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KRAFT DES OPAKEN John Fiskes Theorie der Populärkultur als Wissenschaftskritik

Jens Schröter



Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte
der Umstände und der Erziehung, veränderte Menschen also
Produkte anderer Umstände und geänderter Erziehung sind,
vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen
verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß.
Sie kommt daher mit Notwendigkeit dahin, die
Gesellschaft in zwei Teile zu sondern, von
denen der eine über der Gesellschaft erhaben ist. [...]
Karl Marx, 3. Feuerbachthese



John Fiske hat im Anschluß an Stuart Hall, Michail Bachtin, Michel de Certeau und Michel Foucault eine Konzeption der Populärkultur entwickelt, die sich radikal unterscheidet von Konzeptionen der Populärkultur, wie sie von der kritischen Theorie oder traditionellen Formen der Ideologiekritik entwickelt worden ist. War dort das Feld der Populärkultur nur ein Verblendungszusammenhang, durch den eine Kulturindustrie eine ideologische Hegemonie über den Großteil der Rezipienten errichtet, wird sie bei Fiske zum Ort diskursiver Auseinandersetzungen. Er wird nicht müde zu betonen, daß die Konsumenten populärer Kultur nicht einfach als “kulturelle Deppen” abgetan werden dürfen. Im Gegenteil: Die Populärkultur ist für Fiske gerade ein Ort, an dem eine Art lokale Opposition, Entzug, Widerstand möglich wird. Das hat ihm selbstredend unverzüglich scharfe Kritik eingebracht. “[P]ointless Populism” hat ihm William R. Seaman (1992, 301) vorgehalten und Mas’Ud Zavarzadeh spricht gar von einem “conservative [...] postmodernism” (1991, 34). Es klingt gerade auch in den Ohren der scientific community immer noch schrill, wenn die vermeintlich so trivialen und zugleich ideologischen Produkte in ihrer Aneignung als Populärkultur mit einem Potential zum Widerständigen ausgestattet werden. Und wir werden sehen warum: die diskursive Formation, die man Wissenschaft zu nennen pflegt, droht bei Fiske selbst auf die Seite des hegemonialen Wissens zu rutschen. Gerade dieser Aspekt der Wissenschaftskritik, der in seinem Modell impliziert ist, bringt ihn in eine gewisse Nähe zu den Arbeiten von Michel Foucault, insbesondere zu dessen Überlegungen in L‘orde du discours (vgl. Foucault 1997). Diesen Aspekt gilt es herauszuarbeiten.
Zuvor jedoch müssen Fiskes generelle Überlegungen zum Status und zur Funktionsweise der Populärkultur erläutert werden (1). Fiske vertritt nicht das den traditionellen Formen der Ideologiekritik einfach spiegelbildlich entgegengesetzte Extrem, daß Populärkultur per se “subversiv” ist – eine Vorstellung, die man bisweilen im sogenannten “Uses-and-Gratifications-Approach” findet. Diese Verkürzung von Fiskes Ansatz auf en liberalistisches Modell, das die Machteffekte, die immer auch mit Populärkultur und ihrer Rezeption verbunden sind, einfach vergißt, findet sich vielfach gerade in der deutschen Rezeption (vgl. Mikos 1994; vgl. Müller/Wulff 1997).
Jedoch: Die Objekte und Produkte, aus der die Populärkultur als Aneignungsform generiert wird, sind für Fiske immer Mischungen aus Hegemonie und Ansatzpunkten für Widerstand und Entzug. Diese beiden Pole benennt Fiske mit den – vielleicht nicht ganz glücklichen – Termini power-bloc und the people . Diese flüssigen, beweglichen und nicht-soziologischen Kategorien sind diskursive Formationen: Und der power-bloc ist – nach Gransci – jene Formation, die eine kulturelle Hegemonie ausübt, ohne dadurch eine totale Dominanz zu erreichen. Diese beiden Extrempole – Beherrschung und Widerstand – und die ihnen von Fiske zugeordneten Wissensformen “offizielles” vs. “populäres” Wissen sollen in (2) dargelegt werden. Obwohl dieses Begriffspaar sehr nach einer statischen und unerträglich schematischen Opposition – wie etwa Bourgeoisie vs. Proletariat – klingt, wollen wir seine heuristische Brauchbarkeit unterstreichen.
Das “offizielle Wissen” der hegemonialen Diskursformation des power-blocs ist auch die Wissensform der Wissenschaft. Fiskes Konzeption der Populärkultur führt also schließlich dazu, Wissenschaft nur als Teil (und nicht etwa als neutralen, “kritischen” Beobachter) der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen zu sehen: Und dann gilt, wie Foucault sagte, “daß dieser auf einer institutionellen Basis und Verteilung beruhende Wille zur Wahrheit in unserer Gesellschaft dazu tendiert, auf die anderen Diskurse Druck und Zwang auszuüben” (1997, 16).
In (3) schließlich sollen die Ergebnisse der vorliegenden Überlegungen zusammengefaßt und auch die Probleme einer derartigen Wissenschaftskritik diskutiert werden. Dabei kann an die Kritik, die bereits Foucault getroffen hat, angeschlossen werden.


(1) Populärkultur

Fiske, der sich selbst als “inveterate consumer of popular culture” (1989 a, 201) bezeichnet und selbst “pleasure” (59) bei ihrem Konsum empfindet, beginnt seine Überlegungen damit, daß jede Kultur nur funktionieren kann, wenn es neben der sozio-ökonomischen und der sexuellen Reproduktion auch eine gewissermaßen ‘semantische Reproduktion’ der für eine Kultur tragenden Bedeutungen gibt. Diese Reproduktion und Zirkulation von Bedeutungen, analog der Zirkulation der Waren, generiert das Selbstverständnis einer Kultur und damit auch die sozialen Identitäten der Einzelnen:

Culture is the constant process of producing meanings of and from our social experience, and such meanings necessarily produce a social identity for the people involved. [...] Within the production and circulation of these meanings lies pleasure. (Fiske 1989 b, 1).

“Pleasure” - hier schon haben wir einen der zentralen Begriffe Fiskes gefaßt. Diese Lust bezieht sich auf die Produktion und Zirkulation von Bedeutungen, die die soziale Identität organisieren und insbesondere darauf, daß diese Bedeutungsproduktion unterdrückten oder ausgegrenzten Gruppen ein gewisses Maß an selbstbestimmter Kontrolle über ihren Alltag ermöglichen soll. Wir kommen darauf zurück.
Nun sind die gegenwärtig gegebenen Gesellschaften sozial und politisch hierarchisch, sowie patriarchalisch strukturiert und (zumeist) unter der Dominanz der “Weißen”. Folglich gibt es in jeder Gesellschaft soziale Auseinandersetzungen, nicht nur um materielle Ressourcen (z.B. Lohnkämpfe), sondern auch um Bedeutungen, denn “[a]ny social system needs a cultural system of meanings that serves either to hold it in place or destabilize it, to make it more or less amenable to change” (ebd.). Die hegemonialen gesellschaftlichen Diskursformationen, der “Machtblock” [ power-bloc], versuchen die Bedeutungen durchzusetzen, die der Aufrechterhaltung des Status quo dienen. [1] Wie funktioniert das? Indem den kulturell zirkulierenden Produkten diese Bedeutungen eingeschrieben sind:

The resources - television, records, clothes, video games, language - carry the interests of the economically and ideologically dominant; they have lines of force within them that are hegemonic and that work in favor of the status quo. (1989 b, 2). [2]

Soweit scheint das nichts neues zu sein: Die Waren transportieren systemkonforme Bedeutungen [3] von Selbst, Gesellschaft, Mann, Frau, Kultur, Natur etc. und versuchen diese gleichsam den Nutzern nahezulegen. Da jedes gesellschaftliche Handeln an ein implizites Bild von der Gesellschaft und der eigenen Position in ihr gebunden ist, beeinflussen die dominanten (oder hegemonialen) Bedeutungen das Handeln der Einzelnen. Vornehmlich durch die Strategie der Naturalisierung, also dem Verfahren historisch gewachsene, kulturspezifische und das heißt veränderbare Ungerechtigkeiten, Ausschlüsse, Grenzziehungen als natürlich, das heißt mithin als unveränderbar darzustellen, wird die Permanenz einer gegebenen Struktur aufrechterhalten. Und umgekehrt setzt jede abweichende, oppositionelle Haltung bis hin zur makropolitischen Ebene einer revolutionären Verschiebung des gesellschaftlichen Gefüges voraus, daß die Bedeutungen, die den Status quo als ‘unveränderlich’, dem ‘gesunden Menschenverstand entsprechend’ oder - wie es einmal hieß - ‘gottgewollt’ ausweisen, zunächst verändert werden. Jedem konkreten politischen oder sozialen Kampf geht also notwendig ein semiotischer Kampf [4] voraus.
Fiskes Modell verschiebt folglich zwei fundamentale Prämissen, die ein traditioneller, ‘manipulatorischer’ Ansatz voraussetzen würde. Zum Einen weist Fiske darauf hin, daß die Notwendigkeit einer ideologischen Hegemonie und mithin der Einschreibung hegemonialer Ideologeme in die Waren sich ja nur ergibt, wenn auch Widerstand gegen die Hegemonie vorhanden ist. Ohne Widerstand wäre eine hegemoniale Beherrschung nicht nur unnötig, sondern schlicht unmöglich: Macht und Herrschaft kann es per definitionem ja nur dort geben, wo auch Rebellion und Entzug zu finden sind. Dieses differentielle, von Foucault hergeleitete Machtverständnis [5] impliziert, daß jede Hegemonie von Spuren des Widerstands gezeichnet ist (und umgekehrt), da jede Dominanz auf spezifische Widerstände reagiert. “Resistance is not an essence, but a relationship, and both sides of the relationship must be contained within its practice” (Fiske 1989 a, 168). Das heißt schon in dieser Hinsicht müssen die Produkte auch von konfligierenden, oppositionellen Linien durchzogen sein. Außerdem stellt sich die simple Frage - wir haben sie oben schon erwähnt - wieso manche Produkte sehr populär werden und manche nicht. Der weitaus größte Teil aller Kinofilme, Fernsehserien, Platten und Moden wird ein ökonomischer Mißerfolg, während nur allzuoft Produkte, bei denen niemand damit rechnete, ein unglaublicher Erfolg werden [6]:

The cultural industries have to produce a repertoire of products from which the people choose. And choose they do; most estimates of the failure rate for new products - whether primary cultural, such as movies or records, or more material commodities - are as high as 80-90 percent despite extensive advertising [....] [I]t is the people who finally choose which commodities they will use in their culture. (1989 b, 5).

Dies legt ganz offensichtlich nahe, daß die Entscheidung darüber, ob ein gegebenes Produkt angenommen wird, den Produkten bzw. den Konsumenten nicht ‘einprogrammiert’ werden kann. Daraus folgt:

If the cultural commodities or texts do not contain resources out of which the people can make their own meanings of their social relations and identities, they will be rejected and will fail in the marketplace. They will not be made popular. (1989 b, 2).

Und Produkte, die keine Potentiale liefern, aus denen “die Leute” [the people] [7] ihre Bedeutungen machen können, scheitern einfach deshalb, weil die Produktion solcher Bedeutungen Lust bereitet. Und wenn in einem bestimmten Rahmen keine Möglichkeit besteht solche Bedeutungen zu produzieren, wird auch keine Lust produziert - folglich macht das Produkt einfach keinen Spaß. Auch hierin folgt Fiske Foucault, schrieb dieser doch, daß es eine Lust gäbe, “sich zu zeigen, einen Skandal auszulösen oder Widerstand zu leisten” (1986, 61). Fiske liefert in detaillierten Einzelanalysen viele Beispiele solcher ‘semiotischer Guerillataktiken’. Bspw. beschreibt er, wie Obdachlose (also vom herrschenden System ausgeschlossene Menschen) ihre Bedeutungen aus einem anderweitig durchaus mit dominanter Ideologie getränkten Film wie DIE HARD generieren (vgl. Fiske 1993 c, 3). Er kann hier an empirische Studien anschließen. Janice Radway (1984) hat etwa gezeigt, daß die Lektüre von Liebesromanen durch Hausfrauen keineswegs auf einen bloßen Eskapismus reduziert werden kann, sondern durchaus zu veränderten Vorstellungen über das Geschlechterverhältnis führt, welche wiederum auf die Alltagspraxis und die innerfamiliären Machtkämpfe zurückwirken (vgl. Fiske 1989 a, 55/56). [8] Daß viele Eltern den Fernsehkonsum ihrer Kinder perhorreszieren, liegt nach Fiske auch daran, daß die Kinder durch den unkontrollierbaren Informationsfluß aus dem Fernsehen ermächtigt werden, Bedeutungen zu erzeugen, die gegen ihre Eltern gerichtet sind und die uneingeschränkte Macht ‘der Erwachsenen’ in Frage stellen (vgl. Fiske 1989 a, 155-158). Viele weitere Beispiele wären hier noch anzuführen. Naheliegenderweise impliziert diese Vorstellung ein Modell aktiver Rezeption, das wenig gemein hat mit dem eines Textes, der seine dominanten Ideologeme den Rezipienten einfach ‘aufzwingen’ kann. [9]
Die Rezipienten versuchen ihre Identität, ihren evtl. Ausschluß aus bestimmten gesellschaftlichen Bereichen, ihre Lage mit Sinn zu versehen, sich selbst transparent zu machen, indem sie die Produkte nehmen und daraus die Bedeutungen “basteln” (vgl. Fiske 1989 a, 150/151), die für ihr “semiotisches Überleben” notwendig sind:

Semiotic resistance results from the desire of the subordinate to exert control over the meanings of their lives, a control that is typically denied them in their material social conditions. (Fiske 1989 b, 10). [10]

Das zentrale Kriterium, unter welchem Produkte ausgewählt werden ist also das der Relevanz. Nur Produkte, die der entsprechenden sozialen oder diskursiven Situation angemessen sind, bzw. die irgendwie die Möglichkeit bieten, angemessen genutzt zu werden, kommen für eine populäre Nutzung in Frage.
Das heißt, daß die populären Bedeutungen auf lokaler Ebene produziert werden. Es geht hier gewissermaßen um eine Mikropolitik des Alltags-Lebens. Selbstredend hat diese Annahme Fiskes scharfe Kritik ausgelöst. Weil Fiske die Möglichkeiten des Widerstands in den Mikrobereich des everyday life und den Mikrosektor des Individuellen verlege, sehe er nicht, daß solche lokalen ‘Ventile’ nur dazu dienen, ‘Dampf abzulassen’ und so im Ganzen systemstabilisierend seien. [11] Fiske konzediert, daß die Populärkultur ohne Zweifel nur ‘progressiv’ sei, insofern sie lokale Bedeutungsverschiebungen erziele, aber nicht ‘radikal’, weil sie keinen revolutionären Gesamtangriff auf das System zulasse. Jedoch wirft er radikalen linken Theorien zu recht vor, daß sie erstens die Tatsache übersehen, daß erst, wenn sich die Bedeutungen verändert hätten, die Basis für einen breiteren sozialen Kampf bereit steht. Insofern können und müssen populärkulturelle Prozesse die semiotische Grundlage für soziale Revolutionen liefern: “The interior resistance of fantasy is more than ideologically evasive, it is a necessary base for social action” (Fiske 1989 b, 10). [12] Zweitens wiederholen linke Theorien in ihrer Abwertung der Populärkultur nur die Delegitimationsstrategie, die die dominanten diskursiven Allianzen des power-blocs anwenden, um die “popular (mis)uses” (Fiske 1989 a, 145) und ihre Formen eines Gegenwissens für ungültig zu erklären (s. (2); vgl. Fiske 1989 a, 18/19). [13] Da sehr viele verschiedene Situationen und Rahmenbedingungen der alltäglichen und populären Lektüre gegeben sein können, ist Populärkultur kein monolithischer, homogener Block, sondern eher ein heterogenes Feld sehr verschiedener Aneignungen und Bedeutungen, denen als einziges gemeinsames Merkmal zukommt, sich in Opposition zu hegemonialen Diskursen zu formieren:

The popular allegiances are elusive, difficult to generalize and difficult to study, because they are made from within, they are made by the people in specific contexts at specific times. [...] But the dominant ideology has to be there [...] “The popular,” then, is determined by the forces of domination to the extent that it is always formed in reaction to them; but the dominant cannot control totally the meanings that the people may construct [...]. (Fiske 1989 a, 24/25; 45; Hervorhebung, J.S.).


(2) “Power-bloc” vs. “the people”/”offizielles” vs. “populäres” Wissen: Eine taktische Überzeichnung?

Fiske argumentiert also, daß es eine Spannung zwischen hegemonialen diskursiven Formationen, die ihre Bedeutungen in die Produkte einschreiben und potentiell subversiven Aneignungsformen dieser Produkte gibt. Populärkultur macht für ihn immer nur Sinn in diesem Spannungsverhältnis. Daher müssen wir jetzt die beiden Begriffe power-bloc und the people genauer betrachten, die in überklarer, schematischer Überzeichnung die beiden Pole benennen, zwischen denen der “Bedeutungskampf” der Populärkultur statthatt.
Die Kategorien “Machtblock” und “die Leute” sind nicht als dichotomischer Gegensatz homogener und monolithischer Gebilde wie etwa “Bourgeoisie” vs. “Proletariat” zu verstehen. Im Gegenteil zeigte David Morleys (1980) Studie The Nationwide Audience im Anschluß an Hall vielmehr, daß Klassenzugehörigkeit keine spezielle Gewichtung bei der Lektüre von Nachrichtensendungen hatte. Hall bemerkt denn auch in einem späteren Aufsatz:

The people versus the power-bloc: this, rather than “class-against-class”, is the central line of contradiction around which the terrain of culture is polarized. Popular culture, especially, is organized around the contradiction: the popular forces versus the power-bloc. (1981, 238).

Der Machtblock ist also keine Personengruppe, die durch ein objektivierbares soziales Merkmal, wie etwa den Besitz der Produktionsmittel spezifiziert werden kann (vgl. Winter 1997, 57/58). Er ist zu definieren als eine Art Allianz hegemonialer diskursiver Kräfte - unabhängig von den konkreten Personen, die zu einem gegebenen Zeitpunkt an dieser Formation partizipieren: “A ‘bloc,’ as Gramsci theorized it, is a welding together of different components for a specific purpose and it must not be misconstrued as a ‘block,’ or solid object.” (Fiske 1993 c, 10). [14] Eine gegebene Person kann zu bestimmten Zeiten am “Machtblock” teilhaben, zu anderen Zeiten jedoch oppositionelle Taktiken verfolgen und damit Teil der “popular forces”, “der Leute” [the people] sein (vgl. Fiske 1989 a, 45). Aber nicht nur auf der zeitlichen Achse kann eine Person vom Machtblock zu den Leuten wechseln. Jede Person ist durch eine “nomadic subjectivity” (Fiske 1989 a, 181) gekennzeichnet [15], das heißt von verschiedenen Diskursen durchzogen, “segmentarisiert” (vgl. Deleuze/Guattari 1992, 290): “Ein Arbeiter kann sich mit den Interessen des Machtblocks in seinem Geschlechterstandpunkt und mit den Interessen ‘der Leute’ in seinem Klasseninteresse verbinden” (Fiske 1993 a, 9).

Hier ist eine wichtige Präzisierung notwendig: Fiske nimmt an, daß jede gegebene Person die Produkte rsp. Rezeptionsweisen wählt, die ihr Lust bereiten. Jedoch können Personen, die in einem gegebenen Kontext an den dominanten Allianzen des power-blocs partizipieren, sehr wohl hegemoniale Lust (vgl. Fiske 1989 a, 57 am Beispiel von Ronald Reagans Lektüre von RAMBO) empfinden: Das heißt Lust ist keineswegs in essentialistischer Weise widerständig. Lust kann darin bestehen durch Mißbrauch oder abweichende Lektüren, Produkte der “Kulturindustrie” anzueignen, sie kann – abhängig von einer anderen, sozial und diskursiv dem power-bloc nahestehenden Verortung des Rezipierenden – auch darin bestehen den hegemonialen Bedeutungen zu folgen. Und diese beiden Formen können sich auch in einer Person überlagern. [16] Anders als Noel Carroll (1998, 237) glaubt ist für Fiske Populärkultur nicht Widerstand per se (auch wenn es Äußerungen von ihm gibt, die dieses Verständnis nahelegen könnten), sondern es ist vielmehr der Ort, an dem Widerstand und Beherrschung miteinander ringen (vgl. Fiske 1989 a, 29; vgl. auch Jameson 1979).
Es geht also nicht darum einer schlichten Repressionshypothese von “Macht” zu folgen. Es ist nicht so, daß ein finsterer power-bloc eine libertäre, authentische Pop-Kultur unterdrückt, die ihm voranginge und dies es zu befreien gälte. Vielmehr formieren sich die formations of the people – wie wir bereits andeuteten – nur im Gegensatz zum power-bloc. Fiske nennt die Widerstands-Taktiken [17] der Populärkultur daher auch bottom up-power im Unterschied zur zentralisierten und homogenen top down-power des Machtblocks (vgl. Fiske 1989 a, 65 und 105). Auch die people wollen Macht ausüben – nur ist dieser Wille-zur-Macht eher auf die alltäglichen, konkreten Lebensumstände gerichtet, statt auf die gesellschaftliche und diskursive Totalität:

Top-down and bottom-up power do not operate in different spheres [...] but are different directionalitites of the same desire to control. [18] Popular formations and those of the power-bloc are not so much differently motivated as differently situated. [...] Material social conditions mean that the formations of the power-bloc are better able tto exert imperialist control. (Fiske 1993 c, 79).

Wie können wir den Machtblock als “Allianz hegemonialer diskursiver Kräfte” näher bestimmen? “The power-bloc consists of a relatively unified, relatively stable alliance of social forces - economic, legal, moral, aesthetic.” (Fiske 1989 b, 8). Der Machtblock wird also als ‘relativ’ homogenes Bündnis von ökonomischen Strukturen, rechtlichen Vorschriften, moralischen Setzungen, Praktiken und ästhetischen Prämissen bestimmt, die vorrangig ein Ziel haben: nämlich die gegebenen sozialen und ideologischen Strukturen zu stabilisieren und reproduzieren. “[T]he interests of those with power are best served by maintaining the status quo.” (Fiske 1989 a, 19). Den fließenden, sich situational und kontextuell bildende Konfigurationen des “Machtblocks” eignet eine bestimmte Form des Wissens. Es muß instrumentell sein, um ihm seine Aufgabe einer Reproduktion der gesellschaftlichen und ideologischen Struktur zu ermöglichen. Beherrschbar ist etwas nur dann, wenn genug Wissen darüber vorliegt. Insofern spricht Fiske auch von “imperializing knowledge” (1993 c, 118), um den expansiven Charakter dieses Wissens, das stets voranschreitet, um möglichst viel wiß- d.i. kontrollierbar zu machen, zu betonen. [19] Fiske nennt es das “offizielle Wissen” (1993 b, 36/37). Es ist die Wissensform der Wissenschaft:

Diejenigen Wissensformen, die auf diese Weise über instrumentelle Macht verfügen, verstecken den politischen Nutzen ihres Wissens hinter einer Rhetorik der Objektivität: dadurch werden die Wahrheiten deplaziert und in einer äußerlichen Natur oder Realität verortet, statt in der Macht jener, die sie produzieren oder gebrauchen. In dem Maße, in dem die jeweilige Wissensform in dieser Hinsicht effizient ist (im allgemeinen ist diese Effizienz praktisch total), naturalisiert sie diese Macht, indem sie sie nicht als einen Effekt der Geschichte der Herrschaft darstellt, sondern sie vielmehr als das Resultat der Fähigkeit, die Wahrheit zu sehen, verkauft. (Fiske 1993 b, 36). [20]

Hier geht es präzise um die bereits genannte ideologische Strategie der Naturalisierung. [21] Der Machtblock sucht die für die Aufrechterhaltung notwendigen Bedeutungen zu naturalisieren. [22] Ihm steht mit der Wissenschaft ein machtvolles, instrumentelles Wissen zur Verfügung. Die Naturalisierung wird also durch ein machtvolles, instrumentelles Wissen durchgesetzt. [23] Diese Durchsetzung funktioniert über die “fundamentale epistemologische Macht [...], zwischen dem Realen und dem Irrealen eine Grenze” (ebd.) zu ziehen und diese zu bewachen. Dabei ist es keineswegs so, daß diese Grenzziehung zwei gleichgestellte Segmente trennt. Vielmehr ist die eine Seite die “Wahrheit”, das “Wirkliche”, die “Fakten”, während das, “[w]as sie aber ausschließt (z.B. intuitives Wissen) [...], per definitionem als unwirklich abgetan werden” (ebd.) kann: als “Unwahres”, bloße “Einbildung” oder als “Fiktion”:

Das offizielle, wissenschaftliche Wissen arbeitet ständig am Grenzschutz gegenüber vielen anderen Wissensformen, angesichts derer es sich als überlegen definiert. [...] Es ist nicht in seinem Interesse, untergeordnete Wissensformen zu integrieren, sondern es geht darum, diese auszuschließen und zu entwerten. So verwendet das herrschaftliche Wissen häufig solche Begriffe wie “abergläubisch”, “unbewiesen”, “unwissenschaftlich”, um andere Wissensformen zu diskreditieren [...] Andernorts pathologisiert es diejenigen, die unterschiedliche Wissensformen anwenden, als Opfer ihrer eigenen wunscherfüllenden oder kompensatorischen Phantasien. (Fiske 1993 b, 37).

Die binäre Leit-Opposition ist also hier real vs. irreal. Zweierlei wird hier deutlich: “Die” Wissenschaft ist eine Form von Herrschaftswissen. Sie definiert, was wahr, was real, was gesund ist. Sie hat die gesellschaftliche Macht solche Setzungen auszusprechen. Wieder steht Fiske hier in einer großen Nähe zu Foucault (1997), der in Die Ordnung des Diskurses die Wissenschaft kritisch als den “wahre[n] Diskurs” bezeichnet hatte, dessen “Wille zur Wahrheit in unserer Gesellschaft dazu tendiert, auf die anderen Diskurse Druck und Zwang auszuüben” (16).
Daß soviele AutorInnen gegen Fiskes Ansatz angestürmt sind, ist daher kaum verwunderlich, bedroht dieser doch das Selbstverständnis der scientific community , die oft gerade in der (philosophischen, politologischen, soziologischen) Wissenschaft den Schlüssel zum Aufbrechen dominanter Ideologien sah (vgl. etwa Althusser 1977). Fiske (1993 c, 188) betont hingegen, daß die Wissenschaft eher Komplize dessen ist, was er (manchmal verkürzend [24]) ‘traditionelle Ästhetik’ nennt, deren Aufgabe darin bestehe, zu definieren, was ‘schön’ sei: “Science and aesthetics both claim access to the final truth and the power to represent it (indeed scientific reasoning is often assessed by aesthetic criteria such as ‘elegance’).” [25] Daran zeigt sich, daß für Fiske nicht bloß die Natur- oder Technowissenschaften “offizielles Wissen”, also die Wissensform des “Machtblocks” sind. Auch Kultur- und Geisteswissenschaften partizipieren tendenziell und partiell an dieser diskursiven Formation. Foucault benennt als eine Prozedur der der “Kontrolle und Einschränkung des Diskurses” den “Kommentar”, der “bis zu einem gewissen Grade die wissenschaftlichen Texte” (1997, 17/18) kennzeichnet. Der Kommentar ist für Foucault deswegen ein Machtmechanismus, da er ein “Gefälle zwischen den Diskursen” aufrichtet. Die bereits angesprochene Delegitimation anderer Formen die Welt zu Wissen als “unwissenschaftlich”, “abergläubisch” oder “unsinnig” gehört hierher. [26]

Was sind diese “anderen Formen die Welt zu wissen”, die Fiske auch als “populäres Wissen” bezeichnet? Betrachten wir ein Beispiel, das Fiske gibt. Ein Artikel in der Weekly World News behauptet, man habe einen Bomber aus dem zweiten Weltkrieg auf dem Mond entdeckt. Fiske bemerkt nun (wir zitieren diese bemerkenswerte Passage ausführlich):

I find great, but contradictory, pleasures in the report that a World War III bomber has been photographed on the moon [...] As an educated person rewarded with advantages of believing in a scientific, empirical order of things, I take pleasure and power in distinguishing myself from (inferior) systems of belief (i.e., “superstitions”) that contradict scientific “truth” that it is impossible for it to have got there. But at the same time, I have a skepticism about “science” [...] that finds pleasurable points of pertinence in apparent facts that lie beyond its explanatory ability and therefore discursive power. [...] I enjoy being able to establish, momentarily, my difference from “the system” by being able to say, “They can’t explain everything, they don’t know everything, they want to repress that which they can’t explain, because what they can’t explain is what escapes their power.” [...] [T]he moonstruck bomber becomes a metaphor for the social experiences of the subordinate that lie outside the meanings (and power) offered by the dominant discourses. [...] The story allows me pleasure of understanding science in my (popular) terms - that is, as a system of power - not in its own dominant, terms, as a system of nonsocial, nonpolitical truths grounded in nature and thus objective, universal, and unchallengeable. (Fiske 1989 a, 181-183).

Es handelt sich beim populären Wissen also um Wissensformen, die von den dominierenden diskursiven Formationen zu Unsinn oder - im Falle der erfolgreichen Vorhersage - zu “bloßem Zufall” (Fiske 1993 b, 42/43) erklärt werden, die aber Anspruch auf Zusammenhänge erheben, die die herrschenden Formationen nicht erklären können (oder wollen). Es ist ein “Gegenwissen” (ebd., 28), ein “Gegen-Diskurs” (Foucault 1993, 108). Wie man sieht, erklärt sich so die große Popularität von “abergläubischen” Wissensformen wie der Astrologie oder der Numerologie (vgl. Fiske 1993 b, 40/41; 1993 c, 188-192). Auch die Popularität der Wettervorhersage wird so erklärlich: Gerade weil die Wettervorhersage (meistens) nicht stimmt , ist sie populär – zeigt sie doch das Scheitern aller Bemühungen der mit Computersimulationen und Satelliten ausgerüsteten dominanten Wissensformen, das “Reale” unter Kontrolle zu bekommen und seine Entwicklung vorherzusagen. [27] Die alltäglichen Klagen über die falschen Vorhersagen erscheinen so in einem neuen Licht...
An anderer Stelle weist Fiske (1993 b, 36) darauf hin, daß bspw. auch “intuitives Wissen” zu den für ungültig erklärten Wissensformen gehört. Hier zeigt sich unmittelbar die patriarchalische Verfassung der Machtblock-Wissenschaft, insofern “Intuition” in unserer Gesellschaft zumeist mit der “Frau”, “exaktes, technisches, wissenschaftliches” Wissen hingegen stets mit dem “Mann” assoziiert wird. Daß viele AstrologInnen in der Boulevardpresse oder im Fernsehen weiblichen Geschlechts sind, ist also kein Zufall – und der Versuch populäres “Gegenwissen” an dominante, patriarchale Ideologeme rückzukoppeln. Es

scheint, daß unsere Gesellschaft “abergläubische” Wissensformen mit weiblichen Attributen belegt, während sie es der männlichen Seite erlaubt, sich diejenigen Wissensformen anzueignen, welche sowohl gesellschaftlich als auch instrumentell mächtiger sind. (ebd., 41). [28]

Auch daß Angehörige nicht-weißer Minoritäten [29] mit “abergläubischen” oder “unwissenschaftlichen” Wissensformen assoziiert werden (“Schwarze” und Voodoo; “Asiaten” und Zen; “Indianer” und Animismus) ist Indiz für die nicht nur sexistische, sondern auch rassistische Struktur des “offiziellen Wissens”. In vielen Fernsehserien gehört eine derartige Zuordnung von nicht-weißen Charakteren zu “Aberglauben” zum festen Repertoire.
Da die populären Formationen nur in Differenz zum Machtblock bestehen können, können sich die populären Wissensformen niemals von der Stimme des Machtblocks, der sie als “irreal”, “abergläubisch”, “unsinnig” benennt, lösen. Insofern tendiert das populäre Wissen zur Heteroglossie und medienpopulistische Texte zur Vielstimmigkeit, zur Multiakzentualität, wie Fiske in Anschluß an Bachtin formuliert. Daher ist das “populäre Wissen” niemals rein und rigoros vom “offiziellen Wissen” getrennt - Fiske zeigt, daß das “populäre Wissen” oft Strategien des “offiziellen Wissens” kooptiert, indem es etwa “UFO-Experten” heranzieht.

Auf den hier naheliegenden Einwand, daß der Machtblock durch das gezielte Einpflanzen von populärem Skeptizismus letzten Endes doch die Kontrolle über die Bedeutungsproduktion hält, hat Fiske geantwortet: Er unterscheidet den Medienpopulismus von der Populärkultur, den populären Wissensformen der Leute. Während Populärkultur als das gelebte Feld widerständiger Bedeutungsproduktion verstanden werden kann, ist jeder Text, den wir analysieren könnten, ein medienpopulistisches Produkt, insofern ein solcher Text stets zwischen den Stimmen des Machtblocks und den populären Stimmen vermitteln muß [30]:

Der Medienpopulismus ist [...] eine Strategie der Vermittlung, und als solche durchziehen ihn diskursive Spuren der gesellschaftlichen Formationen, zwischen denen er vermittelt. [...] Der Populismus mag zwar eine Strategie des Machtblocks sein, mit deren Hilfe das Populäre ausgebeutet werden soll; Erfolg kann diese Strategie aber nur dann haben, wenn sie dem Populären irgendeinen Raum für dessen eigene Entfaltung bietet. (Fiske 1993 b, 20/21; vgl. 39/40).

Dieses Verschwimmen des “offiziellen” und des “populären” Wissens im Medienpopulismus trägt dazu bei, die

Grenzen zwischen dem Realen und dem Irrealen zu zerstören und sowohl die Hierarchie des Wissens als auch die gesellschaftlichen Unterschiede abzubauen, die durch diese Grenzen aufrechterhalten werden. (ebd.)

Diese Auflösung der Grenze real/irreal ist, insofern das instrumentelle Wissen des Machtblocks gerade mithilfe dieser Grenze seine Herrschaft stabilisiert, ein Angriff des “populären Skeptizismus” auf den Anspruch des Machtblocks, alles zu wissen (d.i. kontrollieren zu können): “They can’t explain everything, they don’t know everything, they want to repress that which they can’t explain, because what they can’t explain is what escapes their power” (Fiske 1989 a, 182). “Sie” und “Wir” - der Machtblock und die Leute - stehen sich als diskursive Formationen gegenüber. Ein daher wichtiger Aspekt des populären Wissens ist die Verschleierung [the cover-up]. Der Machtblock setzt Wahrheit und Realität und behauptet die (fast) vollständige Kontrolle der Welt durch sein instrumentelles Wissen - die Wissenschaft. Er weist alles als irreal ab, “was es da Gewalttätiges, Plötzliches, Kämpferisches, Ordnungsloses und Gefährliches” (Foucault 1997, 33) gibt oder zumindest angeblich gibt. Folglich sind es - wie wir schon gesehen haben - gerade diskreditierte, “unwissenschaftliche” und “abergläubische” Formen des Wissens, die ihn in Frage stellen. Auf die Diskreditierung und Delegitimation solchen Wissens antwortet das populäre Wissen mit der These von der Verschleierung: “Das Volk des Populären lebt im Zeitalter der Verschleierung” (Fiske 1993 b, 48). Der Machtblock will alles, was er nicht erklären kann systematisch vertuschen, um nichts zuzulassen, was seine epistemologische Macht gefährden könnte - das ist die These der Verschleierung. Die Popularität von “Enthüllungsberichten” über (vertuschte) UFO-Phänomene (z.B. Roswell), über “vorgetäuschte” Todesfälle (Elvis, Kennedy, Hitler etc.) besteht genau darin, daß diese Berichte den Leuten die Gelegenheit geben, das “offizielle Wissen”, das “sie” “uns” weismachen wollen, in Frage zu stellen:

Unabhängig davon, ob und welche offiziellen Fakten bei der Verschleierung im Spiel sind, kommt bei deren Aufdeckung fast immer eine gesellschaftliche Wahrheit zum Ausdruck: Verantwortlich für die Verschleierung sind weiße Männer aus oberen Schichten; was oft verschleiert wird, sind deren ausbeuterische Verhältnisse zu Frauen [...] oder mit der nicht-weißen Welt [...]; diejenigen, denen etwas verschleiert wird, sind die “niedrigeren Kreise”, “die Leute”. (ebd., 50).

Im Prinzip handelt es sich um eine originelle Umkehrung der traditionellen Vorstellung von Ideologie. Diese war ‘falsches Bewußtsein’, das heißt eine (mentale) Mißrepräsentation der faktischen sozialen Gegebenheiten mit dem Zweck, die partikularen Interessen einer herrschenden Klasse als Allgemeinwohl zu verschleiern. Entscheidend an dieser Konzeption ist, daß die Verschleierung als solche nicht bewußt werden darf, da sie sonst nicht mehr funktioniert. Folglich wurde die Funktion jeder kritischen Theorie darin gesehen, die Verschleierung als Verschleierung zu brandmarken und d.i. ihren manipulatorischen Zweck sichtbar zu machen. In Fiskes Theorie ist die Verschleierung ganz im Gegenteil die Unterstellung der Leute, daß “sie” - ‘die da oben’ - etwas verschleiern wollen: “Wir” jedoch wissen es besser und glauben “ihnen” kein Wort. [31] So betrachtet ist jede populäre Verschwörungstheorie (z.B. über den Mord an Kennedy durch “dunkle Kreise”) der Ideologiekritik voraus. Jedoch sind medienpopulistische ‘Enthüllungen’, die auch ein zentraler Bestandteil von Sekundärtexten etwa zu Filmen sind [32], natürlich selbst wieder im Spannungsfeld zwischen Machtblock und den Leuten befindlich:

Such revealing gossip is as open to incorporation by the power-bloc as any other popular practice, and so stars, sports people, politicians and other personalities are sometimes complicit in the revelation of their “true secrets[...]”. (Fiske 1989 a, 175/176).

Kurzum: Die populären Wissensformen stellen die Wissensformen der diskursiven Formation des power-blocs in Frage. Sie sind ein Gegenwissen, das nur aufgrund der Opposition zum “offiziellen Wissen”, zu dem auch das wissenschaftliche und technische Wissen gehören, existiert. In den medienpopulistischen Texten ist stets das “offizielle Wissen” mit populären Stimmen heteroglossisch vermengt.


(3) Wissenschaftskritik

Fiskes Modell schließt in der Schwerpunktsetzung auf delegitimierten Wissensformen an Foucault an. Dieser betonte 1976 in einer Vorlesung:

Zum anderen glaube ich, daß man unter unterworfenem Wissen etwas anderes und, in gewissem Sinne, völlig anderes verstehen muß: eine ganze Reihe von Wissensarten, die als nicht sachgerecht oder als unzureichend ausgearbeitet disqualifiziert wurden: naive, am unteren Ende der Hierarchie, unterhalb des erforderlichen Wissens- oder Wissenschaftlichkeitsniveaus rangierende Wissensarten. Und gerade über diese aus der Tiefe wiederauftauchenden Wissensarten (das Wissen des Psychatrisierten, des Kranken, des Krankenwärters, das des Arztes – das jedoch parallel und marginal zum Wissen der Medizin besteht -, das Wissen des Delinquenten usw.), die ich als Wissen der Leute bezeichnen würde und die nicht zu verwechseln sind mit Allgemeinwissen oder gesundem Menschenverstand, sondern im Gegenteil ein besonderes, lokales, regionales Wissen, ein differentielles, von anderen Wissen stets unterschiedenes Wissen darstellen, das seine Stärke nur aus der Härte bezieht, mit der es sich allem widersetzt, was es umgibt [...] erfolgte die Kritik. (1978, 60/61).

Und Fiske erweitert nun dieses “Wissen der Leute” um eben jene Dimensionen der Wissens- und Bedeutungsproduktion, die sich in der Aneignung massenkultureller Produkte, die so populäre Produkte werden (können), abzeichnet. Fiskes Ansatz ermöglicht damit, die Popularität bspw. solcher Phänomene wie UFOS, Verschwörungstheorien über Kennedy zu erklären und zu begreifen, inwiefern solche Phänomene darin widerständige Potentiale enthalten (und das heißt nicht: per se widerständig sind).
Und Fiskes Ansatz unterscheidet sich auch darin von Foucaults Überlegungen zu einer Wissenschaftskritik, daß sich Foucaults Überlegungen stets auf Kritik an den Humanwissenschaften bezogen hatte (vgl. Visker 1991) [33], während Fiske sich zumeist auf die Naturwissenschaften und ihren instrumentellen Charakter bezieht:

The physical sciences are ways of knowing nature that function to enable their possessors to control and exploit it for their own benefit. [...] [S]cientific rationalism, probably the most effective power-knowledge discipline yet developed, constantly denies those parts of human experience (such as intuition or premonition) which lie beyond its grasp the status of being real: it relegates them to the realm of the unreal, the imaginary, the delusionary, and thus defines “reality” as that which it knows and can control. (Fiske 1993 c, 19 und 71).

Zugleich damit wird “Wissenschaft” zum Teil der diskursiven Konflikte, in denen sich “offizielle” und “populäre” Weisen die Welt zu wissen, begegnen. Eine solche Wissenschaftskritik ist natürlich nicht ohne Gefahren. Gerade die tendenzielle Ausweitung dieser Kritik auf Geisteswissenschaften drohen Fiskes Ansatz in die Fallen eine performativen Selbstwiderspruchs hineinzuziehen. Wie kann man die Macht der Wissenschaft, und auch der Geisteswissenschaften, die “Wahrheit” sagen zu dürfen, in Zweifel ziehen oder als diskursive Hegemonie denunzieren, ohne den Anspruch auf die richtige und wahre Erfassung genau dieser Sachverhalte selbst in Frage zu stellen?
Hier scheint letztlich nur ein taktisches Vorgehen ohne definitive Antworten, ein Anwenden und ein Kritisieren von Wissenschaft je nach spezifischen Kontexten eine Lösung darzustellen. Mit und gegen den wissenschaftlichen Diskurs ginge es also darum

lokale, diskontinuierliche, disqualifizierte Wissensarten ins Spiel zu bringen, die nicht legtimiert sind gegenüber der einheitlichen theoretischen Instanz, die den Anspruch erhebt, sie im Namen eines wahren Wissens und der Rechte einer Wissenschaft, die sich im Besitz von irgendjemand befände, zu filtern, zu hierarchisieren und zu klassifizieren. (Foucault 1978, 62).

Foucault hat folglich die Verfahren mit denen er dieses ins-Spiel-bringen zu bewerkstelligen dachte, die “Genealogien”, als “Anti-Wissenschaften” bezeichnet, die “gegen die Machtwirkungen eines als wissenschaftlich angesehenen Diskurses den Kampf führen” (63) sollen. Diese Machtwirkungen hat implizit auch Foucault den Geisteswissenschaften angekreidet, insofern er dem Begriff der “Ideologie” (und damit der ihm gewidmeten “Ideologiekritik”) gegenüber einwandte: “[H]inter dem Begriff der Ideologie steht die Sehnsucht nach einem quasi sich selbst transparenten Wissen, das ohne Trugbilder, ohne Irrtum funktioniert.” (1978, 33). Insofern ist der Ideologiekritiker der, der die “Wahrheit” sieht, die die “verblendeten Massen” nicht sehen können sollen... Wissenschaft muß sich bei jeder Kritik an anderen Wissensformen – etwa in der Kritik an “dominanter Ideologie” zugleich in Selbskritik üben, will sie nicht die assymetrischen Strukturen, die sie ggf. angreift, selbst einfach verdoppeln. Sie muß sich in eine “lokale und regionale Praxis” (Foucault 1993, 108) verwandeln. Und die Wissenschaft muß die Stimmen “der Leute” ernstnehmen. Der Anspruch der Repräsentationalismus in der Kritik, der Anspruch für Andere sprechen zu können, ist eine Entmündigung. Nach 1968 bemerkte Foucault in einem Gespräch mit Gilles Deleuze:

Was die Intellektuellen unter dem Druck der jüngsten Ereignisse entdeckt haben, ist dies, daß die Massen sie gar nicht brauchen, um verstehen zu können; sie haben ein vollkommenes, klares und viel besseres Wissen als die Intellektuellen; und sie können es sehr gut aussprechen. Aber es gibt ein Machtsystem, das ihr Sprechen und ihr Wissen blockiert, verbietet und schwächt. [...] Die Intellektuellen sind selbst Teil dieses Machtsystems; die Vorstellung, daß sie die Agenten des “Bewußtseins” und des Diskurses sind, gehört zu diesem System. (1993, 107/108).

Dies bedeutet, daß die kritischen Wissenschaften (oder die die es gerne wären) die populären “Gegen-Diskurs[e]” (109) ernstnehmen müssen. Es geht darum, zu begreifen was die Leute mit der LINDENSTRAßE, mit der BILD-Zeitung, mit STAR TREK , mit dem Grand Prix de la Chanson Produktives anfangen, welche positive Lust dies bereitet, welches Gegen-Wissen dort auch (aber nicht nur allein – die dominanten Stimmen sind immer da) erzeugt wird. Fiske hat – darin ganz in einer Linie mit Foucault – den traditionellen (und immer noch allgegenwärtigen) “linken” Theorien vorgehalten: “Another problem with some left-wing theory is its tendency to demean the people for whom it speaks” (1989 a, 162). Die Reduktion der RezipientInnen auf durch den “Verblendungszusammenhang” ferngesteuerte couch-potatoes hat nur dazu geführt, daß the people sich von den linken Theorien ab- und allzuoft rechtspopulistischen Denkweisen zugewandt haben:

It is hardly surprising that the people, in their variety of social allegiances, are reluctant to align themselves with political and cultural theories that demean them, that fail to recognize their pleasures or their power. [...] [T]hey [= die linken Theorien, J.S.] have allowed the right to promise the party. (163/162).

Obwohl sicherlich der Anspruch auf “access to the final truth” (Fiske 1993 c, 188) nicht vollständig für die kritischen Wissenschaften aufgegeben werden kann, ohne Kritik überhaupt unmöglich zu machen, gilt doch auch – was schon Foucault andeutete -, daß sich auch die kritischen Wissenschaften etwa der Politologie und Soziologie nur durch Kontrollen und Verknappungen des Diskurses, durch Ein- und Ausgrenzungsmechanismen überhaupt als distinkte Wissensformen konstituieren können. Ein solcher Mechanismus wurde mit dem Prinzip des Kommentars (vgl. Foucault 1997, 17-20) bereits genannt. Ist diese Technik der Diskurskontrolle, zusammen mit jener anderen des Autors (20-22) nicht gerade auch in den kritischen Wissenschaften allgegenwärtig – wieviele Texte über “Marx”, über “Derrida” und “Luhmann”, ja – und über “Fiske” oder “Foucault” zirkulieren in den Institutionen, die diese Wissenschaften erst ermöglichen? Und noch eine andere Technik der Verknappung hat Foucault genannt. Es ist die des Rituals :

Das Ritual definiert die Qualifikation, welche die sprechenden Individuen besitzen müssen (wobei diese Individuen im Dialog, in der Frage, im Vortrag bestimmte Positionen einnehmen und bestimmte Aussagen formulieren müssen); es definiert die Gesten, die Verhaltensweisen, die Umstände und alle Zeichen, welche den Diskurs begleiten müssen; es fixiert schließlich die vorausgesetzte und erzwungene Wirksamkeit des Worte, ihre Wirkung auf die Adressaten und die Grenzen ihrer zwingenden Kräfte. (1997, 27).

Und sind diese Machtstrukturen nicht gerade bei Symposien, in Seminaren und Vorlesungen, - und auf Kolloquien und Graduiertenkonferenzen allgegenwärtig?





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[1] Der Begriff power-bloc wird weiter unten (2) ausführlicher erläutert werden.
[2] Hier wäre kritisch anzumerken, daß es keineswegs zwingend erscheint, daß die Produkte einer kapitalistisch organisierten Industrie notwendig auch pro-kapitalistische Bedeutungen tragen. Fiskes eigene Unterscheidung zwischen einer financial economy und einer cultural economy (1989 a, 26-32, s.u.) macht diese Identifikation eher unwahrscheinlich, zumal zu fragen wäre, ob nicht vielmehr bestimmte hegemoniale Bedeutungsmuster der kapitalistischen Organisation einer Gesellschaft vorhergehen und diese tragen.
[3] Man könnte hier noch genauer ‘Sinn’ von ‘Bedeutungen’ unterscheiden. Während letztere in einer gegebenen Ordnung ständig umkämpft werden, ist ersterer der Ausdruck für jene relativ stabilen Konstrukte, mit denen soziale Gruppen sich selbst verorten und autopoietisch konstituieren.
[4] Vgl. Fiske (1989 b, 68/69) unter Bezugnahme auf Valentin N. Volosinov (1975): “Meanings always function within the social system and as such are subject to the same struggle for possession as any other locus of power.” Zur Definition von Macht als “Kampf, Konfrontation und Krieg”, vgl. Michel Foucault (1978, 71).
[5] Kritisiert werden kann Fiske allerdings dafür, daß er Foucaults Konzept der Macht nicht immer konsequent durchhält, denn allzuoft erscheint der power-bloc bei ihm personalisiert. Damit gehen gewisse Residuen eines marxistischen Modells der Macht einher, die von einer personalisierbaren ‘herrschenden Klasse’ ausgehen (vgl. bspw. Fiske 1989 a, 77-80).
[6] Fernsehserien wie die X-FILES sind ein sehr gutes Beispiel dafür...
[7] Eggo Müller (1993, 55) weist darauf hin, daß der Begriff the people schwer ins Deutsche übertragbar ist. ‘Volk’ wäre völlig verfehlt, da der Begriff zu sehr nationalsprachliche oder nationalstaatliche Bestimmungen implizieren würde. Außerdem ist dieser Begriff, ebenso wie der der ‘Masse’, viel zu homogenistisch. The people sind ja gerade eine fluktuierende, sich in Tageskämpfen gegen die Stratageme des Machtblocks bildende ‘diskursive Formation’, die sehr divergente Positionen umfassen kann. Wir werden das Konzept “die Leute” und das des “Machtblocks” weiter unten ausführlich diskutieren.
[8] Zu betonen ist hier, daß Radways Überlegungen nicht auf den Aspekt der Produktion abweichender Bedeutungen reduziert werden können. Sie beschreibt ebenso, wie die Lektüre solcher Romane den Frauen legitim selbstbestimmte Zeiträume einräumt und so eine gewisse lokale Verfügung über die Strukturierung von Zeit verschafft (vgl. auch Ang 1996, 98-108).
[9] Die an dieser Stelle eigentlich notwendige Diskussion der Textkonzeption Fiskes müssen wir aus Platzgründen ausblenden.
[10] Fiske unterscheidet zwei eng verknüpfte, graduell verschiedene Formen des Widerstandes, nämlich evasion und resistance. Während letztere die Produktion von abweichenden Bedeutungen meint, reserviert Fiske den Begriff der Evasion für Entzugs-Praktiken, die eine Verweigerung disziplinatorischer Unterwerfung im körperlich-orgasmischen Exzeß ermöglichen. Deswegen sind gerade viele Jugendkulturen um dieses “Prinzip des Sichverlierens” (Barthes 1996, 78) zentriert: Techno-Tanzen, Head-Banging, Surfen, Drogenkonsum (den auch Foucault in den siebzigern entdeckte) oder exzessive Verausgabung an Spielautomaten sind Beispiele, die Fiske dafür anführt.
[11] Vgl. Eggo Müller (1993, 62): “Fiske blendet, wenn er solche mikropolitischen Prozesse als subversiv bezeichnet, zwar aus, daß sich, im Bezugsrahmen der Gesamtgesellschaft gesehen, Prozesse sozialen Wandels gerade im Interesse dominanter sozialer Macht und Ideologie vollziehen können”. Bspw. ist die mikropolitische Infragestellung traditioneller patriarchaler Muster, etwa durch die Leserinnen populärer Liebesromane, wie sie empirisch Radway (1984) untersucht hat, durchaus vereinbar mit einer Enttraditionalisierung im Dienste einer progressiven Kapitalisierung der Gesellschaft. Jedoch hat Fiske auch nie behauptet, daß die mikropolitische, populäre Bedeutungsproduktion “radical”, also unmittelbar systemverändernd, sei - sie ist eben nur “progressive” in dem Sinne, daß sie die semiotischen Verschiebungen durchführt, die eine notwendige (aber eben nicht hinreichende) Bedingung größerer, makropolitischer Veränderungen sind (vgl. Fiske 1989 a, 61/62; 186-193).
[12] Vgl. Deleuze/Guattari (1992, 290): “Kurz gesagt, alles ist politisch und jede Politik ist zugleich Makropolitik und Mikropolitik.”
[13] Vgl. Eggo Müller (1993, 62): “Fiske wertet die Mißachtung kultureller Praktiken ‘der Leute’ im Diskurs der gesellschaftlichen Institution Wissenschaft, der einzig ‘Makropolitik’ gelten läßt, vielmehr als Teil des Kampfes um gesellschaftliche Hegemonie”. Auch hier ist wieder ersichtlich, daß “Wissenschaft” für Fiske nicht als die gesellschaftlichen Konflikte transzendierend verstanden werden kann.
[14] Vgl. hierzu die Verwendung des Terms “Diskursblock” bei Jürgen Link (1988, 294). Die Konzeption “historischer Blöcke” geht im Kern, ebenso wie “Hegemonie”, auf Gramsci zurück, dessen Überarbeitung des Marxismus insofern Bedeutung für Fiskes Ansatz hat, als sie zeigt, daß Beherrschung nur durch (teilweise) Zustimmung der Beherrschten zu ihrer Beherrschung möglich ist (vgl. Hall 1989; Williams 1991; Laclau/Mouffe 1991; Hauck 1992, 84-89). Und diese Zustimmung wird eben auch durch die Produktion eines dominanten Systems an Bedeutungen, einem “offiziellen Wissen” erzeugt (vgl. Fiske 1993 c, 40-42).
[15] Vgl. Fiske (1989 a, 59): “’I’ am the arena within which the discourses of my social life intersect and constitute ‘me’ and where they are brought to bear upon the discursive resources of the text in the practice of reading. These discursive resources may limit the meanings I can make out of them[...]”. Vgl. auch Fiske (1993 c, 66-70).
[16] Eine Kritik von Noel Carroll an Fiskes Modell wird so sinnlos. Carroll schreibt: “For under Fiske‘s dispensation, it is just the differential responses that comprise popular culture. But this is clearly misguided. People may have differential responses to the commodities of the culture industry. But at the same time, they often have convergent responses too.” (1998, 240). Carroll übersieht in seiner oberflächlichen Lektüre, daß Fiskes Konzeption der nomadischen Subjektivität ja gerade bedeutet, daß Personen sowohl abweichende, an ihre lokale Situation angepaßte Bedeutungen produzieren, als auch (gleichzeitig oder nacheinander) den hegemonialen Bedeutungen folgen können. Und da die hegemonialen und dominanten Diskurse schon rein quantitativ breit gestreut sind, werden viele verschiedene Personen in manchen Hinsichten die gleichen, aber in bestimmten Hinsichten auch je und je abweichende Bedeutungen produzieren. Das Produzieren von gleichen und von verschiedenen Bedeutungen schließen sich also nicht aus, wie Carroll dies nahezulegen scheint. Vgl. Fiske (1989 a, 28): “On the one hand there are the centralizing, homogenizing needs of the financial economy. The more consumers a product can reach [...] the greater the economic return on it. It must therefore attempt to appeal to what people have in common, to deny social differences. What people in capitalist societies have in common is the dominant ideology and the experience of subordination and empowerment. [...] Opposing these forces, however, are the cultural needs of the people, this shifting matrix of social allegiances [...] These popular forces transform the cultural commodity into a cultural resource, pluralize the meanings and pleasures it offers, evade or resist its disciplinary efforts, fracture its homogeneity”
[17] ‘Taktik’ reserviert Fiske (1989 a, 19) für die vielfältigen Widerstandsformen “der Leute”, während er ‘Strategie’ den Verfahrensweisen des Machtblocks zuordnet.
[18] Es ist anzumerken, daß Fiske als geradezu anthropologische Konstante annimmt, daß Menschen ihre Lebenssituation unter Kontrolle bringen wollen. Dieser Wille-zur-Kontrolle – oder sollte man, im Fahrwasser Nietzsches und Foucaults vom Willen-zur-Macht sprechen? – motiviert sowohl das imperialistische Streben nach Kontrolle des power-blocs, wie auch die Versuche der people Kontrolle über ihre unmittelbaren Lebensbedingungen zu gewinnen (vgl. Fiske 1993 c, 79).
[19] Heidegger hat diese Weise die Welt zu “wissen” präzise als Gestell benannt. Es ist die Form eines instrumentellen, vergegenständlichenden Wissens, welches die Welt nur als benutzbares, ausbeutbares, vollständig kontrollierbares Gegenüber, als “Bestand” anerkennt: “Dementsprechend zeigt sich das bestellende Verhalten des Menschen zuerst im Aufkommen der neuzeitlichen exakten Naturwissenschaft. Ihre Art des Vorstellens stellt der Natur als einem berechenbaren Kräftezusammenhang nach.” (Heidegger 1991, 21).
[20] Vgl. Foucault (1997, 17): “Der wahre Diskurs, den die Notwendigkeit seiner Form vom Begehren ablöst und von der Macht befreit, kann den Willen zur Wahrheit, der ihn durchdringt, nicht anerkennen; und der Wille zur Wahrheit, der sich uns seit langem aufzwingt, ist so beschaffen, daß die Wahrheit, die er will, gar nicht anders kann, als ihn zu verschleiern.”
[21] Fiskes Untersuchungen zur “Naturalisierung” können wir hier nicht ausführlich darstellen. Vgl. seine originelle Analyse des Strandes als Text (1989 b, 43-76).
[22] Eine methodische Randbemerkung ist hier offenbar vonnöten, denn es mag verwundern wieso einerseits die dominanten Diskursformationen die Naturalisierung nutzen, um ihre Dominanz zu stabilisieren, andererseits aber die Natur als “Chaos” und Bedrohung abqualifizieren – wie es in Begriffen wie der “Asylantenflut” oder der “Arbeitslosenschwemme” geschieht (Unter diesem Aspekt wären Katastrophenfilme, die sich ja zumeist um irgendwelche Attacken des “Natur-Chaos” gegen die kulturelle (und bürgerliche) Ordnung, drehen, zu analysieren). Wir müssen innerhalb der dominanten Diskurse gewissermaßen zwei Formen der Natur differenzieren, die kontextabhängig und strategisch bemüht werden, um die Dominanz der hegemonialen Diskursformationen zu sichern. Da gibt es die “gute Natur” (die Frau-als-Mutter tier, das unabänderliche Oben/Unten etc.), die als Rechtfertigung und Invisibiliserung bestehender Strukturen fungiert und die “böse Natur” (die “Asylantenflut” oder auch die “Datenflut”), die eben jene Strukturen zu unterminieren trachtet und daher mit allen Mitteln bekämpft werden darf. Zur kollektivsymbolischen Artikulation des “Außen” als Chaos, Flut, Feuer, Vulkan, Sturm, Gewitter, Nacht etc. vgl. das instruktive Schaubild bei Jürgen Link (1991, 123).
[23] Damit soll keineswegs einfach behauptet werden, der Wert der Lichtgeschwindigkeit oder von seien konventionell und nicht unveränderliche Konstanten. Solche Behauptungen drohen ins Lächerliche abzugleiten, wie die Affäre Sokal 1996 in greller Deutlichkeit gezeigt hatte. Allerdings vertritt Fiske an einer Stelle sehr explizit die Auffassung, daß die Naturgesetze nur aufgrund einer bestimmten, instrumentellen Weise, die Welt zu “wissen”, erscheinen können: “I do not wish to suggest that the laws of optics and electronics are objective and exist in nature only, for they are products of a particular scientific way of knowing: they have been ‘discovered’ and elaborated in order to enhance our ability to increase our control over nature and to understand those of its resources that we can turn to our own advantage. The power of scientific knowledge and its instrumental technologies is inextricably part of the domination of the world’s physical and social resources by European-derived nations. No knowledge system is nonpolitical.” (1996, 222).
[24] Fiske (1989 a, 121) wirft etwa der bildenden Kunst und der mit ihr korrelierten Ästhetik vor, nur über die Ebene einer “essential humanity” Aussagen zu machen und durch diese Naturalisierung die spezifisch sozialen und politischen Ebenen zu ignorieren. Ob das so generell über die bildende Kunst etwa des 20. Jahrhunderts und neuere Kunsttheorien gesagt werden kann, scheint doch sehr fraglich.
[25] Es geht hier um die allzu bekannte Gewohnheit, theoretische Texte ‘schön’ zu nennen. Vgl. auch Fiske (1989 a, 130): “Aesthetics requires the critic-priest to control the meanings and responses to the text, and thus requires formal educational processes by which people are taught how to appreciate ‘great art’. Aesthetics is a disciplinary system [...]”.
[26] Allerdings darf nicht übersehen werden, daß natürlich gerade aus dem Bereich jener ‘weichen’ Wissenschaften auch massive Kritik, z.B. von Fiske selbst, an Machtstrukturen oder etwa an den Vorgehensweisen der Natur- und Technowissenschaften kommt. Insofern ist der Machtblock eben nur “relatively unified, relatively stable” (Fiske 1989 b, 8).
[27] Am Rande sei bemerkt, daß gegenwärtig gerade der Computer im “offiziellen Wissen” phantasmatisch und utopisch überdeterminiert ist, verkörpert er doch (angeblich) die finale Form des instrumentellen Wissens, welche Realität und Zukunft, ja die Fremderfahrung und den Tod – also alle schwer beherrschbaren Alteritäten – unter Kontrolle bringen soll. Als ein symptomatisches Beispiel von vielen sei Couchot zitiert: “[D]ie Maschine [= der Computer, J.S.] konstruiert ein Repräsentationssystem, das die funktionellen Prozesse des Realen imitieren kann. So vermag sie beispielsweise den Ablauf von Eriegnissen zu antizipieren oder ihn so zu reproduzieren, wie er stattgefunden hat: sie imaginiert die Zukunft und erinnert die Vergangenheit.” (1991, 349). Diese Zusammenhänge und diskursiven Konstitutionsprozesse analysiere ich ausführlich in meiner Dissertation (vgl. Schröter, in Vorb.).
[28] Luzide hat Fiske diesen Zusammenhang am Beispiel der öffentlichen Diskussion um Nancy Reagans Beziehung zur Astrologie diskutiert (1993 c, 192-195).
[29] Selbstredend sind nicht-weiße Bevölkerungsgruppen nicht notwendig in der Minderzahl. Wenn wir hier dennoch von Minorität sprechen, dann im Sinne von Deleuze und Guattari (1992, 146-148), die darauf hinweisen, daß die Majorität keineswegs die Mehrzahl sein muß, sondern als der Ort der Setzung der Standards, die den “Normalfall” definieren, zu begreifen ist.
[30] Insofern ist auch Kellners Vorwurf an Fiske gegenstandslos: “Calling mass-mediated commercial products of the culture industries ‘popular culture’ thus collapses a distinction between two very different sorts of culture.” (1995, 34). Gegenstandslos ist dieser Vorwurf deshalb, weil Fiske gerade nicht die Produkte als ‘populär’ bezeichnet.
[31] Am Rande sei angemerkt, daß viele populäre Mystery-TV Serien, allen voran natürlich die X-FILES (AKTE X), mit solchen Mustern operieren.
[32] Vgl. Fiske (1989 a, 175): “These secondary texts that circulate gossip and insider knowledge about the industry are popular, in part at least, because they offer a form of symbolic participation in the production processes, a knowledge that makes the fan seem less alienated and that the fan can use to fuel her or his productivity in reading.”
[33] Allerdings gibt es auch Versuche von an Foucault orientierten Wissenschaftstheoretikern, dessen Wissenschaftskritik auf die Naturwissenschaften anzuwenden (vgl. Rouse 1987; 1993).
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