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Paper zur Ersten internationalen Erlanger Graduiertenkonferenz
(20.-22. November 1998)

Politische Theorie zwischen Dekonstruktion und Pragmatismus

Martin Nonhoff


I.

Der Dekonstruktion ist bislang häufig jedes Merkmal der Politizität abgesprochen worden. Dennoch kommt die politische Theorie auf Dauer nicht umhin, sich mit dem Phänomen Dekonstruktion auseinanderzusetzen, da die Dekonstruktion die Zerbrechlichkeit der grundlegenden metaphysischen Ordnung der politischen Theorie aufzeigt. Im Rahmen der politischen Philosophie bzw. der Ideengeschichte befaßt sich politische Theorie notwendigerweise mit den philosophischen Fundamenten westlichen Denkens: der Natur des Menschen, der Natur menschlichen Zusammenlebens, der menschlichen Ethik und auch dem Verhältnis von Menschsein und Transzendentalität, kurz: mit der westlichen, über Jahrhunderte geprägten Metaphysik. All dies stellt die Dekonstruktion in einer mächtigen Bewegung in Frage.
Besonders für die Literaturwissenschaften, aber auch für die Philosophie hatte die Dekonstruktion - zunächst v.a. in den USA - eine befreiende Wirkung: So sprengt sie die Ketten der Absolutheit, die Totalität des gültigen Textes bzw. der westlichen Metaphysik. Mit der Betonung unseres semiotischen Gefangenseins bei gleichzeitiger Befreiung vom Diktat des Signifikats („Dekonstruktion des transzendentalen Signifikats”; Derrida 1996 [1967]: 85) und der Ermächtigung des Signifikanten tritt für die Lektüre von Texten - und dies gilt nicht nur für „literarische” Texte - eine Loslösung von der fixierten Bedeutung ein. Wenn Lyotard feststellt, daß die Metaerzählungen der westlichen Welt an Glaubwürdigkeit verlieren (Lyotard 1979), so verdeutlicht Derridas dekonstruktivistisches Vorgehen auf der philosophischen Ebene, daß die Metaerzählungen zwangsläufig zerbröseln, wenn man ihre inneren Aporien aufzuzeigen vermag. Nicht nur das Bedeutungsmonopol der Metaerzählungen ist zerschlagen. Auch die graue Eminenz jeglicher Textinterpretation, der Autor, verliert seinen erdrückenden Einfluß. Zwar ist Derrida nicht der erste, der den Tod des Autors thematisiert (vgl. Barthes 1977: 142-149), doch seine dekonstruktivistischen Lektüren tragen ganz besonders zur Etablierung der Macht des Textes bzw. des Lesers bei. So interessiert es Derrida in seiner Auseinandersetzung mit dem Strukturalismus Saussures nur wenig, „was Ferdinand de Saussure persönlich gedacht hat”; vielmehr ist sein „Interesse auf einen Text gerichtet” (Derrida 1996 [1967]: 129, Fn. 38; vgl. auch 273).
Derridas Schriften und die Dekonstruktion vermittelten also durchaus eine theoretisch befreiende und anregende Erfahrung. Kritik, teils heftige Kritik, blieb nicht aus. Diese Kritik umfaßte sämtliche Felder, die Derridas Denken berührte. [1] Von besonderem Interesse ist hier die Kritik mit Blick auf die politische Relevanz dieses Denkens. Nach Derrida selbst ist die Dekonstruktion durchaus eine politische Angelegenheit. Sie erhebt
„den Anspruch [...], die Dinge zu ändern und auf eine Weise einzugreifen, die wirksam und verantwortlich ist, mag sie zugleich auch sehr vermittelt sein: einzugreifen nicht nur im beruflichen Bereich, sondern ebenfalls in dem, was man den bürgerlichen, städtischen Raum [cité], die polis und allgemeiner noch die Welt nennt.” (Derrida 1996a: 18f.)
Dennoch war und ist die Anwendbarkeit der Dekonstruktion für die politisch-theoretische Kritik umstritten. Positive Impulse sieht beispielsweise Jonathan Culler in der „Politisierung dessen [...], was sonst als neutraler Rahmen gilt” (Culler 1988 [1982]: 174). Michael Ryan konstatiert - ebenfalls mit Blick auf die denaturalisierende Funktion der Dekonstruktion - eine fruchtbare Beziehung von Marxismus und Dekonstruktion (Ryan 1982: 63). Doch tendenziell ist die marxistische Reaktion auf Derrida eher negativ: So wird die Dekonstruktion - zum Beispiel von Terry Eagleton - als zu sehr auf sprachliche und semiotische Phänomene und zu wenig auf politisches Handeln hin orientierte Theorie wahrgenommen (Eagleton 1996: 7, 18).
Sehr deutliche Kritik ist vor allem auch aus der Ecke des amerikanischen Pragmatismus zu vernehmen. Der Pragmatismus hat sich stets als eine auf die alltägliche Politik hin orientierte Denkungsart verstanden. So setzten sich Pragmatisten wie William James und John Dewey intensiv mit der westlichen Metaphysik auseinander, z.B. mit dem Wahrheitsbegriff oder auch mit der Rolle des Gottesglaubens. Dennoch war ihre Philosophie an der Anwendbarkeit innerhalb der amerikanischen politischen Ordnung orientiert. So kommt es, daß William James einen empirisch in den USA anwendbaren pluralistisch-pragmatischen Wahrheitsbegriff einem rationalistisch-monistischen Wahrheitsbegriff entwickelt (vgl. z.B. James 1994 [1907]: v.a. 123-151) oder daß Dewey, das dynamische Werden und Machen über das fixe und universale Sein stellend, die Brücke zu progressiver, an demokratischer Beteiligung, an demokratischem Machen orientierter Erziehung schlägt (v.a. Dewey 1966 [1916]).
Vor allem am pragmatischen Denken orientiert sich die kritische Auseinandersetzung Richard Rortys mit der Dekonstruktion. Rortys Pragmatismus teilt viele grundlegende Annahmen der Dekonstruktion. Beide eint nicht nur die Ablehnung des Denkens der Wahrnehmung als „Spiegel der Natur” und das tiefe Mißtrauen gegenüber essentialistischen Wahrheitsbegriffen: Beide sehen generell in der auf der Aufklärung fußenden „westlichen” Metaphysik mit ihren zentralen Elementen des autonomen Subjekts, der Rationalität und der objektiven Wissenschaftlichkeit eine nicht länger aufrecht zu erhaltende Denkungsart. Dem Denken beider gemeinsam ist darüber hinaus die zentrale Rolle des volatilen Mediums Sprache in der Begründung der Ablehnung epistemologischer Universalität.
Rortys Kritik an Derrida und insbesondere an den amerikanischen „Derrideans” betrifft also weniger die philosophischen Grundlagen. Das philosophische Vorgehen Derridas schätzt Rorty sogar teilweise - jedenfalls hinsichtlich Derridas „Spätwerk” (Rorty 1989: 122-137). [2] Was Rorty vor allem an der Dekonstruktion bemängelt ist, daß sie nach seiner Auffassung für eine politische Kritik ungeeignet sei. Seine kritische Auffassung diesbezüglich hat vor allem die anglo-amerikanische Rezeption der Schriften Derridas durch die akademische Linke im Blick. Der Tenor der Kritik ähnelt dem Eagletons: Die akademische Linke habe sich im Gefolge ihrer Begeisterung für die Dekonstruktion zu sehr der Bekämpfung der Metaphysik und der Verfolgung langfristiger kultureller Ziele verschrieben, und dabei die Einmischung in die eher kurzfristig handelnde „harte” Tagespolitik aufgegeben. [3]
„Getting rid of phallogocentrism, metaphysics and all that is an admirable long-term cultural goal, but there is still a difference between such goals and the relatively short-term goals served by political deliberation and decision.” (Rorty 1996b: 44f.)
Im Gegensatz zur von John Dewey maßgeblich beeinflußten Linken der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts habe „[t]he academic Left [...] no projects to propose to America, no vision of a country to be achieved by building a consensus on the need for specific reforms.” (Rorty 1998: 15)
Die mangelnde Anwendbarkeit der Dekonstruktion für die kritische Auseinandersetzung mit „real politics” - im Gegensatz zu „cultural politics” (vgl. Rorty 1996a: 17) - beruht jedoch laut Rorty nicht auf einer oberflächlichen Fehlorientierung der amerikanischen Derrideaner, sondern ist dem Denken Derridas grundsätzlich eigen. Rorty sieht die historistische Philosophie in ihrer gesamten Tradition seit Hegel in zwei Seiten gespalten: jene, die das Private, das Denken über die Bedingungen menschlichen Seins in den Mittelpunkt rücken (z.B. Kierkegaard, Nietzsche, Heidegger) und jene, die vornehmlich das Öffentliche, das Denken über politische Institutionen und materielle Gerechtigkeit thematisieren (z.B. Marx, Mill, Dewey, Rawls). Beide Seiten seien, so Rorty, in einer stringenten Theorie nicht zu verbinden. Hierzu sei bereits das Vokabular der beiden zu verschieden (Rorty 1989: passim).
Derridas Denken ordnet Rorty der privaten Philosophie zu. Die Unvereinbarkeit der privaten Philosophie (generell wie auch der Derridas und der amerikanischen „Derrideans”) mit der Frage nach politischer Gestaltung sieht er hierbei maßgeblich durch zwei Bedingungen gegeben, die miteinander zusammenhängen. Erstens sei die inhaltliche Zielsetzung grundverschieden - für konkrete politische Entscheidungen sei die Relevanz ontologischer und metaphysischer Fragen nur von sehr bedingter Relevanz. Zweitens sei bereits das komplexe Vokabular der privaten, die „self-creation” betreffende Philosophie denkbar ungeeignet, um für demokratische Politik anwendbar zu sein:
„[...] I see politics, at least in democratic countries, as something to be conducted in as plain, blunt, public, easy-to-handle language as possible. I see the enemies of human happiness as just greed, sloth and hypocrisy, and I don’t see the need for philosophical depth charges in dealing with such surface enemies.” (Rorty 1996b: 45)
In konkretem Bezug zu Derridas Versuchen, eine Metaphysik der Präsenz zu skizzieren und zu dekonstruieren, merkt Rorty an:
„Politics [...] is a matter of pragmatic, short-term reforms and compromises - compromises which must, in a democratic society, be proposed and defended in terms much less esoteric than those in which we overcome the metaphysics of presence.” (Rorty 1996a: 17)
Nach Rorty muß eine akademische Linke also theoretische Ansätze entwickeln, die sich in einer möglichst einfachen Sprache der konkreten Problemen und der konkret notwendigen Reformen annehmen. Ein öffentlicher, (links-)liberaler theoretischer Diskurs muß sich daran orientieren, daß emanzipatorische Politik innerhalb einer Demokratie nicht die Aufgabe hat, philosophische Fragen nach der Konstitution des menschlichen Selbst oder nach den Bedingungen von Wahrheit zu lösen, [4] sondern Schritt um Schritt Möglichkeiten der Reduktion von Grausamkeit und der Gewährleistung sozialer Gerechtigkeit auszuloten (z.B. Rorty 1989: 65). [5] Dies kann der Diskurs der Dekonstruktion Rorty zufolge nicht leisten.


II.

Die Frage der politischen Relevanz der Dekonstruktion stellt sich natürlich insbesondere der politischen Theorie. Die Spannung zwischen der theoretischen Potenz der Dekonstruktion in ihrer Auseinandersetzung mit der westlichen, metaphysischen Philosophietradition einerseits und den politisch-pragmatischen Einwänden Rortys andererseits treffen das Konzept der politischen Theorie in ihrem Mark - genau zwischen den beiden Bestandteilen ihres Namens.
Meine These ist, daß die Dekonstruktion einerseits durchaus den Blick auf Prozesse der alltäglichen Politik schärfen kann und somit einen bedeutenden Beitrag zur politischen Theorie zu leisten vermag. Andererseits muß die Einsetzbarkeit der Dekonstruktion genau geprüft werden und eventuelle Grenzen anerkannt werden. Jenseits dieser Grenzen ist ein Rückgriff auf Rortys pragmatische Politikkritik, orientiert am praktischen Schritt-für-Schritt, vermutlich unumgänglich - doch aufbauend auf eine dekonstruktivistische Analyse kann die Auseinandersetzung mit Hierarchien und Machtverhältnissen innerhalb einer pragmatischen Politikkritik artikulierter vertreten werden als Rorty, der eben nicht nur Pragmatist, sondern auch amerikanischer Liberaler ist, dies tut.
Richard Rorty mag zwar berechtigte Zweifel daran haben, daß eine Dekonstruktion der Metaphysik der Präsenz direkten Einfluß auf die politische Praxis hat. Dennoch übersieht er, daß die Dekonstruktion zur kritischen Betrachtung textueller Diskurse ein mächtiges Instrument darstellt. Da es sich bei heutigen spezifischen staatstheoretischen Diskursen (Diskurse zur Rechtsstaatlichkeit, zur Sozialstaatlichkeit, zur Außenpolitik, etc.) stets um textuelle Diskurse handelt, kann der Dekonstruktion nicht schlichtweg jede politische Relevanz abgesprochen werden, ohne daß ihre Eignung getestet wird.
Im folgenden soll also der Frage nachgegangen werden, ob die politische Theorie von der Dekonstruktion ebenso anregende Impulse erfahren kann wie bislang beispielsweise Literaturtheorie und Philosophie. Und wenn ja, wie müßte eine solche politische Theorie beschaffen sein?
Zwei Formen erscheinen denkbar: Erstens läßt sich die Dekonstruktion als Element einer politischen Philosophie im weiteren Sinne der Ideengeschichte denken. Die Dekonstruktion wird z.B. in die für die Reflexion über das Politische unentbehrlichen Frage der Ethik eingeführt. In diesem Zusammenhang ist Derridas Rezeption der Schriften Emmanuel Lévinas’ in den Vordergrund gerückt worden (Critchley: 1992). An anderer Stelle wurde in Derridas Beschäftigung mit der Aporie der Zeit (und deren Irreduzibilität) die Basis für den - unmöglichen - Zugang der Dekonstruktion zum Politischen gesehen (Beardsworth: 1996). [6] Es ist vor allem diese Form der Einbindung der Dekonstruktion in die politische Theorie, die emanzipatorisch orientierte Pragmatisten wie Richard Rorty am Nutzen der Dekonstruktion für die theoretische Kritik der praktischen Politik zweifeln läßt.
Innerhalb der politischen Theorie ist jedoch ein weiteres Feld für den Einsatz dekonstruktivistisches Vorgehen denkbar: die kritische Analyse von theoretischen Diskursen, die das ideologische Fundament der Tagespolitik bilden. Natürlich begibt man sich mit einem solchen Einsatz in die Nähe der kritischen Theorie wie auch der Ideologiekritik - eine Nähe, die Rorty wiederum kritisiert (Rorty 1996b: 45). Und doch irrt Rorty, wenn er dekonstruktives Vorgehen mit Ideologiekritik gleichsetzt. Zwar geht es beiden um die Entfremdung und Denaturalisierung dominanter textueller Strukturen, doch versucht die Dekonstruktion nicht - im Gegensatz zu manch ideologiekritischem Ansatz - alternative positive Ordnungen aufzustellen. [7] Wenn also Rorty die Forderung nach „No more metaphysics, no more unmasking” (Rorty 1996a: 14) aufstellt, so skizziert er einen Zusammenhang zwischen der Entfremdung dominanter Strukturen - dem „unmasking” - und der erneuten Errichtung einer alternativen Metaphysik. Dieser Zusammenhang ist kein notwendiger: „[...] Dekonstruktion [ist] keine Theorie [...], die Sinn definiert, um Anweisungen zu geben, wie man ihn findet. Als kritische Aufhebung der hierarchischen Gegensätze, von denen Theorien abhängen, weist sie die Schwierigkeiten jeder Theorie auf, die Sinn eindeutig definieren möchte” (Culler 1988 [1982]: 146). Die Dekonstruktion ist also mit der Erschütterung des Absoluten, des Unhinterfragten, der Metaphysik zufrieden - mehr, also die Erstellung eines „besseren” positiven Absoluten, kann und will sie nicht leisten. Für eine solche Erschütterung jedoch stellt sie ein hervorragendes Instrument dar, ein Instrument, das auch von der politischen Theorie im Rahmen einer politischen Diskursanalyse genutzt werden kann. Denn, wie auch Rorty selbst feststellt: „[M]etaphysics is woven into the public rhetoric of modern liberal societies.” (Rorty 1989: 82)
Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, um die Dekonstruktion erfolgreich bei der Analyse politischer Diskurse anwenden zu können? Wie könnte man vorgehen? Und welche Bedeutung kann der Einsatz der Dekonstruktion haben?
Erstens muß der zu analysierende Diskurs verschiedenen Anforderungen gerecht werden. Die Dekonstruktion benötigt Texte, am geeignetsten sind schriftlich fixierte Texte. Ein vornehmlich mündlich geführter Diskurs ist mangels Material nicht dekonstruierbar. Weiterhin muß es sich um einen Diskurs handeln, dessen Positionen eine gewisse Beständigkeit auszeichnet, der also eine gefestigte Struktur besitzt. Diese Struktur muß darüber hinaus hinreichend komplex sein, das heißt, sie muß über genügend polare Bausteine sowie damit über genügend Begriffshierarchien und Ränder verfügen, von denen aus die Dekonstruktion arbeiten kann. Eine schlichte politische Aussage, die nicht in einen komplexen Begründungs- oder Ablehnungsdiskurs eingebunden ist - etwa „Halter von Hunden müssen Hundesteuer zahlen, um für die Kosten der Straßenreinigung aufzukommen.” - läßt sich nicht dekonstruieren. Schließlich ist es arbeitstechnisch und im Hinblick auf die Ergebnisorientierung sinnvoll, als Untersuchungsgegenstand einen spezifischen Diskurs zu wählen und nicht den politischen Diskurs schlechthin. Am geeignetsten für eine dekonstruktive Analyse erscheinen mir somit jene Diskurse, die die Politik wissenschaftlich begleiten und fundieren, also etwa theoretische Diskurse über Systeme der sozialen Sicherung, über die Gestaltung und Reichweite der Grundrechte, über makroökonomische Richtungsentscheidungen, über die Gestaltung demokratischer Mitbestimmungsrechte, etc.
Zweitens muß der jeweilige politisch-theoretische Diskurs sich plausibel ab- und eingrenzen lassen. Die Abgrenzung wird dem Vorwurf der Willkürlichkeit wohl nie vollständig entkommen können, doch sollten mindestens zwei Plausibilitätskriterien gelten: Einerseits muß hierbei der Blick auf die politischen Entscheidungsträger gewahrt werden. Bestenfalls ist bekannt, welche Positionen/Autoren/Schriften des politisch-theoretischen Diskurses tragende Bedeutung für das Denken und Handeln des politisch maßgeblichen Führungspersonals haben. Diese Positionen/Autoren/Werke müssen berücksichtigt werden. Zum Beispiel ist die Bedeutung des ordoliberalen Denkens und der katholischen Soziallehre für das Sozialstaatsdenken der CDU bekannt (vgl. z.B. Neumann/Schaper 1998: 52); auch ist z.B. von Helmut Kohl bekannt, daß er sich in sozialpolitischen Dingen gerne vom katholischen Sozialtheoretiker Oswald Nell-Breuning beraten ließ. Andererseits müssen - insbesondere in Demokratien - die (Erst-)Multiplikatoren des jeweiligen politisch-theoretischen Diskurses bedacht werden: Dies sind die verbreitetsten Hand- und Lehrbücher der relevanten Disziplinen. Der innerwissenschaftliche Diskurs, der direkt weder politische Entscheidungsträger beeinflußt noch sich dominant in multiplikatorischen Schriften wiederfindet, kann selektiv miteinbezogen werden.
Drittens muß der Diskurs eine erkennbare Struktur bergen, an der die Dekonstruktion ansetzen kann, d.h. eine Struktur, die sich als ein Geflecht bipolarer, hierarchisierter Begriffspaare (binärer Oppositionen) darstellen läßt. Hierbei ist allerdings ein Unterschied zur literarischen oder zur philosophischen Dekonstruktion von hoher Bedeutung: Die Struktur eines geeigneten politischen Diskurses läßt sich zwar als Geflecht binärer Oppositionen darstellen. Allerdings wird die Hierarchisierung der Teilbegriffe der binären Oppositionen je nach Position innerhalb des Diskurses unterschiedlich sein. Eine der binären Oppositionen des bundesdeutschen sozialstaatstheoretischen Diskurses ist beispielsweise diejenige zwischen Subsidiarität und Solidarität, wobei insbesondere die katholische Soziallehre (aber auch der Ordoliberalismus) die Subsidiarität, gewerkschaftlich-sozialistisches bzw. emanzipatorisches Sozialstaatsdenken hingegen die Solidarität privilegiert.
Mit diesem „Problem unklarer Hierarchien” geht eine vierte Voraussetzung für die Einsetzbarkeit der Dekonstruktion innerhalb der Analyse politischer Diskurse einher: Es muß sich eine dominante Position innerhalb des untersuchten Diskurses herausarbeiten lassen, die dann den eigentlichen Gegenstand der dekonstruktiven Analyse bildet. Sich dem dominanten Netz von konzeptionellen Hierarchisierungen zuzuwenden, ist einerseits sinnvoll, weil es dominante Konzeptionen sind, die schließlich maßgeblichen Einfluß auf die politische Anwendung gewinnen bzw. bereits gewonnen haben. Wiederum mit Blick auf den bundesdeutschen sozialstaatstheoretischen Diskurs ließe sich spätestens mit den beginnenden 1980er Jahren diejenige Position als dominant charakterisieren, die den Sozialstaat an seinen Grenzen angekommen sieht und für seine Beschneidung eintritt. [8] Es mag sein, daß sich dies nach der Wahl vom 27. September 1998 ändert - wahrscheinlich ist es nicht.
Nachdem nun also ein schriftlich fixierter, spezifischer politisch-theoretischer Diskurs in einem plausiblen Rahmen abgegrenzt ist sowie seine Struktur und die dominante Position innerhalb der Struktur herausgearbeitet sind, steht einem Einsatz der Dekonstruktion in der politischen Theorie in Form einer Analyse politischer Diskurse nichts mehr im Wege. Auch hier bleibt es dabei: „Die Dekonstruktion hat notwendigerweise von innen her zu operieren, sich aller subversiven, strategischen und ökonomischen Mittel der alten Struktur zu bedienen, [...]” (Derrida 1996 [1967]: 45). Die Folge wird die Destabilisierung, die Erschütterung der dominanten Struktur sein, die die Dekonstruktion zunächst spielerisch wendet - ohne die Wendung freilich letztlich aufrechtzuerhalten: Somit wird letztlich die Unentscheidbarkeit der Struktur des politischen Diskurses deutlich. [9] Die Dekonstruktion muß also „[...] durch eine doppelte Geste, eine doppelte Wissenschaft, eine doppelte Schreibweise eine Umkehrung des klassischen Gegensatzes und eine generelle Deplazierung des Systems praktizieren.” (Derrida 1988 [1972]: 154)
Es bleibt die Frage, ob durch dekonstruktives Vorgehen grundsätzlich jede Position innerhalb eines politischen Diskurses erschütterbar ist, ob die Dekonstruktion somit - kritisch betrachtet - eine Methode der Beliebigkeit darstellt. Zunächst ist schon festgehalten worden, daß der Gegenstand der Dekonstruktion stets die dominante Position eines Diskurses ist, eben aus dem Grund, daß sie die dominante und damit einflußreiche Position ist. So geht es denn Derrida auch um die dominante Position des westlichen Denkens, die Metaphysik der Präsenz der Philosophie. Die Dekonstruktion muß zwangsläufig die dominante Position erschüttern und damit gleichzeitig die dominierte Position stärken, will sie auf die Unentscheidbarkeit metaphysischer Positionen aufmerksam machen.
Dies bedeutet gleichzeitig, daß die Dekonstruktion, solange es in politischen Diskursen schwache und starke Positionen geben wird, kohärent - durch die Erschütterung der starken Position - stets nur zur Stärkung der schwächeren Position eingesetzt werden kann. Die Dekonstruktion ist somit keine beliebig einsetzbare Methodik, sondern schlägt sich auf die Seite des „Anderen”, des Nicht-Dominanten, des Schwachen. Die Dekonstruktion ist eine Methodik des emanzipatorischen Denkens. Nur weil sie stets den Anderen denkt, ist es Derrida möglich, von der Dekonstruktion sagen, sie sei die Gerechtigkeit (Derrida 1996a: 30).


III.

Innerhalb einer kritischen Auseinandersetzung mit politischen Diskursen kann also Dekonstruktion einen ersten Schritt darstellen: die Erschütterung von im Zuge einer Naturalisierung selbstverständlich gewordenen - „universal gültigen” - dominanten Positionen. Im Gegensatz zur Ideologiekritik kann und will die Dekonstruktion keine verpflichtend gültige, „bessere” Alternative offerieren.
Daher kann ein zweiter Schritt, die Erarbeitung von Alternativen sowie u.U. die argumentative Stärkung der dominierten Position des politischen Diskurses, nicht länger dekonstruktivistisch arbeiten. Hierfür scheint ein pragmatisches, schrittweises, an der Tagespraxis der Politik orientiertes Vorgehen, wie es Richard Rorty vorschwebt, geeigneter. Ein pragmatisches Vorgehen kann im Anschluß an die Dekonstruktion wiederum nur emanzipatorische Ziele vor Augen haben. [10] Deutlicher als Rortys liberaler Pragmatismus kann sich ein an eine dekonstruktive Betrachtung der zentralen politisch-theoretischen Diskurse anschließender politischer Pragmatismus den Blick für die realen Machtverhältnisse, also die dominante wie die dominierte Seite des Diskurses, bewahren. Gleichzeitig sieht sich ein pragmatisches Vorgehen zugunsten der dominierten Position nicht mehr länger jenem zermürbenden Rechtfertigungsdruck ausgesetzt, dem stets Positionen ausgesetzt sind, welche außerhalb der „universal besten Ordnung” operieren. Die Dekonstruktion kann also einer emanzipatorisch-pragmatischen Position außerhalb des „Common Sense” zur Gleichheit der Waffen verhelfen.
Abschließend bleiben zwei Folgen einer Zusammenarbeit von Dekonstruktion und Pragmatismus innerhalb der politischen Theorie im Sinne Analyse politischer Diskurse festzuhalten: Erstens ist ein Pragmatismus Rortyscher Provenienz gezwungen, seine unerbittliche Trennlinie zwischen öffentlichen und privaten Denkern aufzubrechen. Jede (tages-)politische Debatte und damit jede politische Entscheidung in Demokratien baut auf speziellen theoretischen Diskursen auf. Für deren Analyse sind das Denken und die Methode des „privaten” Denkers Jacques Derrida durchaus von Vorteil. Auch scheint sein Vokabular durch aus angebracht. Zweitens aber müssen all jene, die in der Dekonstruktion eine Meta- oder Supertheorie sehen (z.B.: Marius & Jahraus: 1997), anerkennen, daß es bestimmte Kriterien für ein dekonstruktives Vorgehen gibt. Sind diese nicht gegeben, gerät die Dekonstruktion an ihre Grenzen. Nicht zuletzt ist auch für Derrida völlig klar, daß bestimmte Bereiche nicht dekonstruierbar sind (z.B. die Gerechtigkeit, vgl. Derrida 1996a). Wenn die politische Theorie einerseits sich die Analyse politischer Diskurse erneut zum Gegenstand macht und andererseits - im besten Sinne postmodern - die Hybridität einer Vermischung theoretischer Ansätze nicht scheut, kann sie aus beiden Denkungsarten, Pragmatismus und Dekonstruktion, ein machtvolles Instrument zur Analyse und zur Kritik politischer Diskurse schaffen.



Literatur:

Barthes, Roland (1977): Image Music Text . Essays selected and translated by Stephen Heath. London: Fontana Press.
Beardsworth, Richard (1996): Derrida & the Political . London/New York: Routledge.
Critchley, Simon (1992): The Ethics of Deconstruction: Derrida and Levinas . Oxford: Blackwell.
Culler, Jonathan (1988 [1982]): Dekonstruktion. Derrida und die poststrukturalistische Literaturtheorie. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1988.
Derrida, Jacques (1977): „Limited Inc.”; in: Glyph 2 (1977). S. 162-254.
Derrida, Jacques (1988 [1972]): Randgänge der Philosophie . 1., vollst. dt. Ausgabe. Wien: Passagen.
Derrida, Jacques (1996 [1967]): Grammatologie. 6. Auflage. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Derrida, Jacques (1996a): Gesetzeskraft. Der „mystische Grund der Autorität” . Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Derrida, Jacques (1996b): „Remarks on Deconstruction and Pragmatism”; in: Mouffe, Chantal: Deconstruction and Pragmatism . London: Routledge. S. 77-88.
Dewey, John (1966 [1916]): Democracy and Education . New York: The Free Press, 1966.
Eagleton, Terry (1996): The Illusions of Postmodernism . Oxford: Blackwell.
Guillory, John (1993): Cultural Capital . Chicago & London: Chicago University Press.
James, William (1994[1907]): Der Pragmatismus. Ein neuer Name für alte Denkmethoden . 2. Auflage. Hamburg: Meiner Verlag.
Lyotard, Jean-François (1994 [1979]): Das postmoderne Wissen . 3. Auflage. Wien: Passagen.
Marius, Benjamin & Oliver Jahraus (1997): Systemtheorie und Dekonstruktion. Die Supertheorien Niklas Luhmanns und Jacques Derridas im Vergleich . Siegen: LUMIS.
Neumann, Lothar F. und Klaus Schaper (1998): Die Sozialordnung der Bundesrepublik Deutschland . 4., überarbeitete und aktualisierte Auflage. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.
Offe, Claus (1990): „Akzeptanz und Legitimität strategischer Optionen in der Sozialpolitik”; in: Sachße, Christoph / Engelhardt, H. Tristam (Hgg.): Sicherheit und Freiheit. Zur Ethik des Wohlfahrtsstaats . Frankfurt/M.: Suhrkamp. S. 179-202.
Rorty, Richard (1989): Contingency, Irony, and Solidarity . Cambridge: Cambridge University Press.
Rorty, Richard (1996a): „Remarks on Deconstruction and Pragmatism”; in: Mouffe, Chantal: Deconstruction and Pragmatism . London: Routledge. S. 13-18.
Rorty, Richard (1996b): „Response to Simon Critchley”; in: Mouffe, Chantal: Deconstruction and Pragmatism . London: Routledge. S. 41-46.
Rorty, Richard (1998): Achieving Our Country. Leftist Though in Twentieth-Century America . Cambridge (Mass.)/London: Harvard University Press.
Searle, John (1977): „Reiterating the Differences: A Reply to Derrida”; in: Glyph 1. S. 198-208.
Zima, Peter V. (1994): Die Dekonstruktion . Einführung und Kritik . Tübingen und Basel: Francke.




[1] Beispielhaft sei nur die sprachwissenschaftliche Kontroverse zwischen Derrida (1988 [1972]: 291-314; 1977) und John Searle (1977) um die Dekonstruktion Austin’scher Schriften genannt.
[2] Zu späterem Zeitpunkt gesteht Rorty ein, daß ihm seine Einteilung von Derridas Schriften in ein Spät- und ein Frühwerk nicht länger sinnvoll erscheint (Rorty 1996b: 41).
[3] Rorty ist nicht der einzige, der auf die Gefahr hinwies, daß die amerikanische Linke insbesondere in den 1980ern den Anschein erweckte, nach einem verlorenen Kampf um die allgemeine Politik sich in die letzte Bastion einer sehr akademisch ausgerichteten Kulturpolitik zu flüchten. Mit Blick auf den Streit um die Repräsentation von Frauen und Minderheiten in den geisteswissenschaftlichen College-Curricula wies z.B. auch John Guillory darauf hin, daß „in response to an increasingly hostile climate of opinion, it would seem that the political culture of liberalism has established a last redoubt in the university [... This led to a] development of a political critique of ,representation’ in contexts other than those formerly conceived as political” (Guillory 1993: 4f.).
[4] „[D]emocracy takes precedence over philosophy.” (Rorty 1991: 192)
[5] Es ist von verschiedenen Seiten darauf hingewiesen worden, daß Rortys Rekurs auf Gerechtigkeit und auf die Vermeidung von Grausamkeit bei gleichzeitiger Ablehnung allgemeingültiger ethischer Fundamente problematisch ist (vgl. Critchley 1996: 26).
[6] Richard Beardsworths Perspektive von „Derrida & the political” scheint jedoch einseitig auf den Zeitaspekt verkürzt. So spielen in seiner Untersuchung Derridas Überlegungen zur Irreduzibilität der Gerechtigkeit (Derrida 1996a: 15ff.) und auch politische Stellungnahmen Derridas, der sich selbst klar als ein „man of the political left” bezeichnet, keine Rolle (Derrida 1996b: 85).
Insofern liegt Beardsworth richtig, wenn er sich selbst tendenziell auf der Seite eines „,right wing’ ,Derrideanism’” einordnet (Beardsworth 1996: 156), übersieht er doch bei seiner philosophischen Fixierung auf die temporale Aporie wesentliche Momente der politischen Stoßrichtung der Dekomstruktion. Diese emanzipatorische Stoßrichtung wird von Beardsworth nicht thematisiert.
[7] Peter Zima stellt denn auch als einen der grundlegenden Unterschiede zwischen kritischer Theorie und Dekonstruktion „die Ablehnung des als metaphysich apostrophierten Wahrheitsbegriffs, die allen Dekonstruktivisten gemeinsam ist,” fest. Nach Zima hindere in den Augen der kritische Theorie die Ablehnung eines positiven Wahrheitsbegriffs die Dekonstruktion daran, ihr gesellschaftskritisches Potential zu entfalten (Zima 1994: 226). Genau dieses gilt es zu untersuchen.
[8] Als Beleg hierfür mag beispielsweise Claus Offes Analyse der „vier politisch-ideologischen Stoßrichtungen” (Offe 1990: 187) in der Sozialpolitik gelten. Offe kommt zu dem Ergebnis, daß seit 1974 die sozialstaatseingrenzenden Strategien Privatisierung und Ausgrenzung „sowohl auf der Ebene der tatsächlich implementierten Strategien wie auf der Ebene wissenschaftlicher und politischer Ebene” (ebd.: 195) häufiger angewendet wurden als die sozialstaatsexpansiven Strategien Garantismus und Inklusion.
[9] Etwa so, wie Derrida lustvoll mit dem Begriff der „Schrift” spielt, ihn einmal für die „vulgäre Schrift”, dann für die „Urschrift” und wiederholt für „Sprache” einsetzend, und so die Hierarchie Sprache-Schrift unterminierend. Die jeweilige Bezeichnung wählt Derrida immer auch „aus strategischen Gründen” (v.a. Derrida 1996 [1967]; Zit. 169).
[10] In diesem Sinne ist die Nähe zu den politischen Vorstellungen Rortys also durchaus gegeben.
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