"POLITIK ENTSTEHT IM ZWISCHEN UND ETABLIERT SICH IM BEZUG"[1] DIE ROMANE SYLVIA TOWNSEND WARNERSvonChristina Rauch, Erlangen
Sylvia Townsend Warner (1893-1978), eine im deutschsprachigen Raum fast gänzlich unbekannte Autorin der englischen Moderne, verfaßte sieben Romane, die Gelegenheit geben, sich in vielerlei Hinsicht über liebgewordene Ansichten innerhalb der literaturwissenschaftlichen Modernismusforschung noch einmal Gedanken zu machen. Die hier herausgegriffene Frage nach demVerhältnis zwischen Politik und Literatur ist nur eine davon.
Zwischen dem Erzählten und dem Erzählen besteht kein Relations- und das heißt Aussageverhältnis, sondern ein Funktionszusammenhang. Dies ist die logische Struktur der epischen Fiktion, die sie kategorial von der logischen Struktur der Wirklichkeitsaussage unterscheidet. Zwischen dem eipein [eipein] der erzählenden Dichtung und dem der Aussage läuft die Grenze zwischen "Dichtung und Wirklichkeit", an der es keine Übergangspunkte von der einen zur anderen Kategorie gibt und die, wie wir sehen werden, ein entscheidendes Kriterium für den Ort der Dichtung im Sprachsystem bedeutet. (Hamburger 1994: 113; kursiv im Text; Hvm.)Für uns wird sich zeigen, daß die hier beschriebene Unmöglichkeit eines Überganges ein entscheidendes Kriterium für den Ort der Politik in der Literatur bedeutet. Denn wennn Hamburger hier zwei Felder der Sprache gegeneinander herausarbeitet, dann liegen sie sozusagen auf 'gleicher Höhe' zueinander. Es bietet sich also die Gelegenheit, im Wissen um die kategoriale Verschiedenheit von 'Dichtung' und 'Wirklichkeit' über ein Durchsuchen von Warners Texten nach Aussagen hinauszugelangen und die unbestreitbare und unbestrittene Politikhaltigkeit ihrer Texte noch einmal von vorn in den Blick zu nehmen. Der Fragehorizont verschiebt sich also vom "Was?" hin zu einem "Wie". Das will sagen, uns kümmert nicht so sehr die Feststellung dessen, welche Inhalte sich möglicherweise aus den Romanen extrapolieren lassen, auch nicht der Nachweis, daß ihre Texte politisch eingestellt sind, sondern uns interessiert das Verfahren, die spezifische Erscheinungsweise des Politischen in Warners Texten. Ein besonders augenfälliger Zug an Sylvia Townsend Warners Romanen liegt in der Verknüpfung realistischen Erzählens mit phantastischen Erzählelementen (vgl. Jackson 1981; Todorov 1973). Das heißt, die plots ihrer Romane werden durchzogen von alternativen, phantastischen Erzählsträngen. Summarisch gesprochen resultiert dies in einer Potenzierung der Interpretationsmöglichkeiten des jeweiligen Romans, verstärkt aber auch die 'Veruneigentlichung' des Erzählten. Besonders prägnant tritt dieser Zug vor allem in dem frühen Lolly Willowes Or The Loving Huntsman (1926; 1986c)[6] hervor, einem Bildungsroman, der den Lebensgang einer spinster in der spätviktorianischen Gesellschaft bis zum Ende des Ersten Weltkriegs darstellt. Im Lauf ihrer Entwicklung bricht die Protagonistin aus ihrer eng umgrenzten Lebenssituation aus, indem sie mit Satans Hilfe ein eigenständiges Leben auf dem Lande beginnt. Die Provokation dieser Geschichte liegt dabei weniger in der Selbstbefreiung der Protagonistin an sich, als vielmehr darin, daß es zu ihrer Emanzipation aus eher undurchsichtigen Gründen kommt, die ausschließlich in Laura Willowes' Persönlichkeitsstruktur zu liegen scheinen, und die ihren Ausdruck in eben jener phantastischen Unterströmung des Romans finden. Als handlungstreibendes Element - und hierin liegt ein wesentlicher Unterschied zu den meisten Entwicklungsromanen - fungiert nicht ein wachsender Grad an Einsicht der Bildungsheldin in ihre Situation, sondern eine vollständig entpersonalisierte, nahezu automatisch ablaufende und konflikthafte Dynamik[7] zwischen den gesellschaftlichen Bedingungen und der Persönlichkeit der Protagonistin. Bereits in diesem frühen Roman deutet sich eine literarische Praxis an, die Warner im Lauf ihres Lebens noch perfektionieren wird: der Roman etabliert eine separate, von keiner spürbaren Instanz beeinflußte fiktionale Welt, die einem experimentellen setting gleichkommt, das, einmal angestoßen, ausschließlich einer nicht mehr von außen steuerbaren Dynamik zwischen den Figuren und ihren Formationen unterliegt. Doch beschränken sich die politischen Implikationen von Warners Romanen nicht ausschließlich auf die Darstellungsebene - die Dramatisierung, Typisierung und Abbildung gesellschaftlicher Prozesse; ihre Texte sind immer auch als Beispiele dessen lesbar, was mit Michail Bachtin als "[...] aktive Vielsprachigkeit, die Fähigkeit, die eigene Sprache mit den Augen anderer Sprachen zu betrachten [...]" (Bachtin 1996: 13-14) bezeichnet werden könnte. Darunter fallen die vielfältigen Prozesse der aneignenden und kritischen Bezugnahme auf andere fremde und eigene Texte[8], die sich als charakteristisches Merkmal des Warnerschen Romanschaffens benennen lassen. Warners Relevanz als politische Literatin liegt also einerseits darin, daß sie in ihren fiktionalen Welten Elemente der verschiedensten alltagsweltlichen, literarischen, politischen und persönlichen Diskurse ihrer Zeit und Vergangenheit stets neu kombiniert, umstellt und verwandelt. Sie demonstriert damit vor allem eines, daß nämlich eine nahezu unbegrenzte Zahl Rekombinationsmöglichkeiten vorstellbar ist, daß aber gleichzeitig nicht determiniert werden kann, welche dieser Möglichkeiten sich außerhalb des Literarischen wird durchsetzen können. Es liegt aber auch im beständigen Rekurs auf eigenes und fremdes textuelles Material der sich als permanente Revision des status quo auswirkt. Das Politische bei Warner konstituiert sich damit weniger als politische Aussage, die eine Entscheidung für oder wider eine bestimmte - ebenfalls fixierbare - Position beinhaltet, denn als Prozeß der literarischen Weltverwandlung, der die Symptomatik der politischen Verhältnisse in die literarische Struktur hineinnimmt und so den literarischen Text selbst zum Schauplatz von Politik werden läßt. Die Politikhaltigkeit ihrer Romane ist mithin eine Funktion deren Literarizität und fast scheint es, als habe Hamburger Sylvia Townsend Warners Romane im Sinn gehabt wenn sie schreibt, daß [d]ie epische Fiktion [...] der einzige sowohl sprach- wie erkenntnistheoretische Ort [ist], wo von dritten Personen nicht oder nicht nur als Objekten, sondern auch als Subjekten gesprochen, d.h. die Subjektivität einer dritten als einer dritten dargestellt werden kann. (Hamburger 1994: 115; kursiv im Text; Hvm.).Unter diesen Voraussetzungen ergibt sich meiner Meinung nach nunmehr folgende Schlußfolgerung, die insbesondere für die Analyse politischer Aspekte in erzählenden Texten in Betracht zu ziehen ist. Allgemein gesprochen kann ein fiktionaler, erzählender Text in Hinblick auf nicht-fiktionale (in der Hamburgerschen Sprachregelung: wirkliche) Diskurse nicht unmittelbar interpretiert werden. Das will sagen, ein erzählender Text ist zunächst nur das: ein erzählender Text. Er ist keine Aussage der Autorin. Die interpretierende Verknüpfung eines fiktionalen Textes mit - zum Beispiel - politischen Diskursen erfordert einen aufwendigen, wenn nicht gewaltsamen, Akt der Transponierung des Politischen in den literarischen Text hinein, um zu einer 'politischen Aussage' zu gelangen. Diese Aussage wiederum ist einzig die Aussage der Interpretin, [j]edenfalls kann man die Bedeutung der Umfelder der Aussage nicht einfach dadurch beseitigen, daß man dazu übergeht, Hypothesen über die Intentionen des empirischen Subjekts der Aussage[9] zu formulieren, indem man einen Modell-Autor identifiziert und damit festschreibt. (Eco 1990: 80; kursiv im Text).Zwar muß sich diese Aussage, soll sie nicht der Eco'schen Benutzung von Texten entspringen, Ergebnis einer 'guten' Interpretation sein, sich also, wenn sie "an einem bestimmten Punkt eines Textes plausibel" (Eco 1995: 48) erscheint, sich von einer anderen Stelle des Textes bestätigen oder zumindest nicht in Frage stellen lassen (vgl. ebd.), aber auch eine solche 'gute' Interpretation führt nicht zur Aussage deren Subjekt die Autorin dieses Textes wäre. Denn gerade 'gute' Interpretationen tragen der Komplexität des literarischen Textes Rechnung, indem sie eben nicht das einzig mögliche Resultat liefern, sondern einen am Text entwickelten plausiblen Bedeutungshorizont generieren, der durch Offenheit und Revidierbarkeit gekennzeichnet ist. Damit aber kann, auch wenn "der Text zum Parameter seiner Interpretationen gewählt wurde" (Eco 1995: 77), keine Interpretation zu dem Ergebnis gelangen, dieser literarische Text sei eine politische Aussage dieser oder jener Provinienz seiner Autorin/ seines Autors. Sylvia Townsend Warners Romanwerk gibt, das zeigt seine Rezeptionsgeschichte, ein gutes Beispiel für diese Schlußfolgerung. Gerade weil sich die Autorin stets in einen bestimmten politischen Horizont einordnete, wird an ihren literarischen Texten erkennbar, daß die Transponierung politischer Aussagen und Standpunkte ins Literarische eine unwiderrufliche Veränderung der Aussagestruktur zur Folge hat. Nicht mehr die Autorin, Sylvia Townsend Warner, ist das Subjekt der jeweiligen Aussagen, sondern ihre Figuren - die Aussagen verlieren ihren Status als Wirklichkeitsaussagen, denn "Wirklichkeit [bezeichnet] hier nicht das Aussageobjekt, sondern das Aussagesubjekt" (Hamburger 1994: 51-52; Hvm.). Wenn Käte Hamburger also mit der folgenden Feststellung recht hat: Die epische Fiktion ist dichtungstheoretisch allein dadurch definiert, daß sie erstens keine reale Ich-Origo enthält und zweitens fiktive Ich-Origines enthalten muß, d.h. Bezugssysteme, die mit einem die Fiktion in irgendeiner Weise erlebenden realen Ich, dem Verfasser oder dem Leser, erkenntnistheoretisch und damit temporal nichts zu tun haben. (Hamburger 1994: 66-67; Hvm.),dann ergibt sich zwingend, daß die seltsame Unentscheidbarkeit der Frage, ob Literatur in politischer Hinsicht wirkungslos bleibt und bleiben muß, oder im Gegenteil höchst brisant und gefährlich ist, genau in dieser kategorialen Verschiedenheit von Dichtung und Wirklichkeit wurzelt. Mehr noch: sie ist geradezu die conditio sine qua non jeder interpretierende Lektüre literarischer Texte, was nichts anderes heißt, als daß Literatur hilft, einen Möglichkeitsraum zu eröffnen, dessen politische Dimension in der "völlig ungehinderte[n] Erforschung" (Bachtin 1989: 232) der Welt liegt. Literatur: 1. Primärwerke Warner, Sylvia Townsend. (1986a) The Corner That Held Them. In Four
In Hand. A Quartet of Novels:565-905. New York: Norton.
2. Deutsche Ausgaben (lieferbar) Warner, Sylvia Townsend. (1992) Lolly Willowes oder der liebevolle
Jägersmann. Translated by Ann Anders. Stuttgart: Klett-Cotta.
3. Sekundärliteratur: Adorno, Theodor W. 1994. Rede über Lyrik und Gesellschaft. In Noten
zur Literatur, edited by R. Tiedemann: 48-69. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
ANMERKUNGEN[1]Arendt, Hannah. (1993) Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlaß. Herausgegeben von Ursula Ludz. München: Piper. [2]"Restlos" ist natürlich relativ aufzufassen, denn auch in normalsprachlicher Rede läßt sich kein restloses Verständnis erzielen, sondern immer nur ein für den Fortgang der Kommunikation ausreichendes. [3]Erscheint es doch auf Anhieb eher unwahrscheinlich, daß jemand als Autorin einen Text verfasst, der allen Ernstes das Gegenteil dessen vertritt, was sie als beispielsweise politische Aktivistin vertritt. - Auch wenn diese Option nicht vollständig ausgeschlossen werden kann. [4]Dies gilt auch für Texte, die zu aufkärenden oder agitatorischen Zwecken politische Inhalte in literarischer Form fassen. Denn um dies zu tun mu§ eine Transposition in das Medium der Literatur erfolgen, was nichts anderes heißt, als daß auch ein solcher Text den Gesetzen des literarischen Sprachverhaltens unterworfen ist. Daß gerade in diesem Bereich häufig Texte entstehen, die eher mühsam als Literatur erkennbar werden, hängt vermutlich vom Grad des Gelingens dieser Transposition ab. [5]Die Begriffsbestimmung der Aussage als Aussage eines Aussagesubjekts über ein Aussageobjekt kann erst durch eine genaue Analyse des Aussagesubjekts durchgeführt werden; es wird sich dabei zeigen, warum es nur auf dieses und nicht auf das Aussageobjekt ankommt. (Hamburger 1994: 35) [6]Die nähere Erläuterung speziell dieses Romans ist exemplarisch zu verstehen. Er wurde gewählt, weil hier die Bezeichnung 'phantastisch' unmittelbar einleuchtend ist. Auch in ihren anderen sechs Romanen finden sich die unterschiedlichsten Elemente phantastischen Erzählens, zunehmend weniger offensichtlich, aber immer sehr effizient ihre Wirkung tun. [7]Die zu keinem Zeitpunkt von keiner der Romanfiguren wahrgenommen wird. [8]Hier sind die intertextuellen Techniken Warners gemeint, deren Erörterung den Rahmen dieser Arbeit überschritte, sodaß der Hinweis auf sie genügen soll. [9]Es ist offensichtlich, daß Eco hier den 'erzählenden Dichter', also den empirischen Autor eines Textes meint. Er äußert sich an früherer Stelle bereits einmal folgendermaßen zum Autorproblem: "Jedoch ist der Modell-Autor nicht immer so deutlich erkennbar, und nicht selten neigt der empirische Leser dazu, ihn als Subjekt der Äußerung an die Information, die er bereits über den empirischen Autor besitzt, anzugleichen." (Eco 1990: 76f; Hvm.) und umkreist hier aus einer anderen methodischen Perspektive dasselbe Problem wie Hamburger.
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