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Roberto Di Bella, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Zuviele Wörter / Zuwenig Leben1
Aspekte einer post-modernen Sprachkritik bei Rolf Dieter Brinkmann |
I.
War Rolf Dieter Brinkmann in seinen Essays der sechziger Jahre noch von der wachsenden, so er selbst, "Notwendigkeit gesellschaftlicher Umstrukturierung" (FiW 224) überzeugt gewesen, so resigniert er Anfang der siebziger Jahre, zieht sich fast schlagartig zurück. Mit seinen Arbeiten wie den Anthologien und übersetzungen hatte er gehofft, Veränderung in die festgefahrenen Denkstrukturen der damaligen Bundesrepublik zu bringen. Doch, so mußte er sich nun eingestehen: "der erste Versuch, möglichst genau Leben zu simulieren, war vorerst gescheitert" (FiW 86). Die Konsequenz: eine nahezu völlige Isolation von der "Angst-Szene Kultur"2, die er bekanntlich erst 1975 mit der Veröffentlichung von Westwärts 1&2 zu beenden beabsichtigte. Die in diesem Jahrfünft entstandenen Collagen und Tagebuchaufzeichnungen, zunächst als Materialien zu einem zweiten Romanprojekt gedacht, sind über weite Strecken eine "Abrechnung mit den Sinnlichkeitsutopien der sechziger Jahre", wie es Thomas Groß einmal formuliert.3 Höhnisch ist in Rom, Blicke nur noch von einer bunten "Hintertreppenoper" die Rede (RB 388). Brinkmanns Kritik des Mediums Sprache, seit seinem ersten Gedichtband Ihr nennt es Sprache eine Konstante seiner Poetik, nimmt in dieser Zeit, an Autoren wie Mauthner, Burroughs und Korzybski geschult, an Schärfe zu.
Zur Erinnerung: "Der grundlegende Unterschied der neuen amerikanischen Gedichte zu den derzeitig noch üblichen Gedichten abendländischer Machart", so schreibt Brinkmann 1969 in seinem Vorwort zur Lyrikanthologie Silver Screen, sei "daß nicht mehr in Wörtern gedacht (und gelebt) wird, sondern in Bildern" (FiW 268). Der im selben Jahr erschienene Essay Der Film in Worten resümiert dann unter der bekannten Formel Jack Kerouacs Brinkmanns überlegungen zur neuen amerikanischen Literatur und entwirft zugleich die eigene Poetik einer befreiten Wahrnehmung: "Das Buch in Drehbuchform ist der 'Film in Worten' (Kerouac), ein Film, also Bilder - also Vorstellungen, nicht die Reproduktion abstrakter, bilderloser syntaktischer Muster" (FiW 223). Auch im Gedicht sollten "Zooms auf winzige, banale Gegenstände [...], Überbelichtungen, Doppelbelichtungen, [...] unvorhersehbare Schwenks (Gedankenschwenks)" (FiW 267) helfen, die "verfestigte negative Programmierung der Sprache" (a.a.O. 268) aufzuweichen. Ohne Rücksicht auf ideologische Sprachnormen oder auch nur grammatische Regeln gelte es, so Brinkmann, "auf Wörter oder Sätze so lange draufzuschlagen, bis das in ihnen eingekapselte Leben (Dasein, einfach nur: Dasein) neu daraus aufspringt in Bildern, Vorstellungen" (FiW 246).
Doch spätestens 1970 erwacht Brinkmann aus seinem Traum der befreiten Sinnlichkeit, um nichts anderes mehr als die verdrängte Kehrseite der Utopie vorzufinden: ": also reiste ich mit ruhigen Blicken durch die Augenblicke / ich reiste kühl und unbeteiligt durch die Bilder & Sätze / ich sah zum 1. Mal den tatsächlichen Schrecken in der Gegenwart//" (Erk 6). So das Motto zu den Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand, zeitlich gesehen das erste der drei bisher erschienenen Konvolute aus dem Bestand der von Brinkmann selbst sogenannten 'Materialhefte' für das Romanprojekt. Dabei läßt der barock anmutende Titel vermuten, daß Brinkmann noch nicht alle Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderungen im Sinne der 68er-Bewegung aufgegeben hat, zu deren, wenn auch stets unorthodoxen, literarischen Protagonisten er zeitweilig gehörte.4 Doch steht der 'revolutionäre' Akt nun bezeichnenderweise erst an letzter Stelle einer Reihe zu erfüllender Vorbedingungen, in deren Mittelpunkt die auch typographisch hervorgehobene Position des Subjekts und seiner Individualität steht, von der Unhintergehbarkeit er, ganz wie später Manfred Frank5 überzeugt ist, auch er bereits ihrer 'postmodernen' Toterklärung trotzend. "Das mag jeder abschätzig Individualismus nennen, was kümmert denn mich so eine Bezeichnung? Ich erfahre, was ich erfahre, deutlicher und deutlicher" (RB 168). Es gilt nun Materialien zu sammeln zu einer "Grundlagenforschung der Gegenwart" (Erk 129): "Noch einmal anfangen: ganz unten, mit Fakten"6 und dies betrifft nicht zuletzt auch die Ordnung der Sprache.
II.
Das lineare Medium Schreiben, Sprache überhaupt, sieht sich hierbei jedoch vor das Problem gestellt, dem simultanen Reizcharakter der Wirklichkeit nicht mehr gerecht werden zu können: "Wie kann auch einer das alles in eine Reihe, in eine Ordnung bekommen?"(RB 285). Brinkmanns späte Texte gehen von einem Zustand aus in dem die zuvor im Rahmen der Pop-ästhetik angestrebte Utopie der Unmittelbarkeit auf bedrückende Weise Wirklichkeit geworden ist. "Die fürchterlichste Erfahrung, die ich machen mußte, war: daß alles und jedes, was ich sehe, so ist, wie es ist" (Erk 189). Erst ganz zuletzt, im Zusammenhang der Arbeit an Westwärts 1&2, d Brinkmann ansatzweise zu einer positiveren Gegenwartserfahrung zurückfinden. Allein im Akt des Zerschneidens ist die Welt lesbar: "beobachten, auseinandernehmen, neu zusammensetzen" (RB 162). Die Ergebnisse seiner intermedialen "Feldstudien" (Erk 228) und experimentellen Bewußtseinserkundungen führt er zu bis heute - oder vielleicht gerade heute - aktuellen ästhetischen Engführungen. Brinkmanns Schreiben ist Ausdruck eines "Wilden Denkens" im Sinne Lévi-Strauss', denn es ist zum einen "der Gefangene von Ereignissen, die es unablässig ordnet und neu ordnet, um in ihnen einen Sinn zu entdecken", doch auch befreiend "durch den Protest, den es gegen den Un-Sinn erhebt, mit dem die Wissenschaft zunächst resignierend einen Kompromiß schloß".7
Sprache wird von Brinkmann als Gefängnis empfunden, in dessen Wörter jeder eingesperrt ist, ohne sich zunächst dagegen wehren zu können, denn "man wächst immer in eine schon gesprochene Welt hinein" (WW 6). Die durch Sprache auferlegten Ordnungsraster lassen unmittelbare Erfahrungen gar nicht zu. Auch hier besteht für Brinkmann eine unmittelbare Beziehung von Psyche und Physis: "Logik ist Sprachlogik und Ordnung, aber sie verstümmelt die lebendige Körperbewegung" (BH 141). Das Sprechen gegen die 'Statik' des Gedichts, heißt für Brinkmann seit seinem lyrischen Debüt in Ihr nennt es Sprache (1962). Es sei, so Brinkmann in den Briefen an Hartmut, in seinen Gedichten stets die "Tendenz 'gegen Sprache', gegen sprachliche Fixierungen" thematisch,
d.h. die Tendenz, die Oberbegriffe aufzulösen, den Glauben an Sprache, gegen den fixierten "Wortaberglauben," wie Fritz Mauthner das sagte, in: Beiträge zu einer Kritik der Sprache, 3Bd, Verlag F. Meiner, 1909-1923 / oder wie Alfred Korzybski das in seinem Buch Science and Sanity genau erklärte (beide haben auf mich einen starken Eindruck gemacht) (BH 129)
Die Rezeption der Positionen des polnischen und in den dreißiger Jahren nach Amerika ausgewanderten Sprachwissenschaftlers Alfred Korzybski dürfte zunächst über William S. Burroughs vermittelt worden sein. Korzybskis Kritik am de Saussureschen Sprachmodel, wie sie sich in programmatischen Aussagen wie "(1) Words are not the things we are speaking about; and (2) There is no such thing as an object in absolute isolation. These two most important negative statements cannot be denied"8 niederschlug, bestätigten den amerikanischen Schriftsteller in seiner eigenen literarischen Arbeit. Im Visier hat dabei Korzybski, und mit ihm Burroughs und Brinkmann, letztlich jemand anderes, nämlich Aristoteles und alle "mickrigen Systematiker, die das Abendland seit Aristoteles hervorgebracht hat" (Erk 224). Es geht genauer gesagt um die überwindung der auf den griechischen Philosophen zurückgehenden Axiome der klassischen Logik wie des Identitätsprinzips (A=A), des Prinzips des verbotenen Widerspruchs (A' kann nicht gleichzeitig Nicht-A sein), des Prinzips vom ausgeschlossenen Dritten wie des Prinzips vom zureichenden Grund. So äußert sich Burroughs in einem Interview:
Well, it's completely outmoded, as Korzybski, the man who developed general semantics, has pointed out, the Aristotelian 'either-or' - something is either this or that - is one of the great errors of Western thinking, because it's no longer true at all. That sort of thinking does not even correspond to what we know about the physical universe. (Burroughs 31974, 48)9
So wie die exakten Naturwissenschaften eine Veränderung des physikalischen Weltbildes bewirkten, will Korzybski mit einer semantischen Relativitätstheorie das Sprachverhalten verändern. An die Stelle der aristotelischen Zweiwertigkeit der Urteile sollen "general, infinite-valued, process-orientations" (Korzybski 1958, XL) treten. Sprache zu dekonditionieren und Grenzwörter zu benutzen (s. Erk 16), Wörter buchstäblich zur Explosion zu bringen, das ist der Weg, auf dem dieses Ziel zu erreichen ist.
III.
Stellten bereits die beiden ersten Materialbände Wirklichkeit als "Non-Stop-Horror-Film der Sinne und Empfindungen" (RB 34) dar, beabsichtigte Brinkmann mit Schnitte den, nach eigener Aussage, "dreckigsten Film aller Zeiten" (Schn 13) zu 'drehen'. Der Band, "ein verrecktes Traumbuch"10, der bereits auf dem Titelblatt signalisiert, "DIE LETZTE SEITE" einer als apokalyptisch erfahrenen Wirklichkeit aufzuschlagen, ist zugleich die avancierteste, aber auch höchst verzweifelte Form eines, wie Thomas Groß formuliert, "Aufbegehrens, das mit ästhetischen Mitteln an-zeigt [!], was ästhetisch nicht zu erledigen ist" (Groß, a.a.O. 267). Brinkmanns Schnitt-Technik nimmt den Bildern den beruhigenden, denotativen Sinn. Die Fotos, Zeitungsausschnitte und Postkarten erzählen weniger, als daß sie vielmehr stumm auf sich selbst deuten, "als sprachlose Rede über die Katastrophe des Menschen".11 Selbst in den reinen Textpassagen ist jeder kohärente Diskurs am Ende. Sätze brechen unvermittelt am Absatz- oder Seitenende ab, oft auch sind bereits die Wörter selbst 'zerschnitten'. Die Schriftsprache drängt in die Nonverbalität der Bildzeichen. Mit der Lektüre seiner späten Aufzeichnungen begleiten wir ihn auf das 'Abenteuer der Semiologie' (Barthes), auf eine Irrfahrt durch die magischen Kanäle, die von dem berichtet, was ihm von den insbesondere pikturalen Signifikanten der aus Zeitungsausschnitten, Fotografien und Werbeanzeigen bestehenden schönen neuen Medienwelt zustößt. So gilt für Brinkmanns Schnitte, was einmal über Antonin Artauds Schreiben gesagt wurde, daß nämlich bei diesem die Schrift nicht mehr allein die Aufgabe habe, einen Gedanken zu übermitteln, sondern sie auch durch sich selbst und physisch wirken müsse.12 In beiden Fällen setzt sich das Materielle des Schreib-Aktes aggressiv vor die sprachliche Setzung der Bedeutungen.
Der Brinkmann zufolge "zerschlissene Vorhang der Wörter" (Schn 37) versperrt den Blick auf die Landschaft. Als unabwendbare Folge besteht das 'Innen' für ihn aus Zwängen, verinnerlichten Wertvorstellungen, aus der Summe der in das Ich eingedrungenen Zeichen. Gegen diese Zeichenvergiftung hilft nur "das Bewußtsein aus[zu]kehren" (Erk 342) und "den ganzen Wusel an eingedrungenen Leuten und Bildern rauszuschmeißen!" (a.a.O. 258). Erst indem das Brinkmanns Ich durch den Raum der Zeichen reist, sich psychisch und physisch der Befremdung durch das chaotische Außen aussetzt bzw. dieses schonungslos dokumentiert, um so die trügerische Selbstverständlichkeit der Weltbezüge aufzubrechen, kann es hoffen, aus dieser - auch eigenen - Zersplitterung heraus zur einer neuen Wahrnehmung der es umgebenden Gegenwart und damit seiner selbst durchzustoßen.
Der Metapher des Fluges, die er bereits in der Lyrik der Popzeit benutzt hatte, kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu. Sie wird von Brinkmann im Zeitraum der Arbeit an Westwärts 1&2 wieder aufgegriffen und auch auf die formale Gestaltung der Texte übertragen. "Diese springende Form, mit den Zwischenräumen, die vorhanden sind, Gedankensprünge, Abbrüche, Risse, und neu ansetzen, nach dem zuletzt Geschriebenen, hat mir jedenfalls die Gelegenheit mehrerer Abflüge gegeben" (UKN 238). Doch die Leichtigkeit des Seins in der Popzeit ist längst vorüber und so muß der Flug immer neu ansetzen. Denn
Daß diese Abflüge dann jeweils wieder dort landeten, wo ich gerade war, mag zeigen, wie schwerfällig tatsächlich Sprache ist, ein Fossil. Der Abflug mündete wieder in ein paar Wörter, einen Satz, meinetwegen abgebrochen, meinetwegen fragmentarisch, meinetwegen unklar. Hätte ich eine Theorie anzubieten, ein Weltbild, eine Ansicht, eine Ideologie, wäre mir zu schreiben leichter gefallen. So aber ist nichts außer dem einen Augenblick, am dem, ich schrieb, dagewesen. (UKN 235)
In den Strukturen der anerlernten Grammatik und Semantik steckt für Brinkmann die wahre Ursache der von ihm wahrgenommenen sozio-kulturellen Mißstände.
Allgemein läßt sich annehmen, daß
die Kampf- und Konfliktmuster bereits auf früher kindlicher Ebene angelegt sind. / Der spätere Kampf um das eigene Bewußtsein geht darum, inwieweit die Barrieren der Wörter durchbrochen werden können, und damit die in Sprache fixierten Sinnzusammenhänge, bis in die eigene Vergangenheit zurück.// Das ist die neue Grenze, man könnte auch sagen, der neue Westen, es ist die Grenze, sich mit dem Gehirn zu beschäftigen, die Programme, die verbal sind. (FiW 276)
In der kürzesten Formel, heißt dies, Burroughs berühmte Formulierung: "Break through in the grey Room" zitierend: "Die Wirklichkeit ein Gehirnfilm? [...] der Graue Raum ist das Gehirn, die grauen Gehirnzellen, wo die Vorstellungen produziert werden" (BH 77). Insbesondere die beiden Titelgedichte aus Westwärts 1&2 thematisieren sich selbst als Gang durch die Landschaft des Bewußtseins und stehen damit repräsentativ für die Intention des gesamten Band: "sollte ich mir das Gehirn aufbrechen und / zeigen, was darin ist? [...] / Ich dachte daran, wie jetzt / das Innere des Bewußtseins / erscheinen mochte" (WW 50). Der Amerika-Diskurs ist dabei nur die unterste, empirischste Schicht der Westwärts-Metapher, in der Brinkmann die mit ihr verbundenen Fortschrittsutopien aufruft und zugleich ironisiert, im hegelschen Sinne 'aufhebt'.
In der poetologischen "Vorbemerkung" dieses Buches steht bekanntlich der erstaunliche und Widerspruch provozierende Satz: "Mag sein, daß deutsch bald eine tote Sprache ist. Man kann sie so schlecht singen, man muß in dieser Sprache meistens immerzu denken" (WW 7). So sind ihm insbesondere die Texte der amerikanischen Rockmusik vielfach Vorbilder gelungener Lyrik, "direkte Poesie, die elektrisch verstärkt werden kann" (BH 142). Daran mißt Brinkmann die eigene Arbeit, hofft daß es bisweilen gelungen seine Gedichte "einfach genug zu machen, wie Songs, wie eine Tür aufzumachen, aus der Sprache heraus und den Festlegungen raus" (ebd.).
Eine auf Folgerichtigkeit und Kontinuität aufbauende Sprache transportiert nur die alten Irrtümer und Vorstellungen, schränkt so das Subjekt in seinen Möglichkeiten ein. "Hier in diesem unsichtbaren Gefängnis aus Wörtern und Bildern die andauernd die Vergangenheit neu aktivieren und so die Bewegung des Körpers fixieren müssen durchgeschüttelt werden wie Mumien [...]" (Erk 70). Gesellschaftliche Relevanz besitzt für Brinkmann deshalb allein "die Anarchie der / poetischen Einsichten" (WW 160), wie er in seinem "Politischen Gedicht 13. Nov. 74, BRD" schreibt. Gewiß ist für ihn nur die Fiktionalität der Literatur, "Aufklärung durch Wörter gibt's / nicht / Veränderung durch Wörter // ist Dichtung" (ebd.).
Daß Brinkmann seine radikale Verneinung sprachlicher Strukturen in ihrer bisherigen Form, daß er nach den Experimenten mit den verschiedensten Formen der Bildlichkeit, in seinem letzten Gedichtband wieder so sehr auf das Medium Sprache, und noch dazu in lyrischer Prägung, setzt, kann als erklärungsbedürftiger Widerspruch erscheinen. Doch mußte die fast fünf Jahre andauernde Isolation, der kompromißlose Rückzug in den experimentellen Schreibraum vorausgehen, um so, durch all den medialen "Wortmüll" (Erk 44) dringend, "das Nervensystem umtrainiert, nicht mehr länger auf die angebotenen Wörter zu reagieren" (Erk 48).In dem wichtigen, fast 90seitigen Essay Ein unkontrolliertes Nachwort zu meinen Gedichten, ursprünglich als Nachwort zu Westwärts 1&2 konzipiert, heißt es: "Sind Wörter wirklich so wichtig? Wörter, Sprache, zersplittert, isoliert"13. Brinkmann setzt auf "einen gleichsam vorsprachlichen Bereich von Körperlichkeit, Sexualität, Empfindung, der vom kulturellen System als einem sprachlichen Krebsgeschwür vernichtet zu werden droht".14 So heißt es in dem Gedicht 30.10.74 "du erklärst die Liebe durch die Liebe, eine bestimmte / Körperform, eine Stellung // & 'Zeichen' (/Mund/Hand), 'nein, keine Wörter'" (WW 159).
IV.
Wäre es nun auch für ihn darum gegangen, wie es Roland Barthes in seinem 1973 erschienenen Essay Die Lust am Text formulierte, "durch Transmutation (und nicht mehr durch Transformation) einen neuen alchimistischen Zustand der Sprachmaterie in Erscheinung treten zu lassen; dieser unerhörte Zustand, dieses glühende Material ohne Ursprung und außerhalb der Kommunikation, das ist dann Sprache, und nicht eine Sprache, mag sie noch so sehr verfremdet, gemimt, ironisiert sein" (Barthes 1974, 47). Jedenfalls findet, was der französische Literaturtheoretiker hier fordert, bei Brinkmann eine Entsprechung in solchen Sätzen, wie sie die Notizen und Beobachtungen vor dem Schreiben eines zweiten Romans 1970/74 beschließen. Es sind Bilder eines wortlosen Traums, einer eruptiven autopoesis, in einem "Realismus, der über sich selbst hinaus will".15 Für einige Augenblicke entsteht ein farbenglühender Raum der Stille, der einer Beschreibung der Schlußsequenz von Stanley Kubricks, von Brinkmann inklusive der Romanvorlage von Arthur C. Clarke aufmerksam wahrgenommenen, Film 2001 entstammen könnte, ein kosmischer Raum frei von Menschen, Gewalt und Wörtern. Rolf Dieter Brinkmanns Traum von einem "letzte[n] Blick, der wieder wie der erste ist" (FiW 215), wie es im Essay über Frank O'Hara heißt, scheint hier für einen Moment verwirklicht:
Helle Räume brachen zu weißen ausschweifenden Labyrinthen, die grelle weiße Lufttücher wurden, starr explodiert. In der Luft grelle Gluträume. Mit leeren Stürzen von schrundigem Weitweg füllt sich jetzt die blendende Luftstarre und farbige Formen Glanz erhoben sich, zogen hoch in ferne weißflüssige Räume. Da sprengte glühender ferne Räume Stille in sonnengeleemassigem Bruch, der ineinanderstand, das wildgefleckte Panorama eines Traums, stille Barrikaden Licht. Blühte wieder feurig fern Licht geädert in farbigem Raum und schuppt hoch grauglühend zu treibender Glutform, hoch. 'Alles ist falsch! Alles ist erlaubt!' schreibt Friedrich Nietzsche. Nichts ist wahr - Alles geträumt! (FiW 295)
Notes
- 1 Zitat nach: "Der Tierplanet", in: FiW, S. 159.
- 2 "Einübung einer neuen Sensibilität". In: Rolf Dieter Brinkmann, Rowohlt Literaturmagazin 36. Hrsg. von Marleen Brinkmann. Reinbek/Hamburg 1995, 147-155.
- 3 Thomas Groß: Alltagserkundungen. Empirisches Schreiben in der ästhetik und in den späten Materialbänden Rolf Dieter Brinkmanns. Stuttgart/Weimar 1993.
- 4 Siehe hierzu auch: Protest! Literatur um 1968. Eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchives Marbach. (Marbacher Kataloge 51. Hrsg. von Ulrich Ott / Friedrich Pfäfflin), Tübingen 1999, mit zahlreichen Dokumenten zu Brinkmann. Siehe auch Kurt Holl / Claudia Glunz: 1968 am Rhein: Satisfaction und Ruhender Verkehr, Köln 1998.
- 5 Siehe Manfred Frank: Die Unhintergehbarkeit von Individualität. Reflexionen über Subjekt, Person und Individuum aus Anlaß ihrer 'postmodernen' Toterklärung, Frankfurt/ Main 1986.
- 6 a.a.O. 331, Unterstreichung durch Brinkmann.
- 7 Lévi-Strauss, Claude: Das Wilde Denken, Frankfurt 101997, 35f.
- 8 A. Korzybski: Science and Sanity. An Introduction of Non-Aristotelian Systems and General Semantics, Lakeville 1958, 60. Siehe hierzu Burroughs: "Graf Korzybski der General Semantics abfaßte pflegte seine vorlesung damit zu beginnen daß er auf einen stuhl zeigte und sagte 'Was immer das ist es ist kein stuhl'. Das heißt das objekt stuhl ist nicht die gesprochene oder geschriebene bezeichnung stuhl. Er sah die verwirrung zwischen bezeichnung und objekt dem 'ist der identität' als grundlegende schwachstelle im westlichen denken [...]" (W. S. Burroughs: "Akademie 23 - Eine Entwöhnung", in: Acid 363-67, 365). Auch Brinkmann argumentiert eindeutig in diese Richtung: "Sogenannte Wirklichkeit ist oft ja nur ein Gerede, und das macht die Wirklichkeit, so wie sie besteht und uns umgibt, lächerlich. Ist Wirklichkeit, die Ansicht der Wirklichkeit, eine Verordnung durch Sprache? [...] Wirklichkeit ist ja eine übereinkunft, die Welt, Umwelt, auf einer Art, in einer Ordnung, zu sehen, was Quatsch ist" (BH 73).
- 9 Ähnlich auch in einem anderen Interview: "You remember Korzybski and his idea of non-Aristotelian logic. Either or thinking is not accurate thinking. That's not the way things occur, and I feel the Aristotelian construct is one of the greatest shackles of Western civilisation. Cut-ups are a movement toward breaking this down" (Conrad Knickerbocker: " William S. Burroughs. An Interview", in: Paris Review, 35 / 1965, 13-49, 27)
- 10 Titelblatt, abgebildet auf S. 5 der Erstausgabe.
- 11 Hans-Thies Lehmann: "Schrift / Bild / Schnitt. Graphismus und die Erkundung der Sprachgrenzen bei Rolf Dieter Brinkmann". In: Literaturmagazin 36: Rolf Dieter Brinkmann, 182-197, 191.
- 12 Paule Thévenin / Jaques Derrida: Antonin Artaud. München 1986, 27.
- 13 Auszugsweise abgedruckt in Literaturmagazin 5 (1976), 228-248, hier 238.
- 14 Pickerodt, Gerhart: "'Der Film in Worten'. Rolf Dieter Brinkmanns Provokation der Literatur", in: Weimarer Beiträge. 1991, 37:71, 1028-42, 1037.
- 15 Heinrich Vormweg:"Ein Realismus, der über sich selbst hinauswill". In: Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Geschichte der deutschen Literatur aus Methoden. Frankfurt/Main 1972, 40-44.
Literaturangaben mit Siglenverzeichnis
Acid. Neue amerikanische Szene. Zusammen mit Ralf Rainer Rygulla. Berlin / Schlechtenwegen 1969. (Neuauflage Reinbek 1983) (= Acid)
Briefe an Hartmut. 1974-1975. Reinbek 1999. (= BH)
"Einübung einer neuen Sensibilität". In: Rolf Dieter Brinkmann, Rowohlt Literaturmagazin 36. Hrsg. von Maleen Brinkmann. Reinbek 1995, 147-155.
Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand, Reinbek 1987. (= Erk)
Der Film in Worten. Prosa. Erzählungen. Essays. Hörspiel. Fotos. Collagen. 1965-1974. Reinbek 1982 (= FiW)
Keiner weiß mehr. Roman. Reinbek 1968.
"Ein unkontrolliertes Nachwort zu meinen Gedichten", in: Hermann Peter Piwitt und Peter Rühmkorf (Hrsg.): Literaturmagazin 5. Reinbek 1976, 228-248.
Rom, Blicke. Reinbek 1979. (= RB)
Silver Screen. Neue amerikanische Lyrik, Köln 1969.
Standphotos. Gedichte 1962-1970, Reinbek 1980.
Schnitte, Reinbek 1988. (= Schn)
Westwärts 1&2. Gedichte. Reinbek 1975. (= WW)
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