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Literatur als Erfahrung, Wissenschaft als Diskurs? – Verbindungen zwischen postmoderner „Condition d’esprit” und empirischer Literaturarbeit.

Martin Sexl



Seit zweieinhalb Jahren arbeite ich als Universitätsassistent für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Innsbruck. In meiner Dissertation, aber auch in meiner Forschung insgesamt, finden sich zwei Schwerpunkte, zwei unterschiedliche Diskursfelder, die mich schon über längere Zeit prägen:
– ein, wenn ich das so nennen darf, ‘theoretisch-diskursiver’: In diesem ‘Interessensstrang’ beschäftigte ich mich bereits während meines Studiums mit den Texten der Postmoderne [1] oder der Dekonstruktion von Jean-François Lyotard, Jacques Derrida oder den PoststrukturalistInnen (darunter subsumiere ich beispielsweise Michel Foucault, Jacques Lacan, die écriture féminine oder auch Roland Barthes), mit Erkenntnistheorie, mit Literaturtheorie des 20. Jahrhunderts, mit Ludwig Wittgenstein und anderen sprachphilosophischen Positionen etc.
– Der zweite Strang ist praktisch, empirischer; d.h. es interessiert mich, wie literarische Texte in ganz konkreten Zusammenhängen und unter ganz bestimmten Bedingungen eingesetzt und verwendet werden können, wie sie wirken, was sie bewirken usw. (Möglicherweise hat das mit meiner Vergangenheit als Buchhändler, wo ich Bücher auch nach sehr pragmatischen Kriterien beurteilen und einschätzen lernte, zu tun.)
Zwischen diesen beiden Bereichen besteht scheinbar keine Verbindung. Und ich selbst sah auch sehr lange keine Verbindung, fühlte mich gewissermaßen in meinen Interessen zweigeteilt. In meinem Habilitationsprojekt versuche ich, diese beiden ‘Erkenntnisstränge’ – wenn ich das so nennen darf – zu verbinden. Erlauben Sie mir, kurz davon zu erzählen:
Seit eineinhalb Jahren treffe ich mich einmal im Monat mit einer Gruppe von sechs Krankenschwestern. Das erste Jahr haben diese sechs Krankenschwestern im freien Gespräch über konkrete Probleme in ihrer Berufswelt reflektiert, wobei ich diese Gespräche nur wenig moderiert habe. Diese Gespräche wurden von mir auf Tonband aufgenommen und transkribiert. Den daraus entstandenen Text las ich sehr oft durch, interpretierte ihn gewissermaßen, versuchte, zwischen den Zeilen zu lesen: Bei welchen Themen weichen die Krankenschwestern aus? Auf welche Probleme kommen sie immer wieder zurück? Welche Begriffe verwenden sie dabei? Warum gibt es bei bestimmten Themen Brüche und Diskontinuitäten? etc. etc. Die transkribierten Gespräche wurden von mir dahingehend kommentiert, und vor dem darauffolgenden Treffen verschickte ich die Transkriptionen zusammen mit den Kommentaren an die Teilnehmerinnen. Das diente uns dann als Anknüpfungspunkt für die weiteren Abende.
Einer der wichtigsten und sensibelsten Punkte in diesen Gesprächen war die Problematik des Erfahrungswissens, das sehr schwer in Worte zu bringen ist (und sich häufig in dem Satz „Ich hatte das Gefühl, daß” artikulierte). [2] Eines der drängendsten Probleme ist die Sprachlosigkeit der Krankenschwestern (die sich vor allem in den Konflikten zwischen Pflegepersonal und Ärzteschaft, aber auch im Umgang mit PatientInnen schmerzlich bemerkbar macht) gegenüber ihrem eigenen Erfahrungswissen, was sich unter anderem in dem Wunsch artikulierte, eine Sprache für dieses Erfahrungswissen, für das intuitive Handeln zu entwickeln. Vor Beginn dieser Arbeit trug ich schon längere Zeit die Vermutung mit mir herum, daß die Sprache der Kunst, in meinem Falle vor allem die literarische Sprache, sehr viel eher geeignet ist, eine Sprache für das ‘unsagbare Erfahrungswissen’ zu sein, als eine rationale, wissenschaftliche Sprache. Dieser Vermutung wollte und will ich auch empirisch auf den Grund gehen.
Im Laufe dieses ersten Jahres der Reflexion wählte ich bereits literarische Texte aus, die mir als Ausgangspunkt passend erschienen, einige Probleme genauer zu reflektieren, beispielsweise Antigone von Sophokles oder Der Tod des Iwan Iljitsch von Tolstoi. Nach einem Jahr Reflexionsarbeit begannen wir, diese Texte gemeinsam zu lesen, über sie zu sprechen, Theateraufführungen anzuschauen usw. In diesem Stadium befindet sich im Augenblick diese Arbeit.
Warum gerade diese beiden Texte? In der Tragödie Antigone stehen sich zwei Personen gegenüber – Kreon und Antigone –, die beide gewissermaßen ein unterschiedliches Gesetz vertreten (bzw. von diesem determiniert werden): Kreon den Staat und Antigone ein göttliches Gesetz (in dem sie ihren Bruder Polyneikes begraben ‘muß’). Der Widerstreit zwischen diesen sich auschließenden Positionen (der auch keine Lösung findet) hat Parallelen zur Situation in Kliniken, in denen das Gesetz des Systems (des ‘Staates’) häufig bestimmten moralischen Prinzipien zuwiderläuft: So bleibt beispielsweise in der gedrängten Zeitstruktur des Krankenhauses selten jene Zeit für sterbende PatientInnen, welche laut Pflegepersonal für ein menschenwürdiges Sterben notwendig wäre.
Dieser Text von Sophokles bot auch einen Ausgangspunkt, um die Problematik des Widerstreits zwischen einem System und den in diesem System handelnden Individuen anzuschneiden. Es hat sich im Laufe der Diskussion über Antigone allerdings gezeigt, daß die Übernahme der Dichotomie von „System ist gleich negativ” (Kreon) und „Individuum ist gleich positiv” (Antigone) viel zu kurz gegriffen ist, trotzdem eine solche Opposition – wenngleich eine vorschnelle Schubladisierung – perfekt in postmodernes Denken passen würde (auch wenn sich diese gegen binäre Dichotomisierungen ausspricht). Diese Dichotomie greift aus zwei Gründen zu kurz: Erstens braucht es das System zur Aufrechterhaltung des sozialen Zusammenlebens (sowohl bei Kreon, d.h. in der griechischen Polis, wie auch in Krankenhäusern), und zweitens ist Antigone weit davon entfernt, aus individuellem Entschluß zu handeln (auch wenn es so scheint): Ihr Handeln ist auch von einem Gesetz, einem göttlichen Gesetz, determiniert, und dem folgt sie ebenso stur – wenn nicht noch unerbittlicher – wie Kreon dem Gesetz des Staates.
Der Tod des Iwan Iljitsch von Tolstoi läßt ein anderes Thema anklingen, das im Arbeitsalltag des Pflegpersonals ständig präsent ist: das Sterben und vor allem die Frage nach dem Sinn von Krankheit, Tod und Leben.
Literarische Texte sind dabei nicht Abbild einer bestehenden Wirklichkeit und auch nicht so sehr Entwurf einer möglichen Welt, sondern vielmehr ein Ausgangspunkt für Reflexion und Veränderung der eigenen Welten, der gerade und nur durch seine Anschaulichkeit (ich erinnere an Goethes „lebendige Anschauung”) zu einem solchen Ausgangspunkt werden kann.
Wahrscheinlich werden Sie sich jetzt fragen, was ich mit dieser Arbeit auf einer Tagung über „Postmoderne Diskurse zwischen Sprache und Macht” verloren habe. Diese Form von empirischer Arbeit steht zwar in der Tradition der Oral History , einer Geschichte von unten oder einer Tradition mündlichen Erzählens ; und diese Arbeit steht auch ebenso in einer Tradition, die dem subjektiven und persönlichen Zugang mehr vertraut als der objektiven Beobachtung von außen, allerdings bleibt die Frage offen, was daran postmodern sei, oder welche Erkenntnisse ich daraus im Zusammenhang mit postmodernen oder poststrukturalistischen Theorien ziehen kann.
Habe ich nicht einfach das Problem des Zugangs zur Realität verschoben, nicht aber die Realität selbst? Habe ich nicht einfach – ganz im Sinne einer modernen Tradition – eingestanden, daß es ein Problem der Authentizität von Quellen oder der Wahrheit von Aussagen oder Beobachtungen gibt, das man berücksichtigen müsse? Sitze ich einfach dem wissenschaftlichen Mainstream auf, der alten Wein in neue Schläuche füllt, allem das Etikett „postmodern” umhängt, um werbewirksamer agieren zu können? [3]

Um auf diese Fragen genauer einzugehen, muß ich etwas weiter ausholen und den erkenntnistheoretischen Hintergrund schildern, der mich zu dieser Reflexions- und Lesegruppe führte: Mitte der 80er-Jahre besuchte ich einen Vortrag der schwedischen Sprachwissenschaftlerin Ingela Josefson, die in dieser Zeit mit einer Gruppe von Pflegepersonal arbeitete. [4] Der Ausgangspunkt ihrer Arbeit waren Konflikte in Kliniken: In den 70er-Jahren fühlten sich die schwedischen Ärzte in den Krankenhäusern seitens des Pflegepersonals zu wenig unterstützt, da die PflegerInnen ihr Wissen, ihr know-how nicht formulieren konnten. Die Ärzte führten dies auf eine zu mangelhafte Ausbildung des Pflegepersonals zurück und forderte eine bessere Ausbildung. Die Ärztekammer setzte sich mit dieser Forderung auch durch, und in den 70er-Jahren wurde die Pflegeausbildung in Schweden in ein dreijähriges Hochschulstudium umgewandelt. Allerdings wurden die Konflikte zwischen Pflegepersonal und Ärzteschaft damit keinswegs entschärft, weil man mit der Umwandlung der Ausbildung in ein Hochschulstudium am eigentlichen Problem vorbeiging: Josefson entdeckte nämlich, daß die Schwierigkeiten des Pflegepersonals in der Formulierung und (diskursiven) Vermittlung ihres Erfahrungswissens nicht aus einer mangelhaften (sprachlichen) Ausbildung resultierten, sondern in der Unmöglichkeit verankert waren, wesentliche Teile dieses Erfahrungswissens in einer rationalen Sprache auszudrücken. Unterstützung für diese Beobachtung fand Ingela Josefson dann in der Philosophie Ludwig Wittgensteins und in den wissenschaftstheoretischen Texten des ungarischen Arztes und Erkenntnistheoretikers Michael Polanyi. [5]
Das Erfahrungswissen steht immer in Zusammenhang mit und dadurch in Abhängigkeit von einer handelnden Person, ist somit subjektiv (nicht im Sinne von willkürlich) und tritt immer in einer ganz konkreten Situation auf, von deren Kontext es nicht ablösbar ist. Es bleibt daher ein besonderes, zeitgebundenes, uniques und lokales Wissen, das nicht verallgemeinerbar ist. Gleichzeitig ist es ein körperliches Wissen, da es mit allen Sinneswahrnehmungen unmittelbar verknüpft ist. Menschen sind fähig, in sehr kurzer Zeit hochkomplexe Situationen zu erfassen, alle daran beteiligten Einzelheiten (clues) als Gestalt wahrzunehmen – wobei eine sehr große Anzahl von Randinformationen unterschwellig wahrgenommen werden – und ohne Nachdenken eine adäquate Handlung auszuführen. Diese Fähigkeit ist nicht nur bei der Ausübung manueller Tätigkeiten beobachtbar, sondern in allen sensomotorischen und kognitiven Bereichen menschlicher Tätigkeit: Wie schmeckt Kaffee? Wie klingt eine Klarinette? Wie spiele ich Klarinette? Wie lerne ich, Klarinette zu spielen? Wie verlege ich einen Fußboden? Wie fahre ich mit dem Fahrrad eine Kurve? Wie spreche ich mit islamischen Fundamentalisten? Wie pflege ich einen Krebskranken? Was haben Menschen im zweiten Weltkrieg erlebt und was hat das für sie bedeutet? Wie interpretiere ich Gedichte? All das inkludiert Erfahrungswissen, und all diese Fragen könnte man auch in der ‘großen aristotelischen Frage’ gipfeln lassen: Wie führe ich ein gutes Leben?
Die große Anzahl der an Handlungen und Erkenntnisakten beteiligten einzelnen Faktoren, die Gebundenheit dieses Erfahrungswissens an einen Körper und an Sinneswahrnehmungen sowie die Gebundenheit an und die Vertrautheit mit Personen und Situationen (Ingela Josefson nennt das Erfahrungswissen auch Vertrautheitswissen und das explizite Wissen Aussagewissen) sind die Gründe für die Schwierigkeiten, dieses Wissen in eine rationale und verallgemeinerbare Sprache zu transformieren.
Wissenschaftliches Wissen hingegen richtet – im Sinne eines postmodernen Paradigmenwechsels sollte man vielleicht sagen: „richtete lange Zeit” – sein Augenmerk auf das Allgemeine und Geregelte, versucht, personen- und situationenunabhängig, universell und zeitlos gültig zu sein und fordert die Explizitmachung und Überprüfbarkeit aller Faktoren, die in Erkenntnis- oder Handlungsakten eine Rolle spielen.
Die Sprache für dieses wissenschaftliche Aussagewissen richtet sein Augenmerk auf den Begriff, auf das Sagen, während das Erfahrungswissen un sagbar bleiben muß. Das Erfahrungswissen benötigt andere sprachliche Zugänge. Es zeigt sich vielmehr in der Alltagssprache, in der mündlichen Kommunikation (in der man die Gestik und Mimik eines Sprechers wahrnehmen kann), es zeigt sich im metaphorischen Sprachgebrauch, der über Bilder dasjenige zu zeigen versucht, das nicht zu bezeichnen ist. [6] Und ebenso finden wir in literarischen Geschichten eine Form von Erfahrungswissen, die uns dort über konkrete Beispiele vermittelt wird, über konkrete Menschen in konkreten Situationen. Literarische Texte geben uns keine Regeln vor, bieten uns keine generellen Wahrheiten oder Informationen, sondern kontextgebundenes Wissen, das nicht in Informationseinheiten transformierbar ist. [7]

Was ist daran postmodern? Bzw. in welchem Zusammenhang stehen diese epistemologischen Ausführungen mit einer postmodernen „Geistesverfassung”, um ein Stichwort von Jean-François Lyotard aufzugreifen?
Ich werde einige Indizien anführen, welche die Verbindung zwischen postmoderner Theorienbildung und dieser empirischen Arbeit mit Krankenschwestern aufzeigen können:
1* Diese Arbeit steht in der Tradition der Oral History , die in den Geschichtswissenschaften manchmal als „gegenaufklärerische Wende” bezeichnet [8] und im Zusammenhang mit einem Paradigmenwechsel in der Geisteswissenschaft thematisiert wird, den man mit dem Begriff „postmodern” fassen könnte. Schlagwortartig könnte man diesen Paradigmenwechsel mit folgenden Begriffen umschreiben: Statt Strukturen rücken narrative Erzählungen in den Vordergrund (Ungeregeltes statt Geregeltes ); statt Herrschaftsgeschichte die Geschichte der kleinen Leute; statt kanonisierten Texten und Forschungsgegenständen marginalisierte, scheinbar unwichtige (Marginales statt Zentrales); statt Kontinuitäten Brüche (Diskontinutitäten statt Kontinuitäten); statt Fakten und Wirklichkeiten Kulturen und Texte (Signifkanten statt Signifikate); statt schriftlich fixierter Dokumente mündliche Aussagen, Zeugnisse, Gespräche (Mündliches statt Schriftliches); statt Wissenschaft und Gesetz der Common-Sense; statt Nachweise Verweise; statt Erkenntnis Erfahrung; statt Beobachtung Tätigkeit; statt Sehen Hören; statt Ursachen (causes) Bedingungen (conditions); statt übergreifende Zusammenhänge kleine, zufällige Einheiten (Besonderes statt Allgemeines); statt gesteuerte Systeme sich selbst überlassene Prozesse (Ereignisse statt Systeme); statt Zentren Supplemente... Diese Liste könnte man im übrigen noch fortsetzen. Der jeweils zweite Pol dieser Begriffspaare wird in postmodernen Theorien erstens stärker thematisiert und zweitens auch aufgewertet, wodurch diese im wissenschaftlichen Paradigma mehr und mehr die alten Strukturen abzulösen beginnen. Dabei sollte man bedenken, daß die ‘neuen’ Begriffe nicht unbedingt weniger präzise sind. Ich denke auch, daß diese postmoderne Terminologie meine Arbeit adäquat beschreiben könnte.
Genau genommen ist es unzutreffend, eine solche empirische Arbeit als „postmodern” zu bezeichnen. Zutreffender wäre es zu sagen, daß es Ausdruck postmodernen Zeitgeistes ist, daß eine solche Arbeit zunehmend Platz findet oder Platz finden könnte. [9]
2* Ist meine Auswahl – sowohl der Berufsgruppe, der Vertreterinnen dieser Berufsgruppe wie auch der Texte – zufällig, daher postmodern? Diese Frage hat durchaus etwas für sich, denn WissenschaftlerInnen haben in den letzten Jahren zunehmend akzeptiert, daß jegliche Auswahl vom Zufall mitgestaltet wird, und daß es manchmal zielführender ist, vereinzelte, scheinbar nebensächliche und an den Rand gedrängte Diskursstränge aufzugreifen und zu verfolgen. [10] Die Auswahl ist zufällig, das mag sein; aber die Gespräche selbst sind es keineswegs, denn sie sind eingebunden in einen Kontext und in ein Netz vielfältiger Bedingungen und Gewohnheiten, die zwar fiktional sind und auf einer diskursiven und damit veränderbaren Ebene angesiedelt sein mögen, die jedoch tief in die Materialität des Lebens – in die Wünsche, Bedürfnisse, Überzeugungen, Verhaltensweisen und Körper der Menschen – durchgedrungen sind, daher auch materiell sind. Auch die Auswahl der Texte mag zufällig sein, aber die sich daraus ergebenden Konsequenzen in der Reflexion, in der Rückbindung an die eigene Erfahrung, sind es keineswegs.
3* Die Gespräche der Krankenschwestern sind ein Text, in dem sie versuchen, ihrem Erfahrungswissen eine Sprache zu geben. Dieser Text hat sich über eine lange Zeit – ungefähr über ein Jahr – herausgebildet. Diesem sich bewegenden Text begegnen wir in der Gruppe mit anderen Texten, mit literarischen Texten, die den ursprünglichen Text wiederum verändern. Meine Arbeit als Literaturwissenschaftler besteht dabei nicht nur in der angemessenen Auswahl und Interpretation literarischer Texte oder in der wissenschaftlichen Auswertung der fortlaufenden Arbeit, sondern die Gespräche der Krankenschwestern begreife ich selbst als einen literarischen Text, den ich als Teilnehmer an den Gesprächen mitproduziere. Die Arbeit der Krankenschwestern in den Spitälern, in Hospizdiensten oder in der Hauskrankenpflege begreife ich als ein diskursives Feld, das durch den ‘Einbruch’ eines anderen Diskursfeldes – des literarischen – zunächst einmal erfaßbar gemacht wird, dann auch verändert und verwandelt wird.
Allerdings ist es nicht zielführend, einfach alles als Text zu bezeichnen. Natürlich weiß ich, daß Erfahrung und Handlungswissen, das sich in konkrete Tätigkeiten umsetzen läßt, etwas anderes ist als das Reden darüber. Und Krankenschwestern sind natürlich in einen konkreten, Kontext von Berufswelt eingebunden, in dem sie auch ‘nicht-diskursive’, ‘reale’ Erfahrungen machen, d.h. Erfahrungen die zwar durch Diskurse beeinflußt sind, sich jedoch in einem vorsprachlichen Bereich bilden. Mit den Begriffen – bzw. der Begriffsreihe – „Ereignis – Erfahrung – Erinnerung – Erzählung” könnte man den Paradigmenwechsel zwischen Moderne und Postmoderne zu beschreiben versuchen: HistorikerInnen, SozialwissenschaftlerInnen und selbst LiteraturwissenschaftlerInnen interessierten sich erstens lange Zeit fast ausschließlich für das Ereignis (für die Realität, die – wie man meist glaubte – irgendwo außerhalb von uns als erkennende Subjekte zu finden sei), und beschritten zweitens dabei den Weg von der Erzählung zurück zu diesem Ereignis. Dabei gingen sie von einem grundlegenden strukturellen Unterschied aus zwischen der Realität (dem Ereignis) und dem Text (der Erzählung oder der über die Erzählung rekonstruierbaren Erinnerung) aus. Differenzen resultierten in der Auffassung der Erkennbarkeit dieser Realität, nicht aber in der Existenz als Realität, die sich in ihren Eigenschaften deutlich von diskursiven Phänomenen wie einer Erzählung unterscheidet.
Ich negiere nun keineswegs die Existenz einer vorsprachlichen Realität, ich negiere auch keienswegs die Möglichkeit, diese vorsprachliche Realität, das Ereignis in irgendeiner Form zu rekonstruieren [11], allerdings glaube ich nicht, daß die Wirklichkeit etwas ist, das von Diskursen unabhängig ist und von diesen nur mehr oder weniger exakt abgebildet werden kann. Zudem bin ich kein Sozialwissenschaftler, der in die Klininken geht und dem Pflegepersonal bei der Arbeit über die Schulter schaut, oder der selbst diese Arbeit macht (gleichsam die Erfahrung selbst macht , um die Erzählung darüber wirklich verstehen zu können). Ich interessiere mich nur nicht so sehr für das Ereignis [12], ich interessiere mich auch nicht so sehr für die adäquate und nachträgliche Beschreibung des Prozesses; ich interessiere mich vor allem für den Prozeß selbst, die Erzählung und die die Erinnerung, die durch die Erzählung sichtbar wird (und natürlich auch verwandelt wird). [13] Man kann es noch pointierter und etwas überspitzt formulieren: Nicht die Frage: Worauf verweist die Erzählung, welche Erfahrung bildet sie ab? steht im Vordergrund, sondern das Ereignis des Erzählens selbst. Man könnte es auch mit Lyotard formulieren: Nicht die Frage: Was geschieht? ist von vorrangigem Interesse, sondern daß es geschieht.
4* Die Differenzierung in ein implizites Erfahrungswissen und ein explizites Ausagewissen (in know how und know that ) ist durchaus eine, die der Tradition der Moderne nicht fremd ist, und auch die binäre Gegenüberstellung dieser beiden Wissensarten steht in dieser Tradition. Allerdings ist es ebenso eine Eigenschaft dieser modernen Tradition – zumindest in der Charakterisierung vieler postmoderner und dekonstruktivistischer WissenschaftlerInnen wie beispielsweise Jacques Derrida –, daß ein Pol dieser binären Opposition sich auf Kosten des anderen Pols behauptet und in den Vordergrund drängt. Die verschiedenen Formen dieser Unterdrückungsmechanismen sind bekannt: Mann/Frau, Wissenschaft/Kunst, Sprache/Schweigen etc.
Die Schriften postmoderner PhilosophInnen haben mir einige wesentliche Charakterisierungen eines solchen Verhältnisses zur Verfügung gestellt, die eine veränderte Betrachtung und eine Veränderung innerhalb desselben möglich machen:
4.1* Die Postmoderne hat den Widerstreit dieser inkommensurablen Diskurse und Sprachspiele weder erfunden noch aus ihm herausgeführt. Aber sie hat ihn meines Erachtens deutlich gesehen und zu Bewußtsein gebracht; sie hat gezeigt, daß man aus solchen Oppositionspaaren nicht aussteigen kann (Derrida spricht davon, daß man Gegensätze nicht metaphysisch überwinden könne), aber daß es auch keine Meta-Ebene (mehr) gibt, keinen Richter (sei es die Politik oder die Wissenschaft), der über die Wertigkeiten der beiden Pole entscheiden könnte.
Aber möglicherweise sind diese Gegensätze, ist der Widerstreit in einer dekonstruktiven Bewegung umkehrbar. Wenn man auch aus der grundsätzlichen Dichotomie zwischen Erfahrungswissen und Aussagewissen, zwischen Theorie und Praxis, nicht auszusteigen vermag, so kann man doch das Marginalisierte und Unterdrückte ins Zentrum rücken, seine Aufmerksamkeit auf diese Bereiche konzentrieren, scheinbar Nebensächliches mit Geduld verfolgen, dem Gespräch gewissermaßen freien Lauf lassen, ohne regelnd und forschend einzugreifen. Das entbindet die WissenschaftlerInnen aber keineswegs von Ansprüchen wie Präzision und aufmerksamer Beobachtung.
Klarerweise ist der Gegensatz zwischen Erfahrungswissen und Aussagewissen nicht so strikt und polar, wie er in meiner Erläuterung vielleicht erscheint. Der Gegensatz zwischen diesen beiden epistemologischen Feldern ist nicht mit der Differenz zwischen Mann und Frau vergleichbar, sondern zwischen männlich und weiblich. „Männlich” und „weiblich” sind dabei keine feststehenden und sofort sichtbaren Merkmalsbündel, sondern sich verändernde und sich bewegende kulturelle Zuschreibungen. Der Vergleich von Erfahrungswissen und Aussagewissen mit Weiblichem und Männlichem ist nicht zufällig: Viele Eigenschaften, die den Bereich des impliziten Erfahrungswissens charakterisieren, werden traditonellerweise dem Weiblichen sehr viel eher zugeordnet als dem Männlichen (Intuition; das Gefühl haben, daß etwas der Fall ist; unsagbar etc.), während umgekehrt das Aussagewissen mit dem Männlichen konnotiert wird. Auch ist es kein Zufall, daß die meisten Personen im Pflegebereich Frauen, die meisten Ärzte Männer sind.
4.2* Das Erfahrungswissen bleibt zwar ‘stumm’, aber erstens ist es eingebunden in ein diskursives Feld, ist es selbst ein Text, und zweitens gibt es sehr wohl eine Sprache für dieses Erfahrungswissen, gibt es diskursive Zugänge zu diesem Erfahrungswissen, zu diesem tacit knowledge (Michael Polanyi), und eine solche Sprache muß eine literarische Sprache sein. Die Sprache für die Erfahrung ist eine ästhetische Sprache. [14] Es geht mir nun nicht darum, das Scheitern der Wissenschaft zu verkünden und nitzscheanisch die Kunst als Retterin verloren gegangener Einheit herbeizurufen; ebensowenig bin ich für die Ablösung einer rationalen Vernunft durch eine ästhetische (obwohl mir dies möglicherweise den Beifall von VertreterInnen der Postmoderne einbringen würde). Allerdings nütze ich durchaus den postmodernen Zeitgeist, der ästhetische – und auch alltagssprachliche – Diskurse als kognitive Erkenntnisinstrumente begreift und damit gegenüber logisch-rationalen Zugängen in eine Reihe rückt. Das ermöglicht mir erstens, daß ich theoretische Unterstützung für meine Arbeit finde, und daß ich zweitens eine derartige empirische Arbeit im akademischen Milieu vertreten kann.
Warum muß eine solche Sprache literarisch sein? Wie bereits angedeutet, zeigt uns Kunst Beispiele, Beispiele von konkreten Menschen die in konkreten Situationen mit einem ganz bestimmten Kontext handeln. Eine solche Struktur erlaubt es uns, durch Analogieschlüsse Vergleiche mit unseren eigenen Handlungszusammenhängen zu ziehen, wobei wir etwas ausnützen können, das Francisco Varela Ausdehnung genannt hat: [15] Wir dehnen bereits gemachte Erfahrung auf Situationen aus, die für uns noch neu sind, wodurch sich unser Erfahrungswissen wie konzentrische Kreise immer mehr erweitert und verstärkt. Wenn wir eine einfache Schlitzschraube in ein Stück Holz hineindrehen können, dann kommen wir auch mit einer Kreuzschlitzschraube zurecht, auch wenn wir eine solche noch nie gesehen haben. Literatur kann dabei sowohl die Quelle neuer Beispiele und Anwendungssituationen sein, ist aber gleichzeitig – da wir uns ja in einem kognitiven Bereich bewegen – ein Ausgangspunkt neuer Reflexionen, ein Filter oder eine Brille, durch die wir unsere gewohnten Zusammenhänge anders sehen können.
Erfahrungswissen benötigt andere Kanäle der Vermittlung als Aussagewissen, da es nicht einfach in Vorlesungen gelehrt werden kann, so wie man Informationseinheiten überträgt und weitergibt. Erfahrungswissen heißt, daß man selbst Erfahrungen machen muß, daß man selbst ausprobieren und lange üben muß, bis man es zu einer gewissen Fertigkeit bringt. Aber können wir Erfahrungen über die Rezeption von Kunst begreifen, denn diese Rezeption ist doch ein kognitiver Vorgang, der mit der Übertragung von Information doch sehr viel mehr zu tun hat als mit der Einübung von Fertigkeiten und Tätigkeiten? Ich möchte diese Frage weder mit einem Ja noch mit einem Nein beantworten. Natürlich ist die Rezeption von Kunst (und gerade von Literatur) ein kognitiver Erkenntnisvorgang, aber ich habe auch nie behauptet, daß hier dasselbe passiert, wie wenn man eine manuelle Tätigkeit ausübt. Kunst ist vielmehr ein Art und Weise der kognitiven Reflexion, die unsere Formen des Übens und Ausprobierens beeinflußt, sie kritisch hinterfrägt und damit beeinflußt. Trotzdem begreifen wir Erfahrung in der Kunstrezeption auch direkt und unvermittelt, denn wenn man den fiktiven Charakter der Kunst und ihre Unbestimmtheit (ihre „Leerstellen”, um einen gängigeren literaturtheoretischen Ausdruck zu verwenden) betont, wird auch klar, warum Kunst als Vollzug verstanden werden kann, so wie Francisco Varela (in seinem Buch Ethisches Können ) Erkennen als vollzugsorientiertes Handeln beschreibt. Denn ein Text wird erst im Akt des Lesens zum literarischen Kunstwerk. In diesem Vollzug (als Lesen) werden in erster Linie nicht dargestellte Erfahrungen als Information aufgenommen, sondern Erfahrungen aktiv gemacht, indem ein Text mit Hilfe des Hintergrundwissens des Lesers gestaltet wird, d.h. die Leerstellen aufgefüllt werden. Erst dieses aktive Gestalten vermittelt einem die Bedeutung des Gesagten. Das ist ein zentraler Punkt ästhetischer Erfahrung, da die geschlossene Struktur wissenschaftlicher Texte diese Form des Rezipierens zurückdrängt, und daher Bedeutung nur schwer vermittelt werden kann.
In wissenschaftlichen Texten wird Information vermittelt. Allerdings hilft einem diesem vermittelte Information oft nicht weiter, wenn man eine Handlung ausführen will oder die Bedeutung von Erfahrung verstehen möchte, selbst wenn man den Fall annimmt, daß diese Information vollständig, authentisch oder ‘wahr’ wäre. Die Analyse des Klangs einer Klarinette oder die Analyse der Duftstoffe, die im Kaffee enthalten sind, helfen uns nicht, die Frage nach dem Klang einer Klarinette oder nach dem Geschmack von Kaffee zu beantworten, so wie ja auch einem Radfahrer das explizite Wissen um Schwerkraft, Fliehkraft und Reibung nicht hilft – und sei es noch so detailliert –, eine Kurve zu meistern. Ich behaupte nicht, daß literarische Texte keine Information beinhalten (man kann ja über Texte sprechen, sie nacherzählen etc.), aber es passiert auch etwas, wenn man sie liest, etwas, das über die Vermittlung von Information oder über die reine kognitive Reflexion hinausgeht. [16]
Es ist aber nicht nur diese Struktur der Unbestimmtheit, die es dem/der LeserIn erlaubt, Erfahrungen zu machen, sondern auch die metaphorische Struktur literarischer Texte, die unmittelbares Begreifen ermöglichen; vereinfacht formuliert: Man begreift etwas, ohne nachzudenken, so wie man manchmal Bilder (und Metaphern sind nichts anderes als mentale Bilder) direkt und unmittelbar versteht. Erfahrungswissen ist dadurch gekennzeichnet, daß der Handelnde fähig ist, innerhalb eines Augenblicks alle relevanten Informationen und Einzelheiten (und das können sehr viele sein) zu erfassen, ist also durch Gleichzeitigkeit charakterisiert. Ebenso kann man bei der ästhetischen Erfahrung diese Struktur der Gleichzeitigkeit beobachten, während der wissenschaftliche Diskurs linear-sukzessiv aufgebaut ist. [17]
Einem möglichen Mißverständnis sei hier vorgebeugt: Erfahrungswissen ist niemals völlig sprachlos, und daher wäre es auch irreführend zu behaupten, daß die einzige Möglichkeit zur Aneignung von Erfahrung ausschließlich Erfahrung selbst sei und daß der einzig gangbare diskursive Weg zum Erfahrungswissen ein ästhetischer sein muß. Erstens sind die Grenzen zwischen Erfahrungswissen und Aussagewissen sowie auch zwischen wissenschaftlichen, ästhetischen und alltagssprachlichen Diskursen weitaus vielfältiger, diffuser und transparenter, wie ich es in so einem kurzen Artikel ausführen könnte, und zweitens kann Sprache das Erfahrungswissen gewissermaßen begleiten, kann Richtlinien formulieren oder „Winke” geben, wie es Wittgenstein genannt hat. [18]
4.3* Michael Polanyi hat gezeigt, daß die Grundlage jeglichen expliziten Wissens ein implizites Wissen sein muß. Das reicht von einfachen motorischen Tätigkeiten bis zu hochkomplexen kulturellen Leistungen: Wenn wir einen Nagel in die Wand schlagen, dann richten wir unsere Aufmerksamkeit ( focal awareness ) auf den Hammer, den Nagel und die Wand. Die Handlung funktioniert allerdings nur, weil wir Nervenreize in der Handfläche und in unserem Arm unterschwellig wahrnehmen ( subsidiary awareness ). Würden wir uns auf diese Nervenreize konzentrieren, dann hätten wir bald blau geschlagene Fingerspitzen. Eine analoge Struktur entdeckte Polanyi auch in komplexeren Tätigkeiten wie der Wissenschaft: Auch wissenschaftliche Tätigkeit beruht auf impliziten Prämissen und Vorannahmen, die wir als Basis brauchen, die jedoch selten hinterfragt werden (und die auch im Akt der wissenschaftlichen Tätigkeit nicht bezweifelt werden können, so wie ein Klavierspieler bei einem Tremolo unweigerlich scheitern würde, wenn er immer überlegen müßte, ob er nun mit dem Zeigefinger vor dem Ringfinger oder umgekehrt beginnen müsse). Die Prämissen sind auch nicht vollständig ‘hinterfragbar’. [19]
Die Postmoderne begreift nun – vorbereitet durch den „linguistic turn” – diese beiden Formen des Wissens oder der Erfahrung auch als diskursive Phänomene, die es erlauben, den Analogieschluß zwischen implizitem Wissen und ästhetischen Diskursformen zu ziehen. Jean-François Lyotard spricht vom narrativen und vom wissenschaftlichen Wissen, und er analysiert auch die Gründe dafür, warum das narrative Wissen die Legitimierung, die Basis, für wissenschaftliches Wissen darstellt: [20] Wissenschaftliches Wissen kann niemals seine eigene Legitimierung wiederum wissenschaftlich absichern. Die Letztbegründungen wissenschaftlicher Bemühungen müssen zwangsläufig ‘unbeweisbare’ mehr oder weniger persönliche, wirtschaftliche oder allgemein ethische Begründungen sein, in Lyotards Diktion „narratives Wissen”, also die Geschichten, die wir uns über unsere Welt erzählen, mit der wir unsere Welt gestalten und ihr Sinn verleihen. Literarische Texte sind Teil dieser kulturellen Sinngebung und Gestaltung und werden dadurch zu einer Basis unseres wissenschaftlichen Aussagewissens, unserer wissenschaftlichen Tätigkeit.
In der Arbeit mit Krankenschwestern versuchen wir gemeinsam, diese Basis bewußt zu machen, zu reflektieren, zu erweitern und zu verändern. Ein wichtiger Schritt in dieser Reflexion ist es zu begreifen, daß die Wurzeln unseres Tuns, daß die Basis unserer Handlungen kulturelle Vorannahmen und Prämissen sind – daß es Texte sind – und nicht einfach ‘ganz natürliche’, immer und überall gültige Tatsachen. Gerade ein Blick in vergangene Epochen oder in andere Kulturen erlaubt es, diese Kulturabhängigkeit wahrzunehmen.

Sie könnten jetzt allerdings immer noch mit den Schultern zucken und fragen: Und? was hat das mit dem Thema dieser Konferenz zu tun, mit Macht und Sprache, mit Differenz und Krise der Moderne?
Meine Antwort auf diese Frage wird kurz ausfallen, und wird gleichzeitig modern und postmodern sein: Ich habe als Literaturwissenschaftler im diskursiven Bereich Erfahrung, sowohl was ästhetische, als auch was wissenschaftliche Texte betrifft. Die Krankenschwestern haben sehr große Erfahrung im Bereich ihres impliziten Berufswissen. In einer gemeinsamen Arbeit können wir eine Sprache für diesen Bereich finden, was letzten Endes – so hoffe ich – auch eine Stärkung der politischen Position (was beispielsweise die Durchsetzungskraft bezüglich der Bezahlung betrifft) bewirken könnte. Hier möchte ich allerdings sehr vorsichtig sein, da ich den Einfluß einer solchen Forschungsarbeit nicht überschätzen möchte.
Ich könnte diese Antwort auch postmoderner formulieren: Die Krankenschwestern bewegen sich in einem diskursiven Feld (der Medizin oder der Klinik), in dem teilweise inkommsensurable Sprachspiele (der medizinische Diskurs, der Diskurs der Pflege) um symbolisches (und um reales) Kapital kämpfen. Und dieser Kampf ist auch ein ‘diskursiver’ Kampf, denn es geht um Sprache, um symbolische Ordnungen. Wo es um symbolisches Kapital geht, geht es auch um Macht und um Gewalt. Die Ärzte sind meist Männer, die – um es lacanianisch zu formulieren – das Gesetz des Vaters vertreten und die symbolische Ordnung verwalten. Die Konsequenzen der symbolischen Gewalt sind oft erschreckend nicht-diskursiv: So liegt die Selbstmordrate bei Ärzten um 50 Prozent über dem Durchschnitt der restlichen Bevölkerung, bei Ärztinnen um 250 Prozent. [21] Tragen müssen diese Konsequenzen allerdings beide Seiten – Männer wie Frauen, Ärzteschaft wie Pflegepersonal. Hier könnte man eine breite Palette von Fragen anschließen, die ich an dieser Stelle nicht weiterverfolgen kann: Warum befinden sich in meiner Lektüregruppe nur Frauen? Warum gibt es sowenige Männer unter dem Pflegepersonal? Wie kam es historisch gesehen zur Bevorzugung des rationalen Wissens vor dem intuitiven Handlungswissen? [22] etc.
Ich denke, daß GeisteswissenschaftlerInnen in dieser Auseinandersetzung (in diesem ‘machtvollen’ Kampf) um symbolisches Kapital durchaus Partei ergreifen sollen. Das wäre ein zugleich moderne (linke) Reaktion (Partei ergreifen) und eine postmoderne Reaktion (es geht um das diskursive Feld, um Sprache und Sprachspiele). Ich hatte weiter vorne gesagt, daß die Prämissen unseres Handelns (in allen Bereichen menschlichen Lebens) „mehr oder weniger persönliche, wirtschaftliche oder allgemein ethische Begründungen sind”. Damit rede ich nicht einem hemmungslosen Relativismus das Wort, denn es ist eine Tatsache, daß viele Menschen für die gleiche Arbeit nur halb so viel Lohn bekommen wie andere, daß wiederum andere (und zwar mehr und mehr) keine Arbeit haben oder hungern. Und dafür gibt es auch Ursachen. D.h. die Prämissen unseres Tuns sind zwar Wertungen, welche aber keineswegs willkürlich sind und unsere poltische Verantwortung erfordern.
Wir können vielleicht nicht erklären und definieren, warum die Kunst und die Literatur wichtig sind. Wir können vielleicht auch nicht erklären – und vielleicht sollten wir es auch nicht –, was Erfahrung genau ist. Aber wir können uns dafür einsetzen. Die Geisteswissenschaft kann sagen, daß Kunst etwas Wichtiges zeigt. Somit kann die Geisteswissenschaft als Anwalt des Impliziten verstanden werden, durchaus dem „Admiral” von Lyotard vergleichbar, der zwar keine eigene (diskursive) „Insel” besitzt, aber zwischen verschiedenen Inseln (Kunst, Politik, Wirtschaft etc.) hin- und herfährt, um „Waren” von einer Insel zur anderen zu transportieren.
Geisteswissenschaft kann somit Kommunikationsprozesse gestalten. LiteraturwissenschaftlerInnen könnten durch ihre Mittlerstellung – geschult als WissenschaftlerInnen und auch als LeserInnen – den Widerstreit zwischen Diskursen thematisieren, könnten Kommunikationsprozesse verbessern, sensibilisieren, mitgestalten oder überhaupt erst in Gang bringen, aber auch Unverständnis und ‘Aneinander-Vorbeireden’ kritisch reflektieren, wobei man sich im Klaren sein muß, daß eine solche Reflexion immer auch Grenzen hat.


[1] Und damit meine ich jene – philosophische – Postmoderne, die Wolfgang Welsch in seinen Publikationen zu diesem Thema als „veritable Postmoderne” bezeichnete (vgl. z.B. Unsere postmoderne Moderne . Weinheim 1987; ders. (Hg.): Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte zur Postmoderne-Diskussion. Weinheim 1988), und nicht eine „Postmoderne der Beliebigkeit” – den Begriff habe ich bei Lyotard gefunden –, die ohne Stringenz und Exaktheit alle möglichen Kunststile und philosophischen Richtungen und Denkweisen in einem konzeptlosen Mix durcheinandermischt.
Der Begriff „Postmoderne” bezeichnet ein heterogenes Bündel von Denkansätzen und Bewegungen. Darunter fallen auch Positionen, welche die Differenz zwischen Realität und Text und die Möglichkeit präziser Analysen oder einer klaren politischen Position nicht einfach verabschieden oder dekonstruieren, sondern als möglich und auch notwendig erachten. Diesen Positionen fühle ich mich durchaus verbunden, während ich wiederum andere – ebenso postmoderne – Auffassungen nicht teilen kann, die von einem Ende der Geschichte, von der Unübersetzbarkeit von Diskursen, der Unmöglichkeit von Kritik oder der Nicht-Existenz von Subjekt und Wirklichkeit sprechen.
[2] Im folgenden möchte ich mich vor allem auf dieses Problem des häufig unformulierbaren Handlungswissens konzentrieren. Natürlich kamen im Laufe dieser eineinhalb Jahre auch viele andere Themen zur Sprache: Probleme der Verantwortung (auch der juristischen) gegenüber PatientInnen; Sterben und Leiden sowie die Hilflosigkeit, die dabei oft auftaucht; die Problematik von Nähe und Distanz in der Pflege (wo auch die Themen Emotionen und Sexualität eine große Rolle spielen) etc. Im Laufe der Arbeit wurde jedoch sichtbar, daß viele dieser Problem mit dem des Erfahrungswissens unmittelbar zusammenhängen: Gerade die Thematisierung von Emotionen (Ekel, Wut, Trauer, Hilflosigkeit, Aggression...), von Nähe und Distanz oder auch der Umgang mit Tod und Leiden war untrennbar mit der Diskussion des Erfahrungswissens verknüpft. An dieser Stelle möchte ich mich allerdings nur mit den erkenntnistheoretischen (und sprachphilosophischen) Implikationen auseinandersetzen.
[3] Natürlich spielt auch die Frage des Verkaufs bzw. der Verpackung eine Rolle: Ich bin Teil einer wissenschaftlichen Gemeinschaft, und in dieser Gemeinschaft geht es auch um Macht, die sich rund um das symbolische Kapital (Bourdieu) abspielt. Allerdings stellt sich die Frage, ob die Aktien der Postmoderne nach dem Höhenflug der letzten Jahre ihr hohen Wert halten werden können. Wenn man die literaturtheoretische Diskussion der letzten Jahre im angloamerikanischen Raum verfolgt (wo die New Historicists die Yale Critics bereits mehr oder weniger verdrängt haben), dann scheint mit postmodernem Kapital nicht mehr allzu viel Gewinn gemacht werden zu können.
[4] Ingela Josefson wechselte in den 70er-Jahren von der Universität an das Institut für Arbeitsweltforschung. Dieses Institut wurde von Olof Palme in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften ins Leben gerufen, da die Universität von den konkreten Problemen der Arbeitswelt zu weit entfernt war (und ist). An dieses Institut können sich Berufsgruppen (über ihre Vertretungen) wenden, wenn in der Arbeitswelt bestimmte Probleme auftauchen. WissenschaftlerInnen dieses Instituts entwickeln dann in interdisziplinärer Zusammenarbeit Theorien und Strategien, mit denen diesen spezifischen Problemen begegnet werden kann.
[5] Wittgensteins Philosophie bietet eine breite und vielfältige Thematisierung jener Bereiche menschlichen Wissens, die nicht oder nur äußerst schwer in eine Sprache gebracht werden können. In seiner frühen Phase des Philosophierens negiert Wittgenstein strikt die Möglichkeit, wichtige Teile menschlicher Lebenswelt zu formulieren. Der berühmte letzte Satz des Tractatus logico-philosophicus gibt dem den überzeugendsten Ausdruck: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.” (in: Werkausgabe, Band 1, Frankfurt a. M. 1984, hier S. 85). Daß dieser unsagbare Bereich unwesentlich und zu vernachlässigen sei, ist meines Erachtens ein Mißverständnis, das sich jedoch durch den Einfluß des Positivismus und des Wiener Kreises sehr lange gehalten hat. Wittgenstein selbst hat diese Interpretation allerdings nie vertreten, denn innerhalb dieses Bereichs des Unsagbaren finden sich die „Lebensprobleme”: „Wir fühlen, daß, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.” ( Tractatus, ebd., S. 85).
Trotz der Unmöglichkeit der Beschreibung bestimmter Formen des Wissens sind diese doch sprachlich zugänglich: „Es ist nicht nur schwierig zu beschreiben, worin Kennerschaft besteht, sondern unmöglich. Um zu beschreiben, worin sie besteht, müßten wir die ganze Umgebung beschreiben.” (Wittgenstein, Vorlesungen und Gespräche über Ästhetik, Psychoanalyse und religiösen Glauben , Düsseldorf-Bonn 21996, hier S. 18). Der Konjunktiv im letzten Satz bedeutet ja keine prinzipielle Unmöglichkeit, sondern einen erhöhten heuristischen Aufwand und eine Verschiebung der Ebene der Beschreibung, so wie man die Antwort auf die Frage nach der Existenz eines Loches auch mit der Beschreibung dessen Randes in Angriff nehmen könnte.
In den Philosophischen Untersuchungen hat Wittgenstein die strikte Grenzziehung mit der Einführung des Begriffs der „Sprachspiele” aufgeweicht: Es gibt nun nicht mehr zwei völlig voneinander getrennte Bereiche (Wissenschaft und ‘unsagbare Lebensprobleme’), sondern verschiedenste Sprachspiele, die mehr oder weniger rationalisierbare und formulierbare Wissensanteile aufweisen. Vergleiche beispielsweise §78 der Philosophischen Untersuchungen:
„Vergleiche: wissen und sagen:
wieviele m hoch der Mont-Blanc ist –
wie das Wort ‘Spiel’ gebraucht wird –
wie eine Klarinette klingt.
Wer sich wundert, daß man etwas wissen könne, und nicht sagen, denkt vielleicht an einen Fall wie den ersten. Gewiß nicht an einen wie den dritten.” (Ebd., S. 284)
Mit den Begriffen „Sprachspiel” und „Familienähnlichkeit” verabschiedet Wittgenstein die allzu monistische Position aus dem Tractatus und gesteht nun zu, daß die Sprache auf vielfältige Weise auf die Welt bezogen ist, wobei einige dieser Bezugnahmen rationaler und expliziter sind wie andere.
Michael Polanyi (vor allem in seinem wissenschaftsphilosophischen Hauptwerk Personal Knowledge von 1958) entwickelt ein komplexes System eines expliziten und eines impliziten Wissens, das er mit den Begriffen implicit knowledge oder auch tacit knowledge bezeichnet. (Mit dem Terminus personal knowledge bezeichnet Polanyi den kompletten Erkenntnisakt, der explizites und implizites Wissen umfaßt). Entscheidend ist dabei nicht nur, daß das zweitere kaum – wenn überhaupt – formulierbar ist, sondern daß dieses auch die unabdingbare Grundlage für jegliches formulierbares Wissen darstellt.
[6] „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.” (Wittgenstein, Tractatus, a.a.O. Seite 85). Wittgenstein deutet auch Parallelen an zwischen der Kunst und diesem „Unaussprechlichen”, sowohl im Tractatus, wie auch in seinen Vorlesungen und Gesprächen über Ästhetik, Psychoanalyse und religiösen Glauben . „Darum kann es auch keine Sätze der Ethik geben. Sätze können nichts Höheres ausdrücken. Es ist klar, daß sich die Ethik nicht aussprechen läßt. [...] Ethik und Ästhetik sind eins.” ( Tractatus, a.a.O. Seite 83).
[7] Wenn ich hier von der Literatur spreche, trifft dies natürlich nicht auf alle Texte zu, die wir als literarische bezeichnen, sondern auf jene Texte, die eine mehr oder weniger klassische Erzählstruktur oder dramatische Organisation aufweisen. Jedoch auch wissenschaftliche oder philosophische Texte bieten genügend Anregungen, um mit den TeilnehmerInnen einer solchen Gruppe zu reflektieren.
Um Erfahrungswissen zu vermitteln oder solches zu erweitern, muß man selbst Erfahrungen machen. Wie kann man davon sprechen, daß man Erfahrungen macht, wenn man Texte liest? Dies macht jedoch durchaus Sinn, wenn man – so wie ich – Literatur als ästhetische Erfahrung von LeserInnen begreift. Im Sinne der Rezeptionsästhetik oder einiger pragmatistischer Theorien besteht Literatur nicht aus den Texten, die vor uns liegen, sondern ‘entsteht’ erst dann, wenn sie von konkreten LeserInnen (mit Emotionen, einem Körper etc.) in einem spezifischen Kontext konkretisiert werden.
[8] Vladimir Biti: „Geschichte als Literatur – Literatur als Geschichte?”, in: ÖZG. Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften , 4. Jg, Heft 3. Wien 1993, hier S. 371.
[9] Man darf den Einfluß der Postmoderne jedoch nicht überschätzen. Die Postmoderne hat sicherlich dazu beigetragen, bestimmte Themen auf die Tagesordnungen zu setzen, die vor 20 oder 30 Jahren nur wenige interessierten (Fragen der Sexualität, des Geschlechts und der Ethnizität beispielsweise). Aber – wie Terry Eagleton ( Die Illusionen der Postmoderne , Stuttgart-Weimar 1997, hier S. 180) treffend bemerkt – „die Frauenbewegung und die Bürgerrechtsbewegung haben früher stattgefunden.”
[10] Die VertreterInnen des New Historicism , welche die poststrukturalistische Theorie (vor allem im Rahmen der Diskursanalyse von Michel Foucault) mit historischen Fragestellungen zu verbinden suchen, stehen zu dieser willkürlich anmutenden Methode, welche vereinzelte und unscheinbare Texte und Diskurse aufgreift, diese verfolgt, möglicherweise wieder verläßt, um einen anderen, parallelen Weg zu verfolgen, der möglicherweise wieder ganz woanders hinführt. Vgl. beispielsweise die Arbeiten von Stephen Greenblatt ( Wunderbare Besitztümer. Die Erfindung des Fremden: Reisende und Entdecker , Berlin 1998. Oder auch die Artikel von Greenblatt in Moritz Baßler (Hrsg.): New Historicism. Literaturgeschichte als Poetik der Kultur , Frankfurt a. M. 1995).
Die Auswahl dieser Berufsgruppe ist natürlich nicht ganz zufällig, beziehungsweise können die ‘Bedingungen des Zufalls’ benannt werden: Sie haben mit persönlichen Kontaken zu den Teilnehmerinnen der Gruppe zu tun, mit dem Kontakt zu Ingela Josefson, die sehr lange mit Pflegepersonal und mit Ärzten gearbeitet hat und mit einer Eigenschaft des diskursiven Feldes „Krankenhaus” bzw. „Medizin und Pflege”, die für dieses Berufsfeld typisch ist: Vor allem in Krankenhäusern stehen sich zwei Berufsgruppen in der Arbeit direkt gegenüber bzw. arbeiten in einem gemeinsamen Feld zusammen, nämlich Ärzte und Pflegerinnen – die männliche und weibliche Form verwende ich hier bewußt. Ärzte sind meist Männer, und das Studium der Medizin ist auf rationalisierbares, formalisierbares und formulierbares Wissen ausgerichtet, während die Anteile impliziter Erfahrung in der Pflegeausbildung und vor allem in der Arbeit der Pflege selbst sehr groß sind. Das führt zu Konflikten (die an der Grenze zwischen Sagbarkeit und Unsagbarkeit, zwischen Emotion/Intuition und Ratio, zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit angesiedelt sind), die sich in dieser Form vor allem im Bereich der Medizin in Hospitälern verfolgt werden kann. Den erkenntistheoretischen Hintergrund dieser Konflikte habe ich oben bereits geschildert.
[11] Im übrigen bin ich davon überzeugt, daß auch die meisten postmodernen AutorInnen nicht daran zweifeln. Die Auffassung, daß alles ein Text sei und daß die Realität als solche (als vorsprachliche Entität) nicht existiere, wird zwar von einigen Dekonstruktivisten (sowohl in der Literaturwissenschaft wie auch in anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen) vertreten, wird aber von vielen anderen zu Recht kritisiert. Unter einer postmodernen Auffassung verstehe ich vielmehr die Verschiebung des Erkenntnisinteresses, die Einsicht in die Beschränktheit unserer sprachlichen und wissenschaftlichen Möglichkeiten und das Zulasssen verschiedenster Sprachspiele.
Im übrigen teilen diese Positionen auch viele ErkenntnistheoretikerInnen und PhilosophInnen, die nicht als postmoderne AutorInnen gelten bzw. diese Zuschreibung zurückweisen. Daher scheinen mir die Differenzen zwischen postmodern und modern häufig als konstruiert.
[12] Dieses ‘Ereignis’ ist im übrigen sozialwissenschaftlich gut untersucht und dokumentiert; d.h. die Berufswelt von Pflegepersonal ist Gegenstand von vielen Untersuchungen. Vgl. dazu beispielsweise – die folgenden Hinweise verstehen sich nur als exemplarische – die Arbeiten von Patrizia Benner : Stufen zur Pflegekompetenz. From Novice to Expert . Bern-Göttingen-Toronto-Seattle 1994; Benner, P./Tanner, C.: „Die Intuition der Pflegeexperten”, in: Pflege, Heft 2, Bern 1990; Benner, P./Schachtner C.: „Der Pflege eine Sprache verleihen. Interview mit Patricia Benner”, in: Pflege, Heft 10, Bern 1997; vgl. auch Ingela Josefson: „The Nurse as Engineer - the Theory of Knowledge in Research in the Care Sector”, in: Göranzon, B./Josefson, I.: Knowledge, Skill and Artificial Intelligence , London-Berlin 1988; Kesselring, A.: „Praxiserfahrung als Quelle des Lernens”, Referat am SBK-Kongreß, in: Krankenpflege, Heft 8, 1993; Overlander, G.: Die Last des Mitfühlens. Aspekte der Gefühlsregulierung in sozialen Berufen am Beispiel der Krankenpflege , Frankfurt a. M. 1996. Diese Arbeiten beschäftigen sich vor allem mit den Konflikten und Schwierigkeiten des Pflegepersonals, das implizite Erfahrungswissen zu formulieren, in der Ausbildung zu vermitteln und gegenüber Bereichen des theoretischen Wissens (den Ärzten, der Wissenschaft etc.) entsprechend zu verteidigen. Unter den Gegensatz zwischen Erfahrungs- und Aussagewissen fällt auch die Dichotomie zwischen Emotion/Intuition und rationaler Vernunft und die Dichotomie von weiblich und männlich.
Allerdings beschäftigen sich noch wenige Arbeiten mit den spezifischen sprachlichen Gegebenheiten, die sich in dem Feld von Erfahrungswissen konfigurieren, und ebenso gibt es wenige wissenschaftliche Texte, die in ihrer eigenen Schreibweise auf die Skepsis von Krankenschwestern gegenüber wissenschaftlicher Fachsprache reagieren und darauf Rücksicht nehmen, daß man zu Krankenschwestern gewissermaßen anders sprechen muß. Vgl. dazu vor allem Bernhard Kathan: „Mein sozialer Tic ist geheilt”. Krankenschwestern sprechen über ihre Belastungen , Innsbruck 1991.
[13] Ich denke, daß es kein Zufall ist, daß gerade in letzter Zeit das Thema der Erinnerung, der mémoire culturelle , im Zusammenhang mit literarischen Texten in den Vordergrund gerückt ist.
[14] Wolfgang Welsch weist immer wieder auf die Verbindungen zwischen Kunst (Ästhetik) und Wahrnehmung (aisthesis) hin (vgl. beispielsweise Ästhetisches Denken , Stuttgart 1990, oder: Grenzgänge der Ästhetik , Stuttgart 1996) und gehört auch zu den Philosophen, die für die Verbreitung und Verteidigung postmoderner Philosophie im deutschsprachigen Raum sehr viel getan haben und tun.
[15] Francisco Varela: Ethisches Können , Frankfurt 1994.
[16] Ich denke, daß dies ein Grund ist, warum Jean-François Lyotard in seiner Thematisierung des Erhabenen (in seiner Thematisierung des Ereignisses (occurence), des Es geschieht ) auf die Avantgarde-Bewegungen in der Kunst der 20er-Jahre zurückgreift. Vgl. vor allem „Das Erhabene und die Avantgarde”, in: Merkur, 8.Jahrgang, Nr.424, 1984.
[17] Vgl. dazu auch Doris Bachmann-Medick: „Einleitung”, in: dies.: Kultur als Text. Die anthropologische Wende in der Literaturwissenschaft , Frankfurt a.M. 1996.
[18] "Gibt es über die Echtheit des Gefühlsausdrucks ein >fachmännisches< Urteil? - Es gibt auch da Menschen mit >besserem< und Menschen mit >schlechterem< Urteil. Aus dem Urteil des besseren Menschenkenners werden, im allgemeinen, richtigere Prognosen hervorgehen. Kann man Menschenkenntnis lernen? Ja; Mancher kann sie lernen. Aber nicht durch einen Lehrkurs, sondern durch >Erfahrung<. – Kann ein Andrer dabei sein Lehrer sein? Gewiß. Er gibt ihm von Zeit zu Zeit den richtigen Wink. - So schaut hier das >Lernen< und >Lehren< aus. – Was man erlernt, ist keine Technik; man lernt richtige Urteile. Es gibt auch Regeln, aber sie bilden kein System, und nur der Erfahrene kann sie richtig anwenden. Unähnlich den Rechenregeln." (Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen , a.a.O., S. 574/575).
[19] Vgl. dazu auch Ludwig Wittgenstein: Über Gewißheit , Werkausgabe, Band 8, Frankfurt a. M. 1984. Auch Wittgenstein bringt eine Fülle an Beispielen, daß wir unser Wissen auf etwas gründen müssen, das wir nicht mehr sinnvoll bezweifeln können. Daß diese Basis keine unverrückkbare Natur ist, war auch Wittgenstein schon klar: „Ich will eigentlich sagen, daß ein Sprachspiel nur möglich ist, wenn man sich auf etwas verläßt. ( Ich habe nicht gesagt ‘auf etwas verlassen kann’ .)” (ebd., S. 221, Hervorhebungen von mir).
[20] Vgl. Jean-François Lyotard: Das postmoderne Wissen , Graz-Wien 1986.
[21] Diese Zahlen betreffen Österreich und sind einem Artikel der österreichischen Tageszeitung Der Standard von Anfang Juli 1998 entnommen
[22] Hier möchte ich nur auf das ausgezeichnete, wenn auch umstrittene Buch von Stephen Toulmin verweisen: Kosmopolis – Die unerkannten Aufgaben der Moderne . Frankfurt 1991. Toulmin untersucht in diesem Buch die Zusammenhänge zwischen der Entwicklung rationalistischer Systeme in der Philosophie mit dem jeweiligen, allgemeinen sozial- und wirtschaftspolitischen Hintergrund seit René Descartes.
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