Es ist ironisch, daß in einer Zeit, in der Literaturtheorien großen Einfluß haben, die explizit betonen, daß man nicht zu einer "wahren" Textbedeutung vorstoßen könne, kaum systematische Versuche unternommen werden, sich mit den real vorkommenden Bedeutungszuschreibungen auseinanderzusetzen. Genau dies ist das Ziel meines Habilitationsprojektes, auf dem dieser Beitrag basiert. Es geht dort darum, zu untersuchen, ob die regelmäßig auftretenden Interpretationskontroversen, die um literarische Texte entbrennen, auf regelhaft auftretende Phänomene im Rezeptionsprozeß zurückzuführen sind, mit deren Hilfe dann eine Grundstruktur dieser Kontroversen - unabhängig von ihrem konkreten Gegenstand - beschrieben werden kann. Man könnte meinen, es handele sich dabei um ein anachronistisches Projekt, denn wer versucht, Modelle regelhaft auftretender Strukturen bei Rezeptionshandlungen zu entwickeln, hat im herrschenden literaurtheoretischen Klima gleich zwei Probleme. Zum einen ist die Vorstellung, man könne Kommunikationsprozesse mit Hilfe von Modellen abbilden, im Rahmen der Auseinandersetzung der Literaturwissenschaft mit poststrukturalistischen und insbesondere mit dekonstruktivistischen Theoremen heftig angegriffen worden. Zum anderen ist die Rezeptionsforschung kein Bereich der Literaturwissenschaft, der in den letzten Jahren durch besondere innovative Kraft aufgefallen wäre. So hat sich an der Situation, die Ulrich Suerbaum vor jetzt schon bald 20 Jahren beschrieben hat, bis heute wenig geändert: Die gesamte Rezeptionsforschung, vor gut zehn Jahren als die Literaturwissenschaft der Zukunft propagiert, steht inzwischen in dem Ruf, eine Disziplin vollmundiger Programmerklärungen und geringer Leistung zu sein, und ist in Gefahr, schon wieder aus der Mode zu kommen. Diese gegenwärtige Trendwende, die der theoretischen Leistung der Rezeptionsforschung sicher nicht gerecht wird, ist vor allem eine Reaktion auf das Schneckentempo, in dem sich die empirische Leserforschung entwickelt hat, und auf das Fehlen praktischer Modelle zur Untersuchung der Rezeptionsaspekte konkreter Gattungen oder Einzelwerke.1 Heute scheint es für den Versuch, solche Modelle zu entwickeln beinahe schon etwas spät zu sein. So ist - unter anderem als Reaktion auf Befunde wie den Suerbaums und als Ausdruck des institutionellen Erfolges dekonstruktivistischer Positionen - eine Gegenbewegung zu konstatieren. Es ist dies eine Rückbesinnung auf den Text, die mit einer paradox anmutenden Re-Ontologisierung des Textbegriffes einhergeht. So muß man nicht Gebhard Ruschs polemische Absichten teilen, um den Wahrheitskern in seiner provokanten Rede von "der postmodern als Dekonstruktionismus und Diskursanalyse maskierten Restauration der Texthermeneutik" zu erkennen.2 Es ist in der Tat auffällig, daß es über den Umweg epistemologischer Reflexion vielen poststrukturalistischen TheoretikerInnen wieder möglich scheint, unbefangen Aussagen darüber zu machen, was "der Text" oder "alle Texte", (offensichtlich auch ohne Leser) "immer schon" zeigen, illustrieren oder gar bedeuten. So sind die Parallelen, die Robert Scholes in der institutionellen Praxis des New Criticism und dekonstruktiver Ansätze ausmacht sicherlich kein Zufall: For me the ultimate hell at the end of all our good New Critical intentions is textualized in the image of a brilliant instructor explicating a poem before a class of stupefied students. And when I see this very icon being restored to the same position within the same ivied halls, by certain disciples of Derrida - I could weep with frustration.3 Die hier von Scholes in polemischer Absicht formulierte Parallele ergibt sich aus dem ähnlichen Status, den beide Theoriegebäude dem Text im Kommunikationsprozeß zuweisen. In diesem Zusammenhang ist eine Formulierung Hubert Zapfs in einem Lexikonbeitrag zum Lemma Dekonstruktivismus aufschlußreich: "Der Text geht einerseits immer schon über die ihm zugeschriebenen Bedeutungen hinaus, andererseits liegt in seiner Form und Rhetorik zugleich die Tendenz begründet, den eigenen Bedeutungsanspruch schließlich wieder selbst zu dekonstruieren."4 Zapfs prägnante Formulierung macht sichtbar, daß hier - wie im New Criticism - eine Theorie vorliegt, die davon ausgeht, der Text sei im literarischen Kommunikationsprozeß der entscheidende Faktor, ja letztlich der 'Agent'. So wird die Demonstration, daß konkrete Bedeutungszuschreibungen nie alle möglichen Bedeutungen des Textes ausschöpfen können, zum Ausgangspunkt für einen quasi-ontologischen Textbegriff. Ein entscheidendes Problem hierbei ist jedoch, daß die Privilegierung des Textes dazu führt, daß die Frage, welche Bedeutungen RezipientInnen realiter Texten zuschreiben, kaum noch von Interesse ist. Dabei macht es dann kaum einen Unterschied, ob eine bestimmte Lesart als fallacy denunziert wird, oder ob sie nur noch dazu dient, die Dekonstruierbarkeit jedes Rezeptionsresultats vorzuführen. Dabei ist die These, daß die Zuschreibung von Textbedeutung nie abschließbar ist, mag sie nun richtig sein oder falsch, für den tatsächlichen Umgang mit literarischen Texten in der weit überwiegenden Zahl der Fälle einfach irrelevant. Bedeutung wird zugeschrieben, und die große Mehrzahl der RezipientInnen kommt nicht zu dem Rezeptionsresultat, daß der Text, den sie gerade gelesen haben, seinen scheinbaren manifesten Aussagegehalt dementiert. Dies mag man metaphysisch oder, mit anderen weltanschaulichen Prämissen, ideologisch nennen, es ist aber zunächst einmal einfach der Fall. Diese Tatsache hat die Literaturwissenschaft, will sie angemessen mit ihrem Gegenstand umgehen, zur Kenntnis zu nehmen. Dies bedeutet zugleich, daß die Analyse der Mechanismen, die den empirisch feststellbaren Bedeutungszuschreibungen zu Grunde liegen, nicht nur eine legitime, sondern auch eine dringliche Aufgabe für die Literaturwissenschaft ist. Mit der Konzentration auf diesen Aspekt verfolgt die vorliegende Arbeit neben dem primären - inhaltlichen - ein weiteres - sozusagen "theoriepolitisches" - Ziel: Sie will dazu beitragen, daß die literaturwissenschaftliche und insbesondere die literaturtheoretische Debatte sich wieder stärker von der starken Textfixierung weg und hin zur Analyse des empirisch vorkommenden literarischen Kommunikationsprozesses bewegt. Neben den oben vorgetragenen wissenschaftsimmanenten Argumenten gibt es zudem gesellschaftspolitische Gründe, aus denen mir eine solche Orientierung geboten erscheint: Es kann nicht angehen, daß die Wissenschaft von der Literatur in wesentlichen Teilen die tatsächlich vorkommenden Begegnungen mit Literatur nur insofern zur Kenntnis nimmt, als sie sie für defizitär erklärt. Damit verweigerte sie sich einer ihrer ureigensten Aufgaben, die von keiner anderen Disziplin übernommen werden kann: zu beschreiben, wie der - um mit Siegfried J. Schmidt zu sprechen - "gesellschaftliche Handlungsbereich Literatur" funktioniert.5 Dies setzt zugleich voraus, daß die Handlung der Bedeutungszuschreibung in ihrem Prozeßcharakter ernstgenommen wird. Dies geschieht in den dominanten Ausprägungen der Literaturwissenschaft nach wie vor beharrlich nicht. Es herrschen noch immer literaturtheoretische Modelle vor, die die RezipientInnen im Grunde als Decodierungsinstanzen verstehen, deren eigenständigster Beitrag zur Kommunikation damit geleistet ist, daß sie Leerstellen im iserschen Sinne ausfüllen. So wird man in Einführungen in die Literaturwisschenschaft mit großer Regelmäßigkeit auf Jakobsons Kommunkationsmodell verwiesen,6 das, so z.B. Bonheim, seit 1960 nicht wesentlich verbessert werden konnte und "einen Überblick über die entscheidenden Parameter des Kommunikationsprozesses und (...) so eine Basis, um einen literarischen Text auf systematische Art und Weise analysieren zu können" bietet.7 Dieses grundlegende Modell wird dann, z.B. von Nünning, wie folgt auf die Literatur appliziert: Ein Autor (Sender) produziert einen literarischen Text (Nachricht), der zugleich die materiale Grundlage bzw. das Medium (Kanal) bildet, durch das die Nachricht zum Rezipienten (Empfänger) gelangt. Eine notwendige Voraussetzung dafür, daß dieser den Text verarbeiten kann, besteht darin, daß Sender und Empfänger eine gemeinsame Sprache beherrschen und von ähnlichen Gattungskonventionen ausgehen (Code). Trotz ihres fiktionalen Charakters weisen auch literarische Texte in der Regel einen ästhetisch vermittelten Bezug zur historischen oder gegenwärtigen Wirklichkeit (Kontext) auf.8 So weit, so einleuchtend. Eine Nachricht wird codiert, wobei der Code eine natürliche Sprache ergänzt um literarische Konventionen ist.9 Aber wenn wir es mit schlichten Codierungs- und Decodierungsprozessen zu tun hätten, müßte doch prinzipiell der Informationstransport ohne größere Verluste stattfinden können. Denn wenn auch durchaus im Detail Differenzen über eine angemessene Definition des Code-Begriffs bestehen, so kann doch die folgende Formulierung beanspruchen, gleichermaßen den Kern der Mehrheitsmeinung in der linguistischen Theoriebildung wie das alltagssprachliche Verständnis von Code wiederzugeben. Sie läßt aber wenig Raum für die Möglichkeit von Informationsverlust beim Transport: A code as we will use the term, is a system which pairs messages with signals, enabling two information-processing devices (organisms or machines) to communicate. A message is a representation internal to the communicating devices. A signal is a modification of the external environment which can be produced by one device and recognised by the other. (...) Schon ein oberflächlicher Blick auf die Realität zeigt jedoch, daß dies zumindest im Fall literarischer Kommunikation offensichtlich nicht der Fall ist. Die verschiedenen Entschlüsselungsversuche literarischer Texte füllen ganze Bibliotheken. Wenn literarische Kommunikation in wichtigen Aspekten andere Strukturen aufweist als man bei Annahme eines Code-Modells erwarten sollte, müßte früher oder später die Frage virulent werden, ob man es hier tatsächlich mit einem Phänomen zu tun hat, bei dem Codierungs- und Decodierungsprozesse die wichtigste Rolle spielen. Genau diese Frage wird in der Literaturwissenschaft aber kaum gestellt. Die wenigen Autoren, die sie stellen, stehen nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit aktueller literaturwissenschaftlicher Debatten. So zeigt sich beispielsweise auch und gerade in dekonstruktivistischen Ansätzen, daß man hier der Meinung ist, daß man es mit einem instabilen Code, bei dem durch die Einwirkung raum-zeitlicher Differenz die Bedeutungen fluktuieren, zu tun hat, der Rückgriff auf Code-Modelle bleibt aber bis in die Wortwahl hinein sichtbar: Wer der Meinung ist, der Prozeß der Zuordnung von Signifikaten zu Signifikanten sei nicht zum Abschluß zu bringen und würde in eine unendliche Verweisungsstruktur münden, geht doch zunächst einmal von einem solchen Zuordnungsprozeß als Basismodell aus. One solution which is currently discussed is the setting up of a theory of communication separate from but dependent on a previously stated account of semantics - a theory of pragmatics. The main aim of such a theory is expected to be the explanation of how it is that speakers of any language can use sentences of that language to convey messages which do not bear any necessary relation to the linguistic content of the sentence used.11 Mit der Ausnahme Michail Bachtins, der als Vorläufer der literaturwissenschaftlichen Beschäftigung mit pragmatischen Fragestellungen gelten kann (Todorov hält ihn gar für den modernen Gründer der wissenschaftlichen Disziplin Pragmatik schlechthin12), gibt es bis in die achtziger Jahre hinein kaum Versuche, pragmatische Erkenntnisse für literarische Analysen fruchtbar zu machen. Die Richtung der wenigen früheren Versuche, eine literaturwissenschaftlich Pragmatik zu begründen, wird schon im Titel des bekanntesten Werks aus dieser Phase, Mary Louise Pratts Toward a Speech Act Theory of Literary Discourse von 1977, deutlich.13 Der institututionelle Erfolg der Sprechakttheorie searlescher Prägung bestimmte bis zu einem gewissen Grad auch die Orientierung der literaturwissenschaftlichen Rezeption von Pragmatik. In einer Gegenüberstellung von Searles Position mit der Grice' wird aber schnell deutlich, daß Searle kaum geeignet ist, als Grundlage einer literaturwissenschaftlichen Theorie zu dienen, die die interaktive Dynamik literarischer Kommunikation stärker in den Blick nimmt: (...) in uttering any sentence, a speaker (..) [can] be seen to have performed some act, or, to be precise, an illocutionary act. Conventionally associated with each illocutionary act is the force of the utterance which can be expressed as a performative such as 'promise' or 'warn'. Austin also pointed out that, in uttering a sentence, a speaker also performs a perlocutionary act which can be described in terms of the effect which the illocutionary act, on the particular occasion of use, has on the hearer.14 Searle wirft nun Grice vor, daß er die Bedeutung einer Aussage mit ihrer perlokutionären Kraft gleichsetze. Und in der Tat hatte Grice schon 1957 geschrieben: "'[S] meant something by x' is (roughly) equivalent to '[S] intended the utterance of x to produce some effect in an audience by means of the recognition of this intention'."15 Die Bedeutung von Äußerungen stark von ihrem Effekt auf den Rezipienten ab. Damit wird aber auch der Unterschied zwischen illokutionärem und perlokutionärem Akt unscharf. Dies macht dann den Kern des Dissenses zwischen Searle und Grice aus. In Speech Acts widerspricht Searle vehement der Identifikation von Illokution und Perlokution: However valuable this [i.e. Grice's] account of meaning is, it seems to me to be defective in at least two crucial respects. First, it fails to account for the extent to which meaning can be a matter of rules and conventions. This account of meaning does not show the connection between one's meaning something by what one says, and what that which one says actually means in the language. Secondly, by defining meaning in terms of intended effects it confuses illocutionary with perlocutionary acts. Put crudely, Grice in effect defines meaning in terms of intending to perform a perlocutionary act, but saying something and meaning it is a matter of intending to perform an illocutionary, not necessarily a perlocutionary act.16 Um dies nachzuweisen muß Searle ein komplexes System von Konventionen erarbeiten, das illokutionäre Akte bestimmen kann, ohne dabei in erster Linie auf perlokutionäre Effekte zu rekurrieren. In einer Gegenüberstellung von Searle Charakterisierung des eigenen und Grice' Ansatz wird die große Bedeutsamkeit, die dieser Unterschied für meine Fragestellung hat, besonders deutlich. Die Zitate sind zwei verschiedenen Texten entnommen, ihr sachlicher Zusammenhang ist jedoch offensichtlich. Die eigene Position beschreibt Searle in "The Logical Status of Fictional Discourse" folgendermaßen: "I (..) believe that there is a systematic set of relationships between the meanings of the words and sentences we utter and the illocutionary acts we perform in the utterance of those words and sentences."17 Im Kontrast dazu heißt es in Speech Acts über Grice: "One might say that on Grice's account it would seem that any sentence can be uttered with any meaning whatever, given that the circumstances make possible the appropriate intentions. But that has the consequence that the meaning of the sentence the becomes just another circumstance."18 Searles Position läuft also letzten Endes eben doch wieder darauf hinaus, allgemeingültig Zuordnungsvorschriften von illokutionären Akten zu Signifikanten zu entwickeln. Diese Zuordnungsvorschriften sind meines Erachtens zwar komplexer und plausibler als die, die vom klassischen Strukturalismus angeboten werden, einen kategorialen Unterschied zwischen Searles "set of relationships" und Jakobsons Code kann ich allerdings nicht erkennen. Unter anderem aus diesem Grund hat sich - so weit ich sehe - in der linguistischen Pragmatik seit einigen Jahren eine Position durchgesetzt, die unter anderem auf einer Weiterentwicklung von Grice' Positionen aufbaut: die Relevanztheorie Sperbers und Wilsons. Sie schreiben über Grice: Grice's greatest originality was (...) to suggest that (...) as long as there is some way of recognizing the communicator's intentions, then communication is possible. Recognition of intentions is an ordinary human endeavor. If Grice is right, the inferential abilities that humans ordinarily use in attributing intentions to each other should make communication possible even in the absence of a code.19 Sperber und Wilson versuchen nun zu zeigen, daß Kommunikation in der Tat kein codegesteuerter Prozeß ist. Dabei gehen sie über Grice' Annahmen noch einen Schritt hinaus. - Grice geht davon aus, daß in Konversation die Beteiligten bis zum Beweis des Gegenteils unterstellen, daß die KommunikationspartnerInnen sich an ein Kooperationsprinzip gebunden fühlen. Dieses Kooperationsprinzip formuliert Grice wie folgt: "Make your conversational contribution such as is required, at the stage at which it occurs, by the accepted purpose or direction of the talk exchange in which you are engaged."20 Dieses noch recht allgemeine Prinzip läßt sich dann mit Hilfe spezifischer Konversationsmaximen konkreter fassen. Diese Maximen beziehen sich auf die Quantität, Qualität, Relevanz und die Art des kommunikativen Aktes: Quantität: Qualität: Relevanz: Art: Im Falle einer scheinbaren oder tatsächlichen Verletzung von Konversationsmaximen wird entweder von einander in einer konkreten Kommunikationssituation widersprechenden Maximen ausgegangen oder davon, daß der Bruch der Maxime im höheren Interesse des Kooperationsprinzips erfolgt sei. Der erste Fall tritt etwa dann ein, wenn ein Passant auf die Frage nach der Uhrzeit "Zwischen 3 und 4 Uhr antwortet". Auch hier wird in der Regel nicht davon ausgegangen, daß er sich dem Kooperationsprinzip entzieht, indem er die erste Quantitätsmaxime (sei so informativ wie nötig) bricht, sondern daß ihn ihre Erfüllung in Widerspruch mit der zweiten Qualitätsmaxime (sage nichts, für das Du keine angemessenen Beweise hast) gebracht hätte - vulgo: man nimmt an, daß er es einfach nicht genauer weiß. Ein Beispiel für den zweiten Fall ist ein viel zu kurz geratenes Empfehlungsschreiben: Legt ein Kandidat für eine Philosophiedozentur eine Referenz vor, in der lediglich steht, er sei stets pünktlich und ein Virtuose bei der Bedienung der institutseigenen Kaffeemaschine gewesen, so ist ganz offensichtlich die erste Quantitätsmaxime verletzt worden. Trotzdem wird der Empfänger nicht davon ausgehen, die Referentin habe die Grundlagen des Kooperationsprinzips verlassen, sondern nach Voraussetzungen suchen, unter denen diese Verletzung gleichwohl einen Sinn haben könnte, der im Interesse der Kooperation ist. Erneut wird der Rezipient vermutlich eine Implikatur erschließen, die aus dem semantischen Gehalt der Botschaft nicht hervorgeht, nämlich die Annahme, daß der Kandidat von Philosophie nicht viel versteht. To work out that a particular conversational implicature is present, the hearer will rely on the following data: (1) the conventional meaning of the words used, together with the identity of any references that may be involved; (2) the Cooperative Principle and its maxims; (3) the context, linguistic or otherwise, of the utterance; (4) other items of background knowledge; and (5) the fact (or supposed fact) that all relevant items falling under the previous headings are available to both participants and both participants know or assume this to be the case. A general pattern for the working out of a conversational implicature might be given as follows: "He has said that p; there is no reason to suppose that he is not observing the maxims, or at least the Cooperative Principle; he could not be doing this unless he thought that q; he knows (and knows that I know that he knows) that I can see that the supposition that he thinks that q is required; he has done nothing to stop me thinking that q;he intends me to think, or is at least willing to allow me to think, that q; and so he has implicated that q."22 Sperber und Wilson gehen von einem vergleichbaren Mechanismus aus, sie überbieten Grice jedoch noch, indem sie die Hintergrundannahmen - in der Terminologie Grice': die Konversationsmaximen - radikal reduzieren. Zwar sei der schlußfolgernde Modus, den Grice annimmt, sehr wohl entscheidend bei der Bedeutungszuweisung, doch seien seine Maximen, die die Grundlage für diesen Prozeß bilden, unnötig normativ und zudem unsystematisch. Die Maximen dienten alle dem übergeordneten Ziel, möglichst ökonomisch Informationen zu übermitteln. In einer anderen Terminologie (die von Sperber und Wilson allerdings nicht verwendet wird) könnte man formulieren: Die Konversationsmaximen sind Normen, die einem übergeordneten Wert dienen: Der Relevanz. Sperber und Wilson schreiben: Our claim is that all human beings aim at the most efficient information processing possible. This is so whether they are conscious of it or not; in fact, the very diverse and shifting conscious interests of individuals result from the pursuit of this permanent aim in changing conditions. In other words, an individual's particular cognitive goal is always an instance of a more general goal: maximising the relevance of the information processed.23 Schon in dieser noch nicht sehr präzisen Formulierung wird deutlich, das die griceschen Konversationsmaximen in der Tat als Normen gesehen werden können, möglichst effektive Informationsverarbeitung sicherzustellen. Ob es nun die Vermeidung von Weitschweifigkeit, die angemessene Menge von Informationen oder die Wahrhaftigkeit der Aussage ist, stets kann man diese Maximen als Versuch verstehen, möglichst starke kognitive Effekte bei möglichst kleinem Prozeßaufwand für RezipientInnen zu erzielen. Dieses Verhältnis von kognitiven Effekten zum Prozeßaufwand definieren Sperber und Wilson als den Grad der Relevanz einer Aussage.24 Die Pointe dieser Definition besteht nun darin, daß mit ihrer Hilfe die griceschen Konversationsmaximen bei der Suche nach Implikaturen durch ein einheitliches Prinzip, in Sperbers und Wilsons Terminologie: das Relevanzprinzip, ersetzt werden können.25 Dieses Relevanzprinzip formulieren sie wie folgt: "Every act of ostensive communication communicates the presumption of its own optimal relevance."26 Ausformuliert lautet diese stets mitkommunizierte Annahme wie folgt: Presumption of optimal relevance (revised) Die erste Hälfte der Definition ist für die schlußfolgernde Bedeutungszuschreibung nur von untergeordnetem Belang. Sie ist in erster Linie entscheidend dafür, daß die Kommunikation nicht zusammenbricht. In dem Moment, an dem RezipientInnen nicht mehr der Meinung sind, daß diese Unterstellung zutrifft, brechen sie die Verarbeitung der Stimuli in der Regel ab. (Dies manifestiert sich im Alltag häufig in Fragen wie: "Warum erzählst du das nicht deinem Friseur?") Für die Bedeutungszuschreibung ist die zweite Hälfte dieser Definition bedeutsam. Falls die Annahme (a) noch unterstellt wird und eine Aussage nicht unmittelbar relevant wirkt, suchen RezipientInnen die ihnen zugänglichen Kontexte danach ab, ob in einem dieser Kontexte ein befriedigender Grad von Relevanz erzielt wird. Es ist nach Sperber und Wilson also nicht so, daß der Kontext einer Äußerung mehr oder weniger vorgegeben ist und die Äußerung im Lichte dieses Kontextes interpretiert wird, sondern das Prinzip der Relevanz sorgt dafür, daß man zunächst einmal unterstellt, daß die Äußerung relevant ist und in der Hoffnung, daß dies wirklich zutrifft, die eigene kognitive Umwelt nach Kontexten absucht, in denen diese Hoffnung gerechtfertigt erscheint.28 Dies hat zwei wichtige theoretische Folgen: 1. Ein solches Verfahren ist nicht notwendig auf Codes angewiesen. Wann immer ich unterstelle, eine Handlung sei in kommunikativer Absicht erfolgt, setzt der beschriebene Prozeß ein. Damit sind auf die Frage "Wie geht's?" das Zeigen einer Packung Aspirin und der Satz "Ich habe Kopfschmerzen" nicht in entscheidendem Maße kategorial verschieden. Accounts of communication are neither not psychological at all (...) or else they assume that a communicator's intention is to induce certain specific thoughts in an audience. We want to suggest that the communicator's informative intention is better described as an intention to modify directly not the thoughts but the cognitive environment of the audience. The actual cognitive effects of a modification of the cognitive environment are only partly predictable. Communicators - like human agents in general - form intentions over whos fulfillment they have some control: they can have some controllable effect on their audience's cognitive environment, much less on audience's actual thoughts and they form their intentions accordingly.29 Nach meinen einleitenden allgemeinen Überlegungen sollte nun klar sein, worin der Reiz besteht, diesen Theorieansatz für die Analyse literarischer Rezeptionshandlungen fruchtbar zu machen: Zum einen entzieht er den zahlreichen erkennbar unzulänglichen Versuchen, literarische Kommunikation auf der Basis des klassischen Codemodells zu konzeptualisieren, den Boden. Er setzt bei real vorkommenden Rezeptionshandlungen und nicht bei idealisierten impliziten LeserInnen oder gar hermeneutisch zu erschließenden oder dekonstruktiv zu destabilisierenden vorgängigen Textbedeutungen an und nimmt so die Dynamik literarischer Kommunikation in den Blick. Dies bietet eine Chance, die Eingangs zitierte Klage Suerbaums über die Sterilität der Rezeptionsforschung gegenstandslos zu machen. Wie genau ein relevanztheoretischer Ansatz auf literarische Kommunikation zu applizieren ist, wird der Gegenstand meines mündlichen Vortrags sein. Hier müssen zunächst einige Andeutungen genügen. So scheint es mir beispielsweise möglich zu sein, Stanley Fishs Konstrukt der Interpretationsgemeinschaften, das daran krankt, daß zum einen nie hinreichend definiert worden ist, wie sich solche Gemeinschaften bilden und worin konkret ihre Gemeinsamkeiten bestehen, und daß zum anderen nicht recht klar wird, wie sich für ein Mitglied einer solchen Gemeinschaft Einstellungswandel sollte vollziehen können, so zu ergänzen, daß es ein nützliches analytisches Werkzeug werden kann. Wenn man nämlich, wie ich vorschlagen möchte, Interpretationsgemeinschaften als Menge von Menschen versteht, die unter anderem auf Grund ihrer ähnlichen kognitiven Umwelten ihrer vergleichbaren Sozialisation in ungefähr gleicher Reihenfolge Kontexte nach ihrem sinnkonstituierenden Potential für Äußerungen absuchen, bietet dies sowohl einen Ansatzpunkt für die Ermittlung von Konstituenten dieser Gemeinschaften als auch einen Erklärungsansatz für Einstellungsänderungen, die dann durch Änderung kognitiver Umwelten erklärt werden können. Der zweite entscheidende Vorzug besteht darin, daß mit Hilfe einer relevanztheoretisch informierten Rezeptionstheorie eine Grundlage für eine Ästhetik des Prozesses geschaffen werden kann. Nach wie vor wird in vielen ästhetischen Theorien das Schöne im Gegenstand der Betrachtung lokalisiert. Solche Ansätze sind aber im Bereich der Literatur noch fragwürdiger als in den anderen Künsten. Dadurch das der literarische Gegenstand immer erst im Leseprozeß zugänglich wird, ist ihm zwingend eine Zeitachse inhärent. Das ästheische Vergnügen muß also auch über eine Zeitachse entfalten, mit anderen Worten: es muß an einen Prozeß gebunden sein. Wie eine ästhetische Theorie, die diesen Überlegungen Rechnung trägt, aussehen könnte, hat Nils Erik Enkvist programmatisch skizziert: (...) the origin of literary values should be thought in text processing, perhaps even more than in textual structures as such. What is processed in interpretation is of course the text. But in communication, the text works as a trigger. (...) The key to interpretation must (...) lie in the process rather than in the trigger, the text, as such. Similarly, what literary values a reader finds in his text depends on the way in which he uses features of the text to build up his particular text world around that text. According to this processual view, if certain features in the text give us pleasure and thus strike us as attractive, they do not do so directly for their own sake, but rather because the processes these features trigger off produce a sensation of attractiveness because they operate within a system with evaluative overtones. The reason why this principle has not been generally acknowledged is that the processes of interpretation are not directly accessible to observation. What we can see is the text, what we can analyse are overt features in the text. But to comprehend and to interpret we need a cognitive text-processor. It is this text-triggered processor rather than the text alone that determines the interpretation and the effect of the text. (...) We should in other words try to develop a process aesthetics to supplement our more traditional product aesthetics. (...) [M]an is a hunter of meanings, willing to work to extract sense out of texts, and sometimes capable of enjoying his labours.30 Eine solche Prozeßästhetik, die im Detail noch zu erarbeiten ist, bietet meines Erachtens eine große Chance, die Mechanismen der Sinnzuschreibung besser zu verstehen und damit die Aufmerksamkeit der Literaturwissenschaft wieder stärker auf tatsächlich stattfindende Prozesse literarischer Kommunikation zu lenken. Insofern endet dies Paper wie es begonnen hat - mit dem Hinweis auf einen ironischen Sachverhalt: Eine erneute Zuwendung zu aktuellen linguistischen Erkenntnissen bietet den Ausgangspunkt für einen Versuch, die Aporien von literaturtheoretischen Ansätzen zu überwinden, die in ihrer Mehrzahl vom linguistic turn in den Geistes- und Sozialwissenschaften inspiriert worden sind. Es wäre zu hoffen, daß dieser linguistic return zu einem spannenden Ballwechsel führt. Anmerkungen
Literaturverzeichnis: Bonheim, Helmut, "Literaturwissenschaftliche Modelle und Modelle dieser Modelle", in: Ansgar Nünning (Hrsg.), Literaturwissenschaftliche Theorien, a.a.O. |