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Erste Erlanger Graduiertenkonferenz: Postmoderne Diskurse zwischen Sprache und Macht vom 20-22. November 1998 Die
diskursive Konstruktion von Natur als Produkt von Macht-Wissen Diskursen:
Für eine postmoderne Wende in der ökologischen Theorienbildung
Johannes
Dingler
1.
Einleitung
In
der sozialwissenschaftlichen Theorienbildung gewinnen postmoderne Ansätze
schon seit einiger Zeit zunehmend an Einfluß. In unterschiedlichen
Disziplinen haben postmoderne Trends zu heftigen Kontroversen und gänzlich
neuen theoretischen Paradigmen geführt. Ganz im Gegensatz zu diesen
Tendenzen und bis auf wenige, noch sehr unsystematische Ausnahmen wurden
postmoderne Ansätze dagegen in der ökologischen Theorienbildung und
in Theorien der ökologischen Krise bisher vollkommen ignoriert. Obwohl die
Gründe hierfür vielfältig sind, wird doch meist implizit von
einer grundsätzlichen Inkommensurabilität von postmodernen
Ansätzen und ökologischen Theorien ausgegangen und angenommen, beide
Theorietraditionen würden sich notwendig gegenseitig ausschließen
(vgl. z.B. Soper 1995: 4ff).
Ausgehend
von dieser Ausgrenzung postmodernen Gedankenguts aus der ökologischen
Theorie wird die Diskussion um einen diskursiven Naturbegriff im
ökologischen Diskurs praktisch nicht geführt. Implizit basieren dabei
alle ökologischen Ansätze größtenteils auf einem
'essentialistischen' Naturbegriff, der ganz in der epistemologischen Tradition
der Moderne steht. Da ein solcher essentialistischer Naturbegriff meist als
unproblematisch vorausgesetzt wird, stellt sich die Frage nach der Natur der
Natur und ihrer sozialen Konstruktion innerhalb ökologischer Theorien kaum.
Nachfolgend
soll deshalb für eine postmoderne Wende in der ökologischen
Theorienbildung und für eine verstärkte Integration postmoderner
Ansätze in Theorien der ökologischen Krise argumentiert werden. Im
Zentrum einer solchen postmodernen ökologischen Theorie sollte dabei eine
Neukonzeptualisierung des Naturbegriffs stehen, bei der ein diskursives Konzept
der Natur entwickelt werden sollte. Die Grundlagen eines solchen sozial
konstruierten Konzepts der Natur sollen deshalb in den folgenden
Ausführungen dargestellt werden. Dazu wird zunächst kurz der hier
verwendete Begriff der Postmoderne eingegrenzt, um plausibel zu machen,
daß aus der postmodernen Analyse ein Sozialkonstruktivismus folgt, der
auch auf den Begriff der Natur angewandt werden muß.
Wie
schon angedeutet, bietet der ökologische Diskurs bisher wenige
Anhaltspunkte für die Rekonstruktion eines postmodernen Naturbegriffs.
Wesentliche Impulse für eine Theorie des diskursiven Naturbegriffs und
zentrale Argumentationslinien von Einwänden gegen ein solches Konzept
können allerdings aus den neueren Debatten um den postmodernen Feminismus
abgeleitet werden. Der biologische Körper als paradigmatische Konzeption
von Natur wird in dieser Strömung des Feminismus zunehmend dekonstruiert
und als diskursives Konstrukt neu konzeptualisiert. Vor allem Judith Butler's
Ansatz der Dekonstruktion des biologischen Geschlechts, bei dem die bisher als
gesellschaftsunabhängig betrachtete 'Sex-Komponente' der feministischen
'Sex-Gender' Unterscheidung als soziale Konstruktion theoretisiert wird,
impliziert ein Konzept des natürlichen Körpers und der
Materialität, das mit einem diskursiven Naturbegriff konvergiert (vgl.
Butler 1995). Der Diskurs des postmodernen Feminismus kann so wesentliche
Anhaltspunkte und Diskussionsbeiträge für eine Theorie des
diskursiven Naturbegriffs liefern und nimmt so der ökologischen
Theorienbildung die These eines sozial konstruierten Konzepts der Natur vorweg
(vgl. Holland-Cunz 1996). Einige nachfolgend diskutierte Linien der
Kontroverse, die in den ökologischen Diskurs noch keinen Einzug gefunden
haben, sind deshalb von der feministischen Diskussion informiert
[1]
(vgl. z.B. Ebert 1996, Feministische Studien 1993).
Gegen
ein langsam aufkommendes diskursives Konzept der Natur werden in der
ökologischen Theorie, aber auch im feministischen Diskurs kritische
Einwände laut, welche einen sozial konstruierten Naturbegriff als
inkonsistent, unangemessen und gefährlich für die
sozialwissenschaftliche Theorienbildung erachten. Deshalb sollen der
Solipsismus-, Subsumierungs-, Relativismus- und Idealismuseinwand dargestellt
werden, um in einer anschließenden Diskussion zu zeigen, daß die
ersten drei Einwände entweder auf interpretativen
Mißverständnissen und Kategorienfehlern beruhen oder Konsequenzen
postulieren, die den Intentionen einer These der sozialen Konstruktion der
Natur nicht entsprechen. Auch der Idealismuseinwand stellt ein diskursives
Konzept der Natur nicht in Frage, verweist aber, wie gezeigt werden soll,
letztlich auf ein zentrales theoretisches Vakuum der postmodernen
Theorienbildung. Eine postmoderne Wende mit der Implikation multipler
diskursiver Naturbegriffe, so soll schließlich argumentiert werden, ist
für die ökologische Theorienbildung letztlich unvermeidlich. Durch
eine Darstellung und Verteidigung eines diskursiven Naturbegriffs sollen die
folgenden Ausführungen deutlich machen, daß postmoderne
Einflüsse vorschnell aus der ökologischen Theoriebildung
ausgeschlossen wurden und so ihre Fruchtbarmachung allzu lange verhindert
worden ist.
2.
Der Begriff der Postmoderne
Im
folgenden soll der in diesem Papier verwendete Begriff der Postmoderne kurz
diskutiert werden, um zu zeigen, daß aus der postmodernen Argumentation
ein Sozialkonstruktivismus folgt, der auch auf den Begriff der Natur angewandt
werden muß.
Generell
soll Postmoderne nicht als soziokulturelle Position betrachtet werden, bei der
die Frage diskutiert wird, ob eine diskontinuierliche Transformation der
Struktur der Moderne stattgefunden hat, sondern Postmoderne wird hier vorrangig
als epistemologische Position aufgefaßt. Die postmoderne Kritik richtet
sich deshalb zunächst gegen den 'foundationalism' der Moderne, einer
Epistemologie, die von einer objektiven, ahistorischen, transkulturellen und
durch Rationalität zugänglichen Wahrheit ausgeht
[2].
Zentrale Prämisse der Moderne ist dabei, daß ein universelles Wissen
durch methodische Vernunft möglich ist, das, sofern einmal erkannt,
für alle Menschen zu allen Zeiten gleichermaßen Gültigkeit
besitzt. Erkenntnis ist demnach eine direkte unverfälschte
Repräsentation der dem Subjekt externen Realität. Gemäß
dieser 'Korrespondenztheorie der Wahrheit' ist die externe Realität zum
einen direkt durch das rationale Subjekt zugänglich und läßt
sich zum anderen im Wissen in ihrem charakteristischen Eigenwesen unverzerrt
abbilden. Konzeptionelle Begriffe, wissenschaftliche Theorien und durch
Vernunft begründete Wahrheitsaussagen haben so den Anspruch, Realität
unverfälscht zu spiegeln. Wissen als entdeckte Repräsentation der
externen Welt ist dabei unabhängig von Herrschaftsbeziehungen und vom
sozialen, politischen, kulturellen und historischen Kontext des erkennenden
Subjekts, so daß jede Erkenntnis prinzipiell für jedes Subjekt zu
jedem Zeitpunkt identisch und gleichermaßen gültig wäre
[3].
"Any rational subject apprehending or operating properly on the same object
would arrive at the identical truth about it" (Flax 1993: 48). Eine solche
Epistemologie basiert implizit auf einem "...god trick of seeing everything
from nowhere..." (Haraway 1988: 581, vgl. auch Hayles 1995: 49), bei dem von
einem neutralen Beobachtungsstandpunkt ausgegangen wird, von dem aus zwischen
konkurrierenden Geltungsansprüchen entschieden werden kann, um so eine
nicht-kontingente, universelle Erkenntnis zu erhalten. Da Wissen deshalb als
kongruent zur Realität betrachtet wird, ist Erkenntnis kumulativ, d.h.
einmal erlangtes Wissen ist universell gültig, offenbart einen weiteren
Teil der Realität und geht auch durch neue Erkenntnis nicht mehr verloren.
Ausgehend
von dieser Epistemologie vertreten Positionen der Moderne implizit einen
Essentialismus, da die Existenz einer unwandelbaren Essenz der Realität
angenommen wird, welche zudem als Repräsentation abbildbar und somit
erkennbar ist. Der Essentialismus nimmt dabei die Existenz von spezifischen
prä-sozialen, statischen und homogenen Eigenschaften an, die im
biologischen, physischen oder metaphysischen Wesen einer Entität
inhärent vorhanden sind. Diese wesenhaften Eigenschaften, so wird
angenommen, sind zudem auch als solche, durch eine Repräsentation, die zur
Essenz der Entität korrespondiert, erkennbar. Der Essentialismus geht also
sowohl von einer unwandelbaren Realität, in der Essenzen vorhanden sind,
als auch von einer Korrespondenztheorie der Wahrheit aus, durch die diese
Essenzen erfaßt werden können.
Diese
Epistemologie der Moderne bildet schließlich die Basis für weitere
Begriffe und Grundannahmen im Begriffsnetzwerk der Moderne. Dabei wird der
Anspruch auf neutrales, sicheres Wissen in einem Viersatz von Wissen, Wahrheit,
Fortschritt und Emanzipation mit der Idee des fortschreitenden Fortschritts
durch Rationalität verbunden. Die durch Vernunft generierte Wahrheit wird
als universell gültig betrachtet, weshalb zunehmendes Wissen als Quelle
für immerwährenden Fortschritt instrumentalisiert werden kann. Da
dieses Wissen aber vor allem neutral, akontextuell und somit frei von
Herrschafts-, Macht- und Autoritätbeziehungen ist, steht es nicht nur im
Dienste privilegierter Gruppen, sondern bringt Nutzen und letztlich
Emanzipation für alle Menschen. Die Grundideen der Moderne von
Fortschritt, Emanzipation und der Befreiung von willkürlichen
Autoritäten gründen so auf der Epistemologie eines sicheren,
herrschaftsfreien Wissens durch Rationalität und der Anerkennung von
Vernunft als einzig legitime Autorität (vgl. z.B. Flax 1993: 75ff).
Auf
diesen epistemologischen Grundlagen basiert schließlich der
vorherrschende Naturbegriff der Moderne, welcher auch die Basis der meisten
ökologischen Theorien bildet. Im Rahmen dieses Naturbegriffs wird davon
ausgegangen, daß die Natur ein stabiles, ihr immanentes Wesen besitzt und
nicht-kontingente Gesetze in ihr wirken. Durch methodische Vernunft ist dieses
Wesen der Natur und die ihr inhärenten Gesetze schließlich durch das
Subjekt unabhängig vom Kontext erkennbar. Der Mensch ist so in der Lage,
Wissen über die Natur, so wie sie sich auch unabhängig vom Menschen
darstellt, zu erlangen. Diese Wissen kann dann zur Herrschaft über die
Natur, aber auch zu ihrem Schutz und zu einer nachhaltigen Entwicklung
angewandt werden. Der Naturbegriff der Moderne ist damit essentialistisch, da
von einer Essenz der Natur ausgegangen wird, die zudem durch den Menschen
erkennbar ist.
Die
Postmoderne dekonstruiert nun die epistemologischen Grundlagen der Moderne und
stellt deren objektivistischen und universalistischen Ansprüche
fundamental in Frage. Die Metanarrative der Moderne werden dabei nicht als
wahre Repräsentation von Realität interpretiert, sondern als
privilegierte Diskurse spezifischer sozial und historisch situierter Gruppen
(vgl. Gare 1995: 4). Geltungsansprüche werden dem zufolge immer innerhalb
von Diskursen postuliert, weshalb Aussagen über die extra-diskursive
Realität immer diskursabhängig sind. Deshalb wird von der Postmoderne
auch die Existenz eines neutralen Beobachtungsstandpunktes, eines
extra-diskursiven Referenzpunktes geleugnet, von dem aus zwischen
konkurrierenden Geltungsansprüchen entschieden werden könnte (vgl.
Gare 1995: 58ff, Flax 1992: 452). "A Discourse as a whole cannot be true or
false because truth is always contextual and rule dependent. ... No
discourse-independent or transcendental rules exist that could govern all
discourses or a choice between them. Truth claims are in principle
'undecidable' outside or between discourses. This does not mean that there is
no truth but rather that truth is discourse dependent" (Flax 1992: 452). Zur
Entscheidung zwischen Diskursen stehen demnach keine Metakriterien zur
Verfügung, die es erlauben, den Diskurs zu wählen, der
extra-diskursive Realität besser repräsentiert. Da kein neutraler,
ahistorischer Standpunkt existiert, von dem aus ein privilegierter Zugang zu
Erkenntnis möglich wäre und Wissen demnach prinzipiell innerhalb
eines Diskurses konstruiert wird, kann dieses Wissen auch nicht unabhängig
vom Kontext des Diskurses sein. Daraus folgt, daß Erkenntnis keine
direkte, unverzerrte Korrespondenz zwischen extra-diskursiver Realität und
Repräsentation im Wissen darstellt und so keine nicht-kontingente
Kongruenz zwischen Repräsentation und Wirklichkeit besteht. Somit ist
Erkenntnis immer partiell, situiert und historisch kontingent und steht in
Relation zum sozialen, historischen und kulturellen Kontext und der
spezifischen Erfahrung des erkennenden Subjekts innerhalb eines Diskurses (vgl.
Haraway 1988: 581ff). Diese postmoderne Neufassung des Erkenntnisbegriffs
bedeutet aber nicht, daß keine Erkenntnisaussagen mehr möglich sind,
sondern nur, daß jeder Wahrheitsanspruch ausschließlich innerhalb
des Kontextes eines Diskurses Gültigkeit besitzt. Kein Standpunkt zur
Produktion von Wahrheit ist deshalb privilegiert, sondern jede Lokation
generiert ein partielles, fragmentiertes Wissen in einem multiplen Netzwerk von
Wahrheitsansprüchen (vgl. Flax 1993: 50).
Auf
Grund des Fehlens eines neutralen, externen Referenzpunktes sind
interdiskursive Entscheidungen und die Formierung intradiskursiver Regeln
notwendig an Machtbeziehungen gebunden, durch die eine prä-diskursive
Auswahl getroffen wird. Ansprüche von Wissen sind demnach gemäß
postmodernen Ansätzen nicht neutral, akontextuell und frei von
Autoritätsbeziehungen, sondern notwendig an Macht geknüpft. Die
Postmoderne betont so die prinzipiell unumgängliche Relation zwischen
Erkenntnis und Macht, weshalb Macht eine konstituive Komponente in diskursiven
Prozessen darstellt (vgl. Butler 1992: 6ff). Alle Geltungsansprüche sind
so letztlich das Produkt von Macht-Wissen Diskursen innerhalb eines
spezifischen historisch-kulturellen Kontextes und besitzen keine universelle,
ahistorische Gültigkeit. Wissenspostulate erhalten also durch Relationen
der Macht ihre Stabilität und Autorität, können dabei aber
ständig herausgefordert, in Frage gestellt, neu ausgehandelt werden und
sind so wandelbar (vgl. z.B. Best, Kellner 1991: 48ff).
In
einem Diskurs werden aber immer bestimmte Wissensansprüche, Wissensformen,
Regeln und Strukturen durch Macht privilegiert, andere dagegen ausgeschlossen
und marginalisiert. Bestimmte diskursive Formationen können so eine
Hegemonie innerhalb eines Diskurses erlangen und präsentieren eine
dominierende Konzeptualisierung von Wissen. Spezifische Konstruktionen besitzen
also durch bestimmte Machtbeziehungen Vorherrschaft und sind damit in der Lage,
den diskursiven Prozeß zu disziplinieren, normieren und zensieren,
wodurch bestimmte Wissensansprüche, Regeln und Kriterien bevorzugt werden.
Ansprüche der Geltung von nicht-hegemonialen Diskursen werden dabei
ausgeschlossen, weniger wahrscheinlich oder subordiniert. Bestimmte hegemoniale
Diskurse können durch besondere Machtbeziehungen und
Reproduktionsmechanismen eine erstaunliche Stabilität erreichen und
alternative Diskurse soweit marginalisieren, daß der hegemoniale Diskurs
als homogen, alternativlos und ohne Opposition erscheint (vgl. z.B. Maihofer
1995: 81).
Der
Diskurs der Moderne, mit seinem universalistischen, ahistorischen Anspruch,
kann als ein solcher extrem stabiler hegemonialer Diskurs eingeschätzt
werden. Die universalistischen Ansprüche der Epistemologie der Moderne
beruhen somit letztlich nur auf der hegemonialen Privilegierung eines
speziellen diskursiven Standpunktes durch Macht. Auch der Naturbegriff der
Moderne, welcher durch Wissenschaft beschrieben wird und sich selbst als
alternativlose, wahre Repräsentation extra-diskursiver Realität
präsentiert, ist aus dieser Sicht nur eine hegemoniale Konzeptualisierung
von Natur innerhalb eines extrem stabilen Macht-Wissen Diskurses, der
konkurrierenden Naturbegriffen jegliche Legitimität abspricht. Jede Form
der universellen Geltungsansprüche sind daher für das postmoderne
Denken totalisierend und subordinierend, da sie bestimmte Diskurse
privilegieren und dabei andere Stimmen und Diskurse marginalisieren,
subordinieren und ausschließen.
Wenn
Erkenntnis aber keine nicht-kontingente Korrespondenz zwischen
Repräsentation und externer Realität darstellt, sondern von den
kontextuellen Bedingungen des Diskurses beeinflußt wird, dann bedeutet
dies, daß jede Form von Wissen prinzipiell sozial konstruiert wäre.
Geltungsansprüche sind deshalb das Produkt diskursiver Prozesse und
Konstruktionen im Rahmen von spezifischen sozialen, kulturellen und
historischen Kontexten. Aus der postmodernen Dekonstruktion der Epistemologie
der Moderne folgt demnach ein Sozialkonstruktivismus innerhalb kontextueller
Macht-Wissen Diskurse.
Da
gemäß dem postmodernen Sozialkonstruktivismus keine
nicht-kontingente Korrespondenz zwischen extra-diskursiver Realität und
diskursiver Erkenntnis besteht, kann diese Realität nie so wie sie
prä-diskursiv besteht erfahren werden. Das inhärente Wesen der
extra-diskursiven Realität ist deshalb als solches nicht zugänglich
und kann immer nur diskursiv konstruiert im Diskurs repräsentiert werden.
Der postmoderne Sozialkonstruktivismus ist somit wesenhaft
anti-essentialistisch. Damit wird allerdings nicht behauptet, daß die
extra-diskursive Realität keine Essenz besitzen würde, sondern nur,
daß diese Essenz in ihrem prä-diskursiven Eigenwesen nie erfahrbar
ist (vgl. Flax 1992: 454). Sozial konstruierte Erkenntnis ist immer kontingent
und wird so nie universelle, ahistorische und essentialistische Aussagen
über das wie auch immer geartete prä-diskursive Wesen der
Realität machen können.
Wenn
aber aus epistemologischer Sicht ein Sozialkonstruktivismus prinzipiell
unvermeidlich ist, so folgt hieraus, daß diese Position auch in Theorien
der ökologischen Krise integriert werden muß. Deshalb soll hier
für eine postmoderne Wende der ökologischen Theorienbildung
argumentiert werden. Im Rahmen eines solchen postmodernen Ansatzes muß
das Konzept der diskursiven Konstruktion letztlich auch auf den Begriff der
Natur angewandt werden. Dabei soll der Naturbegriff nicht prinzipiell
aufgegeben, sondern lediglich durch einen nicht-essentialistischen,
postmodernen Naturbegriff ersetzt werden. Die vorangegangene Diskussion
impliziert deshalb einen diskursiven Naturbegriff, bei dem die
Konzeptionalisierung von Natur als soziale Konstruktion innerhalb spezifischer
sozialer, kultureller und historischer Kontexte aufgefaßt wird. Da
Aussagen über die Natur immer an Ansprüche von Wissen gekoppelt sind
und sich Wissen diskursiv durch Macht konstituiert, ist jeder Naturbegriff als
Ausdruck von Wissen über Natur das Produkt eines Macht-Wissen Diskurses.
Erkenntnis von Natur und jede Aussage über ihr Wesen beinhaltet demnach
immer eine diskursive Komponente, so daß Natur letztlich eine soziale
Kategorie darstellt (vgl. Vogel 1996: 123, 133).
Da Konzepte von Natur also immer innerhalb von Macht-Wissen Diskursen
konstruiert werden und nur in einem spezifischen Diskurs Geltung besitzen,
folgt hieraus, daß kein einheitlicher, homogener Naturbegriff angenommen
werden kann. Rationale Geltungsansprüche im Rahmen des Diskurses der
Moderne sind deshalb nicht in er Lage, einen singulären, universellen
Naturbegriff zu rechtfertigen, sondern jede Konzeptualisierung von Natur
beinhaltet kontingente Wissens- und Geltungsansprüche im Kontext von
Macht. Kein Naturbegriff ist demnach gegenüber anderen prinzipiell
privilegiert, sondern konstituiert sich durch Macht in einem kontextuellen
Netzwerk im Diskurs, weshalb unterschiedliche Naturbegriffe gleichzeitig
denkbar sind. Es können deshalb interdiskursiv, aber auch intradiskursiv
verschiedene Naturbegriffe konkurrieren und simultan einen Anspruch auf
Gültigkeit erheben. Aus der postmodernen Argumentation der diskursiven
Konstruktion von Natur folgt deshalb die Notwendigkeit der Anerkennung einer
Multiplität von Naturbegriffen.
Eine
postmoderne Neukonzeptualisierung des Naturbegriffs impliziert also, daß
Naturbegriffe und der soziale Status der Natur immer als Produkt von
Macht-Wissen Diskursen bestimmt sind und damit das Ergebnis politischer,
kultureller, sozialer Diskurse darstellen. Natur darf nicht als
essentialistische, ahistorische Kategorie betrachtet werden, deren Kontingenz
durch hegemoniale Machtbeziehungen verschleiert wird, sondern muß als
politische und soziale Kategorie anerkannt werden. Da der Naturbegriff damit
immer politisch situiert und an Machtbeziehungen gebunden ist, folgt daraus die
Notwendigkeit einer Repolitisierung des Naturbegriffs. Weil Natur aber
unumgänglich an Machtbeziehungen innerhalb eines Diskurs gebunden bleibt,
muß der Diskurs eines Naturbegriffs als fundamentaler Machtdiskurs
aufgefaßt werden, in dem Konstellationen von Macht darüber
entscheiden, welche Konzeptualisierungen der Natur akzeptiert und welche
marginalisiert werden. Als diskursiv bestimmte Konzepte konkurrieren demnach
immer verschiedene Naturbegriffe in einem Diskurs aber auch zwischen Diskursen.
Die analytisch zentrale Frage ist deshalb,
wessen
Natur konstruiert wird (vgl. Cronon 1995: 51, vgl. dazu auch Flax 1992). Bei
der Konzeptualisierung spezifischer Naturbegriffe muß deshalb immer in
Betracht gezogen werden,
wer
Natur zu
welchem
Zweck
auf
was
für
eine Weise konstruiert.
Um
die hegemoniale Konstruktion von Natur und die damit verbundene totalisierende
Universalisierung partikularer Naturbegriffe und Marginalisierung alternativer
Konzepte der Natur möglichst gering zu halten und eine Multiplität
von Naturbegriffen zu garantieren, scheint ein radikaldemokratischer
Naturbegriff von zentraler Bedeutung zu sein
[4].
Nur in einem radikaldemokratischen Diskurs können möglichst viele
Stimmen an der Konzeptualisierung multipler Naturbegriffe beteiligt werden, um
so die Vorherrschaft weniger machtvoller Standpunkte und die totalisierende
Hegemonie eines Naturbegriffs zu verhindern. In einem radikaldemokratischen
Prozeß können so Konzepte der Natur diskursiv erarbeitet und immer
wieder neu rekonzeptualisiert werden. Aus dem postmodernen Standpunkt folgt so
schließlich, daß jede diskursive Konstruktion reflexiv ständig
kritisierbar, herausforderbar und so veränderbar ist. Der Naturbegriff ist
somit in diesem radikaldemokratischen Projekt nie statisch, homogen oder
ahistorisch, sondern bleibt immer instabil und rekonstruierbar. Er bedarf
immerwährend neuer Herausforderungen, Übereinkünfte,
Konstruktionen und Rekonstruktionen und gerade dies bietet die
Möglichkeit, unterschiedliche Naturbegriffe nebeneinander zu dulden (vgl.
dazu auch Butler 1992: 8, 16). Das postmoderne, radikaldemokratische Projekt
eines diskursiven Naturbegriffs der ökologischen Theorie fordert so eine
instabile, ständig im Wandel begriffene Multiplität diskursiver
Naturbegriffe.
3.
Einwände gegen einen diskursiven Naturbegriff
Ein
diskursiver Naturbegriff im Rahmen einer postmodernen Theorie ist für
viele schwer akzeptierbar, da er scheinbar der alltäglichen Intuition
widerspricht, Natur sei gerade das, was nicht auf menschlicher Konstruktion
beruhe und damit gerade unabhängig vom Menschen sei. Von verschiedenen
Seiten wird die These eines sozial konstruierten Naturbegriffs deshalb vehement
kritisiert. Im folgenden sollen deshalb vier zentrale Einwände gegen ein
diskursives Konzept der Natur - der Solipsismus-, der Subsumierungs-, der
Relativismus und der Idealismuseinwand - vorgestellt werden, um in einer
kritischen Diskussion zu zeigen, daß diese Einwände in der hier
dargestellten Form nicht haltbar sind. Die Anerkennung der sozialen
Konstruktion von Natur in der ökologischen Theorie ist deshalb, wie die
Diskussion der vier Einwände zeigen wird, letztlich unvermeidlich.
a.
Der Solipsismuseinwand
Dem
Solipsismuseinwand zufolge impliziert ein sozial konstruierter Naturbegriff das
Leugnen der materiellen Realität der Natur, da die außermenschliche
und prä-soziale Wirklichkeit in ihrem vom Menschen unabhängigen
Dasein negiert wird. Der Konstruktivismus bestreitet so die Existenz der
extra-diskursiven Natur und anerkennt nur eine Wahrnehmung der Natur, die sich
im sozialen Diskurs manifestiert. Sozialkonstruktivistische Ansätze
basieren so auf der Grundannahme, "...es existiere nichts jenseits diskursiver
bzw. kultureller Zuweisungen" (Weber 1997: 111). Natur ist demnach
ausschließlich ein Bewußtseinsphänomen des Subjekts, ein im
menschlichen Geist erschaffenes Trugbild ohne Korrelat zu einer gar nicht
existenten extra-diskursiven Realität
[5].
"[Social constructivist epistemology which leads] to a kind of human solipsism
and denial of the real world existing independently of, and historically prior
to, humans is at best arbitrary, and, more likely, it is nonsense" (Session
1996: 35). Da also keine der Natur immanenten biologische Prozesse existieren,
wird im Konstruktivismus die unabhängige Materialität der Natur und
ihre essentiellen Charakteristiken geleugnet. Natur ist demnach
ausschließlich eine soziale Erfindung, ein im Diskurs geschaffenes
Phänomen, das keine Kongruenz zur extra-diskursiven Realität
aufweist, da diese gar nicht vorhanden ist (vgl. Soper 1995: 120, 133, 152,
249f). Aus diesem Solipsismus folgt schließlich, daß auch die
ökologische Krise als solche gar nicht existiert, sondern nur ein
Konstrukt in einem spezifischen historischen Diskurs darstellt. Als zynische
Konsequenz leugnet eine sozialkonstruktivistische Position somit letztlich die
diskursunabhängige Realität der ökologischen Krise. "In short,
it is not language that has a hole in its ozone layer; and the 'real' thing
continues to be polluted and degraded even as we refine our deconstructive
insights at the level of the signifier" (ebd.: 151). Da dem Konstruktivismus
demnach die materielle Wirklichkeit vollkommen egal zu sein scheint, weil nur
diskursive Kontexte von Belang sind, wird dieser Standpunkt als eine wesenhaft
anti-ökologische Position eingeschätzt.
Eine
solche Interpretation des sozialkonstruktivistischen Naturbegriffs
mißversteht aber vollkommen die Intentionen eines diskursiven Konzepts
der Natur, da von keiner Vertreterin dieser Position die Existenz der
extra-diskursiven Wirklichkeit bezweifelt wird. "It is worth repeating, then,
that the discursive position is in no way 'idealist'. That is to say, it does
not deny the reality of the physical, objective events in favor of some
otherworldly ideal" (Bennett, Chaloupka 1993: xii). Eine konstruktivistische
Position leugnet also nicht die Existenz der extra-diskursiven Realität
der Natur, sondern nur die Möglichkeit eines nicht-diskursiven Zugangs zu
ihr. Einem diskursiven Naturbegriff zufolge existiert die Natur durchaus
unabhängig vom Menschen, die Perzeption dieser Natur findet aber immer im
sozialen Diskurs statt. Da jeder Erkenntnisanspruch notwendigerweise im Rahmen
eines Diskurses getroffen wird, ist es aus prinzipiellen Gründen
unmöglich, Aussagen über die Natur zu machen, wie diese
unabhängig vom Diskurs aussehen könnte. In dem Moment, in dem Natur
benannt wird, ist sie schon im Rahmen eines Diskurses konzeptionell situiert
und damit diskursiv konstruiert. "Man kann sich also nicht außerhalb der
Sprache begeben, um Materialität an sich und von selbst zu begreifen... ."
(Butler 1995: 99). Deshalb existieren auch ohne den Menschen biologische,
materielle und physikalische Prozesse in der Natur, aber auch diese können
nur diskursiv konstruiert wahrgenommen werden. In den Worten von William
Cronon, einem Vertreter eines diskursiven Naturbegriffs: "[Nature] is a
profoundly human construction. This is not to say that the nonhuman world is
somehow unreal or a mere figment of our imaginations - far from it. But the way
we describe and understand that world is so entangled with our own values and
assumptions that the two can never be fully separated" (Cronon 1995: 25). So
stellt er explizit fest: "The reality of nature is undeniable" (ebd.: 52).
Demnach wird im diskursiven Naturbegriff auch nicht die Existenz der
ökologischen Krise geleugnet, sondern nur die These vertreten, die
Wahrnehmung dieser Krise sei notwendig im sozialen, kulturellen und
historischen Kontext konstruiert.
Die
Existenz der vor-diskursiven Realität wird also in der postmodernen
Theorie nicht geleugnet, sondern sie ist sogar die Voraussetzung für jede
diskursive Konstruktionen. Das Wissen um ihre Existenz ist aber letztlich die
einzig inhaltliche Aussagen, die über die vor-diskursive Realität
möglich ist. Das Wesen der extra-diskursiven Realität ist deshalb
grundsätzlich unzugänglich, weshalb die prä-sozialen
Charakteristiken der Natur dem Menschen immer verborgen bleiben werden. Es ist
unmöglich zu wissen, ob die diskursive Repräsentation mit der
nicht-konstruierten Realität übereinstimmt, da es keinen
extra-diskursiven Standpunkt gibt, von dem aus Wirklichkeit so erkannt werden
kann, wie sie sich unkonstruiert darstellt. Die Frage nach der
kontextunabhängigen, objektseitigen Essenz der Natur ist so aus Sicht des
Sozialkonstruktivismus eine epistemologisch sinnlose und prinzipiell
unbeantwortbare Frage.
Neuere
Entwicklungen einer sozialkonstruktivistischen Epistemologie machen aber
deutlich, daß es durchaus eine Relation zwischen diskursiver Konstruktion
und extra-diskursiver Realität gibt und demnach die extra-diskursive
materielle Wirklichkeit nicht belanglos für das Zustandekommen von
diskursiven Repräsentationen ist. Deshalb basiert ein diskursiver
Naturbegriff nicht auf einer vollkommen beliebigen Konstruktion der
extra-diskursiven Wirklichkeit, sondern es besteht eine gewisse Kongruenz zur
repräsentierten Natur. Gemäß des Konzepts des "Constraint
Constructivism" gibt die extra-diskursive Realität bestimmte Zwänge
vor, an denen konstruierte Geltungsansprüche gemessen werden können
(vgl. Hayles 1995: 52ff). Obwohl jede Erkenntnis der Natur in einem sozialen,
kulturellen und historischen Kontext steht und damit notwendig eine diskursive
Komponente beinhaltet, muß sie dennoch eine gewisse Konsistenz in Bezug
auf die Interaktion mit der Realität aufweisen. Das Konzept der
Zwänge gibt daher keinen Aufschluß darüber, wie
extra-diskursive Realität beschaffen ist, sondern nur, ob eine diskursive
Repräsentation konsistent mit der interaktiven Erfahrung ist, wodurch
bestimmte Geltungsansprüche als inkonsistent eliminierbar sind. So
können konkurrierende Geltungsansprüche parallel existieren, aber
dennoch sind nicht alle Geltungsansprüche epistemologisch gleichwertig,
sondern manche werden, trotz dem Fehlen eines neutralen
Beobachtungsstandpunktes, als besser eingestuft als andere. Der "Constraint
Constructivism" anerkennt damit, daß Erkenntnis weder von der
extra-diskursiven Realität, noch vom diskursiven sozialen Kontext
unabhängig ist.
Abschließend kann so also festgestellt werden, daß der
Solipsismuseinwand aus Sicht des Sozialkonstruktivismus nicht haltbar ist.
b.
Der Subsumierungseinwand
Dem
Subsumierungseinwand zufolge impliziert ein diskursiver Naturbegriff, daß
Natur nur ein kulturelles Konstrukt darstellt, das letztlich ganz unter Kultur
subsumiert wird. Ein soziales Konstrukt Natur, ohne extra-diskursive Existenz
kann deshalb allein aus menschlicher Sicht als kulturelle Konvention gedacht
werden. Demnach kann es im Sozialkonstruktivismus keine natürliche Natur
mehr geben, sondern ausschließlich kulturell produzierte, artifizielle
Natur. Im konstruktivistischen Naturbegriff geht demnach vor allem, so der
Vorwurf, die fundamentale Unterscheidung zwischen vom Menschen
unberührter, natürlicher Natur und vom Menschen geschaffener,
artifizieller Natur verloren. "...[I]f we do follow the suggestion of the
constructivist rhetoric and view all embodied existence ... as equally
artefactual, then some critically important distinctions between 'invented' and
'non-invented' nature will simply not be registered" (Soper 1995: 136). Indem
Natur ausschließlich als kulturell geschaffene Natur konstruiert wird und
sich so die Differenz zur nicht-artifiziellen Natur auflöst, kann eine
ökologische Theorie letztlich nicht mehr den Erhalt der Natur ohne
menschliche Intervention theoretisieren, da kein Unterschied zwischen
menschlich veränderter und unberührter Natur mehr postuliert werden
kann. Eine ökologische Theorie würde so zentrale kategoriale
Unterscheidungen, die als Grundlage des Naturschutzes dienen, verlieren.
Da
im diskursiven Naturbegriff alles Natürliche unter kulturell geschaffene
Natur subsumiert wird, darf Natur demnach auch beliebig reproduziert,
verändert und umgewandelt werden. Aus der fehlenden Unterscheidung
zwischen natürlicher und artifiziell reproduzierter Natur folgt so die
Legitimation zur totalen menschlich gewollten Umformung der Natur. "... [I]f
Nature is a human social construction, then humans can 'reinvent Nature' ... in
any way which suits our immediate interests and desires" (Session 1996: 33).
Die These der kulturellen Konstruktion der Natur impliziert demnach die
Erlaubnis zur vollkommenen Verwirklichung des Disneylandparadigmas, in dem nur
noch reproduzierte, künstliche Natur existiert. Letztlich legitimiert ein
diskursiver Naturbegriff so die immer weiter fortschreitende Zerstörung
und totale menschliche Ausbeutung der Natur. "If nature is only a social and
discursive construction, why fight hard to preserve it?" (Hayles 1995: 47). Ein
diskursiver Naturbegriff wäre demnach unvermeidlicherweise
anti-ökologisch und könnte nicht als Basis einer ökologischen
Position dienen. Um die wichtige Unterscheidung zwischen nicht-artifizieller
und menschlich geschaffener Natur weiter aufrechtzuerhalten und um die
beliebige Reproduktion und fortschreitende Destruktion der Natur zu verhindern,
muß deshalb, so die These, notwendigerweise ein
nicht-konstruktivistischer Naturbegriff vertreten werden (vgl. Soper 1995:
141ff).
Dieser
Subsumierungseinwand basiert allerdings, wie im folgenden gezeigt werden soll,
auf einem fundamentalen Kategorienfehler und mißversteht damit die
Intention des Konstruktivismus. Die zentrale Mißinterpretation eines
diskursiven Naturbegriffs im Rahmen dieses Einwands liegt dabei darin,
daß ein solcher Naturbegriff als vorrangig epistemologische Position
einen notwendig diskursiven Zugang zur Natur annimmt, d.h. davon ausgeht,
daß jede wie auch immer geartete Natur extra-diskursiv nicht
zugänglich ist. Damit vertritt ein diskursives Konzept der Natur aber
keinen spezifischen Naturbegriff, in dem Natur ausschließlich als
reproduzierte, geschaffene Natur betrachtet wird. Während ein diskursiver
Naturbegriff impliziert, daß jeder menschliche Naturbegriff letztlich
eine diskursive Konstruktion darstellt, meint das Konzept der geschaffenen
Natur einen spezifischen Naturbegriff, bei dem auch artifizielle Natur als
Natur wahrgenommen wird. Ersterer stellt damit die These einer direkt
zugänglichen externen Realität in Frage, während Letzterer
dagegen die Unterscheidung zwischen Natürlich und Künstlich
herausfordert. Dieser Einwand verwechselt demnach einen epistemologischen
Standpunkt mit einem spezifisch konzeptualisierten Naturbegriff.
Gemäß dem diskursiven Naturbegriff ist jeder Zugang zur Natur sozial
konstruiert, weshalb jeder, wie auch immer konstruierte Naturbegriff notwendig
eine diskursive Komponente beinhaltet und deshalb nie die extra-diskursive
Natur beschreiben kann. Natur als diskursives Konstrukt impliziert deshalb
nicht, daß alle Natur kulturell geschaffen und artifiziell reproduziert
sein muß, sondern ausschließlich, daß jede Beschreibung von
Natur notwendig eine diskursive Dimension umfaßt. Nicht Natur selbst wird
im Konstruktivismus als kulturell konstruiert angenommen, sondern nur der
Zugang zu ihr. Auch in einem diskursiven Konzept der Natur kann es deshalb vom
Menschen unberührte, unabhängige Natur geben, auch dort sind Prozesse
und Strukturen in der Natur vorstellbar, welche nicht kulturell
beeinflußt oder geschaffen sind, aber auch sie sind nicht extra-diskursiv
zugänglich, sondern nur als Konstruktion in diskursiven Konzepten
abbildbar. Damit kann aber auch innerhalb eines diskursiven Naturbegriffs die
Unterscheidung zwischen unberührter und artifiziell geschaffener Natur
aufrechterhalten werden, wenn sie im jeweiligen Diskurs so konstruiert wird. Da
ein diskursiver Naturbegriff also auch künftig eine zwar nur diskursiv
zugängliche, aber dennoch menschlich nicht-geschaffene Natur begrifflich
erfassen kann, impliziert ein solcher Begriff nicht notwendigerweise die totale
Umformung von unberührter Natur in kulturell geschaffene Natur und hat so
auch keine zwangsläufig destruktiven Konsequenzen für die Natur.
Genauso wie ein nicht-konstruktivistischer Standpunkt kann auch eine
konstruktivistische Position sowohl einen Natur zerstörenden, als auch
einen ökologischen Ansatz vertreten und für den Erhalt der
unberührten Natur eintreten. Auch ein diskursiver Naturbegriff kann
demzufolge durchaus als Basis einer ökologischen Theorie dienen. Der
Subsumierungseinwand ist deshalb in der hier dargestellten Form nicht haltbar.
Damit
soll allerdings nicht impliziert werden, daß die immer relevanter
werdende Auflösung der Unterscheidung zwischen geschaffener und
unberührter Natur, welche aus den zunehmenden Eingriffen des Menschen in
immer mehr Bereiche der Natur resultiert, nicht wichtige Implikationen für
den ökologischen Diskurs haben muß. Durch Prozesse der Moderne
werden systematisch mehr und mehr Hybriden produziert -Zwitterwesen zwischen
Artefakt und Natur-, welche sich nicht mehr eindeutig einem Pol des
Natur-Kultur Dualismus zuordnen lassen, sondern sowohl Natur- als auch
Kulturaspekte beinhalten. Solche Hybriden lassen die rigide dualistische
Differenzierung zwischen Natur und Kultur, die selbst nur ein Mythos der
Moderne darstellt, zunehmend obsolent erscheinen (vgl. z.B. Latour 1993). Natur
kann daraus folgend nicht mehr unproblematischerweise einfach als der Gegensatz
zu Kultur eingeschätzt werden, denn auch kulturell geschaffene Natur
läßt sich sinnvoll als vollwertige Natur konzeptualisieren. Durch
das massenhafte Auftreten von Hybriden wird es immer weniger möglich,
Natur und Kultur vollkommen voneinander zu trennen und in diesem Sinne
löst sich auch die scharfe Unterscheidung zwischen Natur und Artefakt auf
(vgl. Cronon 1995: 28, 39ff, Soper 1995: 18, 37ff, 153ff, 182ff). Die
Implikationen der zunehmenden Reproduktion von Natur müssen deshalb
dringend auch in einer ökologischen Theorie theoretisch erfaßt
werden und erfordern eine Neukonzeptualisierung von Naturbegriffen jenseits des
Natur-Kultur Dualismus. Das Phänomen der Hybriden stellt einen wichtigen
Aspekt dar, der auch im Rahmen eines konstruktivistischen Naturbegriffs in
Betracht gezogen werden muß, er bezieht sich aber nicht auf die
fundamentale Bedeutung eines diskursiven Naturkonzepts.
c.
Der Relativismuseinwand
In
der Diskussion um einen diskursiven Naturbegriff taucht immer wieder der
Relativismuseinwand auf, dem zu Folge eine konstruktivistische Position einen
totalen Relativismus impliziert, bei dem auf Grund eines fehlenden
extra-diskursiven Referenzpunktes keine Entscheidungen zwischen verschiedenen
Präferenzen mehr möglich sind. Eine sinnvolle Auswahl zwischen
Positionen ist ausgeschlossen, da alle Diskurse intradiskursiv in selbem
Maße gültig sind und interdiskursiv keine Metakriterien zur Wahl des
adäquateren Diskurses zur Verfügung stehen. Jeder Naturbegriff
reflektiert demnach ausschließlich die persönliche Präferenz
innerhalb eines Diskurses, weil auf Grund der fehlenden Kongruenz zwischen
Diskurs und nicht-diskursiver Wirklichkeit nie die extra-diskursive
Materialität der Natur repräsentiert wird (vgl. Soper 1995: 8). Somit
ist es unmöglich, zwischen besser und schlechter konzeptualisierten
Naturbegriffen zu unterscheiden, da jedes Konzept der Natur seine
intradiskursive Berechtigung besitzt. Aus diesem Relativismus folgt aber,
daß auch die emanzipatorische Qualität alternativer Begriffe oder
Praktiken unbegründbar wird und demnach keine Grundlage zur Legitimation
einer ökologischen Transformation oder Emanzipation vorhanden ist. Die
Natur durch menschliche Interventionen zu zerstören wäre deshalb
genauso gut oder schlecht legitimierbar, wie sie zu erhalten. Letztlich wird
auf der Basis eines konstruktivistischen Naturbegriffs Politik gänzlich
unmöglich gemacht, da keine politischen Entscheidungen egal ob zu Gunsten
oder zu Ungunsten der Natur an einem externen Referenzpunkt gemessen als besser
oder schlechter eingeschätzt werden könnten. "I submitt, then, that a
good deal of anti-naturalist talk is politically incoherent if taken literally"
(Soper 1995: 134). Deshalb muß, so die Schlußfolgerung, eine
Theorie der ökologischen Transformation auf einem nicht-diskursiven
Naturbegriff basieren, um so Natur als einen externen Referenzpunkt zu
legitimieren, von dem aus Politik entschieden werden kann. Nur unter
Rückbezug auf die extra-diskursive Materialität der Natur und ihre
essentiellen Charakteristiken ist deshalb eine ökologische Politik
überhaupt möglich. Eine postmoderne ökologische Theorie
wäre somit ein Widerspruch in sich.
Der
Relativismuseinwand stellt sicherlich eine große theoretische
Herausforderung für einen diskursiven Naturbegriff dar, da er letztlich
nicht widerlegbar ist. Auf Grund der Situiertheit allen Wissens bleiben gewisse
relativistische Implikationen tatsächlich immer unvermeidlich. Um dennoch
einen diskursiven Naturbegriff weiterhin plausibel zu machen, soll deshalb im
folgenden argumentiert werden, daß auch ein nicht-konstruktivistischer
Ansatz weder eine adäquatere Grundlage für eine emanzipative,
ökologisch Politik bieten kann, noch dazu in der Lage ist, relativistische
Implikationen wirklich zu vermeiden. Auch eine nicht-konstruktivistische
Position kann also einen Relativismus nicht verhindert, sondern ihn letztlich
nur verschleiern
[6].
Zunächst
soll die These diskutiert werden, Politik sei auf Grund der relativistischen
Implikationen eines diskursiven Naturbegriffs unmöglich. Implizite Annahme
ist dabei, daß für Politik im allgemeinen und für
ökologische Politik im speziellen eine Letztbegründung universeller
Geltungsansprüche notwendig sei, um so eine nicht-kontingente Wahl
zwischen konkurrierenden Optionen treffen zu können. Politik wäre
also nur möglich, wenn auf der Basis von entscheidungskompetenten
Kriterien für eine Option votiert werden könnte und eine
konkurrierende Option mit Sicherheit auszuschließen wäre. Als
Maßstab für solche ökologischen Entscheidungen könnte
dabei, so die Meinung, die Natur dienen. Hiermit wird impliziert, ein
Relativismus in der politischen Sphäre könne vermieden werden, wenn
die extra-diskursive Natur einen Referenzpunkt für ökologische
Entscheidungen bietet, indem eine Letztbegründung aus der Natur abgeleitet
wird. Eine solche Argumentation ist aber auf Grund der Implikationen des
naturalistischen Fehlschlusses, wonach aus einem Sein kein Sollen, bzw. aus
deskriptiven Eigenschaften keine normativen Imperative abgeleitet werden
können, nicht haltbar
[7].
Die Norm, wie Natur sein soll, läßt sich nie daraus ableiten, wie
Natur ist, ebensowenig wie sich die Norm, wie eine ökologische
Gesellschaft aussehen soll, nie daraus ableiten läßt, wie Strukturen
und Prozesse in der Natur sind. Natur selbst kann also nie als Maßstab
für eine ökologische, Natur erhaltende Politik dienen. Somit
wäre für eine nicht-relativistische Politik nichts gewonnen, selbst
wenn die essentialistischen, extra-diskursiven Eigenschaften der Natur
zugänglich wären. Auch eine essentialistische Position kann demnach
nicht verhindern, daß sich Politik in einer kontingenten, diskursiven
Sphäre bewegt, in der keine klare, letztbegründete Wahl zwischen
konkurrierenden Optionen getroffen werden kann. Auch der Wille zur
ökologisch nachhaltigen Transformation wird nicht von der Natur
vorgegeben, sondern muß sich im politischen Diskurs als normative
Entscheidung manifestieren. Auf der Basis eines diskursiven Naturbegriffs ist
Politik und ökologische Politik demnach genauso viel und so wenig
möglich, wie auf Grund einer essentialistischen Position.
Im
folgenden soll nun argumentiert werden, daß auch eine
nicht-konstruktivistische Position keinen singulären, nicht-kontingenten
Naturbegriff zu legitimieren im Stande ist, sondern selbst ein partikulares
Konzept der Natur universalisiert und so einen Relativismus zwischen
Naturbegriffen nur verschleiert. Wie die vorangegangene postmoderne Analyse
impliziert, ist jeder Naturbegriff immer schon diskursiv, sozio-kulturell
konstruiert und damit das Produkt von Macht-Wissen Diskursen. Manche
Konstruktionen erlangen allerdings einen hegemonialen Einfluß, um so
einen spezifischen Diskurs eines Naturbegriffs durch Macht zu generalisieren.
Bestimmte Diskurse sind demnach in der Lage, ihren Naturbegriff so zu
konzeptualisieren, daß er als natürlich, ahistorisch und
unvermeidlich anerkannt wird und damit eine hegemoniale Stellung erlangt, wobei
andere Naturkonzepte marginalisiert werden. In dieser Strategie der
Immunisierung gegen alternative Konstrukte wird ein spezifischer, partikularer
Diskurs durch Rekurs auf Natürlichkeit universalisiert, obwohl auch dieser
nur eine subtile Konstruktion darstellt, welche ihren hegemonialem Anspruch nur
durch Machtausübung aufrechterhalten kann (vgl. u.a. Vogel 1996: 9,
Haraway 1988: 584ff). Durch einen Mechanismus der 'doppelten Projektion' wird
dabei diskursiv ein Naturbegriff konstruiert, dieser in die Natur projiziert,
dort essentialisiert und als natürliche Natur definiert, um dann wieder
zurück auf den Diskurs projiziert und als extra-diskursive Natur
wahrgenommen zu werden. Natur stellt demnach immer schon ein diskursives
Konstrukt dar, wird aber im Rahmen universeller Naturkonzepte durch die
Vorherrschaft eines Diskurses als gespiegelte Realität präsentiert.
Die Hegemonie eines spezifischen Naturbegriffs wird demnach letztlich nicht
durch eine besondere Kongruenz zur extra-diskursiven Natur, sondern durch
Machtbeziehungen aufrechterhalten und legitimiert. Ein Diskurs, der dabei
vorgibt, die Natur als solche zu repräsentieren und damit nicht auf Macht
zu basieren, ist dann aber, so Judith Butler, die brutalsten Form der
Machtausübung. "[T]he recourse to a position ... that places itself beyond
the play of power, and which seeks to establish the metapolitical basis for a
negotiation of power relations, is perhaps the most insidious ruse of power"
(Butler 1992: 6). Auch der Naturbegriff der Moderne, welcher eine universelle
Geltung beansprucht, kann also seine Gültigkeit nicht durch eine gesichert
begründete Korrespondenz zur extra-diskursiven Realität, sondern nur
durch Ausübung von Macht gegenüber konkurrierenden Naturbegriffen
legitimieren. Ein Relativismus der unentscheidbaren Wahl zwischen
unterschiedlich konzeptualisierten Naturbegriffen wird demnach durch den
Naturbegriff der Moderne nicht verhindert, sondern letztlich nur verschleiert,
da Naturbegriffen, welche nicht den im Diskurs der Moderne festgelegten Normen
entsprechen, einfach die Legitimation abgesprochen wird. Die in der Moderne
benützten Kriterien zur Entscheidung zwischen inter- und intradiskursiv
konkurrierenden Naturbegriffen bleiben immer kontingente intradiskursive
Kriterien der Moderne selbst, welche nicht extra-diskursiv beurteilbar sind.
Eine Vermeidung des Relativismus wird also in der Moderne nur durch die
hegemoniale Universalisierung einer partikularen Position und damit
ausschließlich durch Machtausübung erreicht.
Abschließend
kann deshalb festgestellt werden, daß nicht-konstruktivistische
Positionen einen unumgänglichen Relativismus nur verschleiern, indem sie
ihre partikulare Konstruktion von Natur hegemonial durch Macht
universalisieren. Eine postmoderne ökologische Theorie kann deshalb den
Relativismuseinwand auf Grund einer unumgänglichen Kontingenz nicht
widerlegen, sondern muß dessen Implikationen als große theoretische
Herausforderung begreifen.
d.
Der Idealismuseinwand
Schließlich
wird gegen einen diskursiven Naturbegriff im speziellen und gegen postmoderne
Ansätze im allgemeinen immer wieder der Idealismuseinwand vorgebracht,
wonach eine solche Position impliziert, daß erst der Diskurs die
materielle Realität erschafft, welche ohne den Diskurs noch gar nicht
existiert hat
[8].
Der Diskurs determiniert und erzeugt damit materielle Strukturen, die vor den
diskursiven Prozessen nicht vorhanden waren. Dies würde bedeuten,
daß begriffliche Konstruktionen oder Bewußtseinsphänomene
Materie und materielle Strukturen direkt erschaffen und so Materie letztlich
das Produkt begrifflicher Konstruktionen darstellt. Diskursive
Äußerungen und Sprache ließen also entstehen, was sie benennen
und soziale Konstruktionen generierten, was sie bezeichnen. Das Objekt wird
demnach erst im Moment der diskursiven Expression durch das Subjekt produziert,
weshalb es vor dieser diskursiven Expression nicht existierte, sondern seine
materielle Existenz erst durch den Diskus erhält. Der postmoderne
Idealismus impliziert so eine Kausalität vom symbolischen Konzept zum
materiellen Objekt und muß somit davon ausgehen, daß das diskursive
Konzept die generative Ursache für das materielle Objekt darstellt. "In
such theories ... consciousness ... is seen as producing the material world"
(Ebert 1996: 89, vgl. dazu auch ebd.: 33ff, 199, Feministische Studien 36-37).
In
postmodernen Ansätzen manifestieren sich solche idealistischen
Implikationen besonders deutlich in Theorien des Wandels und der
Transformation, welche versuchen zu theoretisieren, wie sich ein stabiler
hegemonialer Diskurs und subordinative soziale Realität destabilisieren
und letztlich verändern ließen. Vor allem in Konzepten wie
Resignifikation (Butler 1995: 168) oder Remetaphorisierung (Cornell 1991: 107,
167) wird davon ausgegangen, daß eine subversive Recodierung der
symbolischen Begriffe im Diskurs eine gesellschaftliche Transformation der
materiellen Realität auszulösen wird. Eine solche Vorstellung von
Transformation impliziert, daß durch eine bloße Umdeutung der
Begriffe direkt materielle Strukturen transformiert werden können (vgl.
z.B. Ebert 1996: 165, 191). Eine Reformulierung der diskursiven Konzepte
würde demnach zu einer Restrukturierung der materiellen Welt führen.
Gesellschaftliche Transformation wäre ausschließlich ein
konzeptionelles Problem des Diskurses, dessen Veränderung automatisch eine
Transformation der Realität nach sich ziehen würde. Durch einen
diskursiven Reduktionismus reduzieren solche postmodernen Ansätze der
Transformationen Realität und Materialität ausschließlich auf
Diskurs. Zudem machen sie sich durch die Ableitung von materiellen
Veränderungen aus diskursiven Veränderungen einem idealistischen
Fehlschluß schuldig, bei dem einen kausale Beziehung der Verursachung
zwischen symbolischen Konzepten und materiellen Objekten, bzw. Strukturen
angenommen wird (vgl. ebd.: 40).
Diese
Form des Idealismus unterscheidet sich dabei vom Solipsismus dahingehend,
daß im Solipsismus angenommen wird, die Realität sei ein reines
Bewußtseinsphänomen und damit materiell nicht existent. Im
Solipsismus wird deshalb die Existenz der extra-diskursiven Realität
gänzlich geleugnet und angenommen, daß das, was
fälschlicherweise für materielle Wirklichkeit gehalten würde,
eigentlich Diskurs, Text und Sprache darstellt. Der Idealismus dagegen
anerkennt die tatsächliche Existenz der materiellen Realität, nimmt
dabei aber an, daß diese Wirklichkeit erst als Produkt des Diskurses
entsteht und vorher nicht vorhanden war. Wird im Solipsismus also
extra-diskursive Wirklichkeit ganz geleugnet, so wird deren materielles Dasein
im Idealismus zwar akzeptiert, aber als erst durch den Diskurs erschaffenes
Produkt des Symbolischen betrachtet.
Aus
der Sicht postmoderne-kritischer Positionen sind solche idealistischen
Annahmen, die einem diskursiven Naturbegriff zugrunde liegen, unhaltbar, da
hierbei von naiven Vorstellungen über die materielle Realität
ausgegangen wird. Es scheint sowohl theoretisch, als auch empirisch nicht
haltbar zu sein, daß die materielle Wirklichkeit ein Produkt diskursiver
Prozesse und damit eine Schöpfung des Menschen darstellt.
Postmodern-idealistische Ansätze schließen dabei
fälschlicherweise von der These einer diskursiven Mediation der
Materialität auf eine diskursive Produktion der materiellen Wirklichkeit.
"... [T]he fact that we understand reality through languge does not mean that
reality is made by language" (Ebert 1996: 27). Aus diesem Grund, so die
Schlußfolgerung, ist die postmoderne Argumentation theoretisch
inkohärent und muß abgelehnt werden. Auch ein diskursiver
Naturbegriff, der ebenfalls auf idealistischen Grundlagen beruht, ist deshalb
nicht haltbar.
Den
von postmoderne-kritischen Positionen vorgebrachten Einwänden gegen einen
Idealismus ist nichts hinzuzufügen, da idealistische Annahmen in der Tat
theoretisch nicht haltbar sind und abgelehnt werden sollten. Allerdings
vertreten postmoderne Ansätze keinen Idealismus, weshalb der
Idealismuseinwand auf einem interpretativen Mißverständnis des
diskursiven Naturbegriffs beruht. Einige postmodern informierte Ansätze
sprechen sich dabei sogar explizit gegen idealistische Interpretationen ihrer
Argumentation aus: "Die Behauptung, jener Diskurs sei formierend, ist nicht
gleichbedeutend mit der Behauptung, er erschaffe, verursache oder mache
erschöpfend aus, was er einräumt; wohl aber wird damit behauptet,
daß es keine Bezugnahme auf einen reinen Körper gebe, die nicht
zugleich eine weitere Formierung dieses Körpers wäre" (Butler 1995:
33). Keine postmoderne Position behauptet also, daß die materielle
Wirklichkeit oder die Natur durch Sprache erschaffen werde, sondern es wird
lediglich argumentiert, daß die materielle Realität
ausschließlich diskursiv zugänglich ist. Einem diskursiven
Naturbegriff zufolge ist demnach auch vor dem Diskurs und ohne ihn eine
materielle, extra-diskursive Wirklichkeit vorhanden, welche aber erst durch den
Diskurs zugänglich, erfahrbar und kategorisierbar wird. Zu behaupten, die
Realität sei nur diskursiv zugänglich bedeutet nicht anzunehmen, sie
werde erst durch den Diskurs produziert. Materialität existiert deshalb
auch ohne diskursive Prozesse, aber erst im Diskurs werden Konzepte
konstruiert, die Begriffe wie Körper, Natur und Materialität
überhaupt erst sinnvoll werden lassen. Wie eine durchaus vorhandene
extra-diskursive Wirklichkeit aussieht ist deshalb begrifflich überhaupt
nicht ausdrückbar, da jede Benennung automatisch zu einer diskursiven
Konzeptionalisierung führt (vgl. Cornell 1991: 26f). Extra-diskursive
Realität wird demnach notwendigerweise erst durch diskursive
Konstruktionen benennbar, erlebbar und wahrnehmbar, was jedoch nicht bedeutet,
daß sie durch diese diskursive Kategorisierung generiert würde. Auf
Grund eines interpretativen Mißverständnisses der Intentionen eines
diskursiven Naturbegriffs ist deshalb der Idealismuseinwand nicht haltbar.
Dennoch
verweist dieser Einwand, so soll nun argumentiert werden, auf ein zentrales
theoretisches Vakuum postmoderner Ansätze. Solche Ansätze sind
momentan nicht in der Lage adäquat zu theoretisieren, wie diskursive
Konstruktionen die materielle Realität generieren, d.h. wie der
Zusammenhang zwischen begrifflich-konzeptioneller und materieller Dimension,
zwischen Diskurs und Natur, zwischen Konstruktion und Materialität
theoretisch zu erfassen ist. "... [T]he issue is how we
explain
the relation of the discursive to the nondiskursive, the relation of cultural
practices to the 'real existing world'" (Ebert 1996: 42). Die zentrale Frage,
welche die Diskussion des Idealismuseinwandes aufwirft, ist also, wie das
Verhältnis zwischen diskursiven Praktiken und der extra-diskursiven
Realität adäquat theoretisiert werden kann und wie die
Strukturierungs- und Kategorisierungsleistungen des Diskurses in Bezug auf die
materielle Wirklichkeit genau theoretisch zu erfassen sind. Wie ist demnach der
Zusammenhang zwischen dem Diskurs über die Natur und der
extra-diskursiven, diskursunabhängigen Natur und wie die Beziehung
zwischen Diskurs, Konstruktion und Materialität, Realität und
Wirklichkeit? Eine postmoderne Theorie der diskursiven Naturbegriffe erfordert
deshalb die Ausarbeitung einer postmodern-diskursiven Theorie der
nicht-essentialistischen Materialität, welche bisher noch nicht absehbar
ist. Der Idealismuseinwand stellt demnach die These eines diskursiven
Naturbegriffs nicht in Frage, sondern verweist auf deren fundamentale
theoretische Schwachstelle, die bisher noch nicht befriedigend gefüllt
werden konnte.
4.
Zusammenfassung
In
diesem Papier wurde für die Notwendigkeit eines diskursiven Naturbegriffs
im Rahmen einer sozialwissenschaftlichen ökologischen Theorienbildung
argumentiert. Da jeder Naturbegriff das Produkt von Macht-Wissen Diskursen
darstellt, wurde dabei gegen ein singuläres, homogenes Konzept der Natur
zu Gunsten einer Multiplität diskursiver Naturbegriffe eingetreten. Zur
Vermeidung totalisierender Hegemonien scheint dabei ein radikaldemokratisches
Projekt angemessen, um so möglichst viele Stimmen an der
Konzeptualisierung multipler Naturbegriffe zu beteiligen. In einer
anschließenden Diskussion zentraler Einwände gegen den diskursiven
Naturbegriff wurde gezeigt, daß der Solipsismus- und Subsumierungseinwand
auf Mißinterpretationen basieren und deshalb den Intentionen eines
diskursiven Naturbegriffs nicht gerecht werden. Kontingente Implikationen, wie
sie im Relativismuseinwand vorgebracht werden, stellen hingegen eine
unvermeidliche Konsequenz diskursiver Geltungsansprüche dar und sind nicht
vermeidbar, sondern können nur entweder verschleiert oder expliziert
werden. In der Diskussion des Idealismuseinwands wurde schließlich
argumentiert, daß der Idealismusvorwurf zwar nicht haltbar ist, dieser
Einwand aber auf ein zentrales theoretisches Vakuum der postmodernen Position
hinweist.
Abschließend
kann also festgestellt werden, daß eine ökologische Theorie ein
diskursives Konzept der Natur in ihre Theorienstruktur einbinden muß, um
sich als ökologische, soziale und politische Theorie damit
auseinanderzusetzen. Die vorangegangene Diskussion impliziert somit eine
postmoderne Wende in der ökologischen Theorienbildung und die Ausarbeitung
eines diskursiven Naturbegriffs. Viele Implikationen eines solchen Ansatzes
sind dabei verwirrend, widersprüchlich, paradox, problematisch und
ambivalent, aber letztlich unvermeidlich. Zudem kann eine solche postmoderne
Position die Basis für eine ökologische und emanzipative Alternative
bieten. Das Konzept diskursiver Naturbegriffe ist somit keine Gefahr für
die ökologische Theorienbildung, sondern ihre größte
Herausforderung.
5.
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[1] Die
hier diskutierten vier Einwände gegen einen diskursiven Naturbegriff im
allgemeinen lassen sich deshalb auch auf die feministische Kategorie des
biologischen Geschlechts im speziellen beziehen und stellen damit zudem eine
Verteidigung der Dekonstruktion von 'Sex' im Rahmen des postmodernen Feminismus
dar. Vor allem die Solipsismus-, Relativismus- und Idealismuseinwände
tauchen in unterschiedlichen Spielarten immer wieder in der feministischen
Diskussion auf.
[2] Selbstverständlich
soll hier nicht impliziert werden, daß die Epistemologie der Moderne als
homogener Diskurs betrachtet werden kann. Es gibt erhebliche Unterschiede
zwischen den unterschiedlichen epistemologischen oder
wissenschaftstheoretischen Positionen der Moderne. Dennoch ist allen diesen
Ansätzen zumindest die Korrespondenztheorie der Wahrheit und die These der
Kumulativität des Wissens gemeinsam. Die hier dargestellten
epistemologischen Grundlagen können deshalb als für die Moderne
typisch betrachtet werden.
[3] Vgl.
zu dieser Rekonstruktion der Epistemologie der Moderne Flax 1992: 447ff.
[4] Theorien
der radikalen Demokratie stellen einen komplexen und ausdifferenzierten Diskurs
dar, der hier nicht adäquat diskutiert werden kann; vgl. hierzu z.B.
Holland-Cunz 1998.
[5] Als
wesentliche Kritik an Butlers Theorie der diskursiven Formierung des
biologischen Geschlechts taucht der Solipsismuseinwand auch immer wieder in der
Diskussion um den postmodernen Feminismus auf (vgl. z.B. Weber 1997,
Feministische Studien 1993, Duden 1993). Die nachfolgende Klärung dieses
Einwandes läßt sich deshalb auch auf den feministische Diskurs
beziehen.
[6] Verschiedene
Autoren argumentieren, daß sich das Relativismusproblem in einer
nicht-modernen Theorie gar nicht stellt, da der Universalismus-Relativismus
Dualismus selbst ein Konstrukt der Moderne darstellt. Wer also einen
Relativismus postulierte, bliebe selbst noch in den Kategorien der Moderne
verhaftet (vgl. z.B. Haraway 1988: 584, Latour 1993: 91-126).
[7] vgl.
ausführlicher zur Diskussion und Argumentation des naturalistischen
Fehlschlusses u.a. Pfordten 1996: 126ff.
[8] Der
Idealismuseinwand taucht explizit in der ökologischen Diskussion um einen
diskursiven Naturbegriff noch kaum auf; er stellt aber eine zentrale Kritik am
Konzept der diskursiven Konstruktion des biologischen Geschlechts dar, kann
aber auch auf den postmodernen Naturbegriff bezogen werden. Die nachfolgend
diskutierten Vorwürfe stammen deshalb vor allem aus der Diskussion um
postmoderne Feminismen.
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