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Erste Erlanger Graduiertenkonferenz: Postmoderne Diskurse zwischen Sprache und Macht vom 20-22. November 1998


Die diskursive Konstruktion von Natur als Produkt von Macht-Wissen Diskursen: Für eine postmoderne Wende in der ökologischen Theorienbildung

Johannes Dingler

1. Einleitung

In der sozialwissenschaftlichen Theorienbildung gewinnen postmoderne Ansätze schon seit einiger Zeit zunehmend an Einfluß. In unterschiedlichen Disziplinen haben postmoderne Trends zu heftigen Kontroversen und gänzlich neuen theoretischen Paradigmen geführt. Ganz im Gegensatz zu diesen Tendenzen und bis auf wenige, noch sehr unsystematische Ausnahmen wurden postmoderne Ansätze dagegen in der ökologischen Theorienbildung und in Theorien der ökologischen Krise bisher vollkommen ignoriert. Obwohl die Gründe hierfür vielfältig sind, wird doch meist implizit von einer grundsätzlichen Inkommensurabilität von postmodernen Ansätzen und ökologischen Theorien ausgegangen und angenommen, beide Theorietraditionen würden sich notwendig gegenseitig ausschließen (vgl. z.B. Soper 1995: 4ff).
Ausgehend von dieser Ausgrenzung postmodernen Gedankenguts aus der ökologischen Theorie wird die Diskussion um einen diskursiven Naturbegriff im ökologischen Diskurs praktisch nicht geführt. Implizit basieren dabei alle ökologischen Ansätze größtenteils auf einem 'essentialistischen' Naturbegriff, der ganz in der epistemologischen Tradition der Moderne steht. Da ein solcher essentialistischer Naturbegriff meist als unproblematisch vorausgesetzt wird, stellt sich die Frage nach der Natur der Natur und ihrer sozialen Konstruktion innerhalb ökologischer Theorien kaum.
Nachfolgend soll deshalb für eine postmoderne Wende in der ökologischen Theorienbildung und für eine verstärkte Integration postmoderner Ansätze in Theorien der ökologischen Krise argumentiert werden. Im Zentrum einer solchen postmodernen ökologischen Theorie sollte dabei eine Neukonzeptualisierung des Naturbegriffs stehen, bei der ein diskursives Konzept der Natur entwickelt werden sollte. Die Grundlagen eines solchen sozial konstruierten Konzepts der Natur sollen deshalb in den folgenden Ausführungen dargestellt werden. Dazu wird zunächst kurz der hier verwendete Begriff der Postmoderne eingegrenzt, um plausibel zu machen, daß aus der postmodernen Analyse ein Sozialkonstruktivismus folgt, der auch auf den Begriff der Natur angewandt werden muß.
Wie schon angedeutet, bietet der ökologische Diskurs bisher wenige Anhaltspunkte für die Rekonstruktion eines postmodernen Naturbegriffs. Wesentliche Impulse für eine Theorie des diskursiven Naturbegriffs und zentrale Argumentationslinien von Einwänden gegen ein solches Konzept können allerdings aus den neueren Debatten um den postmodernen Feminismus abgeleitet werden. Der biologische Körper als paradigmatische Konzeption von Natur wird in dieser Strömung des Feminismus zunehmend dekonstruiert und als diskursives Konstrukt neu konzeptualisiert. Vor allem Judith Butler's Ansatz der Dekonstruktion des biologischen Geschlechts, bei dem die bisher als gesellschaftsunabhängig betrachtete 'Sex-Komponente' der feministischen 'Sex-Gender' Unterscheidung als soziale Konstruktion theoretisiert wird, impliziert ein Konzept des natürlichen Körpers und der Materialität, das mit einem diskursiven Naturbegriff konvergiert (vgl. Butler 1995). Der Diskurs des postmodernen Feminismus kann so wesentliche Anhaltspunkte und Diskussionsbeiträge für eine Theorie des diskursiven Naturbegriffs liefern und nimmt so der ökologischen Theorienbildung die These eines sozial konstruierten Konzepts der Natur vorweg (vgl. Holland-Cunz 1996). Einige nachfolgend diskutierte Linien der Kontroverse, die in den ökologischen Diskurs noch keinen Einzug gefunden haben, sind deshalb von der feministischen Diskussion informiert [1] (vgl. z.B. Ebert 1996, Feministische Studien 1993).
Gegen ein langsam aufkommendes diskursives Konzept der Natur werden in der ökologischen Theorie, aber auch im feministischen Diskurs kritische Einwände laut, welche einen sozial konstruierten Naturbegriff als inkonsistent, unangemessen und gefährlich für die sozialwissenschaftliche Theorienbildung erachten. Deshalb sollen der Solipsismus-, Subsumierungs-, Relativismus- und Idealismuseinwand dargestellt werden, um in einer anschließenden Diskussion zu zeigen, daß die ersten drei Einwände entweder auf interpretativen Mißverständnissen und Kategorienfehlern beruhen oder Konsequenzen postulieren, die den Intentionen einer These der sozialen Konstruktion der Natur nicht entsprechen. Auch der Idealismuseinwand stellt ein diskursives Konzept der Natur nicht in Frage, verweist aber, wie gezeigt werden soll, letztlich auf ein zentrales theoretisches Vakuum der postmodernen Theorienbildung. Eine postmoderne Wende mit der Implikation multipler diskursiver Naturbegriffe, so soll schließlich argumentiert werden, ist für die ökologische Theorienbildung letztlich unvermeidlich. Durch eine Darstellung und Verteidigung eines diskursiven Naturbegriffs sollen die folgenden Ausführungen deutlich machen, daß postmoderne Einflüsse vorschnell aus der ökologischen Theoriebildung ausgeschlossen wurden und so ihre Fruchtbarmachung allzu lange verhindert worden ist.

2. Der Begriff der Postmoderne

Im folgenden soll der in diesem Papier verwendete Begriff der Postmoderne kurz diskutiert werden, um zu zeigen, daß aus der postmodernen Argumentation ein Sozialkonstruktivismus folgt, der auch auf den Begriff der Natur angewandt werden muß.
Generell soll Postmoderne nicht als soziokulturelle Position betrachtet werden, bei der die Frage diskutiert wird, ob eine diskontinuierliche Transformation der Struktur der Moderne stattgefunden hat, sondern Postmoderne wird hier vorrangig als epistemologische Position aufgefaßt. Die postmoderne Kritik richtet sich deshalb zunächst gegen den 'foundationalism' der Moderne, einer Epistemologie, die von einer objektiven, ahistorischen, transkulturellen und durch Rationalität zugänglichen Wahrheit ausgeht [2]. Zentrale Prämisse der Moderne ist dabei, daß ein universelles Wissen durch methodische Vernunft möglich ist, das, sofern einmal erkannt, für alle Menschen zu allen Zeiten gleichermaßen Gültigkeit besitzt. Erkenntnis ist demnach eine direkte unverfälschte Repräsentation der dem Subjekt externen Realität. Gemäß dieser 'Korrespondenztheorie der Wahrheit' ist die externe Realität zum einen direkt durch das rationale Subjekt zugänglich und läßt sich zum anderen im Wissen in ihrem charakteristischen Eigenwesen unverzerrt abbilden. Konzeptionelle Begriffe, wissenschaftliche Theorien und durch Vernunft begründete Wahrheitsaussagen haben so den Anspruch, Realität unverfälscht zu spiegeln. Wissen als entdeckte Repräsentation der externen Welt ist dabei unabhängig von Herrschaftsbeziehungen und vom sozialen, politischen, kulturellen und historischen Kontext des erkennenden Subjekts, so daß jede Erkenntnis prinzipiell für jedes Subjekt zu jedem Zeitpunkt identisch und gleichermaßen gültig wäre [3]. "Any rational subject apprehending or operating properly on the same object would arrive at the identical truth about it" (Flax 1993: 48). Eine solche Epistemologie basiert implizit auf einem "...god trick of seeing everything from nowhere..." (Haraway 1988: 581, vgl. auch Hayles 1995: 49), bei dem von einem neutralen Beobachtungsstandpunkt ausgegangen wird, von dem aus zwischen konkurrierenden Geltungsansprüchen entschieden werden kann, um so eine nicht-kontingente, universelle Erkenntnis zu erhalten. Da Wissen deshalb als kongruent zur Realität betrachtet wird, ist Erkenntnis kumulativ, d.h. einmal erlangtes Wissen ist universell gültig, offenbart einen weiteren Teil der Realität und geht auch durch neue Erkenntnis nicht mehr verloren.
Ausgehend von dieser Epistemologie vertreten Positionen der Moderne implizit einen Essentialismus, da die Existenz einer unwandelbaren Essenz der Realität angenommen wird, welche zudem als Repräsentation abbildbar und somit erkennbar ist. Der Essentialismus nimmt dabei die Existenz von spezifischen prä-sozialen, statischen und homogenen Eigenschaften an, die im biologischen, physischen oder metaphysischen Wesen einer Entität inhärent vorhanden sind. Diese wesenhaften Eigenschaften, so wird angenommen, sind zudem auch als solche, durch eine Repräsentation, die zur Essenz der Entität korrespondiert, erkennbar. Der Essentialismus geht also sowohl von einer unwandelbaren Realität, in der Essenzen vorhanden sind, als auch von einer Korrespondenztheorie der Wahrheit aus, durch die diese Essenzen erfaßt werden können.
Diese Epistemologie der Moderne bildet schließlich die Basis für weitere Begriffe und Grundannahmen im Begriffsnetzwerk der Moderne. Dabei wird der Anspruch auf neutrales, sicheres Wissen in einem Viersatz von Wissen, Wahrheit, Fortschritt und Emanzipation mit der Idee des fortschreitenden Fortschritts durch Rationalität verbunden. Die durch Vernunft generierte Wahrheit wird als universell gültig betrachtet, weshalb zunehmendes Wissen als Quelle für immerwährenden Fortschritt instrumentalisiert werden kann. Da dieses Wissen aber vor allem neutral, akontextuell und somit frei von Herrschafts-, Macht- und Autoritätbeziehungen ist, steht es nicht nur im Dienste privilegierter Gruppen, sondern bringt Nutzen und letztlich Emanzipation für alle Menschen. Die Grundideen der Moderne von Fortschritt, Emanzipation und der Befreiung von willkürlichen Autoritäten gründen so auf der Epistemologie eines sicheren, herrschaftsfreien Wissens durch Rationalität und der Anerkennung von Vernunft als einzig legitime Autorität (vgl. z.B. Flax 1993: 75ff).
Auf diesen epistemologischen Grundlagen basiert schließlich der vorherrschende Naturbegriff der Moderne, welcher auch die Basis der meisten ökologischen Theorien bildet. Im Rahmen dieses Naturbegriffs wird davon ausgegangen, daß die Natur ein stabiles, ihr immanentes Wesen besitzt und nicht-kontingente Gesetze in ihr wirken. Durch methodische Vernunft ist dieses Wesen der Natur und die ihr inhärenten Gesetze schließlich durch das Subjekt unabhängig vom Kontext erkennbar. Der Mensch ist so in der Lage, Wissen über die Natur, so wie sie sich auch unabhängig vom Menschen darstellt, zu erlangen. Diese Wissen kann dann zur Herrschaft über die Natur, aber auch zu ihrem Schutz und zu einer nachhaltigen Entwicklung angewandt werden. Der Naturbegriff der Moderne ist damit essentialistisch, da von einer Essenz der Natur ausgegangen wird, die zudem durch den Menschen erkennbar ist.
Die Postmoderne dekonstruiert nun die epistemologischen Grundlagen der Moderne und stellt deren objektivistischen und universalistischen Ansprüche fundamental in Frage. Die Metanarrative der Moderne werden dabei nicht als wahre Repräsentation von Realität interpretiert, sondern als privilegierte Diskurse spezifischer sozial und historisch situierter Gruppen (vgl. Gare 1995: 4). Geltungsansprüche werden dem zufolge immer innerhalb von Diskursen postuliert, weshalb Aussagen über die extra-diskursive Realität immer diskursabhängig sind. Deshalb wird von der Postmoderne auch die Existenz eines neutralen Beobachtungsstandpunktes, eines extra-diskursiven Referenzpunktes geleugnet, von dem aus zwischen konkurrierenden Geltungsansprüchen entschieden werden könnte (vgl. Gare 1995: 58ff, Flax 1992: 452). "A Discourse as a whole cannot be true or false because truth is always contextual and rule dependent. ... No discourse-independent or transcendental rules exist that could govern all discourses or a choice between them. Truth claims are in principle 'undecidable' outside or between discourses. This does not mean that there is no truth but rather that truth is discourse dependent" (Flax 1992: 452). Zur Entscheidung zwischen Diskursen stehen demnach keine Metakriterien zur Verfügung, die es erlauben, den Diskurs zu wählen, der extra-diskursive Realität besser repräsentiert. Da kein neutraler, ahistorischer Standpunkt existiert, von dem aus ein privilegierter Zugang zu Erkenntnis möglich wäre und Wissen demnach prinzipiell innerhalb eines Diskurses konstruiert wird, kann dieses Wissen auch nicht unabhängig vom Kontext des Diskurses sein. Daraus folgt, daß Erkenntnis keine direkte, unverzerrte Korrespondenz zwischen extra-diskursiver Realität und Repräsentation im Wissen darstellt und so keine nicht-kontingente Kongruenz zwischen Repräsentation und Wirklichkeit besteht. Somit ist Erkenntnis immer partiell, situiert und historisch kontingent und steht in Relation zum sozialen, historischen und kulturellen Kontext und der spezifischen Erfahrung des erkennenden Subjekts innerhalb eines Diskurses (vgl. Haraway 1988: 581ff). Diese postmoderne Neufassung des Erkenntnisbegriffs bedeutet aber nicht, daß keine Erkenntnisaussagen mehr möglich sind, sondern nur, daß jeder Wahrheitsanspruch ausschließlich innerhalb des Kontextes eines Diskurses Gültigkeit besitzt. Kein Standpunkt zur Produktion von Wahrheit ist deshalb privilegiert, sondern jede Lokation generiert ein partielles, fragmentiertes Wissen in einem multiplen Netzwerk von Wahrheitsansprüchen (vgl. Flax 1993: 50).
Auf Grund des Fehlens eines neutralen, externen Referenzpunktes sind interdiskursive Entscheidungen und die Formierung intradiskursiver Regeln notwendig an Machtbeziehungen gebunden, durch die eine prä-diskursive Auswahl getroffen wird. Ansprüche von Wissen sind demnach gemäß postmodernen Ansätzen nicht neutral, akontextuell und frei von Autoritätsbeziehungen, sondern notwendig an Macht geknüpft. Die Postmoderne betont so die prinzipiell unumgängliche Relation zwischen Erkenntnis und Macht, weshalb Macht eine konstituive Komponente in diskursiven Prozessen darstellt (vgl. Butler 1992: 6ff). Alle Geltungsansprüche sind so letztlich das Produkt von Macht-Wissen Diskursen innerhalb eines spezifischen historisch-kulturellen Kontextes und besitzen keine universelle, ahistorische Gültigkeit. Wissenspostulate erhalten also durch Relationen der Macht ihre Stabilität und Autorität, können dabei aber ständig herausgefordert, in Frage gestellt, neu ausgehandelt werden und sind so wandelbar (vgl. z.B. Best, Kellner 1991: 48ff).
In einem Diskurs werden aber immer bestimmte Wissensansprüche, Wissensformen, Regeln und Strukturen durch Macht privilegiert, andere dagegen ausgeschlossen und marginalisiert. Bestimmte diskursive Formationen können so eine Hegemonie innerhalb eines Diskurses erlangen und präsentieren eine dominierende Konzeptualisierung von Wissen. Spezifische Konstruktionen besitzen also durch bestimmte Machtbeziehungen Vorherrschaft und sind damit in der Lage, den diskursiven Prozeß zu disziplinieren, normieren und zensieren, wodurch bestimmte Wissensansprüche, Regeln und Kriterien bevorzugt werden. Ansprüche der Geltung von nicht-hegemonialen Diskursen werden dabei ausgeschlossen, weniger wahrscheinlich oder subordiniert. Bestimmte hegemoniale Diskurse können durch besondere Machtbeziehungen und Reproduktionsmechanismen eine erstaunliche Stabilität erreichen und alternative Diskurse soweit marginalisieren, daß der hegemoniale Diskurs als homogen, alternativlos und ohne Opposition erscheint (vgl. z.B. Maihofer 1995: 81).
Der Diskurs der Moderne, mit seinem universalistischen, ahistorischen Anspruch, kann als ein solcher extrem stabiler hegemonialer Diskurs eingeschätzt werden. Die universalistischen Ansprüche der Epistemologie der Moderne beruhen somit letztlich nur auf der hegemonialen Privilegierung eines speziellen diskursiven Standpunktes durch Macht. Auch der Naturbegriff der Moderne, welcher durch Wissenschaft beschrieben wird und sich selbst als alternativlose, wahre Repräsentation extra-diskursiver Realität präsentiert, ist aus dieser Sicht nur eine hegemoniale Konzeptualisierung von Natur innerhalb eines extrem stabilen Macht-Wissen Diskurses, der konkurrierenden Naturbegriffen jegliche Legitimität abspricht. Jede Form der universellen Geltungsansprüche sind daher für das postmoderne Denken totalisierend und subordinierend, da sie bestimmte Diskurse privilegieren und dabei andere Stimmen und Diskurse marginalisieren, subordinieren und ausschließen.
Wenn Erkenntnis aber keine nicht-kontingente Korrespondenz zwischen Repräsentation und externer Realität darstellt, sondern von den kontextuellen Bedingungen des Diskurses beeinflußt wird, dann bedeutet dies, daß jede Form von Wissen prinzipiell sozial konstruiert wäre. Geltungsansprüche sind deshalb das Produkt diskursiver Prozesse und Konstruktionen im Rahmen von spezifischen sozialen, kulturellen und historischen Kontexten. Aus der postmodernen Dekonstruktion der Epistemologie der Moderne folgt demnach ein Sozialkonstruktivismus innerhalb kontextueller Macht-Wissen Diskurse.
Da gemäß dem postmodernen Sozialkonstruktivismus keine nicht-kontingente Korrespondenz zwischen extra-diskursiver Realität und diskursiver Erkenntnis besteht, kann diese Realität nie so wie sie prä-diskursiv besteht erfahren werden. Das inhärente Wesen der extra-diskursiven Realität ist deshalb als solches nicht zugänglich und kann immer nur diskursiv konstruiert im Diskurs repräsentiert werden. Der postmoderne Sozialkonstruktivismus ist somit wesenhaft anti-essentialistisch. Damit wird allerdings nicht behauptet, daß die extra-diskursive Realität keine Essenz besitzen würde, sondern nur, daß diese Essenz in ihrem prä-diskursiven Eigenwesen nie erfahrbar ist (vgl. Flax 1992: 454). Sozial konstruierte Erkenntnis ist immer kontingent und wird so nie universelle, ahistorische und essentialistische Aussagen über das wie auch immer geartete prä-diskursive Wesen der Realität machen können.
Wenn aber aus epistemologischer Sicht ein Sozialkonstruktivismus prinzipiell unvermeidlich ist, so folgt hieraus, daß diese Position auch in Theorien der ökologischen Krise integriert werden muß. Deshalb soll hier für eine postmoderne Wende der ökologischen Theorienbildung argumentiert werden. Im Rahmen eines solchen postmodernen Ansatzes muß das Konzept der diskursiven Konstruktion letztlich auch auf den Begriff der Natur angewandt werden. Dabei soll der Naturbegriff nicht prinzipiell aufgegeben, sondern lediglich durch einen nicht-essentialistischen, postmodernen Naturbegriff ersetzt werden. Die vorangegangene Diskussion impliziert deshalb einen diskursiven Naturbegriff, bei dem die Konzeptionalisierung von Natur als soziale Konstruktion innerhalb spezifischer sozialer, kultureller und historischer Kontexte aufgefaßt wird. Da Aussagen über die Natur immer an Ansprüche von Wissen gekoppelt sind und sich Wissen diskursiv durch Macht konstituiert, ist jeder Naturbegriff als Ausdruck von Wissen über Natur das Produkt eines Macht-Wissen Diskurses. Erkenntnis von Natur und jede Aussage über ihr Wesen beinhaltet demnach immer eine diskursive Komponente, so daß Natur letztlich eine soziale Kategorie darstellt (vgl. Vogel 1996: 123, 133).
Da Konzepte von Natur also immer innerhalb von Macht-Wissen Diskursen konstruiert werden und nur in einem spezifischen Diskurs Geltung besitzen, folgt hieraus, daß kein einheitlicher, homogener Naturbegriff angenommen werden kann. Rationale Geltungsansprüche im Rahmen des Diskurses der Moderne sind deshalb nicht in er Lage, einen singulären, universellen Naturbegriff zu rechtfertigen, sondern jede Konzeptualisierung von Natur beinhaltet kontingente Wissens- und Geltungsansprüche im Kontext von Macht. Kein Naturbegriff ist demnach gegenüber anderen prinzipiell privilegiert, sondern konstituiert sich durch Macht in einem kontextuellen Netzwerk im Diskurs, weshalb unterschiedliche Naturbegriffe gleichzeitig denkbar sind. Es können deshalb interdiskursiv, aber auch intradiskursiv verschiedene Naturbegriffe konkurrieren und simultan einen Anspruch auf Gültigkeit erheben. Aus der postmodernen Argumentation der diskursiven Konstruktion von Natur folgt deshalb die Notwendigkeit der Anerkennung einer Multiplität von Naturbegriffen.
Eine postmoderne Neukonzeptualisierung des Naturbegriffs impliziert also, daß Naturbegriffe und der soziale Status der Natur immer als Produkt von Macht-Wissen Diskursen bestimmt sind und damit das Ergebnis politischer, kultureller, sozialer Diskurse darstellen. Natur darf nicht als essentialistische, ahistorische Kategorie betrachtet werden, deren Kontingenz durch hegemoniale Machtbeziehungen verschleiert wird, sondern muß als politische und soziale Kategorie anerkannt werden. Da der Naturbegriff damit immer politisch situiert und an Machtbeziehungen gebunden ist, folgt daraus die Notwendigkeit einer Repolitisierung des Naturbegriffs. Weil Natur aber unumgänglich an Machtbeziehungen innerhalb eines Diskurs gebunden bleibt, muß der Diskurs eines Naturbegriffs als fundamentaler Machtdiskurs aufgefaßt werden, in dem Konstellationen von Macht darüber entscheiden, welche Konzeptualisierungen der Natur akzeptiert und welche marginalisiert werden. Als diskursiv bestimmte Konzepte konkurrieren demnach immer verschiedene Naturbegriffe in einem Diskurs aber auch zwischen Diskursen. Die analytisch zentrale Frage ist deshalb, wessen Natur konstruiert wird (vgl. Cronon 1995: 51, vgl. dazu auch Flax 1992). Bei der Konzeptualisierung spezifischer Naturbegriffe muß deshalb immer in Betracht gezogen werden, wer Natur zu welchem Zweck auf was für eine Weise konstruiert.
Um die hegemoniale Konstruktion von Natur und die damit verbundene totalisierende Universalisierung partikularer Naturbegriffe und Marginalisierung alternativer Konzepte der Natur möglichst gering zu halten und eine Multiplität von Naturbegriffen zu garantieren, scheint ein radikaldemokratischer Naturbegriff von zentraler Bedeutung zu sein [4]. Nur in einem radikaldemokratischen Diskurs können möglichst viele Stimmen an der Konzeptualisierung multipler Naturbegriffe beteiligt werden, um so die Vorherrschaft weniger machtvoller Standpunkte und die totalisierende Hegemonie eines Naturbegriffs zu verhindern. In einem radikaldemokratischen Prozeß können so Konzepte der Natur diskursiv erarbeitet und immer wieder neu rekonzeptualisiert werden. Aus dem postmodernen Standpunkt folgt so schließlich, daß jede diskursive Konstruktion reflexiv ständig kritisierbar, herausforderbar und so veränderbar ist. Der Naturbegriff ist somit in diesem radikaldemokratischen Projekt nie statisch, homogen oder ahistorisch, sondern bleibt immer instabil und rekonstruierbar. Er bedarf immerwährend neuer Herausforderungen, Übereinkünfte, Konstruktionen und Rekonstruktionen und gerade dies bietet die Möglichkeit, unterschiedliche Naturbegriffe nebeneinander zu dulden (vgl. dazu auch Butler 1992: 8, 16). Das postmoderne, radikaldemokratische Projekt eines diskursiven Naturbegriffs der ökologischen Theorie fordert so eine instabile, ständig im Wandel begriffene Multiplität diskursiver Naturbegriffe.

3. Einwände gegen einen diskursiven Naturbegriff

Ein diskursiver Naturbegriff im Rahmen einer postmodernen Theorie ist für viele schwer akzeptierbar, da er scheinbar der alltäglichen Intuition widerspricht, Natur sei gerade das, was nicht auf menschlicher Konstruktion beruhe und damit gerade unabhängig vom Menschen sei. Von verschiedenen Seiten wird die These eines sozial konstruierten Naturbegriffs deshalb vehement kritisiert. Im folgenden sollen deshalb vier zentrale Einwände gegen ein diskursives Konzept der Natur - der Solipsismus-, der Subsumierungs-, der Relativismus und der Idealismuseinwand - vorgestellt werden, um in einer kritischen Diskussion zu zeigen, daß diese Einwände in der hier dargestellten Form nicht haltbar sind. Die Anerkennung der sozialen Konstruktion von Natur in der ökologischen Theorie ist deshalb, wie die Diskussion der vier Einwände zeigen wird, letztlich unvermeidlich.

a. Der Solipsismuseinwand

Dem Solipsismuseinwand zufolge impliziert ein sozial konstruierter Naturbegriff das Leugnen der materiellen Realität der Natur, da die außermenschliche und prä-soziale Wirklichkeit in ihrem vom Menschen unabhängigen Dasein negiert wird. Der Konstruktivismus bestreitet so die Existenz der extra-diskursiven Natur und anerkennt nur eine Wahrnehmung der Natur, die sich im sozialen Diskurs manifestiert. Sozialkonstruktivistische Ansätze basieren so auf der Grundannahme, "...es existiere nichts jenseits diskursiver bzw. kultureller Zuweisungen" (Weber 1997: 111). Natur ist demnach ausschließlich ein Bewußtseinsphänomen des Subjekts, ein im menschlichen Geist erschaffenes Trugbild ohne Korrelat zu einer gar nicht existenten extra-diskursiven Realität [5]. "[Social constructivist epistemology which leads] to a kind of human solipsism and denial of the real world existing independently of, and historically prior to, humans is at best arbitrary, and, more likely, it is nonsense" (Session 1996: 35). Da also keine der Natur immanenten biologische Prozesse existieren, wird im Konstruktivismus die unabhängige Materialität der Natur und ihre essentiellen Charakteristiken geleugnet. Natur ist demnach ausschließlich eine soziale Erfindung, ein im Diskurs geschaffenes Phänomen, das keine Kongruenz zur extra-diskursiven Realität aufweist, da diese gar nicht vorhanden ist (vgl. Soper 1995: 120, 133, 152, 249f). Aus diesem Solipsismus folgt schließlich, daß auch die ökologische Krise als solche gar nicht existiert, sondern nur ein Konstrukt in einem spezifischen historischen Diskurs darstellt. Als zynische Konsequenz leugnet eine sozialkonstruktivistische Position somit letztlich die diskursunabhängige Realität der ökologischen Krise. "In short, it is not language that has a hole in its ozone layer; and the 'real' thing continues to be polluted and degraded even as we refine our deconstructive insights at the level of the signifier" (ebd.: 151). Da dem Konstruktivismus demnach die materielle Wirklichkeit vollkommen egal zu sein scheint, weil nur diskursive Kontexte von Belang sind, wird dieser Standpunkt als eine wesenhaft anti-ökologische Position eingeschätzt.
Eine solche Interpretation des sozialkonstruktivistischen Naturbegriffs mißversteht aber vollkommen die Intentionen eines diskursiven Konzepts der Natur, da von keiner Vertreterin dieser Position die Existenz der extra-diskursiven Wirklichkeit bezweifelt wird. "It is worth repeating, then, that the discursive position is in no way 'idealist'. That is to say, it does not deny the reality of the physical, objective events in favor of some otherworldly ideal" (Bennett, Chaloupka 1993: xii). Eine konstruktivistische Position leugnet also nicht die Existenz der extra-diskursiven Realität der Natur, sondern nur die Möglichkeit eines nicht-diskursiven Zugangs zu ihr. Einem diskursiven Naturbegriff zufolge existiert die Natur durchaus unabhängig vom Menschen, die Perzeption dieser Natur findet aber immer im sozialen Diskurs statt. Da jeder Erkenntnisanspruch notwendigerweise im Rahmen eines Diskurses getroffen wird, ist es aus prinzipiellen Gründen unmöglich, Aussagen über die Natur zu machen, wie diese unabhängig vom Diskurs aussehen könnte. In dem Moment, in dem Natur benannt wird, ist sie schon im Rahmen eines Diskurses konzeptionell situiert und damit diskursiv konstruiert. "Man kann sich also nicht außerhalb der Sprache begeben, um Materialität an sich und von selbst zu begreifen... ." (Butler 1995: 99). Deshalb existieren auch ohne den Menschen biologische, materielle und physikalische Prozesse in der Natur, aber auch diese können nur diskursiv konstruiert wahrgenommen werden. In den Worten von William Cronon, einem Vertreter eines diskursiven Naturbegriffs: "[Nature] is a profoundly human construction. This is not to say that the nonhuman world is somehow unreal or a mere figment of our imaginations - far from it. But the way we describe and understand that world is so entangled with our own values and assumptions that the two can never be fully separated" (Cronon 1995: 25). So stellt er explizit fest: "The reality of nature is undeniable" (ebd.: 52). Demnach wird im diskursiven Naturbegriff auch nicht die Existenz der ökologischen Krise geleugnet, sondern nur die These vertreten, die Wahrnehmung dieser Krise sei notwendig im sozialen, kulturellen und historischen Kontext konstruiert.
Die Existenz der vor-diskursiven Realität wird also in der postmodernen Theorie nicht geleugnet, sondern sie ist sogar die Voraussetzung für jede diskursive Konstruktionen. Das Wissen um ihre Existenz ist aber letztlich die einzig inhaltliche Aussagen, die über die vor-diskursive Realität möglich ist. Das Wesen der extra-diskursiven Realität ist deshalb grundsätzlich unzugänglich, weshalb die prä-sozialen Charakteristiken der Natur dem Menschen immer verborgen bleiben werden. Es ist unmöglich zu wissen, ob die diskursive Repräsentation mit der nicht-konstruierten Realität übereinstimmt, da es keinen extra-diskursiven Standpunkt gibt, von dem aus Wirklichkeit so erkannt werden kann, wie sie sich unkonstruiert darstellt. Die Frage nach der kontextunabhängigen, objektseitigen Essenz der Natur ist so aus Sicht des Sozialkonstruktivismus eine epistemologisch sinnlose und prinzipiell unbeantwortbare Frage.
Neuere Entwicklungen einer sozialkonstruktivistischen Epistemologie machen aber deutlich, daß es durchaus eine Relation zwischen diskursiver Konstruktion und extra-diskursiver Realität gibt und demnach die extra-diskursive materielle Wirklichkeit nicht belanglos für das Zustandekommen von diskursiven Repräsentationen ist. Deshalb basiert ein diskursiver Naturbegriff nicht auf einer vollkommen beliebigen Konstruktion der extra-diskursiven Wirklichkeit, sondern es besteht eine gewisse Kongruenz zur repräsentierten Natur. Gemäß des Konzepts des "Constraint Constructivism" gibt die extra-diskursive Realität bestimmte Zwänge vor, an denen konstruierte Geltungsansprüche gemessen werden können (vgl. Hayles 1995: 52ff). Obwohl jede Erkenntnis der Natur in einem sozialen, kulturellen und historischen Kontext steht und damit notwendig eine diskursive Komponente beinhaltet, muß sie dennoch eine gewisse Konsistenz in Bezug auf die Interaktion mit der Realität aufweisen. Das Konzept der Zwänge gibt daher keinen Aufschluß darüber, wie extra-diskursive Realität beschaffen ist, sondern nur, ob eine diskursive Repräsentation konsistent mit der interaktiven Erfahrung ist, wodurch bestimmte Geltungsansprüche als inkonsistent eliminierbar sind. So können konkurrierende Geltungsansprüche parallel existieren, aber dennoch sind nicht alle Geltungsansprüche epistemologisch gleichwertig, sondern manche werden, trotz dem Fehlen eines neutralen Beobachtungsstandpunktes, als besser eingestuft als andere. Der "Constraint Constructivism" anerkennt damit, daß Erkenntnis weder von der extra-diskursiven Realität, noch vom diskursiven sozialen Kontext unabhängig ist.
Abschließend kann so also festgestellt werden, daß der Solipsismuseinwand aus Sicht des Sozialkonstruktivismus nicht haltbar ist.

b. Der Subsumierungseinwand

Dem Subsumierungseinwand zufolge impliziert ein diskursiver Naturbegriff, daß Natur nur ein kulturelles Konstrukt darstellt, das letztlich ganz unter Kultur subsumiert wird. Ein soziales Konstrukt Natur, ohne extra-diskursive Existenz kann deshalb allein aus menschlicher Sicht als kulturelle Konvention gedacht werden. Demnach kann es im Sozialkonstruktivismus keine natürliche Natur mehr geben, sondern ausschließlich kulturell produzierte, artifizielle Natur. Im konstruktivistischen Naturbegriff geht demnach vor allem, so der Vorwurf, die fundamentale Unterscheidung zwischen vom Menschen unberührter, natürlicher Natur und vom Menschen geschaffener, artifizieller Natur verloren. "...[I]f we do follow the suggestion of the constructivist rhetoric and view all embodied existence ... as equally artefactual, then some critically important distinctions between 'invented' and 'non-invented' nature will simply not be registered" (Soper 1995: 136). Indem Natur ausschließlich als kulturell geschaffene Natur konstruiert wird und sich so die Differenz zur nicht-artifiziellen Natur auflöst, kann eine ökologische Theorie letztlich nicht mehr den Erhalt der Natur ohne menschliche Intervention theoretisieren, da kein Unterschied zwischen menschlich veränderter und unberührter Natur mehr postuliert werden kann. Eine ökologische Theorie würde so zentrale kategoriale Unterscheidungen, die als Grundlage des Naturschutzes dienen, verlieren.
Da im diskursiven Naturbegriff alles Natürliche unter kulturell geschaffene Natur subsumiert wird, darf Natur demnach auch beliebig reproduziert, verändert und umgewandelt werden. Aus der fehlenden Unterscheidung zwischen natürlicher und artifiziell reproduzierter Natur folgt so die Legitimation zur totalen menschlich gewollten Umformung der Natur. "... [I]f Nature is a human social construction, then humans can 'reinvent Nature' ... in any way which suits our immediate interests and desires" (Session 1996: 33). Die These der kulturellen Konstruktion der Natur impliziert demnach die Erlaubnis zur vollkommenen Verwirklichung des Disneylandparadigmas, in dem nur noch reproduzierte, künstliche Natur existiert. Letztlich legitimiert ein diskursiver Naturbegriff so die immer weiter fortschreitende Zerstörung und totale menschliche Ausbeutung der Natur. "If nature is only a social and discursive construction, why fight hard to preserve it?" (Hayles 1995: 47). Ein diskursiver Naturbegriff wäre demnach unvermeidlicherweise anti-ökologisch und könnte nicht als Basis einer ökologischen Position dienen. Um die wichtige Unterscheidung zwischen nicht-artifizieller und menschlich geschaffener Natur weiter aufrechtzuerhalten und um die beliebige Reproduktion und fortschreitende Destruktion der Natur zu verhindern, muß deshalb, so die These, notwendigerweise ein nicht-konstruktivistischer Naturbegriff vertreten werden (vgl. Soper 1995: 141ff).
Dieser Subsumierungseinwand basiert allerdings, wie im folgenden gezeigt werden soll, auf einem fundamentalen Kategorienfehler und mißversteht damit die Intention des Konstruktivismus. Die zentrale Mißinterpretation eines diskursiven Naturbegriffs im Rahmen dieses Einwands liegt dabei darin, daß ein solcher Naturbegriff als vorrangig epistemologische Position einen notwendig diskursiven Zugang zur Natur annimmt, d.h. davon ausgeht, daß jede wie auch immer geartete Natur extra-diskursiv nicht zugänglich ist. Damit vertritt ein diskursives Konzept der Natur aber keinen spezifischen Naturbegriff, in dem Natur ausschließlich als reproduzierte, geschaffene Natur betrachtet wird. Während ein diskursiver Naturbegriff impliziert, daß jeder menschliche Naturbegriff letztlich eine diskursive Konstruktion darstellt, meint das Konzept der geschaffenen Natur einen spezifischen Naturbegriff, bei dem auch artifizielle Natur als Natur wahrgenommen wird. Ersterer stellt damit die These einer direkt zugänglichen externen Realität in Frage, während Letzterer dagegen die Unterscheidung zwischen Natürlich und Künstlich herausfordert. Dieser Einwand verwechselt demnach einen epistemologischen Standpunkt mit einem spezifisch konzeptualisierten Naturbegriff. Gemäß dem diskursiven Naturbegriff ist jeder Zugang zur Natur sozial konstruiert, weshalb jeder, wie auch immer konstruierte Naturbegriff notwendig eine diskursive Komponente beinhaltet und deshalb nie die extra-diskursive Natur beschreiben kann. Natur als diskursives Konstrukt impliziert deshalb nicht, daß alle Natur kulturell geschaffen und artifiziell reproduziert sein muß, sondern ausschließlich, daß jede Beschreibung von Natur notwendig eine diskursive Dimension umfaßt. Nicht Natur selbst wird im Konstruktivismus als kulturell konstruiert angenommen, sondern nur der Zugang zu ihr. Auch in einem diskursiven Konzept der Natur kann es deshalb vom Menschen unberührte, unabhängige Natur geben, auch dort sind Prozesse und Strukturen in der Natur vorstellbar, welche nicht kulturell beeinflußt oder geschaffen sind, aber auch sie sind nicht extra-diskursiv zugänglich, sondern nur als Konstruktion in diskursiven Konzepten abbildbar. Damit kann aber auch innerhalb eines diskursiven Naturbegriffs die Unterscheidung zwischen unberührter und artifiziell geschaffener Natur aufrechterhalten werden, wenn sie im jeweiligen Diskurs so konstruiert wird. Da ein diskursiver Naturbegriff also auch künftig eine zwar nur diskursiv zugängliche, aber dennoch menschlich nicht-geschaffene Natur begrifflich erfassen kann, impliziert ein solcher Begriff nicht notwendigerweise die totale Umformung von unberührter Natur in kulturell geschaffene Natur und hat so auch keine zwangsläufig destruktiven Konsequenzen für die Natur. Genauso wie ein nicht-konstruktivistischer Standpunkt kann auch eine konstruktivistische Position sowohl einen Natur zerstörenden, als auch einen ökologischen Ansatz vertreten und für den Erhalt der unberührten Natur eintreten. Auch ein diskursiver Naturbegriff kann demzufolge durchaus als Basis einer ökologischen Theorie dienen. Der Subsumierungseinwand ist deshalb in der hier dargestellten Form nicht haltbar.
Damit soll allerdings nicht impliziert werden, daß die immer relevanter werdende Auflösung der Unterscheidung zwischen geschaffener und unberührter Natur, welche aus den zunehmenden Eingriffen des Menschen in immer mehr Bereiche der Natur resultiert, nicht wichtige Implikationen für den ökologischen Diskurs haben muß. Durch Prozesse der Moderne werden systematisch mehr und mehr Hybriden produziert -Zwitterwesen zwischen Artefakt und Natur-, welche sich nicht mehr eindeutig einem Pol des Natur-Kultur Dualismus zuordnen lassen, sondern sowohl Natur- als auch Kulturaspekte beinhalten. Solche Hybriden lassen die rigide dualistische Differenzierung zwischen Natur und Kultur, die selbst nur ein Mythos der Moderne darstellt, zunehmend obsolent erscheinen (vgl. z.B. Latour 1993). Natur kann daraus folgend nicht mehr unproblematischerweise einfach als der Gegensatz zu Kultur eingeschätzt werden, denn auch kulturell geschaffene Natur läßt sich sinnvoll als vollwertige Natur konzeptualisieren. Durch das massenhafte Auftreten von Hybriden wird es immer weniger möglich, Natur und Kultur vollkommen voneinander zu trennen und in diesem Sinne löst sich auch die scharfe Unterscheidung zwischen Natur und Artefakt auf (vgl. Cronon 1995: 28, 39ff, Soper 1995: 18, 37ff, 153ff, 182ff). Die Implikationen der zunehmenden Reproduktion von Natur müssen deshalb dringend auch in einer ökologischen Theorie theoretisch erfaßt werden und erfordern eine Neukonzeptualisierung von Naturbegriffen jenseits des Natur-Kultur Dualismus. Das Phänomen der Hybriden stellt einen wichtigen Aspekt dar, der auch im Rahmen eines konstruktivistischen Naturbegriffs in Betracht gezogen werden muß, er bezieht sich aber nicht auf die fundamentale Bedeutung eines diskursiven Naturkonzepts.

c. Der Relativismuseinwand

In der Diskussion um einen diskursiven Naturbegriff taucht immer wieder der Relativismuseinwand auf, dem zu Folge eine konstruktivistische Position einen totalen Relativismus impliziert, bei dem auf Grund eines fehlenden extra-diskursiven Referenzpunktes keine Entscheidungen zwischen verschiedenen Präferenzen mehr möglich sind. Eine sinnvolle Auswahl zwischen Positionen ist ausgeschlossen, da alle Diskurse intradiskursiv in selbem Maße gültig sind und interdiskursiv keine Metakriterien zur Wahl des adäquateren Diskurses zur Verfügung stehen. Jeder Naturbegriff reflektiert demnach ausschließlich die persönliche Präferenz innerhalb eines Diskurses, weil auf Grund der fehlenden Kongruenz zwischen Diskurs und nicht-diskursiver Wirklichkeit nie die extra-diskursive Materialität der Natur repräsentiert wird (vgl. Soper 1995: 8). Somit ist es unmöglich, zwischen besser und schlechter konzeptualisierten Naturbegriffen zu unterscheiden, da jedes Konzept der Natur seine intradiskursive Berechtigung besitzt. Aus diesem Relativismus folgt aber, daß auch die emanzipatorische Qualität alternativer Begriffe oder Praktiken unbegründbar wird und demnach keine Grundlage zur Legitimation einer ökologischen Transformation oder Emanzipation vorhanden ist. Die Natur durch menschliche Interventionen zu zerstören wäre deshalb genauso gut oder schlecht legitimierbar, wie sie zu erhalten. Letztlich wird auf der Basis eines konstruktivistischen Naturbegriffs Politik gänzlich unmöglich gemacht, da keine politischen Entscheidungen egal ob zu Gunsten oder zu Ungunsten der Natur an einem externen Referenzpunkt gemessen als besser oder schlechter eingeschätzt werden könnten. "I submitt, then, that a good deal of anti-naturalist talk is politically incoherent if taken literally" (Soper 1995: 134). Deshalb muß, so die Schlußfolgerung, eine Theorie der ökologischen Transformation auf einem nicht-diskursiven Naturbegriff basieren, um so Natur als einen externen Referenzpunkt zu legitimieren, von dem aus Politik entschieden werden kann. Nur unter Rückbezug auf die extra-diskursive Materialität der Natur und ihre essentiellen Charakteristiken ist deshalb eine ökologische Politik überhaupt möglich. Eine postmoderne ökologische Theorie wäre somit ein Widerspruch in sich.
Der Relativismuseinwand stellt sicherlich eine große theoretische Herausforderung für einen diskursiven Naturbegriff dar, da er letztlich nicht widerlegbar ist. Auf Grund der Situiertheit allen Wissens bleiben gewisse relativistische Implikationen tatsächlich immer unvermeidlich. Um dennoch einen diskursiven Naturbegriff weiterhin plausibel zu machen, soll deshalb im folgenden argumentiert werden, daß auch ein nicht-konstruktivistischer Ansatz weder eine adäquatere Grundlage für eine emanzipative, ökologisch Politik bieten kann, noch dazu in der Lage ist, relativistische Implikationen wirklich zu vermeiden. Auch eine nicht-konstruktivistische Position kann also einen Relativismus nicht verhindert, sondern ihn letztlich nur verschleiern [6].
Zunächst soll die These diskutiert werden, Politik sei auf Grund der relativistischen Implikationen eines diskursiven Naturbegriffs unmöglich. Implizite Annahme ist dabei, daß für Politik im allgemeinen und für ökologische Politik im speziellen eine Letztbegründung universeller Geltungsansprüche notwendig sei, um so eine nicht-kontingente Wahl zwischen konkurrierenden Optionen treffen zu können. Politik wäre also nur möglich, wenn auf der Basis von entscheidungskompetenten Kriterien für eine Option votiert werden könnte und eine konkurrierende Option mit Sicherheit auszuschließen wäre. Als Maßstab für solche ökologischen Entscheidungen könnte dabei, so die Meinung, die Natur dienen. Hiermit wird impliziert, ein Relativismus in der politischen Sphäre könne vermieden werden, wenn die extra-diskursive Natur einen Referenzpunkt für ökologische Entscheidungen bietet, indem eine Letztbegründung aus der Natur abgeleitet wird. Eine solche Argumentation ist aber auf Grund der Implikationen des naturalistischen Fehlschlusses, wonach aus einem Sein kein Sollen, bzw. aus deskriptiven Eigenschaften keine normativen Imperative abgeleitet werden können, nicht haltbar [7]. Die Norm, wie Natur sein soll, läßt sich nie daraus ableiten, wie Natur ist, ebensowenig wie sich die Norm, wie eine ökologische Gesellschaft aussehen soll, nie daraus ableiten läßt, wie Strukturen und Prozesse in der Natur sind. Natur selbst kann also nie als Maßstab für eine ökologische, Natur erhaltende Politik dienen. Somit wäre für eine nicht-relativistische Politik nichts gewonnen, selbst wenn die essentialistischen, extra-diskursiven Eigenschaften der Natur zugänglich wären. Auch eine essentialistische Position kann demnach nicht verhindern, daß sich Politik in einer kontingenten, diskursiven Sphäre bewegt, in der keine klare, letztbegründete Wahl zwischen konkurrierenden Optionen getroffen werden kann. Auch der Wille zur ökologisch nachhaltigen Transformation wird nicht von der Natur vorgegeben, sondern muß sich im politischen Diskurs als normative Entscheidung manifestieren. Auf der Basis eines diskursiven Naturbegriffs ist Politik und ökologische Politik demnach genauso viel und so wenig möglich, wie auf Grund einer essentialistischen Position.
Im folgenden soll nun argumentiert werden, daß auch eine nicht-konstruktivistische Position keinen singulären, nicht-kontingenten Naturbegriff zu legitimieren im Stande ist, sondern selbst ein partikulares Konzept der Natur universalisiert und so einen Relativismus zwischen Naturbegriffen nur verschleiert. Wie die vorangegangene postmoderne Analyse impliziert, ist jeder Naturbegriff immer schon diskursiv, sozio-kulturell konstruiert und damit das Produkt von Macht-Wissen Diskursen. Manche Konstruktionen erlangen allerdings einen hegemonialen Einfluß, um so einen spezifischen Diskurs eines Naturbegriffs durch Macht zu generalisieren. Bestimmte Diskurse sind demnach in der Lage, ihren Naturbegriff so zu konzeptualisieren, daß er als natürlich, ahistorisch und unvermeidlich anerkannt wird und damit eine hegemoniale Stellung erlangt, wobei andere Naturkonzepte marginalisiert werden. In dieser Strategie der Immunisierung gegen alternative Konstrukte wird ein spezifischer, partikularer Diskurs durch Rekurs auf Natürlichkeit universalisiert, obwohl auch dieser nur eine subtile Konstruktion darstellt, welche ihren hegemonialem Anspruch nur durch Machtausübung aufrechterhalten kann (vgl. u.a. Vogel 1996: 9, Haraway 1988: 584ff). Durch einen Mechanismus der 'doppelten Projektion' wird dabei diskursiv ein Naturbegriff konstruiert, dieser in die Natur projiziert, dort essentialisiert und als natürliche Natur definiert, um dann wieder zurück auf den Diskurs projiziert und als extra-diskursive Natur wahrgenommen zu werden. Natur stellt demnach immer schon ein diskursives Konstrukt dar, wird aber im Rahmen universeller Naturkonzepte durch die Vorherrschaft eines Diskurses als gespiegelte Realität präsentiert. Die Hegemonie eines spezifischen Naturbegriffs wird demnach letztlich nicht durch eine besondere Kongruenz zur extra-diskursiven Natur, sondern durch Machtbeziehungen aufrechterhalten und legitimiert. Ein Diskurs, der dabei vorgibt, die Natur als solche zu repräsentieren und damit nicht auf Macht zu basieren, ist dann aber, so Judith Butler, die brutalsten Form der Machtausübung. "[T]he recourse to a position ... that places itself beyond the play of power, and which seeks to establish the metapolitical basis for a negotiation of power relations, is perhaps the most insidious ruse of power" (Butler 1992: 6). Auch der Naturbegriff der Moderne, welcher eine universelle Geltung beansprucht, kann also seine Gültigkeit nicht durch eine gesichert begründete Korrespondenz zur extra-diskursiven Realität, sondern nur durch Ausübung von Macht gegenüber konkurrierenden Naturbegriffen legitimieren. Ein Relativismus der unentscheidbaren Wahl zwischen unterschiedlich konzeptualisierten Naturbegriffen wird demnach durch den Naturbegriff der Moderne nicht verhindert, sondern letztlich nur verschleiert, da Naturbegriffen, welche nicht den im Diskurs der Moderne festgelegten Normen entsprechen, einfach die Legitimation abgesprochen wird. Die in der Moderne benützten Kriterien zur Entscheidung zwischen inter- und intradiskursiv konkurrierenden Naturbegriffen bleiben immer kontingente intradiskursive Kriterien der Moderne selbst, welche nicht extra-diskursiv beurteilbar sind. Eine Vermeidung des Relativismus wird also in der Moderne nur durch die hegemoniale Universalisierung einer partikularen Position und damit ausschließlich durch Machtausübung erreicht.
Abschließend kann deshalb festgestellt werden, daß nicht-konstruktivistische Positionen einen unumgänglichen Relativismus nur verschleiern, indem sie ihre partikulare Konstruktion von Natur hegemonial durch Macht universalisieren. Eine postmoderne ökologische Theorie kann deshalb den Relativismuseinwand auf Grund einer unumgänglichen Kontingenz nicht widerlegen, sondern muß dessen Implikationen als große theoretische Herausforderung begreifen.

d. Der Idealismuseinwand

Schließlich wird gegen einen diskursiven Naturbegriff im speziellen und gegen postmoderne Ansätze im allgemeinen immer wieder der Idealismuseinwand vorgebracht, wonach eine solche Position impliziert, daß erst der Diskurs die materielle Realität erschafft, welche ohne den Diskurs noch gar nicht existiert hat [8]. Der Diskurs determiniert und erzeugt damit materielle Strukturen, die vor den diskursiven Prozessen nicht vorhanden waren. Dies würde bedeuten, daß begriffliche Konstruktionen oder Bewußtseinsphänomene Materie und materielle Strukturen direkt erschaffen und so Materie letztlich das Produkt begrifflicher Konstruktionen darstellt. Diskursive Äußerungen und Sprache ließen also entstehen, was sie benennen und soziale Konstruktionen generierten, was sie bezeichnen. Das Objekt wird demnach erst im Moment der diskursiven Expression durch das Subjekt produziert, weshalb es vor dieser diskursiven Expression nicht existierte, sondern seine materielle Existenz erst durch den Diskus erhält. Der postmoderne Idealismus impliziert so eine Kausalität vom symbolischen Konzept zum materiellen Objekt und muß somit davon ausgehen, daß das diskursive Konzept die generative Ursache für das materielle Objekt darstellt. "In such theories ... consciousness ... is seen as producing the material world" (Ebert 1996: 89, vgl. dazu auch ebd.: 33ff, 199, Feministische Studien 36-37).
In postmodernen Ansätzen manifestieren sich solche idealistischen Implikationen besonders deutlich in Theorien des Wandels und der Transformation, welche versuchen zu theoretisieren, wie sich ein stabiler hegemonialer Diskurs und subordinative soziale Realität destabilisieren und letztlich verändern ließen. Vor allem in Konzepten wie Resignifikation (Butler 1995: 168) oder Remetaphorisierung (Cornell 1991: 107, 167) wird davon ausgegangen, daß eine subversive Recodierung der symbolischen Begriffe im Diskurs eine gesellschaftliche Transformation der materiellen Realität auszulösen wird. Eine solche Vorstellung von Transformation impliziert, daß durch eine bloße Umdeutung der Begriffe direkt materielle Strukturen transformiert werden können (vgl. z.B. Ebert 1996: 165, 191). Eine Reformulierung der diskursiven Konzepte würde demnach zu einer Restrukturierung der materiellen Welt führen. Gesellschaftliche Transformation wäre ausschließlich ein konzeptionelles Problem des Diskurses, dessen Veränderung automatisch eine Transformation der Realität nach sich ziehen würde. Durch einen diskursiven Reduktionismus reduzieren solche postmodernen Ansätze der Transformationen Realität und Materialität ausschließlich auf Diskurs. Zudem machen sie sich durch die Ableitung von materiellen Veränderungen aus diskursiven Veränderungen einem idealistischen Fehlschluß schuldig, bei dem einen kausale Beziehung der Verursachung zwischen symbolischen Konzepten und materiellen Objekten, bzw. Strukturen angenommen wird (vgl. ebd.: 40).
Diese Form des Idealismus unterscheidet sich dabei vom Solipsismus dahingehend, daß im Solipsismus angenommen wird, die Realität sei ein reines Bewußtseinsphänomen und damit materiell nicht existent. Im Solipsismus wird deshalb die Existenz der extra-diskursiven Realität gänzlich geleugnet und angenommen, daß das, was fälschlicherweise für materielle Wirklichkeit gehalten würde, eigentlich Diskurs, Text und Sprache darstellt. Der Idealismus dagegen anerkennt die tatsächliche Existenz der materiellen Realität, nimmt dabei aber an, daß diese Wirklichkeit erst als Produkt des Diskurses entsteht und vorher nicht vorhanden war. Wird im Solipsismus also extra-diskursive Wirklichkeit ganz geleugnet, so wird deren materielles Dasein im Idealismus zwar akzeptiert, aber als erst durch den Diskurs erschaffenes Produkt des Symbolischen betrachtet.
Aus der Sicht postmoderne-kritischer Positionen sind solche idealistischen Annahmen, die einem diskursiven Naturbegriff zugrunde liegen, unhaltbar, da hierbei von naiven Vorstellungen über die materielle Realität ausgegangen wird. Es scheint sowohl theoretisch, als auch empirisch nicht haltbar zu sein, daß die materielle Wirklichkeit ein Produkt diskursiver Prozesse und damit eine Schöpfung des Menschen darstellt. Postmodern-idealistische Ansätze schließen dabei fälschlicherweise von der These einer diskursiven Mediation der Materialität auf eine diskursive Produktion der materiellen Wirklichkeit. "... [T]he fact that we understand reality through languge does not mean that reality is made by language" (Ebert 1996: 27). Aus diesem Grund, so die Schlußfolgerung, ist die postmoderne Argumentation theoretisch inkohärent und muß abgelehnt werden. Auch ein diskursiver Naturbegriff, der ebenfalls auf idealistischen Grundlagen beruht, ist deshalb nicht haltbar.
Den von postmoderne-kritischen Positionen vorgebrachten Einwänden gegen einen Idealismus ist nichts hinzuzufügen, da idealistische Annahmen in der Tat theoretisch nicht haltbar sind und abgelehnt werden sollten. Allerdings vertreten postmoderne Ansätze keinen Idealismus, weshalb der Idealismuseinwand auf einem interpretativen Mißverständnis des diskursiven Naturbegriffs beruht. Einige postmodern informierte Ansätze sprechen sich dabei sogar explizit gegen idealistische Interpretationen ihrer Argumentation aus: "Die Behauptung, jener Diskurs sei formierend, ist nicht gleichbedeutend mit der Behauptung, er erschaffe, verursache oder mache erschöpfend aus, was er einräumt; wohl aber wird damit behauptet, daß es keine Bezugnahme auf einen reinen Körper gebe, die nicht zugleich eine weitere Formierung dieses Körpers wäre" (Butler 1995: 33). Keine postmoderne Position behauptet also, daß die materielle Wirklichkeit oder die Natur durch Sprache erschaffen werde, sondern es wird lediglich argumentiert, daß die materielle Realität ausschließlich diskursiv zugänglich ist. Einem diskursiven Naturbegriff zufolge ist demnach auch vor dem Diskurs und ohne ihn eine materielle, extra-diskursive Wirklichkeit vorhanden, welche aber erst durch den Diskurs zugänglich, erfahrbar und kategorisierbar wird. Zu behaupten, die Realität sei nur diskursiv zugänglich bedeutet nicht anzunehmen, sie werde erst durch den Diskurs produziert. Materialität existiert deshalb auch ohne diskursive Prozesse, aber erst im Diskurs werden Konzepte konstruiert, die Begriffe wie Körper, Natur und Materialität überhaupt erst sinnvoll werden lassen. Wie eine durchaus vorhandene extra-diskursive Wirklichkeit aussieht ist deshalb begrifflich überhaupt nicht ausdrückbar, da jede Benennung automatisch zu einer diskursiven Konzeptionalisierung führt (vgl. Cornell 1991: 26f). Extra-diskursive Realität wird demnach notwendigerweise erst durch diskursive Konstruktionen benennbar, erlebbar und wahrnehmbar, was jedoch nicht bedeutet, daß sie durch diese diskursive Kategorisierung generiert würde. Auf Grund eines interpretativen Mißverständnisses der Intentionen eines diskursiven Naturbegriffs ist deshalb der Idealismuseinwand nicht haltbar.
Dennoch verweist dieser Einwand, so soll nun argumentiert werden, auf ein zentrales theoretisches Vakuum postmoderner Ansätze. Solche Ansätze sind momentan nicht in der Lage adäquat zu theoretisieren, wie diskursive Konstruktionen die materielle Realität generieren, d.h. wie der Zusammenhang zwischen begrifflich-konzeptioneller und materieller Dimension, zwischen Diskurs und Natur, zwischen Konstruktion und Materialität theoretisch zu erfassen ist. "... [T]he issue is how we explain the relation of the discursive to the nondiskursive, the relation of cultural practices to the 'real existing world'" (Ebert 1996: 42). Die zentrale Frage, welche die Diskussion des Idealismuseinwandes aufwirft, ist also, wie das Verhältnis zwischen diskursiven Praktiken und der extra-diskursiven Realität adäquat theoretisiert werden kann und wie die Strukturierungs- und Kategorisierungsleistungen des Diskurses in Bezug auf die materielle Wirklichkeit genau theoretisch zu erfassen sind. Wie ist demnach der Zusammenhang zwischen dem Diskurs über die Natur und der extra-diskursiven, diskursunabhängigen Natur und wie die Beziehung zwischen Diskurs, Konstruktion und Materialität, Realität und Wirklichkeit? Eine postmoderne Theorie der diskursiven Naturbegriffe erfordert deshalb die Ausarbeitung einer postmodern-diskursiven Theorie der nicht-essentialistischen Materialität, welche bisher noch nicht absehbar ist. Der Idealismuseinwand stellt demnach die These eines diskursiven Naturbegriffs nicht in Frage, sondern verweist auf deren fundamentale theoretische Schwachstelle, die bisher noch nicht befriedigend gefüllt werden konnte.

4. Zusammenfassung

In diesem Papier wurde für die Notwendigkeit eines diskursiven Naturbegriffs im Rahmen einer sozialwissenschaftlichen ökologischen Theorienbildung argumentiert. Da jeder Naturbegriff das Produkt von Macht-Wissen Diskursen darstellt, wurde dabei gegen ein singuläres, homogenes Konzept der Natur zu Gunsten einer Multiplität diskursiver Naturbegriffe eingetreten. Zur Vermeidung totalisierender Hegemonien scheint dabei ein radikaldemokratisches Projekt angemessen, um so möglichst viele Stimmen an der Konzeptualisierung multipler Naturbegriffe zu beteiligen. In einer anschließenden Diskussion zentraler Einwände gegen den diskursiven Naturbegriff wurde gezeigt, daß der Solipsismus- und Subsumierungseinwand auf Mißinterpretationen basieren und deshalb den Intentionen eines diskursiven Naturbegriffs nicht gerecht werden. Kontingente Implikationen, wie sie im Relativismuseinwand vorgebracht werden, stellen hingegen eine unvermeidliche Konsequenz diskursiver Geltungsansprüche dar und sind nicht vermeidbar, sondern können nur entweder verschleiert oder expliziert werden. In der Diskussion des Idealismuseinwands wurde schließlich argumentiert, daß der Idealismusvorwurf zwar nicht haltbar ist, dieser Einwand aber auf ein zentrales theoretisches Vakuum der postmodernen Position hinweist.
Abschließend kann also festgestellt werden, daß eine ökologische Theorie ein diskursives Konzept der Natur in ihre Theorienstruktur einbinden muß, um sich als ökologische, soziale und politische Theorie damit auseinanderzusetzen. Die vorangegangene Diskussion impliziert somit eine postmoderne Wende in der ökologischen Theorienbildung und die Ausarbeitung eines diskursiven Naturbegriffs. Viele Implikationen eines solchen Ansatzes sind dabei verwirrend, widersprüchlich, paradox, problematisch und ambivalent, aber letztlich unvermeidlich. Zudem kann eine solche postmoderne Position die Basis für eine ökologische und emanzipative Alternative bieten. Das Konzept diskursiver Naturbegriffe ist somit keine Gefahr für die ökologische Theorienbildung, sondern ihre größte Herausforderung.

5. Zitierte Literatur

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[1] Die hier diskutierten vier Einwände gegen einen diskursiven Naturbegriff im allgemeinen lassen sich deshalb auch auf die feministische Kategorie des biologischen Geschlechts im speziellen beziehen und stellen damit zudem eine Verteidigung der Dekonstruktion von 'Sex' im Rahmen des postmodernen Feminismus dar. Vor allem die Solipsismus-, Relativismus- und Idealismuseinwände tauchen in unterschiedlichen Spielarten immer wieder in der feministischen Diskussion auf.
[2] Selbstverständlich soll hier nicht impliziert werden, daß die Epistemologie der Moderne als homogener Diskurs betrachtet werden kann. Es gibt erhebliche Unterschiede zwischen den unterschiedlichen epistemologischen oder wissenschaftstheoretischen Positionen der Moderne. Dennoch ist allen diesen Ansätzen zumindest die Korrespondenztheorie der Wahrheit und die These der Kumulativität des Wissens gemeinsam. Die hier dargestellten epistemologischen Grundlagen können deshalb als für die Moderne typisch betrachtet werden.
[3] Vgl. zu dieser Rekonstruktion der Epistemologie der Moderne Flax 1992: 447ff.
[4] Theorien der radikalen Demokratie stellen einen komplexen und ausdifferenzierten Diskurs dar, der hier nicht adäquat diskutiert werden kann; vgl. hierzu z.B. Holland-Cunz 1998.
[5] Als wesentliche Kritik an Butlers Theorie der diskursiven Formierung des biologischen Geschlechts taucht der Solipsismuseinwand auch immer wieder in der Diskussion um den postmodernen Feminismus auf (vgl. z.B. Weber 1997, Feministische Studien 1993, Duden 1993). Die nachfolgende Klärung dieses Einwandes läßt sich deshalb auch auf den feministische Diskurs beziehen.
[6] Verschiedene Autoren argumentieren, daß sich das Relativismusproblem in einer nicht-modernen Theorie gar nicht stellt, da der Universalismus-Relativismus Dualismus selbst ein Konstrukt der Moderne darstellt. Wer also einen Relativismus postulierte, bliebe selbst noch in den Kategorien der Moderne verhaftet (vgl. z.B. Haraway 1988: 584, Latour 1993: 91-126).
[7] vgl. ausführlicher zur Diskussion und Argumentation des naturalistischen Fehlschlusses u.a. Pfordten 1996: 126ff.
[8] Der Idealismuseinwand taucht explizit in der ökologischen Diskussion um einen diskursiven Naturbegriff noch kaum auf; er stellt aber eine zentrale Kritik am Konzept der diskursiven Konstruktion des biologischen Geschlechts dar, kann aber auch auf den postmodernen Naturbegriff bezogen werden. Die nachfolgend diskutierten Vorwürfe stammen deshalb vor allem aus der Diskussion um postmoderne Feminismen.
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