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Methodische und begriffliche Probleme in der Umweltethik mit einem Seitenblick auf Methodenarsenal und Begründungsstruktur gängiger Konzepte praxisbezogener Ethik

Jens Badura

 

Vorbemerkung
Meine Überlegungen entstanden im Rahmen der Arbeit an der Dissertation „Ethik, Moral und Lebenspraxis”, die ich - unterstützt durch das Tübinger Ethikzentrum und das Graduiertenkolleg „Ethik in den Wissenschaften” - zur Zeit abfasse.
Die folgenden Bemerkungen haben sondierenden Charakter und es sollen bereits zu Beginn größere Hoffnungen auf Problemlösungen sowohl in der Binnendiskussion „Umweltethik” als auch im Großthemenkomplex „Begründungsstrukturen in der praxisbezogenen Ethik” gedämpft werden.
Das vorliegende Papier hat den Sinn, zum einen den Rahmen abzustecken und die Voraussetzungen zu explizieren, innerhalb dessen bzw. deren Umweltethik überhaupt sinnvoll betrieben werden kann. Zum anderen verfolgen die anschließenden Bemerkungen das Ziel, einige Hinweise, die aus der Diskussion umweltethischer Positionen methodisch und inhaltlich zu gewinnen sind, in Richtung allgemeiner Fragen praxisbezogener Ethik zu beleuchten.
Zur Themeneingrenzung: Der Text bezieht sich auf Fragen innerhalb der Umweltethik und schließt bewußt davon zu unterscheidende Fragen der Tierethik aus. [1]
Auch auf den schillernden Gebrauch des Begriffs „Natur” wird hier nicht eingegengen werden.
Da in jüngerer Zeit hinsichtlich einer systematisch-vergleichenden Untersuchung verschiedener Positionen in der Umweltethik - vor allem in den Arbeiten von A. Krebs [2] - umfassend und übersichtlich Autoren und Positionsinhalte dargestellt wurden, beschränke ich mich in Folge auf wenige Verweise.

I) Zu terminologischen Wirrnissen in der Umweltethik
Das meiner Ansicht nach drängendste Problem der Umweltethikdebatte liegt in der verwirrenden Mehrdeutigkeit einiger zentraler Begriffe und der häufig vernachlässigten, notwendigerweise strikten Trennung zwischen zum einen epistemologischen und ontologischen, zum anderen moralischen Dimensionen des Mensch-Natur-Verhältnisses und der Umweltethik. Dieser Trennung sollte sinnvollerweise auch terminologisch Rechnung getragen werden.
Ich werde nun - thetisch bleibend - einige Vorschläge machen, wie vielleicht etwas begriffliche Klarheit in die vorfindbare Terminologie zu bringen wäre. Daran schließen sich Überlegungen an, welche strukturellen Vorgaben m. E. unhintergehbar für umweltethisches Reflektieren sind.
Zunächst schlage ich vor, eine Voraussetzungsanalyse hinsichtlich notwendiger Grundbedingungen konsistent-argumentativ betriebenen Moralphilosophierens im Bereich der Umweltethik zu skizzieren. Von Bedeutung ist hier zunächst die Frage nach Modus und Qualität des Erkenntnisprozesses bzw. der Struktur menschlichen Wahrnehmens außermenschlicher Natur. Sodann ist die Frage nach dem ontologischen Status von moralischen Werten und möglicher moralischer Werte außermenschlicher Natur zu beleuchten. Hinzu kommt ggf. die Frage nach möglichen Klassifikationskriterien für moralische Subjekte und Objekte im Bereich außermenschlicher Natur.
Leider erfolgt die Diskussion dieser Fragen oftmals begrifflich unpräzise, sodaß unklar bleibt, in welchem Sinne und bezogen auf welche der genannten Fragestellungen sich Termini wie „Anthropozentrismus” und „Physiozentrismus” beziehen. [3]
Ich schlage folgende (freilich für die weitere Argumentation folgenreiche weil voraussetzungsvolle) Positionsbestimmung vor: Erkenntnistheoretisch können wir nicht hinter die anthropogene Konstitution alles von uns Erkannten zurück, demnach ist jedes Erkennen - auch das außermenschlicher Natur - immer schon menschlich verfaßt und auf den Menschen bezogen. Eine „Natur als solche” bleibt für uns notwendig unerkennbar.
Zum ontologischen Status von Werten: „Werte” - was auch immer sie im einzelnen auszeichnen - sind Produkte des menschlichen Geistes, sie werden „gemacht” nicht entdeckt. Insofern kann es keine außerhalb des Menschen liegende Wertdimension geben, die nicht vorab durch den Menschen konstituiert wurde. Die Feststellung eines Selbstwertes der Natur im nichtmetaphorischen Sinne - also der „Natur” nicht vorgängig durch den Menschen verliehen - bliebe daher ein sinnloses Postulat.
Für beide angesprochenen Problemfelder - also Epistemologie undWertontologie - erscheinen mir die Begriffe „Anthropo- und Physiozentrik” unangemessen. Sie sollen daher durch die Bezeichnung „Anthroporelationalität” (einem Begriffsvorschlag von Dietmar v.d.Pfordten [4] folgend) von Erkenntnis und Werten ersetzt werden. Jede Umweltethik ist also nach diesem Verständnis notwendig anthroporelational hinsichtlich ihres Erkenntnisprozesses und ihrer Wertungen.
Was folgt aus der Voraussetzung, daß die Wertmaßstäbe, auf die im Rahmen einer moralischen Begründung rekurriert wird, immer und ausschließlich anthropogener Struktur sind und daß Werthaftigkeit immer durch einen Be-Werter konstituiert werden muß? Für die Debatte um den moralischen Status außermenschlicher Natur ergibt sich die Konsequenz, daß alle auf einen Wert der Natur rekurrierenden Gründe für oder wider die Berücksichtigung dieser außermenschlichen Natur Gründe von Menschen vor Menschen sind. Aus „der Natur selbst” ist keine Werthaftigkeit abzulesen. Mögliche Werte der Natur müssen ihr vom Menschen zugesprochen werden und dafür sind Gründe anzuführen. [5]
In welchem Sinne macht - wenn überhaupt - die Rede von Anthropo- und Physiozentrik dann noch Sinn?
Wenn in der erkenntnistheoretischen und wertontologischen Dimension notwendige Anthroporelationalität postuliert wird, stellt sich die Frage, inwieweit für die Klassifikation moralischer Subjekte und Objekte in der Umweltethik sinnvoll von Anthropo- und Physiozentrischen Positionen zu reden ist.
Mein Vorschlag lautet, daß damit diejenigen, welche (in unhintergehbar anthroporelationaler Weise moralisch wertsetzend) die außermenschliche Natur nur instrumentell moralisch bedeutsam finden (Anthropozentriker) von denen zu unterscheiden sind, die (in unhintergehbar anthropogener Weise moralisch wertsetzend) für ihr moralisches Wertesystem die außermenschliche Natur unmittelbar moralisch bedeutsam finden. (Physiozentriker). Vertreter der letztgenannten Position finden sich allerdings hauptsächlich unter dem in der Tierethik populären Schlagwort „Pathozentrismus”. [6]
Ein der Anthroporeltionalitätsvoraussetzung folgender Umweltethiker ist in den meisten Fällen wohl treffender als physiosensibel denn als pysiozentrisch eingestellt
zu bezeichnen.
Man könnte man zwischen anthropozentrischen, anthropozentrisch-physiosensiblen und physiozentrischen Anthroporelationalisten unterscheiden, was dem sprachästhetischen Niveau der Debatte sicherlich nur begrenzt dienlich ist.
Für die weitere Argumentation werde ich nun einen Weg andeuten, wie die erstgenannte Position (Anthroporelationalität voraussetzende) „strikte” Anthropozentrik in Richtung einer physiosensiblen Anthropozentrik erweitert werden könnte.
Dazu wird ein Vergleich dieser strikten Anthropozentrik mit Positionen vorgenommen, die nicht die Voraussetzung notwendiger Anthroporelationalität akzeptieren wollen. Darunter fallen insbesondere jene Umweltethikansätze, die gängigerweise unter Pysiozentrismus gehandelt werden: Bio- bzw. Ökozentrische und holistische Ansätze. Um das m. E. angemessenene Verständnis des Begriffs „Physiozentrik” (anthroporelational-moralisch) von den epistemologisch-ontologisch-moralisch aufgeladenen Wortverwendungen einiger Umweltethiker (z. B. Meyer-Abich od. H. Rolston) abzugrenzen, werde ich letztere Positionen autoritativ-physiozentrisch nennen (in Folge a-p-Konzepte bzw. -Ansätze). Im Rahmen all dieser Positionen wird eine den Menschen angeblich normativ bindende Wertdimension in der Natur selbst postuliert.

II) Mensch versus Natur: Ursachen einer verfehlten Lagerbildung in der Umweltethik
A-p-Konzepte unterscheiden sich - stark schematisch gesprochen - von anthroporelational-anthropozentrischen Positionen zumeist hinsichtlich der Argumentations- bzw. Begründungstrategie: Die gängigen (anthroporelational) anthropozentrisch orientierten Ansätze versuchen den Schutz von Natur und Umwelt [7] mit - mehr oder weniger explizit - instrumentellen Argumenten zu begründen. Das sind jene umgangssprachlich als „harte” Argumente verstandene Schutzgründe, bestenfalls mit Verweisen auf Erkenntis empirischer Wissenschaften unterfüttert, wie zum Beispiel: Wahrung der biologischen Lebensgrundlagen heutiger und zukünftiger Generationen [8], Befriedigungspotentiale für diverse materielle und ideelle Bedürfnisse [9], Pädagogische Argumente [10]).
Natur findet somit also Berücksichtigung als für das menschliche Leben notwendiger und zweckmäßiger Nutzwert, als eine Ressource (in einem oszillierend weiten Begriffsverständnis) für den Menschen.
A-p-Konzepte dagegen versuchen die Natur selbst als werthaft zu begreifen und dies aus der Natur selbst heraus entsprechend zu begründen. Dabei steht zumeist der Verweis auf eine intuitive Plausibilität quasi-subjekthaft erlebter Natur im Vordergrund (wenn auch die Notwendigkeit des aus obigen epistemologischen Gründen notwendig voranzusetzenden „quasi” leider zuweilen aus dem Blick zu verschwinden scheint). Der Mensch wird z. B. als ein Teil der ihn überformenden Naturordnung gesehen, innerhalb derer er sich jener Ordnung folgend zu verhalten hat (im Holismus). [11]
Die Art der zur Stützung dieses Mensch- und Naturverständnis vorgebrachten Gründe unterscheidet sich deshalb auch tiefgreifend von der instrumentalistischen Argumentation innerhalb anthropozentrischer Konzepte: Zum einen formulieren a-p-Ansätze immer mehr als eine pragmatisch-reduziert normative Gestaltungsvariante des menschlichen Umgangs mit Natur und bieten großflächigere Sinnkonzepte zum Welt- und Selbstverständnis an. Dies ist oft unmittelbar gekoppelt an oder motiviert durch eine mehr oder weniger verkürzte und populäre Krisenanalyse der Moderne [12].
Zum zweiten jedoch, und hier gelange ich zu meiner Kernthese, schaffen es a-p-Konzepte offensichtlich besser, die im Naturzugang des Menschen relevanten Phänomene in ihrer kontextuellen Komplexität aufzugreifen und zu artikulieren.
Hinsichtlich dieses Punktes scheinen bei den gängigen anthropozentrischen Konzepten Defizite ausmachbar zu sein, die nicht mit dem allgemeinen Vorwurf mangelnder moralphilosophischer Präzision an die Vertreter einer a-p-Auffassung wegzuwischen sind:
Zunächst folgt ja aus dem Umstand, daß philosophische Standards im Argumentationsfeld Normengenese in a-p-Konzepten zuweilen nachrangig scheinen nicht, daß die dieser aus philosophischer Perspektive zweifelhaften Methodik vorgängigen Problemeinschätzungen, Phänomenbeschreibungen und Phänomenrelevanzen verfehlt sein müssen. Es sollte die - vor allem unter Natur- und Umweltschützern - verbreitete spontane Sympathie für a-p-Konzepte vielmehr als Auftrag an eine methodisch reflektierte anthropozentrische Umweltethik verstanden werden a) eine dem oben ausgeführten Anthroporelationalitätskriterium gerecht werdende Reformulierung des intuitiv plausiblen Gehaltes an autoritativ-physiozentrischer Ansätze zu erarbeiten [13] (z. B. in Form von Konzepten wie dem eines „inhärenten Werts”) und b) in diesem Zusammenhang das eigene Methodenarsenal und Begründungsverständis fortlaufend an die lebensweltlichen Phänomenkomplexität der Moralsphäre anzupassen.
Damit soll nicht behauptet werden, daß der lebensweltlichen Moralsphäre aus bloßer Beobachtung bindender normativer Gehalt zu entnehmen wäre; diesen zu bilden bleibt immer ein eigenständiges Tun. Nur ist es sinnvoll, diesem Tun einen den wahrgenommenen Umständen angemessenen Referenzbereich zuzuweisen.
Für den Umweltethik-Kontext präzisiert: Eine angemessene umweltethische Position wäre aus methodischen Gründen dem Anthroporelationalitätsanspruch verpflichtet und würde die moralischen Intuitionen hinsichtlich der Natur „pysiosensibel” einer aufgeklärten moralischen Anthropozentrik zur Seite stellen. Fundamentale anthropologische und naturphilosophische, aber auch eudämonistisch-ethische Überlegungen wären einer praxisorientierten normativen Ethik ebenbürtig zur Seite zu stellen, um jene in der reduziert funktionalistisch begründeten Umweltethik auftretenden Ausgrenzungen intuitiver Komponenten lebensweltlicher Orientierungen im Mensch-Natur-Verhältnis zu überwinden, die sich aus einem verkürzten Verständnis moralisch normativer Problembewältigung ergeben. [14]

III) Von der Praxis zur Theorie: Bemerkungen zur Methodik praxisorientierter Ethik
Im vorangehenden Abschnitt sollte am Beispiel der Umweltethik gezeigt worden sein, daß trotz der zugestandenen Notwendigkeit methodischer Stringenz, begrifflicher Klarheit, schlüssiger Argumentation und explizierter, allgemein plausibler Voraussetzungen in der praxisbezogenen Ethik all diese „handwerklichen” Tugenden nicht zum Selbstzweck werden dürfen. Eine Vernachlässigung der Auseinandersetzung mit der vieldimensionalen Phänomenbereich des Moralischen und dem immer wieder neu zu unternehmenden phänomenologischen und sprachlichen Erkundungsbemühungen (R. Wimmer spricht hier von einer „Hermeneutik der Lebenssituationen” [15]) macht es schwer, „der Suggestion zu widerstehen, mit diesen (höchst) allgemeinen Formeln lasse sich, gewissermaßen am praktischen Ausdruck der Moralität vorbei das Wesen des moralisch Guten auf einer theoretischen Ebene definieren und erläutern und dann, terminologisch und deduktiv aufbauend, ”begründend“, die Ethik als eine Art von Theorie entwickeln” [16].
Ich möchte hier nicht gegen die Notwendigkeit einer eigenständigen - die Möglichkeiten und Grade der Verbindlichkeit von moralischen Normen ergründenden - normativen Ethik argumentieren. Es geht mir nur um den Hinweis, daß alle normativ-ethischen Bemühungen mit einem mehr oder weniger stark ausgeprägten Geltungsanspruch nur auf dem Hintergrund einer gelingenden Verschränkung mit den subtil-vielschichtigen Ausdrucksformen von Moralität in der Lebenswelt sinnvoll sein können, oder, anders formuliert, daß die Grammatik der Moralität als einer kulturellen Sinnkonstruktion hinsichtlich jeder auf sie rekurrierenden normativen Dimension angemessen bestimmt werden muß. [17]


IV) Resümee
Da eine kritische Analyse der Struktur der Anthropozentrik-Physiozentrik-Auseinandersetzung neben kontextspezifischen Problemen auch auf derartige grundsätzliche Fragen an die Praxis praxisbezogener Ethik hinweist, erscheinen mir einige Bemerkungen für eine systematische Auseinandersetzung mit dieser populären Form moralphilosophischen Nachdenkens nahezuliegen - zum einen hinsichtlich eines konstruktiven Fortführens umweltethischer Denkbemühungen, zum anderen bezüglich eines adäquaten Selbstverständnisses praxisbezogener Ethik. Diese möchte ich nun thesenartig vortragen und zur Diskussion einladen:

a) Umweltethik
Im Bereich der Umweltethik wäre es wünschenswert, die Lagerbildungstendenzen und die durch sie bedingten Eitelkeiten durch das Etablieren einer Gesprächskultur zu überwinden, welche die Stärken der jeweiligen „Gegenseite” anerkennt. Die Diskussion des Mensch-Natur-Verhältnisses jenseits konkreter Moralbegründungsversuche sollte einen erheblich größeren Stellenwert bekommen, als sie in der gegenwärtigen Frontstellung „entweder Mensch oder Natur” einnehmen kann. [18] So wäre etwa die Bestimmung menschlicher Grundbedürfnisse viel weiter zu fassen, als es eine verkürzt funktionale Sichtweise ermöglicht: Der Mensch braucht eben nicht nur Luft und Wasser, sondern auch Befriedigungsmöglichkeiten für ästhetische Bedürfnisse oder spirituelle Erfahrungen, die, wie es scheint, vor allem auch ein Umgang mit Natur (im weiten Sinne) ermöglicht. Es könnte über eine „Naturethik” im Rahmen der Fundamentalethik nachgedacht werden, diem immer schon das Mensch-Natur-Verhältnis als essentiell für gelingendes Leben einschließt. [19] In diesem Zusammenhang wäre es eine Aufgabe umweltethischer Bemühungen, im Kontext argumentativ-philosophischer Kompetenz angemessene Wege zur Formulierung derartiger Bedürfnisse zu erschließen .[20]
Im Rahmen einer auf die Komplexität menschlichen Weltzugangs hin entworfenen praxisbezogenen Ethik müssen deshalb Gründe zulässig sein, die jenseits funktionaler Bedingtheit angesiedelt sind und den menschlichen Bedürfnishorizont in seiner Gesamtheit in den Blick zu bekommen suchen. In diesem Sinne wäre also eine anthroporelational-anthropozentrische Perspektive zu erweitern, zu „physiosensibilisieren”. [21] Als beispielhafte Versuche dieser Art wären etwa die Überlegungen von M. Seel oder Anne Kemper [22] zu nennen, die über eine differenzierte Analyse des menschlichen Selbstverständnisses bzw. der Selbstbestimmung hinsichtlich der Art der Befindlichkeit in und des Umgangs mit Natur die Basis jeder moralischen Erwägungen im Bezug auf das Mensch-Natur-Verhältnis angemessen zu bestimmen versuchen. Ein aussichtreicher Weg wäre auch die Ausarbeitung eines Konzepts „inhärenter Werte”, wie U. Hampicke es vorgeschlagen hat. [23]

b) Methodenverständnis praxisbezogener Ethik
1) Der Phänomenbereich des Moralischen und seine Verankerung in der Lebenspraxis ist immer wieder neu und in einem fundamentalen Sinne anthropologisch zu bestimmen. Im Hinblick auf die Praxisorientierung moralphilosophischer Überlegungen bedeutet dies, daß ein kontinuierlicher reflexiver Abgleich lebensweltlicher Orientierungspraxis in ihrer Komplexität mit den formalen Abbildungsversuchen zum einen moralphilosophischer Phänomenanalyse und zum anderen mit Begründungsversuchen bestimmter Orientierungsschemata stattfinden muß. [24]
2) Die jede fruchtbare kommunikative Auseinandersetzung tragenden Begriffe „Rationalität” und „Begründung” sind im Sektor moralischen Sprechens und moralphilosophischen Argumentierens einer ihrem Gegenstandsbereich angemessenen Bestimmung zu unterziehen, die nicht deckungsgleich ist mit einem Rationalitätsverständnis und Begründungsanpruch etwa empirischer Wissenschaften. [25]
3) Die Bestimmung „guter Gründe” innerhalb moralphilosophischen Argumentierens sollte in einer der Komplexität des Gegenstandes angemessenen Weise erfolgen und Parameter unterschiedlicher Sphären der Lebenswelt zu integrieren versuchen.
4) Es sollte im Rahmen jeder praxisorientierten moralphilosophischen Auseinandersetzung immer wieder Anspruch, Reichweite und Grenze der jeweiligen Überlegungen reflektiert werden.
Zusammenfassend wäre das vielleicht so zu formulieren: Eine angemessen verstandene Methodik praxisorientierter Ethik setzt neben einer anthropologisch-grundlegenden und einer kontextspezifischen Bestimmung relevanter Moralphänomene die Auseinandersetzung mit der qualitativen Art guter Gründe (Gründe auch im Hinblick auf die zu erfüllenden Bedürfnisse eines gelingenden Lebens) zum einen und mit den methodischen Voraussetzungen und Möglichkeiten einer gelungenen Begründung für moralische Normen im Kontext einer auf die moralische Lebenspraxis orientierten ethischen Reflexion voraus.
V. Literatur
-Badura, J. (1996), Moral für Mensch und Tier. Magisterarbeit Universität Innsbruck.
-Birnbacher, D. (1988), Verantwortung für zukünftige Generationen. Stuttgart: Reclam.
-Birnbacher, D. (Hrsg.) (1986), Ökologie und Ethik. Stuttgart: Reclam.
-Groh, R. u. Groh, D. (1996) „Natur als Maßstab - Eine Kopfgeburt”, in Dies., Die Außenwelt der Innenwelt. Frankfurt: Suhrkamp, 83-146.
-Hampicke, U. (1993), „Naturschutz und Ethik - Rückblick auf eine 20jährige Diskussion, 1973-1993, und ihre politischen Folgerungen”, Zeitschrift für Ökologie und Naturschutz 2: 73-86.
-Kambartel, F. (1989), „Begründungen und Lebensformen”, in Ders., Philosophie der humanen Welt. Frankfurt: Suhrkamp.
-Kant, I. (1989), Metaphysik der Sitten. Frankfurt: Suhrkamp (WA Bd. 8).
-Kemper, A. (1997), „Ästhetische Naturerfahrung - Anthropologische Überlegungen im Rahmen einer Naturschutzethik”, in J.-P. Wils (Hrsg.), Anthropologie und Ethik. Tübingen/Basel: Franke, 110-147.
-Krebs, A. (1993), Ethics of nature. Dissertation Universität Frankfurt.
-Krebs, A. (Hrsg.) (1997a), Naturethik. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
-Krebs, A . (1997b), „Naturethik im Überblick”, in Dies. (Hrsg.), Naturethik. Frankfurt: Suhrkamp, 337-379.
-Leopold, A. (1992), „Land-Ethik”, in Ders., Am Anfang war die Erde. München: Knesebeck, 149-175.
-Meyer-Abich, K. M. (1990), Aufstand für die Natur. München/Wien: Hanser.
-Passmore, J. (1986), „Den Unrat beseitigen”, in D. Birnbacher (Hrsg.), Ökologie und Ethik. Stuttgart: Reclam, 207-246.
-Rehbock, T. (1997), „Warum und wozu Anthropologie in der Ethik?”, in J.-P. Wils (Hrsg.), - Anthropologie und Ethik. Tübingen/Basel: Franke, 64-109.
-Rolston, H. (1997) „Werte in der Natur und die Natur der Werte”, in A. Krebs (Hrsg.), Naturethik. Frankfurt: Suhrkamp, 247-270.
-Schweitzer, A. (1990) Kultur und Ethik. München: Beck.
-Seel, M. (1991), „Ästhetische Argumente in der Ethik der Natur”, Deutsche Zeitschrift f. Philosophie 39: 901-913.
-Seel, M. (1996), Eine Ästhetik der Natur. Frankfurt: Suhrkamp.
-v. d. Pfordten, D. (1996), Ökologische Ethik. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt.
-Wimmer, R. (1995), „Anthropologie und Ethik. Erkundungen in einem unübersichtlichen Gelände”, in C. Demmerling, G. Gabriel u. T. Rentsch (Hrsg.), Vernunft und Lebenspraxis. Frankfurt: Suhrkamp, 215-245.






Bedanken möchte ich mich bei den Freunden und Kollegen des Tübinger Zentrums für Ethik in den Wissenschaften, insbesondere bei Marcus Düwell und Thomas Potthast für ihre konstruktive Kritik, die mir immer wieder Präzisonsdefizite und dunkle Bereiche meiner Argumentationen deutlich machte und macht.
[1] Zwar wäre es wünschenswert, hinsichtlich der notwendigen und leider fast gänzlich ausstehenden Integration dieser beiden Binnenbereiche naturethischen Reflektierens einige Vermittlungsarbeit zu leisten, doch ist das nicht Intention dieses Papiers. Umweltethik bezieht sich in der hier in Anschlag gebrachten Begriffsverwendung auf den Umgang des Menschen mit außermenschlicher Natur, voraussetzend, daß es eine - zweifellos kontextspezifisch adäquat zu vermessende- Zäsur zwischen Mensch und außermenschlicher Natur gibt. Diese Bestimmung wird im Hinblick auf leidensfähige Tiere anders vorzunehemen sein als im Hinblick auf Pflanzen oder Bakterien. Deshalb kommte der Tierethik m. E. berechtigterweise theamtische Eigenständigkeit zu. Eine kategoriale Zäsur zwischen Mensch und außermenschlicher Natur - ob Tier oder Pflanze - erscheint mir jedoch aus erkenntnistheoretischen und kategorialen Gründen unhintergehbar zu sein. Das präjudiziert freilich nur sehr bedingt notwendige moralischen Konsequenzen. (Vgl dazu ggf. meine Überlegungen zur Tierethik: Moral für Mensch und Tier - Tierethik im Kontext, Magisterarbeit an der Univ. Innsbruck 1996.)
[2] Krebs, Angelika: "Naturethik im Überblick", S. 337-379 in: Dies. (Hrsg.): Naturethik, Frankfurt 1997.
[3] Vgl. dazu: Krebs, Angelika: "Naturethik im Überblick", a.a.O., S. 342-347.
[4] v. d. Pfordten, Dietmar: Ökologische Ethik, Reinbek 1996, S. 21.
[5] Vgl. dazu: Groh, Ruth u. Groh, Dieter: "Natur als Maßstab - Eine Kopfgeburt", in: Dies.: Die Außenwelt der Innenwelt, Frankfurt 1996, insbesondere S. 87-91.
[6] Eine anthroporelationaler Physiozentrismus fordert direkte moralische Pflichten gegenüber den jeweiligen außermenschlichen Entitäten. Das ist m. E. in der Tierethik durchaus plausibel argumentativ zu lösen. In der Umweltethik hingegen glaube ich, daß direkte moralische Pflichten auf der Basis eines anthroporelationalen Physiozentrimus nicht formuliert werden können. Positionen, die solche direkten moralischen Pflichten unter der Bezeichnung „Physiozentrimus”fordern, sind üblicherweise Vetrterter des autoritativen Pysiozentrismus (s. u.).
[7] Kaum einer der dem anthropozentrischen Lager zuzuordnenden Diskutanden bezweifelt die Schutznotwendigkeit außermenschlicher Natur generell; es dreht sich in der Regel lediglich um die Begründung und die Reichweite des Schutzvollzugs.
[8] Vgl. dazu z. B.: Birnbacher, Dieter: Verantwortung für zukünftige Generationen, Stuttgart 1988, S. 221-226.
[9] Vgl. dazu z. B.: Passmore, John: "Den Unrat beseitigen", in: Birnbacher, Dieter (Hrsg.): Ökologie und Ethik, Stuttgart 1986, S. 229f..
[10]Die klassische Version einer pädagogischen Naturschutzbegründung findet sich bei Kant: "In Ansehung des Schönen obgleich Leblosen in der Natur ist ein Hang zum bloßen Zerstören (spiritus destructionis) der Pflicht des Menschen gegen sich selbst zuwider; weil es dasjenige Gefühl im Menschen schwächt oder vertilgt, was zwar nicht für sich allein schon moralisch ist, aber doch diejenige Stimmung der Sinnlichkeit, welche die Moralität sehr befördert, wenigstens dazu vorbereitet, nämlich etwas auch ohne Absicht auf Nutzen zu lieben.", aus: Kant, Immanuel: Metaphysik der Sitten, Tugendlehre, § 17, Frankfurt 1989 (Suhrkamp Werkausgabe Bd. 8), S. 578.
[11] Vgl. dazu z. B.: Leopold, Aldo: "Land-Ethik", in: Ders.: Am Anfang war die Erde, München 1992 (Orig.: 1949), besonders prägnant S. 151 u. S. 172f.; sowie: Meyer-Abich, Klaus Michael: Aufstand für die Natur, München/Wien 1990, S. 83-118, besonders S. 88f.
[12] M. E. ist die Popularität von a-p-Konzepten auch gebunden an ihre übliche, das allgemeine Unbehagen im menschlichen Selbstvertändnis aufgreifende, pessimistische Phänomenologie der Moderne in Form drastischer Krisenszenarien. Inwieweit aus moralphilosophischer Sicht deshalb grundsätzlich eine Überfrachtung des Möglichkeitsrahmens umweltethischen Reflektierens vorliegt, wäre sicherlich zu klären.
[13] Dieser Gedanke ist natürlich keineswegs neu, gleichwohl scheint mir die Ausführung dessen, was in ihm gefordert wird noch nicht besonders weit fortgeschritten zu sein.
[14] Damit ist ein Ethikverständnis gemeint, daß sich stark an der Schematisierbarkeit der Phänomene unserer moralischen Lebenswelt und der Universalisierbarkeit normativer Sätze orientiert.
[15] R. Wimmer: "Anthropologie und Ethik", in: Demmerling, Christoph; Gabriel, Gottfried u. Rentsch, Thomas (Hrsg.): Vernunft und Lebenspraxis, Frankfurt 1995, S. 237.
[16] Kambartel, Friedrich: "Begründungen und Lebensformen", in: Ders.: Philosophie der humanen Welt, Frankfurt 1989, S. 55.
[17] Ich bin mir bewußt, daß diese Forderung eine immer nur vorläufige Gültigkeit moralisch-normativer Forderungen zur Folge hat, zumindest im Hinblick auf jede materiale Bestimmung des moralisch Guten.
[18] Obwohl in neuerer (anthropozentrischer) Umweltethik-Literatur diese Einschätzung weitgehend geteilt wird, steht hier noch einige Aufarbeitung an.
[19] Zur Bedeutung ästhetischer Argumente in der Umweltethik vgl.: Seel, Martin: "Ästhetische Argumente in der Ethik der Natur", Deutsche Zeitschrift für Philosophie 39/1991: 901-913; Ders.: Eine Ästhetik der Natur, Frankfurt 1996, bes. Kap. VI; sowie: Kemper, Anne: "Ästhetische Naturerfahrung - Anthropologische Überlegungen im Rahmen einer Naturschutzethik", in: Wils, Jean-Pierre (Hrsg.): Anthropologie und Ethik, Tübingen/Basel 1997, S. 110-147.
[20] Vgl. hierzu die unter "The argument from the meaning of life and the true joy of living" angeführten Autoren in: Krebs, Angelika: Ethics of nature, Frankfurt 1997 (Manuskript), S. 90-97, wie Meister Eckehart und Dschuang Dsi; sowie: Kamlah, Wilhelm: Philosophische Anthropologie, Mannheim 1973, S. 145-182.
[21] Bezüglich umweltethischer Begründungsprogramme wird dies auch - z. B. von Martin Seel und F. Kambartel versucht. Vgl.: Krebs, Angelika: "Naturethik im Überblick", a.a.O., S. 369-374 u. 376-379.
[22] Literaturangabe a.a.O..
[23] Hampicke, U.: „Naturschutz und Ethik - Rückblick auf eine 2ojährige Diskussion, 1973-1993, und politische Folgerungen”, Zeitschrift für Ökologie und Naturschutz 2 /1993: 73-86; S. 79f.
[24] Entwürfe, an denen ich mich diesbezüglich orientiere bieten: Wimmer, Reiner: "Anthropologie und Ethik. Erkundungen in einem unübersichtlichen Gelände", a.a.O; und: Rehbock, Theda: "Warum und wozu Anthropologie in der Ethik?" in: Wils, Jean-Pierre (Hrsg.): Anthropologie und Ethik, Tübingen/Basel 1997, S. 64-109.
[25] Vgl. dazu: Kambartel, Friedrich: Begründungen und Lebensformen, a.a.O..
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