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Kerstin Blum, Otto-Friedrich Universität Bamberg
Die Truman Show Der postmoderne Mensch als Gefangener einer pirandellianischen Welt" |
Peter Weirs Film "Die Truman Show" (1998) konfrontiert sein Publikum mit multiplen Realitäten. Als Gefangener einer künstlich geschaffenen Illusion verkörpert Truman den postmodernen Menschen: Er ist das dramaturgische Abbild eines menschlichen Wesens. Trumans Gesellschaft ist eine Fiktion, die vorgibt, in der Lage zu sein, gelebte Erfahrungen einfangen zu können; seine Welt ist ein perverses Produkt der Medien. Die Truman Show hält uns einen Spiegel vor und macht uns auf unsere eigene paradoxe postmoderne Gesellschaft aufmerksam. Dieses Spiel der Ebenen erinnert an den italienischen Autor und Dramaturgen Luigi Pirandello, dessen Protagonisten Gefangene der Realitäten sind, mit denen die Gesellschaft sie konfrontiert. In diesem Paper werde ich zeigen, wie sich postmodernes Gedankengut und pirandellianische Ideen verbinden, um das filmische Auge aufzudecken und die multiplen Bedeutungsebenen zu offenbaren.
Diese Bedeutungsebenen sind im Film "Die Truman Show" sehr offensichtlich angelegt: Im Abspann werden die Darsteller nach Welten eingeteilt aufgeführt. Zunächst finden wir dort Trumans Welt, also Truman und alle Schauspieler, die an seinem konstruierten Leben mitwirken. Diese Welt wird sinnigerweise vom künstlichen Mond aus, dem Imperium des Produzenten Christof, überwacht. Ein fester Stab an Mitarbeitern kontrolliert und steuert Trumans Leben rund um die Uhr. Die dritte Ebene bezieht sich auf das Publikum, das Trumans Leben vor den Bildschirmen mitverfolgt. Diese Zuschauer, die uns als normale Menschen unserer Zeit präsentiert werden, haben offenkundig das Gefühl für Realität verloren. Sie verfolgen gebannt Trumans Leben und fühlen sich ihm nah. Gleichzeitig haben sie aber vergessen, dass Truman das Objekt schamloser Ausnutzung ist. Sie akzeptieren Trumans Existenz ebenso, wie sie ihre eigene als gegeben hinnehmen. "We accept the reality with which we are presented," sagt Produzent Christof. Diese Akzeptanz finden wir sowohl bei den Fernsehzuschauern, als auch bei Truman selbst. Während das Fersehpublikum sich freiwillig und wissentlich in die Gegebenheiten seines Lebens fügt, hat Truman kaum eine Wahl. Er ist wahrlich der Gefangene seines eigenen Lebens. Er ist der Gefangene der Realität, die Christof für ihn geschaffen hat.
Diese Realität ist eine Illusion. Christofs Bestreben ist es, das pure, unverfälschte Leben einzufangen. Er will echte Gefühle, echte Menschen und Orte, die - mit entsprechender Musik hintermalt - realistischer wirken als das wahre Leben. Und doch kann die Abbildung der Wirklichkeit niemals an die Realität heranreichen. Das Leben ist ein kontinuierliches Fließen, das weder durch Sprache, noch durch Bilder vollständig eingefangen werden kann. Jede Nachbildung kann nur eine Reproduktion, eine weitere Repräsentation der Wirklichkeit sein.
Luigi Pirandello unterscheidet hier zwischen "Vita" und "Forma". "Vita" bezeichnet das ununterbrochenen Fließen, während "Forma" sich auf die Strukturen, in die das Leben vom Menschen gefasst wird, bezieht. In der "Truman Show" findet sich diese Opposition ganz offensichtlich in der Gegenüberstellung von Leben und Show wieder. Trumans Leben ist bestimmt von den Formen in die Christof ihn zwängt - sowohl physisch durch die räumliche Begrenzung des gigantischen Filmsets, als auch psychisch durch die Beschneidung der Wahrheit. Truman hat keine Chance über sein Leben selbst zu entscheiden, da er ja gar nicht weiss, was um ihn herum vorgeht. Er ist das unterdrückte Opfer von Christofs Zwängen. Insofern ist sein Leben von der Natur und den innersten Antrieben entfremdet, also bestimmt von Pirandellos "Forma". Truman ist keine fertige, eigenständige Person, sondern das Produkt von Christofs Künstlerphantasie.
Ohne es zu wissen ist er ein Darsteller, der auf Stichworte und Impulse eines Regisseurs reagiert. Der geringste Teil seines Lebens ist spontan und ungesteuert. Und doch repräsentiert Truman den modernen Menschen mit dem sich die Fernsehzuschauer identifizieren können. Truman ist ein unfertiger Mensch, da er noch nicht die Gelegenheit hatte sein wahres Ich zu finden. In seinem ganzen bisherigen Leben folgte er nur missgeleitet den Impulsen, die ihm seine Welt gab. (Aber tun wir das nicht alle?!?) Ebenso wie Truman Christofs Produkt ist, legt Pirandello alle seine Charaktere als Kunstgeschöpfe, als unfertige Menschen an. Pirandello empfand die Unmöglichkeit, den modernen, problembeladenen Menschen adäquat darzustellen. Deshalb bezeichnete er seine Figuren als "Personaggio", nicht als Charakter.Pirandellos Ziel war es, den eingesperrten Menschen im Ausnahmezustand auf die Bühne zu bringen. Dieser Gefangene wird sich seiner festgelegten und erstarrten Existenz bewusst und sucht nach einem Ausweg.
Genau auf diese Situation spitzt sich Trumans Leben im Film zu. Nach und nach sammelt er Indizien, die ihn zu der Erkenntnis bringen, dass irgendetwas in seinem Leben nicht stimmt. Truman muss durch rationale Überlegungen das Konzept der Show, die Wahrheit die seinem Leben zu Grunde liegt, entlarven und dann einen Ausweg finden. Laut Pirandello bleiben dem "Personaggio" in diesem Moment der Erkenntnis nur wenige Möglichkeiten: Verbrechen oder Selbstmord, Wahnsinn oder Resignation. Truman durchläuft während seines Ausbruchs Phasen, die all diese Möglichkeiten andeuten, bis er endlich als postmoderner Christoph Columbus neues Land findet und sein eigenes Leben bestimmen, seine eigene Realität wählen kann. Vor dem Hintergrund einer Welt, die von Ängsten, Entfremdung, Isolation, Wahnsinn und Gewalt dominiert ist, erscheinen Truman und seine perfekte kleine Welt realer als die Wirklichkeit. Truman ist das filmische Ich, das eine perfekte Struktur bewohnt. Und damit ist er gleichzeitig die filmische Reflektion eines menschlichen Wesens. Durch die Show wird er zum neuen kulturellen Objekt, zum Werkzeug der Medien. Truman ist der Prototyp des postmodernen Menschen, dessen Existenz sowohl eine Reproduktion seines Lebens, als auch sein Leben ist.
Gleichzeitig verweist dieses Spiel der Repräsentationen auf das Publikum der "Truman Show", das sich den Film im Kino oder im Fernsehen ansieht. Wir, die Mitglieder der postmodernen Gesellschaft, werden zu Voyeuren, die zusehen und beobachten, ebenso wie die Zuschauer im Film selbst. Die multiplen Realitäten der "Truman Show" verweisen ganz klar auf den Zuschauer und beziehen ihn in das Spiel von Schein und Sein mit ein. Wir sehen die Zuschauer, die "Die Truman Show" ansehen und finden uns selbst gespiegelt.
Die Linie zwischen Realität und Repräsentation verschwimmt und konfrontiert uns mir unserer eigenen postmodernen Welt.
Im Grunde genommen ist das ganze Konzept der "Truman Show" reichlich unglaubwürdig und die Macht, die Christof über Truman hat, ist illegal und brutal. Während der Film mit Jim Carrey unterhaltsam und amüsant ist, wird hier doch die Härte der Kritik an unserer Gesellschaft sehr deutlich. Der Film kommentiert nicht nur die Medien und unsere Gesellschaft, er warnt uns davor.
Hier zeigt sich, dass der postmoderne Mensch trotz allem dazu in der Lage ist, eigene Entscheidungen zu treffen und aus seinem Käfig auszubrechen.
Truman entscheidet sich am Ende für das Leben außerhalb der Show. Er wagt den Schritt hinaus in die Dunkelheit und in die 'reale' Welt, wo es keine Garantien gibt, wie Peter Weir sagt. "And of course that's what we call Life!" (Weir).
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