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Maximilian Groene, Universität Freiburg im Breisgau

Die kritische Potenz der Krankheit:
Aids im Werk Hervé Guiberts

1 Krankheit, zur Sprache gebracht

Während die weitaus häufigsten Ursachen 'natürlichen' Todes in den abendländisch-industrialisierten Gesellschaften, Krebs und die kardio-vaskulären Krankheiten, sich ein eher diskretes Dasein im öffentlichen Bewußtsein gesichert haben, erregt die Immunschwächeerkrankung Aids, statistisch betrachtet in der selbsterklärten 'ersten Welt' bislang marginal an bekannten Fällen, seit zwei Jahrzehnten die Gemüter. In Frankreich war Hervé Guibert (1955-1991) maßgeblich an einer Ausdifferenzierung der betreffenden Diskurse beteiligt. Sein Roman A l'ami qui ne m'a pas sauvé la vie1 provozierte einen Skandal und wurde zum Bestseller, Fernsehauftritte, Interviews und Folgepuplikationen2 etablierten Guiberts Rolle als Sprachrohr einer Minorität (der homosexuellen Aidskranken), die bislang nur passiv, als Diskriminierte und Stigmatisierte, in Erscheinung getreten war. Die Breitenwirksamkeit des Schriftstellers, der inzwischen durch sein Werk international zu einer 'Ikone' sowohl der Schwulen- wie auch der Selbsthilfebewegungen von HIV-Kranken avanciert ist (gleichsam beglaubigt durch den eigenen Tod an der Epidemie), kann nicht ohne die Bedeutung der leicht dechiffrierbaren Entüllungen über das Privatleben und Sterben von Guiberts Freund, dem Wissenschaftshistoriker und Kulturphilosophen Michel Foucault, erklärt werden, wie sie lange Zeit die Rezeption des Romans bestimmten. Doch zugleich belegen die zahllosen Zuschriften, die den Autor nach seinen Veröffentlichungen erreichten und ihn immer wieder zu Weiterarbeit und Aktivitäten drängten, das latente Bedürfnis nach einer intellektuellen Behandlung der Immunschwäche, nach einer Geschichte 'von unten' aus der Sicht der Betroffenen bzw. nach einer Ablösung der gesundheitspolitischen Praktiken und den in der Gesellschaft verbreiteten Vorurteilen gegenüber den HIV-Erkrankten.

2 Aids als kulturelle Metapher

Zu Recht fordert Susan Sontag in zwei Publikationen3 - ursprünglich ebenfalls aus der Perspektive einer Betroffenen heraus -, Krankheiten im öffentlichen Bewußtsein von ihren klischeehaften Bedeutungszuschreibungen zu befreien, sie nicht mehr in romantischer oder gar pseudo-metaphysischer Manier zur Grundlage einer moralisierenden Beurteilung der PatientInnen selbst zu machen. Kulturanthropologische wie medizinhistorische Untersuchungen haben ausführlich belegt, wie fest eine solche Krankheitsmetaphorik in den unterschiedlichsten Gesellschaften und über alle Zeitläufte hinweg verwurzelt ist. Das existentielle Grundphänomen des Krankseins wird dabei stets zum Objekt bezugstiftender Interpretationen4, welche das zunächst zwar körperlich erfahrbare aber an sich bedeutungsarme Symptom in das Licht einer vorgegebenen, kulturell gesetzten Anschauung stellen.5 Auch der/die betroffene Kranke selbst suchen vermittels der angebotenen Erklärungsmodelle, ihr Leiden zu verarbeiten. Somit erweist sich aber auch, daß die Wahrnehmung von Krankheit niemals unmittelbar, unverstellt erfolgen kann (wie es die Medizin seit jeher glauben macht), sondern nur als gebrochene durch die bereitstehenden Diskurse hindurch - selbst so vermeintlich transhistorische und universelle Phänomene wie Schmerz können je nach kulturellem Kontext auf ganz unterschiedliche Art und Weise empfunden werden, etwa als Krankheit oder als Ekstase.6
Dezidiert metaphorische Krankheitsdeutungen enthüllen folglich mehr über den Blick des Betrachters als über das untersuchte Objekt. Wenn z.B. Krebs als Folge schädlicher Introversion und Aids als Strafe für skrupellose Promiskuität angesehen werden, so scheinen dabei aktuelle gesellschaftliche Problemfelder auf, die sich unter anderem in kaum reflektierten (Wert- bzw. Vor-)Urteilen, in Phantasien bzw. sog. Bildern7 artikulieren. Das 'Bild' vom Aidskranken umfaßt demgemäß einen ganzen Komplex diffuser Vorstellungen, wie sie besonders in der Alltagssprache und den Medien transportiert werden. Allerdings ist der Anteil überkommener Muster nicht zu unterschätzen, denn die Krankheitsmetaphorik rekurriert in grundlegendem Maße auf eine traditionelle Dichotomie von 'gesund'/'krank' in ihrer Abhängigkeit von Konzepten wie 'gut'/'böse', 'normal'/'andersartig', 'Gemeinschaft'/'Außenseiter'. Kranke sind insofern nie vollwertige Mitglieder einer Gesellschaft, mag ihr Sonderstatus abgeschwächt sein in Form einer bestimmten Krankenrolle oder offen hervorstechen in Diskriminierung und Ausgrenzung. Die Einstellung gegenüber den Minderheiten ist auch hier aussagekräftig für das Machtgefüge in der Gesellschaft.

3 Guiberts 'postmoderne' Krankheitsmetaphorik

a) Desintegration des Subjekts

Ist Krankheit Teil des gesellschaftlichen Lebens, heißt dies zugleich, daß sie eingebunden ist in ein komplexes Beziehungs- und Abhängigkeitsnetz.8 Der Ich-Erzähler in den Romanen Guiberts erleidet daher nicht allein die direkten physischen und psychischen Auswirkungen der Erkrankung, sondern darüber hinaus seine ihm sozial zugeschriebene Rolle als HIV-Infizierter. Die Krankheit, so lassen sich die verschiedenen Ebenen des Erlebens zusammenfassen, wird dabei gleichgesetzt mit Ohnmacht.9 Aus den Abhängigkeiten vom Entwicklungsverlauf der Infektion, von den bürokratischen und medizinischen Maßnahmen, von der Reaktion Befreundeter und Fremder resultiert eine grundsätzliche Verunsicherung der Identität des Patienten, der seine bisherige Lebensweise aufzugeben gezwungen ist, sich ein neues Selbstbild langsam erringen muß. Sein vorrangiges Bemühen gilt entsprechend der Beibehaltung eines Höchstmaßes an noch möglicher Autonomie, eine Selbstbestimmung, die unter den Bedingungen des nahenden Todes nur über eine kritische Selbsterforschung erfolgen kann. Aids, und damit wird eine altgediente Krankheitsmotivik wieder aufgegriffen, erhält die Funktion der philosophischen Selbstbefragung und einer kritischen Betrachtung der sozialen Gemeinschaft in ihrem Verhältnis zum Kranken. Die sozialen Praktiken, welche die Aidskranken betreffen, treten in Guiberts Schilderungen in den verschiedensten Ausformungen zutage. An erster Stelle spiegelt der Ausschluß des Kranken aus der Gemeinschaft und der Abbruch des Kontaktes zu ihm die vorherrschende Feindlichkeit gegenüber dem Andersartigen, welcher durch die negativ behafteten Minoritätenkriterien 'Aids' bzw. 'Krankheit' und 'Homosexualität' nicht den Ansprüchen einer kulturell definierten und normativ erhobenen 'Normalität' gerecht wird.10
Zentral für die beiden hier zu besprechenden Romane ist sicherlich die Technokratisierung einer dem Patienten teilnahmslos gegenüberstehenden, institutionalisierten Medizin zu nennen. Die Leidenden sind Material, an dem eine in ihren Diagnosen willkürlich-disparate ärzteschaft therapeutische Maßnahmen vornimmt bzw. befiehlt. Der kranke Körper wird dabei gemäß den Leitlinien einer medizinischen Lehrmeinung behandelt, die selbst nur auf einem ungewissen Stand der Wissenschaft beruhen, und durch die Eingriffe massiv beeinflußt, verändert, in seinem Wirkungskreis beschränkt.11 Insofern liefert das Krankenhaus den Rahmen einer totalen Kontrolle über das Subjekt, ausgeübt im Namen eines rationalistisch fundierten Menschenbildes, das keinerlei Widerspruch toleriert.
Die Diskriminierung des Homosexuellen und Kranken steht im Zeichen eines Machtinteresses, welches auf die Unterdrückung und Kontrolle des betroffenen Subjektes, des Andersartigen und dadurch leichter Reprimierbaren, ausgerichtet ist. In der Anamnese, der Aufnahme der Krankengeschichte, ist es gezwungen, seine Intimsphäre preiszugeben, über sein Privatleben zu berichten und Rechenschaft abzulegen. Hinfort werden ständig erneuerte Untersuchungen sowie die Therapie dieses Privatleben vereinnahmen, die Medikamentation eine direkte Abhängigkeit von den verabreichenden Instanzen schaffen.12 Am eingängigsten veranschaulicht der Autor die Rollenverteilung am Leitmotiv der Doppelblindstudie. Weder der am Experiment teilnehmende Patient noch der behandelnde Arzt können den Placebo vom tatsächlichen Präparat unterscheiden, das von einer übergeordneten Stelle nur an die eine Hälfte der Versuchsgruppe vergeben wird, um es an den verzweifelten Erkrankten zu erproben. Mediziner und PatientInnen sind gleichermaßen eingenommen von der Hoffnung auf die Wirksamkeit, fügen sich in ein das "protocol", welches das gegenseitig bedingende Machtgefüge festschreibt. Dabei ist der Placebo letztlich nur symbolischer Ausdruck jener Illusion von Gesundung, welche den endgültigen Austritt aus der Machtstruktur erlaubte.
Krankheit bedeutet für den Ich-Erzähler folglich in erster Linie Ohnmacht, die Erfahrung, einer durchdringenden Kontrolle hilflos ausgeliefert zu sein, die im technischen Instrumentenpark der zeitgenössischen Medizin ihren perfektionierten Ausdruck findet. Die mannigfaltigen Analysen, denen sich der Infizierte zu unterziehen hat, durchleuchten bis in die letzte Zelle seinen Leib und sein Wesen, die Auseinandersetzung mit dem Arzt untersteht wie keine andere dem Gebot der absoluten Offenheit und Transparenz. Analog zur technisch-anamnetischen Durchleuchtung des Patienten verläuft der fortschreitende Verfall des Körpers, wie er durch die Immunschwächeerkrankung vorangetrieben wird. Das Subjekt löst sich geradezu auf, einerseits unter dem Angriff des HI-Virus, andererseits unter dem kontrollierendem 'medizinischen Blick'. Aids wird somit zum Sinnbild eines dezentrierten Ichs, das sich unter dem Ansturm von außen, der Durchdringung durch Diskurs und Macht sowie der Befangenheit in der Illusion einer möglichen dieser Struktur immanenten Existenz zersetzt.
Die Medizin selbst ist allerdings trotz aller zur Schau gestellten Machtfülle der Krankheit gegenüber ratlos: Sie kann nur die PatientInnen, nicht aber das Virus kontrollieren und beherrschen. In einer satirischen Reihung präsentiert der Ich-Erzähler die Diagnosen der anfangs konsultierten ärzte, die jeweils eine andere Hypothese über die Art der Erkrankung mit voller Gewißheit vertreten. Auch die auf eine HIV-Behandlung spezialisierten Kliniken können nicht mehr leisten, als Blutwerte zu messen und diverse sonstige Untersuchungen vorzunehmen. Die Spitzenforschung, wie sie im Roman von der Figur des 'Freundes' Bill vertreten wird, muß ebenso eingestehen, daß sie über die Phase scheiternder Experimente noch nicht hinaus gekommen ist, bestenfalls das Voranschreiten des Krankheitsverlaufs verzögern kann. Vor allem aber hat kaum einer aus der ärzteschaft eine Vorstellung von dem, was die Krankheit für die Betroffenen in Wirklichkeit bedeutet.13 Dieses Scheitern der positivistischen Wissenschaft kann indes nicht durch andere Gewißheiten oder Glaubenssätze ausgeglichen werden. Politisches tritt in den Romanen nur in Form einer verhaltenen Kapitalismuskritik in Erscheinung, spielt im weiteren jedoch keine Rolle für die Selbstdefinition des Ich-Erzählers. Er sucht keine Orientierung an ethischen Leitdiskursen, auch nicht an solchen des Metaphysischen bzw. der Religion, wie sie in ironischer Brechung als Form von 'Aberglauben' - als allerletzte Hoffnung - in den Texten präsent ist. So haben auch die gängigen Vorstellungen von Moral ihre Bedeutung gegenüber einer rein aus sich selbst geschöpften Lebensführung verloren, wie sich z.B. an den Enthüllungen über den Freund Foucault erweist. Letztlich ist auch die verbleibende Zeit nicht in den Dienst eines Ideals, etwa des Einsatzes für die Leidensgenossen, gestellt, sondern bleibt ausschließlich den partikularen Interessen und der Selbsterfahrung vorbehalten.
Der Zerfall der Beziehungen bedroht ferner jeglichen Umgang des Aidskranken mit seinen Mitmenschen. Die Krankheit, vor allem ihr Verschweigen vor den anderen, belastet die Kommunikation, welche nicht mehr dem Kriterium der 'Offenheit' entsprechen kann, sondern zur Verstellung gerät. Selbst vor den in Kenntnis gesetzten Freunden kann der Ich-Erzähler nicht frei sprechen, zu groß ist die Zumutung für die Umwelt, welche auf Dauer dieser Konfrontation mit dem Leiden nicht gewachsen ist. Nur in der Anrede an den unbekannten, abwesenden Leser ist es dem Erzähler möglich, sein Intimstes zu formulieren.14 Demgemäß sind auch die bürgerlichen Werte von 'Freundschaft' und 'Liebe' von Auflösung bedroht. Der stärkste Ausdruck zwischenmenschlicher Beziehung, die Sexualität, bricht unter der Erkrankung gänzlich zusammen. Die körperliche Auszehrung (physisch bedingte Impotenz) wird vorweggenommen und übersteigert im psychischen Unvermögen des Verkehrs mit anderen - die Furcht vor einer Kontamination verhindert Sexualkontakte mit neuen Bekanntschaften, und selbst im Hinblick auf die alten Partner sind die krankheitsbedingten Spannungen fast unüberwindbar.15 Die Entwicklung des Ich-Erzählers führt insofern in Richtung einer asketischen Enthaltsamkeit, im Mitleidsprotokoll schließlich in eine Krise der bisherigen sexuellen Identität, denn an die Seite der Männerliebe tritt nun ein halb platonisches, halb erotisiertes Interesse am weiblichen Geschlecht, ohne allerdings endgültige Formen anzunehmen - eine Krise, die sich erst vor dem Hintergrund der ehedem literarisch ostentativ präsentierten Homosexualität in vollem Umfang abhebt. Statt dessen erfolgt zusehends eine Sublimierung des Begehrens in das Sammeln erotischer Malerei.
Die Destabilisierung von Identität umfaßt noch weitere Erscheinungen von Dezentrierung und Auflösung, wie sie durch das Krankheitsbild symbolisch gebündelt werden. Das Ich befindet sich im Laufe der beiden Romane in ständiger Bewegung, auf einer Odyssee von Arzt zu Arzt, von Klinik zu Klinik und auf der Distanzsuche zwischen den verschiedenen Wohnsitzen Paris, Rom und Elba. Der Virus selbst spiegelt diese ununterbrochene Reisetätigkeit, auch er deplaziert sich fortwährend, um neue Organe zu befallen - so zumindest in der Körperwahrnehmung des Ich-Erzählers. Während solchermaßen der Ort der Handlung kein einheitlicher mehr ist, verliert auch die Zeit ihre Konturen: Berichtet werden episodische Erlebnisse, die in ihrer Reihung weder eine strenge Chronologie befolgen (die erzählte Zeit reicht bis zu eingestreuten Kindheitserinnerungen zurück) noch eine kontinuierliche Verzeichnung von Tageserlebnissen bieten. Doch die Krankheit greift noch viel unmittelbarer in das Zeitgefüge ein. Die Gesetzmäßigkeiten des Alterns sind für den Ich-Erzähler aufgehoben, er verfällt körperlich vorzeitig (allerdings ohne zugleich seine kognitiven Fähigkeiten einzubüßen), ist als Mittdreißiger bereits ein Greis an der Seite seiner Großtanten.16
Der Kranke ist letzten Endes ein zerrissenes Wesen par excellence, stets schwankend zwischen Leben und Tod, doch ist ihm bei Guibert keinerlei Gewißheit auf eine mögliche Heilung und auch kein metaphysischer Trost mehr mit auf den Weg gegeben. Das HI-Virus dringt von 'außen' in ihn ein, bringt ihn in komplexe Abhängigkeiten und zersetzt langsam seine Persönlichkeit.17 Diesem Preisgegebensein kann der Kranke daher allenfalls durch einen radikalen Rückzug auf sich selbst entrinnen, indem er versucht, in Loslösung von den angebotenen sozialen Rollen (als Patient oder gar als diskriminierter Außenseiter) Bewußtheit18 zu erlangen und sich somit neu zu schaffen. Nur über die Selbstdefinition kann das Individuum sich, seine Identität, wiederfinden, die Krankheit hingegen versinnbildlicht eine fortwährende Ent-äußerlichung des Subjekts, sein Sich-Verlieren an soziale Zuschreibungen und auch an jene Illusion, welche ein Weiterleben suggeriert und die Realität des Todes verleugnen möchte.

b) Die Selbstbehauptung des Subjekts

Der fortlaufenden Zersetzung der Identität hält Hervé Guibert das Projekt einer Selbstkonstituierung des Subjekts entgegen - jenes Subjektes, welches nach einem von Strukturalismus und nouveau roman erklärten 'Tod' am Ende des 20.Jh. wieder auf der literarischen Bühne in Erscheinung treten kann. Foucault seinerseits fand in seinen späten Schriften zu ihm zurück.19 Ihm ging es um 'Selbstpraktiken' eines Individuums, welches sich trotz der omnipräsenten Macht und ihrer Diskurse ein kritisches Selbstbewußtsein und eine gewisse Autonomie sichern könne.20 'Lebenskunst' wäre demnach eine Form kreativ-souveräner Individualität, welche sich gegen die Persönlichkeitsbeschränkungen des Machtdiskurses behauptet.21
Guibert wiederum illustriert das Ringen um Selbstbeherrschung anhand des Aufbegehrens gegen die persönlichkeitsvernichtende Krankheit. In betonter Weise bleibt der Ich-Erzähler Einzelgänger, der Wert auf seine Unabhängigkeit noch unter den Bedingungen der Therapiebedürftigkeit legt. Seine Erfahrungen sind dabei im Hinblick auf die Leserschaft von exemplarischer Natur; anstatt sich zum moralischen Ankläger einer Gesellschaft zu erheben und konkrete politische Reformprogramme zu vertreten, zeichnet er im realistischen Detail eine Alltagswelt nach, sammelt das Material eines Leidensweges, überläßt es aber den LeserInnen, daraus die Schlußfolgerungen zu ziehen. Er liefert dementsprechend keine zusammenhängende Interpretation des Gemeinwesens mitsamt seiner kapitalistisch und diskriminatorisch geprägten Macht, sondern beschränkt sich auf die Beschreibung der persönlich widerfahrenen Konfrontation mit ihr - eine Auseinandersetzung auf der Ebene der sozialen 'Mikrophysik', wie Foucault in Abgrenzung zu den ideologischen Kämpfen auf der Ebene einer 'Makrophysik' der Macht formulierte und forderte.22
War der Körper in den bisherigen Texten Guiberts vorrangig ein Instrument der Sexualität, so entspricht ihrem Erlöschen eine Intensivierung des Schreibens und eine reflexive Auseinandersetzung mit sich selbst. Erst die Krankheit macht aus dem Leib ein Instrument der Selbsterkenntnis23, einen Prüfstein des Sozialen und das Chronometer der verbleibenden Lebenszeit. Der Rückzug auf sich selbst geht daher einher mit dem Willen zu einer fortan bewußteren Seinsweise.24 Ihr wesentliches Medium ist die Verschriftlichung in Form des Tagebuchs wie auch der später darauf aufbauenden fiktionalen Texte. Und signifikanterweise hebt der Schaffensprozeß durch diese Abfolge die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit immer weiter auf - bis eine Beurteilung des Erzählten als 'wirklich' oder 'erfunden' für die LeserInnen der Romane nicht mehr möglich ist.25
Das Formulieren und Gestalten selbst hilft bei der Bewältigung der erwähnten Probleme (im psychologischen Verständnis liegt in der Aussprache und Mitteilung des eigenen Leides ein wichtiger Schritt zur 'Verarbeitung' der Situation und zur Gewinnung einer erneut stabilisierten Identität vor).26 Darüber hinaus versucht Guibert, seinen Körper in den Text einzuschreiben, ihn in der Form des autofiktionalen Romans überleben zu lassen. Schreiben wird im Doppelsinn als Kreativität verstanden: als artistische Produktion ebenso wie als lebenstiftende Aktivität, in diesem Falle die Fortschreibung des eigenen Lebensbuches.27 Hierin liegt jene Hoffnung, die nach der Verabschiedung sämtlicher kultureller 'Metaerzählungen' als idiokratische 'autobiographische Erzählung' noch aufrechterhalten werden soll; Medizin und Religion, so viel ist längst ersichtlich geworden, können in ihren schalen Versprechungen einer ungebrochenen Weiterexistenz nicht mehr genügen. Guibert überschreitet in diesem Zusammenhang die Trennlinie zwischen Leib und Text28, indem letzterer zum Substitut des lebenden Körpers wird; Schreiben und Leben fließen ineins.29
Das Einschreiben der eigenen Geschichte in ein Werk bildet letztlich die einzige Flucht- bzw. Sublimationsmöglichkeit für den Ich-Erzähler: im Text vermag er die Krankheit zu beschreiben, sein Leben mit ihr zu gestalten und somit in gewisser Hinsicht wieder zu kontrollieren. Er verarbeitet die tagebuchähnlichen Episoden zu einer umfassenden Erzählung seiner Krankheit, seiner körperlichen und geistig/seelischen Transformation - Schreiben wird schließlich zum einzig verbliebenen Lebensgrund, nur im Schöpferischen kann Widerstand gegen die krankheitsbedingte Ohnmacht30 geleistet werden, nur in dieser Kreativität findet sich noch der Wille zum überleben, die eigentliche Vitalität wieder.31 Die Anlage der Romane ist dabei von vornherein selbstbezüglich, denn deren Genese wird (in Anlehnung an die Form des Tagebuchs) Schritt für Schritt verzeichnet, als 'work in progress'. Guibert nutzt bewußt die Möglichkeiten einer solchen selbstreflexiven metapoetischen Betrachtung, um seine kreativen Prozesse, ihr Verhältnis zur erlebten Wirklichkeit - und somit die Poetik des Autors - der Leserschaft immer wieder vorzuführen.
Indes kann dem Ansinnen kein letztendlicher Erfolg beschieden sein. Die Krankheit verbürgt ihrerseits für die stets eintretenden Rückfälle in die Realität, sie zerstört langsam aber sicher den Körper, und zwar in Analogie zur Autonomie der künstlerischen Zeichen: beide, Aids wie auch die écriture, unterwerfen sich nicht dem Bemühen des Subjekts um ungebrochene Präsenz, um ein ununterbrochenes Weiterleben. Während die Immunschwäche den Körper von innen auszehrt, zum Gegenstand eines langwierigen Prozesses der Selbstauflösung, des Verschwindens macht, zersetzt das Zitat, die Reminiszenz als intertextueller 'Virus' den Stil Guiberts. Jener sollte eigentlich auf eine direkte, unverstellte und nüchterne Kommunikation mit der Leserschaft ausgelegt sein; de facto aber verflüchtigt sich die angestrebte Klarheit unter dem 'übermächtig' erscheinenden stilistischen Einfluß des literarischen Großmeisters Bernhard. Dessen zynische, narzißtische und unermüdliche Selbstbespiegelung findet in Guibert ein adäquates Opfer, das sich dem seiner Disposition nur allzu gut entsprechenden Vorbild ergeben muß, da es nach eigener Erkenntnis dessen Qualitäten nicht aus eigener Kraft überbieten oder erreichen könnte.32 Letztlich erweist sich keines der vom Ich-Erzähler verwendeten Medien, ob Schrift, Photographie oder Film, als geeignet, Identität zu sichern und zu verewigen; die jeweilige Materialität versperrt sich ebenso der Gewalt des Autors wie ihr Zeichencharakter ohnehin (nur wird dies von Guibert gar nicht erst problematisiert, denn er setzt einen 'naiven Betrachter' voraus) sich einer eindeutigen Bedeutungszuschreibung verweigern muß.

4 Die Wirklichkeit der Krankheit

Hervé Guibert beschreibt in der Person seines 'Ich-Erzählers' und unter den Seinsbedingungen der eigenen HIV-Erkrankung eine von Desintagration gezeichnete, in weiten Zügen 'postmodern' erscheinende Befindlichkeit. Sie steht nicht allein im Zeichen einer Absage an die überkommenen Sinnstiftungen der sog. großen Erzählungen Lyotards, sondern führt ebenso die Fragmentarisierung des Gemeinwesens wie auch die Identitätsproblematik des einzelnen Subjektes vor Augen. Im Anblick der einzigen Gewißheit, derjenigen des Todes, geben sich die kulturell bedingten Rollenzuschreibungen in ihrer Produkthaftigkeit zu erkennen, die Grenzen zwischen Realität, Biographie und Fiktion lösen sich auf. Das gesamte Leben, auch das Er-Leben auf der 'mikrophysikalischen' Ebene unmittelbarer Alltäglichkeit, gibt sich als Geflecht aus Beziehungen (d.h. immer schon Beziehungen der 'Macht') zu erkennen, welche nicht etwa Direktheit und Authentizität verbürgen, sondern in Simulation und Schein bestehen. Der Raum hinter den 'Dispositiven der Macht' ist leer; Medizin, Politik, Freundschaft stehen für keine 'Wahrheit' mehr ein. Aus derartigen Bedingungen leitet sich für Guibert nicht allein im Sinne Foucaults die Notwendigkeit kritischer Selbsterkenntnis ab, sondern auch der verzweifelte Versuch, sich in der Scheinhaftigkeit der Kunst ein Fortleben zu erringen. Darin, daß ein solches Projekt wiederum nicht das 'leibhaftige' Selbstportrait bzw. ein wirklichkeitsgetreues Double liefern kann, liegt der tragische Anstrich dieser Bemühungen, die Foucault (eine grundlegende Erkenntnis des Strukturalismus paraphrasierend) in Anbetracht der Eigenmächtigkeit der sprachlichen Zeichen von vornherein negieren mußte.33


Notes

1 Paris: Gallimard, 1990, zitiert als Ami; dt.: Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat (Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1991, zitiert als Freund).
2 Darunter der hier ebenfalls untersuchte Roman Le protocole compassionel (Paris: Gallimard 1991), hier als Protocole zitiert (Das Mitleidsprotokoll. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt, 1992; zitiert als Protokoll).
3 Susan Sontag (1978): Illness as metaphor. New York: Farrar, Strauss & Giroux; Sontag (1989): Aids and its metaphors. New York: Farrar, Strauss & Giroux.
4 Vgl. Arthur Kleinman (1980): Patients and Healers in the Context of Culture. An Exploration of the Borderland between Anthropology, Medicine, and Psychiatry. Berkley: University of California Press.
5 Beim Symptom handelt es sich genau genommen um einen Index, d.h. eine nicht willkürliche Beziehung zwischen ätiologischer Ursache und körperlicher/psychischer Reaktion. Der medizinische Blick (oder auch der schamanische...) interpretiert den Signifikanten im Sinne eines jeweils schon präexistenten, kulturspezifischen Krankheitsbildes, schreibt ihm dahingehend eine bestimmte Bedeutung zu. Deren Bandbreite reicht vom seinerseits nur relativen medizinisch-technischen Wissensstand bis zu Volksweisheiten oder spontanen Analogieschlüssen, welche die bisherigen Verhaltensweisen des Patienten jeweils in Relation zu seinem Leiden setzen.
6 Vgl. David B. Morris (1991): The culture of pain. Berkeley: Univ. of Calif. Press.
7 Wir stützen uns auf den Bild-Begriff aus der literaturwissenschaftlich-komparatistischen Disziplin der Imagologie. Vgl. Manfred S. Fischer (1981): Nationale Images als Gegenstand Vergleichender Literaturgeschichte. Untersuchungen zur Entstehung der komparatistischen Imagologie. Bonn: Bouvier.
8 Foucault definiert die 'Macht' über dieses Netz, wobei sie sowohl die sozialen Praktiken als auch die Diskurse, d.h. die Wissensbestände eines Kollektivs umfaßt, vereint in den sog. 'Dispositiven der Macht'. Vgl. u.a. Michel Foucault (1969): L'archéologie du savoir. Paris: Gallimard (Archäologie des Wissens. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1973).
9 Vgl. Ami, 265: "la maladie inéluctable est le comble de l'impuissance" - "Zugleich ist die unabwendbare Krankheit der Gipfel der Ohnmacht" (Freund, 238).
10 Vgl. etwa die Weigerung der Haushaltshilfe, weiterhin für den Ich-Erzählers zu arbeiten: Protocole, 78.
11 Vgl. Ami, 32: "Muzil passa une matinée à l'hôpital pour faire des examens, il me raconta à quel point le corps, il l'avait oublié, lancé dans les circuits médicaux, perd toute identité, ne reste plus qu'un paquet de chair involontaire, brinquebalé par-ci par-là, à peine un matricule, un nom passé dans la mouinette administrative, esangue de son histoire et de sa dignité." - "Muzil ging für einen Morgen zu Untersuchungen ins Krankenhaus, er berichtete mir, in welchem Maß, er hätte es vergessen, der Körper alle Identität verliert, wenn er erst einmal in den Krankenhausbetrieb gerät, und nichts mehr von ihm bleibt als ein willenloser Fleischklumpen, der hin- und hergeschoben wird, gerade noch eine Karteinummer, ein Name, der durch die Verwaltungsmühle gedreht wird, es saugt ihm seine Geschichte und Würde aus." (Freund, 29f.)
12 Vgl. Frédéric Gros (1996): Michel Foucault. Paris: PUF, 69: "c'est la forme de l'examen qui s'impose comme corolaire du pouvoir disciplinaire. L'examen reconduit l'investissement politique des individualités normalisées, mais pour en délivrer la fiche signalétique. Il apparaît comme le rituel de vérité de la discipline. C'est lui qui nous fabrique des identités conformes au pouvoir disciplinaire."
13 Vgl. Ami, 251: "'On pourra dire que le sida aura été un génocide américain. Les Américains ont précisément ciblé ses victimes: les drogués, les homosexuels, les prisonniers. ... Les chercheurs n'ont aucune idée de ce qu'est la maladie, ils travaillent sur leurs microscopes, sur des schémas, des abstractions. Ce sont de braves pères de famille, ils ne sont jamais en contact avec des malades, ils ne peuvent imaginer leur peur, leur souffrance, le sentiment de l'urgence ils ne l'ont pas. Alors on se perd dans des protocoles qui ne sont jamais au point, et en autorisations qui mettent des années à arriver'" - "'Man wird noch sagen können, daß Aids ein amerikanischer Genozid war. Die Amerikaner haben es genau auf die Opfer dieser Krankheit abgesehen: Drogenabhängige, Homosexuelle, Strafgefangene. ... Die Forscher haben nicht die geringste Ahnung, was diese Krankheit eigentlich ist, sie arbeiten mit ihren Mikroskopen, mit Schemata und Abstraktionen. Es sind brave Familienväter, mit Kranken kommen sie nie in Kontakt, sie können sich ihre Angst und ihr Leiden überhaupt nicht vorstellen, das Gefühl, daß die Zeit drängt, teilen sie nicht. Also verzetteln sie sich mit Protokollen, die niemeals vollständig sind, mit Genehmigungen, die jahrelang auf sich warten lassen, während nebenan die Leute krepieren und man sie hätte retten können... '" (Freund, 225).
14 Vgl. Ami, 15: "la maladie arrive même à menacer l'amitié" bzw. 12: "j'entreprends un nouveau livre pour avoir un compagnon, un interlocuteur, quelqu'un avec qui manger et dormir, auprès duquel rêver et cauchemarder, le seul ami présentement tenable." - "[...] und es der Krankheit gelingt, sogar die Freundschaft zu bedrohen" (Freund, 13) bzw.: "ich beginne ein neues Buch, um einen Gefährten zu haben, einen Gesprächspartner, jemanden, mit dem ich essen und schlafen, neben dem ich träumen und Alpträume haben kann, der einzige noch erträgliche Freund." (Freund, 10)
15 Vgl. Protocole, 105: "J'ai maintenant peur de la sexualité, en dehors de tous les empêchements liés au virus, comme on a peur du vide, de l'abîme, de la souffrance, du vertige. Je continue à avoir des émotions esthétiques, ou érotiques, dans la rue, en croisant de jeunes garçons, mais l'éventualité de la sexualité me semble ou impossible ou intolérable." - "Ich habe mittlerweile Angst vor der Sexualität, abgesehen von allen mit dem Virus einhergehenden Einschränkungen, so wie man Angst vor der Leere hat, vor dem Abgrund, dem Leiden, dem Schwindel. Ich habe nach wie vor ästhetische Empfindungen, oder erotische, auf der Straße, wenn ich jungen Männern begegne, doch die Eventualität von Sexualität scheint mir entweder unmöglich oder unerträglich." (Freund, 93)
16 Vgl. Protocole, 12: "j'étais désormais incapable de faire aucun de ces gestes sinon au prix de gesticulations et d'efforts grimaçants, un corps de vieillard avait pris possession de mon corps d'homme de trente-cinq ans, il était probable que dans la déperdition de mes forces j'avais largements dépassé mon père qui vient d'en avoir soixante-dix, j'ai quatre-vingt-quinze ans, comme ma grand-tante Suzanne qui est impotente" - "ich war unfähig, irgendeine dieser Bewegungen auszuführen, es sei denn unter Gefuchtel und grimassierender Anstrengung, der Körper eines Greises hatte Besitz von meinem Körper, dem eines Fünfunddreißigjährigen, ergriffen, es war wahrscheinlich, daß ich an Kräfteschwund meinen Vater überholt hatte, der kürzlich siebzig geworden ist, ich bin fünfundneunzig, wie meine Großtante Suzanne, die bettlägerig ist" (Protokoll, 8).
17 Vgl. Ami, 17: "Le sida n'est pas vraiment une maladie, ça simplifie les choses de dire que c'en est une, c'est un état de faiblesse et d'abandon qui ouvre la cage de la bête qu'on avait en soi, à qui je suis contraint de donner pleins pouvoirs pour qu'elle me dévore, à qui je laisse faire sur mon corps vivant ce qu'elle s'apprêtait à faire sur mon cadavre pour le désintégrer." - "Aids ist nicht wirklich eine Krankheit, es vereinfacht die Dinge, sie als eine solche zu bezeichnen, es ist ein Zustand von Schwäche und Ergebung, welcher dem Tier, das man in sich trug, den Käfig öffnet, dem Tier, dem ich gezwungenermaßen unumschränkte Vollmacht gebe, damit es mich verschlingt, daß ich mir lebendigen Leibes antun lassen muß, was an meinem Leichnam zu tun es sich anschickte, um ihn zu zersetzen." (Freund, 15); vgl. auch Ami, 276f. bzw. Freund, 248: Die Hinterhältigkeit des HI-Virus besteht in der Ablenkung der Immunkräfte auf ein falsches Ziel, während es ungestört die Zellen zerstört.
18 Vgl. Ami, 193f.: "c'est vrai que je découvrais quelque chose de suave et d'ébloui dans son atrocité, c'était certes une maladie inexorable, mais elle n'était pas foudroyante, c'était une maladie à paliers, un très long escalier qui menait assurément à la mort mais dont chaque marche représentait un apprentissage sans pareil, c'était une maladie qui donnait le temps de mourir, et qui donnait à la mort le temps de vivre, le temps de découvrir le temps et de dévouvrir enfin la vie, c'était en quelque sorte une géniale invention moderne." - "Und wahrhaftig entdeckte ich etwas Sanftes und Hingerissenes in ihrer Gräßlichkeit, gewiß ist es eine Krankheit zum Tode, doch rafft sie einen nicht dahin, es ist ein Sterben in Stufen, eine sehr lange Treppe, die mit Sicherheit zum Tod führt, aber deren jede Stufe ein Lernen ohnegleichen bedeutet, es ist eine Krankheit, die Zeit zum Sterben gibt, und die dem Tod Zeit zum Leben gibt, Zeit, die Zeit zu entdecken und endlich das Leben zu entdecken, es ist gewissermaßen eine geniale moderne Erfindung" (Freund, 173).
19 Vgl. die Bände II und III von Sexualität und Wahrheit: L'usage des plaisirs. Paris: Gallimard,1984 (Der Gebrauch der Lüste. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1986) und Le souci de soi. Paris: Gallimard 1984 (Die Sorge um sich. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1986).
20 Vgl. Fink-Eitel (31997): Michel Foucault zur Einführung. Hamburg: Junius, 103.
21 Vgl. ibid., 105.
22 Vgl. Michel Foucault (1974): Von der Subversion des Wissens. München: Hanser.
23 Vgl. Michel Foucault (41995): Sexualität und Wahrheit, III: Die Sorge um sich. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 82ff.
24 Vgl. Protocole, 94f.: "Aujourd'hui j'aimerais travailler sur une table de dissection. C'est mon âme que je dissèque à chaque nouveau jour de labeur qui m'est offert [...] Sur elle je fais toute sorte d'examens, des clichés en coupe, des investigations par résonance magnétique, des endoscopies, des radiographies et des scanners dont je vous livre les clichés, afin que vous les déchiffriez sur la plaque lumineuse de votre sensibilité." - "Heute würde ich gerne an einem Seziertisch arbeiten. Meine Seele seziere ich nun in mühevoller Arbeit an jedem neuen Tag, der mir [...] geschenkt wird. An ihr stelle ich allerart Untersuchungen an, Querschnittnegative, Kernspinuntersuchungen, Endoskopien, Röntgenbilder und Scanneruntersuchungen, der Abzüge ich Ihnen aushändige, damit Sie sie auf der Leuchttafel Ihrer Sensibilität entziffern." (Protokoll, 85f.)
25 Vgl. Protocole, 103: "C'est quand ce que j'écris prend la forme d'un journal que j'ai la plus grande impression de fiction."- "Wenn das, was ich schreibe, Tagebuchform annimmt, dann habe ich am stärksten den Eindruck, es sei Fiktion." (Protokoll, 92)
26 Vgl. Claudine Herzlich (1973): Health and Illness. A Social Psychological Analysis. London / New York: Academic Press, 117.
27 Vgl. Michel Foucault (1994): Dits et écrits, I (1954-1969). Edition établie sous la dir. de D. Defert et Fr. Ewald. Paris: Gallimard, 250f.: "Ecrire pour ne pas mourir, comme disait Blanchot, ou peut-être même parler pour ne pas mourir est une tâche aussi vieille sans doute que la parole. Les décisions les plus mortelles, inévitablement, restent suspendues le temps encore d'un récit."
28 Bei Guibert rückt ein erweiterter Textbegriff in den Vordergrund, da er sich in verschiedenen Medien - u.a. Roman, Photographie und Film - künstlerisch betätigte und selbst darstellte.
29 Vgl. Protocole, 174f: "Je fais ma gymnastique et j'écris mon livre, à blanc. Je pince mes muscles à la façon du masseur, je les pétris, je malaxe leurs minces fuseaux, et j'arrive à l'os que je ponce, je me masse les fesses. [...] Et j'écris mon livre dans le vide, je le bâtis, le rééquilibre, pense à son rythme général et aux brisures de ses articulations, à ses ruptures et à ses continuités, à l'entremêlement de ses trames, à sa vivacité, j'écris mon livre sans papier ni stylo sous le chapiteau de la moustiquaire, jusqu'à l'oubli." - "Ich mache meine Gymnastik, und ich schreibe mein Buch, mit übungsmunition. Ich kneife meine Muskeln in der Art des Masseurs, ich knete sie, ich walke ihre feinen Spindeln durch, und ich dringe zum Knochen vor, den ich schmirgle, ich massiere mir den Hintern. ... Und ich schreibe mein Buch im Leeren, ich baue es, bringe es wieder ins Gleichgewicht, bedenke seinen Gesamtrhythmus und die Scharniere seiner Gliederung, seine Brüche und seine Beständigkeiten, die Durchmischung seiner Stränge, seine Lebhaftigkeit, ich schreibe mein Buch ohne Papier noch Stift unter der Kuppel des Moskitonetzes, bis zum Vergessen." (Protokoll, 159f.)
30 Vgl. Ami, 265: "nous [les auteurs; M.G.] sommes des gens qui accomplissons ce qu'on appelle une œuvre, et que l'œuvre est l'exorcisme de l'impuissance. En même temps la maladie inéluctable est le comble de l'impuissance." - "[...] weil wir [die Schriftsteller; M.G.] Leute sind, die etwas vollbringen, das man ein Werk nennt, und weil das Werk im Exorzismus der Ohnmacht besteht." (Freund, 238)
31 Vgl. Protocole, 144: "C'est quand j'écris que je suis le plus vivant. Les mots sont beaux, les mots sont justes, les mots sont victorieux". - "Wenn ich schreibe, dann bin ich am lebendigsten. Die Wörter sind schön, die Wörter sind stimmig, die Wörter sind sieghaft" (Protokoll, 130).
32 Vgl. Ami, 231f.: "J'avais eu l'imprudence, pour ma part, d'engager un jeu d'échecs cuisants avec Thomas Bernhard. La métastase bernhardienne, similairement à la progression du virus HIV qui ravage à l'intérieur de mon sang les lymphocytes en faisant crouler mes défenses immunitaires [...] s'est propagée à la vitesse grand V dans mes tissus et mes réflexes vitaux d'écriture, elle la phagocyte, elle l'absorbe, la captive, en détruit tout naturel et toute personnalité pour étendre sur elle sa domination ravageuse." - "Ich hatte die Unvorsichtigkeit besessen, für meinen Teil, mich in eine quälende Schachpartie mit Thomas Bernhard einzulassen. Die Bernhardsche Metastase hat sich gleich der Ausbreitung von HIV, das in meinem Blut die Lymphozyten verwüstet, indem es meine Immunkräfte zusammenbrechen läßt [...] mit Höchstgeschwindigkeit in meinem Gewebe und meinen vitalen Schreibreflexen ausgebreitet, sie phagozytiert mein Schreiben, absorbiert es, nimmt es gefangen, zerstört all seine Natürlichkeit und eigene Prägung, um ihre verwüstende Herrschaft darauf auszudehnen." (Freund, 206f.)
33 Vgl. Foucault (1994): Dits et écrits, I, 521: "l'être de langage n'apparaît pour lui-même que dans la disparition du sujet."


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