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Johannes Angermüller, Universität Magdeburg
Felder symbolischer Produktion bei französischen Intellektuellen:
Poststrukturalismus als Repräsentationssystem |
Ich möchte in diesem Vortrag Derridas Dekonstruktion als ein Repräsentationssystem (Hall) begreifen, das bestimmte Bedingungen symbolischer Produktion voraussetzt.
Ausgehend von Bourdieus Habitus-Feldtheorie läßt sich symbolische Produktion als diejenige Praxis der Intellektuellen begreifen, für die diese ausgebildet beziehungsweise bezahlt werden. Symbolische Produktion ist für Bourdieu untrennbar mit dem Feld verbunden, für das produziert wird. Ein Feld wird von autonomen feldspezifischen Regeln konstituiert, die in den Habitus - einen unbewußten Regelapparat, der die Wahrnehmung und die Handlungen der ProduzentInnen strukturiert - eingehen. In dem historisch gewachsenen Rahmen, der von einem Feld abgesteckt wird, befinden sich die ProduzentInnen in Konkurrenz um die höchsten symbolischen Profite. Um Profite zu erzielen, müssen die ProduzentInnen Ressourcen mobilisieren (etwa kulturelles und ökonomisches Kapital), die ungleich verteilt sind und damit strukturell ungleiche Konkurrenzbedingungen schaffen. Ziel des Spiels (jeu) der intellektuellen Abgrenzungen, Distinktionen und Differenzierungen ist es, durch die eigenen Einsätze (enjeux) auf dem symbolischen Markt des Felds möglichst hohe Profite, d.h. Anerkennung und Legitimität bei den KonkurrentInnen, zu erzielen.
So weit so gut. Der Vorteil von Bourdieus Habitus-Feldtheorie liegt auf der Hand: Sie ist handlich und sehr plausibel. Der Nachteil: Den meisten seiner intellektuellen KollegInnen erscheint es problematisch, wie Bourdieu ihre Texte liest. So zitiert Bourdieu am Schluß seiner Distinctions seinen alten Schulkameraden von der École Normale Jacques Derrida, um zu zeigen, daß Derrida "die Wahrheit des philosophischen Textes und der philosophischen Lektüre philosophischer Texte nur philosophisch sagt " (Distinction, 580). Derrida spreche die Wahrheit über den Text auf eine Weise aus, daß sie nicht gesagt werde. Die objektive Wahrheit, so Bourdieu, äußere sich bei Derrida, indem sie nicht gesagt werde, was ein exemplarisches Beispiel für eine Freudsche Verneinung darstelle.
Zugespitzt gesagt: Die Probleme, die Bourdieu in Derridas Philosophie sieht, lassen sich nicht an Derridas Texten festmachen, sondern liegen in dem Umstand, daß Derridas Philosophie keine Reflexivität im soziologischen Sinne aufweist. Nun dürfte es keine spektakuläre Erkenntnis sein, daß Derridas dekonstruktive Philosophie beansprucht, eine Philosophie und keine Soziologie zu sein. Was Bourdieu also an Derridas Philosophie zeigen will, wird unabhängig von dem bewiesen, wie der empirische Gegenstand, Derridas philosophische Texte, sich lesen läßt. Das heißt nun aber, daß Bourdieu ein methodisches und nicht Derrida ein soziologisches Problem hat. Bourdieus methodisches Defizit besteht darin, daß ein symbolisches Produkt automatisch, ohne daß seine Textform berücksichtigt werden muß, die Funktionsweise des Felds widerspiegelt. Was Bourdieu also fehlt, ist ein rigoroser methodischer Zugang zum Text.
Für Bourdieus Gegner erlebt Bourdieus Projekt spätestens an diesem Punkt Schiffbruch: Reduktionismus! Soziologischer Terrorismus! Theoriehybris! schallt es aus allen disziplinären Ecken. Bevor sein Projekt jedoch vorzeitig beerdigt wird, möchte ich auf einige weitere Ergebnisse von Bourdieus Intellektuellensoziologie hinweisen. In der Tat interessiert sich Bourdieus Intellektuellensoziologie nicht so sehr für individuelle Theorieprojekte, sondern für die Konstitution bestimmter Gruppen im Feld. So kann Derridas Dekonstruktion als ein theoretisches Hauptmanifest für den ecriture-Diskurs gelten, der in den 35 Jahren nach dem zweiten Weltkrieg von Pariser Intellektuellen geführt wird. Schon der frühe von Sartre beeinflußte Roland Barthes betrachtet in Le degré zéro de l'écriture die "Materialität" der écriture (="Schreibstil") von Autoren wie Camus und Flaubert. Später wird Barthes' jouissance den Exzeß beschreiben, der durch den Akt des Schreibens ausgelöst wird. Jouissance markiert die Unabgeschlossenheit und Unendlichkeit des Spiels mit dem sprachlichen Horizont. Derridas Dekonstruktion markiert einen Höhepunkt der philosophischen Aneignung dieses Themas. Derrida geht es nämlich darum, das autonome, von Autor- und Schöpferinstanzen unabhängige Funktionieren der écriture zu zeigen. Besonders für literarisch orientiertere Intellektuellengruppen wie Philippe Sollers' Zeitschrift Tel Quel war Derridas "Befreiung" der Materialität von Text und Zeichen von der "Herrschaft" des Signifikats ein wichtiger Beitrag zur Überwindung überkommener Traditionen der Literaturtheorie. Julia Kristeva, Sollers' Ehefrau, betont die "Produktivität" von Sprache (langue), womit der Text zur eigentlichen schöpferisch-kreativen Instanz wird. Ähnliche Ideen finden wir bei Jacques Lacan, Gilles Deleuze, Jean-Joseph Goux und Hélène Cixous.
Wenn wir nun an Bourdieus Interesse für die institutionelle Verfassung eines Felds erinnern, dann fällt auf, daß die genannten VertreterInnen des écriture-Diskurses ohne Ausnahme sehr spezifische Positionen des intellektuellen Felds einnehmen. Es gibt eine hohe Tendenz für diese symbolischen ProduzentInnen, die wie Derrida und Deleuze als ehemalige Schüler der Ecole Normale glänzende wissenschaftliche Voraussetzungen mitbringen oder wie Lacan und Sollers einem weitläufigen Publikum bekannt sind, in der französischen Universität allenfalls marginale akademische Positionen zu besetzen (Derrida, Deleuze), im angloamerikanischen Ausland zu lehren (Derrida, Goux, Kristeva) oder sogar vollkommen selbständig zu arbeiten (Lacan, Sollers, Cixous).
Wenn in Homo Academicus Bourdieu darauf hinweist, daß etwa die Barthes-Picard Affäre nicht nur ein Konflikt zwischen zwei unterschiedlichen wissenschaftlichen Persönlichkeiten war, sondern auch zwischen zwei Fraktionen des intellektuellen Felds, dann unterstreicht das die Rolle der spezifischen marginalen Position der écriture-Theoretiker. Raymond Picard, ein angesehener Racine-Spezialist und Professor an der Sorbonne, hat mit Nouvelle critique ou nouvelle imposture Mitte der 60er Jahre eine scharfe Polemik gegen Roland Barthes Sur Racine vorgelegt, die vor allem auf Barthes' Ablehnung der critique universitaire (vgl. den sogenannten lansonisme) zielte. Roland Barthes, der niemals einen höheren universitären Abschluß erhielt, war zu dieser Zeit gerade Forscher an der Ecole des Hautes Etudes, die viele der neuen semiotisch-linguistisch orientierten Wissenschaftler, darunter auch Derrida, aufnahm. Es war die Politik von Institutionen wie der Ecole des Hautes Etudes, auch ForscherInnen zuzulassen, die die höchsten akademischen Grade wie das aufwendige doctorat d'Etat nicht anstrebten. Die Ecole des Hautes Etudes zählt wie die Ecole Normale Supérieure, das Collège de France und die Université de Vincennes zu den sogenannten institutions périphériques, die zwar hohes Prestige haben, aber kaum Abschlüsse vergeben und aus diesem Grund als marginal betrachtet werden. Die Vertreter des Strukturalismus sind fast ausschließlich an diesen peripheren Institutionen untergekommen. Der Mainstream der Universitäten hat die im angloamerikanischen Ausland äußerst lebhaft rezipierten Theorien aber nie anerkannt.
Am Beispiel der Affäre Barthes-Picard unterscheidet Bourdieu zwei Typen symbolischer Produzenten: einen orthodoxen (lectores) und einen heterodoxen (auctores) Flügel. Während Picard die lectores und Barthes die auctores repräsentiert, verdeutlicht Bourdieu, daß mit dieser terminologischen Unterscheidung nicht nur der Gegensatz zwischen dem akademischen Establishment und den peripheren Institutionen berührt wird, sondern auch die Art der symbolischen Produkte, die für beide Produzenten typisch sind. Für die symbolische Produktion des lectors seien die Werte des "Beamten" (Homo Academicus, 153) charakteristisch, d.h. er gibt sich "geduldig und bescheiden" und betont die "Umsicht," die es zu bewahren gelte, um, in den Worten Picards, "auf solide Art und Weise diese oder jene kleine Tatsache Racine betreffend zu bestimmen" (Nouvelle critique, 78f.). Für Bourdieu repräsentiert Picard den Ordnungsmenschen, der über das außergewöhnliche innere Bewußtsein verfügt, letzte Werte auszudrücken und es als Skandal begreift, wenn die Sicherheiten der universitären Ordnung in Frage gestellt werden. Ganz anders dagegen Roland Barthes, den Bourdieu als einen modernistischen "Häretiker" mit prophetischer Gabe betrachtet. Barthes fordere die etablierte akademische Ordnung unter dem Banner der Modernität heraus:
[... Barthes] baut sich als modernistischen Hermeneuten auf, der in der Lage ist, den Sinn der Texte zu forcieren, indem er ihnen mit den neuesten Waffen der Wissenschaft beikommt, und als Schöpfer, der in der Lage ist, das Werk durch eine Interpretation wiederzuerschaffen, die wiederum selbst als literarisches Werk angelegt und damit jenseits des Wahren und Falschen verortet ist. (Homo Academicus, 154).
Bourdieu deutet hier an, daß auf der textualen Ebene der zentrale Unterschied zwischen lector und auctor in der Rolle liegt, die der der Text dem Autor zuspricht. Der lector-Autor betrachtet sich als Kommentator, der hinter dem literarischen Werk, das er bespricht, verschwindet und dem es in erster Linie um "werkgetreue" Rekonstruktion geht. Der auctor-Autor dagegen will ein Schöpfer sein, der selbst produktiv wirksam wird und sich auf gleicher Augenhöhe mit dem literarischen Autor stellt. Der "implizite Autor" in orthodox-akademischen Texten ist somit ein Leser, der sich der Autorität des literarischen Werks unterordnet; der "implizite Autor" modernistischer Texte (vgl. auch Derridas Dekonstruktion) ist ein Leser, der diese Autorität nicht anerkennt und Texte produziert, die einen eigenständigen kreativen Wert beanspruchen.
Insofern aber die symbolischen Produkte der lectores und der auctores unterschiedliche "Autorfunktionen" (Foucault) aufweisen, können wir davon ausgehen, daß es sich um zwei systematisch unterschiedene Repräsentationslogiken geht. Für die Frage, wie eine solche auf Bourdieus Habitus-Feld-Theorie aufbauende Diskursanalyse weitergeführt werden kann, möchte ich auf meinen Beitrag im letzten Sammelband verweisen (in Reale Fiktionen). Was ich in diesem Vortrag zeigen wollte, ist, daß Bourdieu von einem impliziten Leser-Autor-Modell ausgeht, das durchaus einen Ausgangspunkt bietet, um eine präzise diskursanalytische Beleuchtung der symbolischen Produktion der Intellektuellen vorzunehmen. Obgleich Bourdieus textanalytischer Zugang bisweilen zu wenig abgesichert ist, zielt er auf die Analyse von systematischen Repräsentationssystemen bestimmter Theoriediskurse. Der écriture-Diskurs, wie er u.a. von Derrida und Barthes repräsentiert wird, wertet die Rolle des Lesers-Kritikers gegenüber dem legitimen literarischen Werk auf, weshalb die materiale Ebene ("écriture") des philosophischen Texts aufgewertet wird. In einer solchen Perspektive können Texte als die mediatisierenden Instanzen aufgefaßt werden, die die Stellung der symbolischen ProduzentInnen zu ihrer Arbeit auf bestimmte Art und Weise zu definieren suchen.
Literatur
Bourdieu, Pierre. 1979. La Distinction. Critique sociale du jugement. Paris: Minuit.
Bourdieu, Pierre. 1984. Homo Academicus. Paris: Minuit.
Picard, Raymond. 1965. Nouvelle critique ou nouvelle imposture. Paris: Pauvert.
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