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Marian Füssel, WWU Münster

Geschichtsschreibung als Wissenschaft
vom Anderen: Michel de Certeau

Einleitung

Ähnlich wie "Charlie Chaplin, der am Ende von The Pilgrim, an der mexikanischen Grenze, zwischen zwei Ländern, die ihn jagen, hin- und herläuft und mit seinen Zick-Zack-Bewegungen ihren Unterschied und die sie verbindende Naht markiert" (Certeau 1991, S. 64f.) bewegte sich Michel de Certeau stets auf den Grenzen der traditionellen Disziplinen.

Grenzgänge sind das wissenschaftstheoretische Gütesiegel der Arbeiten des französischen Historikers, Theologen, Kulturphilosophen und Psychologen Michel de Certeau. Die Themen seiner Arbeiten reichen von der frühneuzeitlichen Religionsgeschichte bis hin zu Problemen der modernen Alltagskultur und weisen weit über die Ränder der Geschichtswissenschaft hinauS. 1 Gelten seine Schriften in Frankreich sowie im angloamerikanischen Raum inzwischen längst als Klassiker der historischen Kulturwissenschaft, so wurde sein Werk in Deutschland bisher kaum rezepiert, was wohl nicht zuletzt an der geringen Zahl der übersetzungen liegen dürfte.2 Die Verortung Certeaus in einer "philosophischen Gegentradition" (Godzich), die mit Namen wie Nietzsche, Heidegger, Bataille, Blanchot, Derrida, Kristeva oder Lévinas verknüpft ist, tendiert dabei häufig dazu, die theologischen Aspekte seines Denkens zu vernachlässigen.3 Seinen geschichtstheoretischen überlegungen liegt jedoch m. E. eine genuin theologische Denkstruktur zugrunde. Wie Michel Foucault, mit dem ihn eine Art Anti-Wahlverwandtschaft ("elective anti-affinity") verband, begriff sich Certeau dennoch vor allem als Historiker.4 Nach Roger Chartier bleibt die Geschichte für Certeau "unter allen Humanwissenschaften die nach Herkunft oder Programm am besten geeignete, um die Differenz wiederzugeben, die Andersheit darzustellen."5 Im folgenden sollen daher vor dem Hintergrund des Begriffs des "Anderen", (bzw. des theo-logischen Zweischritts: Abwesenheit des Anderen (Gottes) und Produktion seiner Präsentation bzw. überwindung seiner Abwesenheit oder Vergangenheit durch eine Praxeologie nach bestimmten logischen und hermeneutischen Regeln), vor allem drei Aspekte der Geschichtstheorie des Jesuiten Michel de Certeau behandelt werden: (1) das Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart, (2) die Ver-ort-ung seiner Position in der Diskussion um Narrativität und Fiktionalität der Geschichtsschreibung und (3) seine praxeologische Konzeption derselben.6

1. Geschichtschreibung als Trauerarbeit

Michel de Certeau's Schreiben der Geschichte versammelt verschiedene Arbeiten zur Erforschung des Schreibens als historischer Praxis, die er als "sozio-epistemologisch", "historisch", "semiotisch" und "psychoanalytisch" charakterisiert. "Im Grab, das der Historiker bewohnt, gibt es nichts als Leere" schreibt Michel de Certeau.7 Geschichtsschreibung ist für Certeau grundsätzlich durch die Erfahrung von Abwesenheit und Alterität geprägt.8 Ihr Begriff selbst verweist dabei auf die Ambiguität zwischen Geschichte und Beschreibung, Wirklichkeit und DiskurS. "Der Diskurs über die Vergangenheit hat den Status, Diskurs über die Toten zu sein. Der Gegenstand, der dort behandelt wird, ist nur das Abwesende." (Certeau 1991, S. 67) Die Vergangenheit wird so zur Fiktion. "Das gilt für jedwede echte historiographische Arbeit. Die Erläuterung der Vergangenheit markiert unaufhörlich den Unterschied zwischen dem analytischen Apparat, der gegenwärtig ist, und dem analytischen Material, den Dokumenten, die sich auf die Toten betreffende Merkwürdigkeiten beziehen." (Certeau 1991, S. 21) Ähnlich hatte schon Johann Gustav Droysen 1857 in seiner Historik argumentiert:

Also weder das Geschehene, weder alles Geschehene noch das meiste oder vieles davon ist Geschichte. Denn soweit es äußerlicher Natur war, ist es vergangen, und soweit es nicht vergangen ist, gehört es nicht der Geschichte, sondern der Gegenwart an."9

"Das Gegebene für die historische Forschung sind nicht die Vergangenheiten, denn diese sind vergangen, sondern das von ihnen in dem Jetzt und Hier noch Unvergangene, mögen es Erinnerungen von dem, was war und geschah, oder überreste des Gewesenen und Geschehenen sein."10

Alles was gemeinhin als Teil der Vergangenheit, als überrest betrachtet wird, wie Bücher, Gebäude etc. ist eigentlich ein Teil der Gegenwart. Dem Historiker zeigen sich nur Spuren der Vergangenheit, nicht die Vergangenheit selbst. "Der Diskurs, der das Andere ausdrücken soll, bleibt sein [des Historikers, Anm. d. Vf.] Diskurs und Spiegel seiner Arbeitsweise." (Certeau 1991, S. 54)

Certeaus Nähe zu Hegel und Lacan ist unübersehbar.11 Das Ich ist ein Anderer. "Je est un autre", hatte der Dichter Rimbaud gesagt.12 Dem Kleinkind in dem von Lacan so eindrucksvoll beschriebenen Spiegelstadium erscheint sein Spiegelbild als ein Anderer. Das Ich konstituiert sich im Eins-sein-Wollen-mit-dem-Anderen. Identität konstituiert sich demnach in Abgrenzung zur Nicht-Identität. Das hat nach Hegel eine "gedoppelte Bedeutung; erstlich, es hat sich selbst verloren, denn es findet sich als ein anderes Wesen; zweitens, es hat damit das Andere aufgehoben, denn es sieht auch nicht das Andere als Wesen, sondern sich selbst im Andern."13 Diese Abgrenzung, d.h. genauer, das Denken der Grenze zwischen Identität und Nicht-Identität, zwischen A und Non-A, worin nach Spencer-Brown (The Laws of Form) die Bedingung der Möglichkeit von Erkentnis überhaupt besteht, kann nur durch die Vermittlung der Sprache geleistet werden. Das Spiegelerlebnis stellt eine "symbolische Matrix" dar, "an der das Ich (je) in einer ursprünglichen Form sich niederschlägt, bevor es sich objektiviert in der Dialektik der Identifikation mit dem anderen und bevor ihm die Sprache im Allgemeinen die Funktion eines Subjekts wiedergibt."14 Das Andere ist für Certeau "das Phantasma der Geschichtsschreibung. Der Gegenstand, den sie sucht, ehrt und begräbt." (Certeau 1991, S. 12) Mit dem freudschen Begriff der Trauerarbeit bzw. Arbeit am Tod tritt nun, nach der ersten - bei Lacan - eine weitere psychoanalytische Figur auf. "Die Geschichtsschreibung hat die Tendenz zu beweisen, dass der Ort, an dem sie geschieht, die Vergangenheit umfassen kann: ein merkwürdiges Verfahren, das den Tod, einen im Diskurs immer wieder wiederholten Bruch, postuliert, und dennoch den Verlust leugnet, indem es der Gegenwart das Privileg einräumt, die Vergangenheit als eine Form des Wissens zu rekapitulieren." (Certeau 1991, S. 16) Arbeit am und gegen den Tod. Es sind vor allem zwei Aspekte, die die Funktion des Schreibens ausmachen:

Einerseits hat das Schreiben die Funktion eines Bestattungsritus' im ethnologischen und quasireligiösen Sinne des Wortes; es treibt den Tod aus, indem es ihn in den Diskurs einbindet. Andererseits besitzt es symbolische Funktion; es ermöglicht einer Gesellschaft, sich zu verorten, indem sie sich durch Sprache eine Vergangenheit gibt, und auf diese Weise öffnet es der Gegenwart einen eigenen Raum: eine Vergangenheit zu âkennzeichnen' bedeutet, den Toten einen Platz einzuräumen, aber auch den Raum der Möglichkeiten neuzuverteilen, negativ zu bestimmen, was getan werden muß, und folglich die Narrativität, die den Toten begräbt, als Mittel zu benutzen, den Lebenden einen Platz zu sichern. Das Unterbringen der Abwesenden ist die Kehrseite einer Normativität, die auf den lebenden Leser zielt und eine didaktische Beziehung zwischen Sender und Empfänger herstellt. (Certeau 1991, S. 130f.)

Die Funktion der "historischen Praxis" im Sinne Certeaus ist also performativ, sie bedeutet Angstabwehr und Befreiung der Lebenden durch einen Akt der Kommunikation.

2. Geschichte als Grenze

Certeaus "Das Schreiben der Geschichte" liest sich heute - aus der Distanz von 25 Jahren - wie eine Vorwegnahme der jüngsten Debatten um Fiktionalität und Narrativität der Geschichtsschreibung.15 Hervé Martin spricht in diesem Zusammenhang von einer "anticipation permanente".16 Im Gegensatz zu den meisten gegenwärtigen Streitern in der "querelle des modernes et postmodernes", die sich scheinbar fest in ihren Schützengräben verschanzt haben, bewegt sich Certeau auf inspirierend wirkende Weise konsequent jenseits der binären Oppositionen von Subjektivismus und Objektivismus, Fakten und Fiktionen oder Universalismus und RelativismuS. Die praxeologische Sicht der Geschichtsschreibung eröffnet die Möglichkeit, die zwanghafte Entscheidung, die Wahrheit der Historiographie entweder im historischen Objekt oder im Subjekt zu suchen, zu überwinden und damit auch sich der unfruchtbaren Auseinandersetzung zwischen Modernen und Postmodernen, Fakten und Fiktionen zu entziehen. Der Objektivismus à la Ranke negiert den eigenen Ort und wird damit zur Ideologie.17 Im Anschluß an Roland Barthes und Hayden White leugnen die Vertreter des Narrativitätsparadigmas umgekehrt die Objektivität historischer Fakten und begreifen Historiographie vor allem als fiktionale Erzählung. Die Radikalisierung dieser Theorien zu einer relativistischen Position wurde zum Auslöser zahlreicher Kontroversen (vgl. Evans, Windschuttle). Die Geschichte - wie es beispielsweise Keith Jenkins tut - nur als ein Produkt der Gegenwart zu begreifen, das gleichberechtigt neben anderen Produkten der Gegenwart steht, führt letztlich auch zu einem ethischen RelativismuS. 18 Die Umkehrung des historistischen Objektivismus würde so selber zur Ideologie.

In seiner Kennzeichnung der Historie als "Fiktion der Gegenwart" rückt Certeau, wie schon angedeutet, zunächst in die Nähe von Roland BartheS. Barthes formulierte Ende der sechziger Jahre in "Die Zeichen der Historie" das Spannungsverhältnis von Fiktionalität und Geschichte. "Das Faktum ist immer nur linguistisch existent (als Terminus eines Diskurses), und doch spielt sich alles so ab, als wäre seine Existenz lediglich die einfache und genaue âKopie' einer anderen Existenz, die in einem extrastrukturalen Bereich liegt, dem âRealen'."19 Diese Situation umschreibt das, was Barthes den "effet du réel" genannt hat, den Dunstkreis, die Auswirkung, die pathetische Hinterlassenschaft des Wirklichen.

Certeau grenzt sich mit seiner Aufrechterhaltung der komplexen Vermitteltheit von Realität, Fiktionalität und Narrativität vor allem gegen zwei Positionen ab, die sich in leicht veränderter Gestalt auch heute noch wiederfinden lassen. Zum einen gegen den, auch in den Literaturwissenschaften und der historisch-kritischen Exegese beliebten Versuch, die Erzählung durch quantitative Erhebungen zu ersetzen. In den Worten Le Roy Laduries: "Der Historiker von morgen wird Programmierer sein oder nicht mehr sein."20 Eine Prognose, die sich glücklicherweise bisher nicht erfüllt hat.21

Geschichtsschreibung hat jedoch einen anderen Geltungsanspruch als eine rein literarische Erzählung. Und hier wendet sich Certeau gegen all jene Vertreter des Narrativitätsparadigmas, die den Realitätsbezug der Geschichtsschreibung grundsätzlich in Frage stellen. Wie er diesen Realitätsbezug aufrecht erhält, lässt sich allerdings nur mit einiger Mühe erschließen. Dies soll im folgenden skizziert werden.

Der historische Diskurs stellt sich als eine Mischform zwischen Erzählung und logischem Diskurs dar. "Mit Hilfe von âZitaten', Anmerkungen, Fußnoten und dem ganzen Apparat permanenter Verweise auf eine Primärsprache (was Michelet 'Chronik' genannt hat) etabliert sich der historiographische Diskurs als ein Wissen vom Anderen." (Certeau 1991, S. 122f.) Die Metasprache des historischen Diskurses "erzählt sich in der Sprache ihres Anderen." (Certeau 1991, S. 124) Hier kommt erneut Roland Barthes ins Spiel:

Man kann sagen, dass der historische Diskurs ein verfälschter performativer Diskurs ist, in dem nämlich das scheinbar Konstatierende (Deskriptive) tatsächlich nur das Bedeutende des Sprechaktes als eines Autoritätsaktes ist. Mit anderen Worten, das 'Reale' ist in der 'objektiven' Historie niemals nur ein unformuliertes Bedeutetes im Schutze der scheinbaren Allmacht des BezugsobjekteS. [...] Die Eliminierung des Bedeuteten aus dem 'objektiven' Diskurs lässt das 'Reale' und seinen Ausdruck scheinbar zur Deckung kommen, verfehlt deshalb aber nicht, einen neuen Sinn zu produzieren, so wahr ist einmal mehr die Einsicht, dass innerhalb eines Systems jeder Mangel eines Elementes in sich bedeutend ist.22

Auch das Abwesende schafft einen Ort, eine Leere, die äußerst produkiv sein kann. Wie aber bleibt die Relation zur "Wirklichkeit" erhalten? Ist sie nur noch als Leer-Stelle im Text präsent? Das wäre jedenfalls zu wenig. Denn wir dürfen davon ausgehen, dass auf die Referenz zur Wirklichkeit nicht verzichtet wird.

Sie ist nicht mehr unmittelbar durch die erzählten oder 'rekonstruierten' Gegenstände gegeben. Sie ist impliziert durch die Konstruktion von an Praktiken angepaßten Modellen (die Gegenstände denkbar machen sollen), durch die Konfrontation dieser Modelle mit dem, was ihnen widersteht, sie begrenzt und zu anderen Modellen Zuflucht nehmen läßt; schließlich durch die Verdeutlichung dessen, was diese Tätigkeit ermöglicht hat, indem sie in eine besondere (oder historische) ökonomie der sozialen Produktion eingebunden wird. (Certeau 1991, S. 63)

Geschichtsschreibung verzichtet also nicht auf eine ihr äußerliche Realität und zieht sich nicht in sich selbst zurück. "Und wenn Sinn nicht in Form eines speziellen Wissens, das man der Wirklichkeit entzieht oder ihr hinzufügt, erfaßt werden kann, so deshalb, weil jede 'historische Tatsache' aus einer Praxis resultiert, weil sie bereits das Zeichen einer Handlung und deshalb die Bestätigung eines Sinns ist." (SdG, S. 46) Welche Antwort erhalten wir dann aber letztlich auf die mittlerweile wohl ungeduldige Frage: Was versteht Certeau unter Wirklichkeit? Zum Bild der eingangs zitierten filmischen Metapher: Chaplins Zick-Zack-Springen auf der Grenze. "Einerseits ist die Wirklichkeit das Resultat der Analyse und andererseits ist sie ihr Postulat. Keine dieser beiden Formen kann ausgeschaltet oder auf die andere reduziert werden. Die Geschichtswissenschaft findet genau in der Beziehung zwischen beiden Platz. (SdG, S. 52f.)

Daher "... kann die Geschichtsschreibung nicht in den Begriffen eines Gegensatzes oder einer Adäquatheit von Subjekt und Objekt gedacht werden: das ist nichts weiter als das Spiel der Fiktion, die sie konstruiert." (SdG, S. 23) Aber dieses Spiel hat Regeln und ist eine Praxis, deren Gehalt sich nicht unmittelbar erschließt, denn was bleibt, ist die mit Begriffen nur einkreisbare, aber nie ausschöpfbare Andersheit des Anderen.

Die Geschichte ist daher (ähnlich wie die Ethnologie) die Inszenierung des Anderen. Die Geschichte stellt die Differenz zwischen der Gegenwart und einer Vergangenheit (einem Anderen) her. "Auf diese Weise ist die Geschichte immer ambivalent: der Ort, den sie der Vergangenheit entwirft, ist ebenso eine Weise, einer Zukunft Platz zu machen. Wie sie als Inszenierung des Anderen zwischen Exotismus und Kritik schwankt, pendelt sie aufgrund ihrer Funktion, einen Mangel auszudrücken, zwischen Konservatismus und Utopismus hin und her." (SdG, S. 111)
Mit Hilfe bestimmter Praktiken, wie etwa der Statistik, rekonstruiert der Historiker aus Spuren das Vergangene. Die Rekonstruktion der Vergangenheit kann sich nicht unabhängig von den Praktiken ihrer Fabrikation vollziehen. Die Techniken dieser Fabrikation sichern die Wissenschaftlichkeit der historischen Erzählung. Die Praktiken der Verschriftlichung gleichen einer Inszenierung, in der das Andere in Form eines Zitats auftritt. Dabei lassen sich eine literarische und eine soziologische Technik der Interpretation unterscheiden. Während die literarische den Text als solchen betrachtet, ist er für die soziologische Analyse Zeichen für etwas andereS. Der Ort der Geschichte ist die Grenze. Geschichtsschreibung läßt sich weder einseitig auf Literatur noch auf Wissenschaft reduzieren, sie besteht vielmehr aus Heterologien, aus Diskursen über das Andere.

3. Orte, Praktiken, Texte

Die historiographische Operation, mit deren Hilfe die Vergangenheit rekonstruiert wird, besteht aus der Verbindung eines sozialen Ortes (eines Dispositivs im Sinne Foucaults), wissenschaftlicher Praktiken und dem Schreiben eines TexteS. "Das Machen von Geschichte stützt sich auf eine politische Macht, die einen eigenen Ort (eine Stadt, eine Nation usw.) erschafft, wo ein Wille ein System (eine Praktiken artikulierende Vernunft) schreiben (konstruieren) kann und muß." (Certeau 1991, S. 17) Die historische Interpretation neigt dazu, ihre Verbindung zu einem Ort und bestimmten wissenschaftlichen Praktiken zu verdecken. Die Praxis des Historikers bleibt jedoch abhängig von den ihn umgebenden gesellschaftlichen Strukturen, d.h. bestimmten Vorlieben, Ideologien oder institutionellen Rahmen. Der Historiker ist immer eingebunden in bestimmte soziale Räume, die seine Arbeit zugleich ermöglichen und begrenzen. Die angebliche Objektivität der Forschung tendiert jedoch dazu, die Partikularität ihres Ortes zu leugnen.

Ganz ähnlich wie ein Auto, das aus einer Fabrik kommt, ist die historische Studie in viel stärkerem Maß an den Komplex einer spezifischen und kollektiven Produktion gebunden, als dass sie Ergebnis einer persönlichen Philosophie oder Wiederbelebung einer vergangenen 'Realität' ist. Sie ist das Produkt eines OrteS. (Certeau 1991, S. 82)

(Certeaus Begriff des Ortes erinnert in diesem Zusammenhang an Bourdieus Theorie vom wissenschaftlichen Feld).
Die Geschichtsschreibung bildet also das Vergangene nicht einfach ab, sondern verändert es durch unterschiedliche Praktiken seiner Rekonstruktion.23 Die Interpretation des Anderen, der Geschichte etc. wird mitbestimmt durch das Andere des soziokulturellen Unbewussten. Der Historiker "macht Erfahrungen mit einer Praxis, die unentwirrbar die seinige und die des Anderen (einer anderen Epoche oder der Gesellschaft, die ihn heute bestimmt) ist." (Certeau 1991, S. 65) Die interpretative Praxis ist so auf zweifache Weise mit dem Anderen verbunden. Um den Gegenstand nicht länger gegenüber den Praktiken seiner Herstellung zu privilegieren, begreift Certeau Geschichte als "Praxis (eine 'Disziplin'), ihr Ergebnis (den Diskurs) oder beider Verhältnis in Form einer 'Produktion'." (Certeau 1991, S. 33) Die Geschichte als Operation zu begreifen heißt also, sie "als die Beziehung zwischen einem Ort (einer Rekrutierung, einem Milieu, einem Beruf etc.), analytischen Verfahren (einer Disziplin) und der Konstruktion eines Textes (einer Literatur) zu verstehen." (Certeau 1991, S. 72) Angesichts des "Grundlagenstreits" der Geschichtswissenschaft hat Lorraine Daston in diesem Zusammenhang jüngst noch einmal auf die von ihr sogenannte "unerschütterliche Praxis" des Historikers verwiesen: "Das Spezifische an Geschichte als Wissenschaft liegt in ihren charakteristischen Praktiken der Untersuchung und Verifikation, und diese sind auch die Basis für ihre Gültigkeit. Eine größere Aufmerksamkeit auf historiographische Praktiken würde auch zur klareren Bestimmung von Wörtern wie "Fakten", "Wahrheit" und "Objektivität" beitragen, von Wörtern, die in der gegenwärtigen Diskussion darüber, ob, warum und in welcher Weise Geschichte in der Krise steckt, immer wieder auftauchen und dennoch ungeklärt bleiben."24

Schluss

Ausgehend von einer theologischen Problematik bzw. Verfahrensstruktur entwickelt Certeau in Auseinandersetzung mit Hegel und Lacan ein geschichtstheoretisches Modell, das sich als Homologie von Ich, Anderem und Sprache zu Gegenwart, Anderem (Vergangenheit) und Schrift/Text beschreiben lässt. Identität und Alterität bestimmen sich dabei stets relational. Dies resultiert in der Unmöglichkeit, Certeaus Werk anhand einer einzelnen Kategorie von Alterität zu analysieren.25 Bewegt sich Certeau doch in Das Schreiben der Geschichte bewegt selbst auf der Grenze zwischen Literatur und Wissenschaft, die er als Ort der Geschichtsschreibung beschreibt.

Wenn die Geschichte den ihr eigentümlichen Ort - die Grenze, die sie setzt und die sie erhält - verläßt, löst sie sich auf und ist nichts weiter als eine Fiktion (die Erzählung dessen, was geschehen ist) oder eine erkenntnistheoretische Reflexion (die Erhellung ihrer eigenen Arbeitsregeln). Sie ist aber weder die Legende, auf die sie eine Popularisierung reduziert, noch die Kriteriologie, die sie bloß zur kritischen Analyse ihrer Verfahren machen würde. Sie spielt zwischen beiden. (Certeau 1991, S. 64f.)

Notes

1 Einen überblick über sein Oeuvre gibt die Bibliographie von Giard 1988. Die bisher einzige monographische Einführung in Certeaus Werk ist Ahearne 1995.
2 Vgl. Certeau 1988; Certeau 1991, Certeau 1997. Aber auch in anderen Ländern geht die Rezeption eher von den Rändern der Disziplinen auS. Vor allem im Bereich der Postcolonial-Studies, des New-Historicism und der Cultural Studies widmet man Certeau verstärkte Aufmerksamkeit, vgl. Poster 1992; Colebrook 1997.
3 Die Ausblendung der theologischen Konzeption geht dabei soweit, dass Certeau auf dem Klappentext der amerikanischen Ausgabe von Arts de faire als "former Jesuit" bezeichnet wird, obwohl er den Orden nie verlassen hat (Bauerschmidt 1996).
4 Vgl. Ahearne 1995, S. 143.
5 Chartier 1991, S. 289.
6 Vgl. Wandel 2000.
7 Certeau 1991, S. 11.
8 Graham Ward spricht in diesem Zusammenhang von einer "ästhetik der Abwesenheit",Ward 2000, S. 7.
9 Droysen 1977, S. 8.
10 Ebd., S. 422.
11 Vgl. Valentin 1997.
12 Vgl. Certeau 1991, S. 184.
13 Hegel 1952, S. 141.
14 Lacan 1973, S. 64.
15 Zur aktuellen Diskussion vgl. Kiesow 2000.
16 Martin 1991, S. 59
17 "The function of the commitment to the repression of the present from historical study was the legitimization of the very present in which that repression took place and returned.", Wandel 2000, 60.
18 Vgl. Jenkins, Keith: Why bother with the past? Engaging with some issues raised by the possible "End of History as We Have known it", in: Rethinking History 1(1997), S. 56-66.
19 Barthes 1968, S. 179f.
20 Le Roy Ladurie 1973, S. 14.
21 "Die Historiker der Annales waren nicht undankbar, sondern hellsichtig. Sie haben begriffen, daß das, was ihnen die ärzte des szientistischen Zeitalters als Verjüngungsmittel vorschlugen, die Mittel einer Euthanasie waren. Wer die Geschichtswissenschaft auffordert, die trügerische Sprache der Geschichten durch die universelle Sprache der Mathematik zu ersetzen, der fordert sie auf, schmerzlos zu sterben.", Rancière 1994, S. 14.
22 Barthes 1968, S. 179f.
23 "Historiography cannot for him be a mirror which would simply reflect the past, and the historian cannot set up his or her discourse in a sphere uncontaminated, so to speak, by the practices which have rendered it possible.", Ahearne, S. 14.
24 Daston 2000, S. 22.
25 Vgl. Ahearne 1995, S. 18.

Literatur:

Ahearne, Jeremy: Michel de Certeau. Interpretation and its other, Stanford 1995.

Barthes, Roland: Die Zeichen der Historie, in: Alternative, Bd.11, 1968, S. 171-180.

Bauerschmidt, Frederick Christian: The Abrahamic Voyage: Michel de Certeau and Theology, in: Modern Theology 12/1 (1996), 1-26.

Certeau, Michel de: Kunst des Handelns, Berlin 1988.

Certeau, Michel de: Das Schreiben der Geschichte, Frankfurt a.M. 1991.

Certeau, Michel de: Theoretische Fiktionen: Geschichte und Psychoanalyse, Wien 1997.

Chartier, Roger: Historie oder das Wissen vom Anderen, in: de Certeau 1991, S. 288-299.

Colebrook, Claire: Michel de Certeau: oppositional practices and heterologies, in: DieS. : New Literary HistorieS. New Historicism and contemporary criticism, Manchester/ New York 1997, S. 112-137.

Droysen, Johann Gustav: Historik. Rekonstruktion der ersten vollständigen Fassung der Vorlesungen (1857). Grundriß der Historik in der ersten handschriftlichen (1857/1858) und in der letzten gedruckten Fassung (1882). Textausgabe von Peter Leyh, Stuttgart/Bad Cannstatt 1977.

Evans, Richard J.: Fakten und Fiktionen. über die Grundlagen historischer Erkenntnis, Frankfurt a.M./ New York 1998.

Giard, Luce: Bibliographie complète de Michel de Certeau, in: dieS. (Hg.): La voyage mystique, Michel de Certeau, Paris 1988, S. 191-243 und in: Recherches de Sciences Religieuse 76/3 (1988); S. 405-457.

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Phänomenologie des GeisteS. Nach dem Texte der Originalausgabe. Herausgegeben von Johannes Hoffmeister, 6. Aufl. Hamburg 1952.

Kiesow, Rainer Maria / Simon, Dieter (Hg.): Auf der Suche nach der verlorenen Wahrheit. Zum Grundlagenstreit in der Geschichtswissenschaft, Frankfurt a.M. 2000.

Lacan, Jacques: Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion, in: Schriften I, Freiburg i. Br. 1973.

Le Roy Ladurie, Emmanuel: Le territoire de l'historien, Paris 1973.

Poster, Mark: "Michel de Certeau and the History of Consumerism", in: Diacritics 22 (1992), S. 94-107, wiederabgedruckt in: derS. : Cultural history and Postmodernity. Disciplinary Readings and Challenges, New York 1997, S. 108f.

Rancière, Jacques: Die Namen der Geschichte. Versuch einer Poetik des Wissens, Frankfurt a.M. 1994.

Valentin, Joachim: Schreiben aufgrund eines MangelS. Zu Leben und Werk von Michel de Certeau SJ, in: Orientierung 11 (1997), 123-129.

Wandel, Torbjörn: Michel de Certeau's Place in History, in: Rethinking History 4 (2000), S. 55-76.

Ward, Graham (Hg.): The Certeau Reader (Blackwell Readers), Oxford 2000.

Windschuttle, Keith: The Killing of History. How literary critics and social theorists murder our past, 2. Aufl. San Francisco 2000.


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