Methodische und begriffliche Probleme in der Umweltethik mit einem Seitenblick auf Methodenarsenal und Begründungsstruktur gängiger Konzepte praxisbezogener EthikJens Badura
Vorbemerkung Meine
Überlegungen entstanden im Rahmen der Arbeit an der Dissertation
„Ethik, Moral und Lebenspraxis”, die ich - unterstützt durch
das Tübinger Ethikzentrum und das Graduiertenkolleg „Ethik in den
Wissenschaften” - zur Zeit abfasse.
Die
folgenden Bemerkungen haben sondierenden Charakter und es sollen bereits zu
Beginn größere Hoffnungen auf Problemlösungen sowohl in der
Binnendiskussion „Umweltethik” als auch im Großthemenkomplex
„Begründungsstrukturen in der praxisbezogenen Ethik”
gedämpft werden.
Das
vorliegende Papier hat den Sinn, zum einen den Rahmen abzustecken und die
Voraussetzungen zu explizieren, innerhalb dessen bzw. deren Umweltethik
überhaupt sinnvoll betrieben werden kann. Zum anderen verfolgen die
anschließenden Bemerkungen das Ziel, einige Hinweise, die aus der
Diskussion umweltethischer Positionen methodisch und inhaltlich zu gewinnen
sind, in Richtung allgemeiner Fragen praxisbezogener Ethik zu beleuchten.
Zur
Themeneingrenzung: Der Text bezieht sich auf Fragen innerhalb der Umweltethik
und schließt bewußt davon zu unterscheidende Fragen der Tierethik
aus.
[1] Auch
auf den schillernden Gebrauch des Begriffs „Natur” wird hier nicht
eingegengen werden.
Da
in jüngerer Zeit hinsichtlich einer systematisch-vergleichenden
Untersuchung verschiedener Positionen in der Umweltethik - vor allem in den
Arbeiten von A. Krebs
[2]
- umfassend und übersichtlich Autoren und Positionsinhalte dargestellt
wurden, beschränke ich mich in Folge auf wenige Verweise.
I)
Zu terminologischen Wirrnissen in der Umweltethik
Das
meiner Ansicht nach drängendste Problem der Umweltethikdebatte liegt in
der verwirrenden Mehrdeutigkeit einiger zentraler Begriffe und der häufig
vernachlässigten, notwendigerweise
strikten
Trennung zwischen zum einen epistemologischen und ontologischen, zum anderen
moralischen Dimensionen des Mensch-Natur-Verhältnisses und der
Umweltethik. Dieser Trennung sollte sinnvollerweise auch terminologisch
Rechnung getragen werden.
Ich
werde nun - thetisch bleibend - einige Vorschläge machen, wie vielleicht
etwas begriffliche Klarheit in die vorfindbare Terminologie zu bringen
wäre. Daran schließen sich Überlegungen an, welche
strukturellen Vorgaben m. E. unhintergehbar für umweltethisches
Reflektieren sind.
Zunächst
schlage ich vor, eine Voraussetzungsanalyse hinsichtlich notwendiger
Grundbedingungen konsistent-argumentativ betriebenen Moralphilosophierens im
Bereich der Umweltethik zu skizzieren. Von Bedeutung ist hier zunächst die
Frage nach Modus und Qualität des Erkenntnisprozesses bzw. der Struktur
menschlichen Wahrnehmens außermenschlicher Natur. Sodann ist die Frage
nach dem ontologischen Status von moralischen Werten und möglicher
moralischer Werte außermenschlicher Natur zu beleuchten. Hinzu kommt ggf.
die Frage nach möglichen Klassifikationskriterien für moralische
Subjekte und Objekte im Bereich außermenschlicher Natur.
Leider
erfolgt die Diskussion dieser Fragen oftmals begrifflich unpräzise,
sodaß unklar bleibt, in welchem Sinne und bezogen auf welche der
genannten Fragestellungen sich Termini wie „Anthropozentrismus” und
„Physiozentrismus” beziehen.
[3] Ich
schlage folgende (freilich für die weitere Argumentation folgenreiche weil
voraussetzungsvolle) Positionsbestimmung vor:
Erkenntnistheoretisch
können wir nicht hinter die anthropogene Konstitution alles von uns
Erkannten zurück, demnach ist jedes Erkennen - auch das
außermenschlicher Natur - immer schon menschlich verfaßt und auf
den Menschen bezogen. Eine „Natur als solche” bleibt für uns
notwendig unerkennbar.
Zum
ontologischen Status von Werten: „Werte” - was auch immer sie im
einzelnen auszeichnen - sind Produkte des menschlichen Geistes, sie werden
„gemacht” nicht entdeckt. Insofern kann es keine außerhalb
des Menschen liegende Wertdimension geben, die nicht vorab durch den Menschen
konstituiert wurde. Die Feststellung eines Selbstwertes der Natur im
nichtmetaphorischen Sinne - also der „Natur” nicht vorgängig
durch den Menschen verliehen - bliebe daher ein sinnloses Postulat.
Für
beide angesprochenen Problemfelder - also Epistemologie undWertontologie -
erscheinen mir die Begriffe „Anthropo- und Physiozentrik”
unangemessen. Sie sollen daher durch die Bezeichnung
„Anthroporelationalität” (einem Begriffsvorschlag von Dietmar
v.d.Pfordten
[4]
folgend) von Erkenntnis und Werten ersetzt werden. Jede Umweltethik ist also
nach diesem Verständnis notwendig anthroporelational hinsichtlich ihres
Erkenntnisprozesses und ihrer Wertungen.
Was
folgt aus der Voraussetzung, daß die Wertmaßstäbe, auf die im
Rahmen einer moralischen Begründung rekurriert wird, immer und
ausschließlich anthropogener Struktur sind und daß Werthaftigkeit
immer durch einen Be-Werter konstituiert werden muß? Für die Debatte
um den moralischen Status außermenschlicher Natur ergibt sich die
Konsequenz, daß alle auf einen Wert der Natur rekurrierenden Gründe
für oder wider die Berücksichtigung dieser außermenschlichen
Natur Gründe von Menschen vor Menschen sind. Aus „der Natur
selbst” ist keine Werthaftigkeit abzulesen. Mögliche Werte der Natur
müssen ihr vom Menschen zugesprochen werden und dafür sind
Gründe anzuführen.
[5] In
welchem Sinne macht - wenn überhaupt - die Rede von Anthropo- und
Physiozentrik dann noch Sinn?
Wenn
in der erkenntnistheoretischen und wertontologischen Dimension notwendige
Anthroporelationalität postuliert wird, stellt sich die Frage, inwieweit
für die Klassifikation moralischer Subjekte und Objekte in der Umweltethik
sinnvoll von Anthropo- und Physiozentrischen Positionen zu reden ist.
Mein
Vorschlag lautet, daß damit diejenigen, welche (in unhintergehbar
anthroporelationaler Weise moralisch wertsetzend) die außermenschliche
Natur nur instrumentell moralisch bedeutsam finden (Anthropozentriker) von
denen zu unterscheiden sind, die (in unhintergehbar anthropogener Weise
moralisch wertsetzend) für ihr moralisches Wertesystem die
außermenschliche Natur unmittelbar moralisch bedeutsam finden.
(Physiozentriker). Vertreter der letztgenannten Position finden sich allerdings
hauptsächlich unter dem in der Tierethik populären Schlagwort
„Pathozentrismus”.
[6]
Ein
der Anthroporeltionalitätsvoraussetzung folgender Umweltethiker ist in den
meisten Fällen wohl treffender als physiosensibel denn als pysiozentrisch
eingestellt
zu bezeichnen. Man
könnte man zwischen
anthropozentrischen,
anthropozentrisch-physiosensiblen und physiozentrischen Anthroporelationalisten
unterscheiden, was dem sprachästhetischen Niveau der Debatte sicherlich
nur begrenzt dienlich ist.
Für
die weitere Argumentation werde ich nun einen Weg andeuten, wie die
erstgenannte Position (Anthroporelationalität voraussetzende)
„strikte” Anthropozentrik in Richtung einer physiosensiblen
Anthropozentrik erweitert werden könnte.
Dazu wird ein Vergleich dieser strikten Anthropozentrik mit Positionen
vorgenommen, die nicht die Voraussetzung notwendiger
Anthroporelationalität akzeptieren wollen. Darunter fallen insbesondere
jene Umweltethikansätze, die gängigerweise unter Pysiozentrismus
gehandelt werden: Bio- bzw. Ökozentrische und holistische Ansätze. Um
das m. E. angemessenene Verständnis des Begriffs
„Physiozentrik” (anthroporelational-moralisch) von den
epistemologisch-ontologisch-moralisch aufgeladenen Wortverwendungen einiger
Umweltethiker (z. B. Meyer-Abich od. H. Rolston) abzugrenzen, werde ich
letztere Positionen
autoritativ-physiozentrisch
nennen (in Folge a-p-Konzepte bzw. -Ansätze). Im Rahmen all dieser
Positionen wird eine den Menschen angeblich normativ bindende Wertdimension in
der Natur selbst postuliert.
II)
Mensch versus Natur: Ursachen einer verfehlten Lagerbildung in der Umweltethik
A-p-Konzepte
unterscheiden sich - stark schematisch gesprochen - von
anthroporelational-anthropozentrischen Positionen zumeist hinsichtlich der
Argumentations- bzw. Begründungstrategie: Die gängigen
(anthroporelational) anthropozentrisch orientierten Ansätze versuchen den
Schutz von Natur und Umwelt
[7]
mit - mehr oder weniger explizit - instrumentellen Argumenten zu
begründen. Das sind jene umgangssprachlich als „harte”
Argumente verstandene Schutzgründe, bestenfalls mit Verweisen auf
Erkenntis empirischer Wissenschaften unterfüttert, wie zum Beispiel:
Wahrung der biologischen Lebensgrundlagen heutiger und zukünftiger
Generationen
[8],
Befriedigungspotentiale für diverse materielle und ideelle Bedürfnisse
[9],
Pädagogische Argumente
[10]). Natur
findet somit also Berücksichtigung als für das menschliche Leben
notwendiger und zweckmäßiger Nutzwert, als eine Ressource (in einem
oszillierend weiten Begriffsverständnis) für den Menschen.
A-p-Konzepte
dagegen versuchen die Natur selbst als werthaft zu begreifen und dies
aus
der Natur selbst heraus
entsprechend zu begründen. Dabei steht zumeist der Verweis auf eine
intuitive Plausibilität quasi-subjekthaft erlebter Natur im Vordergrund
(wenn auch die Notwendigkeit des aus obigen epistemologischen Gründen
notwendig voranzusetzenden „quasi” leider zuweilen aus dem Blick zu
verschwinden scheint). Der Mensch wird z. B. als
ein
Teil der ihn überformenden Naturordnung gesehen, innerhalb derer er sich
jener Ordnung folgend zu verhalten hat (im Holismus).
[11]
Die
Art der zur Stützung dieses Mensch- und Naturverständnis
vorgebrachten Gründe unterscheidet sich deshalb auch tiefgreifend von der
instrumentalistischen Argumentation innerhalb anthropozentrischer Konzepte: Zum
einen formulieren a-p-Ansätze immer
mehr
als
eine pragmatisch-reduziert normative Gestaltungsvariante des menschlichen
Umgangs mit Natur und bieten großflächigere Sinnkonzepte zum Welt-
und Selbstverständnis an. Dies ist oft unmittelbar gekoppelt an oder
motiviert durch eine mehr oder weniger verkürzte und populäre
Krisenanalyse der Moderne
[12]. Zum
zweiten jedoch, und hier gelange ich zu meiner Kernthese, schaffen es
a-p-Konzepte offensichtlich besser, die im Naturzugang des Menschen relevanten
Phänomene in ihrer kontextuellen Komplexität aufzugreifen und zu
artikulieren.
Hinsichtlich
dieses Punktes scheinen bei den gängigen anthropozentrischen Konzepten
Defizite ausmachbar zu sein, die nicht mit dem allgemeinen Vorwurf mangelnder
moralphilosophischer Präzision an die Vertreter einer a-p-Auffassung
wegzuwischen sind:
Zunächst
folgt ja aus dem Umstand, daß philosophische Standards im
Argumentationsfeld Normengenese in a-p-Konzepten zuweilen nachrangig scheinen
nicht,
daß die dieser aus philosophischer Perspektive zweifelhaften Methodik
vorgängigen Problemeinschätzungen, Phänomenbeschreibungen und
Phänomenrelevanzen verfehlt sein müssen.
Es
sollte die - vor allem unter Natur- und Umweltschützern - verbreitete
spontane Sympathie für a-p-Konzepte vielmehr als Auftrag an eine
methodisch reflektierte anthropozentrische Umweltethik verstanden werden a)
eine dem oben ausgeführten Anthroporelationalitätskriterium gerecht
werdende Reformulierung des intuitiv plausiblen Gehaltes an
autoritativ-physiozentrischer Ansätze zu erarbeiten
[13]
(z. B. in Form von Konzepten wie dem eines „inhärenten Werts”)
und b) in diesem Zusammenhang das eigene Methodenarsenal und
Begründungsverständis fortlaufend an die lebensweltlichen
Phänomenkomplexität der Moralsphäre anzupassen.
Damit
soll nicht behauptet werden, daß der lebensweltlichen Moralsphäre
aus bloßer Beobachtung bindender normativer Gehalt zu entnehmen
wäre; diesen zu bilden bleibt immer ein eigenständiges Tun. Nur ist
es sinnvoll, diesem Tun einen den wahrgenommenen Umständen angemessenen
Referenzbereich zuzuweisen.
Für
den Umweltethik-Kontext präzisiert: Eine angemessene umweltethische
Position wäre aus methodischen Gründen dem
Anthroporelationalitätsanspruch verpflichtet und würde die
moralischen Intuitionen hinsichtlich der Natur „pysiosensibel”
einer aufgeklärten moralischen Anthropozentrik zur Seite stellen.
Fundamentale anthropologische und naturphilosophische, aber auch
eudämonistisch-ethische Überlegungen wären einer
praxisorientierten normativen Ethik ebenbürtig zur Seite zu stellen, um
jene in der reduziert funktionalistisch begründeten Umweltethik
auftretenden Ausgrenzungen intuitiver Komponenten lebensweltlicher
Orientierungen im Mensch-Natur-Verhältnis zu überwinden, die sich aus
einem verkürzten Verständnis moralisch normativer
Problembewältigung ergeben.
[14] III)
Von der Praxis zur Theorie: Bemerkungen zur Methodik praxisorientierter Ethik
Im
vorangehenden Abschnitt sollte am Beispiel der Umweltethik gezeigt worden sein,
daß trotz der zugestandenen Notwendigkeit methodischer Stringenz,
begrifflicher Klarheit, schlüssiger Argumentation und explizierter,
allgemein plausibler Voraussetzungen in der praxisbezogenen Ethik all diese
„handwerklichen” Tugenden nicht zum Selbstzweck werden dürfen.
Eine Vernachlässigung der Auseinandersetzung mit der vieldimensionalen
Phänomenbereich des Moralischen und dem immer wieder neu zu unternehmenden
phänomenologischen und sprachlichen Erkundungsbemühungen (R. Wimmer
spricht hier von einer „Hermeneutik der Lebenssituationen”
[15])
macht es schwer, „der Suggestion zu widerstehen, mit diesen (höchst)
allgemeinen
Formeln lasse sich, gewissermaßen am
praktischen
Ausdruck der Moralität vorbei das Wesen des moralisch Guten auf einer
theoretischen Ebene definieren und erläutern und dann, terminologisch und
deduktiv aufbauend, ”begründend“, die Ethik als eine Art von
Theorie entwickeln”
[16]. Ich
möchte hier nicht gegen die Notwendigkeit einer eigenständigen - die
Möglichkeiten und Grade der Verbindlichkeit von moralischen Normen
ergründenden - normativen Ethik argumentieren.
Es
geht mir nur um den Hinweis, daß alle normativ-ethischen Bemühungen
mit einem mehr oder weniger stark ausgeprägten Geltungsanspruch nur auf
dem Hintergrund einer gelingenden Verschränkung mit den
subtil-vielschichtigen Ausdrucksformen von Moralität in der Lebenswelt
sinnvoll sein können, oder, anders formuliert, daß die Grammatik der
Moralität als einer kulturellen Sinnkonstruktion hinsichtlich jeder auf
sie rekurrierenden normativen Dimension angemessen bestimmt werden muß.
[17] IV)
Resümee
Da
eine kritische Analyse der Struktur der
Anthropozentrik-Physiozentrik-Auseinandersetzung neben kontextspezifischen
Problemen auch auf derartige grundsätzliche Fragen an die Praxis
praxisbezogener Ethik hinweist, erscheinen mir einige Bemerkungen für eine
systematische Auseinandersetzung mit dieser populären Form
moralphilosophischen Nachdenkens nahezuliegen - zum einen hinsichtlich eines
konstruktiven Fortführens umweltethischer Denkbemühungen, zum anderen
bezüglich eines adäquaten Selbstverständnisses praxisbezogener
Ethik. Diese möchte ich nun thesenartig vortragen und zur Diskussion
einladen:
a)
Umweltethik
Im
Bereich der Umweltethik wäre es wünschenswert, die
Lagerbildungstendenzen und die durch sie bedingten Eitelkeiten durch das
Etablieren einer Gesprächskultur zu überwinden, welche die
Stärken der jeweiligen „Gegenseite” anerkennt. Die Diskussion
des Mensch-Natur-Verhältnisses jenseits konkreter
Moralbegründungsversuche sollte einen erheblich größeren
Stellenwert bekommen, als sie in der gegenwärtigen Frontstellung
„entweder Mensch oder Natur” einnehmen kann.
[18]
So wäre etwa die Bestimmung menschlicher Grundbedürfnisse viel weiter
zu fassen, als es eine verkürzt funktionale Sichtweise ermöglicht:
Der Mensch braucht eben nicht nur Luft und Wasser, sondern auch
Befriedigungsmöglichkeiten für ästhetische Bedürfnisse oder
spirituelle Erfahrungen, die, wie es scheint, vor allem auch ein Umgang mit
Natur (im weiten Sinne) ermöglicht. Es könnte über eine
„Naturethik” im Rahmen der Fundamentalethik nachgedacht werden,
diem immer schon das Mensch-Natur-Verhältnis als essentiell für
gelingendes Leben einschließt.
[19]
In diesem Zusammenhang wäre es eine
Aufgabe
umweltethischer Bemühungen, im Kontext argumentativ-philosophischer
Kompetenz angemessene Wege zur Formulierung derartiger Bedürfnisse zu
erschließen
.[20]
Im
Rahmen einer auf die Komplexität menschlichen Weltzugangs hin entworfenen
praxisbezogenen Ethik müssen deshalb Gründe zulässig sein, die
jenseits funktionaler Bedingtheit angesiedelt sind und den menschlichen
Bedürfnishorizont in seiner Gesamtheit in den Blick zu bekommen suchen. In
diesem Sinne wäre also eine anthroporelational-anthropozentrische
Perspektive zu erweitern, zu „physiosensibilisieren”.
[21]
Als beispielhafte Versuche dieser Art wären etwa die Überlegungen von
M. Seel oder Anne Kemper
[22]
zu nennen, die über eine differenzierte Analyse des menschlichen
Selbstverständnisses bzw. der Selbstbestimmung hinsichtlich der Art der
Befindlichkeit in und des Umgangs mit Natur die Basis jeder moralischen
Erwägungen im Bezug auf das Mensch-Natur-Verhältnis angemessen zu
bestimmen versuchen. Ein aussichtreicher Weg wäre auch die Ausarbeitung
eines Konzepts „inhärenter Werte”, wie U. Hampicke es
vorgeschlagen hat.
[23] b)
Methodenverständnis praxisbezogener Ethik
1)
Der Phänomenbereich des Moralischen und seine Verankerung in der
Lebenspraxis ist immer wieder neu und in einem fundamentalen Sinne
anthropologisch zu bestimmen. Im Hinblick auf die Praxisorientierung
moralphilosophischer Überlegungen bedeutet dies, daß ein
kontinuierlicher reflexiver Abgleich lebensweltlicher Orientierungspraxis
in
ihrer Komplexität
mit den formalen Abbildungsversuchen zum einen moralphilosophischer
Phänomenanalyse und zum anderen mit Begründungsversuchen bestimmter
Orientierungsschemata stattfinden muß.
[24]
2)
Die jede fruchtbare kommunikative Auseinandersetzung tragenden Begriffe
„Rationalität” und „Begründung” sind im
Sektor moralischen Sprechens und moralphilosophischen Argumentierens einer
ihrem Gegenstandsbereich angemessenen Bestimmung zu unterziehen, die nicht
deckungsgleich ist mit einem Rationalitätsverständnis und
Begründungsanpruch etwa empirischer Wissenschaften.
[25] 3)
Die Bestimmung „guter Gründe” innerhalb moralphilosophischen
Argumentierens sollte in einer der Komplexität des Gegenstandes
angemessenen Weise erfolgen und Parameter unterschiedlicher Sphären der
Lebenswelt zu integrieren versuchen.
4)
Es sollte im Rahmen jeder praxisorientierten moralphilosophischen
Auseinandersetzung immer wieder Anspruch, Reichweite und Grenze der jeweiligen
Überlegungen reflektiert werden.
Zusammenfassend
wäre das vielleicht so zu formulieren: Eine angemessen verstandene
Methodik praxisorientierter Ethik setzt neben einer
anthropologisch-grundlegenden und einer kontextspezifischen Bestimmung
relevanter Moralphänomene die Auseinandersetzung mit der
qualitativen
Art guter Gründe
(Gründe auch im Hinblick auf die zu erfüllenden Bedürfnisse
eines gelingenden Lebens) zum einen und mit den methodischen Voraussetzungen
und Möglichkeiten einer
gelungenen Begründung für moralische Normen
im Kontext einer auf die
moralische
Lebenspraxis
orientierten ethischen Reflexion voraus.
V.
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Frankfurt: Suhrkamp, 215-245.
Bedanken möchte ich mich bei den Freunden und Kollegen des Tübinger
Zentrums für Ethik in den Wissenschaften, insbesondere bei Marcus
Düwell und Thomas Potthast für ihre konstruktive Kritik, die mir
immer wieder Präzisonsdefizite und dunkle Bereiche meiner Argumentationen
deutlich machte und macht.
[1]
Zwar wäre es wünschenswert, hinsichtlich der notwendigen und leider
fast gänzlich ausstehenden Integration dieser beiden Binnenbereiche
naturethischen Reflektierens einige Vermittlungsarbeit zu leisten, doch ist das
nicht Intention dieses Papiers. Umweltethik bezieht sich in der hier in
Anschlag gebrachten Begriffsverwendung auf den Umgang des Menschen mit
außermenschlicher Natur, voraussetzend, daß es eine - zweifellos
kontextspezifisch adäquat zu vermessende- Zäsur zwischen Mensch und
außermenschlicher Natur gibt. Diese Bestimmung wird im Hinblick auf
leidensfähige Tiere anders vorzunehemen sein als im Hinblick auf Pflanzen
oder Bakterien. Deshalb kommte der Tierethik m. E. berechtigterweise
theamtische Eigenständigkeit zu. Eine kategoriale Zäsur zwischen
Mensch und außermenschlicher Natur - ob Tier oder Pflanze - erscheint mir
jedoch aus erkenntnistheoretischen und kategorialen Gründen unhintergehbar
zu sein. Das präjudiziert freilich nur sehr bedingt notwendige moralischen
Konsequenzen. (Vgl dazu ggf. meine Überlegungen zur Tierethik: Moral
für Mensch und Tier - Tierethik im Kontext, Magisterarbeit an der Univ.
Innsbruck 1996.)
[2]
Krebs, Angelika: "Naturethik im Überblick", S. 337-379 in: Dies. (Hrsg.):
Naturethik, Frankfurt 1997.
[3]
Vgl. dazu: Krebs, Angelika: "Naturethik im Überblick", a.a.O., S. 342-347.
[4]
v. d. Pfordten, Dietmar: Ökologische Ethik, Reinbek 1996, S. 21.
[5]
Vgl. dazu: Groh, Ruth u. Groh, Dieter: "Natur als Maßstab - Eine
Kopfgeburt", in: Dies.: Die Außenwelt der Innenwelt, Frankfurt 1996,
insbesondere S. 87-91.
[6]
Eine anthroporelationaler Physiozentrismus fordert direkte moralische Pflichten
gegenüber den jeweiligen außermenschlichen Entitäten. Das ist
m. E. in der Tierethik durchaus plausibel argumentativ zu lösen. In der
Umweltethik hingegen glaube ich, daß direkte moralische Pflichten auf der
Basis eines anthroporelationalen Physiozentrimus nicht formuliert werden
können. Positionen, die solche direkten moralischen Pflichten unter der
Bezeichnung „Physiozentrimus”fordern, sind üblicherweise
Vetrterter des autoritativen Pysiozentrismus (s. u.).
[7]
Kaum einer der dem anthropozentrischen Lager zuzuordnenden Diskutanden
bezweifelt die Schutznotwendigkeit außermenschlicher Natur generell; es
dreht sich in der Regel lediglich um die Begründung und die Reichweite des
Schutzvollzugs.
[8]
Vgl. dazu z. B.: Birnbacher, Dieter: Verantwortung für zukünftige
Generationen, Stuttgart 1988, S. 221-226.
[9]
Vgl. dazu z. B.: Passmore, John: "Den Unrat beseitigen", in: Birnbacher, Dieter
(Hrsg.): Ökologie und Ethik, Stuttgart 1986, S. 229f..
[10]Die
klassische Version einer pädagogischen Naturschutzbegründung findet
sich bei Kant: "In Ansehung des Schönen obgleich Leblosen in der Natur ist
ein Hang zum bloßen Zerstören (spiritus destructionis) der Pflicht
des Menschen gegen sich selbst zuwider; weil es dasjenige Gefühl im
Menschen schwächt oder vertilgt, was zwar nicht für sich allein schon
moralisch ist, aber doch diejenige Stimmung der Sinnlichkeit, welche die
Moralität sehr befördert, wenigstens dazu vorbereitet, nämlich
etwas auch ohne Absicht auf Nutzen zu lieben.", aus: Kant, Immanuel: Metaphysik
der Sitten, Tugendlehre, § 17, Frankfurt 1989 (Suhrkamp Werkausgabe Bd.
8), S. 578.
[11]
Vgl. dazu z. B.: Leopold, Aldo: "Land-Ethik", in: Ders.: Am Anfang war die
Erde, München 1992 (Orig.: 1949), besonders prägnant S. 151 u. S.
172f.; sowie: Meyer-Abich, Klaus Michael: Aufstand für die Natur,
München/Wien 1990, S. 83-118, besonders S. 88f.
[12]
M. E. ist die Popularität von a-p-Konzepten auch gebunden an ihre
übliche, das allgemeine Unbehagen im menschlichen Selbstvertändnis
aufgreifende, pessimistische Phänomenologie der Moderne in Form
drastischer Krisenszenarien. Inwieweit aus moralphilosophischer Sicht deshalb
grundsätzlich eine Überfrachtung des Möglichkeitsrahmens
umweltethischen Reflektierens vorliegt, wäre sicherlich zu klären.
[13]
Dieser Gedanke ist natürlich keineswegs neu, gleichwohl scheint mir die
Ausführung dessen, was in ihm gefordert wird noch nicht besonders weit
fortgeschritten zu sein.
[14]
Damit ist ein Ethikverständnis gemeint, daß sich stark an der
Schematisierbarkeit der Phänomene unserer moralischen Lebenswelt und der
Universalisierbarkeit normativer Sätze orientiert.
[15]
R. Wimmer: "Anthropologie und Ethik", in: Demmerling, Christoph; Gabriel,
Gottfried u. Rentsch, Thomas (Hrsg.): Vernunft und Lebenspraxis, Frankfurt
1995, S. 237.
[16]
Kambartel, Friedrich: "Begründungen und Lebensformen", in: Ders.:
Philosophie der humanen Welt, Frankfurt 1989, S. 55.
[17]
Ich bin mir bewußt, daß diese Forderung eine immer nur
vorläufige Gültigkeit moralisch-normativer Forderungen zur Folge hat,
zumindest im Hinblick auf jede materiale Bestimmung des moralisch Guten.
[18]
Obwohl in neuerer (anthropozentrischer) Umweltethik-Literatur diese
Einschätzung weitgehend geteilt wird, steht hier noch einige Aufarbeitung
an.
[19]
Zur Bedeutung ästhetischer Argumente in der Umweltethik vgl.: Seel,
Martin: "Ästhetische Argumente in der Ethik der Natur", Deutsche
Zeitschrift für Philosophie 39/1991: 901-913; Ders.: Eine Ästhetik
der Natur, Frankfurt 1996, bes. Kap. VI; sowie: Kemper, Anne: "Ästhetische
Naturerfahrung - Anthropologische Überlegungen im Rahmen einer
Naturschutzethik", in: Wils, Jean-Pierre (Hrsg.): Anthropologie und Ethik,
Tübingen/Basel 1997, S. 110-147.
[20]
Vgl. hierzu die unter "The argument from the meaning of life and the true joy
of living" angeführten Autoren in: Krebs, Angelika: Ethics of nature,
Frankfurt 1997 (Manuskript), S. 90-97, wie Meister Eckehart und Dschuang Dsi;
sowie: Kamlah, Wilhelm: Philosophische Anthropologie, Mannheim 1973, S. 145-182.
[21]
Bezüglich umweltethischer Begründungsprogramme wird dies auch - z. B.
von Martin Seel und F. Kambartel versucht. Vgl.: Krebs, Angelika: "Naturethik
im Überblick", a.a.O., S. 369-374 u. 376-379.
[22]
Literaturangabe a.a.O..
[23]
Hampicke, U.: „Naturschutz und Ethik - Rückblick auf eine
2ojährige Diskussion, 1973-1993, und politische Folgerungen”,
Zeitschrift für Ökologie und Naturschutz 2 /1993: 73-86; S. 79f.
[24]
Entwürfe, an denen ich mich diesbezüglich orientiere bieten: Wimmer,
Reiner: "Anthropologie und Ethik. Erkundungen in einem unübersichtlichen
Gelände", a.a.O; und: Rehbock, Theda: "Warum und wozu Anthropologie in der
Ethik?" in: Wils, Jean-Pierre (Hrsg.): Anthropologie und Ethik,
Tübingen/Basel 1997, S. 64-109.
[25]
Vgl. dazu: Kambartel, Friedrich: Begründungen und Lebensformen, a.a.O..
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