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Analyse von diskursiven und soziokulturellen Faktoren im Genderdiskurs des brasilianischen Portugiesisch und österreichischen Deutsch im Unternehmensbereich


Autor: Frank-Rüdiger Schnell - Universität Wien

Manuskript/Okt. 98

1) EINLEITUNG

Das Thema und die Motivation für diese Studie entstanden in erster Linie durch meinen 10-jährigen Aufenthalt in Brasilien (Bundesstaat São Paulo) zwischen 1987 und 1997. Dort übte ich auch in multinationalen Unternehmen die Tätigkeit eines Sprachtrainers (unter anderem im Bereich Deutsch als Fremdsprache) aus. Eine breite Facette von Betriebsangestellten waren meine Schüler, angefangen von Sekretärinnen bis zu Produktions- und Abteilungsleitern aus dem Administrativ- und Finanzsektor. Während des Unterrichts tauchten bei meinen Schülern Fragen auf, die zu einer genaueren Analyse der in den von mir verwendeten Lehrbüchern [1] dargestellten Illustrationen führten, vor allem was die Repräsentanz von Männern und Frauen und deren Positionen in verschiedenen Situationen und die damit zusammenhängenden sprachlichen Ausführungen betraf. Diese stellten sich zum Teil als eigenartig bzw. unverständlich für die Schüler dar, die auf ungenügende Kenntnis der Zielkultur [2] zurückzuführen war.

Der Studie über die Fragen von interkulturellen Mißverständnissen im Genderdiskurs intensiver nachzugehen, ergab sich aber auch aus persönlichen Begegnungen mit in Betrieben angestellten Frauen aus verschiedenen Sektoren, wobei emotionelle Faktoren, was brasilianische Frauen - „die Anderen” nationalkulturell gesehen - anbelangt, in soziokulturellen Belangen und im Diskurs eine entscheidende Rolle spielten. Zusätzlich stellte ich mir aber auch die Frage, inwiefern Macht und Ideologie einer kapitalistischen Wirtschaftsstruktur ihren Einfluß auf die Diskursstrategien beider Geschlechter aus beiden Kulturen haben. [3] Vorerst aber mögen nebst einiger Worte über die Wirtschaftsverbindungen zwischen Brasilien und Österreich auch Firmenphilosophien bzw. berufliche Positionen von Männern und Frauen innerhalb eines Organisationskontextes beider Kulturen berücksichtigt werden.

2) DIE WIRTSCHAFTSKONTAKTE ZWISCHEN ÖSTERREICH UND BRASILIEN

Durch das Rahmenabkommen zwischen dem Mercosul (Mercado do Sul) und der EU 1995 ist eine Vertiefung in den wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Beziehungen beider Blöcke vorgesehen. Österreichs Marktanteil in Brasilien hat sich zwischen 1993 und 1995 mehr als verdoppelt. Die Lieferungen haben sich praktisch vervierfacht, wobei die Exporte im Jahre 1996 mit + 13% (auf 3 Mrd. Schilling) im selben Takt wie die brasilianischen Importe gewachsen sind. Der Automobilsektor ist größter Kunde für österreichische Produkte. Ziel ist es, den Informationsaustausch zu forcieren, die Frequenz der österreichischen Besucher durch ein eigenes Businessprogramm mit kompletten Paketen zu fördern und die Präsenz österreichischer Firmen auf Fachmessen durch weitere Informationsstände zu verstärken. Zwischen 1997 - 2000 erwartet man Investitionen in die brasilianische Infrastruktur in einer Höhe von 136 Mrd. US$ („Außenwirtschaft: Wirtschaftskammer” 1997: 1-3)

3) KULTURELLE EINFLÜSSE AUF ORGANISATIONSKONTEXT UND UNTERNEHMENSLEITBILDER

Die angeführten Wirtschaftsdaten lassen uns der Frage nach Unternehmensstrukturen und aufgrund unserer Thematik nach beruflichen Positionen von Männern und Frauen in beiden Ländern nachgehen. Inwiefern sind diese (mehr oder weniger) hierarchisch administriert bzw. was passiert, wenn Geschlechter beider Nationalitäten zusammenarbeiten müssen?

Chiavento (1993) verwendet in seiner Studie den Terminus „Organisationsmensch”, der vermehrt in der modernen und industrialisierten Gesellschaft auftritt und folgende Persönlichkeitsmerkmale besitzen muß: a) Flexibilität; b) Frustrationstoleranz; c) Anpassungsfähigkeit an neue berufliche Tätigkeiten; d) berufliche Erfüllung. Mumby/Clair (1997) scheinen mit den von Chiavento angeführten Merkmalen konform zu gehen. Sie definieren Organisation als ein soziales Kollektiv, das durch immer währende, untereinander abhängige und zielorientierte Praktiken seiner Mitglieder produziert, reproduziert und umgewandelt wird. Die Autoren sprechen dabei die Macht- und Ungleichheitsverhätnisse im Organisationsdiskurs an, die aufgrund von Organisationsideologien bestehen, um die Organisationskontrolle aufrechtzuerhalten. Ideologie wird in dem Sinne verwendet, daß nicht nur individuelle Ideen und Werte angesprochen werden, sondern hierbei auch der Prozeß berücksichtigt wird, in dem soziale Aktanten als Teil eines größeren sozialen Kollektivs ihre eigenen Identitäten entwickeln.

Dies erscheint mir für den Unternehmenskontext und die Positionen von Männern und Frauen innerhalb der Organisationsstruktur bzw. die soziale und wirtschaftliche Stellung beider Geschlechter in beiden Ländern von Bedeutung. Brasilien gehört zu den Ländern, in denen grundsätzlich der machismo prägende Kraft besitzt. Es handelt sich hierbei um den nicht rational begründeten (daher auch nicht rational widerlegbaren) Glauben an die Überlegenheit des männlichen Geschlechts. In der Verfassung von 1934 ist zwar die Gleichberechtigung von Mann und Frau ausdrücklich festgelegt, doch läuft die Durchführung des Verfassungsgebotes durch den Gesetzgeber nur zögernd und unvollkommen. Somit treten Schwierigkeiten auf, das Gesetz in die Praxis umzusetzen und man kann somit sagen, daß auch im Arbeitsleben Frauen noch immer diskriminiert sind. (Lang 1993; Madlener !995). Was die Stellung von Frauen im österreichischen Wirtschaftskontext betrifft, so werden auch hier von Frauen zu besetzende Sektoren noch immer von Männern besetzt (Rowhani 1989). Man hat sich in Österreich noch wenig mit Fraueninteressen beschäftigt. Nach Koppensteiner (1987) sind 52% aller österreichischen Frauen zwischen 15 und 60 berufstätig, haben aber keine Chancengleichheit - 35% werden schlechter bezahlt als Männer und man findet sie vor allem in unqualifizierten Berufen. Nur wenige erreichen leitende Positionen in Wirtschaft und Verwaltung. Wie sich dies auf den Unternehmensdiskurs zwischen Geschlechtern in interkultureller Hinsicht schlägt, vor allem aber, ob Frauen im Diskurs mehr auf die inhaltliche Ebene (Gefühle und persönliche Erfahrungen), bzw. Männer eher auf kompetitives als auf kooperatives Sprachverhalten (Wodak et al. 1987) Wert legen, dies soll folglich untersucht werden. Vorerst aber möchte ich auf theoretisch-methodologische Perspektiven dieser Studie eingehen.

4) THEORETISCHE GRUNDLAGE UND METHODIK

Das Interagieren von Gruppen unverbindlicher Kulturen und deren Unterschiede in linguistischer, soziolinguistischer und soziokultureller Hinsicht (Marriot 1995; In Ehlich/Wagner 1995:103) bringt komplexe Problemstellungen mit sich. Dies trifft auch auf Diversifizierungen zwischen dem österreichischen Deutsch und brasilianischen Portugiesisch zu. Da ich mich seit geraumer Zeit generell mit dem Erlernen der deutschen Sprache brasilianischer Angestellter in Unternehmen befasse, sind hier, so Ehlich (1996), die Fragen der „Interkulturalität durch die zunehmend durchgesetzten Erfordernisse des Weltmarkts und die in sogenannten „multinationalen” Großfirmen sowie in der Verflechtung realisierte Verallgemeinerung der Kapitalverhältnisse insgesamt” von großer Bedeutung, was sich auf die Diskursstruktur auswirkt. Vom soziokulturellen und diskursiven Standpunkt aus gesehen bedeutet dies, daß eine Reihe von linguistisch-kulturellen Mißverständnissen auftreten können, die sich nicht nur aus der von Fairclough aufgestellten Theorie, daß Begriffe und sprachliche Einheiten in seinen verschiedenen Diskursformen die Konstitution des Subjekts als sozial Agierenden bestimmen. Ich sehe hierbei vielmehr die Subjektkonstitution, seine Aussageposition und seine Relation mit dem, was es als ego repräsentiert, als essentiell an, wobei diese auch wiederum ideologisch bestimmt sind. Dies wirkt sich auch im Lernprozeß einer Fremdsprache aus, und cf. Revuz (1987; 1991) operiert in diesem Falle auch die Muttersprache als Instrument und Materie einer Psychostruktur, die von Melman (1992; apud Serrani-Infante 1997) als „Unterbewußtseinsgeflecht” (Sprache, die sich für jeden einzelnen aus einer grundsätzlich symbolischen Sprachstruktur zusammensetzt) definiert wird. Aus diesem Grund ist die Analyse von Aussagemechanismen und -formen ideologischer Asubjektivierung (Foucault 1969; apud Orlandi 1988) zwischen Angestellten in Industrien und der Definition seiner selbst und somit seines Sagens als „ich” und seinem Gegenüber als „du” besonders in betracht zu ziehen, wobei ideologische Effekte zum Ausdruck kommen.

Drei Kategorien aus dem Begriffsbereich der Diskursanalyse sind meiner Ansicht nach von großer Bedeutung:

a) Imaginäre Formationen (cf. Pecheux/Fuchs (1975); In: Gadet/Hak (1993)): das (Nicht-)Zusammentreffen von einfachen bzw. zusammengesetzten Bildern des Aussagenden (Empfängers) über sich selbst, vom Empfänger (Aussagenden) und vom Diskursobjekt, was zu unangepaßten Interpretationen im Sprachprozeß in einer bestimmten Aussagesituation führt. Es geht hierbei um Aussageordnungen bzw. Aussageakte, die bewußte und unbewußte Wortwahl (von Pecheux als sog. „Vergessen 2” bezeichnet), was der Aussagende aus dem von ihm Gesagten und nicht Gesagten macht. [4] Er ist Protagonist seiner Sprachweise, deren Sinn nicht in sich existiert, aber von ideologischen Positionen, die im soziohistorischen Prozeß, in dem die Wörter produziert werden , bestimmt ist. Dagegen erscheint die vorbewußte/bewußte Wortwahl in der Subjektivität der Sprache eingebaut zu sein (von Pecheux als „Vergessen Nr. 1” bezeichnet), die von Natur aus in dem Sinn unbewußt ist, daß die Ideologie konstitutiv unbewußt in sich selbst ist.

b) Diskursive Produktionskonditionen (cf. Pecheux 1969 (In Gadet/Hak 1993)): zwischen zwei Subjekten A (Sender) und B (Empfänger) werden nicht Informationen als wichtigste Faktoren im Diskurs angesehen, sondern „Sinneffekte”, die bestimmte Positionen im Inneren einer sozialen Stellung, also
charakteristisch gegenwärtige, aber veränderte objektive Merkmale im Spiel der bestehenden Diskursprozesse aufzeigen, aus denen sich eine Reihe von imaginären Formationen ergeben.

c) Diskursivformationen (cf. Maldidier/Normand/Robin 1972; apud Serrani 1993:23). Dieser Begriff wurde von den Autoren von M. Foucault übernommen, der ein freies Subjekt ablehnt, welches einen vorher existierenden Sinn, der anhand der Sprache überdacht wird, ausdrücken würde. Foucault setzt die Studie einer Zusammenstellung von Regeln voraus, die Bedingungen einer Möglichkeit von Aussagen, Organisationskriterien und Übergänge von einer Organisation in die andere schaffen. Er ließ dabei aber die Zusammenhänge zwischen linguistischer Systematik und historischen Formationsregeln unberücksichtigt; in den Studien von M. Pecheux ( Analyse automatique du discours ) hingegen ist die Linguistik als Fundamentalkomponente anzusehen, um eine Diskursanalyse aufzubauen. Haroche, Henry und Pecheux bezogen den Begriff der Diskursivformation in einer vorher durchgeführten Studie mit ein (1971; cf. op.cit.: 25). Zu dieser Kernthematik für die Diskursanalyse zitieren die Autoren, wie folgt:

Wenn eine soziale Stellung in einem bestimmten Moment ihrer Geschichte vorgegeben ist, charakterisiert sie sich anhand des Produktionsmodus, der sie dominiert, durch einen bestimmten Zustand von Relationen zwischen den Klassen, aus denen sie sich zusammmensetzen; diese Relationen drücken sich anhand der Hierarchie von Praktiken aus, die dieser Produktionsmodus benötigt, die die Apparate [5] berücksichtigen, durch die sich diese Praktiken verwirklichen. Diesen Relationen entsprechen politische und ideologische Positionen, die sich nicht daraus ergeben, wie Individuen sind, sondern die sich in Formationen aufteilen, die unter sich Relationen von Gegensätzen, Verbindungen und Dominanz aufweisen. (...) jede ideologische Formation setzt sich zusammen sozusagen aus einem komplexen Baustein von Einstellungen und Repräsentanzen, die weder individuell, noch universell sind, sondern mehr oder weniger direkt mit Positionen von Klassen zusammenhängen, die miteinander in Konflikt stehen. (...) Die so definierten Ideologieformationen beinhalten notwendigerweise als einer seiner Komponenten einen oder mehrere miteinander verbundene Diskursivformationen, die ausgehend von einer gegebenen Position in einem bestimmten Zusammenhang das bestimmen, was gesagt werden kann und muß. (op.cit.:102)[6]

In der zweiten Phase der Diskursanalyse beschäftigt sich Pecheux ausgehend vom Interdiskursbegriff mit dem „spezifischen Äußeren” einer Diskursivformation. Hierbei handelt es sich um Elemente, die von „von außen”, d.h. von anderen Diskursivformationen kommen (Pecheux 1988; 1990; apud op.cit.: 26), um auf die Analyse der Änderung „im selben” [7] einzugehen.

Dies ist meinen Anschauungen zufolge für soziale und kulturelle Faktorenanalysen, und somit auch beim interkulturellen Genderdiskurs von fundamentaler Bedeutung, um zur Studie von linguistisch-kulturellen Mißverständnissen zwischen im Unternehmensbereich tätigen ÖsterreicherInnen und BrasilianerInnen signifikativ beitragen zu können. In der Studie werden Aussagen österreichischer und brasilianischer Betriebsangestellter (ChefInnen - männliche bzw. weibliche Untergebene) untersucht. Dies wird anhand von
Beschreibungen kleiner Situationen beim Aufeinandertreffen mit Menschen aus der anderen Kultur ( Mikroszenen O’Donnell 1986) anschaulich gemacht. Die verschiedenen Bedeutungen der Höflichkeit bzw. der (Nicht-) Trennung des öffentlichen und privaten Bereichs in den Aussagen der männlichen und weiblichen Betriebsangestellten beider Kulturen soll dabei erörtert werden.

Die empirische Datenerhebung weist folgendes Schema auf:

1) Befragung von je 30 Brasilianern und Brasilianerinnen in brasilianischen Betrieben bzw. je 30 Österreichern und Österreicherinnen in österreichischen Betrieben, die Kontakt mit KollegInnen aus der anderen Kultur gehabt haben bzw. haben. Die Befragungen weisen folgendes Schema auf:
a) Wie lange in der Firma tätig?
b) Position
c) Schulbildung: Berufsschule, Techn. Ausbildung etc.
d) Kurze, für den Befragten verständliche Vorstellung der Arbeit
e) Fragen an die Betriebsangestellten zur Thematik:

  1. Schildern Sie mir in der Kommunikation mit BrasilianerInnen (ÖsterreicherInnen) eine Situation, die Ihnen merkwürdig vorgekommen ist?
  2. Inwiefern machten sich Mißverständnisse bemerkbar?
  3. Wie höflich wurde in dieser Situation miteinander kommuniziert?
  4. Inwiefern wurden beim Kommunizieren neben beruflichen auch private Aspekte miteinbezogen?

Die Wichtigkeit dieser Studie besteht darin, Diskurssequenzen aus den Formulierungen der Aussagen zu analysieren. Der von den Befragten verwendete Wortschatz bzw. die Ausdrucksformen bestimmen die Konfigurierung von Diskursivformationen, die die verschiedenen Bedeutungsformen der Höflichkeit und die (Nicht-) Trennung des öffentlichen und privaten Bereichs definieren sollen. Das Resultat der Befragungen soll uns die oft stereotypen Vorstellungen von Männer- und Frauendiskursen (Diskriminierung und Position der Frau) in den Lehrbüchern für Deutsch als Fremdsprache kritisch betrachten lassen. Das könnte in der Repräsentanz des Subjekts/Lerners stereotype Bilder über Männer und Frauen der Zielkultur hervorrufen, die weder mit diversen Ausdrücken des österreichischen Deutsch in deren Diskursen noch mit der Darstellung von BrasilianerInnen im soziokulturell-diskursivem Sinn zusammenpassen.

5) SCHLUSSFOLGERUNGEN

Das Resultat der Erhebungen wird uns mit folgenden Problemstellungen konfrontieren:
1) Auf der einen Seite die Repräsentanz der Subjekte ChefIn und Angestellte, wobei Macht- und Dominanzrelationen in der Diskursstruktur von Bedeutung sein werden, wobei uns hier die von Habermas aufgestellte These bedeutsam erscheint, daß „Wissen nicht als unabhängige Entität, sondern als vom Wissen konstituierten Interessen existiert und diese unser tägliches Wissen beinflussen......Die Interessenstheorie ist fundamental für eine Ideologie- und Dominanzkritik. Der Fokus z.B. von kapitalistischen Gesellschaften an technisch-rationalem Wissen führt zu einem Vorzug technischer Interessen und einem „Expertenkult”. (Habermas 1975; 1979). Es geht also hierbei nicht nur um die Informationen, die die Protagonisten anhand der beschriebenen Mikroszenen überliefern, sondern auch um die Aussagen des Subjekts „Ich-ChefIn” als Herr seines Sagens im Gegensatz zu seinem Gegenüber „Du-Angestellte®-Untergebene®”.

2) Auf der anderen Seite die Repräsentanz im Diskurs von Mann und Frau in beiden Kulturen: hierbei ist die ideologische Position zwischen Mann und Frau, die durch soziohistorische Prozesse bestimmt ist, gemeint. Es stellt sich somit die Frage, inwiefern sich dies im Diskurs anhand der verschiedenen Bedeutungsformen der Höflichkeit und der (Nicht-) Trennung des öffentlichen und privaten Bereichs in beiden Kulturen bemerkbar macht. Dazu kommt noch, daß in den Nationalkulturen die Anschauungen der Machtdistanz verschieden sind, als das Ausmaß an Ungleichheit zwischen Menschen, das die Bevölkerung eines Landes als normal erachtet, also von relativ gleich bis extrem ungleich. Außerdem muß man sich fragen, inwiefern der Männlichkeitsfaktor in Industrien eine Rolle spielt. [8]. Hir erscheint mir wiederum das von Habermas erwähnte Zitat über „Self-reflection” von Bedeutung, in der die Vorrangstellung von technischen Interessen das dekonstruieren kann, was die selbst-reflektive Bewegung in einer Wissensformation verdeckt” (Habermas 1971; apud Wodak 1996).

Ziel dieser Studie ist es, ideologische und diskursive Strategien anhand verschiedener Sinneffekte aufzuzeigen, die ein Subjekt aus einer Nationalkultur in einer Auseinandersetzung mit einer anderen kulturell, sozial, historisch und ideologisch bestimmt. Diverse Positionen in der Sozialformationsstruktur, also zwischen ChefIn und Angestellte®, Mann und Frau und die dazugehörigen Aussageordnungen und -akte, die die verschiedenen Höflichkeitsformen und die (Nicht-) Trennung des öffentlichen und privaten Bereichs im Diskurs bestimmen, spielen eine große Rolle. Die Verschiedenheit im „gleichen” (Pecheux 1993) im Diskursprozess von Subjekten verschiedener Gesellschaften soll aufgezeigt werden. Hierbei muß aber auch der spezifische Organisationskontext in der jeweiligen Kultur eines Landes berücksichtigt werden, wobei die von Ahrne aufgestellte These bestärkt wird, daß „Veränderungen von einer Demokratie in eine Diktatur oder umgekehrt keine Veränderungen in den Systemen bedeuten, aber Veränderungen in den Relationen zwischen Staat, Parteien und Organisationen sind, die von besonderen Organisationskonstellationen in einem Land abhängen” (Ahrne 1994). Im Falle Südamerikas wird die Demokratie von stark konservativen Parteien gestützt. (Reschemeyer et al. 1992; apud Ahrne 1994). Dies ist in den Diskursstrukturen der Subjekte mit zu berücksichtigen, würde aber auch dazu beitragen, die „Verbalsymbole” (Calligaris 1996) und die damit zugehörigen Ideologien zu verstehen. Dies so meinen wir, ist beim Erlernen einer Fremdsprache von fundamentaler Bedeutung, in einer Welt, die vor allem im Wirtschaftsbereich immer globalisierter wird.

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27) WODAK R. (1996) Disorders of Discourse. Longman. London and New
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[1] „Themen Neu” und „Wege”
[2] Hiermit sind Position und Ort, in denen sich Subjekte in einem anderen Land unter Beeinflussung soziolinguistischer und kultureller Elemente vorfinden, gemeint.
[3] Eine wesentliche Bereicherung zu dieser Thematik ergab sich aus der Teilnahme am Lehrseminar „Kommunikation in Institutionen”, abgehalten von Prof. Ruth Wodak am Institut für angewandte Sprachwissenschaften der Universität Wien im Wintersemester 1997/98.
[4] Orlandi (1990) definiert den brasilianischen Diskurs als „Symptom”, wie ein Diskurs, der sich aus Signifikationsprozessen zusammensetzt, die das Imaginäre darstellen, durch die die brasilianische Gesellschaft geleitet wird, bzw. was diese für die Brasilianer bedeuten. Der Interdiskurs des Anderen (Europäers) ist dabei miteingeschoben, was somit die Gesellschaft in der Geschichte „seiner” Sinne zur Bedeutung kommen läßt.
[5] Nach den Theorien Althussers in den „Ideologischen Staatsapparaten” im ersten Teil der Geschichte der Diskursanalyse. (op.cit.: 33)
[6] Meine Übersetzung
[7] In erst kürzlich erschienen Entwicklungen der Diskursanalyse wird damit die Rolle der Diskursstruktur des anderen verbunden, also der Diskurs eines anderen (Gesprächspartners/Lesers) in den Vordergrund geschoben. Dieser wird entweder durch den Aussagenden oder durch den Diskurs des Aussagenden, der sich mit dem anderen ins Szene setzt, oder als Interdiskursivität, die die Position verunsichert, wo das ego sich im Sagen einbaut, darstellt. (Serrani-Infante 1997:25)
[8] Wertvergleiche zwischen Brasilien und Deutschland bei dieser Dimension bei verschiedenen nationalen Zweigstellen des IBM-Konzerns zeigen, daß diese in Brasilien sehr hoch (Rang 14) und in Deutschland sehr niedrig (Rang 42 - 44) ist. (Rang 1 = am höchsten, 53 = am niedrigsten) (Hofstede 1992:7). Was Österreich anbelangt, ist diese Studie weiteren Untersuchungen unterworfen.
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