Neben fachimmanenten Konzeptionen des Scheiterns lassen sich auch epochenspezifische Unterschiede festmachen, die vornehmlich an Darstellungen des Scheiterns in Bildender Kunst und Literatur ablesbar sind. Eine soziokulturelle oder literatursoziologische Untersuchung der Thematik existiert bisher nicht. Selbst in der durchaus grundlegenden Arbeit von Jean Lacroix, L'Echec (Paris 31969), welche die Bereiche Psychologie, Philosophie und Theologie fokussiert, nehmen Querverweise zur Literatur und Bildenden Kunst einen äußerst geringen Stellenwert ein. Dennoch stellt Lacroix die Behauptung auf, der Begriff verändere sich hier von einem objektiven zu einem subjektiven: Während das Scheitern in der Antike an Fatalität gebunden sei, also an die Vorstellung, dass dem Menschen dasjenige Glück und Unglück zuteil wird, welches er verdiene, und die Klassik das Scheitern stets vor dem Hintergrund eines objektiven Wertesystems sehe, verstehe die Moderne des 20. Jahrhunderts unter dem Einfluss der Existenzphilosophie das Scheitern als verschlüsselten Ausdruck eines Verlangens. Lacroix' Einteilung erscheint im Hinblick auf das 20. Jahrhundert und seiner kulturellen Prägung durch die Existenzphilosophie fragwürdig, denn das Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt, dem Verlangen des Einen und der problematischen Präsens des Anderen, sind bereits in literarischen Texten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eng an ein Scheitern des Subjekts gebunden - wie René Girard in Anlehnung an Hegels Überlegungen zur Individualität des Helden und der Subjektivität seines Handelns in Romantische Lüge und Wahrheit des Romans ausführt. Infolge der Schopenhauerrezeption und deren Niederschlag insbesondere in der Prosa ab dem späten 19. Jahrhundert wird die Subjekt-Objekt-Problematik in Verbindung mit dem Scheitern auf die Ebene der literarischen Repräsentation gehoben. Gerade in Texten aus dieser Zeit begegnen wir häufig schwachen Helden (Coenen-Mennemeier), Künstlerfiguren und solchen, die in der Ästhetisierung ihres Alltags durch das Imaginäre einen erkenntnisbringenden Zugriff auf ihr Leben suchen, das für sie keine real befriedigende Erfahrung mehr bereithält. Die Suche nach ästhetischer Erfahrung - denken wir an Figuren bei Huysmans, Wilde, Joyce, Larbaud oder Mann - kulminiert in einen Kampf zwischen Kunst und Leben, der oftmals im Verlust des Gefühls für die eigene Körperlichkeit, für die Bewegung in Raum und Zeit und der Subjektnegation endet. In Diskussionen über moderne und postmoderne Narrativik (und nicht nur hier) dient die Beschreibung, Interpretation und Bewertung dieses Kampfes (der letztlich der Kampf mit einem Modell, Ideal oder Vorbild ist) häufig als Legitimation einer Epochenschwelle: Während der moderne schwache Held an seinem Irrglauben scheitert, die Besserung seines entfremdeten Lebens finde sich in seiner Kunst (den Alltag zu bewältigen), ist der postmoderne Held vor der Illusion eines metaphysischen Erkenntnisersatzes von vorneherein gefeit, weil dieser in der Ära des Misstrauens nicht mehr Teil einer Welt ist, die ihn psychologisch, sozial oder ethisch determiniert. Vielmehr fungiert er als Spiegelfläche innerhalb eines autoreflexiven Systems, in dem ipso facto Erkenntnis nicht durch den Bruch mit dem Bestehenden erfolgen kann, sondern allein durch eine Veränderung der Sichtweise auf ihre Zeichen. Subjektaffirmation sowie -negation gibt sich hier demnach eher als semiotische Wirkung einer intertextuellen Suche zu erkennen. Nichtsdestoweniger ist aber auch und gerade in der Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von der Suche nach Identität und Erkenntnis und von Transzendenzverlust die Rede. Bei näherer Betrachtung der vermeintlich subversiven Ästhetik des postmodernen Gesamtkunstwerkes als Ausdruck der Auflösung der Einzelkünste, stellt sich doch gerade diesbezüglich heraus, das die postmoderne Narrativik in ihrem Spielcharakter nicht nur von den Erzähltechniken der literarischen Moderne profitiert, sondern sich sogar auf sie beruft und wiederholt. Insofern ist auch die Postmoderne Ausdruck eines dekadenten Abschieds, der aus der Wiederholung des Gewesenen eine Differenz zu zelebrieren sucht. In diesem Zusammenhang ist es unerlässlich, auf die Diskussion über eine Ästhetik der Subjektnegation hinzuweisen. Ausgehend von Mallarmés Livre über Valérys beau négatif und Adornos Negativer Dialektik auf der einen Seite und Lyotards Begriff des Widerstreits auf der anderen, wird anhand der Opposition zwischen dem Schönen und dem Erhabenen versucht, einen ästhetischen Paradigmenwechsel zu erklären. Oftmals werden hier jedoch verschiedene Ebenen nicht getrennt: das Subjekt als Rezipient, als Produzent bzw. als textimmanente Erscheinung. Es stellt sich die Frage, ob das Erhabene als Beschreibungskategorie für das Moment der Subjektnegation in der (post-)modernen Narrativik geeignet ist, wenn es die Wirkung der ambivalenten Erzählstruktur, der Auflösung eindeutiger Bedeutungszusammenhänge und Kausalitäten auf das Subjekt meint. Oder anders gefragt: Kann man bei einem aufgrund von Fragmentierung der Erzählstruktur negierten Subjekt tatsächlich von Subjektnegation sprechen, wenn es selbst an der Fragmentierung nicht teilhat? Mit Hilfe der Kategorie des Scheiterns soll ein Standpunkt eingenommen werden, aus dessen Perspektive die sog. Krise der Repräsentation und das ihr zugrundeliegende Subjekt, seine An- und Abwesenheit sowie seine Negation wieder in einen engen Zusammenhang mit den ästhetischen Elementen der fiktiven Welt gestellt wird. Das heißt, eine solche Sichtweise hinterfragt nicht nur, inwiefern das Subjekt Ausdruck dieser Welt ist, sondern auch, in welchem Maße diese als Ort der Erkenntnissuche dem Subjekt entspringt. Zum Beispiel André Gide Im Mai 1902 schreibt André Gide an Francis Jammes folgende Worte: "Que ne comprends-tu donc que je déteste ma pensée? Je m'use à battre contre elle; mais je ne peux la nier que par elle, comme on chasse un démon par Belzébuth le prince des démons."1 Der Kampf des Schriftstellers mit seinen Gedanken, seien sie abstoßender, düsterer oder zweifelnder Art, durchzieht leitmotivisch Gides gesamtes Werk. Es scheint als müsse der Autor sich in all seinen Texten fortwährend von der Last innerer Widersprüche befreien, die als sombres fleurs Jahr für Jahr sein Publikum verwirren.2 Pierre LouØs erkennt bereits 1895 anlässlich der Veröffentlichung von Paludes, dass bis hierhin sämtliche Figuren in den Texten seines Freundes im Scheitern enden. Paludes, die Geschichte eines Menschen, der nicht das Leben verstand - wie Gide die Thematik seines Buches resümiert3 -, Paludes wäre nicht Paludes, wenn es anders aufhörte..., "mais était-il nécessaire que ce fût là «justement le sujet de Paludes»?" Abgesehen von der Autor-Figur Gide, lassen sich die obigen Zitate zweifelsohne auch auf seine komplexen Erzählerfiguren übertragen. Folgende grundlegende Merkmale treten auf: innere Gespaltenheit aufgrund von Nicht-Wissen, von mangelndem ethischen und moralischen Selbstbewusstsein, was über die Idealisierung und Nachahmung einer weiblichen unerreichbaren Figur aufzuheben versucht wird. Problematische bzw. gescheiterte Kommunikationssituationen sind hierbei ebenso rekurrente Themen wie die Suche nach Selbsttranszendenz in der Kunst als vermeintliches Mittel der Schöpfung einer zweiten Realität. Die eifrige Selbstprojektion in die Kunst oder in eine schier künstliche Umwelt transportiert hierbei das Scheitern in die fiktive Welt, welche dementsprechend zwangsläufig dazu bestellt ist, dem sich in ihr auflösenden Subjekt das Scheitern seiner ästhetischen Erfahrung widerzuspiegeln. Dies hat weitreichende Konsequenzen für die Erzählerfigur, die fortan als Erzähler, Held und Zuschauer ihrer eigenen Erzählung auftritt. Der fiktive Raum dieser Selbdritt-Darstellung kann folglich nur in Form einer mise en abyme Bestand haben, in deren Spiegelungen ein eindeutiges Subjekt verloren geht bzw. zerstört wird. Bereits in dem kurzen 1891 erschienen Traité du Narcisse, das keiner Gattung zuzuordnen ist, wird diese Erzählkonstruktion in Ansätzen dazu verwendet, über die literarische Repräsentation an sich nachzudenken: Die Zusammenführung der Neuerzählungen des Narziss-Stoffes und der Paradiesgeschichte, in Verbindung mit der theoretischen Erörterung der Dichterfigur, ergibt eine mise en abyme der eigenen Erzählelemente. Sie wird durch die Annäherung von Erzählebene und Erzählvorgang vollzogen, was sich bereits im Titel andeutet: Die Verwendung von du anstelle eines de suggeriert, dass es sich hierbei um einen bestimmten Narziss handelt, der folglich nur bedingt mit der Figur aus dem bekannten Mythos gleichgesetzt werden darf. Der Spiegel als gemeinsames Attribut von Erzähler und von Narziss hebt die Ähnlichkeit zwischen beiden hervor. Während Narziss sich selbst im Spiegelbild betrachtet, verirrt der Erzähler sich jedoch in seiner eigenen Geschichte; sein Kunstwerk wird letztlich zu seinem Spiegel, der Fluss zum Styx. Konsequenterweise wird auch in der sich anschließenden Paradieserzählung das harmonische Gleichgewicht des Garten Eden auf einen "rapport des lignes", also auf die Komposition des Textes, bezogen. Im Gegensatz zu Narziss und zu Adam ist der Dichter kraft seines Kunstwerkes in der Lage, das Chaos und die Unordnung oder die in ihm wütenden Widersprüche in einer ästhetischen Ordnung zu konsolidieren. Die vergebliche Suche der mythologischen Figuren nach einem Ideal, dessen Zerstörung und Abwesenheit sie selbst zu verschulden haben, wird über die Darstellung des Dilemmas und den Verweis auf die Darstellung als Darstellung zum Schlüssel ihrer eigenen Vergeblichkeit. Der Erzähler dieses Traktats tritt nunmehr als ein Symbol für den Künstler auf, welcher das Scheitern seiner mythischen Helden bewusst in der Zerstörung und Neukombination des Mythenstoffes herbeiführt. Dabei fällt auf, dass die hier skizzierten Erzählebenen nicht mehr eindeutig als sujet de l'énoncé und sujet de l'énconciation zu identifizieren sind. Dies zeigt sich besonders deutlich an dem wiederholt intransitiven Gebrauch des Verbs manifester. Das Fehlen der Objektergänzung, die das Verb für gewöhnlich fordert, kann als Hinweis auf die Krise der Repräsentation gesehen werden. Die Welt der Vorstellung des Erzählers ist Teil der fiktiven Welt, die er schafft und in der er verschwindet. Damit wird nicht nur der Begriff des Imaginären in Frage gestellt, sondern - und dies ist für uns weitaus interessanter - der des Subjektes. Denn die ästhetische Ausbalancierung der aporetischen Bewegung des künstlerischen Zeichen und seiner (fehlenden) Referentialität mündet in eine katastrophale Verschmelzung von Subjekt und Objekt. Somit konnte vorerst skizzenhaft gezeigt werden, dass jegliche Subjektproblematik in Form literarischer Auseinandersetzung gleichzeitig die Problematisierung ihres Objekts, der fiktiven bzw. literarischen Welt ist. Notes
Literaturliste: Dümchen, S.: Das Gesamtkunstwerk als Auflösung der Einzelkünste: zur subversiven Ästhetik Alain Robbe-Grillets, Marburg 1994. |