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Paper zur Ersten internationalen Erlanger Graduiertenkonferenz
(20.-22. November 1998)
Politische Theorie zwischen Dekonstruktion und Pragmatismus
Martin Nonhoff
I.
Der
Dekonstruktion ist bislang häufig jedes Merkmal der Politizität
abgesprochen worden. Dennoch kommt die politische Theorie auf Dauer nicht
umhin, sich mit dem Phänomen Dekonstruktion auseinanderzusetzen, da die
Dekonstruktion die Zerbrechlichkeit der grundlegenden metaphysischen Ordnung
der politischen Theorie aufzeigt. Im Rahmen der politischen Philosophie bzw.
der Ideengeschichte befaßt sich politische Theorie notwendigerweise mit
den philosophischen Fundamenten westlichen Denkens: der Natur des Menschen, der
Natur menschlichen Zusammenlebens, der menschlichen Ethik und auch dem
Verhältnis von Menschsein und Transzendentalität, kurz: mit der
westlichen, über Jahrhunderte geprägten Metaphysik. All dies stellt
die Dekonstruktion in einer mächtigen Bewegung in Frage.
Besonders
für die Literaturwissenschaften, aber auch für die Philosophie hatte
die Dekonstruktion - zunächst v.a. in den USA - eine befreiende Wirkung:
So sprengt sie die Ketten der Absolutheit, die Totalität des gültigen
Textes bzw. der westlichen Metaphysik. Mit der Betonung unseres semiotischen
Gefangenseins bei gleichzeitiger Befreiung vom Diktat des Signifikats
(„Dekonstruktion des transzendentalen Signifikats”; Derrida 1996
[1967]: 85) und der Ermächtigung des Signifikanten tritt für die
Lektüre von Texten - und dies gilt nicht nur für
„literarische” Texte - eine Loslösung von der fixierten
Bedeutung ein. Wenn Lyotard feststellt, daß die Metaerzählungen der
westlichen Welt an Glaubwürdigkeit verlieren (Lyotard 1979), so
verdeutlicht Derridas dekonstruktivistisches Vorgehen auf der philosophischen
Ebene, daß die Metaerzählungen zwangsläufig zerbröseln,
wenn man ihre inneren Aporien aufzuzeigen vermag. Nicht nur das
Bedeutungsmonopol der Metaerzählungen ist zerschlagen. Auch die graue
Eminenz jeglicher Textinterpretation, der Autor, verliert seinen
erdrückenden Einfluß. Zwar ist Derrida nicht der erste, der den Tod
des Autors thematisiert (vgl. Barthes 1977: 142-149), doch seine
dekonstruktivistischen Lektüren tragen ganz besonders zur Etablierung der
Macht des Textes bzw. des Lesers bei. So interessiert es Derrida in seiner
Auseinandersetzung mit dem Strukturalismus Saussures nur wenig, „was
Ferdinand de Saussure
persönlich
gedacht
hat”; vielmehr ist sein „Interesse auf einen Text gerichtet”
(Derrida 1996 [1967]: 129, Fn. 38; vgl. auch 273).
Derridas
Schriften und die Dekonstruktion vermittelten also durchaus eine theoretisch
befreiende und anregende Erfahrung. Kritik, teils heftige Kritik, blieb nicht
aus. Diese Kritik umfaßte sämtliche Felder, die Derridas Denken
berührte.
[1]
Von besonderem Interesse ist hier die Kritik mit Blick auf die politische
Relevanz dieses Denkens. Nach Derrida selbst ist die Dekonstruktion durchaus
eine politische Angelegenheit. Sie erhebt
„den
Anspruch [...], die Dinge zu
ändern
und auf eine Weise einzugreifen, die wirksam und verantwortlich ist, mag sie
zugleich auch sehr vermittelt sein: einzugreifen nicht nur im beruflichen
Bereich, sondern ebenfalls in dem, was man den bürgerlichen,
städtischen Raum
[cité],
die
polis
und allgemeiner noch die Welt nennt.” (Derrida 1996a: 18f.)
Dennoch
war und ist die Anwendbarkeit der Dekonstruktion für die
politisch-theoretische Kritik umstritten. Positive Impulse sieht beispielsweise
Jonathan Culler in der „Politisierung dessen [...], was sonst als
neutraler Rahmen gilt” (Culler 1988 [1982]: 174). Michael Ryan
konstatiert - ebenfalls mit Blick auf die denaturalisierende Funktion der
Dekonstruktion - eine fruchtbare Beziehung von Marxismus und Dekonstruktion
(Ryan 1982: 63). Doch tendenziell ist die marxistische Reaktion auf Derrida
eher negativ: So wird die Dekonstruktion - zum Beispiel von Terry Eagleton -
als zu sehr auf sprachliche und semiotische Phänomene und zu wenig auf
politisches Handeln hin orientierte Theorie wahrgenommen (Eagleton 1996: 7, 18).
Sehr
deutliche Kritik ist vor allem auch aus der Ecke des amerikanischen
Pragmatismus zu vernehmen. Der Pragmatismus hat sich stets als eine auf die
alltägliche Politik hin orientierte Denkungsart verstanden. So setzten
sich Pragmatisten wie William James und John Dewey intensiv mit der westlichen
Metaphysik auseinander, z.B. mit dem Wahrheitsbegriff oder auch mit der Rolle
des Gottesglaubens. Dennoch war ihre Philosophie an der Anwendbarkeit innerhalb
der amerikanischen politischen Ordnung orientiert. So kommt es, daß
William James einen empirisch in den USA anwendbaren
pluralistisch-pragmatischen Wahrheitsbegriff einem rationalistisch-monistischen
Wahrheitsbegriff entwickelt (vgl. z.B. James 1994 [1907]: v.a. 123-151) oder
daß Dewey, das dynamische Werden und Machen über das fixe und
universale Sein stellend, die Brücke zu progressiver, an demokratischer
Beteiligung, an demokratischem Machen orientierter Erziehung schlägt (v.a.
Dewey 1966 [1916]).
Vor
allem am pragmatischen Denken orientiert sich die kritische Auseinandersetzung
Richard Rortys mit der Dekonstruktion. Rortys Pragmatismus teilt viele
grundlegende Annahmen der Dekonstruktion. Beide eint nicht nur die Ablehnung
des Denkens der Wahrnehmung als „Spiegel der Natur” und das tiefe
Mißtrauen gegenüber essentialistischen Wahrheitsbegriffen: Beide
sehen generell in der auf der Aufklärung fußenden
„westlichen” Metaphysik mit ihren zentralen Elementen des autonomen
Subjekts, der Rationalität und der objektiven Wissenschaftlichkeit eine
nicht länger aufrecht zu erhaltende Denkungsart. Dem Denken beider
gemeinsam ist darüber hinaus die zentrale Rolle des volatilen Mediums
Sprache in der Begründung der Ablehnung epistemologischer
Universalität.
Rortys
Kritik an Derrida und insbesondere an den amerikanischen
„Derrideans” betrifft also weniger die philosophischen Grundlagen.
Das philosophische Vorgehen Derridas schätzt Rorty sogar teilweise -
jedenfalls hinsichtlich Derridas „Spätwerk” (Rorty 1989:
122-137).
[2]
Was Rorty vor allem an der Dekonstruktion bemängelt ist, daß sie
nach seiner Auffassung für eine politische Kritik ungeeignet sei. Seine
kritische Auffassung diesbezüglich hat vor allem die anglo-amerikanische
Rezeption der Schriften Derridas durch die akademische Linke im Blick. Der
Tenor der Kritik ähnelt dem Eagletons: Die akademische Linke habe sich im
Gefolge ihrer Begeisterung für die Dekonstruktion zu sehr der
Bekämpfung der Metaphysik und der Verfolgung langfristiger kultureller
Ziele verschrieben, und dabei die Einmischung in die eher kurzfristig handelnde
„harte” Tagespolitik aufgegeben.
[3]
„Getting
rid of phallogocentrism, metaphysics and all that is an admirable long-term
cultural goal, but there is still a difference between such goals and the
relatively short-term goals served by political deliberation and
decision.” (Rorty 1996b: 44f.)
Im
Gegensatz zur von John Dewey maßgeblich beeinflußten Linken der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts habe „[t]he academic Left [...]
no projects to propose to America, no vision of a country to be achieved by
building a consensus on the need for specific reforms.” (Rorty 1998: 15)
Die
mangelnde Anwendbarkeit der Dekonstruktion für die kritische
Auseinandersetzung mit „real politics” - im Gegensatz zu
„cultural politics” (vgl. Rorty 1996a: 17) - beruht jedoch laut
Rorty nicht auf einer oberflächlichen Fehlorientierung der amerikanischen
Derrideaner, sondern ist dem Denken Derridas grundsätzlich eigen. Rorty
sieht die historistische Philosophie in ihrer gesamten Tradition seit Hegel in
zwei Seiten gespalten: jene, die das Private, das Denken über die
Bedingungen menschlichen Seins in den Mittelpunkt rücken (z.B.
Kierkegaard, Nietzsche, Heidegger) und jene, die vornehmlich das
Öffentliche, das Denken über politische Institutionen und materielle
Gerechtigkeit thematisieren (z.B. Marx, Mill, Dewey, Rawls). Beide Seiten
seien, so Rorty, in einer stringenten Theorie nicht zu verbinden. Hierzu sei
bereits das Vokabular der beiden zu verschieden (Rorty 1989: passim).
Derridas
Denken ordnet Rorty der privaten Philosophie zu. Die Unvereinbarkeit der
privaten Philosophie (generell wie auch der Derridas und der amerikanischen
„Derrideans”) mit der Frage nach politischer Gestaltung sieht er
hierbei maßgeblich durch zwei Bedingungen gegeben, die miteinander
zusammenhängen. Erstens sei die inhaltliche Zielsetzung grundverschieden -
für konkrete politische Entscheidungen sei die Relevanz ontologischer und
metaphysischer Fragen nur von sehr bedingter Relevanz. Zweitens sei bereits das
komplexe Vokabular der privaten, die „self-creation” betreffende
Philosophie denkbar ungeeignet, um für demokratische Politik anwendbar zu
sein:
„[...]
I see politics, at least in democratic countries, as something to be conducted
in as plain, blunt, public, easy-to-handle language as possible. I see the
enemies of human happiness as just greed, sloth and hypocrisy, and I
don’t see the need for philosophical depth charges in dealing with such
surface enemies.” (Rorty 1996b: 45)
In
konkretem Bezug zu Derridas Versuchen, eine Metaphysik der Präsenz zu
skizzieren und zu dekonstruieren, merkt Rorty an:
„Politics
[...] is a matter of pragmatic, short-term reforms and compromises -
compromises which must, in a democratic society, be proposed and defended in
terms much less esoteric than those in which we overcome the metaphysics of
presence.” (Rorty 1996a: 17)
Nach
Rorty muß eine akademische Linke also theoretische Ansätze
entwickeln, die sich in einer möglichst einfachen Sprache der konkreten
Problemen und der konkret notwendigen Reformen annehmen. Ein öffentlicher,
(links-)liberaler theoretischer Diskurs muß sich daran orientieren,
daß emanzipatorische Politik innerhalb einer Demokratie nicht die Aufgabe
hat, philosophische Fragen nach der Konstitution des menschlichen Selbst oder
nach den Bedingungen von Wahrheit zu lösen,
[4]
sondern Schritt um Schritt Möglichkeiten der Reduktion von Grausamkeit und
der Gewährleistung sozialer Gerechtigkeit auszuloten (z.B. Rorty 1989: 65).
[5]
Dies kann der Diskurs der Dekonstruktion Rorty zufolge nicht leisten.
II.
Die
Frage der politischen Relevanz der Dekonstruktion stellt sich natürlich
insbesondere der politischen Theorie. Die Spannung zwischen der theoretischen
Potenz der Dekonstruktion in ihrer Auseinandersetzung mit der westlichen,
metaphysischen Philosophietradition einerseits und den politisch-pragmatischen
Einwänden Rortys andererseits treffen das Konzept der politischen Theorie
in ihrem Mark - genau zwischen den beiden Bestandteilen ihres Namens.
Meine
These ist, daß die Dekonstruktion einerseits durchaus den Blick auf
Prozesse der alltäglichen Politik schärfen kann und somit einen
bedeutenden Beitrag zur politischen Theorie zu leisten vermag. Andererseits
muß die Einsetzbarkeit der Dekonstruktion genau geprüft werden und
eventuelle Grenzen anerkannt werden. Jenseits dieser Grenzen ist ein
Rückgriff auf Rortys pragmatische Politikkritik, orientiert am praktischen
Schritt-für-Schritt, vermutlich unumgänglich - doch aufbauend auf
eine dekonstruktivistische Analyse kann die Auseinandersetzung mit Hierarchien
und Machtverhältnissen innerhalb einer pragmatischen Politikkritik
artikulierter vertreten werden als Rorty, der eben nicht nur Pragmatist,
sondern auch amerikanischer Liberaler ist, dies tut.
Richard
Rorty mag zwar berechtigte Zweifel daran haben, daß eine Dekonstruktion
der Metaphysik der Präsenz direkten Einfluß auf die politische
Praxis hat. Dennoch übersieht er, daß die Dekonstruktion zur
kritischen Betrachtung textueller Diskurse ein mächtiges Instrument
darstellt. Da es sich bei heutigen spezifischen staatstheoretischen Diskursen
(Diskurse zur Rechtsstaatlichkeit, zur Sozialstaatlichkeit, zur
Außenpolitik, etc.) stets um textuelle Diskurse handelt, kann der
Dekonstruktion nicht schlichtweg jede politische Relevanz abgesprochen werden,
ohne daß ihre Eignung getestet wird.
Im
folgenden soll also der Frage nachgegangen werden, ob die politische Theorie
von der Dekonstruktion ebenso anregende Impulse erfahren kann wie bislang
beispielsweise Literaturtheorie und Philosophie. Und wenn ja, wie
müßte eine solche politische Theorie beschaffen sein?
Zwei
Formen erscheinen denkbar: Erstens läßt sich die Dekonstruktion als
Element einer politischen Philosophie im weiteren Sinne der Ideengeschichte
denken. Die Dekonstruktion wird z.B. in die für die Reflexion über
das Politische unentbehrlichen Frage der Ethik eingeführt. In diesem
Zusammenhang ist Derridas Rezeption der Schriften Emmanuel
Lévinas’ in den Vordergrund gerückt worden (Critchley: 1992).
An anderer Stelle wurde in Derridas Beschäftigung mit der Aporie der Zeit
(und deren Irreduzibilität) die Basis für den - unmöglichen -
Zugang der Dekonstruktion zum Politischen gesehen (Beardsworth: 1996).
[6]
Es ist vor allem diese Form der Einbindung der Dekonstruktion in die politische
Theorie, die emanzipatorisch orientierte Pragmatisten wie Richard Rorty am
Nutzen der Dekonstruktion für die theoretische Kritik der praktischen
Politik zweifeln läßt.
Innerhalb
der politischen Theorie ist jedoch ein weiteres Feld für den Einsatz
dekonstruktivistisches Vorgehen denkbar: die kritische Analyse von
theoretischen Diskursen, die das ideologische Fundament der Tagespolitik
bilden. Natürlich begibt man sich mit einem solchen Einsatz in die
Nähe der kritischen Theorie wie auch der Ideologiekritik - eine Nähe,
die Rorty wiederum kritisiert (Rorty 1996b: 45). Und doch irrt Rorty, wenn er
dekonstruktives Vorgehen mit Ideologiekritik gleichsetzt. Zwar geht es beiden
um die Entfremdung und Denaturalisierung dominanter textueller Strukturen, doch
versucht die Dekonstruktion nicht - im Gegensatz zu manch ideologiekritischem
Ansatz - alternative positive Ordnungen aufzustellen.
[7]
Wenn also Rorty die Forderung nach „No more metaphysics, no more
unmasking” (Rorty 1996a: 14) aufstellt, so skizziert er einen
Zusammenhang zwischen der Entfremdung dominanter Strukturen - dem
„unmasking” - und der erneuten Errichtung einer alternativen
Metaphysik. Dieser Zusammenhang ist kein notwendiger: „[...]
Dekonstruktion [ist] keine Theorie [...], die Sinn definiert, um Anweisungen zu
geben, wie man ihn findet. Als kritische Aufhebung der hierarchischen
Gegensätze, von denen Theorien abhängen, weist sie die
Schwierigkeiten jeder Theorie auf, die Sinn eindeutig definieren
möchte” (Culler 1988 [1982]: 146). Die Dekonstruktion ist also mit
der Erschütterung des Absoluten, des Unhinterfragten, der Metaphysik
zufrieden - mehr, also die Erstellung eines „besseren” positiven
Absoluten, kann und will sie nicht leisten. Für eine solche
Erschütterung jedoch stellt sie ein hervorragendes Instrument dar, ein
Instrument, das auch von der politischen Theorie im Rahmen einer politischen
Diskursanalyse genutzt werden kann. Denn, wie auch Rorty selbst feststellt:
„[M]etaphysics is woven into the public rhetoric of modern liberal
societies.” (Rorty 1989: 82)
Welche
Bedingungen müssen erfüllt sein, um die Dekonstruktion erfolgreich
bei der Analyse politischer Diskurse anwenden zu können? Wie könnte
man vorgehen? Und welche Bedeutung kann der Einsatz der Dekonstruktion haben?
Erstens
muß der zu analysierende Diskurs verschiedenen Anforderungen gerecht
werden. Die Dekonstruktion benötigt Texte, am geeignetsten sind
schriftlich fixierte Texte. Ein vornehmlich mündlich geführter
Diskurs ist mangels Material nicht dekonstruierbar. Weiterhin muß es sich
um einen Diskurs handeln, dessen Positionen eine gewisse Beständigkeit
auszeichnet, der also eine gefestigte Struktur besitzt. Diese Struktur
muß darüber hinaus hinreichend komplex sein, das heißt, sie
muß über genügend polare Bausteine sowie damit über
genügend Begriffshierarchien und Ränder verfügen, von denen aus
die Dekonstruktion arbeiten kann. Eine schlichte politische Aussage, die nicht
in einen komplexen Begründungs- oder Ablehnungsdiskurs eingebunden ist -
etwa „Halter von Hunden müssen Hundesteuer zahlen, um für die
Kosten der Straßenreinigung aufzukommen.” - läßt sich
nicht dekonstruieren. Schließlich ist es arbeitstechnisch und im Hinblick
auf die Ergebnisorientierung sinnvoll, als Untersuchungsgegenstand einen
spezifischen Diskurs zu wählen und nicht
den
politischen
Diskurs schlechthin. Am geeignetsten für eine dekonstruktive Analyse
erscheinen mir somit jene Diskurse, die die Politik wissenschaftlich begleiten
und fundieren, also etwa theoretische Diskurse über Systeme der sozialen
Sicherung, über die Gestaltung und Reichweite der Grundrechte, über
makroökonomische Richtungsentscheidungen, über die Gestaltung
demokratischer Mitbestimmungsrechte, etc.
Zweitens
muß der jeweilige politisch-theoretische Diskurs sich plausibel ab- und
eingrenzen lassen. Die Abgrenzung wird dem Vorwurf der Willkürlichkeit
wohl nie vollständig entkommen können, doch sollten mindestens zwei
Plausibilitätskriterien gelten: Einerseits muß hierbei der Blick auf
die politischen Entscheidungsträger gewahrt werden. Bestenfalls ist
bekannt, welche Positionen/Autoren/Schriften des politisch-theoretischen
Diskurses tragende Bedeutung für das Denken und Handeln des politisch
maßgeblichen Führungspersonals haben. Diese Positionen/Autoren/Werke
müssen berücksichtigt werden. Zum Beispiel ist die Bedeutung des
ordoliberalen Denkens und der katholischen Soziallehre für das
Sozialstaatsdenken der CDU bekannt (vgl. z.B. Neumann/Schaper 1998: 52); auch
ist z.B. von Helmut Kohl bekannt, daß er sich in sozialpolitischen Dingen
gerne vom katholischen Sozialtheoretiker Oswald Nell-Breuning beraten
ließ. Andererseits müssen - insbesondere in Demokratien - die
(Erst-)Multiplikatoren des jeweiligen politisch-theoretischen Diskurses bedacht
werden: Dies sind die verbreitetsten Hand- und Lehrbücher der relevanten
Disziplinen. Der innerwissenschaftliche Diskurs, der direkt weder politische
Entscheidungsträger beeinflußt noch sich dominant in
multiplikatorischen Schriften wiederfindet, kann selektiv miteinbezogen werden.
Drittens
muß der Diskurs eine erkennbare Struktur bergen, an der die
Dekonstruktion ansetzen kann, d.h. eine Struktur, die sich als ein Geflecht
bipolarer, hierarchisierter Begriffspaare (binärer Oppositionen)
darstellen läßt. Hierbei ist allerdings ein Unterschied zur
literarischen oder zur philosophischen Dekonstruktion von hoher Bedeutung: Die
Struktur eines geeigneten politischen Diskurses läßt sich zwar als
Geflecht binärer Oppositionen darstellen. Allerdings wird die
Hierarchisierung der Teilbegriffe der binären Oppositionen je nach
Position innerhalb des Diskurses unterschiedlich sein. Eine der binären
Oppositionen des bundesdeutschen sozialstaatstheoretischen Diskurses ist
beispielsweise diejenige zwischen Subsidiarität und Solidarität,
wobei insbesondere die katholische Soziallehre (aber auch der Ordoliberalismus)
die Subsidiarität, gewerkschaftlich-sozialistisches bzw. emanzipatorisches
Sozialstaatsdenken hingegen die Solidarität privilegiert.
Mit
diesem „Problem unklarer Hierarchien” geht eine vierte
Voraussetzung für die Einsetzbarkeit der Dekonstruktion innerhalb der
Analyse politischer Diskurse einher: Es muß sich eine dominante Position
innerhalb des untersuchten Diskurses herausarbeiten lassen, die dann den
eigentlichen Gegenstand der dekonstruktiven Analyse bildet. Sich dem dominanten
Netz von konzeptionellen Hierarchisierungen zuzuwenden, ist einerseits
sinnvoll, weil es dominante Konzeptionen sind, die schließlich
maßgeblichen Einfluß auf die politische Anwendung gewinnen bzw.
bereits gewonnen haben. Wiederum mit Blick auf den bundesdeutschen
sozialstaatstheoretischen Diskurs ließe sich spätestens mit den
beginnenden 1980er Jahren diejenige Position als dominant charakterisieren, die
den Sozialstaat an seinen Grenzen angekommen sieht und für seine
Beschneidung eintritt.
[8]
Es mag sein, daß sich dies nach der Wahl vom 27. September 1998
ändert - wahrscheinlich ist es nicht.
Nachdem
nun also ein schriftlich fixierter, spezifischer politisch-theoretischer
Diskurs in einem plausiblen Rahmen abgegrenzt ist sowie seine Struktur und die
dominante Position innerhalb der Struktur herausgearbeitet sind, steht einem
Einsatz der Dekonstruktion in der politischen Theorie in Form einer Analyse
politischer Diskurse nichts mehr im Wege. Auch hier bleibt es dabei: „Die
Dekonstruktion hat notwendigerweise von innen her zu operieren, sich aller
subversiven, strategischen und ökonomischen Mittel der alten Struktur zu
bedienen, [...]” (Derrida 1996 [1967]: 45). Die Folge wird die
Destabilisierung, die Erschütterung der dominanten Struktur sein, die die
Dekonstruktion zunächst spielerisch wendet - ohne die Wendung freilich
letztlich aufrechtzuerhalten: Somit wird letztlich die Unentscheidbarkeit der
Struktur des politischen Diskurses deutlich.
[9]
Die Dekonstruktion muß also „[...] durch eine doppelte Geste, eine
doppelte Wissenschaft, eine doppelte Schreibweise eine
Umkehrung
des klassischen Gegensatzes
und
eine generelle
Deplazierung
des Systems praktizieren.” (Derrida 1988 [1972]: 154)
Es
bleibt die Frage, ob durch dekonstruktives Vorgehen grundsätzlich jede
Position innerhalb eines politischen Diskurses erschütterbar ist, ob die
Dekonstruktion somit - kritisch betrachtet - eine Methode der Beliebigkeit
darstellt. Zunächst ist schon festgehalten worden, daß der
Gegenstand der Dekonstruktion stets die dominante Position eines Diskurses ist,
eben aus dem Grund, daß sie die dominante und damit einflußreiche
Position ist. So geht es denn Derrida auch um die dominante Position des
westlichen Denkens, die Metaphysik der Präsenz der Philosophie. Die
Dekonstruktion muß zwangsläufig die dominante Position
erschüttern und damit gleichzeitig die dominierte Position stärken,
will sie auf die Unentscheidbarkeit metaphysischer Positionen aufmerksam machen.
Dies
bedeutet gleichzeitig, daß die Dekonstruktion, solange es in politischen
Diskursen schwache und starke Positionen geben wird, kohärent - durch die
Erschütterung der starken Position - stets nur zur Stärkung der
schwächeren Position eingesetzt werden kann. Die Dekonstruktion ist somit
keine beliebig einsetzbare Methodik, sondern schlägt sich auf die Seite
des „Anderen”, des Nicht-Dominanten, des Schwachen. Die
Dekonstruktion ist eine Methodik des emanzipatorischen Denkens. Nur weil sie
stets den Anderen denkt, ist es Derrida möglich, von der Dekonstruktion
sagen, sie sei die Gerechtigkeit (Derrida 1996a: 30).
III.
Innerhalb
einer kritischen Auseinandersetzung mit politischen Diskursen kann also
Dekonstruktion einen ersten Schritt darstellen: die Erschütterung von im
Zuge einer Naturalisierung selbstverständlich gewordenen -
„universal gültigen” - dominanten Positionen. Im Gegensatz zur
Ideologiekritik kann und will die Dekonstruktion keine verpflichtend
gültige, „bessere” Alternative offerieren.
Daher
kann ein zweiter Schritt, die Erarbeitung von Alternativen sowie u.U. die
argumentative Stärkung der dominierten Position des politischen Diskurses,
nicht länger dekonstruktivistisch arbeiten. Hierfür scheint ein
pragmatisches, schrittweises, an der Tagespraxis der Politik orientiertes
Vorgehen, wie es Richard Rorty vorschwebt, geeigneter. Ein pragmatisches
Vorgehen kann im Anschluß an die Dekonstruktion wiederum nur
emanzipatorische Ziele vor Augen haben.
[10]
Deutlicher als Rortys liberaler Pragmatismus kann sich ein an eine
dekonstruktive Betrachtung der zentralen politisch-theoretischen Diskurse
anschließender politischer Pragmatismus den Blick für die realen
Machtverhältnisse, also die dominante wie die dominierte Seite des
Diskurses, bewahren. Gleichzeitig sieht sich ein pragmatisches Vorgehen
zugunsten der dominierten Position nicht mehr länger jenem
zermürbenden Rechtfertigungsdruck ausgesetzt, dem stets Positionen
ausgesetzt sind, welche außerhalb der „universal besten
Ordnung” operieren. Die Dekonstruktion kann also einer
emanzipatorisch-pragmatischen Position außerhalb des „Common
Sense” zur Gleichheit der Waffen verhelfen.
Abschließend
bleiben zwei Folgen einer Zusammenarbeit von Dekonstruktion und Pragmatismus
innerhalb der politischen Theorie im Sinne Analyse politischer Diskurse
festzuhalten: Erstens ist ein Pragmatismus Rortyscher Provenienz gezwungen,
seine unerbittliche Trennlinie zwischen öffentlichen und privaten Denkern
aufzubrechen. Jede (tages-)politische Debatte und damit jede politische
Entscheidung in Demokratien baut auf speziellen theoretischen Diskursen auf.
Für deren Analyse sind das Denken und die Methode des
„privaten” Denkers Jacques Derrida durchaus von Vorteil. Auch
scheint sein Vokabular durch aus angebracht. Zweitens aber müssen all
jene, die in der Dekonstruktion eine Meta- oder Supertheorie sehen (z.B.:
Marius & Jahraus: 1997), anerkennen, daß es bestimmte Kriterien
für ein dekonstruktives Vorgehen gibt. Sind diese nicht gegeben,
gerät die Dekonstruktion an ihre Grenzen. Nicht zuletzt ist auch für
Derrida völlig klar, daß bestimmte Bereiche nicht dekonstruierbar
sind (z.B. die Gerechtigkeit, vgl. Derrida 1996a). Wenn die politische Theorie
einerseits sich die Analyse politischer Diskurse erneut zum Gegenstand macht
und andererseits - im besten Sinne postmodern - die Hybridität einer
Vermischung theoretischer Ansätze nicht scheut, kann sie aus beiden
Denkungsarten, Pragmatismus und Dekonstruktion, ein machtvolles Instrument zur
Analyse und zur Kritik politischer Diskurse schaffen.
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Frankfurt/M.: Suhrkamp. S. 179-202.
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[1]
Beispielhaft sei nur die sprachwissenschaftliche Kontroverse zwischen Derrida
(1988 [1972]: 291-314; 1977) und John Searle (1977) um die Dekonstruktion
Austin’scher Schriften genannt.
[2]
Zu späterem Zeitpunkt gesteht Rorty ein, daß ihm seine Einteilung
von Derridas Schriften in ein Spät- und ein Frühwerk nicht
länger sinnvoll erscheint (Rorty 1996b: 41).
[3]
Rorty ist nicht der einzige, der auf die Gefahr hinwies, daß die
amerikanische Linke insbesondere in den 1980ern den Anschein erweckte, nach
einem verlorenen Kampf um die allgemeine Politik sich in die letzte Bastion
einer sehr akademisch ausgerichteten Kulturpolitik zu flüchten. Mit Blick
auf den Streit um die Repräsentation von Frauen und Minderheiten in den
geisteswissenschaftlichen College-Curricula wies z.B. auch John Guillory darauf
hin, daß „in response to an increasingly hostile climate of
opinion, it would seem that the political culture of liberalism has established
a last redoubt in the university [... This led to a] development of a political
critique of ,representation’ in contexts other than those formerly
conceived as political” (Guillory 1993: 4f.).
[4]
„[D]emocracy takes precedence over philosophy.” (Rorty 1991: 192)
[5]
Es ist von verschiedenen Seiten darauf hingewiesen worden, daß Rortys
Rekurs auf Gerechtigkeit und auf die Vermeidung von Grausamkeit bei
gleichzeitiger Ablehnung allgemeingültiger ethischer Fundamente
problematisch ist (vgl. Critchley 1996: 26).
[6]
Richard Beardsworths Perspektive von „Derrida & the political”
scheint jedoch einseitig auf den Zeitaspekt verkürzt. So spielen in seiner
Untersuchung Derridas Überlegungen zur Irreduzibilität der
Gerechtigkeit (Derrida 1996a: 15ff.) und auch politische Stellungnahmen
Derridas, der sich selbst klar als ein „man of the political left”
bezeichnet, keine Rolle (Derrida 1996b: 85).
Insofern
liegt Beardsworth richtig, wenn er sich selbst tendenziell auf der Seite eines
„,right wing’ ,Derrideanism’” einordnet (Beardsworth
1996: 156), übersieht er doch bei seiner philosophischen Fixierung auf die
temporale Aporie wesentliche Momente der
politischen
Stoßrichtung der Dekomstruktion. Diese emanzipatorische
Stoßrichtung wird von Beardsworth nicht thematisiert.
[7]
Peter Zima stellt denn auch als einen der grundlegenden Unterschiede zwischen
kritischer Theorie und Dekonstruktion „die Ablehnung des als metaphysich
apostrophierten Wahrheitsbegriffs, die allen Dekonstruktivisten gemeinsam
ist,” fest. Nach Zima hindere in den Augen der kritische Theorie die
Ablehnung eines positiven Wahrheitsbegriffs die Dekonstruktion daran, ihr
gesellschaftskritisches Potential zu entfalten (Zima 1994: 226). Genau dieses
gilt es zu untersuchen.
[8]
Als Beleg hierfür mag beispielsweise Claus Offes Analyse der „vier
politisch-ideologischen Stoßrichtungen” (Offe 1990: 187) in der
Sozialpolitik gelten. Offe kommt zu dem Ergebnis, daß seit 1974 die
sozialstaatseingrenzenden Strategien Privatisierung und Ausgrenzung
„sowohl auf der Ebene der tatsächlich implementierten Strategien wie
auf der Ebene wissenschaftlicher und politischer Ebene” (ebd.: 195)
häufiger angewendet wurden als die sozialstaatsexpansiven Strategien
Garantismus und Inklusion.
[9]
Etwa so, wie Derrida lustvoll mit dem Begriff der „Schrift” spielt,
ihn einmal für die „vulgäre Schrift”, dann für die
„Urschrift” und wiederholt für „Sprache”
einsetzend, und so die Hierarchie Sprache-Schrift unterminierend. Die jeweilige
Bezeichnung wählt Derrida immer auch „aus strategischen
Gründen” (v.a. Derrida 1996 [1967]; Zit. 169).
[10]
In diesem Sinne ist die Nähe zu den politischen Vorstellungen Rortys also
durchaus gegeben.
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