Identitätspolitik: Die Rhetorik von Authetizität und Moderne/Modernität in algerischen islamistischen Diskursen(Politics of identity: The rhetorics of authenticity and modernity in Algerian Islamist discourses)Paper
im Rahmen der „Ersten Erlanger Graduiertenkonferenz” –
PostModerne Diskurse zwischen Sprache und Macht – 20. Bis 22. November
1998 – vorgelegt von Birgit Kaiser (birgit.kaiser@uni-bielefeld.de)
I.
ALGERISCHE IDENTITäTEN ZWISCHEN DEKOLONISIERUNG UND DER NEGATION DES
„ANDEREN”
Zentrales
Moment der algerischen Geschichte, an dem sich bis zum heutigen Tag politische
Symboliken und Identitäten festmachen, war die französische
Kolonisierung, die in ihrer besonderen Form der Besiedlung und Assimilation
eines
Algérie
française
auf tiefgreifende gesellschaftliche Transformationen abzielte. Die Versuche der
kulturellen Assimilation Algeriens als
„outre-mer”
des französischen Mutterlandes basierten auf der Negation dessen, was als
spezifisch algerisch-muslimisch galt. Der islamische Glaube wurde dabei als
Hindernis für eine christliche Zivilisierung dargestellt, die arabische
Sprache als Problem für die französische Erziehung und die
algerisch-muslimische Kultur als Ausdruck der Rückschrittlichkeit. Die
algerische Bevölkerung bestand in der Kolonialgesellschaft aus
französischer Sicht lediglich aus muslimischen „Eingeborenen”
und besaß weder politische noch kulturelle Stimme, sondern hatte sich zu
ihrem eigenen Besten der
„mission civilisatrice”
zu unterwerfen. Islamisch, arabisch, algerisch-muslimisch zu sein bedeutete
notwendigerweise, nicht-zivilisiert, nicht-französisch/westlich,
nicht-modern zu sein. Dieser kolonialen Negation wurde zunächst mit dem
Streben nach nationaler Unabhängigkeit begegnet, welches die Befreiung des
Islamischen, Arabischen, Algerisch-Muslimischen proklamierte - eine nationale
„Befreiung”, die weitgehend unbefriedigt blieb. Der muslimische
Glaube wurde dabei in erster Linie nur auf seine Kompatibilität mit einer
sozialistischen Staatsform hin betrachtet. Symbolisch wurde „der
Islam” als einendes Element der algerischen Nation offiziell verfochten
und sollte kulturelles Erbe sein, zur ökonomischen und sozialen
Entwicklung des Landes bleib er aber das zu überwindende
„Andere”. Die arabische Sprache setzte sich trotz massiver
Arabisierungsprogramme nur bedingt im algerischen Staat durch und
Französisch blieb vorherrschende Wirtschafts- und Verwaltungssprache. Die
algerische Bevölkerung sah sich dem Klientelismus und der Korruption der
neuen Autoritäten unterworfen und empfand sich als nach wie vor in
(neo-)koloniale Machtstrukturen verstrickt. Der „neue Mensch”, den
Fanon sich von der algerischen Revolution erhofft hatte und der aus den Ruinen
des kolonialen Afrika aufstehen sollte, war nicht geschaffen worden (Fanon 1981).
Fünfunddreißig
Jahre nach Erlangung der nationalen Unabhängigkeit streitet Algerien
weiter um die Definition dessen, was es bedeutet, algerisch zu sein und in
welchem Verhältnis dazu der muslimische Glaube und einen arabische Kultur
stehen sollen. Gegenüber den vorherrschenden sozialistischen und
nationalistischen Diskursen der ersten Jahrzehnte des unabhängigen
Algerien haben islamistische Stimmen zunehmend an Vehemenz und Einfluß
gewonnen
[1].
Die tragische Polarisierung in zwei scheinbar unvereinbare Lager der
„Fundamentalisten” und der „Demokraten” hat sich nach
den landesweiten Protesten 1988 gegen ein erstarrtes Regime der Generäle
und Parteikader in den letzten zehn Jahren in blutigem Ausmaß zugespitzt.
Den einen erscheint der Konflikt als Resultat staatsgefährdender
Terrorakte versprengter „fundamentalistischer” Extremisten, den
anderen als die legitime und längst überfällige Erhebung des
gesamten algerischen Volkes gegen korrupte Clans und eine autoritäre
Militärherrschaft. Der Verlauf der Konfliktlinien ist extrem
undurchsichtig und die Nachrichtensperren tragen nicht zur Transparenz bei. In
dem nun fast achtjährigen Krieg zwischen Armee und bewaffneten Gruppen, in
welchem sich seit drei Jahren auch die zivile Bevölkerung zunehmend
bewaffnet, verschwimmt längst, wer wen bekämpft und Kriegslogik
mischt sich mit Blutsrache.
In
meiner Untersuchung islamistischer Diskurse konzentriere ich mich auf die
Stimmen, die sich in dem algerischen Konflikt als politische Kräfte
verstehen und sich einer politischen Auseinandersetzung verpflichtet sehen.
[2]
Die Kommuniqués der Kriegsparteien – sei es nationale Armee,
Sondereinheiten, AIS, GIA oder eine der anderen zahlreichen Splittergruppen
– einer Analyse hinsichtlich ihrer Diskursivierung von Identität
unterziehen zu wollen, scheint – angesichts der Verselbständigung
der Kriegslogik, der Maßnahmen staatlicher counter-insurgency und der
Kriegsinteressen – den Punkt eines solchen Unternehmens
„violently” zu verfehlen.
II.
ISLAMISTISCHE DISKURSE – POLITISCHE ARTIKULATIONEN UND IDENTITäT
Ich
ziehe sieben regelmäßig erscheinende Zeitschriften verschiedener
Gruppierungen des FIS heran, die (nach dem Parteiverbot 1992) im meist
europäischen Ausland um die Fortführung ihrer politischen
Artikulationen bemüht sind. Entscheidend und für die Fragestellung
interessant ist die Tatsache, daß sich diese Diskurse zwar einerseits auf
den algerischen Konflikt beziehen und ihre Legitimation aus diesem beziehen,
sich aber andererseits in einem Rahmen artikulieren, in dem eine
„westliche” Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Islamismus
dessen Artikulationen überlagert oder beeinflußt. Zudem ist die
angesprochene „audience” in ähnlicher Weise bivalent, insofern
sich die Zeitschriften einerseits an eine algerisch-muslische LeserInnenschaft
im Exil wenden, andererseits aber eine an westliche LeserInnen gerichtete
Lobbyarbeit leisten wollen. Diese doppelte Gerichtetheit ihrer Diskurse legt
bereits nahe, daß das Anliegen der Untersuchung nicht gewesen sein kann,
einen „wirklich” islamistischen Diskurs im Sinne einer alleinig
islamisch konnotierten und selbstbezogenen Rhetorik zu finden. Vielmehr ging es
um die Betrachtung islamistischer Diskurse im Spannungsfeld des als hegemonial
angenommenen „modernen” Wahrheitsregimes. Für meine Frage nach
dem Verhältnis islamistischer Diskurse zu modernen Begrifflichkeiten und
deren Thematisierung von Authentizität und Hybridisierung ist gerade die
Betrachtung der
übersetzten
Diskurse
(der englisch- und französischsprachigen Zeitschriften) in einem
übersetzten
Kontext
(die in Europa lebende algerische und arabische Öffentlichkeit sowie
gleichzeitig die europäische Öffentlichkeit) von Interesse.
Der
Begriff des Islamismus bezeichnet politische und soziale Bewegungen, die den
Islam zu ihrem symbolischen und diskursiven Rahmen machen. Obwohl es im
arabischen keine Unterscheidung zwischen „islamisch” und
„islamistisch” gibt (beides wird von dem Adjektiv
„islamiyya”
beschrieben), findet diese Unterscheidung interessanterweise in der
Übersetzung ihren Niederschlag. Dabei wird „islamistisch” von
den Mitgliedern der Bewegung selbst verwendet und beschreibt gerade den
politisierten Umgang mit der islamischen Lehre. Äquivalent dazu wird die
Bezeichnung des politischen Islam verwendet – dies jedoch eher in
nicht-islamistischen Analysen des Phänomens. Beide beschreiben die
Gestaltung des politischen und sozialen Lebens entlang eines
Gesellschaftsprojektes, welches den Islam zu seinem Bezugsrahmen erklärt,
sich aber explizit gegen die traditionellen Hierarchien der religiösen
Rechtsgelehrten (
‘ulama‘)
wendet. Das „islamistische (Gesellschafts-)Projekt” richtet sich
ebenso gegen die unpolitischen Haltung der Sufi wie gegen einen konservativen
Traditionalismus, und findet seine AktivistInnen vornehmlich in den schulisch
und universitär gebildeten Teilen der jüngeren Generation. Es betont
die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit und nach einem festgelegten
Bezugsrahmen der legitimen Herrschaft, welche dem islamischen Recht (
shari’a)
entnommen werden (vgl. Burgat 1993:9-24, Labat 1995:180).
Zunächst
werden die herausgearbeiteten Strömungen, die sich alle im Namen des FIS
politisch artikulieren, und ihre diskursiven Differenzierungen kurz
vorgestellt. Daran wird deutlich, daß islamistische Diskurse heterogen
sind und sich nicht auf eine literalistische –
„fundamentalistische” – Ausprägung, auf die häufig
in Auseinandersetzungen mit dem Phänomen des Islamismus alleinig Bezug
genommen wird, reduzieren lassen. Zudem läßt sich diese
Homogenisierung als „fundamentalistisch” nicht auf der Tatsache
eines gemeinsamen Bezuges aller islamistischer Stimmen auf „islamische
Werte” oder eine „islamische Gesellschaft” begründen.
Trotz der Annahme einer wörtlichen Überlieferung der göttlichen
Offenbarung durch den Propheten Mohammed ist der Begriff
„islamisch” doch einer immer notwendigen und immer stattfindenden
Interpretation und Signifizierung unterworfen, und kann somit nicht als
kohärent und identitätsstiftend
per
se
angenommen werden.
Die
politischen Artikulationen des FIS gruppieren sich um zwei diskursive
Hauptstömungen, die ich als Literalisten und Nativisten/Humanisten
bezeichnen möchte. Sie entsprechen den Strömungen, die sich als
Gruppierungen der algerischen islamistischen Bewegung im FIS bei seiner
Gründung 1989 zusammengeschlossen haben –
salafiyya
(literalistisch)
,
jaz’ara
und
die offiziellen Organe der politischen Vertretung im Ausland
Instance
éxécutive du FIS à l´étranger
und
Délégation
parlementaire
(nativistisch/humanistisch).
Sie
unterscheiden sich im wesentlichen in ihrem Bezug auf ein westliches
Gesellschaftsmodell – in der Differenzierung bzw. Pauschalisierung ihrer
Grenzziehungen gegenüber einem „Westen” sowie dem Grad ihrer
Auseinandersetzung mit und Anbindung an „moderne” Diskurse. Die
Vielfältigkeit ihrer Unterscheidungen voneinander kann im Rahmen dieses
papers
nicht eingehend berücksichtigt werden. Die schwerpunktmäßige
Unterscheidung ihrer Artikulationen, die für die vorliegende Besprechung
von Interesse ist, läßt sich diesbezüglich aber zwischen den
literalistischen diskursiven Praktiken der
salafiyya
einerseits
und den nativistischen/humanistischen der
jaz’ara,
der
Instance
éxécutive du FIS à l´étranger
und
der
Délégation
parlementaire
andererseits treffen. Die festgestellten artikulativen Schwerpunkte zwischen
salafiyya
und
jaz’ara
(mit
Instance
und
Délégation)
finden sich in verschiedenen theoretischen Betrachtungen des Phänomens
Islamismus als Unterscheidung zwischen einem politischen Islam der predigenden
Rhetorik und einem der revolutionären Rhetorik (vgl. Roy 1994) wieder.
Aufgrund
der Fokussierung der diskursiven Praktiken der
salafiyya
auf die im Koran offenbarte göttliche Wahrheit als alleiniger
Referenzpunkt menschlichen Verhaltens und ihre entschiedene Ablehnung des
westlichen Modells als ungläubig, sind diese einer predigenden Rhetorik
und einer literalistischen Tendenz zuzurechnen. Die Definition des
Ungläubigen macht sich dabei in erster Linie an westlicher Doppelmoral,
der Unterstützung von Tyrannei und Gewaltherrschaft in anderen
Ländern zur Sicherung des eigenen (materiellen) Vorteils fest, aber auch
an der als eitel und hochmütig empfundenen Annahme einer „Herrschaft
des Volkes”, welche die alleinige Autorität Gottes zu unterlaufen
versucht und an der zunehmend als unmoralisch empfundenen Entwicklung
westlicher Gesellschaften. Die
salafiyya
richtet
ihren Gesellschaftsentwurf an der Wiederbelebung des goldene Zeitalters des
prophetischen Medina aus und gestaltet ihn – über die Berufung auf
eine erste muslimische Gemeinschaft hinaus – wenig konkret aus. Diese
Beschwörung eines unverfälschten Originals, in dem die
„wahre” islamische Gesellschaft gelebt wurde, scheint die
häufige Darstellung des Islamismus als traditionalistische und
mythologisierende Flucht vor der Moderne zu begünstigen (vgl.
Marty/Appleby 1996, Turner 1994).
Die
jaz’ara
(inkl.
Instance
und
Délégation
)
dagegen grenzt sich explizit von einer Mythologisierung der Vergangenheit ab
und betont das Erstreben einer modernen Gesellschaftsordnung. „The
intention is not to replace the present by a mythical past, but to restructure
the modern social order so that it conforms to Islamic principles and
values” (AS:23).
[3]
Modernität beschreiben sie als Fortschritt und Entwicklung - und damit als
evolutionistische Weiterentwicklung einer „Tradition” -, welche nur
auf der Basis der Wiedergewinnung der eigenen Identität, der
Versöhnung mit sich selbst („réconsilisation [du peuple] avec
lui-même” (M:6:21)), erlangt werden können. Mit ihrer
Solidarisierung mit anderen „fréres du Sud” (C:19:3) und
ihrer Verortung in einem (kolonialen) Nord-Süd-Konflikt entsprechen sie
eher der genannten revolutionären Rhetorik. Trotz des Insistierens auf
einer kulturellen Differenz vom Westen setzten sie diesen aber nicht pauschal
mit Ungläubigkeit gleich, sondern differenzieren zwischen der Doppelmoral
westlicher Regierungen (als Verrat der eigenen Prizipien), dem Materialismus
und der Amoralität westlicher Gesellschaften einerseits und deren
liberalistischen, rechtsstaatlichen Prinzipien, die sie als positiv anerkennen,
andererseits. Sie betonen die Notwendigkeit der Verbindung kultureller
Authentizität
mit Modernität, „...associant l’authenticité et la
modernité afin d’appliquer les lois d’Allah” (M:7:44),
da ohne erstere zweitere nicht zu erreichen sei.
Dieser
Verbindung der kulturellen Differenz mit dem Erstreben einer modernen
Gesellschaftsordnung als zentrales Moment der islamistischen Diskurse des FIS
soll anhand der Besetzung der Begriffe „authentisch” und
„modern” nachgegangen werden.
III.
„...EN ASSOCIANT L’AUTHENTIQUE ET LA MODERNITé...”
– DIE RHETORIK VON AUTHENTIZITäT UND MODERNE/MODERNITäT
Im
Zentrum der islamistischen Diskurse steht zum einen der Bezug auf die
authentische algerisch-islamische Kultur und Lebensweise, auf die
„wahre” Identität, die sich durch eine Wiederentdeckung
islamischer Werte von kolonialen Überlagerungen befreit (1). Zum anderen
ist der dezidierte Forderung einer modernen Gesellschaftsordnung sowie die
implizite Einbindung in moderne Diskurse ein Charakteristikum des
islamistischen Diskurse des FIS (2). Für beide Momente lassen sich
verschiedene Dimensionen nennen.
(1)
Die Bestrebungen einer
„Suche”
nach Authentizität
orientieren sich an drei Pfeilern: der algerischen Nation, dem islamischen
Glauben und dem islamistischen Gesellschaftsentwurf. In dem Versuch einer
Re-Definition
der algerischen Nation
wird versucht, an die revolutionäre Rhetorik des FLN anzuknüpfen und
den FIS als die Retter der algerischen Revolution erscheinen zu lassen, als
diejenigen, die das Projekt aufgreifen, welches die jetzigen Machthaber
vernachlässigt und verraten haben. Die Fortführung und Vollendung der
Dekolonisierung ist damit zentrales Moment der Wiedergewinnung des Eigenen,
Authentischen. Über die Anknüpfung an den nationalen Befreiungskampf
1954-62 hinaus stellen sie in dessen Darstellung als primär an
„islamischen Prinzipien” orientiert und um die Errichtung eines
islamischen Staates bemüht eine „islamische Tradition” der
nationalen Befreiung her.
„L’éveil
de la conscience nationale devant l’OPPRESSION et dont l’ISLAM a
toujours été le principale catalysateur comme durant toutes les
périodes de résistance du peuple algérien...”
(C:16:6, Herv. i.O.)
Mit
der Darstellung der islamistischen Bewegung als Fortsetzung der nationalen
Revolution von 1954 und der Betonung der islamischen Prinzipien des
Befreiungskampfes der FLN führen sie die Rhetorik des FIS zwischen 1989
und 1992 fort. Dabei oszilliert der Begriff der Nation besonders bei der
salafiyya
zwischen dem algerischen Staat einerseits und der
umma
andererseits.
Trotz
dieses partiellen Oszillierens der Begriffsbesetzung beziehen ihn die
Zeitschriften auf die territoriale, staatliche Einheit Algerien und auf ein
nationales algerisches Volk.
Des
Weiteren findet sich eine spezifische Fokussierung in den Zuschreibungen des
islamischen Glaubens sowie dessen, was als
„islamische
Werte”
begriffen wird. Der Begriff des Islams ermöglicht den Bezug auf einen
moralisch-ethischen Ordnungsrahmen, der in erster Linie Gerechtigkeit,
Rechtsstaatlichkeit und die Möglichkeit der kulturellen Selbstbestimmung
gewährleistet – „a system where nobody is oppressed and where
all human beings have equal rights to live free” (EoT:1/94:10)
.
Er
ist Garant für Selbstbestimmung und Ordnung und wird zum Synonym für
die Möglichkeit eines jeden, sich auf die islamischen Schriften –
auf ihr Recht und ihre Moralordnung - berufen zu können. In dieser
Betonung des Islams als die Verbriefung und Verbindlichkeit von politischen
Rechten und gesellschaftlicher Ordnung wird er zum Garant für Freiheit und
Toleranz. Gleichzeitig gilt er als „cadre civilisationel
d’émancipation spirituelle, culturelle, sociale et
scientifique” (M:5:25) und als kulturelle Identität.
Neben
dieser Dimension der normativen Verhaltensorientierung – die in der
Forderung der
shari’a
in
den Zeitschriften aufgegriffen wird – findet sich in der
Begriffsbesetzung „Islam” auch ein spezifischer Wissensbezug.
Über die Bindung an die Schriften, die jedem einzelnen zugänglich und
verständlich sind, ist die Möglichkeit der individuellen
Rationalisierung gegeben, der Ermächtigung des einzelnen zur Kontrolle des
Staates ebenso wie zur Selbstkontrolle. Über die Verständlichkeit der
Verhaltensorientierung und den „progress of human knowledge”
(AS:27) ist es möglich, höhere Ebenen der Verantwortung und der
Lebensführung zu erlangen. Die Rationalisierung der Lebensführung
erhöht gleichzeitig wirtschaftliche Produktivität und
gesellschaftliche Moral.
Neben
dieser affirmativen Selbstbeschreibung des muslimischen Glaubens als das Gute
und „wahre” Eigene, wird dieses
Eigene
von einem Westen abgegrenzt
.
Gerade „Islam” und „Westen” stehen sich –
entgegen etwa der Erwartung einer Gegenüberstellung von islamisch und
christlich-jüdisch – als Kategorien der Identitätsstiftung
gegenüber. Dementsprechend wird zwischen Gläubigen und
Ungläubigen unterschieden – zwischen denjenigen, die sich der
Wahrung der Gebote der Gerechtigkeit, der Toleranz und der Menschlichkeit
verpflichtet sehen, und denjenigen, die einer materialistischen,
konsumorientierten und gott- wie menschenverachtenden Logik anheimgefallen
sind. Gläubig in diesem Sinne können auch Menschen christlichen oder
jüdischen Glaubens sein, indem sie als Buchvölker gleichfalls diese
Gebote achten. Vielfach wird ein „Westen” nicht pauschal abgelehnt,
sondern die verbriefte Rechtstaatlichkeit und persönliche Freiheit in
westlichen Gesellschaften als positiv gewertet.
„[Q:]
What is your message to the West? [A:] Stick to the principles you adopted.
Mixed signals and double standards are a guarantee for disaster and lack of
credibility.” (EoT:2/94:9)
Wie
bereits erwähnt, pauschalisiert die
salafiyya
den
Westen als ungläubig, dessen Einfluß durch die Stärkung des
eigenen Glaubens und die Erschaffung der „wahren” islamischen
Gesellschaft zu überwinden ist. Ihre Grenzziehung zwischen einem
westlichen und einem islamistischen Gesellschaftsentwurf verläuft allein
entlang einer Beschwörung des (Un-)Glaub-ens. Der beklagten westlichen
Doppelmoral und ihrer Anmaßung der „civilisation exemplaire”
(Cr:61:1) wird allein durch die Forderung nach der Besinnung auf eine
göttliche Wahrheit begegnet. Die
jaz’ara
übt dagegen eher Kritik an westlicher politisch-kultureller Dominanz und
betont die eigene kulturelle Differenz vom westlichen Modell. Dieser Dominanz
wird durch die Forderung des universalen Rechts auf kulturelle Selbstbestimmung
begegnet, vor deren Hintergrund ein selektiver Umgang mit westlichen sozialen
und politischen Modellen möglich sei. Der Islam erscheint gar als die
Alternative zum (westlichen) Neoliberalismus („one of the rare
alternatives” (EoT:3/92:8)). Besonders die nativistischen/humanistischen
Strömungen entwickeln ein politisches Projekt, „that uses the
heritage of the West as a foil, but allows nevertheless the reappropriation of
its principal references” (Burgat 1993:41).
(2)
Die Betrachtung islamistischer Diskurse hinsichtlich ihrer
Relation
zu den Diskursen der Moderne
stößt
zunächst auf die begriffliche Einbindung des algerischen Islamismus in
diese. Alle Zeitschriften greifen die „modernen” Begrifflichkeiten
der Nation (als Identitätskategorie und als Nationalstaat) und des
(revolutionären, selbst-bewußten) Volkes auf – „an
intense awareness of the people misled by false independence” (AS:8).
Zubaida argumentiert, daß die Begriffe Nation und Staat und deren
Basierung auf dem Volk als aktiv politisch Handelndes einer modernen
politischen Theorie entstammen und somit der Bezug des Islamismus auf diese
Begriffe eine Auseinandersetzung mit modernen politischen Konzepten bedeutet.
„Even when they explicitly reject all modern political models as alien
imports from a hostile West, their various political ideas, organisations and
aspirations are implicitly premised upon the models and assumptions of modern
nation-state politics.” (Zubaida 1989:ix) Damit stellen sie sich in eine
emanzipatorische
Tradition moderner „grand narratives”.
Entsprechend
verwenden alle Zeitschriften einen Geschichtsbegriff, welcher Geschichte als
kohärente, unilineare menschliche Entwicklung begreift und stellen sich
damit gleichfalls innerhalb eines modernen Geschichtsbegriffs.
[4]
Ausgehend von diesem, verwenden sie den Begriff der Zivilisation und
beschreiben ihre Bewegung und ihren Gesellschaftsentwurf als evolutionäre
Entwicklung des Gegenwärtigen („more civilised” (EoT:3/92:2)).
In diese Vorstellung der historischen Evolution flechten sie teilweise
Fremdbeschreibungen ein („Third World” (AS:10)), die eben diesem
evolutionistischen Geschichtsverständnis der Entwicklung von
„primitiven, unterentwickelten” zu „komplexen,
entwickelten” Gesellschaften entsprechen.
Einer
solchen Verortung in sogenannten „grand narratives” entspricht die
Idee
der Emanzipation des Authetisch-Eigenen
,
wie sie in dem oben Dargestellten zum tragen kommt. Die Betonung des
Wiederzuentdeckenden, Verschütteten geht von dessen essentieller
Gegebenheit jenseits
einer
diskursiven Konstitution der Realität aus. Daraus ergibt sich gerade die
Möglichkeit der Befreiung dieses Verschütteten, seiner Emanzipation.
Diese Kausalität wird in den Zeitschriften explizit betont –
„...pour une véritable émancipation il lui faudra vivre en
adéquation avec les valeurs de sa propre culture et sa propre
civilisation.” (C:20:2). Erst aus dieser Darstellung des
wiederzuentdeckenden Eigenen ergibt sich aber gerade dessen politische (und
politisierbare) Dimension. An der Kategorie „Volk” etwa orientieren
die politischen AktivistInnen ihre Bemühungen um nationale Emanzipation
und Dekolonisierung – ohne eine solche Kategorie, in deren Namen die
Forderungen gestellt werden, wäre jede dieser Bemühungen
gegenstandslos.
Eine
entscheidende Verschiebung in der Einbindung islamistischer Diskurse in
„moderne” Begrifflichkeiten ist aber ihre Feststellung und
gleichzeitige Forderung, daß sich die Begriffe „modern” und
„westlich” nicht länger synonym verwenden lassen – was
besonders in den Diskursen der
jaz’ara
und ihrer differenzierten Auseinandersetzung mit dem westlichen Modell zu
tragen kommt. Die
Entkopplung
der Begriffe „modern” und „westlich”
ermöglicht das Erstreben einer Modernisierung unter expliziter Ablehnung
einer Verwestlichung.
Jaz’ara
und
salafiyya
kritisieren
den Anspruch des Westens, die alleinige Verkörperung menschlicher
Zivilisation zu sein, und versuchen mit der Zurückweisung westlicher
Herrschafts- und „Wahrheits”ansprüche, ihn aus dem
selbsternannten Zentrum der Menschheitsentwicklung zu rücken (als
„decentering of the West” (Sayyid 1997:110)). Eine synonyme
Verwendung der Begriffe „westlich” und „modern”
läßt westliche Gesellschaften dagegen als einzig mögliche Form
moderner Gesellschaften erscheinen und wird von Sayyid „the last bastion
of eurocentrism: the position that there is nothing outside the Western
project” (Sayyid 1997:135) genannt. Die explizite Forderung der
jaz’ara
einer
„modern social order” (AS:23) - unter Verweis auf ihre gleichzeitig
kritische Zurückweisung westlicher politisch-kultureller Dominanz - als
bloßes Lippenbekenntnis zu mißachten, würde genau diese letzte
„Bastion” erhalten. Damit stehen die hier untersuchten
Strömungen des algerischen Islamismus in Zusammenhang mit einer Kritik,
die im Zuge der Dekolonisierungsbewegungen zunehmend an Ethno- und
Eurozentrismen aufkam, und zum Überdenken begrifflicher Einheiten wie
Westen, Islam, Nation etc. führte, die bislang als natürliche
Einheiten begriffen worden waren (vgl. Anderson 1991). „Islamism is based
on the suspicion of meta-narratives that it considers to be western.”
(Sayyid 1997:117) Gleichzeitig aber versuchen die islamistischen Diskurse,
ihren eigenen Gesellschaftsentwurf an diese Stelle zu setzen, als
„recentering of Islam” („one of the rare alternatives (if not
the only one)” (EoT:3/92:8)).
Diese
Tatsache des
„recentering
of Islam”
und die Anbindung islamistischer Diskurse an moderne „grand
narratives” macht es schwer, das Phänomen des Islamismus theoretisch
zu fassen. Stehen sie in ihrer Kritik an ethnozentrischer, westlicher Hegemonie
einerseits in einer Tradition der (postkolonialen) Kritik, so wenden sie diese
andererseits aber in eine affirmative Übernahme dieser
„Zentrierung”. Scheinen sie sich einerseits an nicht-hegemoniale
Kritiken anzuschließen, so scheinen sie andererseits in ihrer
Ausgestaltung der Kritik aber für die Momente der Hybridisierung und der
Subversion kolonialer Projektionen nicht sensibel zu sein. Vor dem Hintergrund
des Gesagten soll daher abschließend versucht werden,
unter
post-strukturalistischen Prämissen eine theoretische Fassung des
Phänomens Islamismus
zu diskutieren. Die Reduktion islamistischer Diskurse auf ihre literalistischen
(„fundamentalistischen”) Ausprägungen muß anhand der
Befunde der Diskursanalyse problematisiert werden, da diese sie – aus
einem weiterhin evolutionistischen Verständnis der post-modernisierten,
globalisierten Welt heraus – „traditionalisiert”. Ihre
explizite Trennung zwischen „Westen” und „Moderne” und
die dezidierte Positionierung ihrer Diskurse in eine Bemühung um
Dekolonisierung des hegemonial Dominierten stellen sie aber in eine Form der
Kritik an der Moderne und sind in einer theoretischen Bearbeitung zu
berücksichtigen.
IV.
IDENTITäTSPOLITIKEN: DISKURSE ZWISCHEN „OST UND WEST” –
„SüD UND NORD”
In
einem Großteil der theoretischen Diskussion werden islamistische Diskurse
als „Flucht in moderne Gewißheiten (grand narratives)”
gefaßt und aus einer Perspektive, welche die Kontingenz von
Identitäten erkannt hat, „traditionalisiert”. Aus dem
Verständnis einer Postmoderne als „Zeitalter nach der Moderne”
heraus, erscheinen sie damit als „modern”, sprich
„vor-postmodern”. Aus einer Auffassung des Postmodernen oder
Postkolonialen dagegen als zuallererst Kritik an einem modernen
„Wahrheitsregime” oder „Macht-Wissen-Komplex” (Foucault
1991; 1992, Said 1995) heraus, muß diese zeitliche Kategorisierung und
damit die Dichotomisierung in Moderne und Vormoderne/Tradition, welche die als
kontingent erkannten Binaritäten fortschreibt, kritisiert werden.
Ausgehend
von einer „pluralization of life-worlds” (Turner 1994:90)
verknüpfen diese (post-modernistischen) Ansätze ihr Verständnis
der Postmoderne eng mit den Prozessen der Globalisierung der Moderne. Sie gehen
davon aus, daß „the globalization of cultures creates a greater
reflexivity about personal and cultural identity” (Turner 1994:202),
welche einerseits zu der Postmodernisierung der Lebensstile, andererseits zur
Bedrohung der als kontingent erkannten Identitäten führt. Das
Phänomen des Islamismus erscheint dabei als Negation der Moderne, als
Reaktion auf diese Postmodernisierung der Lebensstile und als Flucht in
vermeintliche Gewißheiten von Wahrheit und Gemeinschaft. Turner nennt
„Fundamentalismus” aus dieser Perspektive eine religiöse
Antwort auf Globalisierung und postmodernen Pluralismus, die versucht, eine
neue „
Gemeinschaft,
a new version of the traditional household which would close off the treat of
postmodernity...” (Turner 1994:93, Herv. i.O.) zu schaffen. Damit werden
die
als „fundamentalistisch” bezeichneten islamistischen Diskurse aus
post-modernisierter Perspektive „traditionalisiert”,
und gerade die binären Strukturen von Moderne und Tradition
fortgeschrieben, die als konstruiert und als der klassischen Moderne
inhärent erkannt worden waren. Die post-modernisierte Akzeptanz des
Kontingenten definiert sich damit erneut entlang der noch-modernen,
„foundationalist discourses” und die Post
modernisierung
der sich globalisierenden Moderne ist das Phänomen eines Zeitalters.
Dagegen begreife ich „Post
moderne”
vorwiegend in ihrer Eigenschaft als persistente Kritik an der Moderne und
dieser als solche immer inhärent.
Nach
Turner verlaufen die aktuellen soziologischen Debatten „between those
theories that want to retain a foundationalist view of contemporary social
reality by describing them as risk society or [...] high modernity, and those
theories which want to reject the traditional idea of ´the
social´” (Turner 1994:188), wobei er sich zu letzteren rechnet.
Bemerkenswert vor dem Hintergrund des Gesagten ist dabei die Begriffswahl
„traditional”. In evolutionärer Überschreitung
(„today”) der traditionellen Vergangenheit stellt Abaza gleichsam
fest:
„Today
we live in a global culture. The creative contribution of non-Western cultures
in global modernization becomes evident with Foucault’s approach, which
has made us aware of the significance of the ´Other´ in shaping the
discourse about the self and one’s own identity...” (Abaza 1991:206)
Die
mangelnde Differenzierung des „we” und die Subsummierung aller
unter den Singular „a global culture”, blendet die
unterschiedlichen Positionierungen der Teilhabenden aus. Zudem erscheint
fraglich, ob die Konstruktion des Selbst im Spiegel eines Anderen dieses Andere
zu einer „creative contribution” befähigt. Es liegt m.E.
näher, die Konstruktion über das Andere als Aneignung, als Fixierung
zu begreifen, welches im Fall der dominanten Position des Selbst dieses
festzulegen vermag.
[5]
Zweitens scheint in genau der Unterscheidung zwischen „western” und
„non-western” (als negatives Derivat) die binäre Struktur aus
der Sicht des westlichen Selbst fortgeführt zu werden. Es bleibt daher
kritisch zu bedenken, ob die Betonung des kreativen Beitrags und der Vorschlag
des Fokus auf kulturelle Kontinuitäten zwischen Ost und West
(„sameness” (Turner 1989:635f)) nicht erneut die grundlegende
Orientierung am westlichen Modell fortschreibt (vgl. Chatterjee 1993:32f).
Gerade
ein Verständnis der diskursiven Konstruktion von Identitäten und
Wirklichkeit innerhalb bestehender Machtverhältnisse muß die
Bedeutung der „question of enunciation” (Young 1990:142), der Frage
des „wer spricht zu wem?”, berücksichtigen und damit die
Positioniertheit der Sprechenden. „...to ignore the ´epistemic
violence´ involved in constituting the (post)colonial subject is simply to
efface, in a naively utopian way, the long and violent history of the
effectiveness of (neo-)colonial power.” (Moore-Gilbert 1997:86) Allein
der Bezug islamistischer Diskurse auf moderne Begrifflichkeiten läßt
sie somit nicht zu einem gleichberechtigten Teil der globalen
„sameness” werden.
Dieser
Traditionalisierung entspricht die
Darstellung
islamistischer Diskurse als Produkte der westlichen (orientalistischen)
Projektionen des religiösen Anderen
.
„Islamic fundamentalism should be seen to be a result of mass culture, as
an Eastern facet of projected Western imagery of ´religious
spirituality´.” (Abaza/Stauth 1988:347) Ihr Verhältnis zur
westlichen Moderne wird nur als indirektes begriffen, nämlich in dem
Maße ihrer Abgrenzung von westlichen Projektionen. Eine
Auseinandersetzung mit modernen Begrifflichkeiten findet demnach nur insofern
statt, als daß man sich in der Kehrseite dieser Begriffe wiederzufinden
scheint.
Die
Diskurse, die an der Emanzipation des Eigenen festhalten, schreiben mit ihrer
Übernahme orientalistischer Projektionen begriffliche Binaritäten und
kulturelle Essentialisierung fort, deren Bewertung sie lediglich umkehren
(Abaza/Stauth 1988:345). Alterität, die in orientalistischen Diskursen dem
Islam zugeschrieben wurde, wird übernommen – „a confused
appropriation of traditional Orientalist assumptions” (Abaza 1991:205)
– und es entstehen neue Totalitäten. Einem letzlich scheinbar
monolithischen Westen stellen sie eine kulturelle Authentizität
gegenüber, so daß der explizit verworfene Orientalismus durch die
Hintertür der authentischen Stimmen wieder hereinkommt. Vor dem
Hintergrund eines anti-essentialistischen Theorieverständnisses und der
Erkenntnis des dichotomen Charakters der Moderne wird er
als
„orientalism-in-reverse”
(Abaza/Stauth 1988:344, Turner 1989:636)
kritisiert.
Diese Gefahr der bloßen Umkehr der Kategorien, ohne deren Grundlagen
infrage zu stellen, muß in
akademischen
Betrachtungen der islamistischen Bewegung (wie dies etwa in der Romantisierung
des Islamismus als „voix du Sud” geschieht, Burgat 1993) mit
Abaza/Stauth problematisiert werden.
Ausgehend
von der diskursiven Konstruktion des Sozialen und jeder Identität und
unter Berücksichtigung der engen Verknüpfung des Diskursbegriffs mit
Fragen der Macht, muß aber die Verwerfung ihrer
politischen
Artikulationen als „orientalism-in-reverse” hinterfragt werden.
Trotz der berechtigten Problematisierung der nativistischen Umkehr der
Kategorien bleibt für die Betrachtung der islamistischen Bewegung von
entscheidender Bedeutung, daß sie sich in dem politischen Kontext einer
ehemals kolonisierten Gesellschaft positioniert. Ihre Artikulation ist damit
politisch und findet aus einer nicht-hegemonialen Situation statt.
Der
Diskursbegriff steht in engem Zusammenhang mit einer Konzeption von Macht und
impliziert, daß gerade dominante Diskurse in besonderer Weise
einflußreich bei der Konstruktion der Wirklichkeit sind. Die hier
angenommene Unmöglichkeit, sich außerhalb dieser diskursiv
konstruierten Wirklichkeit zu artikulieren (vgl. Sayyid 1994:270), impliziert,
daß jedes Andere immer erst über die Fremd- und Selbstbeschreibungen
von Selbst und Anderem konstituiert und wahrgenommen wird. Das „ganz
Andere” kann sich damit nicht als solches - unabhängig von jedem
existenten Diskurs - artikulieren (vgl. Spivak 1994). Damit ist ein
möglicher Artikulationsraum diskursiv aber so determiniert, daß etwa
die orientalistischen Festschreibungen des „Islams” jede
„islamische” Artikulation zwangsläufig dazu nötigen, sich
von ihnen abzugrenzen oder sich zu ihnen zu positionieren. Somit ist gerade die
Möglichkeit der Artikulation
in
einem
bestehenden Diskurs gegeben. Im Fall des „Islams” wird die
projizierte Alterität bis zu einem gewissen Grad übernommen, um aus
dieser zugewiesenen Position sprechen zu können.
„...´Logocentrism
is not a pathology´, it is the thing that enables us - except, if because
it enables us, we say that it is correct, it would be a mistake. [...]
Logocentrism, phallocentrism, gynocentrism - all of these things enable.”
(Spivak 1990a:146)
Daher
ist die Kritik an der Übernahme der Alterität und damit der
Re-Essentialisierung von Identitäten in den islamistischen Diskursen zwar
als dekonstruktivistische Kritik berechtigt, sollte damit aber politische,
nicht-hegemoniale Artikulationen nicht lähmen oder simplifizieren. Allein
aufgrund der Annahme, daß (post-)koloniale Identitäten diskursiv
konstruiert wurden und werden, von der Möglichkeit eines
gleichberechtigten kulturellen Austausches und der gegenseitigen Bereicherung
im Zuge einer globalisierten Moderne auszugehen (vgl. Stauth 1996:1), schreibt
der Tatsache der Konstruktion eine gewisse Willkür und Harmlosigkeit ein
und unterbewertet die Dauerhaftigkeit dominanter Machtpositionen und
etablierter Wahrheitsregime.
Statt
islamistische Diskurse also entlang ihrer Berufung auf Authetizität oder
orientalistische Projektionen zu diskutieren – bzw. primär die
Kontingenz und Konstruiertheit dieser Identitätsdimensionen zu
konstatieren – scheint mir fruchtbarer, gerade ihre „politics of
authenticity” (Sayyid 1994:279) zu betrachten. Ausgehend von einer
Repräsentationslogik, in der sich Identitäten in ihrer politischen
Artikulation notwenigerweise als kollektive und
„ver-essentialisierte” Kategorien fassen lassen müssen, soll
die Übernahme der Alterität in den islamistischen Diskursen hier
nicht als „orientalism-in-reverse” abgelehnt, sondern in ihrer
Dimension der Befähigung der Sprechenden gesehen werden. Aus der diskursiv
determinierten Position heraus kann die Übernahme der Kategorien und ihrer
Umkehr zur Artikulation befähigen („one cannot skip that stage [of
reversal]” (Moore-Gilbert 1997:85)).
Das
Problem der erneuten Festschreibung der Binaritäten in dieser Umkehr ist
damit aber nicht zu vernachlässigen und daher die ständige
Bewußtmachung der eigenen Gruppe als konstruierte Einheit zu fordern.
Dabei argumentiert Spivak, daß die für die politische Artikulation
notwendige Essentialisierung der Gruppenidentität (d.h. Übernahme der
Alterität) stategisch erfolgen kann, solange gleichzeitig eine
ständige Kritik an den eigenen Identitätsgrundlagen geübt wird.
„As long as one knows that those are provisional claims and as long as a
persistent critique is generated within those movements, I think identity
claims there are fine. We have to take the risk of not having an absolutist
standard.” (Spivak 1996:296)
[6]
Dieses
Konzept des „strategic essentialism” ist dabei zwar (politisch)
rettend, aber im vorliegenden Zusammenhang nicht unproblematisch, da sich
gerade islamistische Diskurse in historische, nationale und religiöse
„grand narratives” einbinden. Mit Turner scheint somit auf den
ersten Blick die Vermutung nahezuliegen, daß die Bedrohung, die von der
Dekonstruktion der „grand narratives” für die (Welt)Religionen
ausgeht, diese ständige Kritik der eigenen Grundlagen einer Bewegung
verhindert, die sich auf eine dieser Religionen stützt (Turner 1994:80).
Zu bedenken bleibt aber, daß auch die „grand narratives” der
(Welt)Religionen immer die Erzählungen derer sind, die sich für oder
mit diesen (Welt)Religionen artikulieren. Damit stellt die Begründung der
eigenen Identität auf religöse Fundamente eine „persistent
critique” zunächst ebenso wenig oder ebenso viel in Abrede wie jede
andere Koordinate der Identitätskonstruktion. Es sind also nicht so sehr
die herangezogenen
Koordinaten
der Identitätsbildung kritisch zu betrachten, sondern vielmehr die
Weise
und die
Position
ihrer Artikulation.
Festzuhalten
bleibt, daß die Berufung der islamistischen Bewegung auf festgelegte,
göttliche Schriften ihren Artikulationen fixierende und homogenisierende
Züge verleiht. Ihr Verbleiben in modernen „grand narratives”
sensibilisiert sie gerade nicht für die Momente der Hybridisierung von
Identitäten, der „Subversion” des Dominanten und der
„modes of ´negotiation´ and ´critique´, which
unsettle the dominant from within” (Moore-Gilbert 1997:85), welche aus
post-strukturalistischer Sicht die wenigen möglichen Formen darstellten,
dominanten Diskursen und Machtstrukturen zu begegnen, sich ihre Begriffe
anzueignen und zu resignifizieren (vgl. zum Konzept der Hybridisierung und
Mimikry Bhabha 1994:85-92, zur Diskussion der Subversion des Dominanten
Laclau/Mouffe 1985:127f, Moore-Gilbert 1997:129f.). Islamistische Diskurse aber
aufgrund ihrer Annahme von und ihrer Berufung auf vordiskursive Fundamente
sowie ihrer entsprechend ontologischen Identitätskonzeptionen den
westlichen „grand narratives” des Orientalismus gleichzusetzen,
verkennt die Position ihrer Artikulation. Die aus einer (global) dominierten
Position formulierten „politics of authenticity” (Sayyid 1994:279,
vgl. auch Al-Azmeh 1996 für eine Verfechtung dieser Gleichsetzung)
dürfen denen aus einer dominanten Position formulierten meiner Ansicht
nach nicht gleichgesetzt werden.
Islamistische
Diskurse als letzte Residuen essentialistischer Politik zu begreifen, verkennt
gerade die nicht-hegemonialen Positionen ihrer Vertreter.
„...it
is only possible to classify Islamism as a meta-narrative if we ignore the
conditions of its enunciation; that is, forget its marginal status. In other
words, by eradicating the hierarchical world order and focusing on the presumed
content of Islamism we can describe it as one of the last foundationalist
discourses.” (Sayyid 1994:280)
Ich
beanspruche keineswegs, die offenen Fragen nach einem strategischen
Essentialismus und der generellen Praktikabilität der Selbstreflexion zu
beantworten. Die Einschätzung eines islamistischen Essentialismus als
strategisch bleibt letztlich politischer Natur. Dennoch scheint die
Berücksichtigung der Komplexität politischer (post-)kolonialer
Artikulationen und ihrer Einbettung in Machtverhältnisse
unerläßlich. Diese zu vernachlässigen oder islamistische
Diskurse als „orientalism-in-reverse” gänzlich zu verwerfen,
verkürzt meines Erachtens die Annahme der Konstruktion von Identität,
bzw. ihre Dekonstruktion.
[7] V.
AUSBLICK
Die
untersuchten islamistischen Diskurse beziehen sich auf ein einheitliches
algerisches Volk, welches sich seiner Rechte und Verpflichtungen bewußt
ist und gleichfalls entschlossen, diese einzufordern. Das Volk wird als
politisch und kulturell eigenständig dargestellt und läßt sich
als solches nicht länger irreleiten. Damit setzen sie der Marginalisierung
als muslimische „Eingeborene” einen Volks
willen
entgegen
und dem Klientelismus und der Korruption des algerischen Staates eine Volks
basis
als
Voraussetzung jeder gesellschaftlichen Entwicklung. Den Islam betonen sie als
die Grundlage ihres islamistischen Projektes, als die Grundlage der sozialen
Bewegung, welche die gute Gesellschaft - Moral und Ordnung - erstrebt. Sie
füllen ihn mit den humanistischen Idealen der Gleichheit und Freiheit, so
daß individueller Fortschritt und persönliche Erfüllung
ermöglicht werden. Aus beiden Momenten - Volk und Islam - konstruieren sie
die „Traditionen” ihrer Bewegung und der Adressaten, an die sie
sich richten wollen. Sie sollen die Grundlagen einer „wahren”
algerischen Identität bilden. Gerade unter Berufung auf diese authentische
Identität findet die Abgrenzung von einer (kulturellen) westlichen
Dominanz statt. Die Kolonisierung als erste „epistemic violence”
enthielt alle weiteren Formen der Negation und basierte auf der
Marginalisierung der „Anderen”. Dessen
„Ent-Marginalisierung” und Dekolonisierung soll die Befreiung des
Eigenen bringen, welches aus dieser Perspektive als die Überschreitung der
Festlegung als „Anderes” erscheint.
In
der positiven Umkehr der zugeschriebenen orientalistischen Kategorien wird die
revolutionäre Befreiung des Eigenen, im Sinne einer fortschreitenden
Emanzipation der unterdrückten Völker beschworen. Diese Kategorien
werden essentialistisch gefaßt, sie knüpfen damit aber gerade an die
bestehenden modernen Diskurse an, und ermöglichen so, sich artikulieren zu
können. Nach islamistischer Darstellung lassen sich erst auf dieser
Grundlage des Eigenen Fortschritt und eine moderne Gesellschaft erreichen. Die
Wiedergewinnung des Eigenen, welches nachdrücklich als
„nicht-westlich” betont wird, soll dessen Festlegung als
„nicht-modernes” überwinden.
Entsprechend
dieser Politisierung von Identität mit der Betonung der kolonialen und
(post-) kolonialen Machtstrukturen - als „politics of authenticity”
- begreife ich den algerischen Islamismus als eine der sich ständig
konstituierenden Differenzen des bestehenden modernen Wahrheitsregimes. Sie als
„fundamentalistisch” oder „neo-orientalistisch” zu
traditionalisieren oder als „la voix du Sud”
zu
romantisieren, ändert nichts an ihrer Plazierung als Andere und der
Fixierung ihres Status als außerhalb einer modernen (westlichen) Welt.
Die untersuchten Identitätsdiskurse konstituieren sich vielmehr erst im
Rahmen der Interdependenzen und der ständigen Fluktuation der Grenzen
zwischen „Ost” und „West” –
„Süd” und „Nord”. Obwohl die Modernität ihrer
Diskurse festgestellt wurde, entspringen sie aber gleichzeitig einer Kritik an
dieser Moderne als ausschließlich westliche. „Islamism is only
possible in a world in which there is suspicion of a western meta-discourse. It
is based not on a rejection of modernity but on a rejection of
westernization.” (Sayyid 1997:118) Diese islamistische Differenz der
Moderne erschüttert mit ihren Umkehrungen und Aneignungen die Perzeption
der Moderne in einem Westen, der diese bislang als exklusiv für sich in
Anspruch nahm.
„Such
cultures of a postcolonial
contra-modernity
may
be contingent to modernity, discontinous or in contention with it, resistant to
its oppressive, assimilationist technologies; but they also deploy the cultural
hybridity of their borderline conditions to ´translate´, and
therefore reinscribe, the social imaginary of both metropolis and
modernity.” (Bhabha 1994:6)
Die
Bedrohung, als welche der Islamismus zumeist dargestellt wird, scheint genau in
seiner Vermischung von Anknüpfung und Kritik am westlichen Modell
begründet zu liegen.
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GENANNTE
VERöFFENTLICHUNGEN DER ISLAMISTISCHEN GRUPPEN DES FIS:
Algeria
Salvation (AS)
Al-Mounkidh
(M)
La
Cause (C)
Echoes
of Truth (EoT)
[1]
Die Positionierung islamistischer Stimmen in Algerien (und in den meisten
muslimischen Ländern) ist ambivalent. Sie wurden einerseits politisch von
den herrschenden Autoritäten ausgeblendet und der Islam als dem
Fortschritt und der Entwicklung hinderlich erklärt. Gleichzeitig aber
wurden sie symbolisch für die sozialistische oder nationale Rhetorik
Algeriens vereinnahmt (etwa im „Ministerium für religiöse
Angelegenheiten”). „...the act of displacement did not lead to the
withering away of Islam,...it opened the possibility for its rearticulation in
populist discourses.” (Sayyid 1994:271)
[2]
Die Zustimmung der islamistischen Zeitschriften zu einem „bewaffneten
Kampf gegen die Unterdrückung” läßt sich durchaus aus
einer gewissen Gewaltbereitschaft erklären, gleichfalls aber aus einem
komplexen politischen Kalkül: der FIS besaß bis 1993 mit seiner
Entscheidung für den legalistischen Weg der Teilnahme an den Wahlen die
Initiative in der islamistischen Bewegung und den größten Zulauf
unter der Bevölkerung Algeriens. In Folge der dramatischen Zuspitzung der
Situation – der Annulierung der Wahlen 1992, der Festnahmen vieler
Mitglieder islamistischer Gruppen, staatlicher Repressalien gegen die
Bevölkerung – gewannen militantere Stimmen immer mehr Zuspruch und
proklamierten, an die Tradition des Kampfes der FLN gegen die
französischen Besatzung anzuknüpfen und Algerien ein zweites Mal
– militärisch - zu befreien. Der FIS sah sich von staatlichen
Repressalien einerseits, von der Militanz der bewaffneten Gruppen andererseits
bedrängt, sowie von ihrer eigenen verbalen Radikalität in die Pflicht
genommen. Um den GIA nicht das Feld überlassen zu müssen,
gründete er seinen eigenen bewaffneten Arm AIS, der seit Anfang 1997 ein
Waffenstillstandsabkommen mit der nationalen Armee geschlossen hat, um die
extremistischen GIA als Täter der Massaker an der Bevölkerung zu
entlarven.
[3]
Hier drängt sich die erwähnte „Übersetzungs-” oder
„Vermittlungsposition” auf, sowie die Frage, ob sich ihre
Abgrenzung nur auf andere islamistischen Strömungen bezieht oder ob sie
damit auch auf akademische Darstellungen der islamistischen Bewegung als
traditionalistischen Rückzug vor der (Post-)Moderne (Turner 1994:93f)
reagieren. Für solch enge Wechselwirkungen zwischen westlich-akademischen
und islamistischen Diskursen spricht zum einen das analytische Vokabular der
Zeitschriften dieser zweiten Gruppe (vgl. „differentiation vis a vis the
other” (AS:6), „integration of the community” (AS:7),
„élections [et...] citoyenneté” (C:16:5)), zum
anderen die Tätigkeit vieler ihrer Herausgeber an europäischen
Universitäten.
[4]
Bezüglich des „modernen” Geschichtsbegriffs sind zwei
Hauptpunkte zu nennen: „the idea of history as a single unified sequence,
and [...] progress as an idea about the direction in which history moves”
(Sayyid 1997:108). Demnach ist die menschliche Geschichte der Prozeß der
ständigen Verbesserung und der Annäherung an ein mögliches
Ideal. „Each phase in history is more advanced, more cultured, more
civilized than that which came before it.” (Sayyid 1997:108, vgl.
„The FIS [...] opted for a more civilized alternative...”
(EoT:3/92:2)) Zur Bedeutung der Dekolonisierungsbewegungen für das
Infragestellen dieser unilinearen Geschichte der westlichen Moderne, vgl. Young
1990, Prakash 1990, Sathyamurthy 1990.
[5]
In diesem Zusammenhang ist die Forderung der „reappropriation of the
self” (AS:5), welches die Zeitschriften fordern, bezeichnend.
[6]
Dabei verwehrt sie sich gegen eine Politik, die glaubt, sich unter Bezug auf
einen „strategic essentialism” einen Freischein für ihren
Essentialismus zu erwerben, wobei das strategische Moment verloren geht und zum
Alibi für essentialistische Politik wird (Spivak 1990:93). Dies impliziert
allerdings die Beurteilung derer, die sich „wahrhaft” strategisch
verhalten, und derer, bei denen dieses Moment verloren geht. Wenn die Forderung
vor dem Hintergrund eines politischen Projektes auch legitim ist, so bleibt
ihre Praktikabilität fragwürdig und ihre Normativität
theoretisch problematisch.
[7]
Dekonstruktion darf m. E. nicht als Methode verstanden werden, die etwas als
konstruiert feststellt und damit die Dekonstruktion abschließt. Vielmehr
muß sie als „the
persistent
critique
of what one cannot not want” (Spivak 1990:93, Herv. BK)
weitergeführt werden und die Grundlagen der eigenen Kritik erneut
hinterfragen.
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