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Julia Seipel, Carl von Ossietzky-Universität, Oldenburg

‘der liebe Familientisch’ - Raum, Geschlecht, Ethnizität

... eine kurze Einleitung ...

Wie meinem Lebenslauf zu entnehmen ist, arbeite ich seit einiger Zeit an meiner Dissertation zum Themenkomplex 'Geschlecht und Ethnizität in australischen Filmen'. Mein Hauptinteresse gilt dabei den Wechselwirkungen und gegenseitigen Verstärkungen von Geschlecht und Ethnizität (als soziale Kategorien), die ich anhand filmischer Repräsentationen von Migrantinnen aufzeigen werde. Eine Frage, der ich zur Zeit besondere Aufmerksamkeit widme, ist, welche Bedeutung Raum - bzw. konkrete (Film-)Orte und Räume - für die Herstellung von Geschlecht und Ethnizität hat/haben.
In meinen Filmanalysen gehe ich davon aus, daß Geschlecht, Ethnizität und auch Raum kulturell produzierte und sich ständig wiederherstellende Kategorien sind, die ein Geflecht ineinandergreifender gesellschaftlicher Strukturen bilden und sich gegenseitig organisieren. Es geht mir folglich nicht darum, zu untersuchen, wie im Film eine Person als Frau oder eine Gruppe von Menschen gleicher geographischer Herkunft als Ethnie inszeniert werden. Mich interessieren vielmehr Strukturen in der Narration sowie in der Darstellung, mit deren Hilfe Geschlecht und Ethnizität hergestellt, inszeniert und reproduziert werden.
Mit dem folgenden Text möchte ich kurz meinen theoretischen Hintergrund darlegen, um in der Präsentation meine Thesen anhand einiger kurzer Filmausschnitte darstellen zu können. Es handelt sich hierbei nicht um eine ausgearbeitete theoretische Abhandlung sondern um einen Abriß einiger mir relevant erscheinender Thesen zum Thema Raum als kulturelle Vorstellung, zu Raum, Wohnen und Geschlecht sowie erste überlegungen zur Verbindung von Raum und Ethnizität. Abschießend werde ich kurz mein Filmmaterial vorstellen.

Raum - Geschlecht - Ethnizität - Architektur

Raum kann nicht mehr nur als eine physische Größe, sondern muß immer auch im Sinne seiner sozialen Nutzung (wer hat Zugang zu welchen Orten, wer bestimmt diesen Zugang, etc.) sowie als gesellschaftsstrukturierend weitergedacht werden. Innerhalb einer in Dichotomien strukturierten kulturellen Ordnung ist zu beachten, daß sich Raum - insbesondere im Zusammenhang mit anderen polar-strukturierten Kategorien - in der Regel als Innen-Außen-Differenz organisiert.

Vielleicht ist unser Leben noch von Entgegensetzungen geleitet, an die man nicht rühren kann, an die sich die Institutionen und die Praktiken noch nicht herangewagt haben. Entgegensetzungen, die wir als Gegebenheiten akzeptieren: z.B. zwischen dem privaten Raum und dem öffentlichen Raum, zwischen dem Raum der Familie und dem gesellschaftlichen Raum, zwischen dem kulturellen Raum und dem nützlichen Raum, zwischen dem Raum der Freizeit und dem Raum der Arbeit.1

Im März 1967 hielt Michel Foucault einen Vortrag am Cercle d'Etudes Architecturales in Paris, in dem er zu einer sich verändernden Wahrnehmung und Bedeutung von Räumen im Verlauf der Geschichte sprach. Im Verlauf des Vortrages nahm er nicht nur dem Raum seine historische Stabilität, sondern entzog auch der gängigen Vorstellung, Raum sei eine vorhandener Gegebenheit ohne Bedeutung, die theoretische Grundlage:

... wir leben nicht in einer Leere, innerhalb derer man Individuen und Dinge einfach situieren kann. [...] Wir leben innerhalb einer Gemengelage von Beziehungen, die Positionierungen definieren, die nicht aufeinander zurückzuführen und nicht miteinander zu vereinen sind.2

Dreißig Jahre später nennt Irit Rogoff in "'Deep Space'" diesen Aufsatz »... einen Umbruch in der Wahrnehmung des Raumes von einem einheitlichen und transparenten hin zu einer Raumvorstellung als einem Geflecht höchst lebhafter Auseinandersetzung.«3
Im weiteren geht sie auf einige grundsätzliche Prämissen des kritischen Konzeptes der Verräumlichung von Henri Lefebvre4 ein, die ich hier stichpunktartig wiedergeben möchte:

1. Raum ist sozial, d.h. daß »... kein Raum, weder der strikt geometrisch konstruierte des Euklid, noch der des Traumes, der von irrationalen und unbewußten Kräften bestimmt ist, jemals frei von sozialer Bedeutung sein kann.«5

2. Daraus folgt, daß Raum mit anderen kulturellen Organisationsformen (Geschlecht, Ethnizität, Schicht, etc.) in einem korrelativen Verhältnis verbunden ist und sich fortlaufend in und mit diesen reproduziert. Rogoff schreibt:

Zweitens ist Raum in einem ständigen Prozeß der Herstellung begriffen: "Spatial practice consists in a projection onto a spatial field of all aspects, elements and moments of social practice". Da sie voneinander abhängig sind und sich in einem beständigen Prozeß der Neuverhandlung befinden, gilt dies ebenso für den Raum, der über diese Art von Projektion zustande kommt.6

3. Es erscheint selbstverständlich, daß der Raum mit Blicken zu durchdringen sei, eine Annahme die Lefebvre die 'Illusion von Transparenz' nennt. Innerhalb derer »... erscheint der Raum als klar, durchschaubar und den Handlungen freie Bahn gebend [...] unschuldig und frei von Hindernissen.« Aber auch diese Vorstellung ist nicht ohne soziale Bedeutung, da sie »... die Wissen- und Machtverhältnisse zwischen den Subjekten naturalisiert, und so die herrschende Ordnung vor Angriffen zu schützen hilft.7

Es läßt sich also sagen, daß Raum nur im Verhältnis mit anderen sozialen Kategorien untersucht werden kann, und daß einer Analyse der Konstruktion von - beispielsweise - Geschlecht und Ethnizität ohne die Beachtung von Raum eine wichtige Dimension fehlt.

Geographie und Raum sind immer abhängig vom sozialen Geschlecht (gender), von Rasse, ökonomischer Situation und sexueller Identität . Die Texturen, die sie zusammenhalten, werden täglich in Worten, Blicken und Gesten neu geschrieben.8

Raum sollte jedoch nicht nur seinen Platz in theoretischen Überlegungen finden, denn die Gesellschaft verräumlicht sich ganz konkret in der Architektur. Gebäude werden in Auftrag gegeben, geplant, finanziert, errichtet und genutzt. Die soziale Ordnung gibt vor, welche Personen welche Aufgaben rund um ein Bauwerk übernehmen, welche Nutzung einem Gebäude übertragen werden, wer Zugang zu einem Gebäude hat und zu welchem Zweck, wem der Zutritt untersagt ist - und auch, wer die Autorität hat, dies alles zu bestimmen. Gewissermaßen läßt sich Architektur, der Umgang einer Gesellschaft mit Raum und Räumlichkeiten, als eine örtliche und zeitliche Konkretisierung der dominanten Ideologie interpretieren - und analysieren.

Die Entstehung des Wohnens: Wohnen als kulturelles Konstrukt

Wohnen, die Vorstellung davon, wie und wo Menschen 'verortet' und 'Zuhause' sind, ist ein sich ständig verändernder Prozeß. Wie Kleidungsstile (»Noch 1860 hatte Gottfried Semper mit der sogenannten Bekleidungsthese die textile Hülle als die eigentliche Urform der Architektur bezeichnet«9) ist das Wohnung sich ändernden Moden unterworfen. Was heute konventionell ist, kann morgen schon unmoralisch sein. In seiner uns heute geläufigen Form entwickelte sich das Wohnen mit der sich im 19. Jahrhundert durchsetzenden Verbürgerlichung der Gesellschaft. Selbstverständlich haben, zumindest im europäischen Raum, auch zuvor die meisten Menschen gewohnt. Dennoch, die Bedeutung des häuslichen Innenraums, seine Abgrenzung vom Außen sowie die Aufteilung der Räume, unter anderem anhand geschlechtlicher, ethnischer und schichtbedingter Zuschreibungen, stehen in engem Zusammenhang mit der hegemonialen Ideologie des (Groß-)Bürgertums.
Für meine Analysen grundsätzlich ist dabei die Trennung von Innen und Außen und die Bedeutung, die dieser Dichotomie der Räume auf verschiedenen Ebenen zugemessen wird. In dieser Dichotomie läßt sich das Innen als das Eigene lesen, das jedoch erst in Abgrenzung zum Anderen, Fremden, dem Außen existieren kann, vor dem das Eigene zu schützen ist. Es bilden sich Phantasieräume der Angst heraus: die Bedrohung wird außen verortet - in der Wildnis des fremden Landes dessen Gesetze unbekannt sind, im unregulierten Raum der nächtlichen Stadt. Im wohlgeordneten Innenraum dagegen scheint Sicherheit zu herrschen (daß diese Vorstellung den Kriminalstatistiken widerspricht, die insbesondere Gewalt gegen Frauen und Kinder im häuslichen Bereich feststellen, sei hier nur erwähnt). Und diese Sicherheit des Eigenen gilt es, vor den Gefahren die (von) außen drohen, zu bewahren. Die Trennung von Innen- und Außenraum findet dabei wesentlich in und an übergangsorten statt: (Haus)Türen, Eingangsbereich/Garderobe, Veranda und Vorgarten, aber auch Fenster, die einem den Blick zwischen außen und innen erlauben, Jalousien, Gardinen, Vorhänge und Gitter, die diesen Blick erschweren, einschränken oder verhindern.
In Verbindung mit diesen auf vielfältige Weise vom Außen getrennten Innenräumen entstand die bürgerliche Idee der Privatheit10 - wobei hier immer zu beachten ist, daß es zwar ideale Vorstellungen des Wohnens gibt, regionale und Schichtunterschiede das Wohnen jedoch ebenfalls entscheidend mitbestimmen. Wohnen ist die Verräumlichung des Privatlebens, von den jeweils herrschenden Diskursen kulturell bestimmt und vorgeformt. Der so entstehende Wohnraum gilt als Ort der Familie, wobei 'Heim' und 'Familie' in diesem Raum ständig hergestellt werden.

Wohnen und Geschlecht

Wohnen ist folglich eine der grundlegenden Kategorien gesellschaftlicher Strukturierung, die ineinandergreifen und sich gegenseitig organisieren. Insbesondere in der Polarität von männlich besetztem Außen- und weiblich definiertem Innenraum lassen sich Konstruktionen von Geschlecht sichtbar machen. Jane Blocker bezeichnet die (ideologische) Bindung der Frau an das Haus als 'compulsary domesticity'11, als 'Zwangshäuslichkeit', die bis zur Verschmelzung beider und der Auflösung der Frau im Raum führt, »... she is literally a "house/wife" known not for who she is but the space she occupies«12.
Im System der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung herrscht die Idealvorstellung der Trennung von Erwerbsarbeit/Produktion und Hausarbeit/Reproduktion. Dabei gilt als Referenzpunkt die Rolle des Mannes, die als Norm undefinierte und unbenannte bleibt. In diesem System ist der häusliche Innenraum ein Ort der Freizeit im Gegensatz zur außerhäuslichen, männlichen Erwerbsarbeit. Er scheint frei von Arbeit zu sein, da die Hausarbeit seit dem 19. Jahrhundert zunehmend unsichtbar gemacht wurde. (Auch hier bleibt außen vor, daß es immer Frauen gab, die sowohl außerhalb wie im Haus ihren Lebensunterhalt verdienten und oft ihre Familien unterstützten.)
In "Reproduktionskonten fälschen!", einer Auseinandersetzung mit 'Heterosexualität, Arbeit & Zuhause', widersprechen Pauline Bordry, Brigitta Kuster und Renate Lorenz13 dieser »...üblichen Gegenüberstellung von Arbeit und Freizeit, die Erwerbsarbeit als den öffentlichen, monetären, fremdbestimmten Bereich der Zwänge, das Zuhause dagegen als den freundlichen Ort der Emotion, des Persönlichen, der Wünsche und der selbstbestimmten Lebenszeit betrachtet«. Statt dessen »... möchten wir das Zuhause als einen Ort beschreiben, an dem es - (meist unausgesprochene - ) Verträge zwischen den Beteiligten gibt. Sie regeln, wer welche Tätigkeiten übernimmt und rechtfertigen diese Regelung [...] oft im Verhältnis zur Erwerbsarbeit«. Grundlegend ist dagegen die Interpretation von Hausarbeit als Arbeit im Rahmen eines dichotomen Geschlechterverständnisses: »In beiden Bereichen verrichten die Personen ihre Arbeit 'als Mann' oder 'als Frau', mit all den unbeabsichtigten Folgen, die das hinsichtlich des (häuslichen) Arbeitsumfangs, der geforderten Verhaltensweisen, der möglichen Wahl des Arbeitsplatzes und des Umgangs mit anderen Menschen haben mag«.
In der sich entwickelnden Warengesellschaft wird die häusliche Produktion, die sogenannte primäre Hausarbeit mehr und mehr von Konsum abgelöst, und weibliche Arbeit existiert fast nur noch im Ergebnis: das fertiggekochte Essen erscheint auf einem mit sauberen Tellern gedeckten Tisch. Die Arbeitsbereiche werden zunehmend aus dem Mittelpunkt des Wohnens verdrängt, da »... die Hausarbeit unsichtbar bleiben und den heimkehrenden Familienvater nicht belästigen soll«14. Die Aufgabe der Hausfrau verschiebt sich von der materiellen (Re-)Produktion (z.B. Sauberkeit, Ernährung der Familie und Vorratswirtschaft) zunehmend hin zu einer sekundären Hausarbeit, der Erzeugung von Gemütlichkeit und einer Atmosphäre, in der sich die Tugenden des bürgerlichen Subjekts ausbilden können: Empfindsamkeit, Kontemplation, Familiensinn, Fleiß, .... Es entwickelt sich eine Emotionalisierung der Hausarbeit, eine »andauernde Veräußerung von Innerlichkeit«15: die Speisen werden Ômit Liebe gekochtÕ, Sauberkeit, Ordnung und Ausschmückung der Räume mit selbstgefertigten Handarbeiten (Häckeldeckchen, Stickbildern, etc.) zeugen von der Hingabe der Ehefrau an ihren Gemahl - und sein Haus. Denn bis ca. 1900 findet eine zunehmende Verschmelzung von Wohnen und Individuum bzw. Persönlichkeit statt, eine Psychisierung des Wohnens16 (zeig mir wie du wohnst und ich sag dir wer du bist).
Dies bedeutet auch, daß das Haus, das der Mann für seine Familie baut, an dessen Stelle treten kann. Jane Blocker untersucht die Verbindung Frau-Haus (oder Haus-Frau?) anhand des Filmes "What's Eating Gilbert Grape?"17:

Bonnie Grape maintains a problematic relationship with the house that her husband built for her and their children. [...] She continues to be a housewife in the absence of a husband. In his place stands [...] the house that he built. [...] She literally becomes married to the house.

Bonnie Grape kann das Haus praktisch nicht verlassen, wobei diese Gebundenheit nicht nur physisch bedingt ist - Bonnie hat sich nach dem Selbstmord ihres Mannes bis zur Unbeweglichkeit fett-gegessen. Die Bindung ist eine psychische, und so stirbt sie an dem Haus (die Treppen ins Schlafzimmer erweisen sich als zuviel für ihren Körper). Doch das Haus stirbt auch mit ihr, weil ihr mächtiger Körper es nicht mehr verlassen kann und ihre Kinder ihren toten Körper in und mit dem Haus verbrennen. Bonnie Grape läßt sich als eine 'Verkörperung' der Einheit, die Frau und Haus eingehen, beschreiben: »... the house has become a body, and the female body has become a house [...] the hybrid creature [...] the woman-house in whom gender and architecture, body and commodity, surveillance and spectacle find physical form.«18
Doch die Konstruktion der Geschlechterpolarität findet nicht nur in der Trennung von Innen- und Außenraum statt, sondern insbesondere auch im 'Familienraum', im Inneren des Hauses »... the design of the house does not so much respond to the construction of gender as produce gender itself.«19 Dies geschieht, in Übereinstimmung mit der patriarchalen Ordnung, über Vergeschlechtlichung der Raumaufteilung im Haus. Diese bestimmt die Verortung seiner BewohnerInnen, indem die Geschlechter durch Zuweisung, Zugang und Verbot von Räumen unterschieden und separiert werden. Andererseits lenkt sie aber auch die Blicke der BewohnerInnen und die Blicke, die auf sie geworfen werden. Architektur dient der Strukturierung des Blickes und vice versa:

Blick und Bild als zentrale Kategorien der visuellen Kultur sind für die Organisation von Räumen ebenso elementar, denn Räume und Architekturen werden in Produktion und Gebrauch zu weiten Teilen über Blicke und Bildsequenzen hergestellt.20

Irit Rogoff schreibt über den Blick, der den Raum scheinbar mühelos durchdringt:

Im Westen trägt er die schwere Last der nach-aufklärerischen wissenschaftlichen und philosophischen Diskurse im Hinblick auf die zentrale Bedeutung des Blickes für eine empirische Bestimmung der Welt als einer wahrnehmbaren. In diesen Analysen finden wir den Blick als Apparat der Untersuchung, der Verifikation, der überwachung und der Erkenntnis, ...21

Der Blick ist in der abendländischen Kultur ein Medium der Macht, und wer die Macht über den Blick hat, hat die Kontrolle und die Autorität über Wahrnehmung und Wahrheit inne. Diese Position nimmt in der patriarchalen Ordnung Westeuropas der Mann ein, dessen Kontrollblick im Inneren es ihm ermöglicht, seinen Besitz nach außen zu präsentieren und so seine Macht zu demonstrieren. Dabei strukturiert Architektur neben dem Blick im Haus auch, ob und wie Außenstehenden der Blick nach Innen erlaubt oder entzogen wird:

... the house is designed to seperate genders, control sexuality, facilitate surveillance of patriarchal possessions (including wife and children), organize objects, and manage bodily functions. [...] In addition, rooms are arranged, not only to facilitate movement and domestic activities, but for the display and organization of possessions.22

Zusätzlich erlaubt das Haus es auch, Blicke von Außen zu verhindern und den Körper darin zu verbergen: »...the house secures invisibility. It contains and hides the body and its secretions, desires, sheddings, growth, reproductivity, and death.«23 Aber auch sanktionierte Ausübungen von Macht, beispielsweise Gewalt gegen Frau und Kinder, läßt sich hinter Hauswänden verstecken, so daß der vermeintliche Schutzraum zu einem Ort realer Gefahr werden kann.
Auch die Separierung und Differenzierung der Innenräume nach Geschlecht (und anderen sozialen Strukturen wie Schicht, Alter, Gesundheitszustand etc.), sowie die damit verbundene Aufteilung der Räume nach Bedeutung und Nutzung muß als Mittel der Macht gesehen werden. Die geschlechtliche Aufteilung der Innenräume wiederholt die Trennung in Innen- und Außensphäre. So sind die 'privat-intimen' Räume, zu denen Fremde (so gut wie) keinen Zugang haben - Küche, Badezimmer, Schlafzimmer -, den Frauen zugewiesen, während die 'privat-öffentlichen', d.h. für BesucherInnen zugänglichen Räume wie Arbeits- und Eßzimmer zur männlichen Sphäre gehören24. Diese Einteilung verstärkt die Zuweisung der Frau in das Innere des Hauses und schränkt ihre Bewegungsmöglichkeiten und Kontakte nach Außen ein, während dem Mann gerade dieser Kontakt und (soziale) Mobilität zugewiesen werden: »... a concept of masculine space: an outside, the sphere of adventure, movement, and cathartic action in opposition to emotion, immobility, enclosed space, and confinement.«25
Einer der entscheidenden Gründe - innerhalb der patriarchalen Ordnung -, warum Frauen in das Innere des Hauses eingebunden werden sollen, liegt in der Kontrolle weiblicher Sexualität. Um die Fortsetzung der patrilinearen Genealogie zu garantieren, muß der Ehemann sicherstellen, daß nur er der Vater seiner Kinder sein kann, d.h. daß nur er 'Zugang' zur Reproduktion/Sexualität seiner Gattin hat. Ebenso liegt es im Bestreben des Vaters, die Sexualität seiner weiblichen Nachkommenschaft zu kontrollieren, um so zukünftige Verwandschaftsverhältnisse bestimmen zu können:

In these terms, the role of architecture is explicitly the control of sexuality, or, more precisely, women's sexuality, the chasity of the girl, the fidelity of the wife. Just as the woman is confined to the house, the girl is confined to her room.26

Überlegungen zu Raum, Nation und Ethnizität

Die Konstruktion von Ethnizität findet, anders als die von Geschlecht, auf der Ebene kultureller Zuschreibungen statt. Dennoch gibt es eine Vielzahl von Beziehungen zwischen sozialen Kategorien, die an Begriffe wie Natur und Biologie gebunden sind (Geschlecht, Rasse) und solchen, die kulturell definiert werden. So kann Ethnizität beispielsweise beschrieben werden als

... eine Kategorie des Kulturellen [...] durch eine Kontinuität von Verhaltensweisen gekennzeichnet, die von Generation zu Generation weitergegeben werden ... 27

Die Vorstellung einer gruppeninternen Kontinuität der Generationenfolge, d.h. von Reproduktion innerhalb der eigenen Gruppe impliziert eine Form der Verbindung von Geschlecht und Ethnizität28, da die menschliche Fortpflanzung - insbesondere über Konzepte von Schwangerschaft und Mutterschaft - an Frauen gebunden ist. Diese Verknüpfung setzt sich auf der Ebene der kulturellen Reproduktion, d.h. der eigentlichen Weitergabe von Kultur an die nächste Generation fort, da Frauen in der Regel die Fürsorge und Erziehung der Kinder übertragen wird. Eine andere Definition von Ethnie als »Gruppe von Personen, die derselben Kultur angehören [...] und sich dessen auch bewußt sind«29 beinhaltet, daß es neben der Fremdzuweisung von Ethnizität auch das Selbstbild einer ethnischen Identität gibt, wobei eine Gruppe, die sich als ethnisch kongruent versteht, von anderen Kulturen abgrenzen muß. Diese Herstellung einer Gruppenidentität verweist wiederum auf eine dichotome Struktur des Innen/Eigenen und Außen/Fremden.
Der Begriff der Ethnizität steht dabei in engem Zusammenhang mit der Konstruktion von Nation, die ich im Sinne von Benedict Anderson als vorgestellte Gemeinschaft (imagined community) verstehe30. Auch die einheitliche Identität einer Nation wird über Ausschlußmechanismen von Anderen hergestellt. Dies geschieht auf kultureller Ebene über die Konstruktion eines Volkes (im Gegensatz zu anderen) mit einer gemeinsamen kulturellen Wurzel in mythischer Vergangenheit, die sich bis in die Zukunft fortsetzen wird (mit diesem zeitlichen Moment kommt über die Fortpflanzung eine Verbindung mit Geschlecht zum Tragen). Auf geographischer Ebene bestimmt eine Nation ihre Grenzen als Trennungslinie zwischen dem eigenen und dem fremden Territorium. In einer Geschichte des frühen römischen Imperiums stellt der Historiker Claude Nicolet fest:

In order to set boundaries to their empire and claim to have reached those that have been marked out, the Romans needed a certain perception of geographical space, of its dimensions and of the area they occupied. [...] The ineluctable necessities of government are to understand (or to believe one understands) the physical space that one occupies or that one hopes to dominate, to overcome of distance.31

Der Vorgang der Grenzziehung, unabdingbar für die Herstellung eines Nationalstaates, setzt also eine bestimmte Vorstellung von Geographie voraus, in der der nationale Raum nur von einem Volk belegt werden kann. Hier ergibt sich ein Problem für die Konstruktion einer nationalen Einheit in multikulturellen Staaten, insbesondere in sogenannten Einwanderungsstaaten (settler societies), denn diese

... are to a very large extent populated by people whose ancestors travelled to these countries from elsewhere during and after the colonial period.32

Und hier müssen sich verschiedene Ethnien, Gruppen gleicher kultureller und/oder regionaler Herkunft das Gebiet eines Staates teilen. Obwohl eine solche Mehrfachbesetzung des Raumes der Regel entspricht, steht dies im Gegensatz zum Konzept des Nationalstaates, das eine einheitliche kulturelle Besiedlung des Territoriums vorsieht. Jon Stratton und Ien Ang beschreiben in "Multicultural Imagined Communities" zwei unterschiedliche Strategien zur Herstellung einer nationalen Identität. Die USA dienen als Beispiel für den Versuch der kulturellen Homogenisierung durch Assimilation, Australien dagegen als Beschreibung für ein regierungspolitisches Konzept des Multikulturalismus, das die Einheit der Nation erzeugen soll33.
Diese kulturelle Mehrfachbesetzung in Folge von Migrationsprozessen führt dazu, daß Gruppen, die sich von der dominanten Bevölkerungsgruppe abheben, als ethnisch definiert werden. Parallel dazu läßt sich feststellen, daß in Einwanderungsländern häufig ethnische Gemeinschaften (ethnic communities) entstehen, d.h. daß sich Menschen gleicher oder ähnlicher regionaler und/oder kultureller Herkunft in bestimmten Räumen verstärkt ansiedeln. Dies kann sich sowohl auf Städte beziehen, die bevorzugte Wohnorte einer Gruppe werden, als auch auf Stadtteile, die von einer Ethnie bestimmt sind (Chinatown, Little Italy, Klein-Istanbul). In dieser räumlichen Konzentration können, je nach Größe der Gemeinschaft, Komponenten der Herkunftskultur wie Sprache, Speisen, Traditionen, Religion erhalten werden. Es werden auch Architekturen und Bauweisen aus den Herkunftsländern importiert, in die Architektur des Einwanderungslandes 'eingepflanzt' oder Stile beider Länder kombiniert. Dies gilt sowohl für öffentliche Gebäude als auch für Wohnhäuser. Dabei besetzen Läden, Restaurants und Lokale häufig ökonomische Nischen, indem sie die Inszenierung des Ethnischen im Außen- wie im Innenraum als Werbe- und Verkaufsstrategie anwenden. An der Außenseite öffentlicher Gebäude, aber auch von Wohnhäusern, dienen ethnische Elemente der Herstellung einer Gruppenidentität und Selbstbehauptung gegenüber der Norm, wobei diese Inszenierungen sich sowohl an Mitglieder der Gruppe wie auch an Andere richten.
Auch der Erhalt der Herkunftskultur im Innenraum, d.h. im Raum der Familie, dient der Selbstbehauptung gegenüber der Einwanderungskultur. Die Familie scheint ein Stück Kultur zu sein, das nur den Ort gewechselt hat, und im Inneren des Hauses erhalten werden kann, da die Mauern es vor der fremden Außenwelt schützen. Doch die Vorstellung, daß Innen- und Außenraum voneinander getrennt sind, ist unzutreffend: die Räume werden ständig neu verhandelt, die Grenzen sind stets durchlässig und fließend und der Kontakt mit der Außenwelt beschränkt sich niemals auf den Bereich außerhalb des Hauses. Denn jeder Berührung mit der Einwanderungskultur wird von den Familienmitgliedern ins Innere transportiert, so daß der Innenraum zum eigentlichen Austragungsort von Konflikten mit der neuen Umgebung wird. Im Familienraum werden gemeinsame Erfahrungen und Probleme diskutiert und eventuell Umgangsstrategien entwickelt, hier werden aber auch unterschiedliche Reaktionen auf die neue Kultur verhandelt. Dies kann insbesondere dann zu problematischen Situationen führen, wenn ein Teil der Familie stärker daran interessiert ist, die Herkunftskultur zu bewahren, während andere sich neue Lebensweisen aneignen.
In narrativen Umsetzungen von Migration wird diese Schwierigkeit gerne in Bezug auf Generationenkonflikte dargestellt und ein beliebter Ort, diese auszutragen, ist der Familientisch.

Der Familientisch als Zentrum des häuslichen Innenraums: zur Verhandlung von Geschlecht und Ethnizität

Die bereits erwähnte Psychisierung des Innenraums als affektbetonter Intimbereich im Zuge der Verbürgerlichung der Gesellschaft schlägt sich auch in der Bedeutung der Wohnungsaustattung nieder. Einrichtungsgegenstände, wie beispielsweise das Ehebett oder der Familientisch, werden - im Rahmen des bürgerlichen Ideals von Wohnen und Familie - mit Bedeutung gefüllt, die weit über ihren bloßen Gebrauchswert hinausgehen. Sie werden mit Emotionen aufgeladen und 'beseelt'. So gilt der Eßtisch, an dem die Familie gemeinsam ihre Mahlzeiten einnimmt, als ein Zentrum des Hauses. Das gemeinsame Essen eröffnet die Möglichkeit der Kommunikation, des Austausches von Erfahrungen, der Diskussion von Problemen.
Doch selbst an einem so zentral im häuslichen Bereich gelegenen Punkt wie dem Familientisch sind Außen und Innen nicht klar voneinander abgegrenzt, sondern gehen fließend ineinander über. So enthält der Innenraum immer Verweise in den Außenraum, beispielsweise wenn im Gespräch Konflikte in/mit der Außenwelt thematisiert und verhandelt werden. Weiterhin werden BesucherInnen am Familientisch bewirtet, Menschen, die von außen hereinkommen, Fremde sind. Der Grad der 'Fremdheit' staffelt sich dabei an verschiedenen Merkmalen: kulturell signifikante Verwandschaftsverhältnisse, Art und Intensität der Bekanntschaft oder Freundschaft.
Der Familientisch enthält unterschiedliche Erzählungen von Heim und Familie, abhängig davon, in welchem Raum des Hauses er sich befindet. Die großbürgerliche Idealvorstellung, mit ihrer strengen Separierung von Räumen nach Funktion, Geschlecht und sozialer Stellung, sieht den Eßtisch im Speisezimmer vor34. Das heißt, es gibt einen eigenen Raum, der allein der Nahrungsaufnahme vorbehalten bleibt und in dem der Tisch tatsächlich den räumlichen Mittelpunkt einnimmt. Das Speisezimmer gehört in den privat-öffentlichen Bereich und wird der männlichen Sphäre zugeordnet: Hier werden neben Verwandten und FreundInnen auch Kollegen des Ehemannes empfangen, so daß die außerhäusliche (Erwerbs-)Arbeitswelt in den Innenraum eindringt; in diesem Sinne muß das Speisezimmer als übergangsraum gewertet werden. Das klassische bürgerliche Speisezimmer ist festlich, ernst und würdevoll gestaltet, der Tisch steht im Zentrum, an der Stirnseite des Tisches befindet sich der Platz des Vaters, wo er sich als Ernährer und Oberhaupt der Familie produziert. An der Wand hinter ihm steht das Büfett, in dem sich das Porzellan und Familiensilber befindet. Dieser zur Schau gestellte Besitz ist ein nach außen gerichtetes Zeichen für den Wohlstand und das gesellschaftliche Ansehen der Familie, die an die Position des Vaters gebunden ist.
Mit anderen Inhalten ist der Familientisch beladen, wenn er in der Küche steht: Der Raum verwandelt sich von der 'Arbeitsküche', in der weibliche Arbeit dem (männlichen) Auge entzogen wird, hin zu einer 'Wohnküche', d.h. ein Ort, an dem die Familie sich aufhält. In dieser Situation ist der Bereich des Miteinander der Familie stärker betont, da der formale Aspekt des gesonderten Speisezimmers entfällt. Im Gegensatz zum Speisezimmer fällt die Küche in den weiblichen Bereich, sie ist ein Ort, an dem sich die Tätigkeit der Hausfrau abspielt. Daher ist die Küche im großbürgerlichen Wohnen kein eigentlicher Familienraum sondern ein Produktionsraum35, ein Ort der Arbeit und damit des Personals. In sozial niedrigeren Schichten, bei Angestellten, HandwerkerInnen und ArbeiterInnen ist die Küche mit einer Doppelnutzung - arbeiten und wohnen - belegt. Während im bürgerlichen Speisezimmer der formale Aspekt vorherrscht, erweckt die Wohnküche Assoziationen von Alltag, Intimität und Wärme - die nicht nur der Herd, der zugleich als Ofen dient, ausstrahlt sondern auch das scheinbar ständige und vermeintlich gleichberechtigte Miteinander aller Familienmitglieder. Hier werden auch BesucherInnen in den Familienalltag einbezogen, falls es nicht noch eine 'gute Stube' gibt, die den Feiertagen und dem Empfang von Fremden vorbehalten bleibt.
Der Familientisch ist zwar im Zentrum des Hauses verortet und spielt eine wichtige Rolle in der ständigen (Re-)Produktion der patriarchalen Ordnung/Vorherrschaft des Vaters innerhalb der Familie, dennoch ist seine Bedeutung abhängig von seiner Nutzung und bleibt nicht auf die Innensphäre beschränkt. So wird beispielsweise die 'Führungsposition' des Vaters durch (rituelle) Handlungen im Verlauf des Mahls unterstrichen: Der Vater spricht das Tischgebet (oder entscheidet, wer diese Aufgabe an seiner Stelle übernimmt), er schneidet das Fleisch auf, er erhält die größten und besten Anteile der Speisen und diese zuerst (schließlich sorgt er für den Erhalt der Familie), er führt das Wort in der Unterhaltung. Auch die untergeordnete Stellung der Hausfrau/Mutter wird am Familientisch unterstrichen: Sie hat den größten Anteil an der Produktion des Mahls, sie wird die Speisen auftragen und verteilen, wenn es keine Bediensteten gibt, die diese Arbeit übernehmen. Dabei wird sie dem Familienvater zuerst und die besten Stücke geben (s.o.), sich selbst dagegen zurückhalten - ihre Rolle ist es, für die Familie zu sorgen und sich für das Wohlergehen ihrer Kinder notfalls selbst zu opfern. In diesen Kontext fällt auch der geschlechtsspezifische Zugang zu Nahrungsmitteln, abhängig von den kulturellen Körperidealen. So ist es in der westlichen Welt üblich, männlichen Kindern zu raten, doch nur ja 'gut' zu essen, damit sie 'groß und stark' werden, wohingegen Mädchen die Nahrung eventuell eingeschränkt wird, um ihre schlanke Linie zu bewahren.
Ein weiteres Medium, mit dem die kulturelle Ordnung am Familientisch reproduziert wird, ist die Kommunikation. Häufig ist das gemeinsame Mahl die Gelegenheit, bei der die gesamte Familie zusammenkommt, der Tisch ist der Ort familiärer Verständigung, in der sowohl die Beziehungen innerhalb der Familie als auch nach Außen verhandelt werden. In Tischgesprächen werden innerfamiliäre Probleme ausgetragen, um die Familie zu einer Einheit zu gestalten, als die sie der Außenwelt gegenüber treten soll. Hier wird von Erfahrungen in und mit der Außenwelt gesprochen, Handlungsmöglichkeiten werden diskutiert, aber auch Verhaltensreglementierungen ausgesprochen. In der Idealvorstellung setzt sich hier die Familie als Einheit mit dem Außen auseinander. Andererseits haben die Familienmitglieder unabhängig voneinander Kontakte zum Außenbereich und reagieren unterschiedlich auf ihre Erfahrungen. Hier kann es zu Auseinandersetzungen kommen - der Familientisch wird zum Konfliktraum.

Filmmaterial

Für meine Dissertation untersuche ich drei Spielfilme, in denen Migrantinnen die zentralen handlungstragenden Figuren sind und die in den 1990er Jahre in Australien produziert wurden: Fistful of Flies (Monica Pellizzari 1996), Floating Life (Clara Law 1996) und The Sound of One Hand Clapping (Richard Flanagan 1997). Für meinen Vortrag zum Familientisch habe ich mich auf einen Film beschränkt:

Synopsis

The Sound of One Hand Clapping erzählt die Geschichte von Sonja, einer Frau Ende Dreißig, die in ihrem Urlaub nach Tasmanien zurückkehrt, wo sie aufgewachsen ist. Sie versucht eine Annäherung an ihren entfremdeten Vater, was ihr jedoch nicht gelingt. Wir erfahren, daß Sonja schwanger ist. Eine alte Freundin ihrer Mutter, Jenja, überredet sie, nicht nach Sydney zurückzukehren sondern das in Tasmanien Kind auszutragen. Sonja bleibt und bekommt eine Tochter, die sie nach ihrer Mutter Maria nennt.
In Form von Rückblenden bekommen wir Ausschnitte aus Sonjas Leben erzählt. Zusammen mit ihren Eltern Maria und Bojan kommt sie als Baby Anfang der 50er Jahre nach Tasmanien. Als sie drei Jahre alt ist verschwindet ihre Mutter und Sonja lebt für einige Jahre in Pflegefamilien, da Bojan in den provisorischen Arbeiterunterkünften der Staudammprojekte in den Bergen arbeitet und lebt. Mit etwa fünf Jahren nimmt Bojan seine Tochter zu sich, sie leben in Hobart in 'wog flats' - so werden in Australien billige, oft etwas heruntergekommene Häuser genannt, in denen 'wogs' - eine abfällige Bezeichnung für ImmigrantInnen - leben. Bojan beendet ein Liebesverhältnis aufgrund Sonjas ablehnender Haltung gegenüber seiner Freundin Jean. Er trinkt zunehmend mehr und beginnt Sonja zu schlagen, wenn er betrunken ist. Mit etwa sechzehn Jahren verläßt Sonja Tasmanien und geht nach Sydney.
Auf einer weiteren Ebene der Narration, in Erzählungen von Bojan, Jenja und in Träumen und Erinnerungen Sonjas, erfahren wir daß Maria und Bojan versuchten, durch ihre Emigration vor den Erinnerungen an das von den Deutschen besetzte Slowenien des Zweiten Weltkrieges zu fliehen. Als Kinder und Jugendliche mußten sie die Greueltaten des Krieges miterleben; die SS tötete Marias Vater, vergewaltigte ihre Mutter, ihre Schwester und sie selbst. In Rückblenden, die in die Geburtsszene von Sonjas Tochter eingeflochten sind, sehen wir, daß Maria, Sonjas Mutter, sich in den Wäldern Tasmaniens erhängte. Die Narration legt nahe, daß das die Hintergründe für Bojans Verhalten sind, das zu der Entfremdung zwischen Vater und Tochter geführt hat; die Geburt der Enkelin Maria bewirkt eine Wiederannäherung der Beiden.


Anmerkungen

1 Foucault 1991, S.37.
2 Foucault 1991, S.38.
3 Rogoff, Irit: 'Deep Space'; in: Friedrich, Annegret e.a. (ed.): Projektionen - Rassismus und Sexismus in der Visuellen Kultur; Marburg 1997 (52 - 60), S.53.
4 Lefebvre, Henri: The Production of Space; Oxford 1991.
5 Rogoff 1997, S.55.
6 Rogoff 1997, S.55; Zitat von Lefebvre ohne weitere Angabe.
7 Alle Zitate Rogoff 1997, S.55.
8 Rogoff 1997, S.53.
9 Nierhaus 1999, S.126.
10 privatus: lat. (der Herrschaft) beraubt), gesondert, für sich stehend, nicht öffentlich; privare: lat. berauben, befreien, sondern; Duden Herkunftswörterbuch; Mannheim 1989.
11 Blocker 1996, S.127.
12 Blocker 1996, S.127.
13 Bordry, Pauline/Kuster, Brigitta/Lorenz, Renate: Reproduktionskonten fälschen! Heterosexualität, Arbeit und Zuhause; in: Diskus 1/2000 (file:///L|/diskus 1_00.htm), die folgenden Zitate sind aus diesem Text.
14 Nierhaus 1999, S.97.
15 Nierhaus 1999, S.97.
16 Nierhaus 1999, S.100.
17 Blocker, Jane: Woman-House: Architecture, Gender and Hybridity in What's Eating Gilbert Grape?; in: Camera Obscura , no 39, 9/1996 (126 - 150).
18 Blocker 1996, S.130.
19 Blocker 1996, S.133.
20 Nierhaus 1999, S.35.
21 Rogoff 1997, S.58.
22 Blocker 1996, S.133.
23 Blocker 1996, S.133.
24 John Fiske, Bob Hodge und Graeme Turner teilen die Räume des 'idealen' australischen Hauses in drei Sphären, die sich ebenfalls durch Zugänglichkeit von Außen nach Innen erklären: »The three directions classify three different kinds of Person: non-family ..., family..., and martial couple«. Fiske, John/Hodge, Bob/Turner, Graeme: Myths of Oz - Reading Australian Popular Culture; St Leonards/Sydney 1987, S.33.
25 Mulvey, Laura: Pandora - Topographies of the Mask and Curiosity; in: Colomina, Beatriz (ed): Sexuality and Space; Princeton 1992 (53 - 71), S.55.
26 Wigley 1992, S.336.
27 Wallerstein, Immanuel: Die Konstruktion von Völkern - Rassismus, Nationalismus, Ethnizität; in: Balibar, Etienne/Wallerstein, Immanuel: Rasse Klasse Nation - Ambivalente Identitäten; Hamburg/Berlin 1992 (87 - 106), S.96.
28 Für eine detailierte Analyse zur Verbindung von Geschlecht, Ethnizität und Nation siehe u.a. McClintock, Anne: No Longer in a Future Heaven; in: Eley, Geoff/Suny, Ronald Grigor (ed.): Becoming National; New York/Oxford 1996, (260 - 284).
29 Panoff, Michel/Perrin, Michel: Taschenwörterbuch der Ethnologie; Berlin 1982 (2. Auflage), S.91.
30 Anderson, Benedict: Imagined Communities - Reflections on the Origin and Spread of Nationalism; London/New York 1991 (rev. ed.).
31 Nicolet, Claude: Space, Geography and Politics in the Early Roman Empire; Ann Arbor 1991; S.2; zitiert nach Rogoff, S.54.
32 Stratton, Jon/Ang, Ien: Multicultural imagined communities - cultural difference and national identity in Australia and the USA; in: Continuum, vol. 8 no 2 (1994) [http://wwwtds.murdoch.edu.au/~cntinuum/8.2/Stratton.html].
33 Ich verwende die Begriffe 'multikulturell' und 'Multikulturalität', um Gesellschaftssysteme zu benennen, in denen mehrere als ethnisch unterschiedene Gruppen nicht unerheblicher Größe vertreten sind; mit 'Multikulturalismus' bezeichne ich regierungspolitische Konzepte, die mit dem Bestehen einer multikulturellen Gesellschaft umgehen, d.h. die Gruppen anerkennen, in ihrer ethnischen Besonderheit fördern und nicht ein Konzept der Assimilation verfolgen..
34 Nierhaus 1999, S.103f.
35 Nierhaus 1999, S.95.

Literatur

Anderson, Benedict: Imagined Communities - Reflections on the Origin and Spread of Nationalism; London/New York 1991 (rev. ed.)

Blocker, Jane: Woman-House: Architecture, Gender and Hybridity in What's Eating Gilbert Grape?; in: Camera Obscura , no 39, 9/1996 (126 - 150)

Bordry, Pauline/Kuster, Brigitta/Lorenz, Renate: Reproduktionskonten fälschen! Heterosexualität, Arbeit und Zuhause; in: Diskus 1/2000 (file:///L|/diskus 1_00.htm)

Colomina, Beatriz (ed): Sexuality and Space; Princeton 1992

Fiske, John/Hodge, Bob/Turner, Graeme: Myths of Oz - Reading Australian Popular Culture; St Leonards/Sydney 1987

Foucault, Michel: Andere Räume; in: Aisthesis - Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen ästhetik; Leipzig 1991 (34 - 46)

Grosz, Elisabeth: Bodies-Cities; in: Colomina, Beatriz (ed): Sexuality and Space; Princeton 1992 (241 - 253)

Lefebvre, Henri: The Production of Space; Oxford 1991 (Orig.: La production de l'Espace; Paris 1974)

McClintock, Anne: No Longer in a Future Heaven; in: Eley, Geoff/Suny, Ronald Grigor (ed.): Becoming National; New York/Oxford 1996 (260 - 284)

Morris, Meaghan: Great Moments in Social Climbing - King Kong and the Human Fly; in: Colomina, Beatriz (ed): Sexuality and Space; Princeton 1992 (1 - 51)

Mulvey, Laura: Pandora - Topographies of the Mask and Curiosity; in: Colomina, Beatriz (ed): Sexuality and Space; Princeton 1992 (53 - 71)

Nierhaus, Irene: Arch6 - Raum, Geschlecht, Architektur; Wien 1999

Panoff, Michel/Perrin, Michel: Taschenwörterbuch der Ethnologie; Berlin 1982 (2. Auflage)

Rogoff, Irit: 'Deep Space'; in: Friedrich, Annegret e.a. (ed.): Projektionen - Rassismus und Sexismus in der Visuellen Kultur; Marburg 1997 (52 - 60)

Stratton, Jon/Ang, Ien: Multicultural imagined communities - cultural difference and national identity in Australia and the USA; in: Continuum, vol. 8 no 2 (1994) [http://wwwtds.murdoch.edu.au/~cntinuum/8.2/Stratton.html]

Wallerstein, Immanuel: Die Konstruktion von Völkern - Rassismus, Nationalismus, Ethnizität; in: Balibar, Etienne/Wallerstein, Immanuel: Rasse Klasse Nation - Ambivalente Identitäten; Hamburg/Berlin 1992 (87 - 106)

Wigley, Mark: Untiteled - The Housing of Gender; in: Colomina, Beatriz (ed): Sexuality and Space; Princeton 1992; (327 - 389)

Filmmaterial

zum Vortrag:

The Sound of One Hand Clapping, Richard Flanagan 1997

zum einführenden Text:
What's Eating Gilbert Grape?, Lasse Hallström 1993

weiter Filme zu meiner Dissertation:
Fistful of Flies, Monica Pellizzari 1996
Floating Life, Clara Law 1996


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