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Brigitte Kaute, Universität Rostock

Die Ordnung der Fiktionen

I

Die große Anziehungskraft, die die Diskursanalyse Foucaults auf die Literaturwissenschaft ausübt, hat offensichtlich mit einer besonderen Problemsituation zu tun, in der sich die heutige Literaturwissenschaft befindet und für die der diskursanalytische Ansatz eine mögliche Lösung verspricht. Es handelt sich um die Bestimmung des Verhältnisses von Text und Geschichte. Alle Versuche, zwischen Text und Geschichte zu vermitteln, resultieren in der Auflösung einer der beiden Seiten. Entweder gerät der Text zum bloßen Transfermedium geschichtlicher Bedeutungen, wie in der ideen- oder sozialgeschichtlichen Interpretation, oder die Geschichte verschwindet in einer Welt, die nur Text ist, wie in strukturalistischen und auch dekonstruktivistischen Analysen. Das historische Interesse wird durch die Interpretation bedient, wobei die Literatur sich auflöst. Das Interesse an der Textualität wird durch eine Vernachlässigung historischen Wandels bedient.
Auf diese Aporie trifft Foucaults vehemente Ablehnung der endlosen Kommentierung der gesagten Dinge und seine Kritik am Interpretationspostulat, die gleichzeitig mit dem Interesse verbunden ist, spezifisch historische Diskursformationen zu beschreiben.

Motiviert durch die Ablehnung der Interpretation, hat sich ein Teil der Literaturwissenschaft der Diskursanalyse zugewandt, wie Foucault sie in der Archäologie des Wissens konzipiert. Entwickelt wurden dabei beispielsweise der amerikanische New Historicism (Greenblatt) oder auch das Konzept des Interdiskurses von J.Link. Aber ebenso in solchen kulturwissenschaftlichen Bereichen, die sich nicht ausdrücklich auf die Theorie des Diskurses beziehen, findet deren Attraktivität ihren Niederschlag. Wenn etwa von der Literatur als (nicht mehr privilegiertem) Teil des großen Textes der Kultur die Rede ist, so spiegelt sich darin die Infragestellung des bisher sakralisierten Status' der Literatur wieder, wie sie von Foucault selbst immer wieder forciert worden ist.
Allerdings, so scheint es, sind noch nicht alle Möglichkeiten, die die Diskursanalyse bietet, von der Literatur- und Kulturwissenschaft ausgeschöpft. Die bisherige Applikation diskursanalytischer Annahmen auf Literatur hat sich insbesondere auf die Beobachtung Foucaults gestützt, daß die Literatur von verschiedenen Diskursformationen durchkreuzt wird. In der Archäologie des Wissens heißt es: "Die archäologischen Gebiete können ebenso durch 'literarische' oder 'philosophische' Texte gehen wie durch wissenschaftliche Texte. Das Wissen ist nicht nur in Demonstrationen eingehüllt, es kann auch in Fiktionen, in Überlegungen, in Berichten, institutionellen Verordnungen, in politischen Entscheidungen liegen."
1 Die Regelmäßigkeiten des Wissens erscheinen also auch in literarischen Texten, verschiedene diskursive Praktiken sind in ihnen eingebettet, kommen darin zur Anwendung. Darin besteht die grundlegende Prämisse der bisherigen Applikationen.
Foucaults Methodologie einer Diskursanalyse ermöglicht jedoch auch eine archäologische Beschreibung der Diskursformation 'Literatur' selbst, oder andersherum gesagt: sie kann für eine Beschreibung der Literatur als eigenständige Diskursformation genutzt werden. Diese Möglichkeit möchte ich im folgenden näher in Betracht ziehen. Sie bewegt sich in eine etwas andere Richtung als die bisherigen Anwendungen.
Die Literatur als Umschlagplatz kollektiver überzeugungen und rhetorischer Strategien zu beschreiben oder ihre Bestimmung als besonderer Posten des kollektiven Symbolhaushalts - dies zeigt zwar die Verflechtung der Literatur mit anderen Diskursformationen, aber wird sie dabei nicht selbst wieder aufgelöst und auf das außerhalb ihrer selbst liegende Wissen reduziert und somit als Formation unsichtbar? Dies zeigt sich besonders deutlich darin, daß solche Definitionen von Literatur ihr nach wie vor einen universalen Charakter zusprechen. Als Ergebnis einer Formationsbeschreibungen hat man dagegen ein historisch begrenztes System zu erwarten. Dies legt zunächst einmal nahe, daß die diskursanalytische Identifizierung verschiedener literarischer Formationen vorgenommern werden müßte.
Man muß sich die Frage deutlich stellen: Impliziert der weithin akzeptierte Sturz der Literatur von ihrem Sockel 'besondere Ausdruckskraft' - oder auch 'besondere Subversionskraft', wo der Sturz allerdings nicht ganz so weitgehend akzeptiert ist - impliziert dieser Sturz die völlige Auflösung der Literatur in jene Wissensstränge, die von ihr aufgenommen und verkoppelt werden? Verlangt er notwendig den Verzicht darauf, historisch verschiedene Literaturen als eigenständige Diskursformationen zu analysieren und zu charakterisieren? Ich denke: nein. Im Gegenteil, erst jetzt, nach diesem Sturz und mit Hilfe des diskursanalytischen Instrumentariums läßt sich zeigen, auf welche, jeweils historisch eingeschränkte Weise jenes Sprechen geregelt wird, das im übrigen erst seit ca. 200 Jahren Literatur genannt wird. Wenn man - metaphorisch formuliert - zeigen kann, welche verschiedenen Segler auf welche Weise auf dem Gebiet der sprachlichen Kunstwerke umherkreuzen, so lautet mein Vorschlag, darüberhinausgehend zu untersuchen, was das für ein Wasser ist, auf dem die Segler ebendies tun können.

II

Die folgenden überlegungen befassen sich mit der Frage, wie man sich einer solchen Diskursanalyse einer Formation sprachlicher Kunstwerke annähern könnte, das heißt - um es noch einmal zusammenzufassen - wie die Beschreibung einer solchen Formation vorgehen kann, die nicht von ihr weg führt, indem sie sie sakralisiert (das Problem der Interpretation), aber auch nicht von vornerhein an ihr vorbei führt (das Problem des großen Textes der Kultur). Ich stütze mich dabei auf einige Denkfiguren Foucaults, die in der Literaturwissenschaft bisher nur wenig Berücksichtigung gefunden haben.
Die Diskursanalyse versteht sich als eine Archäologie des Wissens. Eine Blockade auf dem Weg, der zu einer Diskursanalyse der sprachlichen Kunstwerke führt, ist wohl bisher die Annahme gewesen, daß Fiktion und Wissen einander ausschließen. Dieser Annahme zufolge kann die Fiktion zwar Wissen aus anderen Diskursen aufnehmen, sie selbst repräsentiert aber doch kein der Wahrheitsprüfung zugängliches Wissen. Fiktionalität gilt allgemein eher als Möglichkeit der Negierung von Wahrheitswerten.
Bei einer solchen Betrachtungsweise gerät in den Hintergrund, daß aus Foucaults Perspektive das Wissen nicht an Wahrheitswerte gekoppelt ist. Wissen, das ist nicht die Menge von äußerungen, die potentiell einer Wahrheitsprüfung unterzogen werden können. Sondern "Wissen [...] ist die Menge der von einer diskursiven Praxis regelmäßig gebildeten Elemente."2 Das Wissen formiert die äußerungen, und nicht umgekehrt. Foucaults eigene Analysen haben sich auf epistemologische Figuren und Wissenschaften beschränkt - auf die Psychiatrie, die klinische Medizin und die Humanwissenschaften - die in der Tat Verifikationsnormen und bestimmte Konstruktionsgesetze für äußerungen ausbilden. Wissen ist für Foucault aber in keinem Fall, auch nicht in der Wissenschaft, Wissen von etwas, sondern Wissen zu etwas, und zwar zur Formierung von Zeichenkomplexen. Dementsprechend stellt Foucault selbst die Frage: "Könnte man eine archäologische Analyse konzipieren, die auch die Regelmäßigkeiten eines Wissens erscheinen ließe, sich aber nicht vornähme, sie in Richtung der epistemologischen Figuren und Wissenschaften zu analysieren [...] Mit anderen Worten - hat die Archäologie, indem sie sich bis jetzt auf das Gebiet des wissenschaftlichen Diskurses beschränkt, einer Notwendigkeit gehorcht, die sie nicht überschreiten könnte, oder hat sie nach einem besonderen Beispiel Analyseformen skizziert, die eine ganz andere Ausdehnung haben können?"3
Diese, von Foucault angedeutete, ganz andere Ausdehnung - das kann unter anderem auch der Bereich (nicht nur) sprachlicher Kunstwerke sein. Auch diese wären also hinsichtlich eines sie formierenden Wissens zu analysieren, das nicht das Wissen anderer Diskursformationen ist, sondern ihr eigenes. Denn anzunehmen ist zunächst, daß die historischen Bedingungen sprachlicher Kunstwerke nicht in jenen Wissenskomplexen liegen, denen diese Werke ihre Themen, Gegenstände oder Sujets entnehmen. Die sprachlichen Werke sind an das außerhalb ihrer selbst liegende Wissen nicht durch ein Bedingungsverhältnis gekoppelt. Aufzuzeigen, wie sie von jenem Wissen durchkreuzt werden, ist noch nicht gleichbedeutend mit ihrer archäologischen Charakterisierung.

III

Die Diskursanalyse wäre also zu modifizieren und dem ganz anderen Analysebereich sprachlicher Kunstwerke anzupassen, wobei als leitende Differenz nicht die bisher angenommene Ausschließlichkeit von Fiktion und Wissen dienen soll.
Die Annäherung an eine archäologische Charakterisierung der sprachlichen Werke erfordert einen neuen Begriff von Fiktionalität, den man in verschiedener Form bei Foucault bereits vorgebildet findet. Wenn sich äußerungen, die Verifikationsnormen unterliegen einerseits und Fiktionen andererseits voneinander unterscheiden, so nicht hinsichtlich der Differenz zwischen 'Dichtung' und 'Wahrheit'. Während es sich bei den epistemologischen Figuren und Wissenschaften um die Produktion von Erkenntnissen über die Dinge handelt und damit von der Wahrheitsprüfung zugänglichen Aussagen, können als Fiktionen in der Kunst produzierte artifizielle Zeichengebilde bezeichnet werden. Auch Musik und Malerei arbeiten mit Fiktionen. Der Begriff der Fiktion meint dann nicht einfach 'Ausgedachtes', 'Phantastisches' oder 'Imaginäres' im Gegensatz zu 'Realem'. Lat. fictus bedeutet das Gemachte, Gestaltete, und, das soll nicht unterschlagen werden, es hat auch die Bedeutung des Trügerischen. Der Trug allerdings - und das kann an dieser Stelle nur angemerkt werden, ich werde etwas später darauf zurückkommen - beschreibt nicht das Verhältnis zwischen Fiktion und Nicht-Fiktion, sondern der Zeichen zu sich selbst.
Die Wissenschaft erstellt Theorien über die Anordnung der Dinge, die Kunst erstellt, so könnte man sagen, selbst Anordnungen, wozu sie sich eines bestimmten (Zeichen)Materials bedient (Sprache, Töne, Farben, Formen, Flächen). Sie erstellt Figurationen. Jede Fiktion ist als eine solche Figuration zu begreifen. Um den Bereich der Fiktion in seiner Eigenständigkeit und inneren Gliederung begreifbar zu machen, ist er nicht als zeichenhafte Verdopplung oder Negierung einer anderen, nicht-fiktiven Welt anzusehen und zu analysieren. (Vgl. hierzu auch Foucaults Bemerkungen zur Besonderheit der Fiktion: in ihr definieren sich die Beziehungen zwischen sprechendem Subjekt, der Rede und dem Erzählten nur aus sich selbst heraus, und werden nicht durch eine äußere Situation bestimmt.4 Das läßt sich für jede Art der Fiktion - eben auch nicht sprachliche - modifizieren, denn in jedem Fall handelt es sich um ein ein Gebilde, welches mit Zeichen operiert und gleichzeitig nur aus Zeichen besteht.) Der archäologische Standpunkt geht davon aus, daß jeder dieser beiden Bereiche - die Wissenschaft sowie die Fiktion - einer ihn determinierenden Ordnung unterliegt, die spezifisch historischer Art ist. Foucaults Analysen haben die positiven Fundamente der Erkenntnisse beschrieben, jene Ordnung, vor deren Hintergrund sich erst die Theorien der Anordnung der Dinge errichten. Damit haben sie die historische Seinsweise der Dinge charakterisiert, die sich der Erkenntnis anbieten, mit anderen Worten: das historische Apriori der Erkenntnis. (Seinsweise der Dinge ist verkreuzt mit der Seinsweise der Sprache.) Eine Diskursanalyse der Kunst bzw. der Fiktionen hätte ebenfalls nach einem Ordnungsraum zu fragen, nach der Ordnung, vor deren Hintergrund sich die Fiktionen einer Epoche errichten. Auch diese Analyse zielt darauf den Raum eines Wissens zu beschreiben, eines Raumes in dem "das Subjekt notwendigerweise angesiedelt und abhängig ist, ohne daß es dort jemals als Inhaber auftreten kann"5.

IV

Foucaults hat seine Kritik am Interpretationspostulat zunächst in Bezug auf darstellende bzw. bildende Kunst und Architektur erhoben, also in Bezug auf Sichtbares: "Die Hervorbringung einer Form", schreibt er in einer Rezension zu Panofsky, "ist nicht eine abgewandelte (subtilere oder naivere?) Weise etwas zu sagen. Was die Menschen machen - das ist nicht alles letztlich ein dechiffrierbares Rauschen."6 Das Privileg der gesagten Wörter und Ideen, letzte Instanz zu sein, auf die alles zurückgeführt werden kann, und dessen übersetzung die Bilder nur wären, wird aufgehoben: Formen, Bilder, Figuren sind nicht auf ein "Sagen" reduzierbar, sondern bilden ihren eigenen Bereich aus. Foucault geht hier von einem Geflecht zwischen dem Sichtbaren und dem Sagbaren aus und erwägt auch auch von gemeinsame Dispositionen die den Wörtern und den Bildern gleichermaßen zugrundeliegen (Hier deutet sich bereits das Konzept der diskursiven Formation, an das später in Metaphern der Bildlichkeit/des Sehens veranschaulicht wird, um den Wörtern ihr Privileg deutlich abzusprechen, aber letztlich auf einer Ebene, die vor den Wörtern und den Bildern liegt.)
Das hier aufgestellte Prinzip überträgt Foucault in der Entwicklung der Diskursanalyse auf den Umgang mit den gesagten Dingen, mit den Wörtern selbst. Auch "Sprechen ist mehr als auszudrücken was man denkt", es ist nicht auf einen weiteren Text, auf noch mehr Wörter oder Stimmen hinter dem Text reduzierbar; sondern Sprechen impliziert Bedingungen und Regeln (neben denen der Kommunikationspragmatik, Grammatik und Logik): nämlich die der diskursiven Regelmäßigkeiten.

Könnte man nicht sagen, daß das sprachliche Kunstwerk einerseits zum Bereich der Formen gehört, aber andererseits auch zum Bereich der Wörter? Es erstellt sprachliche Formen bzw. Figurationen, während - so könnte man ergänzen - die Malerei sichtbare Figurationen und die Musik hörbare Figurationen hervorbringt, und zwar jeweils durch einen geregelten Gebrauch von Zeichen. Eine Umkehrung wäre vorzunehmen: Bisher, das heißt seit Ende des 18. Jhd. wurden Malerei und Musik, obwohl sie nicht mit Sprache operieren, als besondere Weise, etwas zu sagen oder auszudrücken, behandelt, das heißt sie wurden ebenso Interpretationen unterzogen wie die sprachlichen Kunstwerke. Dagegen dürfte nun, will man der Interpretation konsequent absagen, neben der Musik und der Malerei auch die sprachliche Kunst nicht mehr als eine Weise des Sagens, oder besser: des Signifizierens, behandelt werden, obwohl sie mit Sprache operiert. Primär ist zunächst die Hervorbringung von Formen, das Erstellen von Figurationen aus einem sprachlichen Material.
Es zeichnete sich nun bereits deutlich ab, in welcher Richtung man die Diskursanalyse modifizieren müßte, um auch Formationen der Fiktion, insbesondere aber Formationen sprachlicher Fiktion, analysierbar zu machen. Wenn wir Sprechen allgemein als einen geregelten Gebrauch von Zeichen verstehen, so läßt sich folgende Differenzierung vornehmen: Während die Analyse der Wissenschaften und epistemologischen Figuren sich auf ein signifizierendes, ein bedeutungsproduzierendes Sprechen bezieht, hat es die Analyse der sprachlichen Fiktionen mit einem fiktiven signifizierenden Sprechen zu tun, mit einem Sprechen also, das nur so tut, als signifiziere es. Das fiktionale Sprechen, jenes Sprechen, das die Fiktion spricht, ist demnach ein fiktives Signifizieren, ein geregelter Gebrauch sprachlicher Zeichen, der Signifikation nur vorgibt und eigentlich nicht signifiziert. Genau hier liegt der zuvor erwähnte Trug der Fiktion. Dieser Zusammenhang ist implizit in Foucaults Denkfigur vom Sein der Sprache enthalten7, die in seinen frühen Schriften zur Literatur vielfach erscheint, aber von der literaturwissenschaftlichen Rezeption Foucaults bisher vernachlässigt wurde. "Es gibt die Fiktion nicht", schreibt Foucault in einer der ersten Annnäherungen an jene Denkfigur "weil die Sprache in Distanz zu den Dingen steht; die Sprache ist ihre eigene Distanz."8 Und er insistiert darauf "sehen [zu] lassen, daß das Fiktive eine Entfernung ist, die der Sprache eigentümlich ist."9
Um an dieser Stelle bereits einem Mißverständnis vorzubeugen: wenn von der nicht-signifizierenden Dimension sprachlicher Zeichen die Rede ist, bedeutet das nicht, daß die Referenzen, die die Wörter haben, keine Rolle spielen oder einfach übersehen werden. Im Gegenteil, wie noch zu zeigen sein wird, kann das Nicht-signifizieren in der sprachlichen Kunst und auch in der darstellenden Malerei seinen Weg nur über die Referenz und das Dargestellte nehmen. Auch in der Musik und der abstrakten Malerei gibt es diesen Zusammenhang, nur daß der Weg vor allem über das selbst-referentielle Funktionieren der Zeichen führt.

V

Zusammengefaßt wäre die Fiktion also ein nicht-signifizierendes Figurieren, das spezifisch historischen Regelungen und Bedingungen unterliegt, denen es entsprechen muß, um als Kunst anerkannt zu werden. Jede Gesellschaft errichtet eine Schwelle, hinter der ein Sprechen beginnt, als sprachliche Fiktion zu existieren. Diese Schwelle gilt es als Möglichkeits- und Erscheinensbedingung jener Fiktionen zu beschreiben. Die Ordnung, der die Fiktionen oder sprachlichen Figurationen einer Gesellschaft der unterliegen, konstituiert sie zugleich als Diskursformation.
Man wird sich der Ordnung dieser diskursiven Formation allerdings nicht annähern, indem man wiederholt, was eine Gesellschaft über ihre Fiktionen zu sagen hatte, um dies dann in der Kunst selbst wiederzufinden. Eine solche Vorgehensweise würde die Kunst wiederum als Dokument behandelt, das von etwas anderem spricht, als von sich selbst. Zudem gehorchen die Reflexionen über Kunst, die Kritiken und Bewertungen, die Funktionsbestimmungen letztendlich derselben Ordnung wie die Kunst selbst. Oder genauer, es ist anzunehmen, daß die Ordnung der Kunst und die der Reflexion über Kunst gemeinsamen Dispositionen unterliegen, die letztlich Gegenstand der Analyse sein müßte. Die Ordnung der Fiktionen, ihre diskursive Formation drückt sich auf der semiotischen Ebene der sprachlichen Kunstwerke selbst ab. "Semiotische Ebene" meint hier jene Ebene, auf der auf geregelte Weise Elemente eines Zeichensystems angeordnet sind. Im Fall des sprachlichen Kunstwerks handelt es sich dabei um sprachliche, um sagbare Zeichen, die Musik hat es mit hörbaren und die Malerei mit sichtbaren Zeichen zu tun. Dies bedeutet, daß auch in der Malerei und der Musik diskursive Ordnungen erscheinen, obgleich sie nicht mit sprachlichen Zeichen operieren.
Diejenige Ordnung, die die Fiktion determiniert, kann also nur in der Fiktion selbst aufgespürt werden. Dies verlangt das archäologische Prinzip, die Zeichenobjekte als Monumente, und eben nicht mehr als Dokumente zu beschreiben.10 In seinem sehr frühen Essay Distanz, Aspekt, Ursprung versteht Foucault Literatur (sprachliches Kunstwerk) als ein bestimmtes Verhältnis zu sich selbst. In jeder Epoche steht sie zu sich selbst in einer Beziehung derart, "daß sich die Werke gegenseitig nebeneinander und in der Distanz zueinander definieren können, indem sie sich gleichzeitig auf ihre Differenz und ihre Simultaneität stützen"11. Diese Beziehung bezeichnet Foucault auch als "diskursive Artikulation"12 zwischen den Werken. Hier wird schon deutlich, was man darunter verstehen könnte, eine Formation sprachlicher Kunstwerke als Monument zu analysieren: dabei handelt es sich nicht um einen besonderen Zugang zum einzelnen Werk, sondern zu einer Serie von Werken, die in ihrer inneren Gliederung zu beschreiben wäre. Dies ersetzt sowohl die Behandlung eines einzelnen Werkes in seinem Dokumentcharakter, als Spur von etwas anderem als auch die Begrifflichkeiten des Einflusses, der Imitation oder der Abfolge, wenn es um die Beziehung zwischen mehreren Werken geht. Es geht aber auch über die Konzepte der Selbstreferenz hinaus. Es ist jenes Selbstverhältnis der Literatur, das ihre Möglichkeitsbedingung oder auch die sie determinierende Ordnung bildet.

In einem nächsten Schritt hätte man nun eine entsprechende Analytik nicht-signifizierender Zeichenkomplexe auszuarbeiten, die dann als Grundlage für konkrete Analysen historischer Diskursformationen sprachlicher Werke dienen kann. Eine solche Analytik muß zwei Grundannahmen gerecht werden:

1 Fiktionales Sprechen ist ein Sprechen, das Signifikation nur vortäuscht, es ist ein Sprechen, in dem Signifikation lediglich Fiktion ist.

2 Diesem fiktionalen Sprechen liegen jeweils historisch begrenzte Ordnungen zugrunde, die es zu beschreiben gilt.

VI

Abschließend möchte ich auf die literaturwissenschaftliche Problemstellung zurückkommen, in der sich diese Grundannahmen und die von ihnen abzuleitenden Analysemöglichkeiten eingliedern.
Die eingangs beschriebene Aporie von Textualität und Geschichte besagt, daß Geschichte schwerlich ohne Interpretation denkbar ist, wenn Literatur als beredtes Dokument angesehen wird. Das Interpretationspostulat ist längst relativiert: nicht zuletzt in Foucaults archäologischer Beschreibung der Humanwissenschaften erscheint es als eine nicht selbstverständliche, sondern historisch singuläre Umgangsweise mit fiktionalen Texten, die ihrerseits ihr Fundament, d.h. ihre Existenzbedingung, in der modernen Episteme hat. Was der Literaturwissenschaft offenbar schwerfällt, ist die Loslösung von den Existenzbedingungen dessen, was sie kritisiert und vermeiden will - beispielsweise von denen der Interpretation.
An verschiedene Denkfiguren Foucaults anknüpfend, habe ich vorgeschlagen, Fiktion nicht mehr als beredte, d.h. signifizierende Dokumentenmasse, sondern als Signifikation nur fingierendes, und in diesem Sinne stummes Monument aufzufassen und in seiner jeweils spezifisch historischen Formiertheit zu analysieren. Dieser Vorschlag versteht sich als Teil der Bemühungen um eine Konzeptualisierung von Literatur, mit der nicht nur die Interpretation, sondern ebenso und vor allem ihre Fundamente und Existenzbedingungen hintergangen werden können.

Zusammenfassung der Thesen

1. Die Charakterisierung der Literatur als diskursive Formation kann über die Beschreibung sich verkreuzender Wissenskomplexe, denen die Literatur ihre Gegenstände, Themen und Sujets entnimmt, hinausgehen.

2. Foucaults Diskursanalyse und seine Schriften zur Literatur bieten einige Ansatzpunkte dafür, die Literatur, oder genauer: sprachliche Kunst, als eigenständige historische Diskursformation zu beschreiben, die durch ein Wissen formiert wird, das ihr eigenes ist, und nicht das anderer Formationen. Zu erwarten ist dabei die Identifizierung verschiedener historischer Formationen sprachlicher Kunstwerke, von denen die 'Literatur' jüngeren Datums ist.

3. Eine Diskursanalyse im Bereich der Kunst zielt darauf, die Ordnung zu beschreiben, auf der sich die Fiktionen einer Epoche errichten. Sie kann sich dabei nicht auf die Leitdifferenz Fiktion vs. Wissen stützen. Wissen ist für Foucault nicht Wissen von etwas, sondern Wissen zur Formierung von Zeichenkomplexen. Ein neuer Begriff von Fiktionalität ist erforderlich.

4. Das fiktionale Sprechen unterscheidet sich von anderen Sprechweisen dadurch, daß es ein nicht-signifizierendes Sprechen ist: ein geregelter Gebrauch sprachlicher Zeichen, der Signifikation nur vorgibt. Darin liegt das Trügerische der Fiktion.

5. Die das fiktionale Sprechen konstituierende Ordnung manifestiert sich in der Fiktion selbst. Der Bereich der Fiktionen wird nicht als Dokument von etwas außerhalb seiner selbst liegendes, sondern als Monument in seiner inneren Gliederung zu beschreiben sein.

6. Möglicherweise kann eine noch zu entwickelnde Analytik nicht-signifkativer Zeichenkomplexe nicht nur die Interpretation, sondern auch deren Existenzbedingungen im modernen Denken hintergehen.


Anmerkungen

1 Foucault: Die Archäologie des Wissens, 261.
2 Foucault: Die Archäologie des Wissens, 259.
3 Foucault: Die Archäologie des Wissens, 274.
4 Vgl. Foucault: Hinter der Fabel.
5 Foucault: Die Archäologie des Wissens, 260.
6 Foucault: Die Wörter und die Bilder, 11.
7 Vgl. Foucault: Schriften zur Literatur sowie Die Ordnung der Dinge, 74-76/456-460.
8 Foucault: Distanz, Aspekt, Ursprung.
9 Foucault: Distanz, Aspekt, Ursprung.
10 Vgl. Foucault: Die Archäologie des Wissens, 14f.
11 Foucault: Distanz, Aspekt, Ursprung.
12 Foucault: Distanz, Aspekt, Ursprung.

Literatur

Foucault, Michel:

• 1 Die Archäologie des Wissens. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1992 (5.Aufl.)

• 2 Distanz, Aspekt, Ursprung. In: Critique 198 (1963), dt. unveröffentlicht, übers. aus frz. Orig. v. A.Klawitter

• 3 Hinter der Fabel. In: L'arc (1966) "Jules Verne", dt. unveröffentlicht, übers. aus frz. Orig. v. A. Klawitter).

• 4 Die Ordnung der Dinge. Suhrkamp. Frankfurt/M. 1995 (13.Aufl.).

• 5 Schriften zur Literatur. Fischer, Frankfurt/M. 1989.

• 6 Die Wörter und die Bilder. In: Das Spektrum der Genealogie. Hg. W. Seiter, Phil.-Verl.-Ges., Bodenheim o.J. (ca.1996).


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