KRAFT DES OPAKEN John Fiskes Theorie der Populärkultur als WissenschaftskritikJens Schröter Die
materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte
der Umstände und der Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie kommt daher mit Notwendigkeit dahin, die Gesellschaft in zwei Teile zu sondern, von denen der eine über der Gesellschaft erhaben ist. [...] Karl Marx, 3. Feuerbachthese John
Fiske hat im Anschluß an Stuart Hall, Michail Bachtin, Michel de Certeau
und Michel Foucault eine Konzeption der Populärkultur entwickelt, die sich
radikal unterscheidet von Konzeptionen der Populärkultur, wie sie von der
kritischen Theorie oder traditionellen Formen der Ideologiekritik entwickelt
worden ist. War dort das Feld der Populärkultur nur ein
Verblendungszusammenhang, durch den eine Kulturindustrie eine ideologische
Hegemonie über den Großteil der Rezipienten errichtet, wird sie bei
Fiske zum Ort diskursiver Auseinandersetzungen. Er wird nicht müde zu
betonen, daß die Konsumenten populärer Kultur nicht einfach als
“kulturelle Deppen” abgetan werden dürfen. Im Gegenteil: Die
Populärkultur ist für Fiske gerade ein Ort, an dem eine Art lokale
Opposition, Entzug, Widerstand möglich wird. Das hat ihm selbstredend
unverzüglich scharfe Kritik eingebracht. “[P]ointless
Populism” hat ihm William R. Seaman (1992, 301) vorgehalten und
Mas’Ud Zavarzadeh spricht gar von einem “conservative [...]
postmodernism” (1991, 34). Es klingt gerade auch in den Ohren der
scientific
community
immer noch schrill, wenn die vermeintlich so trivialen und zugleich
ideologischen Produkte in ihrer Aneignung als Populärkultur mit einem
Potential zum Widerständigen ausgestattet werden. Und wir werden sehen
warum: die diskursive Formation, die man Wissenschaft zu nennen pflegt, droht
bei Fiske selbst auf die Seite des hegemonialen Wissens zu rutschen. Gerade
dieser Aspekt der Wissenschaftskritik, der in seinem Modell impliziert ist,
bringt ihn in eine gewisse Nähe zu den Arbeiten von Michel Foucault,
insbesondere zu dessen Überlegungen in
L‘orde
du discours
(vgl.
Foucault 1997). Diesen Aspekt gilt es herauszuarbeiten.
Zuvor
jedoch müssen Fiskes generelle Überlegungen zum Status und zur
Funktionsweise der Populärkultur erläutert werden (1). Fiske vertritt
nicht das den traditionellen Formen der Ideologiekritik einfach spiegelbildlich
entgegengesetzte Extrem, daß Populärkultur per se
“subversiv” ist – eine Vorstellung, die man bisweilen im
sogenannten “Uses-and-Gratifications-Approach” findet. Diese
Verkürzung von Fiskes Ansatz auf en liberalistisches Modell, das die
Machteffekte, die immer
auch
mit
Populärkultur und ihrer Rezeption verbunden sind, einfach vergißt,
findet sich vielfach gerade in der deutschen Rezeption (vgl. Mikos 1994; vgl.
Müller/Wulff 1997).
Jedoch:
Die Objekte und Produkte, aus der die Populärkultur als
Aneignungsform
generiert wird, sind für Fiske immer Mischungen aus Hegemonie
und
Ansatzpunkten
für Widerstand und Entzug. Diese beiden Pole benennt Fiske mit den –
vielleicht nicht ganz glücklichen – Termini
power-bloc
und
the
people
.
Diese flüssigen, beweglichen und nicht-soziologischen Kategorien sind
diskursive Formationen: Und der
power-bloc
ist – nach Gransci – jene Formation, die eine kulturelle Hegemonie
ausübt, ohne dadurch eine totale Dominanz zu erreichen. Diese beiden
Extrempole – Beherrschung und Widerstand – und die ihnen von Fiske
zugeordneten Wissensformen “offizielles” vs.
“populäres” Wissen sollen in (2) dargelegt werden. Obwohl
dieses Begriffspaar sehr nach einer statischen und unerträglich
schematischen Opposition – wie etwa Bourgeoisie vs. Proletariat –
klingt, wollen wir seine heuristische Brauchbarkeit unterstreichen.
Das
“offizielle Wissen” der hegemonialen Diskursformation des
power-blocs
ist
auch die Wissensform der Wissenschaft. Fiskes Konzeption der Populärkultur
führt also schließlich dazu, Wissenschaft nur als
Teil
(und
nicht etwa als neutralen, “kritischen” Beobachter) der
gesellschaftlichen Auseinandersetzungen zu sehen: Und dann gilt, wie Foucault
sagte, “daß dieser auf einer institutionellen Basis und Verteilung
beruhende Wille zur Wahrheit in unserer Gesellschaft dazu tendiert, auf die
anderen Diskurse Druck und Zwang auszuüben” (1997, 16).
In
(3) schließlich sollen die Ergebnisse der vorliegenden Überlegungen
zusammengefaßt und auch die Probleme einer derartigen Wissenschaftskritik
diskutiert werden. Dabei kann an die Kritik, die bereits Foucault getroffen
hat, angeschlossen werden.
(1) Populärkultur Fiske,
der sich selbst als “inveterate consumer of popular culture” (1989
a, 201) bezeichnet und selbst “pleasure” (59) bei ihrem Konsum
empfindet, beginnt seine Überlegungen damit, daß jede Kultur nur
funktionieren kann, wenn es neben der sozio-ökonomischen und der sexuellen
Reproduktion auch eine gewissermaßen ‘semantische
Reproduktion’ der für eine Kultur tragenden Bedeutungen gibt. Diese
Reproduktion und Zirkulation von Bedeutungen, analog der Zirkulation der Waren,
generiert das Selbstverständnis einer Kultur und damit auch die sozialen
Identitäten der Einzelnen:
Culture
is the constant process of producing meanings of and from our social
experience, and such meanings necessarily produce a social identity for the
people involved. [...] Within the production and circulation of these meanings
lies pleasure. (Fiske 1989 b, 1).
“Pleasure”
- hier schon haben wir einen der zentralen Begriffe Fiskes gefaßt. Diese
Lust bezieht sich auf die Produktion und Zirkulation von Bedeutungen, die die
soziale Identität organisieren und insbesondere darauf, daß diese
Bedeutungsproduktion unterdrückten oder ausgegrenzten Gruppen ein gewisses
Maß an selbstbestimmter Kontrolle über ihren Alltag ermöglichen
soll. Wir kommen darauf zurück.
Nun
sind die gegenwärtig gegebenen Gesellschaften sozial und politisch
hierarchisch, sowie patriarchalisch strukturiert und (zumeist) unter der
Dominanz der “Weißen”. Folglich gibt es in jeder Gesellschaft
soziale Auseinandersetzungen, nicht nur um materielle Ressourcen (z.B.
Lohnkämpfe), sondern auch um Bedeutungen, denn “[a]ny social system
needs a cultural system of meanings that serves either to hold it in place or
destabilize it, to make it more or less amenable to change” (ebd.). Die
hegemonialen gesellschaftlichen Diskursformationen, der
“Machtblock” [
power-bloc],
versuchen die Bedeutungen durchzusetzen, die der Aufrechterhaltung des Status
quo dienen.
[1]
Wie funktioniert das? Indem den kulturell zirkulierenden Produkten diese
Bedeutungen eingeschrieben sind:
The
resources - television, records, clothes, video games, language - carry the
interests of the economically and ideologically dominant; they have lines of
force within them that are hegemonic and that work in favor of the status quo.
(1989 b, 2).
[2]
Soweit
scheint das nichts neues zu sein: Die Waren transportieren systemkonforme
Bedeutungen
[3]
von Selbst, Gesellschaft, Mann, Frau, Kultur, Natur etc. und versuchen diese
gleichsam den Nutzern nahezulegen. Da jedes gesellschaftliche Handeln an ein
implizites Bild von der Gesellschaft und der eigenen Position in ihr gebunden
ist, beeinflussen die dominanten (oder hegemonialen) Bedeutungen das Handeln
der Einzelnen. Vornehmlich durch die Strategie der Naturalisierung, also dem
Verfahren historisch gewachsene, kulturspezifische und das heißt
veränderbare Ungerechtigkeiten, Ausschlüsse, Grenzziehungen als
natürlich,
das heißt mithin als unveränderbar darzustellen, wird die Permanenz
einer gegebenen Struktur aufrechterhalten. Und umgekehrt setzt jede
abweichende, oppositionelle Haltung bis hin zur makropolitischen Ebene einer
revolutionären Verschiebung des gesellschaftlichen Gefüges voraus,
daß die Bedeutungen, die den Status quo als
‘unveränderlich’, dem ‘gesunden Menschenverstand
entsprechend’ oder - wie es einmal hieß - ‘gottgewollt’
ausweisen, zunächst verändert werden. Jedem konkreten politischen
oder sozialen Kampf geht also notwendig ein semiotischer Kampf
[4]
voraus.
Fiskes
Modell verschiebt folglich zwei fundamentale Prämissen, die ein
traditioneller, ‘manipulatorischer’ Ansatz voraussetzen würde.
Zum Einen weist Fiske darauf hin, daß die Notwendigkeit einer
ideologischen Hegemonie und mithin der Einschreibung hegemonialer Ideologeme in
die Waren sich ja nur ergibt, wenn auch Widerstand gegen die Hegemonie
vorhanden ist. Ohne Widerstand wäre eine hegemoniale Beherrschung nicht
nur unnötig, sondern schlicht unmöglich: Macht und Herrschaft kann es
per definitionem ja nur dort geben, wo auch Rebellion und Entzug zu finden
sind. Dieses differentielle, von Foucault hergeleitete Machtverständnis
[5]
impliziert, daß jede Hegemonie von Spuren des Widerstands gezeichnet ist
(und umgekehrt), da jede Dominanz auf spezifische Widerstände reagiert.
“Resistance is not an essence, but a relationship, and both sides of the
relationship must be contained within its practice” (Fiske 1989 a, 168).
Das heißt schon in dieser Hinsicht müssen die Produkte auch von
konfligierenden, oppositionellen Linien durchzogen sein. Außerdem stellt
sich die simple Frage - wir haben sie oben schon erwähnt - wieso manche
Produkte sehr populär werden und manche nicht. Der weitaus
größte Teil aller Kinofilme, Fernsehserien, Platten und Moden wird
ein ökonomischer Mißerfolg, während nur allzuoft Produkte, bei
denen niemand damit rechnete, ein unglaublicher Erfolg werden
[6]: The
cultural industries have to produce a repertoire of products from which the
people choose. And choose they do; most estimates of the failure rate for new
products - whether primary cultural, such as movies or records, or more
material commodities - are as high as 80-90 percent despite extensive
advertising [....] [I]t is the people who finally choose which commodities they
will use in their culture. (1989 b, 5).
Dies
legt ganz offensichtlich nahe, daß die Entscheidung darüber, ob ein
gegebenes Produkt angenommen wird, den Produkten bzw. den Konsumenten nicht
‘einprogrammiert’ werden kann. Daraus folgt:
If
the cultural commodities or texts do not contain resources out of which the
people can make their own meanings of their social relations and identities,
they will be rejected and will fail in the marketplace. They will not be made
popular. (1989 b, 2).
Und
Produkte, die keine Potentiale liefern, aus denen “die Leute” [the
people]
[7]
ihre
Bedeutungen machen können, scheitern einfach deshalb, weil die Produktion
solcher Bedeutungen
Lust
bereitet.
Und wenn in einem bestimmten Rahmen keine Möglichkeit besteht solche
Bedeutungen zu produzieren, wird auch keine Lust produziert - folglich macht
das Produkt einfach keinen Spaß. Auch hierin folgt Fiske Foucault,
schrieb dieser doch, daß es eine Lust gäbe, “sich zu zeigen,
einen Skandal auszulösen oder Widerstand zu leisten” (1986, 61).
Fiske liefert in detaillierten Einzelanalysen viele Beispiele solcher
‘semiotischer Guerillataktiken’. Bspw. beschreibt er, wie
Obdachlose (also vom herrschenden System ausgeschlossene Menschen) ihre
Bedeutungen aus einem anderweitig durchaus mit dominanter Ideologie
getränkten Film wie
DIE
HARD
generieren (vgl. Fiske 1993 c, 3). Er kann hier an empirische Studien
anschließen. Janice Radway (1984) hat etwa gezeigt, daß die
Lektüre von Liebesromanen durch Hausfrauen keineswegs auf einen
bloßen Eskapismus reduziert werden kann, sondern durchaus zu
veränderten Vorstellungen über das Geschlechterverhältnis
führt, welche wiederum auf die Alltagspraxis und die innerfamiliären
Machtkämpfe zurückwirken (vgl. Fiske 1989 a, 55/56).
[8]
Daß viele Eltern den Fernsehkonsum ihrer Kinder perhorreszieren, liegt
nach Fiske auch daran, daß die Kinder durch den unkontrollierbaren
Informationsfluß aus dem Fernsehen ermächtigt werden, Bedeutungen zu
erzeugen, die gegen ihre Eltern gerichtet sind und die uneingeschränkte
Macht ‘der Erwachsenen’ in Frage stellen (vgl. Fiske 1989 a,
155-158). Viele weitere Beispiele wären hier noch anzuführen.
Naheliegenderweise impliziert diese Vorstellung ein Modell
aktiver
Rezeption, das wenig gemein hat mit dem eines Textes, der seine dominanten
Ideologeme den Rezipienten einfach ‘aufzwingen’ kann.
[9]
Die
Rezipienten versuchen ihre Identität, ihren evtl. Ausschluß aus
bestimmten gesellschaftlichen Bereichen, ihre Lage mit Sinn zu versehen, sich
selbst transparent zu machen, indem sie die Produkte nehmen und daraus die
Bedeutungen “basteln” (vgl. Fiske 1989 a, 150/151), die für
ihr “semiotisches Überleben” notwendig sind:
Semiotic
resistance results from the desire of the subordinate to exert control over the
meanings of their lives, a control that is typically denied them in their
material social conditions. (Fiske 1989 b, 10).
[10] Das
zentrale Kriterium, unter welchem Produkte ausgewählt werden ist also das
der
Relevanz.
Nur Produkte, die der entsprechenden sozialen oder diskursiven Situation
angemessen sind, bzw. die irgendwie die Möglichkeit bieten, angemessen
genutzt zu werden, kommen für eine populäre Nutzung in Frage.
Das
heißt, daß die populären Bedeutungen auf lokaler Ebene
produziert werden. Es geht hier gewissermaßen um eine Mikropolitik des
Alltags-Lebens. Selbstredend hat diese Annahme Fiskes scharfe Kritik
ausgelöst. Weil Fiske die Möglichkeiten des Widerstands in den
Mikrobereich des everyday life und den Mikrosektor des Individuellen verlege,
sehe er nicht, daß solche lokalen ‘Ventile’ nur dazu dienen,
‘Dampf abzulassen’ und so im Ganzen systemstabilisierend seien.
[11]
Fiske konzediert, daß die Populärkultur ohne Zweifel nur
‘progressiv’ sei, insofern sie lokale Bedeutungsverschiebungen
erziele, aber nicht ‘radikal’, weil sie keinen revolutionären
Gesamtangriff auf das System zulasse. Jedoch wirft er radikalen linken Theorien
zu recht vor, daß sie erstens die Tatsache übersehen, daß
erst, wenn sich die Bedeutungen verändert hätten, die Basis für
einen breiteren sozialen Kampf bereit steht. Insofern können und
müssen
populärkulturelle Prozesse die semiotische Grundlage für soziale
Revolutionen liefern: “The interior resistance of fantasy is more than
ideologically evasive, it is a necessary base for social action” (Fiske
1989 b, 10).
[12]
Zweitens wiederholen linke Theorien in ihrer Abwertung der Populärkultur
nur die Delegitimationsstrategie, die die dominanten diskursiven Allianzen des
power-blocs
anwenden, um die “popular (mis)uses” (Fiske 1989 a, 145) und ihre
Formen eines Gegenwissens für ungültig zu erklären (s. (2); vgl.
Fiske 1989 a, 18/19).
[13]
Da sehr viele verschiedene Situationen und Rahmenbedingungen der
alltäglichen und populären Lektüre gegeben sein können, ist
Populärkultur kein monolithischer, homogener Block, sondern eher ein
heterogenes Feld sehr verschiedener Aneignungen und Bedeutungen, denen als
einziges gemeinsames Merkmal zukommt, sich in Opposition zu hegemonialen
Diskursen zu formieren:
The
popular allegiances are elusive, difficult to generalize and difficult to
study, because they are made from within, they are made by the people in
specific contexts at specific times. [...]
But
the dominant ideology has to be there
[...] “The popular,” then, is determined by the forces of
domination to the extent that it is always formed in reaction to them; but the
dominant cannot control totally the meanings that the people may construct
[...]. (Fiske 1989 a, 24/25; 45; Hervorhebung, J.S.).
(2) “Power-bloc”
vs. “the people”/”offizielles” vs.
“populäres” Wissen: Eine taktische Überzeichnung?
Fiske
argumentiert also, daß es eine Spannung zwischen hegemonialen diskursiven
Formationen, die ihre Bedeutungen in die Produkte einschreiben und potentiell
subversiven Aneignungsformen dieser Produkte gibt. Populärkultur macht
für ihn immer nur Sinn in diesem Spannungsverhältnis. Daher
müssen wir jetzt die beiden Begriffe
power-bloc
und
the
people
genauer
betrachten, die in überklarer, schematischer Überzeichnung die beiden
Pole benennen, zwischen denen der “Bedeutungskampf” der
Populärkultur statthatt.
Die
Kategorien “Machtblock” und “die Leute” sind
nicht
als dichotomischer Gegensatz homogener und monolithischer Gebilde wie etwa
“Bourgeoisie” vs. “Proletariat” zu verstehen. Im
Gegenteil zeigte David Morleys (1980) Studie
The
Nationwide Audience
im Anschluß an Hall vielmehr, daß Klassenzugehörigkeit keine
spezielle Gewichtung bei der Lektüre von Nachrichtensendungen hatte. Hall
bemerkt denn auch in einem späteren Aufsatz:
The
people versus the power-bloc: this, rather than
“class-against-class”, is the central line of contradiction around
which the terrain of culture is polarized. Popular culture, especially, is
organized around the contradiction: the popular forces versus the power-bloc.
(1981, 238).
Der
Machtblock ist also keine Personengruppe, die durch ein objektivierbares
soziales Merkmal, wie etwa den Besitz der Produktionsmittel spezifiziert werden
kann (vgl. Winter 1997, 57/58). Er ist zu definieren als eine Art Allianz
hegemonialer diskursiver Kräfte - unabhängig von den konkreten
Personen, die zu einem gegebenen Zeitpunkt an dieser Formation partizipieren:
“A ‘bloc,’ as Gramsci theorized it, is a welding together of
different components for a specific purpose and it must not be misconstrued as
a ‘block,’ or solid object.” (Fiske 1993 c, 10).
[14]
Eine gegebene Person kann zu bestimmten Zeiten am “Machtblock”
teilhaben, zu anderen Zeiten jedoch oppositionelle Taktiken verfolgen und damit
Teil der “popular forces”, “der Leute” [the people]
sein (vgl. Fiske 1989 a, 45). Aber nicht nur auf der zeitlichen Achse kann eine
Person vom Machtblock zu den Leuten wechseln. Jede Person ist durch eine
“nomadic subjectivity” (Fiske 1989 a, 181) gekennzeichnet
[15],
das heißt von verschiedenen Diskursen durchzogen,
“segmentarisiert” (vgl. Deleuze/Guattari 1992, 290): “Ein
Arbeiter kann sich mit den Interessen des Machtblocks in seinem
Geschlechterstandpunkt und mit den Interessen ‘der Leute’ in seinem
Klasseninteresse verbinden” (Fiske 1993 a, 9).
Hier
ist eine wichtige Präzisierung notwendig: Fiske nimmt an, daß jede
gegebene Person die Produkte rsp. Rezeptionsweisen wählt, die ihr Lust
bereiten. Jedoch können Personen, die in einem gegebenen Kontext an den
dominanten Allianzen des
power-blocs
partizipieren,
sehr wohl hegemoniale Lust (vgl. Fiske 1989 a, 57 am Beispiel von Ronald
Reagans Lektüre von
RAMBO)
empfinden: Das heißt Lust ist keineswegs in essentialistischer Weise
widerständig. Lust
kann
darin
bestehen durch Mißbrauch oder abweichende Lektüren, Produkte der
“Kulturindustrie” anzueignen, sie kann – abhängig von
einer anderen, sozial und diskursiv dem
power-bloc
nahestehenden
Verortung des Rezipierenden – auch darin bestehen den hegemonialen
Bedeutungen zu folgen. Und diese beiden Formen können sich auch in einer
Person überlagern.
[16]
Anders als Noel Carroll (1998, 237) glaubt ist für Fiske
Populärkultur nicht Widerstand
per
se
(auch wenn es Äußerungen von ihm gibt, die dieses Verständnis
nahelegen könnten), sondern es ist vielmehr der Ort, an dem Widerstand und
Beherrschung miteinander ringen (vgl. Fiske 1989 a, 29; vgl. auch Jameson 1979).
Es
geht also nicht darum einer schlichten Repressionshypothese von
“Macht” zu folgen. Es ist nicht so, daß ein finsterer
power-bloc
eine
libertäre, authentische Pop-Kultur unterdrückt, die ihm voranginge
und dies es zu befreien gälte. Vielmehr formieren sich die
formations
of the people
– wie wir bereits andeuteten – nur im Gegensatz zum power-bloc.
Fiske nennt die Widerstands-Taktiken
[17]
der Populärkultur daher auch
bottom
up-power
im Unterschied zur zentralisierten und homogenen
top
down-power
des Machtblocks (vgl. Fiske 1989 a, 65 und 105). Auch die
people
wollen Macht ausüben – nur ist dieser Wille-zur-Macht eher auf die
alltäglichen, konkreten Lebensumstände gerichtet, statt auf die
gesellschaftliche und diskursive Totalität:
Top-down
and bottom-up power do not operate in different spheres [...] but are different
directionalitites of the same desire to control.
[18]
Popular formations and those of the power-bloc are not so much differently
motivated as differently situated. [...] Material social conditions mean that
the formations of the power-bloc are better able tto exert imperialist control.
(Fiske 1993 c, 79).
Wie
können wir den Machtblock als “Allianz hegemonialer diskursiver
Kräfte” näher bestimmen? “The power-bloc consists of a
relatively unified, relatively stable alliance of social forces - economic,
legal, moral, aesthetic.” (Fiske 1989 b, 8). Der Machtblock wird also als
‘relativ’ homogenes Bündnis von ökonomischen Strukturen,
rechtlichen Vorschriften, moralischen Setzungen, Praktiken und
ästhetischen Prämissen bestimmt, die vorrangig ein Ziel haben:
nämlich die gegebenen sozialen und ideologischen Strukturen zu
stabilisieren und reproduzieren. “[T]he interests of those with power are
best served by maintaining the status quo.” (Fiske 1989 a, 19). Den
fließenden, sich situational und kontextuell bildende Konfigurationen des
“Machtblocks” eignet eine bestimmte Form des Wissens. Es muß
instrumentell sein, um ihm seine Aufgabe einer Reproduktion der
gesellschaftlichen und ideologischen Struktur zu ermöglichen. Beherrschbar
ist etwas nur dann, wenn genug Wissen darüber vorliegt. Insofern spricht
Fiske auch von “imperializing knowledge” (1993 c, 118), um den
expansiven Charakter dieses Wissens, das stets voranschreitet, um
möglichst viel wiß- d.i. kontrollierbar zu machen, zu betonen.
[19]
Fiske nennt es das “offizielle Wissen” (1993 b, 36/37). Es ist die
Wissensform der Wissenschaft:
Diejenigen
Wissensformen, die auf diese Weise über instrumentelle Macht
verfügen, verstecken den politischen Nutzen ihres Wissens hinter einer
Rhetorik der Objektivität: dadurch werden die Wahrheiten deplaziert und in
einer äußerlichen Natur oder Realität verortet, statt in der
Macht jener, die sie produzieren oder gebrauchen. In dem Maße, in dem die
jeweilige Wissensform in dieser Hinsicht effizient ist (im allgemeinen ist
diese Effizienz praktisch total), naturalisiert sie diese Macht, indem sie sie
nicht als einen Effekt der Geschichte der Herrschaft darstellt, sondern sie
vielmehr als das Resultat der Fähigkeit, die Wahrheit zu sehen, verkauft.
(Fiske 1993 b, 36).
[20] Hier
geht es präzise um die bereits genannte ideologische Strategie der
Naturalisierung.
[21]
Der Machtblock sucht die für die Aufrechterhaltung notwendigen Bedeutungen
zu naturalisieren.
[22]
Ihm steht mit der Wissenschaft ein machtvolles, instrumentelles Wissen zur
Verfügung. Die Naturalisierung wird also durch ein machtvolles,
instrumentelles Wissen durchgesetzt.
[23]
Diese Durchsetzung funktioniert über die “fundamentale
epistemologische Macht [...], zwischen dem Realen und dem Irrealen eine
Grenze” (ebd.) zu ziehen und diese zu bewachen. Dabei ist es keineswegs
so, daß diese Grenzziehung zwei gleichgestellte Segmente trennt. Vielmehr
ist die eine Seite die “Wahrheit”, das “Wirkliche”, die
“Fakten”, während das, “[w]as sie aber ausschließt
(z.B. intuitives Wissen) [...], per definitionem als unwirklich abgetan
werden” (ebd.) kann: als “Unwahres”, bloße
“Einbildung” oder als “Fiktion”:
Das
offizielle, wissenschaftliche Wissen arbeitet ständig am Grenzschutz
gegenüber vielen anderen Wissensformen, angesichts derer es sich als
überlegen definiert. [...] Es ist nicht in seinem Interesse,
untergeordnete Wissensformen zu integrieren, sondern es geht darum, diese
auszuschließen und zu entwerten. So verwendet das herrschaftliche Wissen
häufig solche Begriffe wie “abergläubisch”,
“unbewiesen”, “unwissenschaftlich”, um andere
Wissensformen zu diskreditieren [...] Andernorts pathologisiert es diejenigen,
die unterschiedliche Wissensformen anwenden, als Opfer ihrer eigenen
wunscherfüllenden oder kompensatorischen Phantasien. (Fiske 1993 b, 37).
Die
binäre Leit-Opposition ist also hier real vs. irreal. Zweierlei wird hier
deutlich: “Die” Wissenschaft ist eine Form von Herrschaftswissen.
Sie definiert, was wahr, was real, was gesund ist. Sie hat die
gesellschaftliche Macht solche Setzungen auszusprechen. Wieder steht Fiske hier
in einer großen Nähe zu Foucault (1997), der in
Die
Ordnung des Diskurses
die Wissenschaft kritisch als den “wahre[n] Diskurs” bezeichnet
hatte, dessen “Wille zur Wahrheit in unserer Gesellschaft dazu tendiert,
auf die anderen Diskurse Druck und Zwang auszuüben” (16).
Daß
soviele AutorInnen gegen Fiskes Ansatz angestürmt sind, ist daher kaum
verwunderlich, bedroht dieser doch das Selbstverständnis der
scientific
community
,
die oft gerade in der (philosophischen, politologischen, soziologischen)
Wissenschaft den Schlüssel zum Aufbrechen dominanter Ideologien sah (vgl.
etwa Althusser 1977). Fiske (1993 c, 188) betont hingegen, daß die
Wissenschaft eher Komplize dessen ist, was er (manchmal verkürzend
[24])
‘traditionelle Ästhetik’ nennt, deren Aufgabe darin bestehe,
zu definieren, was ‘schön’ sei: “Science and aesthetics
both claim access to the final truth and the power to represent it (indeed
scientific reasoning is often assessed by aesthetic criteria such as
‘elegance’).”
[25]
Daran zeigt sich, daß für Fiske nicht bloß die Natur- oder
Technowissenschaften “offizielles Wissen”, also die Wissensform des
“Machtblocks” sind. Auch Kultur- und Geisteswissenschaften
partizipieren tendenziell und partiell an dieser diskursiven Formation.
Foucault benennt als eine Prozedur der der “Kontrolle und
Einschränkung des Diskurses” den “Kommentar”, der
“bis zu einem gewissen Grade die wissenschaftlichen Texte” (1997,
17/18) kennzeichnet. Der Kommentar ist für Foucault deswegen ein
Machtmechanismus, da er ein “Gefälle zwischen den Diskursen”
aufrichtet. Die bereits angesprochene Delegitimation anderer Formen die Welt zu
Wissen als “unwissenschaftlich”, “abergläubisch”
oder “unsinnig” gehört hierher.
[26] Was
sind diese “anderen Formen die Welt zu wissen”, die Fiske auch als
“populäres Wissen” bezeichnet? Betrachten wir ein Beispiel,
das Fiske gibt. Ein Artikel in der
Weekly
World News
behauptet, man habe einen Bomber aus dem zweiten Weltkrieg auf dem Mond
entdeckt. Fiske bemerkt nun (wir zitieren diese bemerkenswerte Passage
ausführlich):
I
find great, but contradictory, pleasures in the report that a World War III
bomber has been photographed on the moon [...] As an educated person rewarded
with advantages of believing in a scientific, empirical order of things, I take
pleasure and power in distinguishing myself from (inferior) systems of belief
(i.e., “superstitions”) that contradict scientific
“truth” that it is impossible for it to have got there. But at the
same time, I have a skepticism about “science” [...] that finds
pleasurable points of pertinence in apparent facts that lie beyond its
explanatory ability and therefore discursive power. [...] I enjoy being able to
establish, momentarily, my difference from “the system” by being
able to say, “They can’t explain everything, they don’t know
everything, they want to repress that which they can’t explain, because
what they can’t explain is what escapes their power.” [...] [T]he
moonstruck bomber becomes a metaphor for the social experiences of the
subordinate that lie outside the meanings (and power) offered by the dominant
discourses. [...] The story allows me pleasure of understanding science in my
(popular) terms - that is, as a system of power - not in its own dominant,
terms, as a system of nonsocial, nonpolitical truths grounded in nature and
thus objective, universal, and unchallengeable. (Fiske 1989 a, 181-183).
Es
handelt sich beim populären Wissen also um Wissensformen, die von den
dominierenden diskursiven Formationen zu Unsinn oder - im Falle der
erfolgreichen Vorhersage - zu “bloßem Zufall” (Fiske 1993 b,
42/43) erklärt werden, die aber Anspruch auf Zusammenhänge erheben,
die die herrschenden Formationen nicht erklären können (oder wollen).
Es ist ein “Gegenwissen” (ebd., 28), ein
“Gegen-Diskurs” (Foucault 1993, 108). Wie man sieht, erklärt
sich so die große Popularität von “abergläubischen”
Wissensformen wie der Astrologie oder der Numerologie (vgl. Fiske 1993 b,
40/41; 1993 c, 188-192). Auch die Popularität der Wettervorhersage wird so
erklärlich: Gerade weil die Wettervorhersage (meistens)
nicht
stimmt
,
ist sie populär – zeigt sie doch das Scheitern aller Bemühungen
der mit Computersimulationen und Satelliten ausgerüsteten dominanten
Wissensformen, das “Reale” unter Kontrolle zu bekommen und seine
Entwicklung vorherzusagen.
[27]
Die alltäglichen Klagen über die falschen Vorhersagen erscheinen so
in einem neuen Licht...
An
anderer Stelle weist Fiske (1993 b, 36) darauf hin, daß bspw. auch
“intuitives Wissen” zu den für ungültig erklärten
Wissensformen gehört. Hier zeigt sich unmittelbar die patriarchalische
Verfassung der Machtblock-Wissenschaft, insofern “Intuition” in
unserer Gesellschaft zumeist mit der “Frau”, “exaktes,
technisches, wissenschaftliches” Wissen hingegen stets mit dem
“Mann” assoziiert wird. Daß viele AstrologInnen in der
Boulevardpresse oder im Fernsehen weiblichen Geschlechts sind, ist also kein
Zufall – und der Versuch populäres “Gegenwissen” an
dominante, patriarchale Ideologeme rückzukoppeln. Es
scheint,
daß unsere Gesellschaft “abergläubische” Wissensformen
mit weiblichen Attributen belegt, während sie es der männlichen Seite
erlaubt, sich diejenigen Wissensformen anzueignen, welche sowohl
gesellschaftlich als auch instrumentell mächtiger sind. (ebd., 41).
[28]
Auch
daß Angehörige nicht-weißer Minoritäten
[29]
mit “abergläubischen” oder “unwissenschaftlichen”
Wissensformen assoziiert werden (“Schwarze” und Voodoo;
“Asiaten” und Zen; “Indianer” und Animismus) ist Indiz
für die nicht nur sexistische, sondern auch rassistische Struktur des
“offiziellen Wissens”. In vielen Fernsehserien gehört eine
derartige Zuordnung von nicht-weißen Charakteren zu
“Aberglauben” zum festen Repertoire.
Da
die populären Formationen nur in Differenz zum Machtblock bestehen
können, können sich die populären Wissensformen niemals von der
Stimme des Machtblocks, der sie als “irreal”,
“abergläubisch”, “unsinnig” benennt, lösen.
Insofern tendiert das populäre Wissen zur
Heteroglossie
und medienpopulistische Texte zur Vielstimmigkeit, zur
Multiakzentualität,
wie Fiske in Anschluß an Bachtin formuliert. Daher ist das
“populäre Wissen” niemals rein und rigoros vom
“offiziellen Wissen” getrennt - Fiske zeigt, daß das
“populäre Wissen” oft Strategien des “offiziellen
Wissens” kooptiert, indem es etwa “UFO-Experten” heranzieht.
Auf
den hier naheliegenden Einwand, daß der Machtblock durch das
gezielte
Einpflanzen von populärem Skeptizismus letzten Endes doch die Kontrolle
über die Bedeutungsproduktion hält, hat Fiske geantwortet: Er
unterscheidet den
Medienpopulismus
von der Populärkultur, den populären Wissensformen der Leute.
Während Populärkultur als das gelebte Feld widerständiger
Bedeutungsproduktion verstanden werden kann, ist jeder Text, den wir
analysieren könnten, ein medienpopulistisches Produkt, insofern ein
solcher Text stets zwischen den Stimmen des Machtblocks und den populären
Stimmen vermitteln muß
[30]: Der
Medienpopulismus ist [...] eine Strategie der Vermittlung, und als solche
durchziehen ihn diskursive Spuren der gesellschaftlichen Formationen, zwischen
denen er vermittelt. [...] Der Populismus mag zwar eine Strategie des
Machtblocks sein, mit deren Hilfe das Populäre ausgebeutet werden soll;
Erfolg kann diese Strategie aber nur dann haben, wenn sie dem Populären
irgendeinen Raum für dessen eigene Entfaltung bietet. (Fiske 1993 b,
20/21; vgl. 39/40).
Dieses
Verschwimmen des “offiziellen” und des “populären”
Wissens im Medienpopulismus trägt dazu bei, die
Grenzen
zwischen dem Realen und dem Irrealen zu zerstören und sowohl die
Hierarchie des Wissens als auch die gesellschaftlichen Unterschiede abzubauen,
die durch diese Grenzen aufrechterhalten werden. (ebd.)
Diese
Auflösung der Grenze real/irreal ist, insofern das instrumentelle Wissen
des Machtblocks gerade mithilfe dieser Grenze seine Herrschaft stabilisiert,
ein Angriff des “populären Skeptizismus” auf den Anspruch des
Machtblocks, alles zu wissen (d.i. kontrollieren zu können): “They
can’t explain everything, they don’t know everything, they want to
repress that which they can’t explain, because what they can’t
explain is what escapes their power” (Fiske 1989 a, 182).
“Sie” und “Wir” - der Machtblock und die Leute - stehen
sich als diskursive Formationen gegenüber. Ein daher wichtiger Aspekt des
populären Wissens ist die
Verschleierung
[the cover-up]. Der Machtblock setzt Wahrheit und Realität und behauptet
die (fast) vollständige Kontrolle der Welt durch sein instrumentelles
Wissen - die Wissenschaft. Er weist alles als irreal ab, “was es da
Gewalttätiges, Plötzliches, Kämpferisches, Ordnungsloses und
Gefährliches” (Foucault 1997, 33) gibt oder zumindest angeblich
gibt. Folglich sind es - wie wir schon gesehen haben - gerade diskreditierte,
“unwissenschaftliche” und “abergläubische” Formen
des Wissens, die ihn in Frage stellen. Auf die Diskreditierung und
Delegitimation solchen Wissens antwortet das populäre Wissen mit der These
von der Verschleierung: “Das Volk des Populären lebt im Zeitalter
der Verschleierung” (Fiske 1993 b, 48).
Der
Machtblock will alles, was er nicht erklären kann systematisch vertuschen,
um nichts zuzulassen, was seine epistemologische Macht gefährden
könnte
-
das ist die These der Verschleierung. Die Popularität von
“Enthüllungsberichten” über (vertuschte)
UFO-Phänomene (z.B. Roswell), über “vorgetäuschte”
Todesfälle (Elvis, Kennedy, Hitler etc.) besteht genau darin, daß
diese Berichte den Leuten die Gelegenheit geben, das “offizielle
Wissen”, das “sie” “uns” weismachen wollen, in
Frage zu stellen:
Unabhängig
davon, ob und welche offiziellen Fakten bei der Verschleierung im Spiel sind,
kommt bei deren Aufdeckung fast immer eine gesellschaftliche Wahrheit zum
Ausdruck: Verantwortlich für die Verschleierung sind weiße
Männer aus oberen Schichten; was oft verschleiert wird, sind deren
ausbeuterische Verhältnisse zu Frauen [...] oder mit der
nicht-weißen Welt [...]; diejenigen, denen etwas verschleiert wird, sind
die “niedrigeren Kreise”, “die Leute”. (ebd., 50).
Im
Prinzip handelt es sich um eine originelle Umkehrung der traditionellen
Vorstellung von Ideologie. Diese war ‘falsches Bewußtsein’,
das heißt eine (mentale) Mißrepräsentation der faktischen
sozialen Gegebenheiten mit dem Zweck, die partikularen Interessen einer
herrschenden Klasse als Allgemeinwohl zu verschleiern. Entscheidend an dieser
Konzeption ist, daß die Verschleierung als solche nicht bewußt
werden darf, da sie sonst nicht mehr funktioniert. Folglich wurde die Funktion
jeder kritischen Theorie darin gesehen, die Verschleierung als Verschleierung
zu brandmarken und d.i. ihren manipulatorischen Zweck sichtbar zu machen. In
Fiskes Theorie ist die Verschleierung ganz im Gegenteil die
Unterstellung
der
Leute, daß “sie” - ‘die da oben’ - etwas
verschleiern wollen: “Wir” jedoch wissen es besser und glauben
“ihnen” kein Wort.
[31]
So betrachtet ist jede populäre Verschwörungstheorie (z.B. über
den Mord an Kennedy durch “dunkle Kreise”) der Ideologiekritik
voraus. Jedoch sind medienpopulistische ‘Enthüllungen’, die
auch ein zentraler Bestandteil von Sekundärtexten etwa zu Filmen sind
[32],
natürlich selbst wieder im Spannungsfeld zwischen Machtblock und den
Leuten befindlich:
Such
revealing gossip is as open to incorporation by the power-bloc as any other
popular practice, and so stars, sports people, politicians and other
personalities are sometimes complicit in the revelation of their “true
secrets[...]”. (Fiske 1989 a, 175/176).
Kurzum:
Die populären Wissensformen stellen die Wissensformen der diskursiven
Formation des
power-blocs
in Frage. Sie sind ein Gegenwissen, das nur aufgrund der Opposition zum
“offiziellen Wissen”, zu dem auch das wissenschaftliche und
technische Wissen gehören, existiert. In den medienpopulistischen Texten
ist stets das “offizielle Wissen” mit populären Stimmen
heteroglossisch vermengt.
(3)
Wissenschaftskritik
Fiskes
Modell schließt in der Schwerpunktsetzung auf delegitimierten
Wissensformen an Foucault an. Dieser betonte 1976 in einer Vorlesung:
Zum
anderen glaube ich, daß man unter unterworfenem Wissen etwas anderes und,
in gewissem Sinne, völlig anderes verstehen muß: eine ganze Reihe
von Wissensarten, die als nicht sachgerecht oder als unzureichend ausgearbeitet
disqualifiziert wurden: naive, am unteren Ende der Hierarchie, unterhalb des
erforderlichen Wissens- oder Wissenschaftlichkeitsniveaus rangierende
Wissensarten. Und gerade über diese aus der Tiefe wiederauftauchenden
Wissensarten (das Wissen des Psychatrisierten, des Kranken, des
Krankenwärters, das des Arztes – das jedoch parallel und marginal
zum Wissen der Medizin besteht -, das Wissen des Delinquenten usw.), die ich
als Wissen der Leute bezeichnen würde und die nicht zu verwechseln sind
mit Allgemeinwissen oder gesundem Menschenverstand, sondern im Gegenteil ein
besonderes, lokales, regionales Wissen, ein differentielles, von anderen Wissen
stets unterschiedenes Wissen darstellen, das seine Stärke nur aus der
Härte bezieht, mit der es sich allem widersetzt, was es umgibt [...]
erfolgte die Kritik. (1978, 60/61).
Und
Fiske erweitert nun dieses “Wissen der Leute” um eben jene
Dimensionen der Wissens- und Bedeutungsproduktion, die sich in der Aneignung
massenkultureller Produkte, die so populäre Produkte werden (können),
abzeichnet. Fiskes Ansatz ermöglicht damit, die Popularität bspw.
solcher Phänomene wie UFOS, Verschwörungstheorien über Kennedy
zu erklären und zu begreifen, inwiefern solche Phänomene darin
widerständige
Potentiale
enthalten (und das heißt nicht:
per
se
widerständig sind).
Und
Fiskes Ansatz unterscheidet sich auch darin von Foucaults Überlegungen zu
einer Wissenschaftskritik, daß sich Foucaults Überlegungen stets auf
Kritik an den Humanwissenschaften bezogen hatte (vgl. Visker 1991)
[33],
während Fiske sich zumeist auf die Naturwissenschaften und ihren
instrumentellen Charakter bezieht:
The
physical sciences are ways of knowing nature that function to enable their
possessors to control and exploit it for their own benefit. [...] [S]cientific
rationalism, probably the most effective power-knowledge discipline yet
developed, constantly denies those parts of human experience (such as intuition
or premonition) which lie beyond its grasp the status of being real: it
relegates them to the realm of the unreal, the imaginary, the delusionary, and
thus defines “reality” as that which it knows and can control.
(Fiske 1993 c, 19 und 71).
Zugleich
damit wird “Wissenschaft” zum Teil der diskursiven Konflikte, in
denen sich “offizielle” und “populäre” Weisen die
Welt zu wissen, begegnen. Eine solche Wissenschaftskritik ist natürlich
nicht ohne Gefahren. Gerade die tendenzielle Ausweitung dieser Kritik auf
Geisteswissenschaften drohen Fiskes Ansatz in die Fallen eine performativen
Selbstwiderspruchs hineinzuziehen. Wie kann man die Macht der Wissenschaft, und
auch der Geisteswissenschaften, die “Wahrheit” sagen zu
dürfen, in Zweifel ziehen oder als diskursive Hegemonie denunzieren, ohne
den Anspruch auf die richtige und wahre Erfassung genau dieser Sachverhalte
selbst in Frage zu stellen?
Hier
scheint letztlich nur ein taktisches Vorgehen ohne definitive Antworten, ein
Anwenden
und
ein Kritisieren von Wissenschaft je nach spezifischen Kontexten eine
Lösung darzustellen. Mit und gegen den wissenschaftlichen Diskurs ginge es
also darum
lokale,
diskontinuierliche, disqualifizierte Wissensarten ins Spiel zu bringen, die
nicht legtimiert sind gegenüber der einheitlichen theoretischen Instanz,
die den Anspruch erhebt, sie im Namen eines wahren Wissens und der Rechte einer
Wissenschaft, die sich im Besitz von irgendjemand befände, zu filtern, zu
hierarchisieren und zu klassifizieren. (Foucault 1978, 62).
Foucault
hat folglich die Verfahren mit denen er dieses ins-Spiel-bringen zu
bewerkstelligen dachte, die “Genealogien”, als
“Anti-Wissenschaften” bezeichnet, die “gegen die
Machtwirkungen eines als wissenschaftlich angesehenen Diskurses den Kampf
führen” (63) sollen. Diese Machtwirkungen hat implizit auch Foucault
den Geisteswissenschaften angekreidet, insofern er dem Begriff der
“Ideologie” (und damit der ihm gewidmeten
“Ideologiekritik”) gegenüber einwandte: “[H]inter dem
Begriff der Ideologie steht die Sehnsucht nach einem quasi sich selbst
transparenten Wissen, das ohne Trugbilder, ohne Irrtum funktioniert.”
(1978, 33). Insofern ist der Ideologiekritiker der, der die
“Wahrheit” sieht, die die “verblendeten Massen” nicht
sehen können sollen... Wissenschaft muß sich bei jeder Kritik an
anderen Wissensformen – etwa in der Kritik an “dominanter
Ideologie” zugleich in Selbskritik üben, will sie nicht die
assymetrischen Strukturen, die sie ggf. angreift, selbst einfach verdoppeln.
Sie muß sich in eine “lokale und regionale Praxis” (Foucault
1993, 108) verwandeln. Und die Wissenschaft muß die Stimmen “der
Leute” ernstnehmen. Der Anspruch der Repräsentationalismus in der
Kritik, der Anspruch für Andere sprechen zu können, ist eine
Entmündigung. Nach 1968 bemerkte Foucault in einem Gespräch mit
Gilles Deleuze:
Was
die Intellektuellen unter dem Druck der jüngsten Ereignisse entdeckt
haben, ist dies, daß die Massen sie gar nicht brauchen, um verstehen zu
können; sie haben ein vollkommenes, klares und viel besseres Wissen als
die Intellektuellen; und sie können es sehr gut aussprechen. Aber es gibt
ein Machtsystem, das ihr Sprechen und ihr Wissen blockiert, verbietet und
schwächt. [...] Die Intellektuellen sind selbst Teil dieses Machtsystems;
die Vorstellung, daß sie die Agenten des “Bewußtseins”
und des Diskurses sind, gehört zu diesem System. (1993, 107/108).
Dies
bedeutet, daß die kritischen Wissenschaften (oder die die es gerne
wären) die populären “Gegen-Diskurs[e]” (109) ernstnehmen
müssen. Es geht darum, zu begreifen was die Leute mit der
LINDENSTRAßE,
mit der BILD-Zeitung, mit
STAR
TREK
,
mit dem Grand Prix de la Chanson Produktives anfangen, welche positive Lust
dies bereitet, welches Gegen-Wissen dort
auch
(aber
nicht nur allein – die dominanten Stimmen sind immer da) erzeugt wird.
Fiske hat – darin ganz in einer Linie mit Foucault – den
traditionellen (und immer noch allgegenwärtigen) “linken”
Theorien vorgehalten: “Another problem with some left-wing theory is its
tendency to demean the people for whom it speaks” (1989 a, 162). Die
Reduktion der RezipientInnen auf durch den
“Verblendungszusammenhang” ferngesteuerte
couch-potatoes
hat
nur dazu geführt, daß
the
people
sich
von den linken Theorien ab- und allzuoft rechtspopulistischen Denkweisen
zugewandt haben:
It
is hardly surprising that the people, in their variety of social allegiances,
are reluctant to align themselves with political and cultural theories that
demean them, that fail to recognize their pleasures or their power. [...]
[T]hey [= die linken Theorien, J.S.] have allowed the right to promise the
party. (163/162).
Obwohl
sicherlich der Anspruch auf “access to the final truth” (Fiske 1993
c, 188) nicht vollständig für die kritischen Wissenschaften
aufgegeben werden kann, ohne Kritik überhaupt unmöglich zu machen,
gilt doch auch – was schon Foucault andeutete -, daß sich auch die
kritischen Wissenschaften etwa der Politologie und Soziologie nur durch
Kontrollen und Verknappungen des Diskurses, durch Ein- und
Ausgrenzungsmechanismen überhaupt als distinkte Wissensformen
konstituieren können. Ein solcher Mechanismus wurde mit dem Prinzip des
Kommentars
(vgl. Foucault 1997, 17-20) bereits genannt. Ist diese Technik der
Diskurskontrolle, zusammen mit jener anderen des
Autors
(20-22)
nicht gerade auch in den kritischen Wissenschaften allgegenwärtig –
wieviele Texte über “Marx”, über “Derrida”
und “Luhmann”, ja – und über “Fiske” oder
“Foucault” zirkulieren in den Institutionen, die diese
Wissenschaften erst ermöglichen? Und noch eine andere Technik der
Verknappung hat Foucault genannt. Es ist die
des
Rituals
: Das
Ritual definiert die Qualifikation, welche die sprechenden Individuen besitzen
müssen (wobei diese Individuen im Dialog, in der Frage, im Vortrag
bestimmte Positionen einnehmen und bestimmte Aussagen formulieren müssen);
es definiert die Gesten, die Verhaltensweisen, die Umstände und alle
Zeichen, welche den Diskurs begleiten müssen; es fixiert schließlich
die vorausgesetzte und erzwungene Wirksamkeit des Worte, ihre Wirkung auf die
Adressaten und die Grenzen ihrer zwingenden Kräfte. (1997, 27).
Und
sind diese Machtstrukturen nicht gerade bei Symposien, in Seminaren und
Vorlesungen, - und auf Kolloquien und Graduiertenkonferenzen allgegenwärtig?
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[1]
Der Begriff
power-bloc
wird
weiter unten (2) ausführlicher erläutert werden.
[2]
Hier wäre kritisch anzumerken, daß es keineswegs zwingend erscheint,
daß die Produkte einer kapitalistisch organisierten Industrie notwendig
auch pro-kapitalistische Bedeutungen tragen. Fiskes eigene Unterscheidung
zwischen einer
financial
economy
und einer
cultural
economy
(1989 a, 26-32, s.u.) macht diese Identifikation eher unwahrscheinlich, zumal
zu fragen wäre, ob nicht vielmehr bestimmte hegemoniale Bedeutungsmuster
der kapitalistischen Organisation einer Gesellschaft vorhergehen und diese
tragen.
[3]
Man könnte hier noch genauer ‘Sinn’ von
‘Bedeutungen’ unterscheiden. Während letztere in einer
gegebenen Ordnung ständig umkämpft werden, ist ersterer der Ausdruck
für jene relativ stabilen Konstrukte, mit denen soziale Gruppen sich
selbst verorten und autopoietisch konstituieren.
[4]
Vgl. Fiske (1989 b, 68/69) unter Bezugnahme auf Valentin N. Volosinov (1975):
“Meanings always function within the social system and as such are
subject to the same struggle for possession as any other locus of power.”
Zur Definition von Macht als “Kampf, Konfrontation und Krieg”, vgl.
Michel Foucault (1978, 71).
[5]
Kritisiert werden kann Fiske allerdings dafür, daß er Foucaults
Konzept der Macht nicht immer konsequent durchhält, denn allzuoft
erscheint der
power-bloc
bei ihm personalisiert. Damit gehen gewisse Residuen eines marxistischen
Modells der Macht einher, die von einer personalisierbaren ‘herrschenden
Klasse’ ausgehen (vgl. bspw. Fiske 1989 a, 77-80).
[6]
Fernsehserien wie die
X-FILES
sind ein sehr gutes Beispiel dafür...
[7]
Eggo Müller (1993, 55) weist darauf hin, daß der Begriff
the
people
schwer ins Deutsche übertragbar ist. ‘Volk’ wäre
völlig verfehlt, da der Begriff zu sehr nationalsprachliche oder
nationalstaatliche Bestimmungen implizieren würde. Außerdem ist
dieser Begriff, ebenso wie der der ‘Masse’, viel zu homogenistisch.
The
people
sind ja gerade eine fluktuierende, sich in Tageskämpfen gegen die
Stratageme des Machtblocks bildende ‘diskursive Formation’, die
sehr divergente Positionen umfassen kann. Wir werden das Konzept “die
Leute” und das des “Machtblocks” weiter unten
ausführlich diskutieren.
[8]
Zu betonen ist hier, daß Radways Überlegungen nicht auf den Aspekt
der Produktion abweichender Bedeutungen reduziert werden können. Sie
beschreibt ebenso, wie die Lektüre solcher Romane den Frauen legitim
selbstbestimmte Zeiträume einräumt und so eine gewisse lokale
Verfügung über die Strukturierung von Zeit verschafft (vgl. auch Ang
1996, 98-108).
[9]
Die an dieser Stelle eigentlich notwendige Diskussion der Textkonzeption Fiskes
müssen wir aus Platzgründen ausblenden.
[10]
Fiske unterscheidet zwei eng verknüpfte, graduell verschiedene Formen des
Widerstandes, nämlich
evasion
und
resistance.
Während letztere die Produktion von abweichenden Bedeutungen meint,
reserviert Fiske den Begriff der Evasion für Entzugs-Praktiken, die eine
Verweigerung disziplinatorischer Unterwerfung im körperlich-orgasmischen
Exzeß ermöglichen. Deswegen sind gerade viele Jugendkulturen um
dieses “Prinzip des Sichverlierens” (Barthes 1996, 78) zentriert:
Techno-Tanzen, Head-Banging, Surfen, Drogenkonsum (den auch Foucault in den
siebzigern entdeckte) oder exzessive Verausgabung an Spielautomaten sind
Beispiele, die Fiske dafür anführt.
[11]
Vgl. Eggo Müller (1993, 62): “Fiske blendet, wenn er solche
mikropolitischen Prozesse als subversiv bezeichnet, zwar aus, daß sich,
im Bezugsrahmen der Gesamtgesellschaft gesehen, Prozesse sozialen Wandels
gerade im Interesse dominanter sozialer Macht und Ideologie vollziehen
können”. Bspw. ist die mikropolitische Infragestellung
traditioneller patriarchaler Muster, etwa durch die Leserinnen populärer
Liebesromane, wie sie empirisch Radway (1984) untersucht hat, durchaus
vereinbar mit einer Enttraditionalisierung im Dienste einer progressiven
Kapitalisierung der Gesellschaft. Jedoch hat Fiske auch nie behauptet,
daß die mikropolitische, populäre Bedeutungsproduktion
“radical”, also unmittelbar systemverändernd, sei - sie ist
eben nur “progressive” in dem Sinne, daß sie die semiotischen
Verschiebungen durchführt, die eine notwendige (aber eben nicht
hinreichende) Bedingung größerer, makropolitischer
Veränderungen sind (vgl. Fiske 1989 a, 61/62; 186-193).
[12]
Vgl. Deleuze/Guattari (1992, 290): “Kurz gesagt, alles ist politisch und
jede Politik ist zugleich
Makropolitik
und
Mikropolitik.” [13]
Vgl. Eggo Müller (1993, 62): “Fiske wertet die Mißachtung
kultureller Praktiken ‘der Leute’ im Diskurs der gesellschaftlichen
Institution Wissenschaft, der einzig ‘Makropolitik’ gelten
läßt, vielmehr als Teil des Kampfes um gesellschaftliche
Hegemonie”. Auch hier ist wieder ersichtlich, daß
“Wissenschaft” für Fiske nicht als die gesellschaftlichen
Konflikte transzendierend verstanden werden kann.
[14]
Vgl. hierzu die Verwendung des Terms “Diskursblock” bei Jürgen
Link (1988, 294). Die Konzeption “historischer Blöcke” geht im
Kern, ebenso wie “Hegemonie”, auf Gramsci zurück, dessen
Überarbeitung des Marxismus insofern Bedeutung für Fiskes Ansatz hat,
als sie zeigt, daß Beherrschung nur durch (teilweise) Zustimmung der
Beherrschten zu ihrer Beherrschung möglich ist (vgl. Hall 1989; Williams
1991; Laclau/Mouffe 1991; Hauck 1992, 84-89). Und diese Zustimmung wird eben
auch durch die Produktion eines dominanten Systems an Bedeutungen, einem
“offiziellen Wissen” erzeugt (vgl. Fiske 1993 c, 40-42).
[15]
Vgl. Fiske (1989 a, 59): “’I’ am the arena within which the
discourses of my social life intersect and constitute ‘me’ and
where they are brought to bear upon the discursive resources of the text in the
practice of reading. These discursive resources may limit the meanings I can
make out of them[...]”. Vgl. auch Fiske (1993 c, 66-70).
[16]
Eine Kritik von Noel Carroll an Fiskes Modell wird so sinnlos. Carroll
schreibt: “For under Fiske‘s dispensation, it is just the
differential responses that comprise popular culture. But this is clearly
misguided. People may have differential responses to the commodities of the
culture industry. But at the same time, they often have convergent responses
too.” (1998, 240). Carroll übersieht in seiner oberflächlichen
Lektüre, daß Fiskes Konzeption der nomadischen Subjektivität ja
gerade bedeutet, daß Personen sowohl abweichende, an ihre lokale
Situation angepaßte Bedeutungen produzieren, als auch (gleichzeitig oder
nacheinander) den hegemonialen Bedeutungen folgen können. Und da die
hegemonialen und dominanten Diskurse schon rein quantitativ breit gestreut
sind, werden viele verschiedene Personen in manchen Hinsichten die gleichen,
aber in bestimmten Hinsichten auch je und je abweichende Bedeutungen
produzieren. Das Produzieren von gleichen und von verschiedenen Bedeutungen
schließen sich also nicht aus, wie Carroll dies nahezulegen scheint. Vgl.
Fiske (1989 a, 28): “On the one hand there are the centralizing,
homogenizing needs of the financial economy. The more consumers a product can
reach [...] the greater the economic return on it. It must therefore attempt to
appeal to what people have in common, to deny social differences. What people
in capitalist societies have in common is the dominant ideology and the
experience of subordination and empowerment. [...] Opposing these forces,
however, are the cultural needs of the people, this shifting matrix of social
allegiances [...] These popular forces transform the cultural commodity into a
cultural resource, pluralize the meanings and pleasures it offers, evade or
resist its disciplinary efforts, fracture its homogeneity”
[17]
‘Taktik’ reserviert Fiske (1989 a, 19) für die
vielfältigen Widerstandsformen “der Leute”, während er
‘Strategie’ den Verfahrensweisen des Machtblocks zuordnet.
[18]
Es ist anzumerken, daß Fiske als geradezu anthropologische Konstante
annimmt, daß Menschen ihre Lebenssituation unter Kontrolle bringen
wollen. Dieser Wille-zur-Kontrolle – oder sollte man, im Fahrwasser
Nietzsches und Foucaults vom Willen-zur-Macht sprechen? – motiviert
sowohl das imperialistische Streben nach Kontrolle des
power-blocs,
wie auch die Versuche der
people
Kontrolle über ihre unmittelbaren Lebensbedingungen zu gewinnen (vgl.
Fiske 1993 c, 79).
[19]
Heidegger hat diese Weise die Welt zu “wissen” präzise als
Gestell
benannt. Es ist die Form eines instrumentellen, vergegenständlichenden
Wissens, welches die Welt nur als benutzbares, ausbeutbares, vollständig
kontrollierbares Gegenüber, als “Bestand” anerkennt:
“Dementsprechend zeigt sich das bestellende Verhalten des Menschen zuerst
im Aufkommen der neuzeitlichen exakten Naturwissenschaft. Ihre Art des
Vorstellens stellt der Natur als einem berechenbaren Kräftezusammenhang
nach.” (Heidegger 1991, 21).
[20]
Vgl. Foucault (1997, 17): “Der wahre Diskurs, den die Notwendigkeit
seiner Form vom Begehren ablöst und von der Macht befreit, kann den Willen
zur Wahrheit, der ihn durchdringt, nicht anerkennen; und der Wille zur
Wahrheit, der sich uns seit langem aufzwingt, ist so beschaffen, daß die
Wahrheit, die er will, gar nicht anders kann, als ihn zu verschleiern.”
[21]
Fiskes Untersuchungen zur “Naturalisierung” können wir hier
nicht ausführlich darstellen. Vgl. seine originelle Analyse des Strandes
als Text (1989 b, 43-76).
[22]
Eine methodische Randbemerkung ist hier offenbar vonnöten, denn es mag
verwundern wieso einerseits die dominanten Diskursformationen die
Naturalisierung nutzen, um ihre Dominanz zu stabilisieren, andererseits aber
die Natur als “Chaos” und Bedrohung abqualifizieren – wie es
in Begriffen wie der “Asylantenflut” oder der
“Arbeitslosenschwemme” geschieht (Unter diesem Aspekt wären
Katastrophenfilme, die sich ja zumeist um irgendwelche Attacken des
“Natur-Chaos” gegen die kulturelle (und bürgerliche) Ordnung,
drehen, zu analysieren). Wir müssen innerhalb der dominanten Diskurse
gewissermaßen zwei Formen der Natur differenzieren, die
kontextabhängig und strategisch bemüht werden, um die Dominanz der
hegemonialen Diskursformationen zu sichern. Da gibt es die “gute
Natur” (die Frau-als-Mutter
tier,
das unabänderliche Oben/Unten etc.), die als Rechtfertigung und
Invisibiliserung bestehender Strukturen fungiert und die “böse
Natur” (die “Asylantenflut” oder auch die
“Datenflut”), die eben jene Strukturen zu unterminieren trachtet
und daher mit allen Mitteln bekämpft werden darf. Zur
kollektivsymbolischen Artikulation des “Außen” als Chaos,
Flut, Feuer, Vulkan, Sturm, Gewitter, Nacht etc. vgl. das instruktive Schaubild
bei Jürgen Link (1991, 123).
[23]
Damit soll keineswegs
einfach
behauptet
werden, der Wert der Lichtgeschwindigkeit oder von seien konventionell und
nicht unveränderliche Konstanten. Solche Behauptungen drohen ins
Lächerliche abzugleiten, wie die Affäre Sokal 1996 in greller
Deutlichkeit gezeigt hatte. Allerdings vertritt Fiske an einer Stelle sehr
explizit die Auffassung, daß die Naturgesetze nur aufgrund einer
bestimmten, instrumentellen Weise, die Welt zu “wissen”, erscheinen
können: “I do not wish to suggest that the laws of optics and
electronics are objective and exist in nature only, for they are products of a
particular scientific way of knowing: they have been ‘discovered’
and elaborated in order to enhance our ability to increase our control over
nature and to understand those of its resources that we can turn to our own
advantage. The power of scientific knowledge and its instrumental technologies
is inextricably part of the domination of the world’s physical and social
resources by European-derived nations. No knowledge system is
nonpolitical.” (1996, 222).
[24]
Fiske (1989 a, 121) wirft etwa der bildenden Kunst und der mit ihr korrelierten
Ästhetik vor, nur über die Ebene einer “essential
humanity” Aussagen zu machen und durch diese Naturalisierung die
spezifisch sozialen und politischen Ebenen zu ignorieren. Ob das so generell
über die bildende Kunst etwa des 20. Jahrhunderts und neuere Kunsttheorien
gesagt werden kann, scheint doch sehr fraglich.
[25]
Es geht hier um die allzu bekannte Gewohnheit, theoretische Texte
‘schön’ zu nennen. Vgl. auch Fiske (1989 a, 130):
“Aesthetics requires the critic-priest to control the meanings and
responses to the text, and thus requires formal educational processes by which
people are taught how to appreciate ‘great art’. Aesthetics is a
disciplinary system [...]”.
[26]
Allerdings darf nicht übersehen werden, daß natürlich gerade
aus dem Bereich jener ‘weichen’ Wissenschaften auch massive Kritik,
z.B. von Fiske selbst, an Machtstrukturen oder etwa an den Vorgehensweisen der
Natur- und Technowissenschaften kommt. Insofern ist der Machtblock eben nur
“relatively unified, relatively stable” (Fiske 1989 b, 8).
[27]
Am Rande sei bemerkt, daß gegenwärtig gerade der Computer im
“offiziellen Wissen” phantasmatisch und utopisch
überdeterminiert ist, verkörpert er doch (angeblich) die finale Form
des instrumentellen Wissens, welche Realität und Zukunft, ja die
Fremderfahrung und den Tod – also alle schwer beherrschbaren
Alteritäten – unter Kontrolle bringen soll. Als ein symptomatisches
Beispiel von vielen sei Couchot zitiert: “[D]ie Maschine [= der Computer,
J.S.] konstruiert ein Repräsentationssystem, das die funktionellen
Prozesse des Realen imitieren kann. So vermag sie beispielsweise den Ablauf von
Eriegnissen zu antizipieren oder ihn so zu reproduzieren, wie er stattgefunden
hat: sie imaginiert die Zukunft und erinnert die Vergangenheit.” (1991,
349). Diese Zusammenhänge und diskursiven Konstitutionsprozesse analysiere
ich ausführlich in meiner Dissertation (vgl. Schröter, in Vorb.).
[28]
Luzide hat Fiske diesen Zusammenhang am Beispiel der öffentlichen
Diskussion um Nancy Reagans Beziehung zur Astrologie diskutiert (1993 c,
192-195).
[29]
Selbstredend sind nicht-weiße Bevölkerungsgruppen nicht notwendig in
der Minderzahl. Wenn wir hier dennoch von Minorität sprechen, dann im
Sinne von Deleuze und Guattari (1992, 146-148), die darauf hinweisen, daß
die Majorität keineswegs die Mehrzahl sein muß, sondern als der Ort
der Setzung der Standards, die den “Normalfall” definieren, zu
begreifen ist.
[30]
Insofern ist auch Kellners Vorwurf an Fiske gegenstandslos: “Calling
mass-mediated commercial products of the culture industries ‘popular
culture’ thus collapses a distinction between two very different sorts of
culture.” (1995, 34). Gegenstandslos ist dieser Vorwurf deshalb, weil
Fiske gerade nicht die Produkte als ‘populär’ bezeichnet.
[31]
Am Rande sei angemerkt, daß viele populäre Mystery-TV Serien, allen
voran natürlich die
X-FILES (AKTE X),
mit
solchen Mustern operieren.
[32]
Vgl. Fiske (1989 a, 175): “These secondary texts that circulate gossip
and insider knowledge about the industry are popular, in part at least, because
they offer a form of symbolic participation in the production processes, a
knowledge that makes the fan seem less alienated and that the fan can use to
fuel her or his productivity in reading.”
[33]
Allerdings gibt es auch Versuche von an Foucault orientierten
Wissenschaftstheoretikern, dessen Wissenschaftskritik auf die
Naturwissenschaften anzuwenden (vgl. Rouse 1987; 1993).
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