(Erstveröffentlichung in Das Argument 221/1997)
Technoscience
In
den neuesten “großen Erzählungen” zur Technik ist die
Welt am Ende des 20. Jahrhunderts ins Zeitalter der Technoscience eingetreten.
(vgl. Haraway 1995) Gemeint ist damit, daß Wissenschaft und Technik eine
unauflösliche Verbindung eingegangen sind und daß die Welt in einem
weit umfassenderen Sinne technisiert wird, als die Moderne bisher erwarten
ließ: Technoscience überschreite auch die letzten Grenzen zwischen
Natur und Kultur. Natur und Kultur, Natürlichkeit und Künstlichkeit,
Körper und Rationalität würden zunehmend ununterscheidbar:
“Die Implosion der Dichotomien, der Zusammenbruch jener stabilen
Trennungen, die kennzeichnend für die Moderne sind, rufen greifbare
materielle Krisen hervor. In den Verschmelzungen von abstrakt und konkret,
global und lokal, von Schöpfung und Technologie, Kybernetik und Organismen
sind Mischwesen entstanden, cyborgs, deren Existenz eine materielle und
epistemologische Neuordnung des Verhältnisses von Wissenschaft und
Gesellschaft, von Labor und Lebensweise erzwingt.” (Scheich 1996, S. 30)
Es
ist also von “Grenzüberschreitung”, “Implosion”
und “Verschmelzung” die Rede und dies in einem ambivalenten Sinn:
Es ist sowohl ein zivilisatorischer Schrecken bzw. Schock darin deutlich
erkennbar als auch, daß ganz radikale Hoffnungen an diese
gesellschaftlichen Veränderungen geknüpft werden: Aus der Perspektive
der feministischen Wissenschaftskritik ist letzteres auf die Idee
gegründet, daß die anvisierten Neuordnungen auch die Ordnung der
Geschlechter betrifft. Die Uneindeutigkeit der Postmoderne trifft hier die
Dichotomien von Frau und Mann, weiblich und männlich usw. - es wird in der
Konsequenz deren Auflösung verlangt, d.h. für die Dekonstruktion der
Geschlechterdifferenz plädiert. “Schließlich (...) sei die
Unterscheidung der Geschlechter auch nur eine der zwecks Machterhaltung
genährten Kategorien des weißen Mannes.” (Winkelmann 1997)
Die
Behauptung eines solchen widersprüchlichen Einflusses des Technischen in
der modernen Welt steht jedoch augenscheinlich im Kontrast zu der älteren
Entgegensetzung von Technikeuphorie der Modernisten und technikkritischen bis
technikfeindlichen Ansichten und Angriffen auf die jeweils neuesten
Entwicklungen des gesellschaftlichen Verhältnisses zwischen Technik und
Natur. Das immer weitere Vordringen der Technik in die Bereiche der Lebenswelt
wurde von letzteren mit der gleichzeitigen Zerstörung von Natur assoziiert
und mit einem sich immer weiter von der Natur entfremdenden gesellschaftlichen
Dasein. Im ökologischen und im feministischen Diskurs wurde in dieser
Hinsicht auch die Kritik an einem herrschaftsförmigen Naturverhältnis
mit der Kritik am hierarchischen Geschlechterverhältnis verbunden: Die
Produktion künstlicher, neuer Natur, die die Technisierung von Natur
vorantreibe, bedeute ein Eindringen in die zuvor noch nicht technisch
angeeigneten Lebenswelten sowie den Körper der Frauen und damit deren
Kapitalisierung und Verdinglichung. (vgl. Scheich 1989) Dieser Kritik nach, die
ebenfalls die fundamentalen Trennungen der Moderne konstatierte, war jedoch
kaum eine “Implosion”, eine Grenzüberschreitung im Sinne einer
Verschmelzung oder Auflösung in Sicht. Die Struktur der Trennungen bleibe
konstitutiv für alle Bereiche der Vergesellschaftung - trotz aller
scheinbar als Verbindung daherkommenden neuen Technologien - und sie verhindere
ein anderes als ein herrschaftliches Verhältnis zwischen Natur, Kultur und
Technik.
Was
ist also passiert, daß diese fundamentale Kritik an der Technologisierung
der Gesellschaft ad acta gelegt zu werden scheint? Hat sich das
gesellschaftliche Verhältnis zu Natur und Technik tatsächlich durch
die Entwicklung der sogenannten neuen Technologien so gewandelt, daß die
These von den konstitutiven Trennungen nicht mehr aufrechterhalten werden kann?
Oder hat sich eher die Perspektive der Kritik verändert, indem die
Universalisierung der Technik den Standpunkt einer radikalen feministischen
Kritik durch die ständige Umdefinition von Natur(en) auf Dauer
untergräbt?
Im
folgenden werde ich eine gesellschaftstheoretische Rekonstruktion der
feministischen Technikkritik in Hinsicht auf die sich in ihr spiegelnden realen
Veränderungen im gesellschaftlichen Umgang mit den sogenannten
reproduktiven Ökonomien, wie weibliche Produktivität,
Naturproduktivität, Leben etc. vorschlagen. Meine These zu dieser
Verschiebung ist, daß sich im Zusammenhang mit den neuen Technologien die
Realität des technischen Naturumgangs als eine neue Form der alten
gesellschaftlichen Basisrelation herausstellt, in der Technik als Produktion
von Leben funktional verortet ist. Dies impliziert auch eine neue Form der
gesellschaftlichen Aneignung von Natur in der Technik bzw. eine neue Relation
zwischen den Aspekten Natur und Technik.
Naturzerstörung
versus Lebensproduktion - Zur Kritik der feministischen Technikkritik
Die
zivilisationskritischen und speziell die feministischen Ansätze der
Technikkritik gehen überwiegend davon aus, daß die technologische
Rationalität mittels ihres instrumentellen Charakters dazu führt, die
Welt bzw. die Natur(grundlage) der Menschen zu zerstören.
Diese
sog. radikale feministische Technikkritik hat ihren Fokus auf die Logik
“Naturbeherrschung bedeutet Lebenszerstörung” zugespitzt.
Erstens rührt dies aus denjenigen Ansätzen der feministischen
Naturwissenschaftskritik, die Naturbeherrschung als instrumentelles
Verhältnis zur Natur beschreibt und ontologisiert; die feministische
Kritik verkettet dabei Naturbeherrschung mit der Unterdrückung der Frau
als konstitutiver Basis des gesellschaftlichen Naturverhältnisses.
Zweitens werden auf der Ebene der praktischen Naturbeherrschung die
Waffen(technologien) als die paradigmatischen lebensvernichtenden Techniken
hervorgehoben und zum universellen Herrschaftsinstrument des Patriarchats
hypostasiert. Leben ist dabei das diametral entgegenstehende, insofern
“weibliche” Prinzip, das als materielle und naturale Grundlage
aller gesellschaftlichen, d. h. auch der patriarchalen Produktion vorgelagert,
angesehen wird. (vgl. stellvertretend Mies 1988)
[2]
Worauf
diese Kritik an “Naturzerstörung” zielt, ist ein
“Verschwinden”, eben das Verschwinden von “Natur”
überhaupt. Denn, was im Feminismus oder im Ökologismus als
Naturzerstörung beschworen wird, unterstellt die Möglichkeit eines
Auslöschens aller Natur(en).
Dieser
Verortung von Natur als einer tendenziell vom Verschwinden Bedrohten soll hier
aus erkenntnistheoretischer und ebenfalls feministischer Perspektive eine
andere Verortung von Natur als einer immer wieder - gerade auch
durch
ihr “Verschwinden” - neu produzierten Natur gegenübergestellt
werden. Damit wird Natur in den Selbstproduktionsprozeß von Gesellschaft
hineingezogen. Einen Ansatz dazu bietet die konstitutionstheoretische
Sichtweise, wie sie Elvira Scheich in bezug auf die Idee von Naturbeherrschung
ausgeführt hat. (vgl. Scheich 1993) Beispielhaft kann ihre Darlegung des
historischen Verlaufs angeführt werden, in dem sie das Verschwinden der
Frauen aus der Öffentlichkeit der feudalen Gesellschaft beim Übergang
zur bürgerlichen Gesellschaft als einen notwendigen Schritt zu deren
Naturalisierung konstatiert. Das heißt, um Weiblichkeit als die Natur der
Frau zu konstituieren, mußten Frauen aus der Sphäre formaler
Öffentlichkeit - womit hier die Ebene gesellschaftlicher Anerkennung
bezeichnet ist - ausgegrenzt werden. Das Verschwinden der Frau aus der
Sphäre der Gesellschaft bedeutete jedoch nicht ihre reale
Auslöschung, sondern eine Wandlung ihres gesellschaftlichen Status, ihrer
relationalen Verortung im System Gesellschaft - Natur.
[3]
Frauen wurden auf die Seite der Natur verwiesen.
Nun
kann heute genau diese Naturseite und ebenso die “Natur der Frau”
als grundlegend “zerstört” verstanden werden: Auf der einen
Seite hat die politische und ökonomische Emanzipation von Frauen ihr
ausschließliches Verwiesensein in die Privatsphäre beendet, zum
anderen hat die feministische Kritik die Ideologie von Weiblichkeit als
Naturhaftigkeit grundlegend dekonstruiert. Und diese beiden Aspekte
verkörpern eine meist unwidersprochene, positiv verstandene
“Zerstörung” von Natur. Was außerdem deutlich geworden
ist, ist die Erkenntnis, daß Natur nie als reine Materialität
verstanden werden darf, denn die Zuordnung von Frau und Natur beispielsweise
ist keine nur metaphorische, sondern eine, die ebenso die politische und
ökonomische Realität kennzeichnet. Es erweist sich aus einer solchen
Perspektive als notwendig, die Kritik an Naturzerstörung noch einmal neu
zu begründen.
Anhand
einer Analyse und Kritik der sogenannten radikalen feministischen Technikkritik
lassen sich die “Verdrehungen”, die in ihren theoretischen Aussagen
angelegt sind, aufdecken. Diese Verdrehungen führen dazu,
Naturzerstörung mit Lebensvernichtung gleichzusetzen: Denn die
“Natur”, auf die sie sich - so wie wir alle in der Moderne -
beziehen, ist “das Leben”. (vgl. Eisel 1991) So zielt diese Kritik
an Naturzerstörung auf ein Ganzes, d. h. auf alles Lebendige schlechthin.
Gesellschaftstheoretisch
betrachtet ist dieses “Leben” jedoch eine sehr spezielle Form des
Sinnsystems “Natur”, die sich erst in der Moderne, explizit mit der
Monadentheorie von Leibniz, herausgebildet hat. Dort erst bekommt Leben einen
modernen umfassenden Sinn: Indem Leibniz die einheitliche Existenzweise Gottes
rational zu ergründen versucht und in der Welt dessen
“Strukturen” in der Existenzweise des Lebens widergespiegelt
erkennt, hat er für die Welt (als Gegenpol zu Gott) das Leben als zentrale
Organisationsweise konstruiert. Leben ist damit sowohl ein Produktionssystem
von Individualität (schöpferische Produktivität) als auch die
Kategorie eines übergreifenden (gesellschaftlichen) Ganzen (die
Reproduktionsseite der Individualität ist funktional einbezogen). Leben
ist solcherart selbstproduziert, das heißt, es symbolisiert keine Ebene,
auf die Geist, Menschsein, Technik usw. reduziert werden könnten. (vgl.
ebd.) Demnach wird in verschiedenen Theorien über Leben genau dann eine
reduktionistische Sichtweise eingenommen, wenn die Funktionsweise von Leben auf
die reproduktive Seite verkürzt wird. Dabei wird Leben als ein
vermeintliches Gegenmodell zum ausbeuterischen Ökonomischen (Produktiven)
ideologisch stilisiert, statt das übergreifende Prinzip des Lebens in der
Organisationsweise des Ökonomischen in der Moderne verwirklicht zu sehen.
Genau diesen Reduktionismus enthalten diejenigen Technikkritiken, die auf
“das Leben” als die Gegenseite (reproduktive Instanz) und damit die
Erlösung vom Technischen setzen. Sie verlegen sich auf die Aussage,
daß die Differenz zwischen Reproduktivität und Produktivität
konstitutiv für die Nichtbeachtung des “wirklichen” Lebens
sei. Sie übersehen damit die Basis dieser Differenz: die ausbeuterische
Aneignungsrelation von Natur. Leben wird sowohl mittels Technik als auch
“in der Technik” produziert!
[4] So
greift diese Technikkritik als Ideologiekritik zu kurz und bedarf - solange ihr
gesellschaftlicher und politischer Sinn nicht überholt ist - einer
gesellschaftstheoretischen Erneuerung.
Natur
als reproduktive Ökonomie der Gesellschaft - Technik als Organisationssystem
Es
wurde schon am Beispiel der Produktion von Weiblichkeit als Natur deutlich,
daß “Natur” durch gesellschaftliche Aneignung nicht nur aus
der Sphäre des Gesellschaftlichen herausgedrängt (ausgegrenzt),
sondern umgekehrt auch in dem Sinne vergesellschaftet wird, daß
“Natur” je nach spezifischer Weise der gesellschaftlichen
Aneignungspraxis ebenso erst gesellschaftlich erzeugt (konstituiert) wird.
“Natur” wird immer wieder neu produziert, z. B. in Form von
Sklaven, Landschaft, Hausfrauen, fremden Völkern etc. Die feministische
Kritik hat hier im besonderen gezeigt, wie diese “Naturen”
innerhalb des gesellschaftlichen ökonomischen Gesamtsystems die Funktion
der reproduktiven Seite des Produktionssystems zugewiesen ist, was sie jedoch
gerade nicht wirklich außerhalb des Gesellschaftlichen stellt.
Diesem
Ansatz folgend bzw. ihn erweiternd kann über die spezifische Form des
ökonomischen Kalküls der bürgerlichen Gesellschaft, auf die sich
die Kritik meist explizit bezieht, hinausgehend die These begründet
werden, daß diese Organisationsweise der
funktionalen
Integration
von
Natur
qua ihrer spezifischen Ausbeutung, nämlich als Aneignung durch Raub, die
Basisrelation patriarchalisch-kapitalistischer Ökonomie überhaupt
ist: “Diese Entgegensetzung (von Tauschwertbildung, Gesellschaft, Subjekt
gegenüber 'Natur', A.S.) organisiert sich als Konstitution und Raub von
'Natur'. Sie ereignet sich historisch in der Entstehung der 'orientalischen
Despotien' und etabliert das Grundmuster unserer Zivilisation als
'Produktionsweise.' (...) Die nomadisierenden Stämme betrachten die
eroberten Gebiete seßhafter Bauern
als
Ganze wie
'Natur' - eine veränderte Form von 'Weidegebiet'. Sie herrschen von den
städtischen Zentren aus, indem sie die Abgaben der Gemeineigentumsbauern
wie
eine natürliche Ressource handhaben, d.h., ihre Handhabung setzt deren
Status. (...) Somit wird dieser Status, der auf der gesamtgesellschaftlichen
Reproduktion durch Anerkennung räuberischer Ausbeutung einer 'Natur'
beruht, durch dasjenige Prinzip (und diejenige Klasse) gesetzt, welches diesen
Zustand gewaltsam herstellt: Nomadismus als städtische Despoten. Es ist
das Wesen patriarchalischer Herrschaft, 'konkrete Natur' gesellschaftlich zu
setzen, auszubeuten, beides zu leugnen und darin anerkannt zu werden.”
(Eisel 1986, S. 10f., Herv. im Original) Die Materialität von Natur
verschwindet hier nicht etwa “hinter” ihrer
“Konstruiertheit”, sondern ist unmittelbar evident in ihrer Form
als “reproduktive Ökonomie”.
Technik
ist dabei ein jeweils bestimmter Aspekt der Organisationsform des
Ökonomischen, nacheinander in den Relationen Mensch-Mensch (Sklave),
Mensch-Maschine, Mensch-”Ökomaschine” (Verdinglichung,
Instrumentalisierung, “Verlebendigung”), und sie ist
gleichursprünglich mit Natur und Gesellschaft. Die modernen Formen
“der” Technik, die eine “neue Natur” - im Hinblick auf
die Basisrelation der Selbstkonstitution der Gesellschaft genauso
“künstlich” wie je zuvor - produzieren, integrieren heute die
historisch vorläufig zuletzt geschaffene reproduktive Ökonomie - das
“Leben” - in das ökonomische System (Produktivität). Das
heißt, sowohl die Produktivität der Frauen als auch die
Produktivität der ökologischen Natur werden heute vergesellschaftet,
sie werden kapitalisiert. Aus feministischer Sicht resultiert daraus jedoch
nicht das, was intendiert wird, nämlich ein weniger restriktiver Umgang
mit Natur, sondern deren veränderte Ausnutzung. “Leben” wird
nicht länger schlicht beraubt, sondern als Produktivität statt Natur
kapitalistisch und patriarchal ausgebeutet. Dadurch entsteht zugleich eine neue
Technik (Mensch-Ökomaschine-System) und andererseits eine neue
Natursphäre - ein neues reproduktives System. (vgl. Eisel 1986, Schultz
1993) Das bedeutet, es wird eine gesellschaftliche Natur konstituiert, die als
aus der Gesellschaft “ausgegrenzter Rest”, der der Ausbeutung in
Form von Raub unterliegt, etabliert werden muß. Worin dieser bestehen
wird, ist hier die entscheidende Frage. (Anderenfalls müßten
“Ausbeutung” und “Subjektivität” als
überwunden konstatiert und die Form gesellschaftlicher Synthesis neu
benannt werden können.)
“Technik”,
“Geschlecht” und “Leben” als Naturalformen des Kapitals
Dem
hier skizzierten Ansatz nach, dem auch Scheich unter den folgenden Aspekten
nachgeht, existieren - erkenntnistheoretisch - drei Ebenen der
Vergesellschaftung von Natur: die Verwandlung von (primärer) Natur in
abstrakte Natur, die Umformung von abstrakter Natur in ihre Realabstraktion,
die sog. Naturalform, und die Objektivierung von gesellschaftlicher Natur durch
die naturwissenschaftlichen Abstraktionen als Naturalisierungen von
Gesellschaftlichkeit. (vgl. Scheich 1993) Meiner nach Eisel (1986)
modifizierten Interpretation zufolge, können diese drei Ebenen von
Abstraktion
zugleich
auch als
Konkretionen
gesellschaftlicher Naturverhältnisse interpretiert werden, weil sie
jeweils die Verdinglichung und damit die technologische Ebene der Aspekte
naturwissenschaftliches Gesetz, naturwissenschaftliches Experiment und
naturwissenschaftliche Erkenntnis verkörpern.
So
hatte Scheich (1993) die Kategorie Geschlecht als diejenige Kategorie bestimmt,
die als naturwissenschaftlich verobjektivierte im Kontext der Etablierung der
Biologie als Wissenschaft produziert wurde und seitdem für die Erkenntnis
von lebender, d. h. “konkreter” Natur konstitutiv war. Die neueste
Naturalform, die heute konstituiert wird, ist die “Naturalform des
Lebens”. Denn es mußte aus ihren Ausführungen der Schluß
gezogen werden, daß auf der Basis einer veränderten technologischen
Aneignung von Natur, die sich beispielsweise in den naturwissenschaftlichen
Theorien der Selbstorganisation von Natur spiegelt, heute die Position von
“Geschlecht” als Naturalform durch “Leben” als neue
Naturalform abgelöst wird. (vgl. Saupe 1997) Dieser Interpretation nach
wird “Leben” jedoch ebenso wie “Geschlecht” nicht nur
als naturwissenschaftliche abstrakte Natur gedacht, sondern
gleichursprünglich als die jeweils aktuelle gesellschaftliche Idee von
konkreter Natur gekennzeichnet.
Auf
gesellschaftstheoretischer Ebene bedeutet das, daß die feministische
Erkenntnistheorie heute deshalb die Dekonstruktion der Kategorie Geschlecht
vertreten kann, weil sie in dieser Dekonstruktion die Realität der
Ablösung dieser Kategorie reflektiert. (vgl. Feministische Studien 1993)
Was sie jedoch zumeist nicht einbezieht, ist die Tatsache, daß die
funktionale Position von “Geschlecht” damit von der Kategorie
“Leben” besetzt wurde.
Der
hier vorgeschlagene Zugang über eine Theorie der Produktion von Natur
impliziert in bezug auf die eingangs angesprochene Kritik an
Naturzerstörung, daß “Leben” erst
“zerstört” werden könnte, wenn es zuvor als
gesellschaftliches Naturverhältnis konstituiert wurde.
“Zerstört” hieße dann wiederum, daß diese
Konstitutionsform in eine neue Form überführt wird, wenn
“Leben” ökonomisch integriert wird und “Natur”
deshalb nicht mehr allein die reproduktive, sondern eine gesellschaftlich
anerkannt produktive Funktion erfüllt. (Parallel kann gedacht werden,
daß auch die (Haus-) Frauen zunehmend “verschwinden”, wenn
sie sich emanzipieren und ihre Arbeitskraft kapitalisiert wird.) Wird
“Leben” in diesem Sinn kapitalistische Naturalform, wird es damit
auch technologisch.
Technikgestaltung
als Verlebendigung der Technik
Das
neue technologische Naturverhältnis, das sich heute etabliert, wird u.a.
in der feministischen Versionen der sog. Technik - Gestaltungsdebatte, die den
Diskurs über Lebenszerstörung durch Technik in einen Diskurs
über die Möglichkeiten einer - feministisch verorteten -
Aneignungspraxis von Technik führt, widergespiegelt. (vgl. bspw. Schelhowe
1992 und Wagner 1991) Gestaltung wird hier in einem sehr umfassenden Sinn als
Lebensgestaltung mittels einer sozialverträglichen Technikpraxis
verstanden. Es werden dabei allenthalben Rekurse auf Lebenswelt(en),
Lebendiges, Lebenserhaltung etc. als Anhaltspunkte einer inhaltlichen
Bestimmung von Gestaltung bemüht. Leben steht dabei der Technik nicht mehr
- wie noch in der alten radikalen feministischen Technikkritik - diametral
gegenüber, sondern wird eher zu ihrem “eigenen” Anliegen
gemacht. Das heißt, es findet zunächst einmal eine fundamentale
Umwertung von Technik statt: Wurde sie ehemals durch Attribute wie
Abstraktheit, Formalismus, reine Zweckmäßigkeit etc. gekennzeichnet
und genau deshalb kritisiert, erhält sie heute einen neuen
Bedeutungsgehalt, indem sie nunmehr mit Kontextabhängigkeit,
Sinnhaftigkeit und gar Konkretheit assoziiert wird. Diese Umwertung wird zwar
bemerkt, jedoch keineswegs theoretisch begründet.
Die
Gestaltungsdebatte ist aber im hier diskutierten Kontext zunächst ein
Beleg dafür, daß Leben tatsächlich technisch und
ökonomisch (eben zur Naturalform) wird und diese gesellschaftliche
Veränderung scheinbar besonders von Frauen realisiert werden kann. Auf
dieser “anderen”, nämlich nicht mehr “rein”
männlich-instrumentellen Ebene zeigt sich so, wie die reproduktiven
Ökonomien eingegrenzt werden. Frauen stehen in diesem Diskurs deshalb
nicht mehr (nur) auf der Gegenseite des Technischen, weil sie heute den
positiven Sinn von Technik als “Gestaltung des ganzen Lebens”
ausführen können: Sie “verlebendigen” so die Technik,
indem sie die Seite des Lebens, auf die sie zuvor restriktiv verwiesen waren,
heute aktiv in die Technik integrieren (wollen).
[5]
Es
könnte nun gefolgert werden, daß damit die alte feministische
Technikkritik obsolet wird, die Technik ihrer Struktur nach als lebensfeindlich
und darin ganz hermetisch und männlich konzipiert kritisiert hatte, so
daß Frauen politisch eben immer nur das Gegenteil von Technik vertreten
konnten. Wenn Frauen nun - wie in der Gestaltungsdebatte anvisiert - doch
Technik (aus)gestalten sollen, kann das erstens heißen: die Welt hat sich
grundlegend geändert und Technik ist heute etwas seiner Struktur nach
gänzlich anderes geworden oder zweitens, Technik war noch nie so
hermetisch, wie behauptet wurde.
Die
ganze Kontroverse über die Frage der Dominanz von Technik in Bezug auf die
Gesellschaft legt jedoch eher eine ambivalentere Sichtweise nahe: Es gibt -
obgleich Technik ein sozialer Prozeß ist - Anlaß, weiterhin ebenso
davon auszugehen, daß Technik durchaus als hermetisch betrachtet werden
kann in dem Sinne, daß sie “aufs Ganze” geht bzw. “das
Ganze”, nämlich sowohl Lebensproduktion als auch
Naturzerstörung, repräsentiert: “weniger Natur” ist dabei
jedoch - nur scheinbar paradoxer Weise - immer auch “mehr Leben”!
Denn nur so läßt sich der eigentliche Sinn von Vergesellschaftung,
nämlich die Technologisierung der ehemals zur Natur gerechneten Ressource
Leben einlösen. Historisch gesehen können daher die Frauen, wenn sie
durch ihre Emanzipation weniger Natur werden, gerade für mehr
“Leben” sorgen, indem sie sich in die Technikaneignung selbst
integrieren. Damit werden sie dann in neuer Form auch ihrer alten patriarchalen
Rolle “für (mehr) Leben zu sorgen” gerecht. Darin kann man
eine vernünftige Basis für eine offene und zugleich subversive
Strategie sehen, denn die Möglichkeit des schlauen Wechsels zwischen
Bestätigung und Überwindung der patriarchalen Basiskonstellation
macht die Frauen uneinholbar: Der Igel ist immer schon da und der Hase
läuft sich tot!
Produktion
neuer “künstlicher” Natur als Technisierung von Natur ?
Das
Argument der Verlebendigung von Technik soll noch in anderer Hinsicht
diskutiert werden.
Die
entfremdungstheoretischen Ansätze der Technikkritik gehen davon aus,
daß die heute stattfindende Form von Naturaneignung einer Technisierung
von Natur gleichkommt, indem beispielsweise Gentransformationen an Pflanzen
neue Arten erzeugen etc. Diese produzierte Natur wird als
“künstliche” Natur verworfen und zwar in dem Sinne, daß
ihre Konstruiertheit als Indiz von Nicht-Natürlichkeit gewertet wird. Es
soll nun nicht behauptet werden, daß diese Eingriffe bzw.
Herstellungspraktiken nicht etwa wirklich eine neue Qualität erhalten
haben, deren Auswirkungen durchaus noch nicht kalkulierbar geworden sind.
Jedoch soll vom oben eingenommenen Standpunkt aus die These gewagt werden,
daß diese künstlich erzeugte(n) Natur(en) weniger ein Zeichen
für die endgültige Abkehr und Zerstörung von den
“natürlichen Naturen” ist, sondern eher eine Neubelebung von
Natur - sie ist im Prinzip die Einlösung der ökologischen Forderung
nach einer Annäherung an Natur: Es ist die unter industriellen Bedingungen
nicht anders erfüllbare Selbstanpassung der Gesellschaft an
“Natur”, die eben eine technologische ist. (vgl. Eisel 1989) Das
Mensch-Maschine System verwandelt sich daher in ein Mensch-Ökomaschine
System.
Wenn
also die sich fortsetzende Technologisierung in der Logik der radikalen
Technikkritik einseitig als Entfernung, Entfremdung und Zerstörung von
Natur gekennzeichnet wird, wird dabei verkannt, daß die Ebene
“konkreter Natur” strukturell gar nicht eliminiert werden kann, da
sie keine überhistorische ist, sondern an den jeweiligen
gesellschaftlichen Aneignungsmodus von Natur gebunden ist.
[6] So
ist auch das fortschreitende Eindringen der Maschine in den Körper, wie es
beispielhaft am Phänomen der Produktion von cyborgs debattiert wird, die
als hybride Wesen aus Organismus und Maschine beschrieben werden, als eine
Verlebendigung von Technik charakterisierbar. (vgl. Haraway 1995) Und zwar
gerade von demjenigen Standpunkt aus, der das mechanistische Paradigma des
Technologischen kritisierte, könnte die /der cyborg nicht lediglich als
eine konsequente Fortführung der mechanistischen Okkupation des
Organischen, sondern ebenso als eine Annäherung der Maschine an das
Organische bzw. das “Leben” interpretiert werden, gerade weil die
Maschine ein Mischwesen wird, die Leben-Maschine. So verschwindet nicht das
Lebendige endgültig in der Maschine, wie viele KritikerInnen
argumentieren, sondern die Maschinen werden “verlebendigt” - oder
wie sollte sonst bspw. die “intelligente Maschine” beschrieben
werden?
Aufhebung
der Trennung zwischen Natur und Kultur durch die neuen Technologien?
Es
geht den meisten feministischen Theoretikerinnen darum, daß die Reduktion
des Weiblichen auf Natur einerseits überwunden werden könnte, wenn
Natur nicht im herkömmlichen Sinne weiter ontologisiert würde.
Andererseits wird kulturkritisch weiterhin das Auslöschen der (letzten)
Reste von Natur und die Technisierung der gesamten Gesellschaft als ein Verlust
von Ursprünglichkeit etc. beklagt. Die radikale feministische
Technikkritik im letzteren Sinn findet im Rahmen des ökologischen
Diskurses statt, während die Gestaltungsdebatte im Feminismus sich davon
abgrenzt. Strukturell sind diese beiden Sichtweisen jedoch nicht fundamental
verschieden, da beide auf den Gegensätzen von Natur-Kultur, Technik-Natur
usw. aufbauen.
Haraway
geht über diese beiden Standpunkte mit ihrer These der realen und
möglichen Auflösung dieser Dichtomien hinaus. Sie nimmt an, daß
sowieso alles technologisiert wird und damit Natur (in einem ökologischen
Sinn) verschwindet, dafür Kunstnaturen, cyborgs, kreiert werden, die nach
eigenem Interesse ausgestaltet werden sollten.
Dennoch
ist die heute angeblich stattfindende Aufhebung der Grenze zwischen Natur und
Kultur weniger ein materiales Phänomen, sondern bedeutet eher die
Anerkennung der unauflöslichen Verbundenheit beider Kategorien und damit
die Auflösung der
Ideologie
ihrer
Trennung. Jedoch meint diese Verbundenheit keineswegs die ökologistische
Auflösung von Natur in Kultur oder die einebnende Naturalisierung von
Gesellschaftlichkeit, und eben gerade dieser “Effekt” mag das
Irritierende aus entfremdungstheoretischer Sicht sein:
“Naturverbundenheit” muß sich heute nicht mehr
ausschließlich als romantisches Ideal äußern, sie kann hybrid
sein.
In
diesem Sinn kann auch das Plädoyer Donna Haraways für die offene
Aneignung der cyborg - technoscience als mögliche Emanzipation von den
herkömmlichen Paradigmen sowohl durch “Frauen” als auch
“Männer” nicht nur als Technikeuphorie gesehen - und abgelehnt
- werden. Denn sie postuliert nicht eine Grenzüberschreitung in eine
völlig neue Welt, sondern eher eine Neuaneignung der Welt in einem weniger
ideologisch verstellten Rahmen. Deshalb spricht sie von
Grenzüberschreitung als Implosion und eben nicht als Explosion, weil die
Moderne damit gerade nicht in die Luft gesprengt, sondern “auf ihre
Füße gestellt” wird. (vgl. Haraway 1995)
Ich
denke, daß das Problem der aktuellen wissenschaftstheoretischen Debatte
über diese Faszination der Überwindung herrschender Grenzen darin
besteht, daß sie in Form eines einseitigen Dekonstruktivismus
geführt wird, der die Seite der Dekonstruktion bisheriger Grenzen gegen
deren fortwährende Konstitution faktisch ausspielt. Auch der
Dekonstruktivismus betrachtet zwar bspw. Natur als kulturell konstruiert - wie
es hier ebenso vorgeschlagen wird. Trotzdem führt er dabei eklatante
logische Verdrehungen ein, so daß die Ebenen der Konstitution des
Konkreten und der Abstraktion vom Konkreten (Realabstraktion) analytisch nicht
konsequent durchgehalten werden können: So wird z.B. die “Natur der
Frau” als kulturell gesetzte behandelt und kritisiert, auf die Ebene der
ökologischen Natur dagegen bezieht sich die Rede von einer positiven
Auflösung der Dichotomie zwischen Natur und Kultur jedoch nicht in
gleicher Weise, weil sie nicht ebenso als eine in der Moderne konstituierte
Idee von (konkreter) Natur wahrgenommen wird. Dabei ist die Ebene der
empirischen Wirklichkeit von ökologischer Natur nicht das entscheidende
Problem, sondern gerade die Hypostasierung der Bedeutung der Materialität
von Natur in einer ökologischen Ideologie.
Indem
auch die feministische Technikkritik über Technik so redet, als ob diese
sich gegen Natur richtet (womit sie sich - marxistisch gesprochen - auf der
Erscheinungsebene bewegt), redet sie doch auch über die Produktion von
Natur. (vgl. Saupe 1997) Technologisch betrachtet beziehen sich nämlich
auch die modernsten bio-physikalischen Theorien über Natur
(Ökosystemtheorie, Autopoiesistheorie) gleichermaßen auf die
Naturproduktion und reflektieren den jeweils möglich gewordenen Stand der
Technik.
Literaturangaben:
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einem dialektischen Naturalismus. Berlin.
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In: Kommune, 7. Jg., H. 10, S. 71-77.
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Ulrike 1997: Terminators & Terminatricen. Die Maschine ist dazu da, erobert
und einverleibt zu werden. Ausflug in die Welt der Cyborgs. In: frauentaz vom
8. März 1997
Anmerkungen:
[1]
Ich kennzeichne diesen Beitrag, der im Rahmen meiner Forschungsarbeit zur
feministischen Technikkritik entstanden ist, als skizzenhaft, da er nicht den
Anspruch erhebt, einen vollständigen Ableitungszusammenhang der
vorgestellten Thesen aufzuzeigen.
[2]
Man erkennt hier deutlich das Dilemma dieser Form der Kritik am Patriarchat:
Durch die Entgegensetzung von Natur und (patriarchaler) Gesellschaft wird die
Einführung des Weiblichen als Basisfigur der Kritik notwendig auf die
Seite der Natur fixiert. Die Gesellschaftlichkeit der Natur, der Frau usw. kann
nur noch abgeleitet als Urzustand und zu erstrebender utopischer Zustand
proklamiert werden, aber nicht als Bestandteil von historischer und aktueller
Vergesellschaftung analysiert werden. Die Ebene der Wirklichkeit
vergesellschafteter Natur kann nicht in den Blick geraten.
[3]
Daß dabei Frauen (z.B. “Hexen”) getötet wurden, steht
nicht im Widerspruch zu dieser These, sondern ist eine Bedingung dieses
Statuswechsels: Diejenigen Frauen, deren bisheriger Status faktisch nicht
kompatibel ist mit der bürgerlichen Existenzform der Frau und die als
empirische Existenzen nicht überführbar sind, müssen real als
Symbole der alten Welt “ausgelöscht” werden.
[4]
Ergänzend muß hier festgehalten werden, daß bereits der
Arbeitsbegriff von Marx implizierte, "Technik” sei die Basis der
Produktion von "Leben", nämlich als ökonomisches Prinzip der
Herstellung allgemeiner Gesellschaftlichkeit. Dabei soll diese Sicht hier nicht
unkritisch reproduziert werden, nämlich als Fortschrittsideal, jedoch soll
sie ebenfalls nicht unkritisch als per se irrelevant verworfen werden, denn sie
reflektiert im Kontext der industriellen Produktionsweise "Leben” als
durch Arbeit und Technik gesellschaftlich konstituiert.
[5]
Die andere Seite der Verlebendigung von Technik zeigt sich als Technisierung
des Lebens paradigmatisch in der Gentechnologie. Hier herrschen
“natürlich” die Männer vor. (vgl. nächsten Abschnitt
im Text)
[6]
Diese Sichtweise ändert nichts an den empirischen Ereignissen von
Naturzerstörung, vermeidet aber die Ignoranz des bornierten
ökologischen Materialismus gegenüber der Eigendynamik der
Gesellschaft. (vgl. Luhmann 1986 und Eisel 1989)