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Barbara Rößer, Universität Regensburg
Über die Qualität des Wollens - Erzieherische Ableitungen aus Michel Foucaults Subjektbegriff |
Der momentane gesellschaftliche Diskurs ist davon dominiert, dass permanent Selbstbestimmungsmomente des Handelns der Arbeits- und Lernsubjekte betont werden. Er ignoriert dabei die Effekte der voneinander untrennbaren Konstituenzien von 'Fremd'- und 'Selbsttechniken' und verweigert somit eine Reflexion der Genese des Subjekts. Durch diese Ideologisierung ist es möglich, den Autonomiegedanken für jeweilige gesellschaftliche Zwecke zu instrumentalisieren. Obwohl das auf den ersten Blick 'freie Wollen' strukturell dominiert ist, kann diese Verzweckung gelingen, da sie an der Schnittstelle externaler und internaler Motivation stattfindet. Ich möchte im folgenden rekonstruktiv mögliche Prozesse abtasten, die an der Genese eines spezifischen Wollens beteiligt sein können.
Teil I
1. Selbstproduktion des Subjekts und Verinnerlichung aufgetragenen Denkens, Fühlens und Handelns:
Die praktische Relevanz dieser Behauptungen soll am Beispiel neuerer betrieblicher Personalstrategien verdeutlicht werden. Aus Humanisierungsforderungen und profitstrategischen überlegungen heraus wird die Subjektivität der Arbeitskraft bzw. werden alle Formen immaterieller Arbeit in zunehmendem Maße notwendige Ressource und Essenz des Arbeitsprozesses. D.h. es genügt nicht allein, 'hard skills' zu investieren, also erlernte Handgriffe auszuführen oder planbare Handlungsabläufe zu vollziehen, vielmehr ermöglichen und fordern neue Arbeitsformen den flexiblen Einsatz von Handlungen aus dem Fundus polyvalenter Subjektivität. Selbstbestimmung, Selbstorganisation, Selbsttätigkeit ja sogar Selbstverwirklichung sind neuerdings wünschenswerte Grunddispositionen von Erwerbsarbeit.
Diese Selbstproduktion des Subjekts absorbiert von außen an das Subjekt herangetragene Restriktion und Produktion. D.h. das Subjekt ist fähig und bereit, das Verbieten/Unterdrücken und Fördern/Hervorbringen arbeitsrelevanter Handlungen und Einstellungen an sich selbst zu praktizieren. Dieser Prozess der Verinnerlichung von außen aufgetragenen Denkens, Fühlens und Handelns erst lässt die Arbeitskraft, d.h. den ganzen Menschen und seine Arbeitsleistung, so perfekt zur Ware werden. Die Kalkulierbarkeit des Austauschverhältnisses von Lohn und erwarteter Arbeitsleistung wird durch diese Selbstproduktion gesichert. In dieser Internalisierung liegt das wesentliche Potential der Erschließung von Wissen, Erfahrung, Verantwortung, Motivation, Innovation, Leidenschaft, (präventiver) Qualitätssicherung, Kooperation, Bereitschaft usw., um nur einige Aspekte auf diese Weise erschließbaren Leistungsvermögens zu nennen.
2. Zwischen Ent-Entfremdung und Ausbeutung:
Die Effekte einer öffnung und Mobilisierung von Subjektivität bewegen sich in der Ambivalenz von Ent-Entfremdung und effektivierter Ausnutzung des Arbeitssubjekts. Die Literatur bietet in diesem Zusammenhang meist Interpretationen, die entweder auf ersteres oder letzteres verweisen. Doch lassen sich die Extreme dieser Ambivalenz nicht getrennt voneinander vorstellen. Beide Akzentuierungen können isoliert voneinander argumentativ gestützt wie gestürzt werden. Doch sinnvoll sind sie nur in ihrer Verwobenheit zu denken.
Als Analysematrix kann dabei Foucaults Konzeption von Macht hilfreich sein. Er geht in seinen Analysen von einer Vereinbarkeit von Freiheit und Macht, von Produktivität und Repressivität des Handelns aus, die sogar in einem konstitutiven Verhältnis zueinander stehen. Selbstdisziplinierung und Selbstentmachtung sind an die Stelle der gewaltförmigen Unterwerfung seitens Dritter gerückt.
Neue Disziplinartechniken - wie sie in "überwachen und Strafen" (1976) von Michel Foucault beschrieben sind - durchdringen unsere Kultur und sind gerade in ihrer Unsichtbarkeit und Subjektlosigkeit funktional und produktiv. Wie oben beschrieben, ist die Peitsche abgelöst durch eine Disziplinierung durch sich selbst. Der Kontrast zwischen destruktiver und produktiver Macht zielt auf die Dekonstruktion des Gegensatzes von Macht und Freiheit. Denn Machtverhältnisse wirken nicht allein in Zwangssituationen, sondern finden ebenso in Momenten freier Entscheidung statt. Gerade am Beispiel verinnerlichter Anforderungen zeigt sich, wie fließend die Grenze zwischen Wollen und Sollen ist. Macht und Freiheit stehen in einem agonistischen "Verhältnis, das zugleich gegenseitige Anstachelung und Kampf ist" (Dreyfus 1987: 256). Dies hat zwei Seiten: Die Widerspenstigkeit des Wollens muss mit Macht beantwortet werden und: Macht produziert sich am wirksamsten in Freiheit.
Insbesondere in der Immaterialisierung von Arbeit verlagert sich das vom äußeren Zwang bestimmte Verhältnis von offensichtlicher, kontrollierbar zu erbringender Arbeit (hard skills) hin zu einer diffusen Verschmelzung von Aspekten der Freiwilligkeit und des Zwanges, der Selbstbestimmung und der Unterworfenheit. Durch diese Verlagerung der Arbeitsmotivation vom Zwang zum engagierten freiwilligen Einsatz muss die Qualität des Wollens völlig neu reflektiert werden. Dies rührt daher, dass immaterielle Arbeit nur über den willentlichen Einsatz vielfältiger Dimensionen von Subjektivität erbracht werden kann. Sie muss also auf dem Wollen basieren, bleibt aber gleichzeitig abgeforderte Leistung. So ist dieses strukturelle Moment subjektiv immer begleitet von dem Eindruck innerer Motivation. Eine subjektive Bestimmung der Qualität des Wollens zerbricht also meist daran, dass die Ursache des Wollens von unterschiedlichsten Deutungsmustern überprägt ist. Wie kann die Genese des Wollens auch mit subjektiven Interpretationen erfasst werden?
3. Diffusierung durch die Entgrenzung von Erwerbs- und Privatleben:
Dieser Prozess der Verflüssigung der Identifikation der Qualität des Wollens wird unterstützt durch einen spezifischen Mechanismus immaterieller Arbeit.
Die Immaterialisierung der Erwerbsarbeit ermöglicht den Unternehmen, sich immer mehr Nicht-Erwerbsarbeit und Zeiten der Nicht-Arbeit einzuverleiben. ... Die Einverleibung von Nicht-Arbeit, von Muße, verläuft über das Zeitempfinden, über Kommunikation, Sinngebung, Gefühle und Intellekt. Vielleicht ist Lifestyle dafür ein Oberbegriff." (Möller 2000: 221)
Carola Möllers These mündet in der Aussage:
über immaterielle Erwerbsarbeit vereinnahmt der Auftraggeber in erhöhtem Maße unbezahlte Arbeit. Er vereinnahmt nicht nur die Arbeitskraft, sondern weithin auch das Privatleben der Arbeitenden und derer, die mit ihnen zusammen leben." (Möller 2000: 215)
Immaterielle Arbeit forciert damit die Entgrenzung von Erwerbs- und Privatleben (vgl. Voß 1998: 480) und produziert die Verschmelzung von Produktion, Konsum, Arbeit und Leben (vgl. Lazzarato 1998: 39). Geht man davon aus, dass Erwerbs- und Privatleben auf unterschiedliche Weise das Spannungsverhältnis innerer und äußerer Ansprüche bewältigen und Privatheit als Feld relativer Selbstbestimmung gelten kann, löst sich mit der Verschmelzung der Sphären zunehmend eine genaue Erkennbarkeit selbstbestimmt bzw. heteronom gesetzter Zwecke auf. Sind Gestalt und Gehalt der Arbeit oder die Einstellung zu ihr dem Privatleben entnommen, kann vermutet werden, dass das 'Selbstwollen' von Art und Umfang der Arbeit subjektiv im Vordergrund stehen. Diese überlappung der Sphären ist ein ständiger Prozess, der eine genaue Abgrenzung geforderterer Erwerbslebensarbeit und freiwilliger Privatlebensarbeit und damit auch die Erfassung der Qualität des Wollens uneindeutig werden lässt.
4. Das Subjekt als Produkt und Produzent:
Resultat, erwünschter Effekt aber auch Motor dieses Prozesses ist, was Negri et al. (1997) mit Bezugnahme auf Foucault schreiben: "Das Subjekt ist zu gleicher Zeit Produkt und Produzent, konstituiert und konstituierend in den weiten Netzwerken gesellschaftlicher Arbeit." (ebd.: 17) Das Subjekt ist sich Sender und ist gleichzeitig Adressat von Anforderungen. Es sind die Arbeitssubjekte selbst, die dieses Verhältnis konstituieren, das ebenso strategischen Einwirkungen geschuldet ist. Gerade diese Verwobenheit von Handeln und Unterworfensein muss also Grundlage einer Analyse der Qualität von Subjektivität, der Qualität des Wollens sein.
5. Das Wollen wird in asymmetrischer Ordnung zur Disposition gestellt:
Ist der Grad an Selbstbestimmung Messlatte für gerechte Arbeit, wie es sich in der Humanisierungsdebatte durchgesetzt hat, wird das Wollen zur Verhandlungssache und zur Disposition gestellt. Selbstbestimmung als Ziel der Ent-Entfremdung wird zum Angriffspunkt unterschiedlicher Interessen. Sie ist damit einer zentralen Voraussetzung beraubt, nämlich sich in weitgehend anforderungsfreien Kontexten entwickeln zu können. Sie ist ein von Arbeit und Kapital getragener und erwünschter Imperativ, wenn auch mit unterschiedlicher Zwecksetzung. Dieser auf das Wollen gerichtete Imperativ findet - und das ist für die Problemstellung entscheidend - in einem Feld asymmetrischer Ordnung statt, die an den Interpretationen dieser Wollensprozesse mitarbeitet. Die so geartete Ordnung stellt sich über das Verhältnis Arbeit und Kapital her. Es liegt im Interesse des Arbeitssubjekts, selbstbestimmt zu sein und im Interesse des Unternehmens, das Arbeitssubjekt zu veranlassen, sich selbstbestimmt zu fühlen bzw. aus dem Gefühl von Selbstbestimmung heraus effektivierte Leistung zu erbringen. Der gemeinsame Imperativ einer relativ diffusen Sache entscheidet sich also innerhalb eines asymmetrischen Verhältnisses. Innerhalb dieser Relation produzieren sich Machtverhältnisse in der "Option für Selbstbestimmung und Selbstfindung, also in der Privilegierung des Selbst." (Meyer-Drawe 1996 a: 656). Der Schleier, der über Selbst- und Fremdforderungen liegt und die Betonung respektierter Subjektivität begünstigt, verdichtet sich so über der Illusion von Autonomie und der Betonung von Selbstbestimmungschancen. Er lässt Machtwirkungen, die auf die Interpretation der Qualität des Wollens Einfluss zu nehmen imstande sind, unsichtbar und schwer greifbar werden.
6. In welchem Verhältnis stehen Wollen, Diskurs und Macht?
Indem Diskurse an der Entgrenzung, also Verflüssigung von Selbst- und Fremdproduktion von Handlungen und Einstellungen arbeiten, forcieren sie eine Auflösung des dialektischen Verhältnisses von Autonomie und Zwang zugunsten empfundener Selbstbestimmung und unabhängiger Subjektivität. Aussagen über die Qualität von (im betrieblichen Kontext operationalisierter) Subjektivität können lediglich über deren tabuloses Hinterfragen und über die Frage gelingen, wie diese Machtbeziehungen rationalisiert werden. Subjektive Interpretationen können dagegen nur in diffuser Komplexität erstarren.
Macht und Diskurs stellen als Analyseraster jedoch einen Versuch dar, die Effekte sozialer Praktiken rekonstruierbar zu machen. In welchem Verhältnis stehen Diskursproduktion und gesellschaftliche Machtbeziehungen? Andrea Seier schreibt:
vom Diskurs geht insofern eine machtvolle Wirkung aus, als er ein spezifisches Wissen produziert, indem er Gegenstände auf eine bestimmte Weise erfahrbar macht und in diesem Sinne soziale Wirklichkeiten erst schafft. (Seier 1999: 77)
Es gilt zu rekonstruieren, wie "die Wahrheitswirkungen im Innern von Diskursen entstehen, die in sich weder wahr noch falsch sind" (Foucault 1978: 34). Diskurse fügen sich aber auch als Effekte repressiver und produktiver Machtbeziehungen in eine spezifische Ordnung, in der sie gebändigt werden. Andererseits birgt gerade das Zufällige und Widerspenstige der Diskurse Machtförmigkeit. Diskurse sind Bestandteil in einem Netz von Machtbeziehungen und unterstehen einem strategischen Imperativ. Es ist also hilfreich, die Funktionen und Zwecke von Diskursen zu rekonstruieren.
[Die] Welt des Diskurses ist nicht zweigeteilt zwischen dem zugelassenen und dem ausgeschlossenen, zwischen dem herrschenden und dem beherrschten Diskurs. Sie ist als eine Vielfältigkeit von diskursiven Elementen, die in verschiedenartigen Strategien ihre Rolle spielen können, zu rekonstruieren. Diese Verteilung, mit allem was sie an geforderten und untersagten äußerungen enthält, mit den Varianten und unterschiedlichen Wirkungen je nach dem, wer spricht, seiner Machtposition und seinem institutionellen Kontext, mit all ihren Verschiebungen und Wiederbenutzungen identischer Formeln zu entgegengesetzten Zwecken - diese Verteilung gilt es zu rekonstruieren. (Foucault 1992: 122)
Diskurse produzieren Macht und unterminieren sie gleichzeitig. D.h. ein Reden über eine Sache kann Inhalte definieren und auf zweierlei Art erfolgen, dass es nämlich der Macht zuarbeitet und ihre Zwecke stützt oder dass es diesen entgegenarbeitet. In der Lesart Foucaults sind Diskurse Ausgangspunkt für entgegengesetzte Strategien. Sie sind Transformationsmatrize unaufhörlicher Modifikationen. Interessant ist dabei die Analyse der Bruchlinien, an denen Inhalte machtförmig wirksam werden. Macht und Diskurs dienen in ihrer methodologischen Funktion dazu, "in jedem Moment der Analyse einen bestimmten Inhalt, ein bestimmtes Wissenselement, einen bestimmten Machtmechanismus präzis bezeichnen (zu) können" (Foucault 1992: 33). Das scheinbar Diffuse Strategie zu nennen ist ein Versuch, Struktur und Klärung in Ideologisierungsmomente zu bringen. Über das Analyseraster Macht und Diskurs wird das Nichtidentifizierbare greifbarer. Eine Analyse der Qualität des Wollens wirft deshalb sinnvoll einen Blick auf das Reden über dieses Wollen, um es erklärbarer zu machen.
Teil II
7. Die Rolle der Erziehung:
(Ich verwende den Begriff 'Erziehung' und meine damit eine qualifizierte Theorie und Praxis, die an der Unterstützung von Veränderungsprozessen des Subjekts beteiligt ist.)
Auch "Erziehung hat kräftig darin mitgearbeitet, Individualität im Sprechen hervorzubringen, ohne sich selbst als Verfahren der Produktion in Frage zu stellen" (Meyer-Drawe 1996 a: 656). Sie steht bei einer Intervention (in dem von mir gewählten Beispiel, nämlich) in betrieblichem Kontext, vor dem Dilemma, Selbstbestimmung - ein genuin erzieherisches Thema - von ihrer Zweckbestimmtheit in eine Mittelhaftigkeit zu überführen. Sie entfernt sich also davon, Hilfestellung zu mehr Selbstbestimmung zu geben, damit das Subjekt aufgrund dieser Disposition zu autonomer Zielerreichung fähig ist, und fördert stattdessen in erster Linie Selbstbestimmung als Mittel zur effizienteren Erfüllung betrieblicher Anforderungen. Selbstbestimmung zuzulassen setzt Potentiale frei und spart Kontrollinstanzen. Damit trägt Erziehung die gesellschaftlich durchgesetzte Neubesetzung von Selbsttätigkeit, im Sinne einer regelrechten Beungünstigung der Subjekte von Erziehung, mit.
Ohne aufzuzählen, welche Aufgaben Erziehung innerhalb einer normativen Argumentation ergreifen müsste, möchte ich meine Ausführungen dennoch auf die Frage konzentrieren: Wie kann nun die Erziehung an einer Annäherung an Selbstbestimmung mitwirken und dabei die Entwicklung der Individuen und der Gesellschaft verfolgen, ohne den Nutzen aus der Selbstbestimmung auf wenige zu konzentrieren? Dies ist tatsächlich ein Appell, erstens die erzieherische Intention - sei es, dass sie Respekt gegenüber dem Subjekt der Erziehung oder ökonomische Strategie beinhaltet - zu hinterfragen, zweitens die Effekte dieser Hervorbringung als ambivalent und problematisch zu reflektieren und drittens Konsequenzen daraus zu erarbeiten.
Subjektivität als kontingente Subjektivität gedacht, bildet einen Ansatzpunkt erzieherischer Reflexion und führt zu einer Antwort auf die Frage, wie Erziehung innerhalb des gesellschaftlichen Imperativs der Selbstbestimmung professionell agieren könnte. Subjektivität als kontingente zu denken hieße, die Rolle zu verändern, die eine Erziehung sich selbst zuweist. Eine Erziehung, die mit folgender Unstimmigkeit konfrontiert ist: das Subjekt konstituiert sich aus der Rezeption seiner Umwelt - in dem Sinn ist Erziehung notwendig, andererseits fußt und zielt subjektives Handeln gleichzeitig auf Freiheit und Autonomie - so gesehen ist Erziehung unmöglich. Erziehung steht also zwischen der Annahme der Entwicklungsnotwendigkeit des Subjekts und dem Respekt vor einer modernen Interpretation des - autonomen - Subjekts, der konsequenterweise nach sich ziehen müsste, erzieherisches Handeln zurückzuhalten. Subjektivität ist nicht in der Polarität von Selbst und Fremd zu denken, sondern in der Akzeptanz und dem Aushalten von Dissonanzen!
Trotz dieser Dekonstruktion erzieherischer Notwendigkeit bleibt Subjektivität als eine in ihrer Selbstveränderung auf andere angewiesene Subjektivität zu denken. Der Begriff der Bildsamkeit eignet sich meiner Meinung nach sehr gut, diese Dialektik zu beschreiben. Mit dem Begriff der Bildsamkeit sind nämlich die Momente der Einwirkung und der Selbstproduktion angesprochen. Bildsamkeit ist eine Disposition, die aber auch in Wechselwirkung mit umweltlichen Bedingungen entsteht. Eine 'Pädagogik der Bildsamkeit' in der Interpretation, dass pädagogische Fremdaufforderung Selbsttätigkeit initiieren könne und müsse (vgl. Benner 1987: 65), verstrickt sich allerdings in den Widerspruch, zu etwas aufzufordern, zu dem sinnvoll nicht aufgefordert werden kann. Bildsamkeit kann nicht Einfallstor erzieherischer Praxis sein, sondern ist vielmehr ein Ansprechbarkeit, ein Disposition, eine Angewiesenheit, und zwar in Freiheit. (vgl. Ricken 1999)
Lernen sei als Beispiel genannt für die Dialektik, die in diesem Prozess als rezeptivem wie selbstorganisiertem steckt. Käte Meyer-Drawe begreift Lernen als engagierte Passivität (vgl. Meyer-Drawe 1996 b: 97f.), denn Lernen bewegt sich als Zustandsveränderung durch Erfahrung immer in der Helix, ein rezeptiver wie selbstorganisierter Prozess zu sein.
8. Der Kontingenzbegriff als Raster, Subjektivität zu beschreiben:
Wie in Teil I bereits angedeutet, ist innerhalb des Selbstverhältnisses des Menschen zu sich selbst, in dem Selbstbeschreibungen im Zentrum stehen, die Konstituiertheit und Bedingtheit von Subjektivität von besonderer Bedeutung. Der Streit ums Subjekt (zwischen Autonomie und Rezeptivität) muss aufgenommen, kann aber nicht endgültig entschieden werden. Damit möchte ich zum Begriff der Kontingenz zurückkommen.
Der in der abendländischen Tradition für solch 'schwierige Zwischenlagen' entwickelte Begriff der Kontingenz bietet sich als möglicher Leitfaden einer veränderten Beweisaufnahme an ... als doppelte Negation - Nichtnotwendigkeit wie Nichtunmöglichkeit zugleich. (Ricken 1999: 208 f.)
Erzieherisches Handeln "ist notwendig, in dieser Konzeption unbedingter Freiheit aber nahezu unmöglich. Programmatisch hat Kant das 'pädagogische Paradoxon' formuliert: 'Eines der größten Probleme der Erziehung ist, wie man die Unterwerfung unter den gesetzlichen Zwang mit der Fähigkeit, sich seiner Freiheit zu bedienen, vereinigen könne.'. (Ricken 1999: 212)
Erst in der Verknüpfung von Position und Negation kann also eine fruchtbare Debatte um die Ambivalenz des Subjekts gelingen. Subjektivität entzieht sich nämlich den "dualistischen Schematisierungen von Vernunft vs. Unvernunft, Notwendigkeit vs. Unmöglichkeit und Selbstbestimmung vs. Fremdbestimmung" (Ricken 1999: 214). Erst die Akzeptanz dissonanter Momente von Subjektivität, erst radikale Kontingenzwahrnehmung bieten Chancen der 'Aufklärung'. Der Kontingenzbegriff eröffnet ein menschliches Selbstverständnis, das nicht in Notwendigkeitsverführungen verfällt und statt dessen Subjektivität als offene Differenz auslegt. Noch einmal zur Erinnerung: Es geht um die überlegung, die Qualität des Wollens zu hinterfragen, um eine Erziehung entwickeln zu können, innerhalb derer eine Reflexion darüber möglich ist, wer Subjekt der Verfügung über die Zwecke der Selbstbestimmung ist.
Mit Michel Foucault möchte ich 'Selbstwollen' und Autonomie nachdrücklich hinterfragen. Er liefert ein Beispiel radikaler Subjektkritik, indem er das Subjekt als historische Erfindung betrachtet und das Verhältnis von Objekthaftigkeit und Subjekthaftigkeit, von Repression und Selbstformungsprozessen problematisiert. Autonomie ist danach angemaßte Selbstillusionierung und der Zynismus subtiler Machtausübung. Foucault radikalisiert diesen Gedanken mit der Aussage: "je besser du dich der Macht unterwirfst, die über dich gesetzt ist, umso souveräner wirst du sein" (Foucault 1974: 114). Äußere Kontrolle wie innere Zurichtung werden unsichtbar. Es liegt in der Ironie des Dispositivs, dass "es ... uns glauben (macht), dass es darin um unsere 'Befreiung' geht" (Foucault 1977: 190). Foucault formuliert Subjektivationsformen in einem Feld, in dem sich Macht und Freiheit nicht in einem Ausschließungsverhältnis gegenüber stehen, sondern vielmehr Technologien des Selbst beschreiben. In permanenter Selbstveränderung kreist das Subjekt um Autonomie und um Macht, die sich wechselseitig Ursache und Ziel sind.
Diese Subjektkritik mündet in eine Neubeschreibung von Subjektivität als kontingenter Subjektivität und zielt darauf ab, Subjektivität als Ineinander von Konstruktivität und Rezeptivität zu interpretieren. Kontingente Subjektivität heißt, "sich von Autonomie und Heteronomie als Selbstbeschreibungsformel zu verabschieden und zu einem Weder noch durchzuarbeiten." (Ricken 1999: 224)
9. Erzieherische Implikationen eines solchen Subjektivitätsverständnisses:
Erzieherisches Denken bedient sich der Interpretation des Subjektproblems und legitimiert ihre Interventionen oftmals mit der Entwicklungsnotwendigkeit des zu 'fertigenden' Subjekts. Subjektivität erzieherisch zu denken kann aber auch heißen,
sie zugleich als kontingent und relational zu verstehen: als zeitlichen Vorübergang, praktisches Selbstverhältnis und mögliche Selbstveränderung (Existentialität) sowie als soziale Bedingtheit, Angewiesenheit und Verletzbarkeit (Konditionalität); Kurz: Subjektivität als in seiner Selbstveränderung auf andere angewiesene Subjektivität zu denken. (Ricken 1999: 225)
Nach Ricken können Menschen weder als 'notwendige Subjekte' verstanden werden, noch werden sie allererst und ausschließlich durch Erziehung Menschen.
Erziehung darf sich nicht dazu hinreißen lassen, sich zur besseren Rezeptions- und Interpretationsquelle des entwicklungsbedürftigen Subjekts zu erheben, obwohl es gleichzeitig ignorant wäre, das Subjekt 'sich selbst' und strategischen Kräften zu überlassen. Selbsttätigkeit ist vorausgesetzt:
nicht weil Menschen noch nicht oder noch nicht genug selbsttätig sind, sondern weil sie in ihrer Relationalität immer schon auf andere angewiesen sind und daher der anderen und ihrer Hilfe bedürfen, ist pädagogisches Handeln - als reflektierte An- und Aufnahme dieser Angewiesenheit - zwar unvermeidbar, aber gerade nicht notwendig. (Ricken 1999: 227)
Subjektivität ist - in dieser Konditionalität gedacht - ein brauchbarer Terminus für einen behutsamen erzieherischen Diskurs.
Praktisch heißt dies, erzieherische Notwendigkeiten zu relativieren und das erzieherische Selbstverständnisses neu zu beschreiben: Das Paradoxon zwischen Herstellen und überlassen nicht aufzulösen ist die Weigerung, vom Gedanken erzieherischer Notwendigkeit abzulassen: Fremdtätigkeit abzulehnen würde schließlich Erziehung überflüssig machen. Kontingenz und relationale Subjektivität als erzieherisch bedeutsam zu erklären heißt, (in Absage an Kant) weder den Menschen zu einer Notwendigkeit eigener Art zu hypostasieren, noch der Erziehung zu bedürfen.
Die reflektierte, um ihre Risiken und Gefährdungen aufgeklärte relationale Gestaltung der menschlichen Konditionalität ließe sich so als anderer pädagogischer Leitfaden nutzen, der nicht zwangsläufig in - auch pädagogisch hergestellte - hierarchische Herrschaftsverhältnisse führen muss, ohne dabei zugleich den antipädagogischen Verkürzungen Vorschub zu leisten. (Ricken 1999: 228)
Nach dieser Dekonstruktion einer erzieherischen Notwendigkeit heißt Erziehen nicht mehr subtile Modellierung, "sondern Aufnahme, Anerkennung und reflektiert gestaltete Beantwortung subjektiver Angewiesenheit und Konditionalität als Gestaltung einer nicht suspendierbaren Relationalität." (Ricken 1999: 229) Erziehung begibt sich damit in das Risiko komplexen Handelns. Erzieherisches Handeln ist damit nicht notwendiges, sondern mögliches und möglicherweise hilfreiches Handeln, ein Ermöglichungshandeln, im Wissen um Unzulänglichkeit, ohne zu resignieren. Oder mit den Worten Foucaults ist Erziehung "an den Grenzen unserer selbst verrichtete Arbeit" (Foucault 1990: 49, 53) fordert einen experimentellen Umgang mit sich selbst und bedeutet damit, Grenzen zu überschreiten. Diese "Aufgabe eine(r) Arbeit an unseren Grenzen erfordert ... eine geduldige Arbeit, die der Ungeduld der Freiheit Gestalt gibt" (ebd.).
Teil III
10. Wohin kann also eine reflektierte Erziehung münden?
1. nicht in eine Ausweglosigkeit, die oftmals (teils zurecht) Foucault unterstellt wird: Denn Macht vermag zwar Subjektivität zu vereinnahmen. Macht erzeugt aber auch, indem sie Individuen schafft, die Grundlage für die Emanzipation von eben dieser Unterwerfung - darin besteht die Dialektik der Disziplinierung. Foucault hat in seinen späteren Arbeiten die Rückseite der repressiven Macht betont, nämlich das handelnde Subjekt. Foucault hat die Ambivalenz autonomer Subjektivität erkannt, nämlich Grundlage der Befreiung und der Instrumentalisierung zu sein. Diskurse mögen häufig Machtzwecken dienen. In Diskursen ist Freiheit jedoch dadurch möglich, dass Wahrheit und Wahrheitsdiskurse ihrerseits der Freiheit dienen und nicht hintergehbar sind.
In dem Sinn kann konkret an der (Handlungs-) Möglichkeit gearbeitet werden, eine 'autonome' Verfügung über die Zwecke der Selbstbestimmung denjenigen zuzumuten, die Adressaten der Aufforderung zu mehr Selbstbestimmung sind.
2. kann eine reflektierte Erziehung nicht dahin münden, die Definitions- und Gestaltungsmacht abzugeben:
Der Sog, sich von der dominanten Wirtschaftsweise vereinnahmen zu lassen, ist heute größer denn je. Gleichzeitig haben sich wichtige Ausgangsbedingungen für widerständiges Handeln, auch für Ansätze zu einer selbstorganisierten Versorgung wesentlich verbessert. (Möller 2000: 223)
Die geforderten Qualifikationen können immer gleichzeitig Voraussetzungen für widerständiges Handeln sein.
Erziehung ist gefordert, die derzeitige Umstrukturierung der Qualifikationsanforderungen, die innerhalb Humanisierung und Rationalisierung stattfindet, nach Kriterien erzieherischer Kompetenz aktiv zu gestalten.
Und 3. kann eine reflektierte Erziehung nicht in postmoderne Resignation verfallen: Der Kontingenzbegriff mag eine Annäherung an die Wirklichkeit ermöglichen, er darf jedoch nicht dazu führen, diffuses Denken zu legitimieren und Handeln unmöglich zu machen.
Eine Theorie und Praxis der Erziehung ist demnach aufgefordert, den Menschen und die Bedingungen seiner Genese komplex zu reflektieren und dennoch eine Handlungsperspektive offen zu halten.
Was taugen all die Worte?
Nicht allein "theoretische Konsistenz und argumentative Stringenz, sondern (auch) 'didaktische' Tauglichkeit und 'Bewohnbarkeit' ... entscheiden über deren Geltungsmöglichkeit" (Ricken 1999: 232)
Literatur
Benner, Dietrich: Allgemeine Pädagogik. Eine systematisch-problemgeschichtliche Einführung in die Grundstruktur pädagogischen Denkens und Handelns. Weinheim / München 1987.
Dreyfus, Hubert / Rabinow, Paul: Michel Foucault: Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik. Frankfurt /M. 1987.
Foucault, Michel: Von der Subversion des Wissens. München 1974.
Foucault, Michel: Was ist Aufklärung? In: Erdmann, Eva et al. (Hg.): Ethos der Moderne. Foucaults Kritik der Aufklärung. Frankfurt/M. / New York 1990.
Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt / M. 1992 (1977).
Foucault, Michel: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin 1978.
Foucault, Michel: Was ist Kritik. Berlin 1992.
Lazzarato, Maurizio: Immaterielle Arbeit. Gesellschaftliche Tätigkeit unter den Bedingungen des Postfordismus. In: Negri, Toni, u.a.: Umherschweifende Produzenten. Immaterielle Arbeit und Subversion. Berlin 1998.
Meyer-Drawe, Käte: Versuch einer Archäologie des pädagogischen Blicks. In: Zeitschrift für Pädagogik. 42 (S. 655-664) 1996 a.
Meyer-Drawe, Käte: Vom Anderen Lernen. Phänomenologische Betrachtungen in der Pädagogik. In: Borrelli, Michele / Ruhloff, Jörg (Hg.): Deutsche Gegenwartspädagogik II. Hohengehren 1996 b.
Möller, Carola: Immaterielle Arbeit - die neue Dominante in der Wertschöpfungskette. In: Das Argument. Heft 2 2000.
Negri, Toni et al.: Die Arbeit des Dionysos. Berlin 1997.
Ricken, Norbert: Subjektivität und Kontingenz. Pädagogische Anmerkungen zum Diskurs menschlicher Selbstbeschreibungen. In: Vierteljahreszeitschrift für wissenschaftliche Pädagogik 1999.
Seier, Andrea: Kategorien der Entzifferung: Macht und Diskurs als Analyseraster. In: Bublitz, Hannelore: Das Wuchern der Diskurse. Perspektiven der Diskursanalyse Foucualts. Frankfurt / M. 1999.
Voß, Günter: Die Entgrenzung von Arbeit und Arbeitskraft. In: MittAB 3 1998.
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