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Bernhard Chappuzeau, Ministerium für Schule, Wissenschaft und Forschung NRW, Düsseldorf
Gender Trouble - Difference Trouble
Almodóvars Film Alles über meine Mutter und das Schauspielen |
Für Bette Davis, Gena Rowlands, Romy Schneider... Für alle Schauspielerinnen, die Schauspielerinnen gespielt haben, für alle Frauen, die (schau)spielen, für alle Männer, die (schau)spielen und zu Frauen werden, für alle Menschen, die Mutter sein wollen, für meine Mutter. (Widmung des Films)
Der spanische Filmregisseur Pedro Almodóvar hat sich in seinem gesamten Filmschaffen immer wieder mit Charakteren beschäftigt, die die internationale Filmkritik mit den Bezeichnungen Transvestismus und Transsexualität zu fassen versucht. Sein neuester Film Alles über meine Mutter (1999) macht uns mit der Prostituierten Agrado bekannt, die einmal Lastwagenfahrer war, bevor sie sich Brüste machen ließ: "Das einzige, was an mir echt ist, sind meine Gefühle und das ganze Silikon, das zentnerschwer an mir herunterhängt". Sie beschwert sich über die Konkurrenz der Transvestiten, die sie als verkleidete 'Karnevalsschlampen' bezeichnet: "Die glauben wohl, Travestie ist 'ne Zirkusnummer oder sogar Schauspielerei." Sie wird Agrado genannt, weil sie immer versucht, allen das Leben angenehm zu machen. Ihr gegenüber steht die drogensüchtige Lola, die ehemals Esteban hieß, wie auch der Sohn heißt, den sie/er mit Manuela zeugte. "Wie kann man so ein Macho sein, wenn man so prächtige Titten hat", fragt sich Manuela auf ihrer fortwährenden Suche, die die Geschehnisse durchzieht. Almodóvar entwirft ein Kaleidoskop von Beziehungen zwischen uns Menschen, die wir "umso authentischer sind, je ähnlicher wir dem Traum sind, den wir von uns selbst haben" (Agrado).
Der Vortrag wird das Element des Schauspielens und die Darstellung des weiblich-männlichen bzw. männlich-weiblichen Körpers an Beispielen aus Almodóvars neuem Film untersuchen. Als Hintergrundinformation zur Vorbereitung auf den Vortrag werden im folgenden verschiedene Positionen über Geschlecht (sex) und Geschlechtsidentität (gender) beschrieben.
Ein wesentliches Problem ergibt sich sofort bei der Verwendung von Begriffen, die die neue Vielfalt männlich-weiblicher Körper und ihrer Hetero/Homo/Inter/Trans/Sexualität beschreiben sollen. Roswitha Hofmann macht in ihrem Aufsatz "Homophobie und Identität I: Que(e)r Theory" (1997) darauf aufmerksam, dass uns nämlich gerade diejenigen Begriffe fehlen, die ihre eigene Vorläufigkeit signalisieren könnten - zu hartnäckig ist die traditionelle Bezeichnungspraxis rund um die Geschlechter. Wenig hilfreich hat sich etwa die Unterscheidung zwischen 'natürlichem Geschlecht' und sozio-diskursiv 'bedingter Geschlechtsidentität' erwiesen. Einen wesentlichen Abstoß zur Debatte lieferte Judith Butlers theoretische Abhandlung Das Unbehagen der Geschlechter (1991). Im Anschluss an Michel Foucaults 'Dispositive der Macht' verdeutlicht sie darin, dass auch die Kategorien des Geschlechts als Produktionen von Institutionen, Verfahrensweisen und Diskursen angesehen werden müssen, "die den Effekt des Natürlichen, des Ursprünglichen und des Unvermeidlichen erzeugen" (1991: 9). Geschlechtsidentität, so Butler, wird durch den Glauben an ein mimetisches Verhältnis zwischen Geschlecht und Identität geprägt, das auf einer traditionellen Dualität der Geschlechter von Mann und Frau beruht und deren 'natürliche' Sachverhalte fortlaufend neu produziert. Gemäß der Formel 'Biologie ist Schicksal' wird der Körper zur "Bühne einer kulturellen Einschreibung" (1991: 191). Das wesentliche Grundmuster der Zwangsordnung der Geschlechter und ihrer Sexualität bildet die Beschreibung des Anderen als das Abweichende und Abnorme außerhalb der Ordnung. Hofmann (1997) verdeutlicht, dass das Muster der Heterosexualität notwendigerweise das Gegenüber der Homosexualität benötigt, um sich als Norm installieren zu können. Die Entwicklung der kulturellen Einschreibung des Abnormen in den homosexuellen Körper wird bereits bei Dannecker und Reichert anschaulich mit dem Paradigmenwechsel vom juristischen Diskurs zum ätiologischen Diskurs belegt: Der Weg geht "aus den Gerichtssälen in die Praxen von Psychiatern" (1974: 24). Mit dem Abstand einer Generation haben sich hier in der sozialen Praxis neue Lebensentwürfe durchgesetzt, möchte man meinen. Der Diskurs um die "Homoehe" kann eines besseren belehren. Ätiologische Diskurse betreffen heute insbesondere die Zuordnung des Geschlechts. Eine jüngste Veröffentlichung in der ZEIT zum Thema Intersexualität belegt erneut die unreflektierte Dominanz medizinischer Zuschreibungen:
Intersexuelle - ein Sammelbegriff für eine Vielzahl medizinischer Befunde, bei denen die äußeren oder inneren Geschlechtsteile bei der Geburt fehlen oder fehlgebildet sind. (...) Anders als bei Transsexuellen, deren Gefühl im falschen Körper zu leben, ursächlich schwer erklärbar ist, hat Intersexualität gut bekannte medizinische Ursachen. (Spiewak 28.9.2000: 33)
Auch Gegenstimmen werden angeführt:
Nicht Intersexuelle seien krank, sondern die Gesellschaft, die sie für krank erkläre. Intersexualität ist für sie bloß eine Variante der Natur - und der Beweis, das die übliche Zweiteilung in Mann und Frau nur ein kulturelles Konstrukt ist. Die amerikanische Genetikerin Anne Fausto-Sterling schlug (...) vor, die Kategorie 'Geschlecht' in Pässen und Dokumenten ganz zu streichen. (Spiewak 28.9.2000: 34)
An die Stelle des 'natürlichen' Geschlechts ist heute das 'genetische' getreten. Intersexuelle führen die gesellschaftlich bindende binäre Opposition des Ordnungsprinzip Mann/Frau, das auch im Personenstandsgesetz fixiert ist, ad absurdum oder werden Opfer einer Theorie des 'optimalen' Geschlechts, indem sie mit dem Skalpell der äußerlichen Norm angeglichen werden. Die Ursachen für ein gewaltsames Eingreifen lassen sich am Beispiel von Mary Douglas Studie Reinheit und Gefährdung (1988) aus der Funktion des Körpers als Repräsentant für das gesamte Gesellschaftssystem erklären. Die Bedeutungsstruktur der Synekdoche orientiert sich an den Konzepten binärer Wahrnehmungs- und Ordnungsstrukturen des Körpers, wie sie Lakoff und Johnson in Metaphors We Live By (1980) analysieren. Analog zu den Randzonen der Gesellschaft gelten Randbereiche des Körpers als gefährlich:
Die Konstruktion fester Körperumrisse beruht auf festgelegten Stellen der Körperdurchlässigkeit und Undurchlässigkeit. Solche Sexualpraktiken, die in homo- oder heterosexuellen Kontexten bestimmte Öffnungen und Oberflächen für die erotische Bezeichnung eröffnen, andere wiederum verschließen, schreiben die Begrenzung des Körpers an neuen kulturellen Leitlinien entlang ein. (Butler 1991: 195)
Im Bereich männlicher und weiblicher Attribuierung wird das Bedeutungsfeld des Körpers und seiner Eigenschaften noch komplexer. Luce Irigaray hat mit ihrer Abhandlung Das Geschlecht, das nicht eins ist (1979) in m.E. überzeugender Weise die These des weiblichen schreibenden Subjekts von Simone de Beauvoir auf den Kopf gestellt. Das im phallozentrischen Diskurs auf den Objektstatus reduzierte Weibliche bleibt als das notwendig Andere, das sich Entziehende und Unrepräsentierbare sprachlos - somit stellt es für Irigaray auch keine Markierung des Subjekts dar. Irigaray führt eine Binarität der Geschlechter zwar weiter, dreht jedoch die Vorzeichen um.
Butler deutet als grundsätzliches Problem des Subjekts des Feminismus, dass es als Teil des Systems jene Machtstrukturen mit hervorbringt, die durch die Emanzipation überwunden werden sollen. Letztlich wirksam für die Analyse kann m. E. daher nur die Vorstellung eines Begriffs der 'strategischen Vorläufigkeit' sein, mit der Butler eine "subversive Vervielfältigung der Konfigurationen der Geschlechter-Identitäten" (1996: 24) beschreibt.
Der Betrachtung des Films Alles über meine Mutter und der Beschreibung des männlich-weiblichen bzw. weiblich-männlichen Körpers werden Gertrud Lehnerts Thesen zu Maskeraden und Metamorphosen (1994) nach Stefan Hirschauers Studie zur sozialen Konstruktion der Transsexualität (1993) zugrunde gelegt. Die Definition der Geschlechterrolle als kulturelles Konstrukt ohne jegliche Essenz impliziert als entscheidende Aspekte die Performanz und die Rezeption im Spannungsverhältnis zur Unsichtbarkeit der primären Geschlechtsmerkmale:
(...) ein Mann (kann) definiert werden als ein "legitimer Darsteller von Männer-Bildern, genauer: ein durch seine kompetente Darstellung (in den Augen des Betrachters) legitimierter und zur kontinuierung verpflichteter Darsteller eines Männer-Bildes". (Lehnert 1994: 27)
Geschlechtsidentität wird als "sozialer, nur in der Interaktion möglicher Zuschreibungs- und Darstellungsprozess" definiert, der "stets auf das Mitspielen des Gegenübers angewiesen ist, um funktionieren zu können" (1994: 27). Die Performanz der Geschlechtsidentität als Rollen-Spiel erscheint in der (Post-)Moderne zunehmend als einzige Möglichkeit sozialer Existenz. Im Anschluss an Fredric Jamesons Begriff des Spektakels gewinnt dabei das Pastiche als "identische Kopie von etwas, dessen Original nie existiert hat" (1986: 63) an Bedeutung:
Indem die Travestie die Geschlechtsidentität imitiert, offenbart sie implizit die Imitationsstruktur der Geschlechtsidentität als solcher - wie auch ihre Kontingenz. (Butler 1991: 202)
Das dadurch enstehende Potential zur Vervielfältigung der Geschlechteridentitäten, die eine Prozesshaftigkeit ihrer selbst signalisieren und sich im Rahmen neuer Lebensentwürfe immerfort neu entwickeln, stellt einen ganz wesentlichen Aspekt in Almodóvars Filmschaffen dar und soll an einzelnen Filmsequenzen herausgearbeitet werden.
Filmographie
Almodóvar, Pedro (1999), Alles über meine Mutter (Originaltitel: Todo sobre mi madre), El Deseo S.A., Spanien.
Bibliographie
Butler, Judith (1991), Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt am Main.
Butler, Judith (1996), "Imitation und die Aufsässigkeit der Geschlechtsidentität", in: Sabine Hark (Hrsg.), Grenzen lesbischer Identität. Aufsätze, Berlin, 24-29.
Dannecker, Martin und Reimut Reiche (1974), Der gewöhnliche Homosexuelle. Eine soziologische Untersuchung über männliche Homosexuelle in der Bundesrepublik, Frankfurt am Main.
Hofmann, Roswitha (1997), "Homophobie und Identität I: Que(e)r Theory", in: Barbara Hey, Ronald Pallier und Roswitha Roth (Hrsg.): Que(e)rdenken. Weibliche/männliche Homosexualität und Wissenschaft, Innsbruck und Wien, 105-118.
Jameson, Fredric (1986), "Postmoderne - Zur Logik der Kultur im Spätkapitalismus", in: Andreas Huyssen und Klaus Scherpe (Hrsg.), Postmoderne. Zeichen eines kulturellen Wandels, Reinbek bei Hamburg, 45-102.
Spiewak, Martin (28.09.2000), "Der Zwang der Geschlechter", in: DIE ZEIT 40, 33-34.
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