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Bettina Englmann, Universität Augsburg

Maßnahmen gegen die Gewalt”?
Rituelle Praktiken der Gewalt bei Brecht

Herr Keuner, "der Denkende", eine zentrale Figur Brechts, die in vielen Texten seit den 20er Jahren auftritt, warnt in der Geschichte Maßnahmen gegen die Gewalt einen Saal voller Menschen vor der 'Gewalt' - nicht ahnend, daß diese 'Gewalt' bereits hinter ihm steht und die Zuhörer zurückweichen läßt. Doch die allegorische 'Gewalt' agiert nicht gewalttätig, sie tastet Herrn Keuner nicht an; ihr genügt, daß dieser behauptet, er habe sich "für die Gewalt" ausgesprochen. Herr Keuner muß seinen Rückzug vor seinen Schülern rechtfertigen - nicht "Rückgrat" sei nötig, um neben der 'Gewalt' zu bestehen, sondern die Klugheit zu überleben. Ganz offensichtlich stellt die Figur der 'Gewalt' in dieser Geschichte vom Herrn Keuner keine Gefahr für Körper und Leben dar; Herrn Keuners 'Maßnahme' gegen die Gewalt besteht nicht im Kampf, nicht in der körperlichen Auseinandersetzung, nein, mit dieser Gewalt kann man reden, man kann sie belügen und sich so durch die eigene rationale überlegenheit retten. Herr Keuner hat Glück, daß die Gewalt zu seinen Bedingungen agiert, daß sie Argumenten, d. h. Sprache, zugänglich ist - ein eher untypisches Charakteristikum für den namenlosen, sprachlosen Schrecken, der sich mit körperlicher Gewalt, wie sie vielfach in der Literatur auftritt, verbindet.

Natürlich könnte man nun schließen, daß Brecht sich gar nicht mit 'archaischer' Brutalität beschäftigt, also mit einer Gewalt im Sinne von violentia, sondern daß er über die weit subtilere Gewalt der Macht schreibt, über potestas, den Zwang der Herrschaft, den es nach Sorel und Marx zu bekämpfen gilt, um eine wirklich gewaltfreie Gesellschaft zu schaffen. Demnach wäre die Schwierigkeit, Gewalt zu erkennen, die Brecht an anderem Ort beklagt, das selbstverschuldete Problem einer Lektüre, die ihre Erwartungen enttäuscht sieht.

Doch wer bei Brecht nach violentia sucht, der wird fündig werden; und die Fundorte sind bedeutungsvoll. Während Brecht in epischen Texten die potestas thematisiert und sie als 'Gewalt' benennt, stoßen wir in der Dramatik vielfach auf Phänomene der Gewalt, die allerdings nicht als solche benannt werden. Schläge und körperliche Verstümmelungen treten immer wieder auf, in Mutter Courage und ihre Kinder, in Puntila und sein Knecht Matti, Mann ist Mann etc.; Baal und Fatzer zeigen die Vergewaltigung von Frauen; zahlreiche Stücke wie Die Maßnahme und Der Jasager/Der Neinsager verhandeln die Tötung eines einzelnen. Man könnte mutmaßen, daß Brecht die körperliche Gewalt, die zwischen Individuen ausagiert wird, nicht benennt, um sie unsichtbar zu machen und um so die abstrakte Gewalt der Herrschaft desto negativer zu zeichnen. Doch das wäre nicht nur eine sehr einseitige Interpretation, wodurch die ungeheure Vielschichtigkeit einer Typologie der Gewalt bei Brecht verdeckt würde; zudem provoziert die Frage nach der Intention des Autors stets den Zwang, vieldeutige Texte eindeutig zu machen.

Mit Heiner Müller gesprochen: ein Text weiß immer mehr als sein Autor, d. h. die Dramen Brechts, die hier betrachtet werden, bilden keineswegs nur die Botschaften ihres Autors ab oder die Authentizität der Epoche ihrer Entstehung. Stattdessen werden diese Dramen als Texte gelesen, in denen kulturelle Bedeutungen von Gewalt zirkulieren. Es stellt sich nicht nur die Frage, wie und in welchen symbolischen Formen gesellschaftliche Konventionen der Gewalttätigkeit repräsentiert werden, darüberhinaus organisiert der Text Spielräume für Unbekanntes und Fremdes, er arbeitet an ästhetischen Strategien, die eigene Symbole der Gewalt erzeugen. Als das Badener Lehrstück vom Einverständnis erstmals vor Publikum aufgeführt wurde, reagierte das Publikum entsetzt darauf, daß einer Figur die Beine abgesägt wurden, zahlreiche Besucher wurden ohnmächtig. Die ästhetischen Konventionen des Horrorgenres, die für uns alltäglich geworden sind, wirken auf den Zuschauer von 1929 nicht als stilisiertes Ereignis, sondern als elementare Erfahrung der Brutalität, die ihm im theatralischen Bild aufgezwungen wird. Sein Körper ist dem nicht gewachsen; auch wenn der Zuschauer - rational gesehen - weiß, daß hier kein Mensch tatsächlich verstümmelt wird - er ist dem Bild der Gewalt und damit der Ohnmacht seiner Sinnlichkeit ausgeliefert.

Was die Medialisierung von Gewalt angeht, ist die Trennung zwischen U-Kultur und E-Kultur inzwischen irrelevant geworden; nicht nur im Film, auch auf der deutschen subventionierten Bühne agieren die Kettensägenmassaker, spritzt das Blut, fliegen Leichenteile. Doch das Theater der 20er Jahre ist auf diesen Schock nicht vorbereitet; Kultur wird generell als Hochkultur konzipiert und in dieser sind offensichtliche Praktiken der Gewalt nicht vorgesehen. Der Text spielt mit diesem Tabu und kann so neue Räume für eine Stilisierung oder Rhetorik der Gewalt besetzen.

An diesem Punkt drängt sich die Frage auf, warum ausgerechnet der Gewalt Spielräume geschaffen werden sollen, warum gerade sie quasi zum utopischen Ort wird. An der Negativität der Gewalt herrscht gerade nach den traumatischen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges kaum Zweifel; die Parole Nie wieder Krieg! knüpft durchaus an die erstrebte Gewaltfreiheit der aufgeklärten europäischen Kultur an, die den Menschen zum Träger der Vernunft erklärt hat, fähig, jeden Konflikt zu lösen kraft seiner Sprache und Rationalität - ohne die Gewalt seines Körpers. Die menschliche Praxis der Gewalt wurde tabuisiert, wurde zum Synonym des Unmenschlichen. René Girard schreibt in Das Ende der Gewalt:

Wenn es heutzutage ein Fragen nach dem Menschen als solchem gibt, so verdanken wir dies der für uns charakteristischen zunehmenden Befähigung, die Phänomene kollektiver Gewalttätigkeit zu durchschauen (...). Die Frage nach dem Menschen und die Frage nach der unerkannten Gewalttätigkeit erhalten ihren wahren Sinn voneinander.

"Was ist eigentlich ein Mensch?" - Diese Frage durchzieht Brechts Werk von Baal bis zum Antigonemodell, sie läßt sich als insistierendes Nachfragen deuten, die in ihrer Skepsis gegenüber dem anthropologischen Konzept der Aufklärung unmittelbar an Freuds Unbehagen in der Kultur anschließt und der Dialektik der Aufklärung (Horkheimer/Adorno) vorausgeht. Brechts Fatzer erprobt szenisch, wie Menschen agieren, die sich dem Krieg entzogen haben, die "Aus der blutbeschmierten, undeutlichen, verdammten Erdkruste / Herausgekrochen sind". Um den Krieg der Moderne zu beschreiben, bedient sich Brecht einer Sprache, die Archaik jenseits rationalisierter Menschlichkeit evoziert. Weiterleben ist das Ziel der vier Deserteure, die nicht mehr töten oder sterben wollen; doch ihr Leben in Mülheim ist voller Erfahrungen der Gewalt, der niemand entkommt, die alle Mitspielenden prägt: das Fragment endet mit der Tötung Fatzers durch die Freunde, ein anderer Entwurf läßt alle vier "untergehen". Töten oder Sterben - die Alternative ist keine.

Indem gewalttätige Praktiken inszeniert werden, wird die Kultur mit ihren Verdrängungen, mit Unerwünschtem und Bewußtlosem konfrontiert. Doch die Texte zeigen auch Verlockungen der Gewalt; Bedeutungen schillern zwischen Reiz und Abstoßung. Wenn Puntila und Matti sich ausmalen, die allzu selbstbewußte Eva so lange zu examinieren, "bis sie blau wird", so mag mancher Rezipient durchaus versucht sein, derartige Bedürfnisse nach diesem Vorbild auszuagieren. Akte der Gewalt im Drama Brechts wirken so als ästhetische Repräsentationsformen für eine Untersuchung kultureller Anthropologie. Die kulturelle Akzeptanz von Gewalt ist ständigen Schwankungen ausgesetzt. Individuelle Gewalt sieht sich durch die Verbindung von Staatsgewalt und Recht schon seit Jahrhunderten kriminalisiert, doch gab und gibt es Freiräume privater Gewalt: die Züchtigung von Kindern zu 'erzieherischen Zwecken' wollen sich viele Eltern nicht verbieten lassen, erst vor kurzem wurde die Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt. Literarische Texte wirken hier auf Meinungen und Handlungen zurück.

Die Wechselwirkungen von Kultur und Text sind von Stephen Greenblatt in Stichworten wie Austausch und Verhandlung beschrieben worden. Greenblatts Konzept der Kulturpoetik geht zurück auf die Forschungen des Ethnologen Clifford Geertz, der mit seiner "thick description" die Grundlagen für kulturanthropologische Ansätze in der Literaturwissenschaft geschaffen hat. Nach Geertz stellt sich jede Kultur als ein diskursives Symbolsystem dar, in dem sich Praktiken, Institutionen und Anschauungen vernetzen. Ziel einer Interpretation ist nicht die kausale Erklärung der Phänomene, sondern eine symbolische Hermeneutik, die ihren eigenen Beobachtungsstandpunkt im Blick auf fremde Kulturen reflektieren muß. Das kulturelle Material, das der Arbeit des Ethnologen zu Grunde liegt, ist auch höchst aufschlußreich für die Lektüre von Texten: Kommunikationsverhalten, Werbungscodes, Kontrollmechanismen durch Regeln und Verbote, soziale Hierarchien etc. Die anthropologische Praxis der Gewalttat konstituiert viele Bedeutungen: sie prägt soziale Beziehungen und verbindet Täter und Opfer, Herrscher und Beherrschte.

Brechts Lehrstück Die Ausnahme und die Regel inszeniert die gemeinsame Reise eines "Ausbeuters" und eines "Ausgebeuteten", "Herr und Knecht", in die Wüste. Ein Kaufmann begibt sich mit seinem Träger auf eine gefährliche Strecke, um bei der Ankunft ein Geschäft abzuschließen. Der Kuli folgt Forderungen des Kaufmanns ohne Widerspruch, obwohl er geschlagen, beschimpft, bedroht wird. Als er aus Angst und übermüdung vor der überquerung eines reißenden Flusses zögert, zwingt ihn der Kaufmann mit vorgehaltener Pistole, er wird dabei verletzt, sein Arm ist gebrochen. Sie gehen in die Irre, das Wasser wird knapp - da beginnt der Herr, seinen Knecht zu fürchten; er erschießt ihn, als dieser ihm seine Wasserflasche anbietet, in der Annahme, er nähere sich in mörderischer Absicht mit einem Stein. In diesem Text erscheinen die Machtverhältnisse eindeutig - alle Gewalt geht vom Herrschenden aus, der Knecht wehrt sich nicht, er wird zum unschuldigen Opfer der Fehldeutung seines Herrn. Dieser hatte selbstverständlich vorausgesetzt, daß sich der Kuli in der Ausnahmesituation der Wüste an ihm rächen würde, er interpretiert Sprechen und Handeln seines Knechtes und kommt zu dem Ergebnis, daß er sein Leben schützen muß. Der Zuschauer sieht, seine Deutungen sind falsch, der Knecht verhält sich nicht wie erwartet. Er ist die Ausnahme von der Regel, wie das Gericht feststellt, das die Tötung untersucht. Der Richter urteilt:

Der Kaufmann konnte nicht an einen Akt der Kameradschaft bei dem von ihm zugestandenermaßen gequälten Träger glauben. Die Vernunft sagte ihm, daß er aufs stärkste bedroht sei. (...) Die Abwesenheit von Polizei und Gerichten machte es seinem Angestellten möglich, einen Teil vom Trinkwasser zu erpressen und ermutigte ihn. Der Angeklagte hat also in berechtigter Notwehr gehandelt, gleichgültig, ob er bedroht wurde oder nur sich bedroht fühlen mußte. Den gegebenen Umständen gemäß mußte er sich bedroht fühlen.

Dieses Urteil wiederholt und bestätigt die Interpretationen des Kaufmanns. Es zeigt, daß der Kuli nicht der kulturellen Norm gemäß gehandelt hat, als er "menschlich" und "freundlich" agierte - er handelte "unvernünftig". Nach den Konventionen kultureller übereinstimmung war von ihm erwartet worden, selbst zur Gewalt zu greifen, die Einteilung in Herr und Knecht - als soziale Beziehung, die sich durch Gewalt konstituiert - zu durchbrechen. Doch das hat er nicht getan, er hat nicht versucht, die Schwankungen und Identitätswechsel der Macht für sich zu nutzen, er setzte die Stabilität der Herrschaft voraus und akzeptierte seine Rolle als Empfänger von Gewalt. Brechts Drama wirkt als Ort, wo Verhalten vorgeführt wird und zugleich die Wahrnehmung und Deutung dieses Verhaltens durch andere, durch Betrachter. Kulturelle Normen im Text werden sichtbar durch die Frage nach den vorgeführten Verhaltensweisen: was ist selbstverständlich, was wird sanktioniert? In seinen Lehrstücken betont Brecht die Modellhaftigkeit der gezeigten Verhaltensweisen, er zeigt ein Repertoire von Verhaltensmustern, das u. a. auch gewalttätiges Sozialverhalten erfaßt. Die Gewalt, die in Die Ausnahme und die Regel ausgeübt wird, erscheint alltäglich und rechtlich akzeptiert; auffällig und überraschend ist dagegen die mangelnde Gewalt von Seiten des Kulis.

Indem soziales Verhalten im Drama derart formalisiert, wiederholbar und performativ erscheint, wird es ritualisiert. In den profanen Ritualen alltäglicher Praktiken wird konkrete Kommunikation sichtbar, die keine Sprache braucht, die nur über den Körper agiert wird. (Brechts Konzept des Gestus versucht, diese sprachlose Praxis im Text und besonders im Drama fruchtbar zu machen.) Der Kulturanthropologe Victor Turner sieht in der alltäglichen Inszenierung sozialer Konflikte Wechselbeziehungen zum Theater:

Theater ist tatsächlich eine Dramatisierung, eine übersteigerung juristischer und ritueller Prozesse; nicht bloß eine einfache Reproduktion der gesamten 'natürlichen' Verlaufsform des sozialen Dramas.

Zentral für Brechts dramatische Praxis ist ebenso, daß sein Theater die alltäglichen Handlungen seiner Zeit keineswegs nur abbildet oder repräsentiert, sondern er bedient sich spezifischer Strategien, um kulturelle Praktiken zu interpretieren, zu verändern, zu verfremden etc. In Die Ausnahme und die Regel wird gewalttätiges Verhalten vorgeführt, die Züchtigung und Tötung des Kulis durch seinen Herrn wird gerechtfertigt und dennoch gelingt es Brecht, die Stabilität des sozialen Ritus aufzubrechen: die Möglichkeit, auch als Knecht Gewalt anzuwenden, wird evoziert und die Akzeptanz des Rechts wird untergraben. Ziel ist die Reflexion kultureller Normalität, soziales Verhalten und seine Deutung soll auffällig gemacht werden:

Betrachtet genau das Verhalten dieser Leute:
Findet es befremdend, wenn auch nicht fremd
Unerklärlich, wenn auch die Regel.
(...) Wir bitten euch ausdrücklich, findet
Das immerfort Vorkommende nicht natürlich!
Denn nichts werde natürlich genannt
In solcher Zeit blutiger Verwirrung
(...) entmenschter Menschheit, damit nichts
Unveränderlich gelte!

Brecht unterwirft das Verhalten einer "entmenschten Menschheit" der ethnologischen Betrachtung des Zuschauers; die Frage, was ein Mensch ist, wie er handeln soll in einer gewalttätigen Welt, die nur die Alternative zwischen Töten und Sterben vorsieht, bleibt ungelöst und doch wirkungsvoll.

Im dramatischen Konzept des Rituals werden die Voraussetzungen für eine kulturanthropologische Lektüre Brechts sichtbar. Gewalttätige Praktiken werden in Brechts Dramen vielfach und vielschichtig eingesetzt. Im mündlichen Beitrag sollen die Spielformen weiterer Texte in die Interpretation eingebunden werden, um die Produktivität dieser Vielschichtigkeit zu zeigen.


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