schauplatz und binden sie in einen übergreifenden imaginierten "nationalen" (Kommunikations-)Zusammenhang ein (Anderson 1993, Gellner 1993). Für nationale Kulturen sind also auch kulturelle Institutionen konstitutiv.

"In diesem Kontext konnte dann in der Literatur, in der bildenden Kunst, in der Musik und in der Architektur eine Symbol- und Gefühlswelt ausbilden, die zur Grundlage einer nationalen Kultur und zum Kulturnationalismus wurde" (Zürn 1998: 45).

Im Falle Deutschlands und Italiens u.a. wird auf einen anderen Entwicklungsweg verwiesen, wonach der Staat aus einer vorgängigen nationalen Kultur hervorgegangen ist, also die vorpolitische "Kulturnation" in einen Nationalstaat überführt wurde. Aber auch hier sind – dies hat die neuere Nationenforschung gezeigt - Akteure (Historikern, Dichtern und Intellektuellen) an der Konstruktion der Nation beteiligt. "Schon die deutsche Romantik hatte sich die Nation als ein durch Kunst zu vollendendes Projekt vorgestellt" (Giesen 1991: 12).

Im Übrigen kann die nationale Bewegung im Falle dieser "verspäteten Nationen" selbst als Ergebnis eines (Diffusions-)Druckes gedeutet werden, der von den umliegenden schon existierenden "Staatsnationen" in Westeuropa ausging. Sie zeigten, dass staatliche Organisation erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung im Rahmen einer übergreifenden Verkehrswirtschaft ermöglichte, was im Falle der deutschen und italienischen Kleinstaaterei nicht möglich war. Der Druck ging also vom bereits bestehenden internationalen Staatensystem und ihren territorialen Nationalstaaten aus. (Zürn 1998: 45)

Ungeachtet dieser (historisch-empirischen und rekonstruktiven) Unterscheidung ist entscheidend, dass trotz unterschiedlicher Ausgangskonstellationen, beide Entwicklungen in ihrer Wirkung - der Entstehung einer politisch und rechtlich vereinheitlichten und durch eine kollektive, kulturell repräsentierte nationale Identität gekennzeichneten "Gesellschaft" – konvergieren (Kaufmann 1998: 5).

Im Laufe des 19. Jahrhunderts erhalten nationale Identitäten eine ethnische Zuspitzung, wodurch sie nach außen einen hochgradig exklusiven und nach innen einen integrierenden Charakter entwickeln. Die territoriale Abgrenzung des Lebenszusammenhangs gegenüber "anderen" wird dabei zu einem wesentlichen Faktor der Konstitution des "Eigenen".

Nicht nur politisch-rechtliche und kulturelle Institutionen (wie etwa das nationale Schulsystem) sind konstitutiv für nationale Kulturen, sondern auch Symbole und diskursive Repräsentationspraktiken.

"Eine Nation ist nicht nur ein politisches Gebilde, sondern auch etwas, was Bedeutungen produziert – ein System kultureller Repräsentationen. Menschen sind nicht nur rechtmäßige Bürger einer Nation, sie partizipieren auch an der Idee der Nation, wie sie in ihrer nationalen Kultur repräsentiert wird." (Hall 1999: 415).

Nationale Kulturen sind nach Hall Diskurse bzw. Narrative , die erst Identitäten konstruieren. Sie sind diskursive Entwürfe, in denen Differenzen als Einheiten dargestellt werden. Nationale Identitäten werden als authentische und einheitliche repräsentiert, indem Ursprünge, Kontinuität, Tradition und Zeitlosigkeit betont werden. Die Narration der Nation ist in der Literatur, in den Medien und der Alltagskultur präsent und

"stellt einen Zusammenhang von Geschichten, Vorstellungen, Landschaften, Szenarien, geschichtlichen Ereignissen, nationalen Symbolen und Ritualen her, die die geteilten Erfahrungen und Sorgen, Triumphe und vernichtenden Niederlagen repräsentieren, die einer Nation Bedeutung verleihen." (ebd.: 417).

Obwohl nationale Kulturen insbesondere in ihrer Entstehungsphase durch Brüche und Differenzen gekennzeichnet sind, werden sie "durch die Ausübung kultureller Macht ‚vereinigt’" (ebd.: 422). Sie sind nach Hall die Hauptquelle moderner Identitäten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Sicherheits-, Identitäts- und Legitimitätsfrage mit der Herausbildung des modernen Staates national beantwortet wird. Zu den Charakteristika des Nationalstaates zählen: Territorialität, ein Gewaltmonopol, Verwaltungs- und Steuerstaatlichkeit, die Gewährung verallgemeinerter bürgerlicher und politischer Rechte, eine Nationalökonomie, die Herausbildung einer allgemeinen nationalen Verkehrssprache und die Herstellung einer nationalen Identität bzw. einer nationalen Kultur. Der moderne Staat ist damit eine Organisationsform sozialer Beziehungen, in der weitgehende Aspekte der sozialen Welt national organisiert werden. Souveränität, Politik, Ökonomie, Gesellschaft, Kultur und Identität bilden eine in sozialräumlicher und flächenräumlicher Hinsicht kongruente Einheit (Pries, 1997 und 1998). Bis in die Nachkriegsära bleibt der Nationalstaat der maßgebliche Rahmen wirtschaftlicher Regulation, politischer Entscheidungsmacht und kultureller Strukturierungskraft. Der relevante soziale Raum innerhalb dessen Institutionen, Lebenswelten und Alltagsroutinen strukturiert wurden ist der nationalstaatliche Territorialraum. Er ist bis in die jüngere Vergangenheit der Horizont der Gesellschaft und insofern und solange macht die (wissenschaftliche) Vorstellung eines abgrenzbaren Territoriums Sinn. In wissenssoziologischer Hinsicht fungiert der Nationalstaat deshalb auch als Bezugsrahmen der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung. Sozialität wird als ein Zusammenhang vorgestellt, der sich in territorial begrenzten und räumlich isomorphen containerförmigen Einheiten (national) organisiert und reproduziert.

Im nächsten Abschnitt werden Entwicklungstendenzen untersucht, die unter dem Begriff der Globalisierung in der jüngeren Vergangenheit intensiv diskutiert werden und die bis hierher herausgearbeitete "nationale Konstellation" herausfordern. Mit Globalisierungsprozessen zeichnet sich gegenwärtig der Beginn einer tendenziellen Entkopplung von staatlichem Flächenraum und Sozialraum ab. Erst daran anschließend werde ich fragen, wo sich globalisierungsbedingt neue "Rahmungen" für die Artikulation kultureller Identitäten abzeichnen.

 

5. Was ist Globalisierung?

Die gegenwärtige Welt wird sowohl im Alltag, in der Öffentlichkeit als auch im wissenschaftlichen Diskurs als eine Welt wahrgenommen und beschrieben, in der Güter, Kapital, Wissen, Umweltprobleme, Kommunikationen, Personen, Kriminalität, Moden Images und andere kulturellen Formen territoriale Grenzen überschreiten. Soziales Handeln und soziale Beziehungen, so die Grundüberzeugung, machen immer weniger halt an Schlagbäumen, sondern werden grenzüberschreitend gedehnt. Innerhalb der inzwischen kaum zu überschauenden sozialwissenschaftlichen Literatur haben drei Autoren bereits vor gut zehn Jahren wichtige Beiträge zum Globalisierungsdiskurs geleistet: David Harvey (1989), Anthony Giddens (1997, original: 1990) und Ronald Robertson (1992).

Raum-Zeit-Verdichtungen

Harvey stellt seine Betrachtungen der "post-modern condition" in den Kontext einer langfristigen Entwicklung der Moderne und des kapitalistischen ökonomischen Systems. Die Postmoderne bedeutet seiner Auffassung nach keinen radikalen Bruch mit der Moderne, sondern eine besondere Krise innerhalb der Moderne, die wiederum von Anbeginn "by a neverending process of internal ruptures and fragmentations within itself"(Harvey 1989: 12) charakterisiert ist. Die Brüche und Diskontinuitäten sind Folge einer kontinuierlichen "time-space compression" (ebd.: 240). Während etwa zur Zeit des europäischen Feudalismus der soziale Raum, der lebensweltliche Horizont, identisch mit einer relativ autarken örtlichen Gemeinschaft ist, und auch Zeitbezüge an den Ort gebunden bleiben ändern sich die mit modernen technologischen und ökonomischen Veränderungen einhergehenden Raum- und Zeiterfahrungen. Die Treibfeder der Umwälzungen sieht Harvey in einem Prozess, den er als "shortening of turnover time of capital" nennt (ebd.: 229). Der kapitalistische Prozess ist demnach durch die kontinuierliche Verkürzung der "time of production together with the time of circulation of exchange" (ebd.) gekennzeichnet. Diese werden sowohl durch Erfindung neuer Transport- und Kommunikationstechnologien als auch durch die Objektivierung und Universalisierung von Raum- und Zeitkonzepten möglich: Die mechanische Uhr erlaubt durch die Möglichkeit exakter Messung der Dauer von Arbeitsabläufen eine temporale Disziplinierung. Mittels geographischer Karten wird das Ziel verfolgt den (Handels-)Raum zu vermessen, der sich zunehmend über größere Entfernungen aufspannt, um ihn letztlich effizienter zu organisieren. Mit Transporttechnologien werden Räume leichter durchquert, denn die Überwindung von räumlichen Barrieren kostet Zeit und Geld, Faktoren, die es zu reduzieren gilt.

Mit "time-space compression" ist gemeint, dass einerseits durch effiziente Organisation der Arbeitsabläufe die Zeitdauer für die Ausübung einer Handlung abnimmt und andererseits übertragen auf Handlungen, die mit Raumüberwindung verbunden sind, die Zeit sinkt, die für die Durchquerung des Raumes erforderlich ist, wodurch der Raum "schrumpft". Der Raum verdichtet sich durch sinkende (sich verdichtende) Zeit. Der so beschriebene Prozess der Verdichtung vollzieht sich immer wieder in kurzen und intensiven Schüben, die jeweils Überakkumulationskrisen im kapitalistischen System folgen. Seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts ist nun von einer erneuten Runde der Verdichtung von Raum durch Zeit auszugehen. Hintergrund ist eine in Verbindung mit der "Krise des Fordismus" stehende erneute Überakkumulationskrise (ebd.: 141ff.). Die Transmissionszeiten sowohl der Produktion als auch der Konsumtion (wechselnde Moden, sinkende Produktlebensdauer) wurden reduziert.

Es kann festgehalten werden, dass die Bedeutung des Konzeptes der "time-space compression" für das Globalisierungsthema in den Annahmen über die Verdichtung bzw. Vernichtung des Raumes liegen. "As spatial barriers diminish so we become much more senticitized to what the world`s spaces contain" (ebd.: 294). Auch wenn Harvey ökonomisch inspiriert argumentiert lassen sich seine Aussagen in ihren Folgen über die Sphäre des Ökonomischen hinaus verallgemeinern. Das soziale Leben wird in seiner Gesamtheit entlang der Koordinaten Raum und zeit neu geordnet. Kapital-, kommunikative oder andere Flüsse verbinden Lokalitäten unter dem Dach eines "geschrumpften" Raums, lösen diese aber nicht auf. Nach Harvey impliziert das Schrumpfen des Raumes unter kompetetiven Vorzeichen vielmehr auch die Betonung und das Bewusstsein lokaler Eigenschaften, etwa und auch im Hinblick auf Kapitalattraktivität (ebd.: 271).

Raum-zeitliche Abstandsvergrößerungen

Kernpunkt des Globalisierungskonzeptes von Giddens ist ebenfalls die Neuordnung des sozialen Lebens.

"Die Soziologen stützen sich bisher ungerechtfertigter Weise auf eine im Sinne eines begrenzten Systems gedeutete Vorstellung von ‚Gesellschaft‘. Statt dessen sollte man an einem Ausgangspunkt beginnen, an dem man sich auf die Art und Weise konzentriert, in der das soziale Leben über Raum und Zeit hinweg geordnet ist. Dies ist die Fragestellung der raumzeitlichen Abstandsvergrößerung." (1997: 95).

Der Begriff der raumzeitlichen Abstandsvergrößerung lenkt die Aufmerksamkeit auf die komplexen Beziehungen zwischen lokalen Beteiligungsweisen (Situationen gleichzeitiger Anwesenheit) und der Interaktion über Entfernungen hinweg (den Verbindungen zwischen Anwesenheit und Abwesenheit). In der Moderne ist das Niveau der raumzeitlichen Abstandsvergrößerung sehr viel höher als in irgendeinem früheren Zeitalter, und die Beziehungen zwischen lokalen und entfernten sozialen Formen und Ereignissen werden dementsprechend als ‚gedehnt‘ aufgefasst. Er begreift Globalisierung nun als Konsequenz der Moderne. Denn die Institutionen der Moderne tendieren zu einer globalen Ausweitung, weshalb Giddens auch von der "Globalisierung der Moderne" spricht. Auch der Begriff der Globalisierung bezieht sich im wesentlichen auf einen Dehnungsvorgang. Definieren lässt sich der Begriff der Globalisierung demnach im Sinne einer

"Intensivierung weltweiter sozialer Beziehungen, durch die entfernte Orte in solcher Weise miteinander verbunden werden, dass Ereignisse an einem Ort durch Vorgänge geprägt werden, die sich an einem viele Kilometer entfernten Ort abspielen, und umgekehrt."(ebd.: 24f)

Das Ergebnis dieser Verbindungen ist aber, so Giddens, nicht als eine Vereinheitlichung der jeweils miteinander in Beziehung gesetzten lokalen Ereignisse zu verstehen. Eher ist von einem dialektischen Prozess auszugehen, bei dem das Globale und Lokale auf eine "oft gebrochene und asymmetrische Weise" miteinander verbunden werden, so dass etwa die Verschärfung der Unterschiede zwischen der "Dritten" und der "Ersten Welt" oder die Akzentuierung lokaler Identitäten die Folge sein können. Die Konsequenzen der raumzeitlichen Abstandsvergrößerung für kulturelle Identitäten stellt hier einen interessanten Anknüpfungspunkt für meine Fragestellung dar. Kommunikationsmöglichkeiten, zu denen die frühen mechanisierten Druckverfahren und die neueren elektronisierten Technologien zählen, haben ein ortsübergreifendes, wenn nicht globales Bewusstsein geschaffen. Hier greift das, was Giddens schon für die Moderne charakteristisch erachtet: Reflexivität, d.h. die Revision sozialer Praktiken und Identitäten durch neu hinzukommende entfernte Informationen (ebd.: 28ff.). Der Begriff der Reflexivität zielt hier also auf die wechselseitige Inbeziehungsetzung entfernter Zusammenhänge und die Wahrnehmung dessen ab. Dabei werden unsere Alltagsaktivitäten stets auch von Ereignissen beeinflusst, die sich auf der andern Seite der Erde abspielen. Umgekehrt sind lokale Lebensstile global folgenreich geworden.

Interlokalität

Im Mittelpunkt des theoretischen Interesses von Robertson stehen die kulturellen, reaktiven und interpretatorischen Formen, in denen alle (lokalen) Aspekte des sozialen Lebens in Beziehung zur "Welt als ganzes" gesetzt werden. Soziale Entitäten müssen sich im Rahmen eines globalen Bezugsrahmens, dem "global field" verorten. Die Definition seines Globalisierungskonzeptes umfasst zwei Elemente:

"Globalization as a concept refers both to the compression of the world and the intensification of consciousness of the world as a whole. [...] the increasing acceleration in both the concrete global interdependence and consciousness of the global whole in the twentieth century." (Robertson 1992: 8).

Der erste Aspekt der langfristigen globalen Verdichtung der Welt geht zum Teil durchaus auf Dynamiken und Triebkräfte zurück, wie sie auch von Wallerstein (1986) und auch Harvey (1989) herausgestellt wurden. Es sind die Verbreitung des Kapitalismus, der westliche Imperialismus und die Herausbildung des globalen Mediensystems. Diese geschichtlich schon frühzeitigen Tendenzen zur Herausbildung eines "singulären Systems" werden nun von relativ jungen Entwicklungen unterschieden. Zu diesen Entwicklungen, die zur Prägung eines relativ neuen "globalen Bewusstseins" – in der Form begrifflicher Ordnungskategorien - geführt haben, zählt Robertson u.a. die zwei menschheitsbedrohenden Weltkriege, das Aufkommen der "Dritten Welt", die Herausbildung inter-, supra- und transnationaler Institutionen sowie auch eben die kulturelle Rezeption dieser Ereignisse im Lichte eines sich verändernden, auf die Welt bezogenen Bewusstseins. Inzwischen muss sich jede soziale Entität anhand oft differenter und konfliktueller kultureller Interpretationen und Redefinitionen von Ereignissen in der Welt verorten. "In dieser Hinsicht beinhaltet die auf allgemeinste Weise als Verdichtung der Welt als ganzer definierte Globalisierung die Verknüpfung von Lokalitäten."(Robertson 1998: 208). Der auch zum Zuge kommende Synthesebegriff "Glokalisierung" umfasst zwei gleichzeitige Vorgänge: Globalisierung und Lokalisierung.

Wenn entfernte Lokalitäten zunehmend miteinander in Beziehung stehen, bedeutet dies, dass die Selbstbezüglichkeit des Lokalen, die sich über weite Strecken der Geschichte überwiegend in der Form gleichzeitiger Anwesenheit am lokalen Schauplatz manifestierte, ergänzt oder aufgelöst wird, aber keineswegs Lokalität an sich. Die so entstehende globale Kultur als Kultur des Interlokalen ist so zu verstehen, dass

"sie ihre Entstehung einem zunehmendem Miteinander-Verbundensein [...] lokaler Kulturen verdankt. [...] Auf jeden Fall sollten wir uns hüten, den kommunikativen und interaktiven Zusammenschluss dieser Kulturen – worunter auch sehr asymmetrische Formen der Kommunikation und Interaktion fallen – mit der Vorstellung einer Homogenisierung aller Kulturen gleichzusetzen" (ebd.: 208).

Es kann festgehalten werden, dass "Verdichtungs-", "Dehnungs-" und "Beschleunigungsvorgänge" tradierte Grenzen überschreiten und den globalen Raum, ganz anders als es politische Landkarten suggerieren, neu strukturieren. Mit der globalisierungsbedingten Neustrukturierung raum-zeitlicher Kategorien geht einher, dass der für soziale Identitäten, Strukturen und Prozesse historisch lange Zeit maßgebliche Rahmen des Nationalstaates bzw. der Nationalgesellschaft an Relevanz einbüßt. Es kommt zu einer Entkopplung von sozialen und staatlich-territorialen Räumen. In der neueren Literatur werden die hier angesprochenen Entgrenzungsprozesse als "Entterritorialisierung" (Beck 1997, 12) bzw. "Enträumlichung" (Appadurai, 1990 und 1998: 13). interpretiert.

Soziale Landschaften

Appadurai unterscheidet fünf Dimensionen entterritorialisierter fluktuierender Formationen, die gewissermaßen als permanenter Strom kultureller Formen Menschen auf der Welt in Beziehung setzen (1990: 296ff.). Damit schlägt er gleichzeitig ein Modell "globaler" Kultur vor, dass Kultur als "cultural flows" fasst. Zuerst nennt er sogenannte "Ethnoscapes", die aus Personen bestehen, die ihre Lebensorte als Touristen, Einwanderer, Flüchtlinge, Exilanten. Zweitens unterscheidet davon ein Ensemble von Informationen und Images als Bestandteile von "mediascapes", die als mediale Ströme Zeitungen, Fernsehen, Filme etc. durchziehen und von Menschen in ganz unterschiedlichen Kontexten rezipiert werden. Drittens gibt es "technoscapes", die jene Menschen umfassen, welche mittels Informations- und anderer Technologien, transnationalen Unternehmen oder politischen Organisationen verbinden.. Des weiteren sind Menschen in "financescapes" im Rahmen von Finanz- Devisen- und Kapitalmärkten tätig. Und schließlich nennt er "ideoscapes", die aus Idealen oder Ideologien politischer oder religiöser Art bestehen.

Im Rahmen einer Konzeptualisierung der gegenwärtigen Grenzüberschreitungen mit dem Begriff der "Landschaft", so die mögliche Übersetzung von "scape", können sozialräumliche Figurationen benannt werden, die keine uns bisher bekannte staatlich-territoriale Gebundenheit notwendig voraussetzen. Diese Prozesse sollten allerdings so verstanden werden, dass sie in erster Linie zu einer tendenziellen Herauslösung sozialer Beziehungen aus dem nationalstaatlich-territorialen Zusammenhang und eine Wiedereinbettung in grenzüberschreitende Zusammenhänge führen, keineswegs aber zu einem völligen Verschwinden von Grenzen oder räumlichen Verortungen. Empirisch offen bleibt dabei, ob grenzüberschreitende Handlungszusammenhänge ausschließlich als nicht-territorial vorgestellt werden müssen oder ob sich neue Grenzen sozialer Räume (z.B. am Rande der OECD-Welt) abzeichnen oder neue/alte Abgrenzungsversuche (national-protektionistische Reterritorialisierungen) als spezifische Reaktionen auf transnationalisierungsbedingte Entgrenzungsprozesse unternommen werden.

Welche Konsequenzen haben nun die so verstandenen "Enträumlichungsprozesse" für soziale Gruppen bzw. kulturelle Identitäten, die bisher als territorial fixiert und kulturell homogen vorgestellt wurden? Wie wirken sie auf die im vierten Abschnitt rekonstruierte dominante Form moderner kollektiver Identität: die nationale Identität?

6. Wie berührt Globalisierung bisherige kulturelle Konstellationen und Konzeptionen?

Die Entkopplung von sozialen und staatlich-territorialen Räumen im Zuge der grenzüberschreitenden Zirkulation von Menschen, Waren, Kapital, Ideen, Symbolen impliziert auch eine Entkopplung kollektiver Vergemeinschaftungsformen und Identitätsbildung vom bisher zugrunde liegenden Territorialitätsprinzip. Das Paradigma nationaler Kulturen als territorial fixierte und kulturell homogene Einheiten ist nicht mehr haltbar. Wie nun sind die kulturellen und identitären (Re-)Konfigurationen zu beschreiben? Bildet sich eine globale hegemoniale Einheitskultur im Sinne einer (kommerziellen) kulturellen Homogenisierung heraus, die angestammte Traditionen und Identitäten nivelliert? Sind eher partikularistische Fragmentierungsprozesse im Gange, die möglicherweise als defensive Antworten auf die als Zumutungen verstandene Homogenisierungstendenzen zu deuten sind? Ist seitens der Betroffenen ein schöpferischer Umgang mit "cultural diversity" zu beobachten, der Ausdruck in Formen "hybrider Identität" oder "Transkulturalität" findet? (vgl. zu Folgendem Featherstone 1990 und auch Hall 1999). Um es vorweg zu nehmen: Keiner der Prozesse schließt den anderen aus. Sie bedingen sich gegenseitig.

Kulturelle Homogenisierung

Schon die Darstellung der Globalisierungskonzepte von Harvey, Giddens und Robertson im vorangegangenen Abschnitt zeigte, dass Vorsicht gegenüber der These einer kulturellen Homogenisierung angebracht ist. Was behauptet nun diese These?

Für die These der Konvergenz globaler Kultur steht das Schlagwort der "McDonaldisierung" (Ritzer 1997) der Welt. Die weltweite Verbreitung von (elektronischen) Medien in Verbindung mit der Verbreitung von westlichen (materiellen und symbolischen) Gütern und Praktiken laufe auf eine kulturelle Homogenisierung der Welt hinaus. McDonalds dient in diesem Zusammenhang als Metapher für einen Vorgang, "durch den die Prinzipien der Fast-Food-Restaurants immer mehr Gesellschaftsbereiche in Amerika und auf der ganzen Welt beherrschen"(ebd.: 15). Zu den betroffen Gesellschaftsbereichen sind alle denkbaren zu zählen: Ausbildung, Arbeitswelt, Reisen, Freizeitgestaltung, Ernährung, Politik, Familie, Unterhaltungskultur etc. Als Vorläufer der McDonaldisierung identifiziert Ritzer Prinzipien, die in der westlichen Moderne entstanden sind: Rationalisierung (Weber), wissenschaftliche Betriebsführung (Taylor) und die Fließbandproduktionsweise (Ford). Nun aber zeichne sich mit der globale Diffusion der westlichen "Modernität" eine (vom Westen ausgegangene) kulturelle Homogenisierung von Lebensweisen ab. "Amerikanisierung" bzw. "Verwestlichung" sind in diesem Zusammenhang die einschlägigen Begriffe.

Nun ist der Einfluss einer solchen "globalen" Kultur unter dem Einfluss von Massenkommunikationsmedien und der Erschließung von entfernten Märkten seitens westlicher Unternehmen keineswegs zu leugnen. Das bedeutet jedoch nicht zwingend, dass kulturelle Identitäten völlig von ihnen vereinnahmt werden. Dies würde in die Kontextualität von Kultur verkennen. Sozialen Gruppen oder Kollektive, die die ´globale Botschaft´ empfangen, interpretieren sie auf der Grundlage ihrer je spezifischen Erfahrungen und Erinnerungen und geben ihr so einen handlungsrelevanten Sinngehalt (Axtmann 1995: 90). Kulturelle Produkte und Inhalte werden im Lichte je lokaler kultureller Praktiken angeeignet bzw. modifiziert, wodurch die Möglichkeit transkultureller Lebensformen angedeutet wird.(vgl. Korrf 1996: 315).

Ähnlich skeptisch steht auch Mike Featherstone (1990: 1) der These der kulturellen Homogenisierung gegenüber. Globalisierung bedeutet nicht Homogenisierung, sondern ist gleichzeitig mit einer Diversifizierung von Diskursen verbunden. Dabei löst Globalisierung die Abgeschlossenheit von Kulturen auf, setzt sie in Beziehung. Das kann zu der Herausbildung von andere Kulturen einbeziehenden universellen Vorstellungen führen (kulturelle Integration) oder aber identitätsbewahrende Gegenreaktionen (kulturelle Desintegration) hervorrufen.

Kulturelle Fragmentierung

Kulturelle Fragmentierungsprozesse sind jedenfalls nicht auszuschließen. Kultur und imaginierte kulturelle Unterschiede lassen sich dabei sehr leicht in den Dienst politischer Instrumentalisierungen nehmen (Meyer 1997: 26f. und Kaschuba 1995: 21ff.). Vier solcher Strategien sind gegenwärtig besonders hervorzuheben:

1. Die "Ethnisierung" politisch-sozialer Konflikte wie im Beispiel des ehemalige Jugoslawien. Hier wurden ethnische Identitäten als behauptete kulturelle Gemeinsamkeiten gezielt von neuen und alten Eliten konstruiert, wobei durch politisch-ökonomische Machtinteressen motivierte Verteilungskämpfe um Ressourcen und Einflussgebiete verschleiert wurden.

2. Der "kulturelle Rassismus", der seine biologischen Implikationen zwar abstreift, an deren Stelle jedoch die These von der "Unvereinbarkeit der Kulturen" tritt. Hier liegen Vorstellungen von Kultur zugrunde, die ich oben mit totalitätsorientiert beschrieben habe. Jede Kultur stelle eine abgegrenzte, unabhängige, isolierte Entität dar.

3. Des weiteren ist der gegenwärtig besonders islamischen Bewegungen zugeschriebene "Fundamentalismus" zu nennen, obschon fundamentalistisch-zivilisationskritische Positionen auch in westlichen Gesellschaften immer wieder auftauchen. Obwohl Fundamentalismen sich auf kulturelle Tradition und religiöse Wahrheiten berufen und damit antimodern daherkommen, sind sie ein modernes Phänomen. Habermas schreibt dazu:

"Fundamentalistische Bewegungen lassen sich als der ironische Versuch begreifen, der eigenen Lebenswelt mit restaurativen Mitteln Ultrastabilität zu verleihen. Die Ironie besteht im Selbstmißverständnis eines Traditionalismus, der ja erst aus dem Sog gesellschaftlicher Modernisierung hervorgeht und eine zerfallene Substantialität nachahmt. Als Reaktion auf den überwältigenden Modernisierungsschub stellt er eine durch und durch moderne Erneuerungsbewegung dar. (Habermas 1993: 176).

Gegenwärtig kann in Fundamentalismen analog eine Reaktion auf Globalisierungsschübe gesehen werden. Dabei wird ein Spannungsverhältnis angenommen, insofern als die Behauptung bzw. Konservierung kultureller Partikularität (Heterogenität) eine defensive Antwort auf als Zumutungen verstandene globale Homogenisierung darstellt. Diese Spannung prägt gegenwärtig die Suche nach kollektiver Identität und bringt eine Politik der Bewahrung und Wiederherstellung kultureller Einzigartigkeit hervor (Axtmann 1995, Berking 2001).

4. "Neo-Nationalismen". Diese sind ähnlich wie Fundamentalismen als Versuch zu sehen, der transnationalisierungsbedingten Verflüssigung territorialer Identitäten eine nationale "Politik der Identität" entgegenzusetzen.

Hybridisierung

Neben Homogenisierungs- und Fragmentierungsszenarien sind zudem transnationale Hybridisierungsprozesse zu beobachten, in denen Elemente aus vordem relativ homogenen (National-)kulturen neue Verbindungen eingehen. Oben wurde darauf hingewiesen, dass kulturelle Botschaften – entgegen der Homogenisierungsannahme- unterschiedlich konnotiert und angeeignet werden. Habermas führt dazu aus:

"Die Anthropologie hat lange genug den nostalgischen Blick auf einheimische Kulturen gepflegt, die unter dem Druck der kommerziellen Homogenisierung angeblich entwurzelt und ihrer vermeintlichen Authentizität beraubt wurden. Neuerdings betont sie den konstruktiven Charakter und die Vielfalt innovativer Antworten, die globale Reize in lokalen Kontexten auslösen. In Reaktion auf den uniformierenden Druck einer materiellen Weltkultur bilden sich oft neue Konstellationen, die nicht etwa bestehende kulturelle Differenzen einebnen, sondern mit hybriden Formen eine neue Vielfalt schaffen." (1998: 115).

Die lokale kulturelle Standortbestimmung in Relation zu einer materiellen Weltkultur läuft damit nicht notwendig auf eine partikularistische Zuspitzung hinaus. Es soll keineswegs die Möglichkeit partikularistischer Konflikte ignoriert werden, aber ebenso darf auch die Möglichkeit von kulturellen Begegnungen, aus denen neue (transnationale, plurale, hybride, dritte) (Sub-)Kulturen entstehen, nicht geleugnet werden. Dass das Insistieren auf kulturelle Eigenheiten nicht auf einen blutigen Konflikt, der zum Kampf der Kulturen (Huntington 1996) stilisiert wurde, hinauslaufen muss, zeigen diverse Begriffe in der Literatur.

Featherstone nimmt an, dass die Verbindung von zuvor relativ isolierten kulturellen Zusammenhängen partikulare Identitäten stärken kann, als auch zu einer Relativierung dieser führen kann, wodurch transnationale Kulturen entstehen, "which can be understood as genuine ´third cultures` which are oriented beyond national boundaries" (Featherstone 1990, S. 6). Im Zuge der grenzüberschreitende Flüsse erfolgenden Umschreibung des sozialen Lebens in denationalisierte "soziale Landschaften". Dabei lösen sich auch Identitäten von partikularen Räumen und Traditionen. Medien und Migration sind die entscheidenden kulturellen Dimensionen, weil sie

"ortsgebundene kulturelle Wissensbestände ortsunabhängig, also quasi global vermitteln und damit verfügbar machen. Dieser permanente Strom kultureller Materialien, der als entteritorialisierte Identitätsangebote, Images und Skripte die Routinen des Alltagslebens durchschießt, verstrickt Individuen und Gruppen dauerhaft in Selbstexperimente, in denen imaginierte und imaginäre Welten gleichsam die normative Kraft des Faktischen gewinnen" (Berking 1998: 385).

Postnationale Gesellschaften sind mit Ernesto Laclau (1990) "zerstreut", d.h. ihre Struktur und Identität ist nicht mehr um ein Zentrum herum formiert, sondert setzt sich aus der Artikulation vielfältiger Differenzen zusammen. Dabei ist vor dem Hintergrund, dass zunehmend Menschen physisch und medial in mehr als eine Kultur involviert werden, anzunehmen, dass kulturelle Identitäten qua Begegnung in etwas "Drittes" "aufgehoben" werden. Ähnlich plädiert Nederveen Pieterse dafür grenzübergreifenden kulturellen Wandel als einen "Prozeß der Hybridbildung zu betrachten, durch den eine globale Melange entsteht" (Nederveen Pieterse 1998: 87) Er bezeichnet dabei kulturelle Formen dann als hybrid, synkretisch, gemischt oder kreolisiert, wenn die Bestandteile einer aktuellen kulturellen Form aus unterschiedlichen Kontexten kommen.

 

Zur Dynamisierung des Kulturbegriffs

Abschließend möchte ich die Frage stellen, ob dieser Konstellation das Konzept der Multikulturalität gerecht wird, das als Alternative zu totalitätsorientierten Kulturkonzepten anempfohlen wird. Indem das Konzept der Multikulturalität die Vielfalt verschiedener Lebensformen ins Auge fasst, scheint es den Verstrickungen des traditionellen, statischen essentialistischen zu entgehen. Allerdings werden in solchen Konzepten weiterhin Kulturen als homogene Einheiten gedacht:

"Die Konstellation des Multikulturalismus erscheint dann als eine Vervielfältigung monokultureller Gemeinschaften, die im Verhältnis zueinander in ihren Sinngrundlagen different, nach innen jedoch eine homogene Sinnstruktur bilden" (Reckwitz 2001: 188).

Reckwitz schlägt als Alternative ein Modell "kultureller Interferenzen" vor. Auf einer personalen Ebene geht dieses Modell von der Möglichkeit der Parallelexistenz unterschiedlicher kultureller Codes in den lebensweltlichen Wissensvorräten der gleichen Akteure aus. Auf der Ebene der Kollektive ist keine je abgeschiedene Multiplizität kultureller Gemeinschaften impliziert, sondern die Konstellation einer hybriden Gleichzeitigkeit der Wirkung mehrer Komplexe sozialer Praktiken und mehrerer sich dort ausdrückender "backround languages" in den gleichen Kollektiven. In einer Konstellation kultureller Interferenzen liegt dann "eine kulturelle Heterogenität nicht zwischen Kollektiven, sondern innerhalb dieser" vor (ebd.. 181). Ähnlich vermag auch das Konzept der "Transkulturalität" (Welsch 1997) den Fallstricken der Einzelkultur-Vorstellungen entkommen. Transkulturalität ist sowohl Folge der inneren Differenzierung und Komplexität der modernen Kulturen, als auch eine Folge der "externen", grenzüberschreitenden Vernetzung kultureller Formen.

"Das Transkulturalitätskonzept vermag sowohl den globalen wie den lokalen, den universalistischen wie den partikularistischen Aspekten gerecht zu werden [...]. Sowohl Globalisierungswünsche als auch ein Bedürfnis nach Spezifität können innerhalb der Transkulturalität erfüllt werden. Transkulturelle Identitäten besitzen eine kosmopolitische Seite ebenso wie eine Seite lokaler Zugehörigkeit" (ebd., 80)

 

Literaturverzeichnis

Anderson, B. (1993): Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Frankfurt am Main. 2. Auflage.

Appadurai, A. (1998): Globale ethnische Räume. In: Beck, U. (Hg.), Perspektiven der Weltgesellschaft. Frankfurt am Main. S. 11-40.

Appadurai, A. (1990): Disjuncture and Difference in the global cultural economy. In: Featherstone, M. (Hg.) (1990): Global Culture. Nationalism, Globalization an Modernity: London. S. 295-310.

Axtmann, R. (1995): Kulturelle Globalisierung, kollektive Identität und demokratischer Nationalstaat. In: Leviathan. Zeitschrift für Sozialwissenschaften. Heft 1, S. 87-101.

Barth, F. (Hg.) (1969): Ethnic Groups and Boundaries. Bergen/Oslo.

Beck, U. (1997): Was ist Globalisierung? Frankfurt am Main.

Berking, H. (2001): Kulturelle Identitäten und kulturelle Differenz im Kontext von Globalisierung und Fragmentierung. In: Loch, D. und W. Heitmeyer (Hg.): Schattenseiten der Globalisierung. Frankfurt am Main. S. 91-110.

Berking, H. (1998): "Global Flows and Local Cultures". Über die Rekonfiguration sozialer Räume im Globalisierungsprozeß. In: Berliner Journal für Soziologie, Heft 3, S. 381-392.

Bommes, M., M. Liedtke und I. Schumacher (2001): Nationalgesellschaft. In: Kneer, G., A. Nassehi und M. Schroer (Hg.): Klassische Gesellschaftsbegriffe der Soziologie. München.

Bormann, R. (1997): "Multikulturalität"? Die sozialwissenschaftliche Kulturforschung angesichts des Umlaufs ihrer Kategorien. In: Schweizerische Zeitschrift für Soziologie, Heft 2, S.283-302

Drechsel, P., B. Schmidt und B. Gölz (2000): Kultur im Zeitalter der Globalisierung. Von Identität zu Differenz. Frankfurt am Main.

Elwert, G. (1989): Nationalismus und Ethnizität. Über die Bildung von Wir-Gruppen. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, S. 440-464.

Featherstone, Mike (1990): Global Culture: An Introduction. In: ders (Hg.): Global Culture. Nationalism, Globalization an Modernity. London.

Geertz, C. (1983): Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt am Main.

Gellner, E. (1991): Nationalismus und Moderne. Berlin.

Giddens, A. (1997): Konsequenzen der Moderne. Frankfurt am Main. 2. Auflage.

Giesen, B. (1999): Identität und Versachlichung: unterschiedliche Theorieperspektiven auf kollektive Identität. In: Willems, H. und A. Hahn (Hg.): Identität und Moderne. Frankfurt am Main. S. 389-402.

Giesen, B. (1991): Einleitung. In: ders. (Hg.): Nationale und kulturelle Identität. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewußtseins in der Neuzeit. Frankfurt am Main. S. 9-18.

Goffman, E. (1974): Stigma. Über die Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt.

Habermas, J. (1998): Die postnationale Konstellation und die Zukunft der Demokratie. In: ders.: Die postnationale Konstellation. Politische Essays. Frankfurt am Main. S. 91-169.

Habermas, Jürgen (1996): Die Einbeziehung des Anderen. Studien zur politischen Theorie. Frankfurt am Main.

Habermas, J. (1993): Anerkennungskämpfe im demokratischen Rechtsstaat. In: Taylor, C.: Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung. Frankfurt. S. 147-196.

Hall, Stuart (1999): Kulturelle Identität und Globalisierung. In: Hörning, K. H. und R. Winter: Widerspenstige Kulturen. Cultural Studies als Herausforderung. Frankfurt am Main. S. 393-441.

Hannerz, U. (1995): "Kultur" in einer vernetzten Welt. Zur Revision eines ethnologischen Begriffs. In: Kaschuba, W. (Hg.): Kulturen – Identitäten – Diskurse. Perspektiven Europäischer Ethnologie. Berlin. S. 64-84.

Harvey, D. (1989): The condition of postmodernity. An inquiry into the origins of cultural changes. Cambridge.

Haußer, K. (1989): Identität. In: Endruweit, G. und G. Trommsdorff (Hg.): Wörterbuch der Soziologie, Stuttgart. S. 279-281.

Heckmann, F. (1992): Ethnische Minderheiten, Volk und Nation. Soziologie inter-ethnischer Beziehungen. Stuttgart.

Herder, J. G. (1967): Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit. Frankfurt am Main.

Huntington, S. P. (1996): Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Welt im 21. Jahrhundert. München.

Kaschuba, W. (1995): Kulturalismus: Vom Verschwinden des Sozialen im gesellschaftlichen Diskurs. In: ders. (Hg.): Kulturen – Identitäten – Diskurse. Perspektiven Europäischer Ethnologie. Berlin. S. 11-30.

Kaufmann, F.-X. (1998): Globalisierung und Gesellschaft. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 18/98. Bonn. S. 3-10.

Korff, R. (1996): Globale Integration und lokale Fragmentierung. Das Konfliktpotential von Globalisierungsprozessen. In: Clausen, L. (Hrsg. im Auftrag der DGS): Gesellschaften im Umbruch, Verhandlungen des 27. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Halle an der Saale 1995. Frankfurt am Main. S. 309-323.

Kreckel, R. (1994): Soziale Integration und nationale Identität. In: Berliner Journal für Soziologie, Heft 1, S. 13-20.

Kroeber, A. L. und C. Kluckhohn (1952): Culture: A Critical Review of Concepts an Definitions. Harvard University Press.

Laclau, E. (1990): New reflections on the Revolution of our Time. London.

Mead, G. H. (1973): Geist, Identität und Gesellschaft, Frankfurt.

Meinecke, F. (1919): Weltbürgertum und Nationalstaat. München/Berlin.

Meyer, Thomas (1997): Identitätswahn. Die Politisierung des kulturellen Unterschieds. Berlin

Müller, H. P. (1994): Kultur und Gesellschaft. Auf dem Weg zu einer neuen Kultursoziologie? In: Berliner Journal für Soziologie, Heft 2, S. 135-156.

Nederveen Pieterse, J. (1998): Der Melange-Effekt, in: Beck, U., Perspektiven der Weltgesellschaft. Frankfurt am Main. S. 87-124.

North, D. C. (1988): Theorie des institutionellen Wandels. Eine neue Sicht der Wirtschaftsgeschichte. Tübingen.

Peters, B. (1993): Die Integration moderner Gesellschaften. Frankfurt am Main.

Pries, L. (1998): Transnationale Soziale Räume. In: Beck, U.: Perspektiven der Weltgesellschaft. Frankfurt am Main. S. 55-86.

Pries, L. (1997): Einleitung: Neue Migration im transnationalen Raum. In: ders. (Hg.): Transnationale Migration. Soziale Welt: Sonderband 12. Baden-Baden.

Reckwitz, A. (2001): Multikulturalismustheorien und der Kulturbegriff. Vom Homogenitätsmodell zum Modell kultureller Interferenzen. In: Berliner Journal für Soziologie, Heft 2, S. 179-200.

Ritzer, G. (1997): Die McDonaldisierung der Gesellschaft. Frankfurt am Main.

Robertson, R. (1998): Glokalisierung: Homogenität und Heterogenität in Raum und Zeit: In: Beck, U.: Perspektiven der Weltgesellschaft. Frankfurt am Main. S. 192-220.

Robertson, R. (1992): Globalization. Social Theory and Global Culture. London.

Schäfers, B. (1992): Gesellschaft. In: ders. (Hg.): Handwörterbuch der Soziologie. München.

Wallerstein, I. (1986): Das moderne Weltsystem. Die Anfänge kapitalistischer Landwirtschaft und die europäische Weltökonomie im 16. Jahrhundert. Frankfurt am Main.

Welsch, W. (1997): Transkulturalität. Zur veränderten Verfassung heutiger Kulturen. In: Schneider, F. u. Ch. W. Thomsen (Hg.): Hybridkultur. Medien, Netzt Künste. Köln. S. 67- 91.

Zürn, M. (1998): Regieren jenseits des Nationalstaates. Frankfurt am Main.