Gliederung: I. Wissen als Text Im 34. Aphorismus des ersten Teils seines Novum Organum erläutert Francis Bacon ein Grundproblem bei der Beschreibung seines Vorhabens der Erneuerung der Wissenschaft: "Das, was ich vorbringe, ist weder leicht zu übermitteln noch zu erklären, da ja das in sich Neue immer wieder nach der Art des Alten verstanden wird." (NO 34/97) Ziel seines Vorhabens ist es demgegenüber, die Eigenheit der Menschen, "über Neues nach dem Beispiel des Alten und gemäß ihrer danach gebildeten Phantasie zu schwätzen" (NO 109/229), aufzubrechen. So versucht Bacon, in radikaler Polemik gegen die Scholastik, seine neue philosophische Methode ohne die Berufung auf Autoritäten zu begründen: "Man mag auch entgegnen, es sei etwas Unerhörtes und Hartes, wenn ich alle Wissenschaften und alle Autoren zugleich und wie mit einem Schlag und einem Angriff beseitige, und dies ohne Hilfe und Unterstützung von einem Alten, sondern aus eigenen Kräften." (NO 122/253) M.E. entspricht dem von Bacon aufgeworfenen Erkenntnisproblem - daß das Neue am Beispiel des oder in Analogie zum Alten gedacht wird - ein Problem der Darstellung des in sich Neuen "aus eigenen Kräften". Denn die von Bacon im Novum Organum (1620) anvisierte Erneuerung der Wissenschaften kann einen Zuwachs an Erkenntnissen selbst nur über den Umweg der Darstellung garantieren, die den Nutzen des Neuen im Verhältnis zum Alten profiliert. Dabei ist der Gedanke, daß der Mensch seine Herrschaft über die Natur mit Hilfe der Wissenschaft "bis an die Grenzen des überhaupt Möglichen" (NA 205) ausbauen solle, selbst neu und seinerseits von der Prämisse einer linearen Zeitvorstellung abhängig. Denn angesichts des Fortschritts der Menschheit bei der Entdeckung neuer Länder erscheinen die Vorstellungen, Methoden und Wissenschaften der Alten als unzeitgemäß. Die neue Methode Bacons, die den Fortschritt der Gattung vorantreiben soll, wird demgegenüber in Abgrenzung zur Autorität der Scholastik dargestellt. Gerade der Fortschrittsgedanke erfordert es aber umgekehrt, das Alte in die lineare Zeitvorstellung zu integrieren, d.h. es vom Neuen her umzudeuten. Das Wissen, dessen Methode durch den Text dargestellt werden soll, produziert hier schon den Text, indem es seine Struktur vorgibt. I. Wissen als Text Der Nutzen des neuen Werkzeugs ("novum organum"), das in der neuen Methode der Wissenschaft selbst besteht, dient zunächst als Legitimationsinstanz des Projekts der Instauratio Magna, der großen Erneuerung der Wissenschaften. Die Rückbindung der Wissenschaft an ihren Nutzen für das "gesamte Menschengeschlecht" (NO 129/271) impliziert eine Umdeutung der theologischen Prämissen der alten Wissenschaft. Über den Gedanken des Fortschritts und der Entwicklung, der im Gegensatz zu der theologischen Formel "Nichts Neues unter der Sonne" steht, wird die Aufwertung des Neuen ermöglicht. Die Wissenschaft und ihr Zuwachs, der das menschliche Leben erleichtern soll, werden als Hilfe bei der Entwicklung der Menschheitsgeschichte verstanden. Zwar wird das Neue bei Bacon erkenntnistheoretisch als radikaler Bruch gedacht, in bezug auf die Wissenschaftsgeschichte jedoch zunächst als "Erneuerung" dargestellt. I. 1. Macht durch Wissen: Naturbeherrschung als Ziel der Wissenschaft In A Confession of Faith unterscheidet Bacon die ewigen ("everlasting") Naturgesetze, die die Natur als Ausdruck der "laws of creation" erscheinen lassen (W VII, 220f.) von den "new creations", durch die nur Gott die Naturgesetze brechen kann und die uns als "miracles" erscheinen. (ebd., 221) Dem entspricht im Novum Organum die Unterscheidung zwischen einer Gotteserkenntnis, die sich an den Offenbarungen zu orientieren hat, und der Naturerkenntnis, die der Wissenschaft zukommt. Somit ist die Wissenschaft von der Theologie emanzipiert und Bacon kann verlangen, daß "nüchternen Geistes dem Glauben nur das gegeben wird, was des Glaubens ist" (NO 65/135), wohingegen "Menschenwerk den göttlichen Dingen keinen Abbruch tue". (ebd., 31) Im Gegenteil: Bei Bacon entprechen die Wissenschaft und die Naturbeherrschung Gottes Schöpfungsauftrag. Mit diesem Bündnis zwischen den zuvor getrennten Bereichen Wissenschaft und Theologie wird dem Menschen die Macht über die Natur "bis an die Grenzen des überhaupt Möglichen" (NA 205) eröffnet. Damit ist die aktive Rolle des Menschen in der Geschichte legitimiert: "Es handelt sich (...) nicht bloß um das Glück der Betrachtung, sondern in Wahrheit um die Sache und das Glück der Menschheit und um die Macht zu allen Werken." (NO 65) Die Bedingung dieser Ermächtigung ist allerdings die genaue Erkenntnis der Naturgesetze: "Denn der Mensch als Diener (minister) und Dolmetscher (interpres) der Natur wirkt und weiß nur so viel, wie er von der Ordnung der Natur durch seine Werke oder durch seinen Geist beobachtet hat; mehr weiß er nicht, und mehr vermag er nicht. Denn keine Kraft kann die Kette der Ursachen lösen oder zerbrechen, und die Natur wird nur besiegt, indem man ihr gehorcht. Daher fallen jene Zwillingsziele, die menschliche Wissenschaft und Macht, zusammen, und das Mißlingen der Werke geschieht meist aus Unkenntnis der Ursachen." (ebd.) Dabei ist die Macht des Menschen über die Natur schon als vermittelt gedacht, indem Bacon die neue Methode der Wissenschaft, die die Macht erweitern soll, als "Organum", als Instrument, bezeichnet.4 Die Natur besitzt für Bacon keinen Eigenwert. Sie hat den Rang eines Mittels, das den Stoff für die "Macht zu allen Werken" abgibt. Bei der Schaffung neuer Werke ist der Mensch zwar an die Naturgesetze gebunden, jedoch in seiner Zielsetzung keiner "natürlichen" Zweckmäßigkeit verpflichtet. Im Anhang der englischen Ausgabe der Nova Atlantis zeigt sich an einer Liste von Forschungszielen nochmals die schon in "Of Innovations" formulierte Idee, dem natürlichen Lauf der Dinge, der diese zum Verfall verdammt hat, durch menschliche Neuschöpfung entgegenzutreten.5 Die Kenntnis der Natur hat keinen Selbstzweck, sondern wird dazu benötigt, diese nach menschlicher Zwecksetzung umzumodeln. Die Nachahmung der Natur (NA 212) dient ihrer Beherrschung. So steht auf der Liste der wissenschaftlichen Zielsetzungen die Hervorbringung neuer Stoffe (W III, 168), die Neuzüchtung und Neukombination von Pflanzen und Tieren (NA 212) und schließlich folgerichtig die Erschaffung von "künstlichen Menschen". (ebd.) Der Mensch, der mit Gottes Einverständnis über die Natur verfügt6, bringt am Ende in seiner Eigenschaft als "second maker" nicht nur die gesamte Natur als künstlich verdoppelte (NA 205ff.), sondern auch sich selbst noch einmal neu hervor. I. 2. Der Nutzen der Erfindungen zum Wohle der ganzen Menschheit Wie schon beschrieben, hat die neue Methode der Naturerkenntnis, die Bacon vorschlägt, instrumentellen Charakter. Sie dient nicht der Kontemplation oder der Erkenntnis einer transzendenten Weltordnung im Spiegel der Seele bzw. in den "vestigia dei", sondern sie soll damit legitimiert werden, daß sie den Nutzen der gesamten Menschheit befördert. "Gerade weil Bacon im Rahmen seines wissenssoziologischen Ansatzes überzeugt ist, daß zwischen Erkenntnissystemen keine Entscheidung erzwungen werden kann, müssen die Gründe für die Option aus einem Diskurs über die Berechtigung der Ziele der Erkenntnis gezogen werden. Bacons zentrales Argument ist einfach und schlagend: Eine Wissenschaft, die auf die Herrschaft über die Natur in Werken, d.i. auf Technik zielt und die Natur nach diesem Ziel erkennt, bietet die Möglichkeit, allen zu nutzen, ohne einigen zu schaden." (Krohn 1987, XXXVIII) Die Textstrategie, mit der dieses Ziel profiliert wird, legitimiert das Neue durch den Aufweis der Unfruchtbarkeit der alten Methoden hinsichtlich ihres Nutzens. Gleichzeitig beruft sich Bacon, um die "Vortrefflichkeit des Zieles" der neuen Wissenschaft (NO 129, 267) zu verdeutlichen, auf die Fortschrittsgeschichte. I. 3. Die Konstruktion der Fortschrittsgeschichte Grundlegend für Bacons Geschichtskonstruktion ist, daß er die Antike als Kindheit der Menschheitsentwicklung beschreibt. 7 Damit dreht er den scholastischen Autoritätsglauben um, dem die Weisheit des Altertums als verbindlich galt. Über diese Umkehrung gelingt es Bacon, ein lineares Geschichtsbild zu entwickeln. Die Bedingung hierfür ist die Erfahrung der geographischen Überschreitung der Grenzen der alten Welt durch Kolumbus. Von dorther kritisiert Bacon die Beschränkung der Antike hinsichtlich ihrer "Kenntnisse der Zeit und des Erdkreises" und ihre Geschichtslosigkeit im Gegensatz zur Neuzeit: "In unserer Zeit sind indes die meisten Teile des neuen Kontinents und die Grenzen der alten Welt allseitig bekannt; der Schatz der Erfahrung ist ins Unermeßliche gewachsen." (ebd., 155) Hier wird deutlich, daß Bacon die Antike als Kindesalter in sein lineares Geschichtsbild einordnen kann, während er ihre Erklärungsmodelle in der Neuzeit als anachronistisch ablehnen muß. Der Schulphilosophie stellt er das "Wachstum der Wissenschaften" (De Augmentis Scientiarum 1623) und den "Fortschritt des Lernens" (The Advancement of Learning 1603) gegenüber. Diese Entwicklung, die Bacon in seinem linearen Geschichtsvertändnis darstellt, ist in Richtung Zukunft offen. Das Vorhaben der Wissenschaft ist für Bacon ein kooperatives, das sich mit der Zeit entfalten soll und über das Leben des einzelnen hinausgeht. Zunächst sollen Experimente schriftlich niedergelegt (NO 101/219) und gesammelt werden (ebd., 99/ 217), um dadurch die Regeln der Natur zu erkennen, die die Grundlage für die Schaffung neuer Werke darstellen. (ebd., 103/221) Die Erstellung dieser "Naturgeschichte" glaubt Bacon weder innerhalb seines Lebens vollenden zu können, noch geht er von der Fehlerlosigkeit seiner Theorie aus (ebd., 116/241).Vielmehr scheint ihm "die Zeit (...) dafür noch nicht reif zu sein" (ebd.), so daß er es nur vermöge, "einstweilen die Samenkörner der reineren Wahrheit für die Nachwelt" (ebd., 143) zu streuen. II. Text (Bild) als Wissen: Das Neue als Inszenierung der Grenzüberschreitung auf dem Titelkupfer der Instauratia Magna Die textuelle Strategie, die das Wissen und seinen Nutzen vermitteln soll, wird von einer visuellen Strategie ergänzt. Auf dem Titelkupfer der Instauratia Magna ist ein Schiff zu sehen, das dabei ist, die von den Säulen des Herakles symbolisierten Grenzen der alten Welt zu überschreiten. Flankiert wird das Schiff zur linken von einem Delphin, der in der Emblematik des siebzehnten Jahrhunderts für Neugier und Hilfe steht, und zur rechten von einem vogelartigen Wesen. Im Vordergrund befindet sich ein walartiges Seetier, das Gefahr symbolisiert, doch keine Anstalten macht, das Schiff an der Durchfahrt zu hindern oder es gar anzugreifen. In der Antike war das Schiff ein Motiv sowohl für die menschliche Seele als auch für den Staat und den Kosmos.8 Bacon spielt mit der ganzen Bandbreite dieser Symbolik, da es etwa beim Staatsschiff, dessen Dartstellung in der Emblematik des siebzehnten Jahrhunders verbreitet war, auf die richtige Lenkung ankommt. II.1. Die Überwindung der geistigen Grenzen Auf der Ebene des Schiffs als Symbol für den Kosmos überlagern sich antike und biblische Metaphorik. Denn die Darstellung des Wassers und des Himmels, sowie der Erde und der Pflanzen, die die Säulen umgeben, und der Tiere, die teils neugierig, teils bedrohlich dargestellt sind, assoziiert die gesamte Schöpfung. Aus der Richtung der geblähten Segel läßt sich vermuten, daß das Schiff von Osten, aus der Antike nach Westen getrieben wird. Da der Betrachter, sowohl was die Perspektive des Bildes als auch was die geographischen Gegebenheiten angeht, schon dort ist, liegt es nahe, das Bild auf einer metaphorischen Ebene als Überwindung der geistigen Grenzen zu verstehen. Bemerkenswert ist, daß das Schiff des Fortschritts ein Geisterschiff ist, auf dem sich keine Menschen befinden. Es fährt auf den Betrachter zu, um ihn dort abzuholen, wo er im Geiste schon ist. Dies wird durch die Perspektive nahegelegt, die den Betrachter nicht im räumlichen Sinne, von einem anderen Schiff aus, auf das Schiff sehen läßt, sondern aus einer Vogelperspektive. So kommt auch das Licht von jenseits der Säulen, die die alte Welt begrenzen, wie sich an der Spiegelung des Lichts an den Säulen und den aufgeblähten Segeln feststellen läßt. Damit ist Bacons Diktum von der lichtbringenden Erkenntnis in diesem Bild ausgedrückt.9 Das Licht, das Gott am ersten Tag schuf, und in Analogie zu dem der Mensch die Natur erkennen soll, kommt von jenseits der alten Welt, aus dem Geist des Betrachters selbst, der die Grenzen der alten Welt, deren Himmel von Wolken verdunkelt ist, nicht nur geographisch, sondern intellektuell überwinden soll. Eine Hilfe bietet dabei Bacons Instauratia Magna, deren Titel von der Sonne, die jenseits des Bildes liegt, hell angestrahlt wird. Nicht Gott blickt hier auf den Menschen herab, sondern der Mensch auf sich selbst. Nicht mehr Gott muß den Leviathan, an den das Seetier im Vordergrund des Bildes erinnert, töten, wie es in Jesaja 27, 1 heißt, sondern der Mensch kann durch die Wissenschaft seine Herrschaft über die Natur behaupten und ausdehnen. So kann man den Fortschritt der Wissenschaften auf der Grundlage der Metaphorik von Psalm 104, "Ein Loblied auf den Schöpfer" verstehen. "Du verankerst die Balken deiner Wohnung im Wasser. Du nimmst dir die Wolken zum Wagen, du fährst einher auf den Flügeln des Sturmes. (...) Du hast die Erde auf Pfeiler gegründet; (...) Du hast den Wassern eine Grenze gesetzt, die dürfen sie nicht überschreiten. (...) Da ist das Meer, so groß und weit, darin ein Gewimmel ohne Zahl: kleine und große Tiere. Dort ziehen Schiffe dahin, auch der Leviathan, den du geformt hast, um mit ihnen zu spielen." (Ps 104, 24-26) Innerhalb dieser Schöpfung ist für Bacon allerdings der Mensch selbst "dem Menschen ein Gott." (NO 129, 269) Denn seine "Erfindungen sind gleichsam neue Schöpfungen (novae creationes) und sind Nachahmungen der göttlichen Werke ("divinorum operum imitamenta"). (ebd.) Die Macht Gottes, "das Antliz der Erde" zu "erneuer[n]" (Psalm 104, 30), geht bei Bacon auf die weltliche Herrschaft des Menschen über. II.2. Die Überwindung geographischer Grenzen Hinsichtlich der politischen Dimension nimmt die Darstellung der Säulen auch Bezug auf das Wappen Karls des V., dessen Krone auf Gemälden und Münzen zwischen den Grenzen der alten Welt unter seinem Motto der Grenzüberschreitung: "Plus Ultra" dargestellt wurde.10 Earl Rosenthal, der diesem Motto eine umfassende und erschöpfende Untersuchung gewidmet hat, unterscheidet schon für die Antike zwischen einer geographischen Bedeutung der Säulen als Orientierungspunkt (Rosenthal 1971, 210), und ihrer mahnenden Funktion, die Grenzen der alten Welt nicht auf das offene Meer hin zu überschreiten. Dahingegen standen die Säulen zur Zeit Karls des V. für die Wagnisse des Prometheus und den Abenteuergeist, etwa eines Kolumbus.11 Im Anschluß daran interpretierten die meisten Emblematen im späten sechzehnten Jahrhundert das "Plus ultra to be a youthful announcement of Charles's intention to extend his empire 'yet further' into the New World." (ebd., 217)12 Hier werden die imperialistischen Implikationen der geographischen Grenzüberschreitung deutlich. II.3. Der Mensch als Selbstschöpfer Wir haben an Rosenthals Darstellung gesehen, daß auch Prometheus mit der Symbolik der Grenzüberschreitung in Verbindung gebracht werden kann. Diese Figur versinnbildlicht in Bacons De sapientia veterum (The Wisdom of the Ancients) die "providence", deren Werk die "creation and constitution of man" ist. (VII, 747) Das größte Wagnis des Prometheus besteht nach Bacon darin, die göttliche Weisheit selbst unter die Herrschaft des vernünftigen Menschen zu bringen. (ebd., 752f.) III. Wissenschaft, Macht und Politik Wir haben gesehen, daß Bacon einerseits ein Verfahren entwickelt, das die vorherigen Wissensmodelle einer Kritik unterzieht, indem es sie umdeutet und damit zur Disposition stellt. Andererseits bietet dieses Verfahren durch seine teleologische Ausrichtung, was das am linearen wissenschaftlichen Fortschritt ausgerichtete Geschichtsbild betrifft, keine internen Revisionsmöglichkeiten mehr an. An der Darstellung der Fortschrittsgeschichte hat sich gezeigt, daß Bacon Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wie Perlen auf eine Schnur reiht. Dabei bedarf es zur Legitimation der gegenwärtigen Forschungsinteressen, die sich auf die Zukunft ausdehnen sollen, einer Umdeutung des Alten, die dieses in das Fortschrittsbild einreiht, um so das Neue zu legitimieren. Der dazu vorausgesetzten Verfügbarkeit der Vergangenheit entspricht die von Bacon angenommene Verfügbarkeit der Natur. Bacons Idee, das Ziel der "Herrschaft" einer Nation "über das menschliche Geschlecht" durch die "Herrschaft des gesamten Menschengeschlechts selbst über die Gesamtheit der Natur" abzulösen (NO 129, 271), erscheint allerdings zweifelhaft. Sein Optimismus, daß die Erfindungen allen Nutzen würden, geht auf die Vorstellung einer politischen Indifferenz der Technik zurück. Doch seine Beispiele Schießpulver und Kompaß zeigen durchaus, daß die Wertschätzung neuer Erfindungen von ihrem Nutzen für ganz bestimmte Zwecke, die im Falle dieser Beispiele mit der Ausdehnung der Macht bestimmter Nationen verbunden waren, abhängt. Bacon stellt das Verdienst des Erfinders über das etwa der "Befreier [] des Vaterlandes von dauerndem Elend" durch Tyrannenherrschaft. (NO 129, 267)15 Sein Argument lautet, daß die "Wohltaten der Erfinder" der ganzen Menschheit "zugute kommmen", und im Unterschied zu den politischen Wohltaten weder örtlich noch zeitlich befristet sind. (ebd. 269) Ferner seien Erfindungen nicht wie politische "Verbesserungen" mit "Unrecht" oder "Leid" verbunden. (ebd.) Hier sind Bedenken angebracht, denn für oder gegen wen die Erfindungen eingesetzt werden, ist eine Frage, die eng mit der nach ihrem Nutzen zusammenhängt. Im zweiten Teil habe ich auf die geographische Dimension der Säulenmetaphorik hingewiesen, in der Grenzüberschreitung auch die Erweiterung der Macht bedeutet. Die "gesamte Menschheit" zeichnet sich auch für Bacon bei genauerem Hinsehen gerade durch die "Verschiedenheit" der "Lebenslage[]" der Völker aus, die sich aus dem wiederum differierenden Stand ihrer wissenschaftlichen Entwicklung ergibt. (ebd., 269) Die einheitliche Fortschrittsgeschichte, die Bacon konstruiert, ist aber vor allem die eigene. Wie wir gesehen haben, wird das Neue durch die Transformation des Alten darstellbar. Dieses wird, indem es in der Umdeutung seine "Vollendung" (NO 39) erreicht, zum "Spiegel" des Neuen. (NA 195) In der Nova Atlantis können wir eine Verdopplung beobachten. Jenseits der geographischen Grenzen der alten Welt treffen die mit dem Schiff ausgerückten Europäer auf eine avanciertere Version von sich selbst. (Vgl. Boesky 1997) Die Entwicklungsgeschichte der Einwohner Bensalems verdoppelt in Bacons Utopie die ihrer Besucher. Beide Geschichten sollen dadurch in eine Kontinuität gebracht werden, daß die Ankömmlinge die Botschaft Bensalems in aller Welt verbreiten. Hier geht es nicht um den Bericht von der Entdeckung eines neuen Landes, sondern um die Legitimation der eigenen Entwicklungsgeschichte im Imaginären. Auf Neu-Atlantis wird gar nichts Neues vorgefunden, sondern in Bensalem findet sich der wissenschaftsgläubige Europäer nur selbst wieder. Dieses und andere Probleme der Baconschen Fortschrittskonzeption können im Anschluß an meinen Vortrag geklärt werden. Anmerkungen
Literatur Boesky, A. 1997: Bacon's New Atlantis and the laboratory of prose, in: E. Fowler/R. Greene (ed.): The project of prose in early modern Europe and the New World, Cambridge, 138-153. Abkürzungen: NO: Francis Bacon: Neues Organon, lat.-deutsch, hrsg. v. W. Krohn, übers. v. R. Hoffmann, Hamburg 21999, 2 Bde. |