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Andrea Geier, Universität Tübingen

Literatur und Gewalt - literarische Gewalt?
Zum Problemfeld Literatur, Gewalt und Postmoderne.

Der Zusammenhang von Gewalt und Literatur ist ein spannendes Feld literaturwissenschaftlicher Analyse, das eine Vielzahl von Arbeiten hervorgebracht hat.
Dabei unterscheiden sich die jeweiligen Begriffe und Konzeptualisierungen von 'Gewalt' erheblich - und entsprechend dazu die methodischen Ansätze, mit denen man Gewaltphänomene in literarischen Texte untersucht (was nicht einfach mit der historischen Veränderung von 'Gewalt' erklärt werden kann und auch nicht mit methodischen 'Moden', obwohl es damit natürlich auch zu tun hat). Eine grundsätzliche Differenz besteht dabei zwischen Ansätzen, die Gewalt in der Literatur immer bereits als 'literarische Gewalt' verstehen, da Texte zwar Phänomene außerliterarischer Diskurse aufnähmen, diese aber in den literarischen Texten stets so umgewandelt würden, daß sie als eigenständige Phänomene gelten müßten, und Ansätzen, die zwischen pragmatischen Aspekten literarischer Texte - als Darstellung und Aufnahme von Phänomenen der außerliterarischen Diskurse - und spezifisch 'literarischer Gewalt' unterscheiden (um Mißverständnisse auszuschließen sei explizit angemerkt, daß unter 'literarischer Gewalt' in diesem Fall die sprachlich-formale Gestaltung eines spezifischen literarischen Textes gemeint ist und es nicht um Aspekte eines ästhetischen Begriffs der Gewalt im Sinne einer 'ästhetischen Kategorie des Bösen', einer Imaginationstheorie, einer Theorie des künstlerischen Schaffens, des literarischen Kunstwerkes als ästhetischem schlechthin o.ä. gehen soll). Die Vertreter der ersten Richtung haben das Problem, daß ihr Begriff 'literarischer Gewalt' viel zu divergente Aspekte umfaßt und sich im Grunde genommen gänzlich blind gegenüber der Tatsache verhält, daß literarische Texte pragmatische Aspekte haben, die nicht auf derselben Ebene liegen wie die Destruktion literarischer Formen o.ä.; den Anhängern der zweiten stellt sich dagegen das Problem, wie man die pragmatischen Aspekte methodisch erfaßt und die durch die Trennung gänzlich divergent erscheinenden beiden Momente von Gewalt vermitteln kann.

Da ich in meiner Arbeit zu "Konstellationen der Codierung von Gewalt und Geschlecht in deutschsprachiger Prosa der 80er und 90er Jahre" die zweite Richtung vertrete, werde ich in den folgenden Ausführungen zunächst einmal diese Entscheidung erläutern, wobei sich auch Möglichkeiten und Notwendigkeiten der übergängigkeit zwischen den beiden Formen von Gewalt zeigen und bereits andeutungsweise schon der Zusammenhang von Gewalt, Literatur und Postmoderne sichtbar wird. Meine These dazu lautet, kurz gesagt, daß sich pragmatische und ästhetische Gewaltaspekte vor dem Hintergrund einzelner Aspekte postmoderner Theorien und Fragestellungen als verbunden erweisen. Dies möchte ich in meinem Vortrag anhand einzelner kurzer Beispiele darstellen und dann mit den TeilnehmerInnen gern weiter diskutieren.

Das 'weite Feld' des Zusammenhangs von Literatur und Gewalt soll hier nicht in all seinem möglichen Aspekten umrissen werden, sondern nur anhand einiger Momente die Voraussetzungen für den Fragehorizont des Vortrags gegeben werden; daher mag es genügen, einzelne Aspekte zu nennen, ohne einzelne Theoretiker und Ansätze genauer zu diskutieren1; aufgrund dieses 'Rundumschlags' erlaube ich mir auch den Ausdruck 'postmoderne Theorien', eigentlich sowohl fahrlässig wie gleichzeitig wenig aussagekräftig, weil es mir in diesem Kontext zunächst einmal gar nicht darum geht, eine bestimmte Schrift oder auch sogar nur entweder poststrukturalistische oder dekonstruktivistische Ansätze konkreter zu untersuchen. Dieser grobe Sammelbegriff soll schlicht und ergreifend all denjenigen theoretischen überlegungen ettikettieren, welche die (ebenfalls verallgemeinernd) modernen Konzepte von Subjekt, Wahrheit, Autonomie, Repräsentation u.ä.m. hinterfragen und auf deren inhärente aporetische Verfaßtheit hinweisen - denn in diesem allgemeinen Fokus liegt eine Möglichkeit der Verbindung der beiden Momente von Gewalt und Literatur.

1. Weshalb ich die Trennung von pragmatischen und ästhetischen Gewaltphänomenen für sinnvoll halte und welche Schwierigkeiten man sich damit einhandelt:

Auch wenn offensichtlich ist, daß 'Gewalt' in literarischen Texten anderes meinen kann als Phänomene von Gewalt, die wir aus der Lebenswelt kennen, und damit auch konzeptionell anders zu erfassen sein kann als dies in der Begrifflichkeit anderer wissenschaftlicher Disziplinen Berücksichtigung finden mag, ist damit zugleich schon gesagt, daß es ebenso Konvergenzen gibt, die man nicht von vornherein ignorieren sollte. Es scheint mir deshalb für die literaturwissenschaftliche Analyse sinnvoll, Konzeptualisierungen von 'Gewalt' aus der kultur- und sozialwissenschaftlichen Forschung heranzuziehen und zu prüfen, wie weit sie die pragmatischen Bezüge literarischer Texte auf alltägliche Gewaltphänomene herauszuarbeiten helfen (selbstverständlich ohne daß es dabei um 'Umsetzung' (bestimmter) Theorien als Schema von Erfüllung und Abweichung gehen könnte). Gefragt wird also, in welcher Weise die literarischen Texte historische oder zeitgenössische physische, psychische, strukturelle und symbolische, individuelle oder kollektive Gewaltakte darstellen/ aufgreifen/ in Szene setzen. Da sich solche Phänomene in den literarischen Texten finden, macht es keinen Sinn, von vornherein einen eigenständigen literarischen Gewaltbegriff zu postulieren; umgekehrt jedoch kann man von der Analyse dieser pragmatischen Aspekte ausgehen und nach den unterschiedlichen Modi ihrer Darstellung und weitergehend Momenten spezifischer Literarizität von Gewalt fragen. Es handelt sich demnach nicht um die Erarbeitung eines bestimmten Gewaltbegriffes, der sich einfach (und umfassend) für die Analyse literarischer Texte schlechthin eignete, sondern um ein breit gefächertes Analyseinstrumentarium, aus dem einzelne Ansätze sich jeweils für einen spezifischen literarischen Text eignen können.1 Diese Entscheidung für ein (hinsichtlich der pragmatischen Aspekte) interdisziplinäres Arbeiten und die Einbeziehung verschiedenster, teils konträrer Ansätze bringt Schwierigkeiten mit sich. Zum einen birgt das interdiziplinäre Arbeiten natürlich Tücken, weil man stets der Gefahr des Dilettierens ausgesetzt ist, zum anderen (und damit verbunden) macht man sich mit einer Auswahl augenscheinlich inkompatibler Ansätze angreifbar. So gerechtfertigt die jeweilige Kritik der Einzeldisziplinen sein mag, kann dies doch in Kauf genommen werden, da es der literaturwissenschaftlichen Analyse ja lediglich um die Ermöglichung einer interpretativen 'Folie' geht, damit ein möglichst großes Spektrum an pragmatischen Aspekten konzeptuell erfaßt werden kann.

2. Welche Anknüpfungspunkte kultur- und sozialwissenschaftliche Ansätze für die Analyse von Gewaltphänomenen in literarischen Texten bieten und wie das Verhältnis zwischen Analyseinstrumentarium und literarischen Texten anzusetzen ist:

Eine literaturwissenschaftliche Analyse kann sich an grundsätzliche Fragen sozial- und kulturwissenschaftlicher Ansätze orientieren, etwa nach Gewalt als sozialem Phänomen und seinen Erscheinungsformen (biologische Dispositionen für aggressives Verhalten spielen keine Rolle hinsichtlich der Frage, warum und auf welche Weise Menschen gewalttätig handeln, abgesehen davon, daß es einige andere Motive im Gewalthandeln gibt als Aggression).2 In diesem Kontext ist die Frage nach einer Abgrenzung von Macht und Gewalt zentral, sowie die Frage nach den Erscheinungs- und Wirkungsweisen von Macht-, Herrschafts- und Hegemonieverhältnissen. Es finden sich dabei in der Forschung verschiedenster Disziplinen Konzepte der übergängigkeit wie auch der (mehr oder weniger strikten) Entgegensetzung von Macht und Gewalt (dabei werden Aspekte wie Intentionalität, Instrumentalität, Legitimität, Gerechtigkeit, verwendete Mittel etc. diskutiert und für die jeweilige Zuordnung verwendet). Ein wesentlicher Unterschied zwischen den Ansätzen besteht in ihrem Ausgangspunkt hinsichtlich des Verhältnisses von gesellschaftlicher Ordnung und Gewalt, d.h. der Auffassung, daß Gewalt als Einbruch in die Ordnung oder (auch) als eine Form institutionalisierter Ordnung selbst zu verstehen sei - je nachdem handelt es sich um einen negativen Begriff von Gewalt, der einem emanzipativen Diskurs (Idee der Gewaltfreiheit) verpflichtet ist, oder um einen (auch) 'positiven' Macht- und Gewaltbegriff handeln (mit Michel Foucault gesprochen; gemeint sind 'produktive', nicht nur destruktive Wirkungen von Macht und Gewalt, die sich insbesondere auf die Subjektkonstitution u.ä. beziehen). In diesen Rahmen gehören schließlich weitergehende Fragen nach symbolischer und kultureller Gewalt.
Das Aufzeigen 'verdeckter' Formen von Gewalt, die konstitutiv sind für eine Gesellschaft, gehört zu den zentralen Themen feministischer Gesellschaftsanalyse wie auch der sogenannten 'Frauenliteratur' seit ihren Anfängen; dabei lassen sich analoge Veränderungen im wissenschaftlichen und literarischen Diskurs zwischen den 60er/ 70er und den 80er Jahren feststellen (teilweise in direkter Wechselwirkung, teilweise auch verschoben): von der Darstellung personaler Beziehungen (insbesondere der Geschlechter zueinander), welche als Ausfluß der gesellschaftlichen (Gewalt-)Verhältnisse erscheinen und von einer klaren geschlechtsspezifischen Täter-Opfer-Konstellation ausgehen - analog im wissenschaftlichen Diskurs: Patriarchatsanalyse - hin zur Darstellung eines relationalen Verhältnisses, in dem die Verflechtung von Täter- und Opferzugehörigkeit fokussiert wird - analog: Blick auf ein relationales Machtverhältnis, herrschaftsstützendes Verhalten ('Sockelfunktion') und Veränderungspotentiale. Mit einem an postmoderne Konzeptionen anschließenden Machtbegriff verändert sich dabei auch die Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen und ihren Machtstrukturen selbst, da auf dieser nicht mehr naiv die Abschaffung oder eine 'Befreiung' von Machtwirkungen als Ideal erscheinen kann, sondern neue identitätspolitische Strategien entworfen werden müssen (ein prominenter Vorschlag in diesem Kontext sind Judith Butlers überlegungen zur einer 'resignifizierenden Wiederholung' als einer solchen performativen Strategie).
Literarische Texte in dieser Weise vor dem Hintergrund sozial- und kulturwissenschaftlicher Konzeptualisierungen zu lesen und Konvergenzen aufzuzeigen, bedeutet gleichwohl nicht, daß eine grundsätzliche übereinstimmung zwischen literarischem und wissenschaftlichen Diskurs angenommen würde; so finden sich beispielsweise hinsichtlich des Zusammenhangs von Geschlecht und Gewalt keineswegs unbedingt Korrelationen zwischen in wissenschaftlichen Diskursen (teilweise) als geschlechtsspezifisch diskutierten Gewaltformen und in Texten als geschlechtsspezifisch dargestellten (da etwa von einzelnen Figuren als geschlechtsspezifisch empfundenen) Gewaltphänomenen, da grundsätzlich jede Form von 'Gewalt' in Texten geschlechtsspezifisch codiert werden kann. Die Analyse der literarischen Texte hinsichtlich ihrer pragmatischen Aspekte kann unter anderem deshalb mit sozial- und kulturwissenschaftlicher Analyse verbunden werden, als in deren Mittelpunkt das 'Interpretationskonstrukt Gewalt'3 steht. Davon ausgehend kann danach gefragt werden, welche Phänomene in den literarischen Texten als Gewalt dargestellt werden (und etwa als geschlechtsspezifisch codiert), welche Wahrnehmungs-, Beurteilungs- und Legitimationsmustern von Gewalt dabei identifizierbar sind, und inwiefern sich dabei pragmatische Bezüge zu kulturellen Gewaltphänomenen und ihren Interpretationsmustern feststellen lassen. Die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Konzepten zu Gewaltphänomenen und das Wissen um 'reale' (geschlechtsspezifische) Gewalt bilden jedoch einen Wissenshintergrund, auf den die Texte bezogen werden können, um sich davon ausgehend den Raum zu eröffnen, nach einer Spezifik der literarischen Codierung von 'Gewalt' und 'Geschlecht' zu fragen; nur unter dieser Perspektive läßt sich ja allererst feststellen, ob und in welcher Weise sich literarische Texte aus bestimmten Codierungen 'herausschreiben', d.h. sich von bestimmten symbolischen Besetzungen, z.B. geschlechtsspezifischen Zuordnungen von Verhaltensmodi o.ä., zu lösen versuchen. Besonders interessant sind in diesem Kontext - und die Verflechtung von literarischem und wissenschaftlichem Diskurs, wie er für die 70er Jahre typisch war, kehrt darin, wenngleich in anderer Weise, wieder - literarische Texte, die sich mit theoretischen Positionen auseinandersetzen, diese reflektieren oder als Ergebnis der Auseinandersetzung mit solchen Fragen aufgefaßt werden können (das Bewußtsein für solche Interdependenzen - die kein Merkmal postmoderner Literatur par excellence darstellen - ist auch deswegen wichtig, weil es gerade dazu beitragen kann, die InterpretInnen davor zu bewahren, naiv theoretische Positionen in literarischen Texten 'aufzufinden', die dort schon mitverhandelt werden).

3. Analyse der Modi der Darstellung von Gewalt, ästhetische Gewaltphänomene und notwendige und mögliche übergängigkeiten zwischen beiden:

Bisher ging es darum zu zeigen, daß eine literaturwissenschaftliche Analyse Aspekte der Darstellung von Gewalt vor der Folie verschiedener wissenschaftlicher Konzepte von Gewalt erfassen kann; damit konnte die vorgenommene Trennung zwischen den beiden Formen von Gewaltphänomenen (in) der Literatur zunächst einmal gerechtfertigt werden - nun stellt sich die Frage nach der Vermittlung beider Momente. Obwohl ich zu Zwecken der Anschließbarkeit an sozial- und kulturwissenschaftliche Theorien die Trennung zunächst betont habe, gehe ich nicht von einem dichotomischen Verhältnis von Inhalt und Darstellung/ Form aus - zwischen pragmatisierenden inhaltlichen Aspekten auf der einen Seite, bei denen sich Konvergenzen mit der Gewaltforschung anderer Disziplinen feststellen lassen, und 'ästhetischen' Gewaltphänomenen auf der anderen Seite. Fragt man nach möglichen Anschlüssen, fällt einem als erstes als traditionelle Möglichkeit der textuellen Vermittlung beider Momente eine Korrelation von Form und Inhalt ein, die ich auch bei einigen Texten meiner entstehenden Dissertation beschreiben kann. So entfaltet etwa Monika Marons Roman Stille Zeile sechs thematisch eine Täter-Opfer-Konstellation zwischen dem ehemals mächtigen, stalinistischen Funktionär Herbert Beerenbaum und der 'Aussteigerin' Rosalind Polkowski als jeweilige Stellvertreter ihrer generationenspezifischen Biographien und durchkreuzt und verschiebt in einzelnen Aspekten wiederum diese Konstellation (worauf ich hier nicht eingehe); die Verflechtung von Sieger - und Opfergeschichte, die auf der Ebene der Geschichte entsteht (= des narrativen Inhalts), wird vom narrativen Text, Stille Zeile sechs, einerseits umgekehrt, was die Konstellation von Siegern und Opfern betrifft, da hier die Protagonistin Rosalind als Ich-Erzählerin die Perspektive bestimmt und ihre Opfergeschichte in die Biographie Beerenbaums einschreiben kann, die darin nur als Zitat auftauchen, und andererseits wiedergespiegelt, da dieses Erzählen auch das gegenseitige Verhältnis der generationenspezifischen Biographien abbildet: das Opfer kann sich nie aussuchen, seine Geschichte ohne die Täter zu erzählen, während die offizielle Siegergeschichte die Opfer einfach ausblendet.
Mein Interesse richtet sich hier jedoch weniger auf diese Art der Inhalt-Form-Korrelation im engeren Sinne, wenngleich es mir durchaus um eine Verbindung von formal-ästhetischen und inhaltlichen Aspekten geht. Daher liegt eine Antwort auf die Frage nach einer möglichen Vermittlung auch zunächst in der Feststellung, daß 'literarische Gewalt' nicht als gänzlich unabhängiges äquivalent zu inhaltlichen Gewaltphänomenen anzusehen ist, selbst wenn man darunter Phänomene auf sprachlicher und formaler Ebene des Textes versteht, die (im Gegensatz zum obigen Beispiel) zunächst einmal nicht an pragmatisierende Lektüren anschließbar scheinen.

Eine Grundlage für die These liegt zunächst einmal darin, daß sich, wie bereits angedeutet, die Feststellung von möglichen Konvergenzen der Gewalt-Phänomene literarischer Texte mit 'Gewalt'-Konzepten anderer Disziplinen, die gesellschaftliche Macht- und Gewaltverhältnisse im Blick haben, in literaturwissenschaftlicher Analyse unmittelbar mit der Frage nach den Modi der Darstellung verbindet (was aber eben nicht der Behauptung gleichkommt, daß es eigentlich gar keine pragmatischen Aspekte gebe, da alles literarische Gewalt sei).
Die Untersuchung der Modi der Darstellung pragmatischer Aspekte gilt es zu betonen, so trivial dies im Grunde ist, da zu den traditionellen Aspekten literaturwissenschaftlicher Analyse von Gewalt die Frage nach moralischen Implikationen und Bewertungen von Gewaltdarstellungen gehört - dies prägte insbesondere den wissenschaftlichen Diskurs der 80er Jahre, der sich darin insofern mit dem literarischen Diskurs trifft, als auch die literarischen Texte vielfach selbst kultur- und zivilisationskritische Themen behandelten (man denke nur an zwei: Umweltverschmutzung und die Katastrophe von Tschernobyl). Bei einer solchen Bewertung literarischer Text ist jedoch selbstverständlich immer zu beachten, in welcher Weise und in welcher Funktion die Darstellung von Gewalt inszeniert wird, d.h. daß spezifische Momente der literarischen Darstellung berücksichtigt werden müssen. Auch an einer auf den ersten Blick banalisierenden Inszenierung von Gewalt kann sich eine kritische Funktion zeigen, die jedoch nicht in einer Kommentierung und Thematisierung, sondern eben in der Darstellungsweise selbst begründet sein kann (die Kritik wird damit an die LeserInnen/ ZuschauerInnen delegiert und setzt sich zweifelsohne der Gefahr aus, möglicherweise als lustvoll (miß-)verstanden zu werden).4

An die Fragen der Modi der Darstellung knüpfen also solche nach der Funktion von 'Gewalt' an, dem Handlungsverlaufs einer Erzählung (sowie dem situativen Kontext: 'Gewalt' kann funktionaler Teil der Texthandlung sein im Sinne eines Spannungs- oder Aktionsmomentes, sie kann ein unterhaltendes Moment sein oder schockierende Wirkung haben), der Perspektivik und der Figurencharakterisierung und verschiedenen literarischen Modellen (dazu gehören etwa konventionalisierte Täter-Opfer-Verhältnisse, die auf Modelle der Opferung, der Selbsthingabe für Ideale etc. auffußen). Ebenso in den Blick kommen (und hier haben wir es bereits im engeren Sinne mit Phänomenen 'ästhetischer Gewalt' zu tun) Fragen nach dem Zusammenhang mit der narrativen Gestaltung, der intertextuellen Verweise sowie der Genrezugehörigkeit, also in spezifischer Weise gesetzte intertextuelle bzw. intermediale Verweise sowie die Adaption bzw. Transformation von literarischen Gattungen. Diese ästhetischen Phänomene lassen sich - gerade wenn es dabei um die Destruktion traditioneller literarischer Formen geht, mit dem Begriff 'Gewalt' belegen, der jedoch gleichwohl ein eher metaphorischer ist und etwa in sozialwissenschaftlicher (u.ä.) Forschung, insbesondere wenn sie empirisch arbeitet, streng genommen nicht verwendbar wäre (und daher auch nicht rückübertragbar). Damit sind bereits mögliche übergängigkeiten zu einem eher metaphorischen Begriff von ästhetischer Gewalt angedeutet, die von einer pragmatischen Lektüre ausgehen nach der Spezifik literarischer Gewalt fragen.

Bis hierher läßt sich folgendes zusammenfassend feststellen: Ohne eine allzu klare Aufteilung verschiedener Ansätze vornehmen zu wollen, haben die intensiven Diskussionen um postmoderne Theorien in der Gewaltforschung des letzten Jahrzehnts zu grundsätzlichen Neubestimmungen von 'Macht' und 'Gewalt' geführt, die sich für die literaturwissenschaftliche Analyse als fruchtbar erweisen. So wichtig das Spektrum verschiedener Ansätze ist, bieten doch gerade sie Anknüpfungspunkte für die Gewaltanalyse literarischer Texte der Gegenwart, da damit andere Phänomene, die in literarischen Texten als gewaltsam beschrieben werden, auf dieser theoretischen Grundlage in den Blick genommen werden können; dies betrifft insbesondere natürlich Phänomene wie Geschlecht(sidentität) und Körperwahrnehmung, und eine vielfältige Forschung zeugt von diesem produktiven Zusammenspiel. Dies mag für eine Hinführung zum Thema des Vortrages genügen: Anhand einiger literarischer Texte aus den 90er Jahren möchte ich dann versuchen darzustellen, daß es, indem sich literaturwissenschaftliche Fragestellungen einem (eben postmodern inspirierten) veränderten Konzept von Gewalt - als Momente der Kritik an 'Repräsentation', 'Subjekt' etc. als auch einem 'positiven' Gewaltbegriff - anschließt, zu einer Annäherung der Aspekte pragmatischer Gewaltphänomene und ästhetisch-literarischer 'Gewalt' in der Analyse von Gewalt in literarischen Texten kommen kann.


Notes

1 Ich möchte jedoch wenigstens auf einige wichtige Bände hinweisen, die jeweils unterschiedliche Konzeptionen entwerfen oder diskutieren: Heinrich Popitz: Phänomene der Macht. Autorität - Herrschaft - Gewalt - Technik. 2. stark erw. Auflage. Tübingen 1992 [11986]; Das "zivilisierte Tier". Zur historischen Anthropologie der Gewalt, hg. von Michael Wimmer, Christoph Wulf und Bernhard Dieckmann. Frankfurt a.M. 1996; Zur Soziologie der Gewalt, hg. von Trutz von Throtha. Opladen 1997; Macht und Herrschaft: sozialwissenschaftliche Konzeptionen und Theorien, hg. von Peter Imbusch. Opladen 1998;
2 Ein einziger, spezifischer Gewaltbegriff z.B. aus dem juristischen, dem soziologischen oder psychologischen Diskurs kann sich für die Analyse eines einzelnen Textes sehr gut eignen, auch wenn hier zu beobachten ist, daß dieser in den literarischen Analysen zumeist modifiziert Verwendung findet.
3 Interessant ist diese Frage im Kontext literaturwissenschaftlicher Analyse nur, wenn die literarischen Texte wissenschaftliche Annahmen und Forschungen über biologische Dispositionen verhandeln; in neuerer deutschsprachiger Literatur widmet sich beispielsweise Peter Schneider mehrfach diesem Thema. Vgl. Manfred Bornewasser: Soziale Konstruktion von Gewalt und Aggression. In: Aggression und Gewalt. Phänomene, Ursachen und Interventionen, hg. von Hans Werner Bierhoff und Ulrich Wagner. Stuttgart, Berlin, Köln 1998, S. 48-62, hier S. 50.
4 Das Kriterium der Bewertung muß also nicht unbedingt lauten, daß Gewaltdarstellungen in der Literatur selbst bereits kritisch Gewalt thematisieren müssen, um dem Vorwurf zu entgehen, die literarischen Texte würden Gewalt 'effekthascherisch' oder 'lustvoll' inszenieren. So verfehlt etwa Jürgen Wertheimer trotz seiner an sich richtigen Analyse einer Gewalt der Destruktion in den 90er Jahren mit seiner Feststellung, daß eine 'animalische Intensität der Gewalt' das 'Gesamtszenarium der literarisch bzw. künstlerisch kodierten Darstellungsweisen von Destruktivität in den frühen 90er Jahren dieses Jahrhunderts' präge, z.B. die dramatischen Texte von Marlene Streeruwitz, die ihm (unter anderen) als Beispiel dienen; vgl. Jürgen Wertheimer: Elitäre Grausamkeit - Literatur und Kunst als Ort der Gewalt. In: "... überall, in den Köpfen und Fäusten". Auf der Suche nach Ursachen und Konsequenzen von Gewalt, hg. von Hans Thiersch, Jürgen Wertheimer und Klaus Grundwald. Darmstadt 1994, S. 114-137, hier S. 129.


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