Prolegomena zu einer textrhetorischen Diskurslogik zwischen Moderne und PostmoderneKlaus Semsch (Mainz) -
Aktualität der Debatte
Die
Aktualität einer Diskussion zeigt sich im Allgemeinen im mehr oder weniger
gehobenen Grad ihres emotionalen Tonfalls. Für die Diskussion um Moderne
und Postmoderne gilt in dieser Hinsicht: Der Gestenreichtum fürsprechenden
Engagements wie auch andererseits das frappierende Maß an
reaktionärer Aggressivität belegen, daß dort, wo mangelnde
Distanz ein reflektierendes Nachzeichnen, Erörtern oder Erzählen
verhindert, sich vorab die turbulente Dramaturgie situativer
Handlungsspontaneität in den Vordergrund rückt. Thematischer
Auslöser und authentizitätssteigerndes Merkmal ist die Inszenierung
der Auseinandersetzung mit einer hohen strukturalen Affinität zur
historischen
Querelle
des anciens et des modernes
[1],
die die französische Aufklärung auf den Weg brachte. Bleiben
mögliche aktuelle Folgen derzeit selbstredend unabsehbar, so zeichnen sich
hier doch bereits zwei fundamentale Symptome der
querelle
ab. Zum einen scheint sie allen Ernstes und gegen eine verbreitete
Einschätzung der Kritiker ein wichtiges Indiz für einen kulturellen
Umschwung epochalen Ausmaßes
[2]
zu sein. Zumindest aber ist hier eine diskursive Bewegung
ad
fontes
erkennbar, der als strukturbildendes Element im folgenden besondere Beachtung
geschenkt werden soll.
-
Problematik postmoderner Kriterologie
Vor
dem Interesse eines Beitrages zur Erhellung der Diskussion um die Postmoderne
scheint es wenig ratsam, sich über ein notwendiges Maß subjektiver
Beteiligung hinaus an der angesprochenen und interessanterweise
generationsverteilten Rhetorik der aktuellen Streitkultur zu beteiligen.
[3]
Signifikante Paradigmen inhaltlicher Terminologie sollen zu Beginn aus der
bisher im wesentlichen unter philosophisch und soziologischer Ägide
[4]
geführten Diskussion knapp extrapoliert werden. Erinnern sollte man hier
exemplarisch an die berühmte und von den meisten Diskutanden im
wesentlichen mitgetragene wiewohl asyndetische Merkmalsreihe für die
postmoderne Kultur. Es sind dies: Unbestimmtheit/Ambiguität;
Fragmentarisierung; Kanonauflösung; Subjekt-, Tiefenverlust; Anti-Mimesis;
Ironie; Hybridisierung (Parodie, Travestie, Pastiche, Kitsch etc.);
Karnevalisierung; Performanz/Teilnahme; Konstruktcharakter; Immanenz
(totalisierende Symbolneigung).
[5]
Mit Hassan selbst kann man wohl rechtens daran zweifeln, ob „aus dem
allen eine Definition von Postmoderne erwachsen”
[6]
sollte. Unentscheidbar bleiben in diesem Kontext auch die zentralen und
benachbarten Schlagworte des (Post)strukturalismus wie der ‘Tod des
Subjektes’, die ‘Welt als Text’, die omnipräsente
‘Differenz’ Derridas, der ‘Pluralismus’ der Diskurse,
die ‘beliebige Indifferenz’ oder die ‘Paralogie’
Lyotards.
[7]
Die Geisteswissenschaften tun sich offensichtlich schwer mit einer dringend
erforderlichen Fokussierung der Befunde. Vordergründig mag sich so der
Eindruck einer chaotischen Komplexität postmoderner Diskursivität
aufdrängen. Dies und der Begleitumstand eines stetig und seinerseits ins
Unübersichtliche wachsenden Publikationsberges zum Thema lassen den
jüngsten Versuch verständlich erscheinen, mit (halb)bewußtem
modernistischen Zynismus eine noch äußerst junge Epoche
beschließen zu wollen. Das aktuelle Sonderheft des
Merkur
zieht im Zeichen dieses Geistes bereits provokativ Bilanz.
[8] -
Für eine rhetorisch-hermeneutische Textanalyse
Aus
philologischer Sicht fällt leider erhärtend auf, daß auch die
Fürsprecher der Postmoderne, denen es idealiter ein entschiedenes Anliegen
ist mit Derrida gegen jede direkte Bedeutungszuschreibung vorzugehen, eben
jenem Kritikpunkt selbst anheimfallen.
[9]
Daran vermag auch die eher beiläufige Erwähnung des Inventars der
rhetorischen
elocutio
in den meisten Beiträgen kaum etwas zu ändern. Es erscheint daher
ratsam, zumal da es sich auch in diesem Falle um Verstehen und kommunikatives
Bewußtsein handelt und außerdem die zentrale Rolle generell
sprachlicher Verfaßtheit von Erkenntnis in unserem Jahrhundert die
Wissenschaften beherrscht, die signifikativ formulierten
geisteswissenschaftlichen Ergebnisse auf ihren hermeneutisch-rhetorischen
Gehalt hin zu überprüfen. Die hermeneutische Ergänzung
[10]
rhetorischen Diskurses - jetzt verstanden als Logik nicht als
elokutionärer Schmuck - ist dabei von dezisiver Bedeutung. Sie sollte
nicht voreilig als Rückfall ins ‘Zeitalter des Verstehens’
gewertet werden, sondern sie leistet vielmehr eine Deskription und Situierung
signifikanter rhetorischer Diskursentwicklung, das heißt unter
Einschluß der wichtigen hermeneutischen Iteration jedes kommunikativen
Prozesses. Das Supplement der Hermeneutik verlängert so die bisher
geleistete Arbeit der europäischen und vor allem amerikanischen Rhetoriker
[11],
da die Zentrierung rhetorischer Textlogik um jeweils eine Figur oder ein
Gegensatzpaar wie z.B. das beliebte Vergleichspaar von Metapher/Metonymie
[12]
den diskursiven Ort nicht einmal in synchroner Einstellung zufriedenstellend
ins Blickfeld bekommt.
-
Moderne/Postmoderne zwischen Klassik und Barock
Ein
exemplarischer Durchgang der betroffenen Literatur belegt zwar einerseits den
recht beruhigenden, sprich hohen Verständigungsgrad über die
strukturale Beschaffenheit des Phänomens, spaltet sich jedoch darüber
hinaus in einen erstaunlichen und bislang unthematisierten Dualismus in der
funktionalen Interpretation postmoderner Befindlichkeit. Aus der Sicht sowohl
der Gegner als auch der Fürsprecher erscheinen postmoderner Pluralismus
und Paralogie in einer diskursiven Dominanz entweder klassisch zu nennender
Sinnkonkretion
[13]
oder aber als barock anmutende Sinn(es)reise
[14].
Die Inskription postmoderner Diskurse in die labyrinthische
theatrum
mundi
-Tradition
des europäischen Barock dominiert dabei zumindest an der Oberfläche.
Die Tendenz zur holistischen Infinitsetzung des Partikularen wird erinnert von
Deleuze (Le pli) und philosophisch weitergestaltet in der Ethik des
‘Anderen’ bei Lévinas
[15],
der aus der monadischen Unauflösbarkeit des Individuums ein dialogisches
Prinzip metaphysischer Begegnungstugend ableitet, das die Gefahren einer in der
Moderne leidvoll erfahrenen Hypostasierung des Subjektes bannen soll. In
pragmatischer Nuancierung gilt Ähnliches auch für Vattimos
ontologia
del declino
[16]
eines ‘passiven Ich’. Im Bereich der Soziologie spricht der
interessante Ansatz des Franzosen Maffesoli ganz direkt von einer
baroquisation[17]
der Gesellschaften. In seinem Versuch einer ‘Ethik des
Ästhetischen’ konstruiert er eine gegenwärtige,
taktil-sinnliche Logik im Kontrast zur ‘optischen’ Vernunft des
rationalen Diskurses der Moderne. Gegen die moderne Intention systematischer
Vereinheitlichung bzw. Reduktion auf ein Prinzip benennt er die
‘Multiplizität des Einen’
[18],
was Deleuze, wie bekannt ist, als barocke Perspektive markiert hatte. In
Abgrenzung zum linearen Kausalitätsglauben, den er als Kernprinzip der
Moderne kritisiert, bezeichnet Maffesoli die von ihm erkannte neue Epoche mit
dem Begriff des
Barocchus
post-modernus
[19],
in der die Sozietät geprägt sei durch ein „intellektuelles
Abenteuer des Unkonturierten”
[20]
sowie generell durch eine wechselseitige organische Attraktion vermittels eines
sozial geteilten Bildinventars des Imaginären.
[21]
Komplementär hierzu läßt sich die ‘Erfindung des
Alltags’ bei Certeau lesen.
[22]
Certeau führt gegen die logische ‘Strategie’ der Moderne eine
„polémologique de la culture”
[23]
ein, die er als eine ‘Taktik des Schwachen’ ganz im Sinne Vattimos
und darüber hinaus als eine „sémiotique des ruses”
[24]
auffaßt. Certeau bezeichnet sein Sozialmodell als rhetorische Alteration
der besitzheischenden Grammatik der Systeme.
[25]
Er geht auf diesem Weg vor gegen seine Sicht einer dialektischen
Wissenschaftsstrategie der Moderne (Certeau schlägt dabei den Bogen von
Descartes zu Bourdieu), die er als ‘Ethnologisierung der Künste’
[26]
versteht. Seit der frühen Moderne sei hier ein aufklärerisches Prinzip
[27]
am Werk, das im Wesentlichen darin bestünde, sozial-kunsthafte Praxis ins
Licht des systematisierten Diskurses des bereits Bekannten und Gesicherten zu
überführen. Die ‘ethnische’ Tendenz ist dabei für
Certeau im ‘Partikularismus’
[28]
zu sehen, das heißt in einer induktiven, oder auch als metonymisch
[29]
zu bezeichnenden Einschreibung des Faktischen in ein ideelles Gerüst.
Gegen die fixierte Grammatik, die Gesetze, Riten und Symbole
[30]
einer sozialpolitischen Herrschaftsform führt er das sophistische Prinzip
der minimalistischen Abweichung an, die situativ und ohne das System real zu
gefährden im listigen Taktieren den schwachen Einzelmensch
vorübergehend in die (bisweilen ja sehr wirksame) Illusion von sozialer
Stärke versetze - in einem seriellen „jeu de forces”
[31]. -
Problematik barocker Einseitigkeit: Inhärenz klassischer Sinnbildung im
Symbol
Ein
dem Barock bekanntlich verwandter Manierismus wird hier als Antwort auf eine
totalisierende Moderne gesetzt. Postmodern ist daran der eminente Wille zur
originären Sinnstiftung oder -begegnung. Wie bei Derrida ergibt sich aber
vordergründig das Problem einer neuerlichen Absolutsetzung des
Partikularen, oder, wie der französische Strukturalist Michel Serres sagen
würde, die Gefahr einer ‘Dominanz des Chaos’
[32].
Die originäre ‘Differenz’ einer sozialen Verstehensleistung,
die in einem ewigen Präsenz lokalisiert wird, sei es bei Derrida als
generelles Sinnproblem (und symbolisiert im
A
der différAnce) oder bei Certeau als beständige Differenzstiftung
in unterschwellig-minimaler Abweichung vom Sozialsystem (ohne selbst neue
Symbole stiften zu wollen !), mißachtet hermeneutische Grundregeln,
obwohl sie den ersten Schritt, den der Wiedereinsetzung der Rhetorik als
synchrones Funktionsmodell menschlicher Diskurse, leistet. Sie bleibt
darüber hinaus verständlicherweise gefangen in der epochalen Bewegung
einer historischen Neuordnung, die mit dialektischer Neigung das
‘Andere’ stärkt. Die Diskussion um das ‘Andere’
ist, wo sie philosophisch orientiert ist, Symptom für den Bedarf an einer
nachmodernen Epochenablösung.
[33]
Was sie ausblendet ist, wie das Neue, zur Geltung gelangte ‘Andere’
zu einem Selbst wird. Nur um den Verlust pragmatischer Prägnanz
läßt sich dieser Aspekt umgehen. Dieser Prozeß ist nun aber
auch
rhetorischer, nicht dialektischer Iterationsstruktur. Er stärkt das
Vertrauen in den hermeneutischen Zirkelcharakter eines jeden Diskurses. Das
heißt: Auch wenn postmodernes Sinnbilden nicht die dialektische Einebnung
des Partikularen intendiert, so durchläuft doch auch diese
‘Stiftung’ als Verstehensleistung eine Iteration diskursiver (hier
nicht linearer) Entwicklung. Die seit Cassirers
Philosophie
der symbolischen Formen
[34]
von den Soziologen so gerne wie häufig bemühte ‘Symbolik’
menschlichen Sozialverhaltens
[35]
wird ihrerseits notwendigerweise dekonstruiert im diskursiven Prozeß und
verbleibt eben nicht grundsätzlich in einem jederzeit rekonstruierbaren
Status symbolisch-rituellen Sozialhandelns. Hermeneutisch gesehen bleibt
symbolischer wie auch jeder anders benennbare Sinn nicht ohne Gewalt ein
solcher. Die klassizistische Restriktion originär barocker Sinnerotik ist
dieser bereits inhärent und somit nicht nur eine abstellbare moderne
Diskursverirrung.
-
Formen der Symbiose von Klassischem und Barockem bei Derrida
Damit
kommen diese kurzen Darlegungen zu Denkformen der Symbiose respektive der
Überführung von Barock und Klassik. Die Mimesisdiskussion Derridas am
Beispiel der dualistischen Ausspielung von Platons
Philebos
und Mallarmés
Mimique
in dem berühmt gewordenen Text
La
double séance
[36]
zeigt eine rationalisiert-klassische Kehrtwende der literarischen Debatte um
die Moderne an. Wird am Exempel des Sokrates die europäische Illusion vom
wahrhaften Logos destruiert, so geschieht dies in referentieller Abgrenzung
zwar zunächst im Rückgriff auf die Theater-Metapher in
Mallarmés
Mimique[37].
Wo die barocken Anleihen der Differenz-Symbolik originäres Potential
verleihen könnten, werden sie jedoch ihrerseits unverzüglich in ein
‘attisches’ Standbild entzogener Sinn(es)präsenz gegossen. Die
späte Moderne vermag die Welt barocker Sinnesfülle nur zu betrachten,
indem sie sie gleichsam den Sinnen entzieht und die aisthetische Erfahrung von
Lust und Schrecken auf die Metapher des ‘weißen Blattes’
eingraviert. Klassizistische Rationalisierung erscheint hier nur möglich
als moderne, paradoxale Anthropologie einer Verkopfung der Sinne
[38].
-
Die Revision des Klassischen
Gerade
dieses tragische Bewußtsein einer fundamentalen wie unaufhebbaren
inquiétude
des Menschen bezeichnet nun aber Karlheinz Stierle in einem wichtigen Aufsatz
zur Revision des Klassischen als „negative Anthropologie”, die in
der diskursiven Kompensation oder Sublimierung eines „situationsbezogenen
[...] funktionalen Stils”
[39]
einmündet. Der Wille zur barocken Begegnung als Urmoment erotischer
Sinnstiftung wird hier also reduziert im klassischen Moment der Stärkung
des Partikular-Konkreten mit dem Ziel einer abwehrenden Distanzierung des
für den Menschen uneinsichtigen Universellen. Dazu Stierle: „Das Ich
erlebt seine Dezentriertheit in der Erinnerung an seine ursprüngliche
Bestimmung und wird sich so zum ‘moi haïssable’, zum Ich, das
in sich selbst entzweit ist und das seine eigene Identität flieht.”
[40]
Eine solche Neudefinition des Klassischen atmet den Geist einer neuen
Lektüre Pascals, und wenn sie auch zunächst einmal den
problematischen Ausgangspunkt des modernen Attizismus markiert, so erscheint
sie am Ende dieser Epoche gleichwohl im Bunde mit einem allgemein
spürbaren, nachmodernen Versuch der Aufwertung des Klassischen oder anders
gesagt: Prä-modernes soll die postmoderne Perspektive befördern
helfen.
-
Postmoderne Wendung der klassischen ‘negativen Anthropologie’
Die
Konstante eines „negativen Selbstverständnisses”
[41]
ist von den Kritikern der Postmoderne längst betont worden. Positiv
gewendet wird dieser Aspekt in der Lyotardschen Diskussion um die
ästhetische Kategorie des Erhabenen
[42],
die gemeinhin als Anliegen klassischen Kunstwillens gewertet wird.
[43]
Das Erhabene des Partikularen wäre demnach in Abgrenzung von einer
barocken ‘Lust am Schönen’ eine zwiespältig-tragische
Sensibilität von Lust aus der Unlust: „Wir können uns das
absolut Große, das absolut Mächtige vorstellen, aber jegliche
Darstellung eines Gegenstandes, die darauf abzielte, jene absolute
Größe oder Macht ‘sehen zu lassen’, erscheint uns
schmerzlich unzureichend.”
[44]
Klassische „Postmoderne wäre [demnach] dasjenige, das im Modernen in
der Darstellung selbst auf ein Nicht-Darstellbares anspielt; das sich dem Trost
der guten Formen verweigert, dem Konsensus eines Geschmacks, der
ermöglicht, die Sehnsucht nach dem Unmöglichen gemeinsam zu empfinden
und zu teilen; das ich auf die Suche nach neuen Darstellungen begibt, jedoch
nicht, um sich an deren Genuß zu verzehren, sondern um das Gefühl
dafür zu schärfen, daß es ein Undarstellbares gibt.”
[45]
Im Klassischen sieht Lyotard abschließend den in der Abgrenzung von der
Moderne nicht genug zu schätzenden „Umstand, daß die
Bögen des Endlichen erst transzendent sich schließen, vor der
Verabsolutierung des Bestehenden wie vor der absoluten Zurichtung der
Wirklichkeit.”
[46]
Problematisch wie in unserem Kontext symptomatisch ist nun aber neben von der
Kritik bereits Herausgestelltem, daß Lyotard die postmodern-klassische
Optik mit dem textuellen Exemplum der
Essais
von Montaigne als Ideal belegt
[47]
- ein Text, der zumeist eher als barockes Geistesmonument gelesen wird.
-
Symbolanlage barock-klassischer Diskursbedürfnisse
Es
hat sich gezeigt: Eine sinnvoll-präzisierende Annäherung an die
Postmoderne mag gelingen, wenn man ihr doppeltes, das heißt barockes
und
klassisches Diskurspotential herausstellt. Was man in der Diskussion tut, in
der beide Tendenzen bestenfalls periphär erörtert werden und umso
unreflektierter in Verbindung gebracht werden
[48],
ist das unscharfe Paraphrasieren des neuen, der postmodernen Optik zum Horizont
gewordenen Erfahrungsraums einer opaken Totalität. Dahinter scheint der
Bedarf einer neuen ‘Sinnrunde’ auf, figurativ belegbar in einem
dualen Movens der Symbolisierung. Nur das Symbol enthält im Keim beide
Ausrichtungen als anthropologisch wie hermeneutische Grundkonstanten
erotisch-barocker wie hermetisch-klassischen Welterlebens.
[49]
Das Symbol selbst ist dabei eher neutral, verweist jedoch auf ein
‘Zurück’ zu Urformen frühmenschlicher Logizität.
Dabei enthüllt die Variante klassischen Zerspielens der symbolischen,
ersten ‘Antwort’ auf die Welt ein tragisches Bewußtsein sowie
den Bedarf an serieller Konkretisation als Reaktion auf eine ‘negative
Anthropologie’, das heißt auf die Initialerfahrung des Schreckens
[50]
und des schuldhaften Selbsterlebens
[51].
Barockes Zerspielen äußert sich in der Komik tautologischer
Wiederholung an den Rändern des Welterlebens. Nicht die moderne Ironie,
wohl aber die europäische Tradition der volkstümlichen Komödie
steht für diese Lebenstaktik. Hermeneutisch gesehen besteht nun
‘nach der Symbolisierung’ die Option einer eher klassischen oder
barocken Diskursentwicklung. Die Rationalisierungsformen des postmodernen
Textes scheinen aber in der (fiktionalen) Literatur derzeit eher noch von
sekundärer Signifikanz zu sein. Vor allem in der fiktionalen Literatur ist
die Konstruktion des ‘Symbolraumes’ zwischen dem tragischen
Initialerlebnis, ‘nackt’ im Weltenraum zu stehen und dem erotischen
Versuch einer sinn(es)haften Begegnung offensichtlich prioritär.
-
Der Symbolraum: Eine Begegnung von Hermes und Eros
Die
Deskription des zu erschließenden Symbolraums lenkt den Blick zurück
auf die Weisheit früher Sinnkonkretisation. Zentral in diesem Zusammenhang
ist zunächst die mythische Figur des Hermes
[52],
der in seinen multiplen Erscheinungsweisen eines Boten der Götter nie den
direkten Weg vertikaler Sinnvermittlung zwischen ‘Himmel und Erde’
geht und auch nicht immer guter Absicht ist, sondern bisweilen als
verführerischer Gewalttäter und Dieb dem Menschen erscheint oder ihm
im Dienst der Götter zusetzt. Seine implizite Lektion mutet postmodern an
und verdient es erinnert zu werden. Sie lautet: Es gibt keine wahre, direkte
Versprachlichung der Welt. Logos heißt im Griechischen Wort und auch
Vernunft. Er stellt sich stets ein in rhetorisch defizitärer Ver(w)irrung
oder aber in der aisthetisch grausamen Direktheit des Visuellen, welches jedoch
ein ‘Anderes’ als die Vernunft darstellt und durch den Logos nie
ganz einholbar ist. Aus diesem ‘hermetischen’ Sinndunkel als
mythisches Urerlebnis leitet sich der Bedarf an einer Symbiose des klassischen
Logos und der barocken Leiblichkeit ab. Erzählt und vielfach kommentiert,
wenn auch heute weitgehend in Vergessenheit geraten, wird er als Mythos von der
Zeugung des Eros in Platons Symposion
[53].
Hier erscheint Poros als leiblicher Reichtum an Sinn, von Ricoeur gedeutet als
die ‘Gewißheit der Perzeption’, als ‘Fülle des
geringsten Blickes’
[54].
Die Sicherheit des sinnlichen Kontaktes von Mensch und Welt stellt eine
Identität jedoch nicht in Aussicht. Hierzu fehlt ein transzendentes
Element, das Penia bietet. Penia steht für die ‘ontische
Bedürftigkeit’ des Menschen. Sie fungiert als Allegorie der Armut im
Logos, der fehlbaren wiewohl ‘einfachen Wahrheit’ des Menschen.
Erst die Verbindung von Porus und Penia zeugt den Eros als Sinnbild einer
komplementären wie kunsthaften humanen Sinnbegegnung in der
‘transzendentalen Einbildungskraft’. In diesem Urraum für
humane Diskursbildung siedelt sich als verbale Erstreaktion das Symbol an. Es
verbindet Kosmos und individuell geteilten Gemeinsinn in der
liaison
tragikkomischen Grundbefindens. Es sichert „la concrétion dans la
chose [als] contrepartie de la surdétermination d’un sens
inépuisable [...].”
[55]
Entgegen der modernen Losung ‘Vom Mythos zum Logos’ impliziert die
symbolische Raumfüllung einen
retour
ins Archaische. Ricoeur führt dazu erläuternd aus: „La
replongée dans
notre
archaïsme est sans doute le moyen détourné par lequel nous
nous immergeons dans l’archaïsme de l’humanité et cette
double régression est à son tour la voie possible d’une
découverte, d’une prospection, d’une prophétie de
nous-mêmes.”
[56]
Wie gestalten sich aber die hier angedeuteten Symbolräume. Für die
wissenschaftliche Postmoderne sind wesentliche Merkmale bereits in
stichwortartiger Kürze genannt worden: das A der différAnce
Derridas, der ökonomische Umweg Lyotards, das ‘Gesicht’ des
‘Anderen’ bei Lévinas
[57]
oder der
homo
aestheticus
bei Maffesoli
[58]
wie auch der Musil entlehnte ‘Mann ohne Eigenschaften’
[59]
als Alltagsheld Certeaus. Welche Räume ergeben sich nun für die
Fiktion ?
-
Fiktionale Erzählräume: Jean Echenoz
Exemplarisch
soll dieser Frage in Grundzügen am Werk dreier bedeutender
französischer und italienischer Autoren der Postmoderne nachgegangen
werden. Gemeint sind der Romancier Jean Echenoz
[60],
der Dramatiker Bernard-Marie Koltès sowie der italienische Philologe und
Schriftsteller Antonio Tabucchi. Für das Werk von Echenoz, der seit 1979
sieben Romane veröffentlicht hat, gilt, wie tendenziell für den
postmodernen Roman, die Rückkehr zum personenzentrierten
Geschichtenerzählen. Die avantgardistische Provokation moderner Narration
durch eine multiple Destruktion der tradierten Erzählstrukturen ist hier
im Kern überwunden. Hier geht es vielmehr um eine positive, wenngleich nur
situativ erreichbare Sinnkonstruktion der Romancharaktere, die sich auf
labyrinthischen Wegen als ‘Vagabunden’ beständig eine warme
Lebensrast suchen. Der Horizont der erzählten Welt scheint dabei in vager
Symbolizität - ob in der
banlieue
parisienne
oder einem ruralen
setting
- als episch fixierter Hintergrund durchgängig in opaker Farbgebung auf.
Welterfahrung ist hier zunächst einmal gedacht als Rückkehr oder
Ausgang aus einem Stimmungsraum beinahe irreal wirkender wiewohl real
einwirkender Bedrängnisse. Die Welt als undurchsichtige
‘Zuhandenheit’ ist latent und übergewichtig zugegen. Natur und
soziale Öffentlichkeit erscheinen als das, was sie zumeist in der
benannten, ‘hermetischen’ Gesetzmäßigkeit immer schon
waren und sind: als tumb-banales und oft grausames Kräftespiel. Vor diesem
setting
gestaltet sich das entscheidende Miteinander der Charaktere als eine
Ästhetik sinn(es)hafter Begegnung. Die präsente emotionale
Befindlichkeit melancholisch-einsamer Protagonisten schafft aus der
allgegenwärtigen Symbolschwebe des Welt=Textes in einer bestimmten
Situation eine neue, symbolisch-emblematische Verschwörung, die in eine
deutende Allegorie verlängert werden kann. Die Schilderung einer
unpathetischen Liebesbegegnung vor dem fiktiven Szenario eines apokalyptisch
wirkenden Erdbebens in Marseille (in
Nous
trois
)
ist in diesem Kontext symptomatisch. Ist das Spiel barocker Reise auch auf den
ersten Blick dominant, so ergibt sich aus dem Symbolraum und hin zur (oder auch
weg von der) Neubegegnung doch stets ein klassisch-realistischer Drang zu
konkreter Sinnstiftung
ex
negativo
. -
Postmoderne Theatralität: Bernard-Marie Koltès
Für
das zwischen 1977 und 1988 erschienene dramatische Werk des vor allem in
Deutschland erfolgreichen Koltès hat man ebenfalls eine
Theatralität dramatischen Vagabundierens
[61]
herausstellen können. Andererseits besticht dieses Werk gerade auch durch
eine poetisch sublime, weil prägnante Dialogführung, die die Kritik
mit der öffentlich-ritualisierten Gesprächskultur des afrikanischen
Palabers
[62]
verglichen hat. Eine Serie gestisch inszenierter Monologe, die sich jedoch eher
spielerisch narrativ, denn wie in der Tradition üblich rational-summarisch
entäußern, steht hier wie bei Echenoz vor einem opaken Lebensraum,
der in einer Mischung aus kalter Brutalität, Heimatlosigkeit und als
Komplement doch sehnsüchtiger Attraktion auf die
dramatis
personae
einwirkt. Personales Konkretisieren ist nun jedoch dominiert von der
gnadenlosen Härte sozialer Rollenkämpfe.
-
Narrative Sinnreise ‘ad fontes’: Antonio Tabucchi
Im
Falle des italienischen Romanciers Tabucchi
[63]
ist der Nachweis eines barocken Diskurses leicht zu führen. Der Autor
selbst bekennt sich gerne zur barocken
theatrum
mundi
-Metapher.
Auch in seinen Erzählungen und Romanen (ab 1975) konstituiert sich ein
opaker Symbolraum, der in einem der Romane als
filo
dell’orizzonte
(1986) gekennzeichnet ist. Die Konkretisierung personaler Sinnreise erfolgt
dabei fast manisch gelenkt vom Schreibduktus real-fiktiver oder erinnernder
Rückkehr
ad
fontes
.
Die Reise zu den Anfängen wird dabei gerne realisiert durch
Gattungsanleihen beim Kriminalroman. Ähnlich wie bei Echenoz führen
mit auffälliger Rekurrenz initiale, schreckenerregende Vorfälle zu
einer
tabula
rasa
-Gestimmtheit,
die nach neuer und meist einschneidender Sinnbegegnung im Lebensraum des
‘Anderen’ begehrt. Die präzisierende Moralistik Tabucchis
führt seine Romanfiguren in der narrativen Diskursentwicklung sodann in
der Regel zu pragmatisch-politischem Engagement sowie zur Sinnprägnanz in
maximenhaft-klassischer Reduktion.
-
Konklusion: Postmoderne Mimesis zwischen archetypischer Gewalt und
Liebesbedürfnis
Konklusiv
läßt sich für die fiktionale Literatur der Postmoderne
festhalten, daß auch ihre zweifelsohne vorhandenen, variablen
Diskursformen sich auf einer hermeneutischen Entwicklungsskala bündeln
lassen. Aus der hier angelegten Sicht ist dabei hinzuweisen auf den Umstand,
daß die für postmoderne Literatur gemeinhin gerne verwendeten
Kriterien wie Spiel und Ironie Spätformen rationaler Diskursentwicklung
sind und dem hier als dezisiv herausgestellten Merkmal des narrativen
Rückganges respektive Neubeginns zuwiderlaufen. Spiel und Ironie haben
weniger instaurativen Charakter, als daß sie ein bereits gefestigtes
System in kritischer Antithetik de(kon)struieren.
[64]
Diese diskursiven Figuren vermögen mithin gerade nicht eine neue Epoche zu
konstituieren. Erweist sich diese Argumentation als richtig, wird der Kanon
postmoderner Autoren zwischen Joyce und Calvino zumindest fragwürdig.
[65]
Der ‘Romanspieler’ weist allerdings in zunehmendem Maße durch
seinen Ausbruch aus dem modernen Wahn direkter Mimesis die diskursbildende
‘Leichtigkeit’ postmoderner Komizität auf. Positiv neu
konstituieren kann diese sich jedoch nicht so sehr im Textmerkmal der
‘Intertextualität’
[66],
sondern nur in einem Rückgang zu symbolischer Begegnung des konkret
Suchenden mit einem transzendent vermittelnden Prinzip des
‘Anderen’. In diesem dramatischen Akt der passiven Hingabe darf die
Welt nicht mehr sozial erkennbar als moderne Gegenfolie fungieren, sondern
muß sie, wenn auch in der Gestimmtheit der Personen von den Erfahrungen
der Moderne geprägt, in transzendentaler Universalität und somit
unscharf als Horizont aufscheinen, um konkrete Begegnung als symbolische
Antwort zu ermöglichen. Archetypische Fremdheit und Gewalt zwischen
Menschen (und der Schöpfung) sowie ein akutes Liebesbedürfnis sind
hier die Ausgangspunkte des nicht mehr rational
‘entblößten’ Menschen, als vielmehr des personifiziert
‘nackten’ Neubeginns. Das anthropologische Paradigma vom
anthropos
als ‘Schwäche-Stärke-Wesen’ greift hier erneut. Die
hermeneutische Dualität der Symbolik als diskursives Urphänomen
belegt sich in der noch verbundenen Bedürfnishaltung von Konkretion
(zunächst direkt, später abstrakt) und Sinnbild einer barocken
rhétorique
de la peinture
.[67] -
Abgrenzung moderner Diskurse: Systembildung, Ironie und anthithetische
Destruktion
Am
Schluß soll knapp eine Abgrenzung dieser Textualität von
spätmodernen Vorläufern angedeutet werden. Auch die Moderne hatte
selbstverständlich einen Anfang. Dieser ist aber am Ende der langen Phase
spätmoderner De(kon)struktion modern-positiven Sinninventars des 20.
Jahrhunderts außer Sichtweite gerückt. Am Ende dieses knappen
parcours
wird die Moderne sichtbar in der philologischen Perspektive als letzthin
de(kon)struktive Metamorphose symbolischen Urverstehens. Im Glauben an ein
direktes Verstehen und Mitteilen von Welt und Wahrheit hat man das
Bewußtsein von einer hermeneutischen Rhetorik, die die menschliche
Diskursfähigkeit durchzieht, verdrängt. Die spätmoderne Kritik
des modernen Intellektuellen an seiner eigenen Zeit hat dieses Bekenntnis zur
totalisierenden Rationalität in genanntem Sinne nicht aufgekündigt
und hat sich in eine nicht mehr positiv wendbare Position der Bestandsaufnahme
in ironisch-distanzierter Starre begeben oder aber in der Avantgarde an die
destruktive Gewalt antithetischer Dialektik gewendet. Dabei hat man ein altes
Grundgesetz der
ars
dialectica
und obwohl Hegel nochmals nachdrücklich (natürlich in
gegenläufiger Intention) daran erinnert hatte, schlicht vergessen
(wollen): daß nämlich jede Antithese, sei sie auch noch so kritisch,
die vorausgegangene These in einer Synthese bestätigt und stärkt.
Dialektisch gesehen erscheint die Moderne als Opfer ihrer selbst, als Begegnung
in dem vertrauten Trauerbild einer Sinnsuche, in der stets der Herr der Herr
und der Knecht der Knecht ist.
[1]
Aufgegriffen wird dieser Streit in der jüngeren Forschung von Daniel Riou,
De la modernité, in Le Postmodernisme en France, in:
Oeuvres
et critiques
23, 1 (1998), S. 9-27, S. 18f.
[2]
Gegen die Vermutung eines epochalen Zuschnitts der Postmoderne vgl. die
ironisch-offene Position von Hans Ulrich Gumbrecht, Die Postmoderne ist (eher)
keine Epoche, in: R. Weimann/H.U. Gumbrecht,
Postmoderne
- globale Differenz
,
Frankfurt a.M. 1991, S. 366-369.
[3]
Vgl. hier den umfassenden Überblick bei Peter V. Zima,
Moderne/Postmoderne,
Tübingen 1997, der das emotiv beladene Streitelement der Diskussion
durchweg mitzeichnet.
[4]
Die Dominanz des philosophischen Diskurses zeigt sich innerhalb der
literaturwissenschaftlichen Diskussion, die allzu stark noch an den
poststrukturalen Schlagworten orientiert ist.
[5]
Vgl. zu dieser gern aufgegriffenen Kriterologie die deutsche und gekürzte
Version von Ihab Hassan, Postmoderne heute, in: Wolfgang Welsch (Hg.),
Wege
aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion
,
Berlin 1994, S. 47-56, insbes. S. 49-55, sowie im amerikanischen Original ders.,
The
Postmodern turn. Essays in postmodern theory and culture
,
Ohio State University 1987, S. 91f. Wir verweisen darüber hinaus
chronologisch auf die folgenden Studien zur Postmoderne: Andreas Huyssen/Klaus
R. Scherpe (Hgg.) (1986); Christa u. Peter Bürger (1987); Peter Engelmann
(1990); Robert Weimann/Hans Ulrich Gumbrecht (Hgg.) (1991); Wolfgang Welsch
(Hg.) (1994) und ders. (Hg.) (1997); Peter V. Zima (1997); sowie auf das
Sonderheft Merkur 9/10 (Sept./Okt. 1998).
[6]
Ihab Hassan (1994), S. 56.
[7]
Vgl. zum ‘Tod des Subjekts’ bereits Michel Foucault,
Les
mots et les choses
,
Paris 1966; zur ‘Welt als Text’ und ‘Differenz’ v.a.
Jacques Derrida,
De
la grammatologie
,
Paris 1967 oder seine Beiträge in Peter Engelmann (1990), S. 76ff.; zum
Begriff der ‘Paralogie’ Jean-François Lyotard,
La
condition postmoderne
,
Paris 1979.
[8]
Der Titel des Merkur-Sonderheftes (9/10, Sept./Okt. 1998) lautet: Postmoderne.
Eine Bilanz.
[9]
Dies wird im Überblick deutlich im Kapitel Modrnismus und Postmoderne: Die
literaturwissenschaftliche Debatte des Bandes von Peter V. Zima (1998), S.
223-284.
[10]
Neben den einschlägigen Beiträgen zur Hermeneutik (z.B. bei Gadamer)
liegt hier als Referenz v.a. zugrunde die aufschlußreiche Studie von Paul
Ricoeur,
Finitude
et culpabilité
,
2 Bde., Paris 1960, v.a. der Bd. 2:
La
symbolique du mal
. [11]
Besonders hervorzuheben sind hier die Arbeiten von Paul de Man.
[12]
Basiert ist die komparative Abgrenzung von Metapher und Metonymie insbes. in
der Gattungsdiskussion und -abgrenzung zwischen Prosa und Lyrik seit dem
wichtigen Aufsatz ‘Linguistik und Poetik’ (1960) von Roman
Jakobson, in:
Ausgewählte
Aufsätze 1921-1971
,
Frankfurt a.M. 1979.
[13]
Vgl. zur aktuellen (romanistischen) Klassik-Diskussion grundlegend den
Kolloquiumsband von Fritz Nies/Karlheinz Stierle (Hgg.),
Französische
Klassik
,
München 1985 und im europäischen Kontext den Band von Hans-Joachim
Simm (Hg.),
Literarische
Klassik
,
Frankfurt a.M. 1988.
[14]
Vgl. für die französische Barock-Diskussion die folgenden
wegweisenden Studien der letzten Jahrzehnte: Jean Rousset,
La
littérature de l’âge baroque en France: Circé et le
paon
,
Paris
81972
sowie ders.,
Dernier
regard sur le baroque
,
Paris 1998; Wilfried Floeck,
Die
Literarästhetik des französischen Barock
,
Berlin 1979; Gilles Deleuze,
Le
pli. Leibniz et le baroque
,
Paris 1988. Für die europäische Diskussion vgl. den Sammelband von
Klaus Garber (Hg.),
Europäische
Barock-Rezeption
,
2 Bde., Wiesbaden 1991.
[15]
Vgl. einführend den kurzen und mittlerweile viel beachteten Traktat von
Emmanuel Lévinas,
Le
temps de l’autre
,
Paris 1979.
[16]
Vgl. von Gianni Vattiomo grundlegend
Le
avventure della differenza
,
Mailand 1980.
[17]
Michel Maffesoli,
Au
creux des apparences. Pour une éthique de l’esthétique
,
Paris 1990, Kap. 5: La baroquisation du monde, S. 151-185.
[18]
Siehe zum Begriff der „multiplicité de l’Un” Michel
Maffesoli (1990), S. 153f. und Gilles Deleuze (1988), S. 33f.
[19]
Michel Maffesoli (1990), S. 154.
[20]
Ebd., S. 154: „une aventure intellectuelle du flou”.
[21]
Ebd., S. 155. Im Wortlaut: „[...] une attraction organique à
partir d’images que l’on partage.”.
[22]
Michel de Certeau,
L’Invention
du quotidien, 1: Arts de faire
,
Paris 1980, 1990.
[23]
Ebd., S. 63.
[24]
Ebd., S. 64f.
[25]
Vgl. ebd.
[26]
Vgl. zur ‘Ethnologisierung der Künste’ ebd., II, 5, S. 102ff.
[27]
Das aufklärerische Prinzip moderner Wissenssystematik wird v.a.
festgemacht am enzyklopädischen Denken der französischen
Aufklärung, s. ebd., S. 104ff.
[28]
So an seiner Kritik Foucaults und Bourdieus exemplifiziert; vgl. Michel de
Certeau (1990), IV, S. 75ff.
[29]
Certeau selbst spricht von einer „valeur métonymique” des
einzuschreibenden ‘isolierten Faktors’; ebd., S. 100.
[30]
Vgl. ebd., S. 64. Hier steht Certeau in Abweichung von Maffesoli (1990), der
dezidiert für soziale Symbolisierung plädiert. Die Differenz beider
Positionen verweist sicherlich auch auf die hier konstatierte, philologische
Abschattung der soziologischen Befunde.
[31]
Ebd.
[32]
Vgl. Michel Serres,
Hermès
I. La communication
,
Paris 1968.
[33]
Symtomatisch durchzieht diese Haltung z.B. das in der Forschung immer mehr
beachtete Werk von Lévinas.
[34]
Ernst Cassirer,
Philosophie
der symbolischen Formen
(1929); vgl. die gute Zusammenfassung in ders.,
An
Essay on man
,
New Haven/London 1944, S. 23-26.
[35]
Vgl. hierzu z.B. die Studien von Gibert Durand, etwa
L’Imagination
symbolique
,
Paris 1964 oder von Patrick Tacussel,
L’attraction
sociale
,
Paris 1984 sowie den erwähnten Michel Maffesoli (1990).
[36]
Jacques Derrida, La double séance, in: ders.,
La
dissémination
,
Paris 1972, S. 215-347.
[37]
Siehe zur Interpretation von Mallarmés ‘Mimique’ ebd., S.
238ff.
[38]
Diese Rationalität einer ‘modernen Begehrensdialektik’ wurde
jüngst auch für Baudelaire herausgearbeitet von Thorsten Greiner,
Ideal
und Ironie. Baudelaires Ästhetik der ‘modernité’ im
Wandel vom Vers- zum Prosagedicht
,
Tübingen 1993, v.a. S. 189ff.
[39]
Karlheinz Stierle, Die Modernität der französischen Klassik. Negative
Anthropologie und funktionaler Stil, in: Fritz Nies/Karlheinz Stierle (Hgg.)
(1985), S. 81-133, S. 84.
[40]
Ebd., S. 87.
[41]
Ferenc Féher, Der Pyrrhussieg der Kunst im Kampf um ihre Befreiung.
Bemerkungen zum postmodernen Intermezzo, in: Christa u. Peter Bürger
(Hgg.) (1987), S. 13-33, S. 23.
[42]
Vgl. Jean-François Lyotard,
Leçons
sur l’analytique du sublime
,
Paris 1991. Siehe zur Kritik von Lyotards Diskussion des Erhabenen unter
Rückgriff auf Kants Ästhetik Christa Bürger, Moderne als
Postmoderne: Jean-François Lyotard, in: dies. u. Peter Bürger
(Hgg.) (1987), S. 122-143, S. 138-141.
[43]
Vgl. z.B. Marc Fumaroli,
L’Age
de l’éloquence. Rhétorique et ‘res literaria’
de la Renaissance au seuil de l’époque classique
,
Genf 1980, conclusion, S. 673ff., insbes. S. 685 u. S. 690.
[44]
Jean-François Lyotard, Beantwortung der Frage: Was ist postmodern ?, in:
Wolfgang Welsch (1994), S. 193-203, S. 199.
[45]
Ebd., S. 202.
[46]
Ebd., S. 200.
[47]
So bei Marc Fumaroli (1980), S. 688.
[48]
Eine Symbiose aus barocken und klassischen Formelementen erscheint, freilich
unter dem Stichwort der ‘baroquisation’, in der Argumentation von
Michel Maffesoli (1990).
[49]
Vgl. zum Symbolbegriff Paul Ricoeur (1960), Bd. 2, insbes. S. 17-25.
[50]
Zum ‘Schrecken’ als Bedingung für das sublime vgl.Christa
Bürger, Moderne als Postmoderne, a.a.O.S. 141.
[51]
Vgl. zu der fundamentalen Kategorie des Schuldgefühls, das im Symbol
entäußert wird, Paul Ricoeur (1960), Bd. 2, z.B. S. 11-17.
[52]
Vgl. zum Hermes-Mythos den gleichnamigen Artikel in
Der
kleine Pauly.
Lexikon
der Antike, 5 Bde., München 1975, Bd. 2, S. 1069-1076.
[53]
Platon,
Symposion,
202e-204c.
[54]
Die in Anführungszeichen gesetzte Terminologie dieser Passage findet sich
bei Paul Ricoeur (1960), Bd. 1, S. 50.
[55]
Paul Ricoeur, (1960), Bd. 2, S. 18.
[56]
Ebd., S. 20.
[57]
Vgl. zum ‘visage’ bei Lévinas auch dessen Studie
Totalité
et infini. Essai sur l’extériorité
,
Paris 1971, S. 203ff.
[58]
Zum Sozialtypus des ‘homo aestheticus’ siehe Michel Maffesoli
(1990), S. 23-38.
[59]
Das Ideal des „homme sans qualités” Musils findet sich bei
Certeau (1990), S. LIII.
[60]
Vgl. einführend zum Werk von Echenoz Isabel Beisenkötter, Jean
Echenoz, in:
Kritisches
Lexikon zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur
38 (1995), S. 1-7. Zu den folgenden Darlegungen s.a. Vf., Banaler Alltag in
exotischer Begegnung - Versuch über postmoderne Erzähllust im
Romanwerk von Jean Echenoz, in:
Romanistische
Zeitschrift für Literaturgeschichte
(erscheint 1999).
[61]
Zu Koltès siehe den fachkundigen Aufsatz des Theaterkollegen Jean-Pierre
Sarrazac, Koltès, la traversée du théâtre, in: ders.,
Théâtres
du moi, théâtres du monde
,
Rouen 1995, S. 221-235. Vgl. auch für die deutsche Rezeption Patricia
Duquenet-Krämer, Das poetische Theater von Bernard-Marie Koltès,
in: Konrad Schoell (Hg.),
Literatur
und Theater im gegenwärtigen Frankreich. Opposition und Konvergenz
,
Tübingen 1991, S. 103-130.
[62]
Jean-Pierre Sarrazac (1995), S. 224.
[63]
Zu Tabucchi ist empfehlenswert der Kolloquiumsband mit Interview des Autors von
Nathalie Roellens/Inge Lanslots (Hgg.),
Piccole
finzioni con importanza. Valori della narrativa italiana contemporanea
,
Ravenna 1993, insbes.S. 111ff.
[64]
Vgl. zum Merkmal der Antithetik der Moderne in ihren variablen
Erscheinungsformen Antoine Compagnon,
Les
cinq paradoxes de la modernité
,
Paris 1990. Der Aspekt der Ironie erscheint Compagnon dabei allerdings (nicht
weiter differenziert) als möglicher Ausweg à la Baudelaire aus der
hier zeitlos gesehenen, modernen Sinnreduktion (vgl. ebd., S. 177-180).
[65]
Zur breiten Fächerung postmoderner Autoren vgl.Peter V. Zima (1997), S.
285ff.
[66]
Vgl. ebd. S. 339f.
[67]
Die Bezeichnung der ‘rhétorique de la peinture’ für den
barocken Asianismus findet sich bei Marc Fumaroli (1980), S. 679 und ebd. im
folgenden.
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