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Britt Schlehahn, Technische Universität Darmstadt
Körper/Körperlichkeit in der Postmoderne
Einige Vorbemerkungen |
FEED ME / EAT ME / ANTHROPOLY
HELP ME / HURT ME / SOCIOLOGY
FEED ME / HELP ME / EAT ME / HURT ME
Die Worte des Mannes in der Videoinstallation "Anthro/Socio" von Bruce Nauman aus dem Jahre 1992 (Hamburger Kunsthalle, Galerie der Gegenwart) beschreiben den Zustand des menschlichen Körpers am Ende des 20. Jahrhunderts sehr anschaulich. Scheinbar zerrissen zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen irrt er verzweifelt umher. Er weiß um das Interesse, was ihm entgegengebracht wird. Doch die Folgen sind noch nicht absehbar.
Der menschliche Körper erscheint am Beginn des 21. Jahrhunderts als ein obsoleter, obszöner, androgyner oder als letzte Bastion vor der scheinbaren materiellen Auflösung in den Welten des Cyberspace.
Trägt das neue Interesse am menschlichen Körper zu einer Sensibilisierung und Neubewertung des Körpers bei? Welche Rolle spielen die verschiedenen Theorien über den Körper, die innerhalb der Postmoderne-Debatte entstanden, für die Zukunft?
Mit der Aufdeckung der Konstruiertheit des menschlichen Körpers, welcher als Apparat die verschiedensten Disziplinierungsmaßnahmen verinnerlicht hatte, um die Anforderungen, die an ihn herangetragen worden sind, irritationslos auszuführen, haben ihn seiner Unschuld beraubt. Jedoch besitzt er nach wie vor ein Potential an subversivem Verhalten, welches ihm davor bewahrt immer und überall verfügbar zu sein.1
Adorno und Horkheimer haben das "Interesse am Körper" als ein todbringendes bezeichnet. Der Umgang des Menschen mit seinem Körper wird als ein gestörter beschrieben, da dieser mit seinen Körperteilen umgeht, als wären sie bereits Prothesen. Damit wird nicht nur das gestörte Verhältnis zur Natur aufgezeigt, sondern auch die Unumkehrbarkeit der Verwandlung des Körpers in den Leib.2
Unter dem Titel "Körper/Körperlichkeit in der Postmoderne" sollen deshalb nicht nur die verschiedenen Theorien über den menschlichen Körper analysiert werden, sondern mit Blick auf die bildenden Künste und da ganz speziell auf die Medienkünste Vergleiche zwischen der Theorie und Praxis gezogen werden. Dem Zitat von Adorno und Horkheimer (vgl. Fußnote 2) folgend - soll untersucht werden, ob mit Video- und Netzkunst die Künstler/innen als Vorbereiter/in eines neuen Körperbildes verstanden werden können. Wie sieht das Verhältnis in den bildenden Künsten zwischen Körper und Technik aus? Welche Ansätze gibt es, wie der menschliche Körper in einer zunehmend technisierten Umgebung existieren kann? Mit Hilfe von künstlerischen Arbeiten kann so einer "praktischen" Anwendung der verschiedenen Theorien über Körper und Geschlecht nachgegangen werden. Dies ist um so wichtiger, da sie nicht nur als Text existieren, sondern sinnlich wahrnehmbar sind.
"Die vielleicht stärkste Folge des Descartianismus, der unheimlich wirksam gewesen ist, nicht nur in den Wissenschaften, sondern auch in den Gegenständen der Wissenschaften: dem Menschen wurde sein Denken enteignet, weil er als Körper nicht mehr existiert."3
Das Nachdenken über den menschlichen Körper innerhalb der Postmoderne bedeutet - die verschiedenen Entwicklungen nachzuvollziehen, die den natürlichen Leib in einen kulturell inszenierten und wirtschaftlich eingebundenen Körper verwandelten. Was vom Körper übrig bleibt? 4 ist damit ein sehr fraglicher Ansatz, da der menschliche Körper weiterhin vorhanden ist5. Letztendlich spürt nur er die Veränderungen. Die verschiedenen Theorien über den menschlichen Körper verleugnen ihn ob seiner Natürlichkeit. Andere wiederum werten ihn auf, da er als Vorhut gegenüber der feindlichen Technik verstanden wird. Paul Virilio beschreibt den 'postmodernen Körper' als einen passiven und bewegungslosen, der nicht müde wird sich Lebendigkeit mittels überreizungen jeglicher Art zu versichern. Durch die Neuen Medien und die damit verbundene Möglichkeit der Fernberührung statt einer Gegenwärtigkeit sieht Virilio als einen entschiedenen Bruch zwischen Mann und Frau. Der Drang in virtuellen Räumen engelsgleich zu sein und somit ein 3. Geschlecht einzunehmen stellt eine Position der zukünftigen Androgynität dar. Jean Baudrillard sieht in einem Klon-Körper das Ende des Körpers, da jener jenseits von Sexualität und Geschlechterdifferenz existiert. Auf die Frage "Ob man ohne Körper denken kann" erinnert Jean-Francois Lyotard an die hardware des Menschen - den Leib - der die software - die Sprache - beeinflußt. In dem Zusammenfallen von Denken und Leiden sieht er eine Chance der Technisierung des menschlichen Körpers zu entkommen.
Die Künstlerinnen und Künstler der frühen síebziger Jahre erklärten innerhalb der Body Art und Performancekunst den menschlichen Körper als künstlerisches Material. Mit der Entwicklung der tragbaren Videokamera (1965) verfügten sie über ein technisches Hilfsmittel, welches unter einem geringen Kosten- und Personalaufwand eine neue Art von Aufnahme und Wiedergabe des Körpers liefern konnte. Somit scheint die frühe Videokunst und ihre Kombination mit Performances als ein Untersuchungsgegenstand, der den verschiedenen Körpertheorien zur Seite gestellt werden kann.
"Ein Bewußtsein der eigenen Person entsteht aus einer gewissen Menge an Aktivitäten und nicht nur durch bloßes Nachdenken über sich selbst. Man muß es üben."6
Diese übungen mittels Super-8-Kamera oder später Videokamera sahen sehr unterschiedlich aus.
Künstlerinnen (Friederike Pezold, VALIE EXPORT) und Künstler (Bruce Nauman, Vito Acconci, Dan Graham) thematisierten:
- Körper und Technik
- Körper und Geschlecht
- Der abwesende Körper
- Körper und Bild
- Körper und Gewalt.
Diese Einteilung zeigt Parallelen nicht nur zu den Debatten innerhalb der Postmoderne, sondern auch zu den Neuen Medien der neunziger Jahre. Außerdem wird damit auch gezeigt, daß die Beschäftigung mit dem Körper nicht erst mit dem flächendeckenden Einsatz des Computers geschah, sondern bereits in den siebziger Jahren. Nicht nur der Einsatz des eigenen Körpers ist dabei von großer Bedeutung, sondern die Möglichkeit in Realzeit direkten Einfluß auf das Abbild auszuüben.
Dabei ist sowohl zwischen einer inneren und einer äußeren Technikanwendung zu unterscheiden.
"Da die Kunst bereits die Orte verlassen hat, um in der Welt der Werbung und der Medien umherzuschweifen, ist das letzte, was Widerstand leistet: der Körper. Was immer Leute, wie Stelarc oder Tänzer und Theaterleute davon halten mögen, sie sind Künstler des >habeas corpus<, sie bringen ihre Körper ein. Sie sind wirklich in der ersten Reihe, mit ihnen wird die Möglichkeit einer überschreitung des Körpers aufgeworfen."7
Die Beschäftigung mit den Körper innerhalb der Medienkunst ist einzuteilen in:
- Entwurf eines dritten Geschlechts
- Betonung der tradierten Geschlechterbilder
- Offfenlegung der Konstruktion von sozialem Geschlecht
- Entwicklung einer neuen Körpersprache.
"Bellmer hält einen Spiegel senkrecht auf die Photographie eines nackten weiblichen Körpers. Er dreht und bewegt ihn und beobachtet, daß durch den abstrakten Spalt der Kontaktlinie unkenntliche Fleischblumen hervorquellen oder schwinden, je nach dem in welcher Richtung die Reise des Spiegels erfolgt. Ende der Repräsentation? Oder Repräsentation in ihrer modernen Version, wo sich das "Interesse" nicht mehr auf die schlechte Harmonie, die falsche Totalität des gebrandmarkten vollen Körper richtet - schlecht oder falsch, weil von nun an undurchführbar [...] Vielmehr richtet sich das "Interesse" auf den nicht-organischen, zerfledderten, sich selbst zermalmenden Körper, zurückgebogen, eingeschnürt, heruntergekommen auf Fetzen, Pfützen, verleimte Fragmente, ein Nicht-Ensemble von Partialobjekten [...] Ende der Repräsentation, wenn repräsentieren bedeutet, trotzdem zu präsentieren, das Unpräsentierbare zu präsentieren, repräsentieren im Sinne von jemandem "Vorstellungen" (représentations), Vorhaltungen (remontrances) machen, auf einen Mißstand hinweisen (re-montrer). Denn da, wo man den Zeigefinger erhebt, findet sich Unordnung."8
Nicht der Körper steht zur Debatte, sondern der Umgang mit ihm.
Welche Rolle die verschiedenen Ansätze innerhalb der Postmoderne dabei spielten und spielen ist zu diskutieren.
Notes
- 1 Alois Hahn hat in seinem Artikel "Kann der Körper ehrlich sein?" (in: Gumbrecht/Pfeiffer [Hg.] (1988): Materialität der Kommunikation) im Zusammenhang mit Folter darauf verwiesen. Zusammenfassend stellte er fest:"Der Glaube jedenfalls, der Leib sei eine absolute Garantie gegen individuellen Trug und gesellschaftliche Manipulation, ein letztes Bollwerk, gehört, wie die Logik der Folter zeigt, zu den nicht unschuldigen Träumereien. Der Körper ist nie völlig gefügig, weder dem Bewußtsein noch der Gesellschaft." (S. 678).
- 2 Versuche eine Leib-Seele-Einheit wieder herzustellen, wie sie beispielsweise von Nietzsche, Gauguin, George oder Klage formuliert wurden sind, blieben laut Adorno/Horkheimer ergebnislos: "Aber sie zogen den falschen Schluß. Sie denuzierten nicht das Unrecht, wie es ist, sondern verklärten das Unrecht, wie es war. Die Abkehr von der Mechanisierung wurde zum Schmuck der industriellen Massenkultur, die der edlen Geste nicht entraten kann. Die Künstler bereiteten das verlorene Bild der Leib-Seele-Einheit wider Willen für die Reklame zu. Die Lobpreisungen der Vitalphänomene, von der blonden Bestie bis zum Südseeinsulaner, mündet unausweichlich in den Sarongfilm, die Vitamin- und Hautcremeplakate ein, die nur die Platzhalter des immanenten Ziels der Reklame sind; des neuen, großen, schönen, edlen Menschentypus: der Führer und die Truppen." Adorno/Horkheimer "Das Interesse am Körper", Dialektik der Aufklärung. Aufzeichnungen und Entwürfe, in: Max Horkheimer: Gesammelte Schriften, Bd. 5, S. 265.
- 3 Dietmar Kamper "Die Gegenstandslosigkeit der Geisteswissenschaften und die neuen Brennpunkte der Industriegesellschaft: Körper, Sprache, Bild, Zeit" in: Die Geisteswissenschaften im Spannungsfeld zwischen Moderne und Postmoderne. hg. von Helmut Reinalter und Roland Benedikter (1998). Wien, S. 28.
- 4 Vgl. Barbara Becker und Irmela Schneider [Hg.] (2000).
- 5 Vgl. Christina von Braun (1999): Der mediale Leib. Altes Wissen in neuem Gerät, S. 13. http://imk.gmd.de/docs/ww/mars/cat/memoria/vbraun_dt.htm
- 6 Bruce Nauman in: Maria Fedder und Bettina Gruber [Hg.] (1983): Kunst und Video. Internationale Entwicklung und Künstler. Köln, S. 170.
- 7 Paul Virilio im Gespräch mit Catherine David "The Dark Spot of Art. Der blinde Fleck der Kunst", in: documentadocuments (1996), S. 62.
- 8 Jean-Francois Lyotard "Energieteufel Kapitalismus", in: Lyotard (1978): Intensitäten, S. 91.
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