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Carsten Könen, Universität Siegen
Freiheit, Selbstsorge und Lebenskunst - Michel Foucaults Konzept einer Ästhetik der Existenz |
Befaßt sich die Soziologie seit ihren Anfängen mit der Frage der Freiheit des Individuums in der Gesellschaft und den Mechanismen durch die die Freiheit des einzelnen von der Gesellschaft sowohl beschnitten als auch gefördert wird, prägt eine liberalistische Antwort dieser Frage die Einstellung großer Teile der Gegenwartsgesellschaft.
Der Liberalismus verbindet mit der Vorstellung des Individuums eine mit freiem Willen ausgestattete, autonome und selbstverantwortliche Persönlichkeit, deren freie Entfaltung nur durch ein Minimum staatlicher Eingriffe garantiert werden kann. Die Ausübung von Macht bedeutet in diesem Verständnis immer einen, wenn auch in Maßen notwendigen Eingriff, eine Beschränkung der individuellen Freiheit eines ansonsten in seinen Vorlieben, Abneigungen und Entscheidungen autonomen Individuums.
Gegen diese Vorstellung von Macht und Individualität wendet Foucault sich in all seinen Werken. Besonders in seiner Spätphase sucht er nach anderen Beschreibungen nicht nur der Formen von Macht und Subjektivität, sondern auch nach den konstitutionellen Beziehungen dieser Formen.
Foucaults »Kritik am modernen Mythos der Subjektivität« macht es notwendig, die Kategorien der Macht, der Wahrheit (des Wissens) und der Subjektivität zu überdenken.
So wendet Foucault sich am Beispiel der 'Repressionshypothese' kritisch gegen eine Vorstellung von Macht, die wie oben geschildert nur beschränkend und sanktionierend auf das Verhalten der in ihrem Willen und ihren Entscheidungen ansonsten autonomen Individuen einwirkt.
Ganz im Gegenteil beschreibt Foucault eine Genealogie der Macht, in der diese sich im Zuge der Moderne von einer juridisch-diskursiv legitimierten Form, die auf die Abschöpfung territorialer Ressourcen konzentriert war, zu einer Machtform entwickelt deren zentrale Funktion gerade in der produktiven Verwaltung, Gestaltung und Kontrolle dieser Ressourcen liegt. Ziel dieser Machtform war nicht allein die Abschöpfung der vorhandenen Ressourcen, war nicht der kontrollierende Eingriff in die Autonomie 'freier Individuen', sondern die Produktion ökonomisch verwertbarer Subjekte durch die Prägung 'ihrer' Individualität.
Diese Form moderner Bio-Macht markiert in Foucaults Worten "den Eintritt des Lebens und seiner Mechanismen in den Bereich der bewußten Kalküle und die Verwandlung des Macht-Wissens in einen Transformationsagenten des menschlichen Lebens". (Foucault 1999b:170)
In einer ersten Phase dieser Genealogie der Macht, die eben auch eine Genealogie der Subjektivierungsweisen ist, betrachtet Foucault exemplarische Disziplinartechniken, welche durch auf den Körper gerichtete Praktiken und deren systematische Überwachung, Individuen als Individualitätstypen, als »Arbeiter«, »Kriminellen«, »Intellektuellen«, als Objekte und Subjekte spezifischen Wissens hervorbringen. "Seine Dressur, die Steigerung seiner Fähigkeiten, die Ausnutzung seiner Kräfte, das Anwachsen seiner Nützlichkeit und seiner Gelehrigkeit, seine Integration in wirksame und ökonomische Kontrollsysteme - geleistet haben all das die Machtprozeduren der Disziplinen: politische Anatomie des menschlichen Körpers." (Foucault 1999b: 166)
Die Beziehung von Macht und Individualität ist nach dieser Analyse nicht allein bestimmt durch den restriktiven Eingiff der Macht auf den 'freien Willen'. Dieser unterliegt vielmehr schon in seiner 'ursprünglichen Gestalt' den normierenden, auf Wert und Nutzen organisierenden Eingriffen (be)herrschender Macht-Wissens-Technologien. Subjektivierung nennt Foucault diese Ausstattung der Subjekte mit der Art und Weise in der sie sich Selbst und ihre Umgebung erfahren und bewerten sollen. "Das Wort Subjekt hat einen zweifachen Sinn: vermitttels Kontrolle und Abhängigkeit jemandem unterworfen sein und durch Bewußtsein und Selbsterkenntnis seiner eigenen Identität verhaftet sein." (Dreyfus 1987: 246f)
Die Konstitution des Subjekts verläuft fremdbestimmt. "Diskursiv findet sich das moderne Subjekt/Objekt kontingent als Effekt symbolischer Tiefenstrukturen vor, sozial erfährt es sich als Produkt nichtkontrollierter Mikropraktiken machtgesättigter Institutionen." (Kögler 1990: 204)
Betrachtet die Analyse der Disziplinartechnologien noch die Transformation des Individuums durch Disziplinierung und Kontrolle von außen, so konzentrieren sich die Analysen zur Gouvernementalität hauptsächlich auf Mechanismen des 'Regierens aus der Distanz'. Weiß der Arbeiter am Fließband und der Kriminelle im Gefängnis noch in welche Strukturen der Macht er eingespannt ist, betont der Neoliberalismus die Freiheit, Selbstbestimmung und vor allem Selbstverantwortung des Subjekts.
Der moderne Staat fungiert in gewisser Hinsicht als spezielle 'Individualisierungs-Matrix', deren "neoliberale Strategie darin besteht, die Verantwortung für gesellschaftliche Risiken wie Krankheit, Arbeitslosigkeit, Armut etc. und das (Über-) Leben in der Gesellschaft in den Zuständigkeitsbereich von kollektiven und individuellen Subjekten (Individuen, Familien, Vereine etc.) zu übertragen und zu einem Problem der Selbstsorge zu transformieren." (Lemke 2000a: 38) "Das Subjekt des Neoliberalismus ist das aktive, eigenverantwortliche Selbst, "der Unternehmer seiner selbst", der in der Lage ist, sich selbst zu regieren, von sich aus aktiv zu werden, anscheinend ohne Anleitung von außen." (Krasmann 1999: 112)
Sind Subjekte mittels der Regierungstechniken der Bio-Macht zu Individualitätstypen geformt, d.h. ihre Körper diszipliniert und mit den richtigen 'Wahrheiten' ausgestattet, werden sie sich im Sinne ihrer Subjektivierung selbständig kontrollieren und ihr Verhalten nach der Rationalität der Bio-Macht ausrichten. Susanne Krasmann bringt diese Technik auf den für den Neoliberalismus eigentlich paradoxen Begriff des 'Regierens über Freiheit'. "Anstelle der Drohung mit dem Mord ist es nun die Verantwortung für das Leben, die der Macht Zugang zum Körper verschafft." (Foucault 1999b: 170) Das Individuum ist befreit von der Macht eines Souveräns und den Käfigen der Disziplin, es regiert sich von nun an aus eigener Verantwortung und nach 'eigenen' Zielen', jedoch standen diese Ziele ihm niemals zur Wahl.
Die Frage nach der Beziehung von Macht und Identität formuliert Foucault als Frage wie Subjekte in historische 'Spiele der Wahrheit' eintreten. Jedoch betreffen diese "Spiele der Wahrheit [..] im Fall der Gouvernementalität keine Zwangspraxis mehr, sondern eine Praxis der Selbstbildung des Subjekts, seine Autoformation." (Foucault 1984: 10) Ist das moderne Subjekt als 'einzigartiges Individuum', als 'Unternehmer seiner Selbst', als 'Sozialschmarotzer' oder klassisch 'Krimineller' das Produkt von Herrschaftsverhältnissen, von Macht-, Wissens- und Körpertechniken, so befindet sich der Ort dieser Herrschaftverhältnisse nicht allein außerhalb, sondern eben auch innerhalb der Körper. Finden moderne Mechanismen der Macht also gerade über Formen der 'Selbstbestimmung' Einzug in das Subjekt, indem sie das Wissen und die Wahrheit der herrschenden Verhältnisse als ihre Identität reproduzieren, sah Foucault gerade in der Fähigkeit zur Selbstgestaltung einen Widerstandspunkt gegen diese Form moderner Macht.
Wie könnte nun der Widerstand gegen eine Herrschaftsform die Subjekte als Objekte allgemeinen Wissens konstituiert, die Körper nach ihren Vorgaben formt und durch diese Techniken selbst das Verhältnis des Subjekts zu sich prägt, aussehen? Welche Ziele könnte solch ein Widerstand formulieren?
Der Angriffspunkt möglichen Widerstandes ist klar; er liegt in der Formung der Subjektivität: "Wobei das Ziel heute weniger darin besteht, zu entdecken, als vielmehr abzuweisen, was wir sind. Wir müssen uns das, was wir sein könnten, ausdenken und aufbauen, um diese Art von politischen »double-bind« abzuschütteln, der in der gleichzeitigen Individualisierung und Totalisierung durch moderne Machtstrukturen besteht. [..] Wir müssen neue Formen der Subjektivität zustandebringen, indem wir die Art von Individualität, die man uns jahrhundertelang auferlegt hat, zurückweisen." (Dreyfus 1987: 250)
Foucault betont in diesem Zusammenhang die Wichtigkeit möglicher Freiheitspraktiken. "Die Befreiung eröffnet [nur] ein Feld für neue Machtverhältnisse, das dann aber von den Praktiken der Freiheit kontrolliert werden muß." (Foucault: 1985: 11)
Auf seiner Suche nach Widerstandsmöglichkeiten stößt Foucault auf eine antike Praxis der ethischen Selbstsorge, die er als 'Ästhetik der Existenz' bezeichnet. Diese 'Ästhetik der Existenz' zielte auf die Selbstkonstitution der Individuen durch die reflexive, selbstbezügliche Erfahrung der Subjekte, an deren Ende Selbstbestimmung, Selbstdurchsichtigkeit und Selbstbezogenheit stehen sollte. (Kögler 1990: 204f) Die von Foucault im Rahmen der letzten Bände der Reihe zur Sexualität und Wahrheit untersuchten Praktiken stellen jedoch kein 'Rezeptwissen' bereit, da Foucault die einfache Übertragung der Praktiken in unsere Zeit für unangemessen hielt. Das Beispiel der antiken 'Ästhetik' diente Foucault 'nur' als Darstellung der Möglichkeit, die Selbstkonstitution des Subjekts »anders zu denken«. Eine 'Ästhetik der Existenz' müßte beginnend mit der Zurückweisung oder mindestens dem Mißtrauen gegenüber der eigenen Subjektivität seine Beziehung zur Wahrheit neu bestimmen und dadurch seine Position in den Machtbeziehungen verbessern.
Da die Konzentration hier auf den Subjektivierungsverhältnissen, d.h. auf den in den Subjekten internalisierten Herrschaftsbeziehungen liegen soll, müßte eine 'Ästhetik der Existenz' erstens die Mechanismen der Subjektivierung offenlegen, sie müßte zweitens diese Technologien der Subjektformation den Individuen zur Verfügung stellen und drittens müßte sie die Subjekte in die Lage versetzen, alternative Rationalitäten gemäß alternativer Bewertungsgrundlagen zu wählen.
Die Befreiung aus Herrschaftsverhältnissen hat also nicht die Etablierung alternativer Herrschaft zum Ziel. Vielmehr braucht es Verfahren, die es dem Ethos als Entscheidungsinstanz des Subjekts, im Gegensatz zum Habitus als 'Erfüllungsinstanz' einer 'Identität' erlauben, seine Entscheidungen gemäß einer Selbstkenntnis innerer und äußerer Prozesse zu treffen.
Das Ziel des Widerstandes wäre der Wandel von der fremd - zur selbstbestimmten Konstitution der Subjektivität durch die Entfaltung einer selbstreflexiven Erfahrung der Subjekte, die Transparenz und Wählbarkeit der eigenen Handlungsmotive und Handlungen ermöglicht. Das Subjekt muß in die Lage versetzt werden, sich gegenüber den in seinem inneren befindlichen, habitualisierten Herrschaftsstrukturen zu emanzipieren, sich zu ihnen frei, d.h. in der Form der Wahl zwischen offenliegenden Alternativen entscheiden zu können und sich in diesem Entscheidungsprozess zu beobachten.
Die Selbstkonstitution darf nicht als 'Selbstverwirklichung' mißverstanden werden; diese würde auf der Suche nach ihrer 'Identität' nur auf die internalisierten Rationalitätsmuster treffen, ohne diese in Frage stellen zu können. Selbstkonstitution meint vielmehr die Selbstgestaltung auf einer neuen Basis der Erfahrung, die dem Subjekt erlaubt, im Spiel der Wahrheit aktiv und unberechenbar teilzunehmen. "Aus der Idee, daß uns das Selbst nicht gegeben ist [als 'Authentisches' im Sinne des Existentialismus], kann meines Erachtens nur eine praktische Konsequenz gezogen werden: wir müssen uns selbst als ein Kunstwerk schaffen." (Dreyfus 1987: 274)
Widerstand ist also eine Arbeit des Subjektes am eigenen Ethos, in dem es versucht, die habitualisierten, sein Denken und Handeln bestimmenden Strukturen aufzudecken, eine von der normierten Individualität abweichende Basis der Bewertung dieser Strukturen zu finden und Techniken zu erlernen, sich selbst im Rahmen neugewonnener Freiheiten zu gestalten. Es geht dabei also um eine Neugestaltung des ethischen Charakters über die Veränderung der Beziehung zur Wahrheit und daraus folgend um eine Neubestimmung der eigenen Position im Spiel der Macht.
Im folgenden soll versucht werden, eine mögliche Form der 'Ästhetik der Existenz' anhand der Erfahrungen von Teilnehmern an Meditationsgruppen im Überblick darzustellen. Die von den Meditierenden gewählte Praxis soll als ein Versuch alternativer Selbstkonstitution gedeutet werden, der nicht einfach alte durch neue Herrschaftsverhältnisse ersetzt, sondern den Individuen eine fortbestehende Reflexivität ermöglicht.
Foucault differenziert vier Aspekte des Selbstverhältnisses innerhalb der Analyse einer 'Ästhetik der Existenz'. Das Feld der Selbstpraktik, den Gegenstand, an dem sich die verändernde Gestaltung des Individuums übt, bezeichnet Foucault als ethische Substanz. Für die Griechen war diese ethische Substanz der Gebrauch der Lüste, der Geschlechtsakt. Als zweiten Aspekt nennt Foucault die Weise der Unterwerfung, sie bezeichnet die hinter der Arbeit am Ethos stehende Vernunft, die diese legitimiert. Für die Griechen war dies eine politische oder ästhetische Entscheidung, die Notwendigkeit sich selbst zu regieren, um andere regieren zu können, oder die Entscheidung für ein schönes und angesehenes Leben. Der dritte Aspekt, die Selbstformungstätigkeit oder Askese bezeichnet die Mittel und die Praktiken der Transformation. Den vierten Aspekt bezeichnet Foucault als Teleologie. Diese beschreibt die Ziele der Lebensführung, die die Art der Arbeit am Selbst bestimmen. "Welche Art Sein erstreben wir, wenn wir uns moralisch verhalten? Sollen wir rein werden, oder unsterblich, oder frei, oder Herren unserer selbst, usw.?" (Dreyfus 1987: 277) Foucault untersuchte die antiken Texte, die genau diese Fragen des 'ethischen Verhaltens aus eigener Wahl' thematisierten, auch zeichnete er ein Bild der griechischen Gesellschaft, in der diese 'Praxis des Selbst' ein in Grenzen verfügbares Wissen darstellte.
Heute scheint es schwieriger, auf ein solches Wissen zuzugreifen. "Die meisten von uns glauben nicht länger, daß Ethik in Religion begründet sei, aber wir wollen auch nicht, daß ein Rechtssystem in unser moralisches, persönliches, privates Leben eingreift. Neuere Befreiungsbewegungen leiden an der Tatsache, daß sie keine Grundlage finden können, auf die sie die Ausarbeitung einer Ethik gründen können." (Dreyfus 1987: 267)
Aus dieser Problematik heraus entspringen gegenwärtige Formen der 'Ästhetik' häufig einer Suche, in deren Verlauf sich die Ausprägungen dieser Aspekte verändern. Die empirische Situation verlangt weiterhin nach einer Erweiterung der Foucaultschen Kategorien. War die Form der Selbstsorge zur Zeit der Griechen eine Entscheidung der politischen oder ästhetischen Wahl, ist es heute wichtig und möglich, die Bedingungen, unter denen die Subjekte die Arbeit am Selbst beginnen, genauer zu untersuchen. Diese Motivation ist nicht mit dem Aspekt der Unterwerfung identisch, da sie sich zeitlich verschieden auf den Beginn der Suche und nicht auf die Legitimation praktizierter Übungen bezieht. Zudem muß den konkreten Schilderungen der Effekte der Praxis eine stärkere Beachtung zukommen. Häufig erlauben erst die durch die Praxis gewonnenen alternativen Erfahrungen eine positive Formulierung der Ziele und des Praxisfeldes. Diese Analysedimensionen werden im folgenden an Realtypen dargestellt.
Die Teilnehmer der untersuchten Meditationsgruppen rekrutieren sich aus einer recht homogenen Gruppe. Alle Teilnehmer haben höhere Bildungsabschlüsse (Abitur und meistens Studium) und arbeiten überdurchschnittlich häufig in sozialen oder pädagogischen Berufen. Der Anteil der Frauen überwiegt hierbei nur leicht (ca. 3 zu 2). Weniger homogen ist die Alterstruktur der Teilnehmer, diese liegt zwischen Mitte zwanzig und Ende fünfzig Jahre. Der Ort, an dem die Meditationsgruppen stattfinden, ist ein spirituelles Großstadtzentrum keiner bestimmten Tradition. Die Teilnehmer kommen bis auf wenige Ausnahmen aus dem direkten räumlichen Umfeld des Zentrums. Dies gilt auch für den folgenden Fall.
Sabine war zum Zeitpunkt der Befragung 26 Jahre alt und befand sich in den Examensprüfungen zur Sonderschulpädagogin. Auf die Frage nach ihren Motiven für den Eintritt in die Meditationsgruppe antwortet sie mit einem 'schon immer' vorhanden gewesenen spirituellen Interesse. Dieses Interesse beschreibt sie als 'spirituelle Suche', die im Alter von 16 bis 19 Jahren in ihrer Mitgliedschaft in einer christlichen Pfadfindergruppe Ausdruck fand.
Dort lag der Schwerpunkt jedoch auf sozialen Aktivitäten, "wo die Nächstenliebe die absolute Triebfeder war". Sie "rieben sich in sozialen Aktivitäten auf", wurden dabei aber in ihrer spirituellen Suche alleingelassen. Nach dieser Phase der Aktivität lag dieses Interesse, bedingt auch durch den Umzug und die 'Ablenkungen' der Großstadt, über Jahre brach und wurde erst in der Examenszeit wieder aktiviert. Aufgrund der Studiensituation war Sabine gezwungen, 'diszipliniert zu arbeiten' und ihr Leben 'zu ordnen', wodurch sie diese Zeit als 'eng' und 'fremdbestimmt' erfuhr.
Diese zweite aktive Phase beginnt als Suche nach Stabilität und Sinn, der sich nicht durch den Zwang der äußeren Situation ergibt. "Wo ich das Gefühl hatte, ich muß mal wieder meinem Dasein, nicht ich muß, aber ich will meinem Dasein so'n bißchen Kern, so'n bißchen Erdung geben. Da waren auch die Ablenkungsmöglichkeiten nicht mehr so groß."
Sabines Erfahrung entspricht einem generellen Muster. Ihr unerfülltes 'spirituelles Interesse' läßt sich verallgemeinern als latentes und unbestimmtes Unbehagen an der eigenen Lebenssituation, das nur in bestimmten Phasen zur aktiven Suche nach Lösungsmöglichkeiten führt. Dieser Phase der Aktivität geht in vielen Fällen ein Eingiff in die Lebensroutine der Teilnehmer voraus, der 'jenseits' ihrer Macht liegt. In Sabines Fall ist es 'nur' der 'Disziplinierungszwang' der Examensphase, in anderen Fällen sind es Todesfälle oder Trennungen im engeren sozialen Umfeld, die einen Zwang der Neuorientierung auf die Teilnehmer ausüben. Ein in der Regel latentes Problem steht nun unter aktuellem Lösungsdruck - es gewinnt für die Teilnehmer selbst an Dringlichkeit. Häufig markiert das äußere Ereignis den einen Punkt, an dem die Individuen eine schon latente Wandlung der eigenen Ziele akzeptieren oder diese anstreben. Das Ereignis stellt in Frage, wie Dinge vom Individuum selbst wahrgenomen, bewertet und gelöst werden sollen. Dies ist jedoch kein von außen, sondern ein von innen an das Individuum herantretender Anspruch.
Meist ist es eine Kritik der bestehenden Rationalitäten, der Subjektivierungsweise, der noch keine Alternativen gegenüberstehen. Was folgt ist eine in ihrem Ziel und in ihren Mitteln recht unbestimmte Suche, deren Weg sich nach 'Zufällen' und unbestimmten 'Affinitäten' ausrichtet.
Der Wandel der Rationalitäten muß an dieser Stelle noch näher erläutert werden. In den hier geschilderten Fällen scheitern die in die Individuen eingeschriebenen Rationalitätsmuster, es scheitert gewissermaßen der Regierungsversuch oder der gesellschaftliche Orientierungsversuch und nicht das Individuum. Den umgekehrten Fall schildert Richard Sennett in seinem Buch The Corosion of Character (Der flexible Mensch.) Hier sind die Regierungsversuche in dem Sinne erfolgreicher, als das der an den Rationalitäten der Unternehmen oder des Marktes scheiternde 'flexible Mensch' die Ursachen des Scheiterns in den Bereich der eigenen Verantwortung verlagert, ohne aber seine Rationalitätsmuster zu verändern. Er scheitert, weil er die antizipierten Vorgaben nicht erfüllt und nicht aufgrund der Unangemessenheit dieser Vorgaben für seine Position. Die Suche der Meditationsteilnehmer läßt sich demgegenüber als Suche nach alternativen Strategien der Lebensbewältigung begreifen, als Suche nach anderen 'Wahrheiten', die eine Veränderung der Lebenspraxis erlauben.
In der konkreten Praxis sind die Teilnehmer mit Disziplinartechniken konfrontiert, denen sie sich, wollen sie dieser Praxis folgen, unterwerfen müssen. Es stellt sich also die Frage, ob diese Praxis nicht einfach zu einem Austausch der Herrschaftsverhältnisse führt, ob nicht mit Hilfe der gleichen Technologien andere Rationalitäten in die Subjekte eingeschrieben werden, ohne daß diese zu ihnen in Distanz gehen können.
Die Gruppenpraxis besteht aus drei Elementen, der gemeinsamen Sitzmeditation, der Meditation im Gehen und der Übung des achtsamen Sprechens. Bei jeder dieser Übungen unterwirft sich der Meditierende bestimmten Regeln, die die Form der Übungen betreffen. Manche dieser Regeln können und werden entweder durch den Leiter oder die Gruppe selbst kontrolliert, wie z.B bestimmte Regeln des Sitzens, Gehens und Redens. Die Kontrolle anderer Verhaltensregeln bleibt den Meditierenden selbst überlassen. So kann niemand kontrollieren, ob ein auftauchender Gedanke durch den Meditierenden weder beurteilt noch weitergedacht wird. Der Meditierende trifft diese Entscheidung selbst bzw. bemerkt bald, daß der Ablauf seiner Gedanken gar nicht seiner bewußten Kontrolle unterliegt und daß es großer und vor allem ständiger Übung der Aufmerksamkeit braucht, um selbst über Gedankenabläufe bewußt bestimmen zu können. Neben der Weitergabe pragmatischer Erfahrungen z.B. über die köperliche Stabilität einer bestimmten Sitzhaltung, besteht das Ziel der Regeln gerade in der Übung und Erfahrung dieser 'Achtsamkeit'. 'Achtsamkeit' bedeutet in diesem Kontext, sich der eigenen geistigen Aktivität, der eigenen Gefühle und Bedürfnisse vollständig bewußt zu sein und entscheiden zu können, ob und wie man selbst darauf reagieren will. Über die Beruhigung des Körpers durch die Sitzhaltung und die Beruhigung des Geistes durch die Konzentration auf den Atem, soll erstens die Fähigkeit geübt werden, sich der geistigen und körperlichen Abläufe bewußt zu werden und zweitens, diesen nicht mehr im Sinne einer unbewußten Reiz-Reaktions-Abfolge automatisch folgen zu müssen.
Die Disziplinierungstechnologien der Meditation sollen die Teilnehmer zur Erfahrung ihrer inneren Prozesse führen und sie damit in die Lage versetzen, sich zu diesen Prozessen überhaupt erst zu verhalten. Hierbei geht es nicht um eine Bewertung der Prozesse oder konkreter Inhalte, sondern allein um die Fähigkeit, diese Prozesse im Idealfall permanent zu beobachten. Die Bewertung wäre nur Ausdruck alter Strukturen oder die Installation neuer 'Urteile'. Dem steht eine Utopie gegenüber, Entscheidungen spontaner auf der Ebene vorurteilsfreierer Erfahrung zu fällen.
Dieser erste Schritt soll gewissermaßen einen Freiheitsraum zwischen Gedanken und Handlungen eröffnen, dessen Gestaltung nun in den Händen des Subjektes liegt. (Natürlich bietet die Praxis auch ein Wissen, wie diese Freiheitsräume gestaltet sein sollten.) Abstrakt geht es dabei um das oben erklärte Ziel des Widerstandes, Herrschaftsverhältnisse im inneren des Körpers für Machtspiele zu öffnen. So gehört zu dieser Form der Selbstbeobachtung neben der Aufdeckung aktueller Zustände, Bedürfnisse und Gefühle auch die Auseinandersetzung mit der 'Wahrheit' und Angemessenheit dieser Zustände.
Nach der Darstellung der Praxis läßt sich die ethische Substanz als »Übung der Achtsamkeit« bestimmen. Die besondere Betonung dieser Übung liegt also anders als im griechischen Kontext, nicht im gleichen Maß auf den konkreten Regeln der Selbstgestaltung, sondern auf der Selbstwahrnehmung als ihrer Grundlage.
Die Substanz der Praxis besteht in der Austattung des Subjekts mit alternativen Techniken und Wissen über die Wahrnehmung seiner Selbst.
Neben den 'regenerativen Effekten' der Meditationspraxis durch die konkrete köperliche und geistige Beruhigung werden typischerweise Veränderungen der eigenen Orientierung und Veränderungen des Verhältnisses zum anderen von den Teilnehmern thematisiert. So berichtet Sabine von einer Erweiterung oder Verschiebung der Prioritäten ihrer Wahrnehmungsmuster. War sie bisher fasziniert von konstruktivistischen Konzepten, treten diese 'sekundären' Konzeptualisierungen von Erfahrung zugunsten der sinnlichen Wahrnehmung ihrer Erfahrungen zurück. Obwohl diese eher intellektualistischen Konzepte weiterhin ihre Gültigkeit behalten, begreift sie sich selbst als 'Gestalter ihrer Spiritualität', steht diesen nun ein anderer Wert der Erfahrung gegenüber. Eine Erfahrung, die sie selbst nicht rational fassen kann, welche aber ihre Position real verändert. "Ich kann das gar nicht so verrationalisieren gerade, also es ist einfach ein Gefühl, in den Tag zu gehen und bei sich zu sein und frei zu sein und einfach nicht überschwemmt zu werden von Dingen."
Besonders diese Fähigkeit, im Ansturm der äußeren Eindrücke, Aufgaben und Ansprüche über ein Bewußtsein des eigenen Zustandes und damit die Möglichkeit des Eingriffs verfügen zu können, ist ein zentraler Effekt der Praxis. Die Teilnehmer empfinden sich bei erfolgreicher Praxis nicht mehr mitgerissen in einem äußeren Strom, sondern können in diesem Strom selbstmächtig agieren. Sabine beschreibt die Wirkungen der Praxis auch als 'Anker'. Diese Verankerung der Persönlichkeit wirkt wiederum verändernd auf das Verhältnis zu anderen. In diesem Zusammenhang wird häufig die Arbeitssituation thematisiert. Im Verhältnis zu ihren Aufgaben empfinden sich die Teilnehmer als konzentrierter, effektiver und weniger überfordert. In ihrem Verhältnis zu den Mitarbeitern schildern sie sich als aufnahmefähiger, verständnisvoller für die Position des anderen aber auch als konfrontativer, da sie wissen, wo sie selber stehen.
Für Sabine bedeutet die Selbstformungspraxis auch eine bewußte Beschränkung der Eindrücke, der sie sich in ihrer Freizeit aussetzt. Diese Beschränkung der Eindrücke und Aktivitäten ermöglicht ihr eine größere und damit befriedigendere Tiefe der Erfahrung. Bei einer anderen Teilnehmerin äußert sich das gleiche Motiv als 'Widerstand' gegen die normierenden Ansprüche der 'Erlebnisgesellschaft'. "Und ich denke so, hm, du hast was falsch gemacht, verdammte Tat, du bist sozial völlig inkompetent, weil du nicht jeden Freitag und jeden Samstag Abend unterwegs bist und, mh, oft denke ich so, mh, was mache ich wirklich falsch, und manchmal schaffe ich es auch zu sagen, nein, es tut mir einfach besser zu Hause zu bleiben, in Ruhe ein Buch zu lesen, das ist eben meine Art."
Die hier beschriebene Versuch des Wechsels von einer 'äußeren Moralcodierung', sei es die Rationalität der 'Erlebnisgesellschaft' oder der Imperativ der 'Nächstenliebe' zu einer 'innengeleiteten' Selbstgestaltung, ist ein weiteres häufig auftretendes Motiv. Die Teilnehmer artikuklieren dies als Versuch, 'Kraft in sich selber suchen', als Abkehr ihrer Suche nach Führung durch Gott oder Gesellschaft.
Die Frage nach dem Unterwerfungsmodus ist die Frage nach der Legitimation der ihres Handelns. Der Einstieg in die Praxis erfolgte im Rahmen einer Suche, deren Ziel in der Lösung eines eher unbestimmten Unbehagens lag. Die Praxis legitimiert sich demnach auch nicht durch die Entscheidung zu einer »Ästhetik der Existenz« deren Ziele und Wirkweise klar wäre. Die Legitimation der Praxis erfolgt für die Teilnehmer in den spürbaren Effekten ihres Handelns und in ihrem Ausbleiben, sobald die Praxis unterbrochen wird.
So formulieren die Teilnehmer auch keine konkreten Ziele ihrer Praxis außer der Integration der Praxis in ihren Alltag. Nur eine der fortgeschritteneren mit unterschiedlichen Traditionen der Selbstformation vertraute Teilnehmerin spricht tatsächlich von dem Ziel, die sie bestimmenden Programmierungen selbst zu verändern. "Wie auch immer trennt uns eben manchmal was von uns - durch dieses - was uns geschieht und anscheinend, manchmal kommt es mir jetzt so vor, als sei der Weg quasi diese CD-Roms, diese Implantate, sie wieder so raus zu ziehen, zu unterscheiden was meins ist und was der anderen ist und die Energie wieder freizusetzen, die da gebunden wurde, um sie positiv, konstruktiv einzusetzen.
Bleibt die Frage ob die hier als »Ästhetik der Existenz« beschriebene Meditationspraxis eine Möglichkeit des Widerstandes gegen Mechanismen moderner Macht bietet. Vielleicht enthält das folgende Resümee eine Antwort.
Die Vorstellung eines »sein Selbst« verwirklichenden Individdums beruht in Ermangelung eines ursprünglichen Selbst auf einem Mythos. Das »ein Selbst« gestaltende Individuum ist zwar mit einer vielleicht ewigen aber doch realen Arbeit konfrontiert. Orientierungspunkte dieser Arbeit werden immer kulturell geprägte, d.h. den Menschen zugängliche Formen sein, motiviert jedoch weniger durch die konkrete Vorstellung einer besseren Zukunft als durch die Kritik des eigenen Zustandes in der Gegenwart und die Suche nach der Möglichkeit des anderen Lebens.
Literatur:
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Bröckling, Ulrich, Susanne Krasmann und Thomas Lemke (Hrsg.): Gouvernementalität der Gegenwart, Studien zur Ökonomie des Sozialen, Frankfurt/ M. 2000.
Dreyfus, H. L. u. P. Rabinow: Michel Foucault: Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik, Frankfurt/ M. 1987.
Erdmann, Eva u.a. (Hrsg.): Ethos der Moderne, Foucaults Kritik der Aufklärung, Frankfurt/ M. 1990.
Foucault, Michel: Freiheit und Selbstsorge, Gespräch mit Michel Foucault am 20. Januar 1984, in: Becker, H. 1985, S. 9-28.
Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge, Eine Archäologie der Humanwissenschaften, Frankfurt/ M. 1999a (1966).
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Foucault, Michel: Die Sorge um Sich, Sexualität und Wahrheit, Dritter Band, Frankfurt/ M. 2000c (1984).
Kögler, Hans Herbert: Fröhliche Subjektivität, Historische Ontologie beim späten Foucault, in: Erdmann, Eva: 1990, S. 202-226.
Kögler, Hans Herbert: Michel Foucault, Stuttgart/ Weimar 1994.
Krasmann, Susanne: Regieren über Freiheit, zur Analyse der Kontrollgesellschaft in foucaultscher Perspektive, in: Kriminologisches Journal, 31. Jg. Weinheim 1999, .2, S. 107-121.
Schmid, Wilhelm: Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst, Die Frage nach dem Grund und die Neubegründung der Ethik bei Foucault, Frankfurt/ M. 2000.
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