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Urs Urban, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Schweigen, Sterben - Texten.
Christine Angot und Thomas Hettche

Postmoderne Ästhetik, so läßt sich den theoretischen Stellungnahmen ihrer Verfechter und ihrer Interpreten entnehmen, definiert sich über die Kunst der Moderne, deren Scheitern die Vorraussetzung für eine nachmoderne Konzeption der Ästhetik, gleichermaßen die condition du postmoderne, ist. "Es ist also notwendig, auch den Begriff von Moderne, der der jeweiligen Rede von Postmoderne zugrundeliegt, aufzuhellen.", so der von Zima zitierte Frank Fechner, dessen Anregung hier produktiv aufgenommen werden soll.1 Wennauch die Aporien des modernen Entwurfes und die Dialektik der Aufklärung sich ungleich komplizierter artikulieren, soll hier nur der ästhetische Paradigmenwechsel zu einer Literatur der Nachmoderne untersucht werden.2
Um nicht einfach seit mehreren Jahrzehnten unternommene theoretische Überlegungen zusammenzufassen, soll dieser Paradigmenwechsel aus der Perspektive des Schweigens beschreiben werden. Das Schweigen in der Literatur hat eine lange Geschichte und ist von den verschiedensten Disziplinen gedeutet worden, allein als theoretisches Leitmotiv zur Beschreibung literarischer Ästhetik ist es bislang wenig und wenig gewinnbringend genutzt worden. Die These, der hier nachgegangen werden soll, lautet, die Aphasie der Kunst (und übrigens auch der ästhetischen Theorie) sei die paradigmatische Figur der Avantgarden, also der Moderne, und postmoderne Ästhetik zeichne sich aus durch ein ironisches Verschweigen dieses Schweigens.
Die Sprachskepsis ist alt und läßt sich in der europäischen Literatur bis zu den sprachtheoretischen Überlegungen des Kratylos zurückverfolgen. Zwei weitere historische Beispiele für die Schwierigkeit sprachlicher Repräsentation inneren Erlebens oder objektaler Wahrnehmung sind das äußerst gestörte Verhältnis der Mystiker zur Sprache sowie der sog. Unsagbarkeitstopos. Die Offenbarung göttlichen Seins in der mystischen Vision oder im "Erkennen" der unio mystica kann nur kompliziert umschrieben, eigentlich aber gar nicht vermittelt werden, und äußert sich bestenfalls in einem Dritten unzugänglichen Zungenreden. "Was aber für ein Triumph in dem Geiste gewesen sei, kann ich nicht beschreiben noch reden.", so Jakob Böhme über die Erfahrung der Gottesschau3. Mit dieser hängt eng zusammen das leidenschaftliche Liebeserleben, wie die erotischen Konnotationen der unio mystica suggerieren; auch hier versagt das Zeichensystem. Die Unsagbarkeit, eine als unüberwindlich erfahrene Krise der Abbildfähigkeit von Sprache, wird in der Literatur oft ausführlich oder in konventionalisierten Wendungen beschrieben. Es wird sich zeigen, wie im Verlauf der literarischen Moderne diese Krise der Repräsentation die Dichtung schließlich existentiell bedroht und dem Verstummen aussetzt. Vor allem wird zu zeigen sein, wie postmoderne Literatur mit dieser traumatischen Erfahrung umzugehen versucht.
Da Schweigen nicht denotiert sondern ausschließlich pragmatisch, d.h. kontextabhängig definiert ist, wird es seit jeher mystifiziert und mit geheimnisvoller Macht ausgestattet. Während Sprache im Mythos die Aufgabe hat, das Chaos des Ursprünglichen zu ordnen und die Welt kommunizierbar und beherrschbar zu machen, kann das Schweigen eine solche unvermittelte Konfrontation wiederherstellen. Davon zeugt eine Vielzahl von Beispielen aus dem populären und popularisierten Sprachgebrauch, vom güldenen Schweigen bis zum bekannten Satz Wittgensteins aus dem Tractatus; dieser besagt ja nicht, man könne überhaupt keine Aussagen treffen: Nur was nicht die Welt, also nicht der Fall ist, kann nicht gesagt werden, und "darüber muß man schweigen." Diese Situation aber ist eine oben bereits beschriebene: "Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische."4
Eine der Aufgaben wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit dem Schweigen ist es, Wittgenstein Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und seinen berühmten Satz sprachphilosophisch zu rekontextualisieren. Sprachphilosophie und Sprachwissenschaft sind in der Tat wissenschaftliche Disziplinen, die sich mit dem Schweigen beschäftigen, letztere z.B. in Form der Konversationsanalyse, die Schweigen in Zusammenhang mit den Regeln und Modi des Sprecherwechsels untersucht. Andere Wissenschaften interessieren sich für das Schweigen, so z.B. die Kulturgeschichte, deren Vertreter Peter Burke eine kurze Sozialgeschichte über den historischen Stellenwert des Schweigens entwirft5; Soziologie, Pädagogik und Psychologie beschreiben und deuten Verlauf und Disfunktion kommunikativen Verhaltens als soziale Kategorie bzw. Ausdruck individueller Fehlentwicklung. Es gibt also verschiedene Möglichkeiten der theoretischen Beschäftigung mit dem Schweigen, die auch je eigene "Schweigeakttypen" als ihren Gegenstand konstruieren, und alle diese Analysen können für die Literaturwissenschaft fruchtbar gemacht werden, wo diese das Schweigen als Thema der Literatur beschreibt und z.B. das kommunikative Verhalten romanesker Figuren oder der dramatis personae analysiert. Auch auf abstrakterer Ebene, z.B. bei der Betrachtung elliptischer und deiktischer Schreibweisen, mag vor allem die Linguistik ein geeignetes theoretisches Instrumentarium bereithalten. Hier jedoch soll es nicht um die Abwesenheit von Sprechakten und ihre Motivation, noch um syntaktische Lücken, noch auch um die rhetorische Figur, etwas zu sagen, um etwas anderes nicht zu sagen, gehen, sondern um ein Sagen ohne Gesagtes, um das Schweigen der Schrift.
Dieses Schweigen der Schrift, so die These, ist ein Kennzeichen moderner Literatur und führt in letzter Konsequenz zu einem totalen Verstummen, zum Verlust von Literatur am Ende der Moderne. In den wenigen Jahren seines lyrischen Schaffens und der gähnenden Leere seiner nach-künstlerischen Existenz zeigt uns Rimbaud, quasi in einer mise en abyme des historischen Prozesses der ästhetischen Moderne, wohin die Devise aller Avantgarden, "Il faut être absolument moderne!" unweigerlich und auf schnellstem Wege führt: In das Schweigen der Wüste. Er antizipiert die 30 Jahre später von Lord Chandos und 70 Jahre später von Roquentin artikulierte Verzweiflung an der mangelnden Be-deutung der Dinge, die ein Verzweifeln an der Arbitrarität der semiotischen Relation, an der Unmotiviertheit der Beziehung von les mots et les choses ist6. Während aber der weitere literarische Diskurs der Moderne entweder Rimbaud folgt oder melancholisch wird, verläßt Rimbaud die Literatur auf die einzige der Moderne angemessene Weise: unspektakulär, weg von einer sich entfaltenden Société du spectacle. Die Alternative, so wird zu zeigen sein, kann nur außerhalb der Moderne liegen und auch hierhin weist bereits Rimbaud.

J'écrivais des silences, des nuits, je notais l'inexprimable. Je fixais des vertiges.
Plus de mots.
(Rimbaud)7

In der Moderne verschärft sich zunehmend das Bewußtsein des "Dichters in dunkler Zeit" von einer Sprachkrise. Das Ringen um das wahre Wort, um das in den Dingen schlafende und vom Dichter mit dem Zauberwort zu erweckende Lied, gewinnt an Bedeutung und erweist sich als prekäres Beginnen: Lenz, wie von Büchner beschrieben, muß feststellen daß die Dinge nicht zu ihm sprechen und die Welt auf ohrenbetäubende Weise schweigt und scheitert an seinem Wunsch, die Umgebung zu lesen. Da gleichzeitig Welt nun verstanden wird als je wahrgenommene Welt ergibt sich auch die Notwendigkeit, die komplizierteren Strukturen subjektiven Erlebens in Sprache übersetzen zu müssen. Dabei befindet der Dichter sich in der paradoxalen Situation, zwar seine Schwierigkeiten mit dem Nichtsagbaren, aber eben nie dieses Nichtsagbare selbst artikulieren zu können. Die entscheidende Erklärung für Hölderlins sog. Umnachtung ist sicherlich hier zu suchen. Erst Rimbaud findet eine Lösung für diese scheinbare Aporie, und jeder avantgardistische Entwurf, möge er le Livre, écriture automatique oder Nouveau Roman heißen, läßt sich letztlich von dieser Geburtsstunde der historischen Avantgarde herleiten. Anders als der romantische Idealismus, der nach dem Muster der platonischen Metaphysik die Wahrheit des Signifikanten sprachlich be-deuten will, rezipiert Rimbaud das platonische Erbe nurmehr als Ideenleere. Diese leere Transzendenz, von der auch Hugo Friedrich spricht, spiegelt das imaginäre Bedeutete auf den Signifikanten selbst, der, wie Roman Jakobson es später zeigt, zum eigentlichen Träger der poetischen Funktion von Sprache wird.8
Auch Rimbaud möchte ein Anderes der Sprache beschreiben, doch sucht er es nicht in der im Ding verborgenen wahren Bedeutung, sondern im Gegenteil in der Entfesselung aller Bedeutungen, die die eine Bedeutung immer verschweigt, wenn nicht leugnet: "Il s'agit d'arriver à l'inconnu par le dérèglement de tous les sens."9 Dieses dérèglement de tous les sens ist mithin nur in zweiter Linie synästhetische Polyphonie, es ist vor allem die Korrosion des Sinns, also der Bedeutung. Ein Wort schweigt, weil der syntaktische Kontext, in dem es steht, keinerlei Schluß über seine Bedeutung zu ziehen erlaubt; seine Semantik wird verzerrt, weil den Regeln semiotischer und syntaktischer Zuordnung und folglich auch den pragmatischen Gelingensbedingungen nicht gehorcht wird. Wenn Rimbaud also schreibt "Je suis maître du silence." und "J'ai seul la clef de cette parade sauvage.", so heißt das, daß sein Text uns Herkunft, Ursprung, Referenz verschweigt. Das Vorhandensein von Isotopien, von die Begriffsbildung rekonstruierenden spezifischen Tiefenstrukturen, die aufgrund der Iterabilität die spezifische Semantik eines Textes lesbar machen sollen, ist umstritten und wird von Derridas différance, also dem Signifikanten-Aufschub, und von der Konstruktion eines Heterotopie-Konzeptes in Frage gestellt.
Indem aber das Objekt sich in Schweigen hüllt, stirbt auch das Subjekt der poetischen Rede. In ihrem Hohn über die subjektive Lyrik der Romantiker markieren Rimbaud ("JE est un autre") und Lautréamont deutlich den Abschied vom Subjekt, den die französische Avantgarde der Nachkriegszeit auf Theorie und Praxis der Prosatexte übertragen wird.10

2. Postmoderne Texte

Et tout sens se dissout hormis le sens tactile.
(Michel Houellebecq)11

Es wäre natürlich ein Ding der Unmöglichkeit, die hier in ihren historischen Anfängen skizzierte Problematik anhand des gewählten Leitmotivs, des Schweigens, auch konsequent weiterzuentwickeln: die literarische Entwicklung gestaltet sich zu komplex, als daß die vorgeschlagene binäre Differenzierung ihr gerecht werden würde. Die historischen Unterschiede zwischen den Avantgarden, die unterschiedliche Entwicklung der Gattungen, die Besonderheiten einzelner Werke, die Verschiedenheit der Nationalliteraturen, all dies müßte theoretisch bedacht, dürfte nicht leichtfertig vermischt werden. Andere Texte, wie Hofmannsthals Chandos-Brief, müßten besprochen, weitere Autoren wie Paul Valéry und Paul Celan, müßten genannt werden. Sie werden hier verschwiegen. Wenngleich an das als paradigmatisch dargestellte Sprachkonzept angeknüpft wird, müssen historische Brüche und Kontinuitäten hier ungenannt bleiben.
Rimbaud und Mallarmé, der ebenfalls Flauberts Wunsch nach einem Livre sur rien, einem Buch über nichts, zu erfüllen versucht, sind ihrer Zeit weit voraus. Indem sie der poetischen Sprache Autonomie verleihen, ihr mimetische oder repräsentative Funktion versagen, gelangen sie mit ihrer Dichtung an einen Punkt, an dem die avantgardistische Bewegung darüber hinaus, und damit Modernität unmöglich wird. Gleichzeitig verweisen sie, gerade durch die Suspendierung der semiotischen Relation auf die künftigen Gestaltungsprinzipien der Postmoderne: Die autonome Sprache erhält eigene, wennauch vorerst nur poetische, Macht.12
Der Roman entwickelt sich langsamer als die Lyrik, was mit seiner vielfachen Komplexität zu tun hat. Die klassische Moderne erreicht er mit Proust, Musil, Joyce, den letzten Versuch seiner Erneuerung erfährt er durch den Nouveau Roman. Der Prototyp des postmodernen Romans, etwa Der Name der Rose oder Das Parfum, zeichnet sich aus durch die ironische Wiederherstellung der narrativen Kontinuität, der Erzähleridentität, der psychologischen Tiefe, kurz der Lust am Text auf seiten des Autors und des Lesers, relativiert diese Rekonstruktion jedoch durch seine palimpsestartige Schichtung, die verschiedene andere Lesarten und vielfältige intertextuelle Bezüge anbietet. Erzählung und Problematisierung des Erzählten durchdringen sich hier nicht auf der Ebene der Textgestalt, sondern hängen ganz entschieden vom Leseprozeß ab: Figuren, Orte, Gegenstände entschlüsseln sich nur dem informierten Leser als Zitate, d.h. als intertextuelle Verdopplung und also ironische Entwertung des scheinbar Authentischen. Die trügerisch glatte Textoberfläche mag ihrerseits zu einem bestimmten geschichtlichen Zeitpunkt eine Provokation gewesen sein, vermochte jedoch keine dauerhafte Perspektive literarischer Gestaltung zu bieten, so daß heute wieder Störfaktoren moderner Textkonzeption das Schwelgen im Erzählten behindern; so vor allem bei Christine Angot und Thomas Hettche, deren Romane Not to be und Ludwig muß sterben ich in meinem Vortrag in Erlangen kurz auf der Folie des hier dargestellten sprachlichen Umgangs mit dem Schweigen der Dinge untersuchen möchte.
In verschiedenen philosophischen und literaturtheoretischen Entwürfen der Postmoderne wird diese Macht der Sprache verallgemeinert und die sprachliche Verfaßtheit von Wirklichkeit behauptet. Das semiotische Modell Saussures wird von poststrukturalistischen Theoretikern als metaphysisches Erbe verabschiedet und durch allegorische Figuren, d.h. die Identität des Dargestellten mit der Darstellung, ersetzt. Während die Allegorie auf Benjamins Vision einer adamitischen Ursprache zurückgeht, beruft sich die Theorie von der diskursiven Konstruktion der Welt auf Nietzsches Konzeption der Wahrheit als konventioneller Metaphorik. Wenn aber die Welt lediglich eine historische Konstruktion aus Sprache ist, schwindet natürlich das Interesse an den von der Moderne imaginierten außersprachlichen Entitäten wie Wahrheit, Subjekt, Moral, die als metaphysisch disqualifiziert werden. Stattdessen tritt die Materialität der Schrift, des Körpers und der Sexualität, des Raums ins Zentrum des Interesses. "Innerhalb der postmodernen philosophischen Problematik (...) tritt der physische Körper als menschliches Leben an die Stelle des metaphysischen Subjekts." Wie in vielen aktuellen Forschungsbeiträgen zu erkennen, eignet sich der Körper besonders als Metapher für eben dieses neue Interesse an der Materialität des Faktischen. Der Körper der eigenen Diskursivität wird zur exklusiven Bezugsinstanz des literarischen Textes. In Christine Angots Roman Not to be entscheiden das Sprechen und das begriffliche Denken des Protagonisten über sein Sein oder Nichtsein. Schweigen wäre nun Not to be: Verlust von Text, Subjekt und Welt.


Anmerkungen

1 F. Fechner: Politik und Postmoderne. Postmodernisierung als Demokratisierung? Wien 1990. S. 20. Zitiert nach Peter V. Zima: Postmoderne/Moderne. Tübingen/Basel 1997. S. 3 (Anm. 8).
2 Peter V. Zima hat den Versuch unternommen, die aus der Vielzahl der an der Postmoderne-Diskussion beteiligten Disziplinen und aus einer oft unreflektierten Begriffsverwendung resultierende terminologische Unschärfe systematisch zu erhellen. Auf seine terminologischen Vorschläge soll hier zurückgegriffen und die Moderne als Neuzeit und Aufklärung von der ästhetischen Moderne als Modernismus unterschieden werden. Letztere, als spätmoderne Selbstkritik der Moderne, ist hier Gegenstand des Interesses. Vgl. Peter V. Zima: Moderne-Modernismus-Postmoderne. Versuch einer Begriffsbestimmung. In: op. cit. S. 1-28.
3 Zitiert nach Christoph Wulf: Präsenz des Schweigens. In: Dietmar Kamper/Christoph Wulf (Hrsg.), Schweigen. Unterbrechung und Grenze der menschlichen Wirklichkeit. Berlin 1992. S. 7-16, hier S. 12.
4 Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus. In: Werkausgabe Band I. FfM 1984 S. 11-85, hier S. 85 (Satz 6.522 und Satz 7.)
5 Peter Burke: Reden und Schweigen: zur Geschichte sprachlicher Identität. Berlin 1994.
6 Der Ekel angesichts einer Wurzel resultiert aus der Erkenntnis, daß diese Wurzel eben keine Wurzel sei, weil die Wurzel ein Wort ist, der mit diesem Wort bezeichnete Gegenstand aber nur innerhalb der Sprache überhaupt etwas sei, außerhalb ihrer aber einfach existiere. Der Skandal, wie Robbe-Grillet bemerkt, ist nicht, daß etwas sinnvoll oder absurd ist, sondern daß es ist, oder wieder mit Wittgenstein: "Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern daß sie ist" (op. cit. S. 84, Satz 6.44): dieses Sein aber bleibt dem Menschen fremd (oder wird in der mystischen Erfahrung eins mit ihm). Erstaunlicherweise destabilisiert diese Einsicht in keinster Weise Sartres Diskursfähigkeit.
7 Arthur Rimbaud: Une saison en enfer. Eine Zeit in der Hölle. Französisch/Deutsch, übersetzt von Werner Dürrson. Stuttgart 1970. S. 50 und S. 18.
8 Man kann das von Rimbaud geleistete dérèglement de tous les sens, das Entfesseln aller Sinne, semiotisch gut beschreiben. Wenngleich auch George Steiner den Versuch unternimmt, das Schweigen des Dichters zu untersuchen, so fehlt ihm doch hierzu ein geeignetes theoretisches Instrumentarium und er muß sich bei der Beurteilung der ästhetischen Qualität ungegenständlicher Dichtung auf das Schwingen der Seele, seiner Seele, verlassen. Deren Nichtschwingen zur Grundlage seines beredten Kulturpessimismus' zu machen, scheint zumindest fragwürdig. Vgl. George Steiner: Der Dichter und das Schweigen. In: Ders., Sprache und Schweigen. Essays über Sprache, Literatur und das Unmenschliche. FfM 1979. S. 74-94.
9 Arthur Rimbaud: Lettre à Georges Izambard du 13 mai 1871. In: Ders., Poésies. Une saison en enfer. Illuminations. Paris 21984. S. 200.
10 Indem sie den Tod des Autors proklamieren (Roland Barthes) und eine objektive Erzählweise in Szene setzen, möchten die Nouveau Romanciers und Tel Queliens die notions périmées (Robbe-Grillet) des realistischen Romans Balzac'scher Prägung überwinden. Explizite Bezüge zur historischen Avantgarde werden z.B. ersichtlich in Julia Kristevas Untersuchungen zu Rimbaud und Lautréamont in La révolution du langage poétique.
11 Michel Houellebecq: La poursuite du bonheur. Paris 1997. S. 72.
12 Rimbaud antizipiert außerdem das postmoderne Spiel mit Intertexten, die (freilich bereits romantische) Vermischung der Gattungen, aber auch der Textsorten. In Une saison en enfer schreibt er: "Depuis longtemps je me vantais de posséder tous les paysages possibles, et trouvais dérisoires les célébrités de la peinture et de la poésie moderne. J'aimais les peintures idiotes, dessus de portes, décors, toiles de saltimbanques, enseignes, enluminures populaires; la littérature démodée, latin d'église, livres érotiques sans ortographes, romans de nos aieules, contes de fées, petits livres de l'enfance, opéras vieux, refrains niais, rhythmes naifs." Alchimie du verbe, in: op. cit. S. 48. Er beschreibt damit eine Kombination, die uns nicht nur an surrealistische Kollagen, sondern auch an verschiedene Produkte der Popart, Robert Rauschenbachs etwa, oder an Popmusik - refrains niais, rhythmes naifs - erinnert; Rimbaud schließt die Lücke zwischen elitärer und Popkultur, "(...) the gap between high culture and low, belles lettres and pop art." - so wie Leslie Fiedler es vom postmodernen Roman fordert: "(...) a closing of the gap between elite and mass culture is precisely the function of the novel now (...)". Vgl. Leslie Fiedler: Cross the Border - Close that Gap: Postmodernism. In: Marcus Cunliffe (Hrsg.), American Literature since 1900. London 1975. S. 344-366, hier S. 350 und S. 351.

Literatur:

Angot, Christine: Not to be. Paris 1999.

Blanchot, Maurice: La littérature et le droit à la mort. In: Ders., La part du feu. Paris 1949. S. 293-331.

Burke, Peter: Reden und Schweigen: zur Geschichte sprachlicher Identität. Berlin 1994.

Foucault, Michel: Les mots et les choses. Paris 1966.

Hettche, Thomas: Inkubation. FfM 1992.

Ders.: Ludwig muß sterben. FfM 21989.

Kamper, Dietmar: Die Ästhetik der Abwesenheit. Die Entfernung der Körper. München 1999.

Mallarmé, Stéphane: Crise de vers. In: Ders., Poésies. Paris 1977. S. 195-208.

Ders.: Quant au Livre. Op. cit. S. 209-228.

Mayer, Hans: Sprechen und Verstummen der Dichter. In: Ders., Das Geschehen und das Schweigen: Aspekte der Literatur. FfM 1969. S. 11-34.

Meyse, Katrin: Une forte absence: Schweigen in alltagsweltlicher und literarischer Kommunikation. Tübingen 1996.

Rimbaud, Arthur: Poésies. Une Saison en enfer. Illuminations. Paris 21984.

Steiner, George: Der Dichter und das Schweigen. In: Ders., Sprache und Schweigen. Essays über Sprache, Literatur und das Unmenschliche. FfM 1979. S. 74-94.

Wulf, Christoph: Präsenz des Schweigens. In: Dietmar Kamper/Christoph Wulf (Hrsg.): Schweigen: Unterbrechung und Grenze der menschlichen Wirklichkeit. Berlin 1992. S. 7-16.

Zima, Peter V.: Moderne/Postmoderne. Tübingen/Basel 1997.


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