Literatur als Erfahrung, Wissenschaft als Diskurs? – Verbindungen zwischen postmoderner „Condition d’esprit” und empirischer Literaturarbeit.Martin Sexl Seit
zweieinhalb Jahren arbeite ich als Universitätsassistent für
Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Innsbruck. In
meiner Dissertation, aber auch in meiner Forschung insgesamt, finden sich zwei
Schwerpunkte, zwei unterschiedliche Diskursfelder, die mich schon über
längere Zeit prägen:
–
ein, wenn ich das so nennen darf, ‘theoretisch-diskursiver’: In
diesem ‘Interessensstrang’ beschäftigte ich mich bereits
während meines Studiums mit den Texten der Postmoderne
[1]
oder der Dekonstruktion von Jean-François Lyotard, Jacques Derrida oder
den PoststrukturalistInnen (darunter subsumiere ich beispielsweise Michel
Foucault, Jacques Lacan, die écriture féminine oder auch Roland
Barthes), mit Erkenntnistheorie, mit Literaturtheorie des 20. Jahrhunderts, mit
Ludwig Wittgenstein und anderen sprachphilosophischen Positionen etc.
–
Der zweite Strang ist praktisch, empirischer; d.h. es interessiert mich, wie
literarische Texte in ganz konkreten Zusammenhängen und unter ganz
bestimmten Bedingungen eingesetzt und verwendet werden können, wie sie
wirken, was sie bewirken usw. (Möglicherweise hat das mit meiner
Vergangenheit als Buchhändler, wo ich Bücher auch nach sehr
pragmatischen Kriterien beurteilen und einschätzen lernte, zu tun.)
Zwischen
diesen beiden Bereichen besteht scheinbar keine Verbindung. Und ich selbst sah
auch sehr lange keine Verbindung, fühlte mich gewissermaßen in
meinen Interessen zweigeteilt. In meinem Habilitationsprojekt versuche ich,
diese beiden ‘Erkenntnisstränge’ – wenn ich das so
nennen darf – zu verbinden. Erlauben Sie mir, kurz davon zu erzählen:
Seit
eineinhalb Jahren treffe ich mich einmal im Monat mit einer Gruppe von sechs
Krankenschwestern. Das erste Jahr haben diese sechs Krankenschwestern im freien
Gespräch über konkrete Probleme in ihrer Berufswelt reflektiert,
wobei ich diese Gespräche nur wenig moderiert habe. Diese Gespräche
wurden von mir auf Tonband aufgenommen und transkribiert. Den daraus
entstandenen Text las ich sehr oft durch, interpretierte ihn
gewissermaßen, versuchte, zwischen den Zeilen zu lesen: Bei welchen
Themen weichen die Krankenschwestern aus? Auf welche Probleme kommen sie immer
wieder zurück? Welche Begriffe verwenden sie dabei? Warum gibt es bei
bestimmten Themen Brüche und Diskontinuitäten? etc. etc. Die
transkribierten Gespräche wurden von mir dahingehend kommentiert, und vor
dem darauffolgenden Treffen verschickte ich die Transkriptionen zusammen mit
den Kommentaren an die Teilnehmerinnen. Das diente uns dann als
Anknüpfungspunkt für die weiteren Abende.
Einer
der wichtigsten und sensibelsten Punkte in diesen Gesprächen war die
Problematik des Erfahrungswissens, das sehr schwer in Worte zu bringen ist (und
sich häufig in dem Satz „Ich hatte das Gefühl, daß”
artikulierte).
[2]
Eines der drängendsten Probleme ist die Sprachlosigkeit der
Krankenschwestern (die sich vor allem in den Konflikten zwischen Pflegepersonal
und Ärzteschaft, aber auch im Umgang mit PatientInnen schmerzlich
bemerkbar macht) gegenüber ihrem eigenen Erfahrungswissen, was sich unter
anderem in dem Wunsch artikulierte, eine Sprache für dieses
Erfahrungswissen, für das intuitive Handeln zu entwickeln. Vor Beginn
dieser Arbeit trug ich schon längere Zeit die Vermutung mit mir herum,
daß die Sprache der Kunst, in meinem Falle vor allem die literarische
Sprache, sehr viel eher geeignet ist, eine Sprache für das
‘unsagbare Erfahrungswissen’ zu sein, als eine rationale,
wissenschaftliche Sprache. Dieser Vermutung wollte und will ich auch empirisch
auf den Grund gehen.
Im
Laufe dieses ersten Jahres der Reflexion wählte ich bereits literarische
Texte aus, die mir als Ausgangspunkt passend erschienen, einige Probleme
genauer zu reflektieren, beispielsweise
Antigone
von Sophokles oder
Der
Tod des Iwan Iljitsch
von Tolstoi. Nach einem Jahr Reflexionsarbeit begannen wir, diese Texte
gemeinsam zu lesen, über sie zu sprechen, Theateraufführungen
anzuschauen usw. In diesem Stadium befindet sich im Augenblick diese Arbeit.
Warum
gerade diese beiden Texte? In der Tragödie
Antigone
stehen sich zwei Personen gegenüber – Kreon und Antigone –,
die beide gewissermaßen ein unterschiedliches Gesetz vertreten (bzw. von
diesem determiniert werden): Kreon den Staat und Antigone ein göttliches
Gesetz (in dem sie ihren Bruder Polyneikes begraben ‘muß’).
Der Widerstreit zwischen diesen sich auschließenden Positionen (der auch
keine Lösung findet) hat Parallelen zur Situation in Kliniken, in denen
das Gesetz des Systems (des ‘Staates’) häufig bestimmten
moralischen Prinzipien zuwiderläuft: So bleibt beispielsweise in der
gedrängten Zeitstruktur des Krankenhauses selten jene Zeit für
sterbende PatientInnen, welche laut Pflegepersonal für ein
menschenwürdiges Sterben notwendig wäre.
Dieser
Text von Sophokles bot auch einen Ausgangspunkt, um die Problematik des
Widerstreits zwischen einem System und den in diesem System handelnden
Individuen anzuschneiden. Es hat sich im Laufe der Diskussion über
Antigone
allerdings gezeigt, daß die Übernahme der Dichotomie von
„System ist gleich negativ” (Kreon) und „Individuum ist
gleich positiv” (Antigone) viel zu kurz gegriffen ist, trotzdem eine
solche Opposition – wenngleich eine vorschnelle Schubladisierung –
perfekt in postmodernes Denken passen würde (auch wenn sich diese gegen
binäre Dichotomisierungen ausspricht). Diese Dichotomie greift aus zwei
Gründen zu kurz: Erstens braucht es das System zur Aufrechterhaltung des
sozialen Zusammenlebens (sowohl bei Kreon, d.h. in der griechischen Polis, wie
auch in Krankenhäusern), und zweitens ist Antigone weit davon entfernt,
aus individuellem Entschluß zu handeln (auch wenn es so scheint): Ihr
Handeln ist auch von einem Gesetz, einem göttlichen Gesetz, determiniert,
und dem folgt sie ebenso stur – wenn nicht noch unerbittlicher –
wie Kreon dem Gesetz des Staates.
Der
Tod des Iwan Iljitsch
von Tolstoi läßt ein anderes Thema anklingen, das im Arbeitsalltag
des Pflegpersonals ständig präsent ist: das Sterben und vor allem die
Frage nach dem Sinn von Krankheit, Tod und Leben.
Literarische
Texte sind dabei nicht Abbild einer bestehenden Wirklichkeit und auch nicht so
sehr Entwurf einer möglichen Welt, sondern vielmehr ein Ausgangspunkt
für Reflexion und Veränderung der eigenen Welten, der gerade und nur
durch seine Anschaulichkeit (ich erinnere an Goethes „lebendige
Anschauung”) zu einem solchen Ausgangspunkt werden kann.
Wahrscheinlich
werden Sie sich jetzt fragen, was ich mit dieser Arbeit auf einer Tagung
über „Postmoderne Diskurse zwischen Sprache und Macht”
verloren habe. Diese Form von empirischer Arbeit steht zwar in der Tradition der
Oral
History
,
einer
Geschichte
von unten
oder einer Tradition
mündlichen
Erzählens
;
und diese Arbeit steht auch ebenso in einer Tradition, die dem subjektiven und
persönlichen Zugang mehr vertraut als der objektiven Beobachtung von
außen, allerdings bleibt die Frage offen, was daran postmodern sei, oder
welche Erkenntnisse ich daraus im Zusammenhang mit postmodernen oder
poststrukturalistischen Theorien ziehen kann.
Habe
ich nicht einfach das Problem des
Zugangs
zur Realität verschoben, nicht aber die Realität selbst? Habe ich
nicht einfach – ganz im Sinne einer modernen Tradition –
eingestanden, daß es ein Problem der Authentizität von Quellen oder
der Wahrheit von Aussagen oder Beobachtungen gibt, das man berücksichtigen
müsse? Sitze ich einfach dem wissenschaftlichen Mainstream auf, der alten
Wein in neue Schläuche füllt, allem das Etikett
„postmodern” umhängt, um werbewirksamer agieren zu können?
[3] Um
auf diese Fragen genauer einzugehen, muß ich etwas weiter ausholen und
den erkenntnistheoretischen Hintergrund schildern, der mich zu dieser
Reflexions- und Lesegruppe führte: Mitte der 80er-Jahre besuchte ich einen
Vortrag der schwedischen Sprachwissenschaftlerin Ingela Josefson, die in dieser
Zeit mit einer Gruppe von Pflegepersonal arbeitete.
[4]
Der Ausgangspunkt ihrer Arbeit waren Konflikte in Kliniken: In den 70er-Jahren
fühlten sich die schwedischen Ärzte in den Krankenhäusern
seitens des Pflegepersonals zu wenig unterstützt, da die PflegerInnen ihr
Wissen, ihr
know-how
nicht formulieren konnten. Die Ärzte führten dies auf eine zu
mangelhafte Ausbildung des Pflegepersonals zurück und forderte eine
bessere Ausbildung. Die Ärztekammer setzte sich mit dieser Forderung auch
durch, und in den 70er-Jahren wurde die Pflegeausbildung in Schweden in ein
dreijähriges Hochschulstudium umgewandelt. Allerdings wurden die Konflikte
zwischen Pflegepersonal und Ärzteschaft damit keinswegs entschärft,
weil man mit der Umwandlung der Ausbildung in ein Hochschulstudium am
eigentlichen Problem vorbeiging: Josefson entdeckte nämlich, daß die
Schwierigkeiten des Pflegepersonals in der Formulierung und (diskursiven)
Vermittlung ihres
Erfahrungswissens
nicht aus einer mangelhaften (sprachlichen) Ausbildung resultierten, sondern in
der
Unmöglichkeit
verankert waren, wesentliche Teile dieses Erfahrungswissens in einer rationalen
Sprache auszudrücken. Unterstützung für diese Beobachtung fand
Ingela Josefson dann in der Philosophie Ludwig Wittgensteins und in den
wissenschaftstheoretischen Texten des ungarischen Arztes und
Erkenntnistheoretikers Michael Polanyi.
[5] Das
Erfahrungswissen steht immer in Zusammenhang mit und dadurch in
Abhängigkeit von einer handelnden Person, ist somit subjektiv (nicht im
Sinne von willkürlich) und tritt immer in einer ganz konkreten Situation
auf, von deren Kontext es nicht ablösbar ist. Es bleibt daher ein
besonderes, zeitgebundenes, uniques und lokales Wissen, das nicht
verallgemeinerbar ist. Gleichzeitig ist es ein körperliches Wissen, da es
mit allen Sinneswahrnehmungen unmittelbar verknüpft ist. Menschen sind
fähig, in sehr kurzer Zeit hochkomplexe Situationen zu erfassen, alle
daran beteiligten Einzelheiten (clues) als
Gestalt
wahrzunehmen – wobei eine sehr große Anzahl von Randinformationen
unterschwellig wahrgenommen werden – und ohne Nachdenken eine
adäquate Handlung auszuführen. Diese Fähigkeit ist nicht nur bei
der Ausübung manueller Tätigkeiten beobachtbar, sondern in allen
sensomotorischen und kognitiven Bereichen menschlicher Tätigkeit: Wie
schmeckt Kaffee? Wie klingt eine Klarinette? Wie
spiele
ich Klarinette? Wie
lerne
ich, Klarinette zu spielen? Wie verlege ich einen Fußboden? Wie fahre ich
mit dem Fahrrad eine Kurve? Wie spreche ich mit islamischen Fundamentalisten?
Wie pflege ich einen Krebskranken? Was haben Menschen im zweiten Weltkrieg
erlebt und was hat das für sie bedeutet? Wie interpretiere ich Gedichte?
All das inkludiert Erfahrungswissen, und all diese Fragen könnte man auch
in der ‘großen aristotelischen Frage’ gipfeln lassen: Wie
führe ich ein gutes Leben?
Die
große Anzahl der an Handlungen und Erkenntnisakten beteiligten einzelnen
Faktoren, die Gebundenheit dieses Erfahrungswissens an einen Körper und an
Sinneswahrnehmungen sowie die Gebundenheit an und die Vertrautheit mit Personen
und Situationen (Ingela Josefson nennt das Erfahrungswissen auch
Vertrautheitswissen
und das explizite Wissen
Aussagewissen)
sind die Gründe für die Schwierigkeiten, dieses Wissen in eine
rationale und verallgemeinerbare Sprache zu transformieren.
Wissenschaftliches
Wissen hingegen richtet – im Sinne eines postmodernen Paradigmenwechsels
sollte man vielleicht sagen: „richtete lange Zeit” – sein
Augenmerk auf das Allgemeine und Geregelte, versucht, personen- und
situationenunabhängig, universell und zeitlos gültig zu sein und
fordert die Explizitmachung und Überprüfbarkeit aller Faktoren, die
in Erkenntnis- oder Handlungsakten eine Rolle spielen.
Die
Sprache für dieses wissenschaftliche Aussagewissen richtet sein Augenmerk
auf den Begriff, auf das
Sagen,
während das Erfahrungswissen un
sagbar
bleiben muß. Das Erfahrungswissen benötigt andere sprachliche
Zugänge. Es
zeigt
sich vielmehr in der Alltagssprache, in der mündlichen Kommunikation (in
der man die Gestik und Mimik eines Sprechers wahrnehmen kann), es zeigt sich im
metaphorischen Sprachgebrauch, der über Bilder dasjenige zu zeigen
versucht, das nicht zu bezeichnen ist.
[6]
Und ebenso finden wir in literarischen Geschichten eine Form von
Erfahrungswissen, die uns dort über konkrete Beispiele vermittelt wird,
über konkrete Menschen in konkreten Situationen. Literarische Texte geben
uns keine Regeln vor, bieten uns keine generellen Wahrheiten oder
Informationen, sondern kontextgebundenes Wissen, das nicht in
Informationseinheiten transformierbar ist.
[7] Was
ist daran postmodern? Bzw. in welchem Zusammenhang stehen diese
epistemologischen Ausführungen mit einer postmodernen
„Geistesverfassung”, um ein Stichwort von Jean-François
Lyotard aufzugreifen?
Ich
werde einige Indizien anführen, welche die Verbindung zwischen
postmoderner Theorienbildung und dieser empirischen Arbeit mit
Krankenschwestern aufzeigen können:
1* Diese
Arbeit steht in der Tradition der
Oral
History
,
die in den Geschichtswissenschaften manchmal als
„gegenaufklärerische Wende” bezeichnet
[8]
und im Zusammenhang mit einem Paradigmenwechsel in der Geisteswissenschaft
thematisiert wird, den man mit dem Begriff „postmodern” fassen
könnte. Schlagwortartig könnte man diesen Paradigmenwechsel mit
folgenden Begriffen umschreiben: Statt Strukturen rücken narrative
Erzählungen in den Vordergrund (Ungeregeltes statt Geregeltes
);
statt Herrschaftsgeschichte die Geschichte der kleinen Leute; statt
kanonisierten Texten und Forschungsgegenständen marginalisierte, scheinbar
unwichtige (Marginales statt Zentrales); statt Kontinuitäten Brüche
(Diskontinutitäten statt Kontinuitäten); statt Fakten und
Wirklichkeiten Kulturen und Texte (Signifkanten statt Signifikate); statt
schriftlich fixierter Dokumente mündliche Aussagen, Zeugnisse,
Gespräche (Mündliches statt Schriftliches); statt Wissenschaft und
Gesetz der Common-Sense; statt Nachweise Verweise; statt Erkenntnis Erfahrung;
statt Beobachtung Tätigkeit; statt Sehen Hören; statt Ursachen
(causes) Bedingungen (conditions); statt übergreifende Zusammenhänge
kleine, zufällige Einheiten (Besonderes statt Allgemeines); statt
gesteuerte Systeme sich selbst überlassene Prozesse (Ereignisse statt
Systeme); statt Zentren Supplemente... Diese Liste könnte man im
übrigen noch fortsetzen. Der jeweils zweite Pol dieser Begriffspaare wird
in postmodernen Theorien erstens stärker thematisiert und zweitens auch
aufgewertet, wodurch diese im wissenschaftlichen Paradigma mehr und mehr die
alten Strukturen abzulösen beginnen. Dabei sollte man bedenken, daß
die ‘neuen’ Begriffe nicht unbedingt weniger präzise sind. Ich
denke auch, daß diese postmoderne Terminologie meine Arbeit adäquat
beschreiben könnte.
Genau
genommen ist es unzutreffend, eine solche empirische Arbeit als
„postmodern” zu bezeichnen. Zutreffender wäre es zu sagen,
daß es Ausdruck postmodernen Zeitgeistes ist, daß eine solche
Arbeit zunehmend Platz findet oder Platz finden könnte.
[9] 2*
Ist
meine Auswahl – sowohl der Berufsgruppe, der Vertreterinnen dieser
Berufsgruppe wie auch der Texte – zufällig, daher postmodern? Diese
Frage hat durchaus etwas für sich, denn WissenschaftlerInnen haben in den
letzten Jahren zunehmend akzeptiert, daß jegliche Auswahl vom Zufall
mitgestaltet wird, und daß es manchmal zielführender ist,
vereinzelte, scheinbar nebensächliche und an den Rand gedrängte
Diskursstränge aufzugreifen und zu verfolgen.
[10]
Die Auswahl ist zufällig, das mag sein; aber die Gespräche selbst
sind es keineswegs, denn sie sind eingebunden in einen Kontext und in ein Netz
vielfältiger Bedingungen und Gewohnheiten, die zwar fiktional sind und auf
einer diskursiven und damit veränderbaren Ebene angesiedelt sein
mögen, die jedoch tief in die Materialität des Lebens – in die
Wünsche, Bedürfnisse, Überzeugungen, Verhaltensweisen und
Körper der Menschen – durchgedrungen sind, daher auch materiell
sind. Auch die Auswahl der Texte mag zufällig sein, aber die sich daraus
ergebenden Konsequenzen in der Reflexion, in der Rückbindung an die eigene
Erfahrung, sind es keineswegs.
3*
Die
Gespräche der Krankenschwestern sind ein Text, in dem sie versuchen, ihrem
Erfahrungswissen eine Sprache zu geben. Dieser Text hat sich über eine
lange Zeit – ungefähr über ein Jahr – herausgebildet.
Diesem sich bewegenden Text begegnen wir in der Gruppe mit anderen Texten, mit
literarischen Texten, die den ursprünglichen Text wiederum verändern.
Meine Arbeit als Literaturwissenschaftler besteht dabei nicht nur in der
angemessenen Auswahl und Interpretation literarischer Texte oder in der
wissenschaftlichen Auswertung der fortlaufenden Arbeit, sondern die
Gespräche der Krankenschwestern begreife ich selbst als einen
literarischen Text, den ich als Teilnehmer an den Gesprächen
mitproduziere. Die Arbeit der Krankenschwestern in den Spitälern, in
Hospizdiensten oder in der Hauskrankenpflege begreife ich als ein diskursives
Feld, das durch den ‘Einbruch’ eines anderen Diskursfeldes –
des literarischen – zunächst einmal erfaßbar gemacht wird,
dann auch verändert und verwandelt wird.
Allerdings
ist es nicht zielführend, einfach alles als Text zu bezeichnen.
Natürlich weiß ich, daß Erfahrung und Handlungswissen, das
sich in konkrete Tätigkeiten umsetzen läßt, etwas anderes ist
als das Reden darüber. Und Krankenschwestern sind natürlich in einen
konkreten, Kontext von Berufswelt eingebunden, in dem sie auch
‘nicht-diskursive’, ‘reale’ Erfahrungen machen, d.h.
Erfahrungen die zwar durch Diskurse beeinflußt sind, sich jedoch in einem
vorsprachlichen Bereich bilden. Mit den Begriffen – bzw. der
Begriffsreihe – „Ereignis – Erfahrung – Erinnerung
– Erzählung” könnte man den Paradigmenwechsel zwischen
Moderne und Postmoderne zu beschreiben versuchen: HistorikerInnen,
SozialwissenschaftlerInnen und selbst LiteraturwissenschaftlerInnen
interessierten sich erstens lange Zeit fast ausschließlich für das
Ereignis (für die Realität, die – wie man meist glaubte –
irgendwo außerhalb von uns als erkennende Subjekte zu finden sei), und
beschritten zweitens dabei den Weg von der Erzählung
zurück
zu diesem Ereignis. Dabei gingen sie von einem grundlegenden strukturellen
Unterschied aus zwischen der Realität (dem Ereignis) und dem Text (der
Erzählung oder der über die Erzählung rekonstruierbaren
Erinnerung) aus. Differenzen resultierten in der Auffassung der
Erkennbarkeit
dieser Realität, nicht aber in der
Existenz
als
Realität, die sich in ihren Eigenschaften deutlich von diskursiven
Phänomenen wie einer Erzählung unterscheidet.
Ich
negiere nun keineswegs die Existenz einer vorsprachlichen Realität, ich
negiere auch keienswegs die Möglichkeit, diese vorsprachliche
Realität, das
Ereignis
in irgendeiner Form zu rekonstruieren
[11],
allerdings glaube ich nicht, daß die Wirklichkeit etwas ist, das von
Diskursen unabhängig ist und von diesen nur mehr oder weniger exakt
abgebildet werden kann. Zudem bin ich kein Sozialwissenschaftler, der in die
Klininken geht und dem Pflegepersonal bei der Arbeit über die Schulter
schaut, oder der selbst diese Arbeit macht (gleichsam die Erfahrung
selbst
macht
,
um die Erzählung darüber wirklich verstehen zu können). Ich
interessiere mich nur nicht so sehr für das Ereignis
[12],
ich interessiere mich auch nicht so sehr für die adäquate und
nachträgliche Beschreibung des Prozesses; ich interessiere mich vor allem
für den Prozeß selbst, die Erzählung und die die Erinnerung,
die durch die Erzählung sichtbar wird (und natürlich auch verwandelt
wird).
[13]
Man kann es noch pointierter und etwas überspitzt formulieren: Nicht die
Frage: Worauf verweist die Erzählung, welche Erfahrung bildet sie ab?
steht im Vordergrund, sondern das Ereignis des Erzählens selbst. Man
könnte es auch mit Lyotard formulieren: Nicht die Frage: Was geschieht?
ist von vorrangigem Interesse, sondern
daß
es geschieht.
4*
Die
Differenzierung in ein implizites Erfahrungswissen und ein explizites
Ausagewissen (in
know
how
und
know
that
)
ist durchaus eine, die der Tradition der Moderne nicht fremd ist, und auch die
binäre Gegenüberstellung dieser beiden Wissensarten steht in dieser
Tradition. Allerdings ist es ebenso eine Eigenschaft dieser modernen Tradition
– zumindest in der Charakterisierung vieler postmoderner und
dekonstruktivistischer WissenschaftlerInnen wie beispielsweise Jacques Derrida
–, daß ein Pol dieser binären Opposition sich auf Kosten des
anderen Pols behauptet und in den Vordergrund drängt. Die verschiedenen
Formen dieser Unterdrückungsmechanismen sind bekannt: Mann/Frau,
Wissenschaft/Kunst, Sprache/Schweigen etc.
Die
Schriften postmoderner PhilosophInnen haben mir einige wesentliche
Charakterisierungen eines solchen Verhältnisses zur Verfügung
gestellt, die eine veränderte Betrachtung und eine Veränderung
innerhalb desselben möglich machen:
4.1*
Die Postmoderne hat den Widerstreit dieser inkommensurablen Diskurse und
Sprachspiele weder erfunden noch aus ihm herausgeführt. Aber sie hat ihn
meines Erachtens deutlich gesehen und zu Bewußtsein gebracht; sie hat
gezeigt, daß man aus solchen Oppositionspaaren nicht aussteigen kann
(Derrida spricht davon, daß man Gegensätze nicht metaphysisch
überwinden könne), aber daß es auch keine Meta-Ebene (mehr)
gibt, keinen Richter (sei es die Politik oder die Wissenschaft), der über
die Wertigkeiten der beiden Pole entscheiden könnte.
Aber
möglicherweise sind diese Gegensätze, ist der Widerstreit in einer
dekonstruktiven Bewegung umkehrbar. Wenn man auch aus der grundsätzlichen
Dichotomie zwischen Erfahrungswissen und Aussagewissen, zwischen Theorie und
Praxis, nicht auszusteigen vermag, so kann man doch das Marginalisierte und
Unterdrückte ins Zentrum rücken, seine Aufmerksamkeit auf diese
Bereiche konzentrieren, scheinbar Nebensächliches mit Geduld verfolgen,
dem Gespräch gewissermaßen freien Lauf lassen, ohne regelnd und
forschend einzugreifen. Das entbindet die WissenschaftlerInnen aber keineswegs
von Ansprüchen wie Präzision und aufmerksamer Beobachtung.
Klarerweise
ist der Gegensatz zwischen Erfahrungswissen und Aussagewissen nicht so strikt
und polar, wie er in meiner Erläuterung vielleicht erscheint. Der
Gegensatz zwischen diesen beiden epistemologischen Feldern ist nicht mit der
Differenz zwischen Mann und Frau vergleichbar, sondern zwischen männlich
und weiblich. „Männlich” und „weiblich” sind dabei
keine feststehenden und sofort sichtbaren Merkmalsbündel, sondern sich
verändernde und sich bewegende kulturelle Zuschreibungen. Der Vergleich
von Erfahrungswissen und Aussagewissen mit Weiblichem und Männlichem ist
nicht zufällig: Viele Eigenschaften, die den Bereich des impliziten
Erfahrungswissens charakterisieren, werden traditonellerweise dem Weiblichen
sehr viel eher zugeordnet als dem Männlichen (Intuition; das Gefühl
haben, daß etwas der Fall ist; unsagbar etc.), während umgekehrt das
Aussagewissen mit dem Männlichen konnotiert wird. Auch ist es kein Zufall,
daß die meisten Personen im Pflegebereich Frauen, die meisten Ärzte
Männer sind.
4.2* Das
Erfahrungswissen bleibt zwar ‘stumm’, aber erstens ist es
eingebunden in ein diskursives Feld, ist es selbst ein Text, und zweitens gibt
es sehr wohl eine Sprache für dieses Erfahrungswissen, gibt es diskursive
Zugänge zu diesem Erfahrungswissen, zu diesem
tacit
knowledge
(Michael Polanyi), und eine solche Sprache muß eine literarische Sprache
sein. Die Sprache für die Erfahrung ist eine ästhetische Sprache.
[14]
Es geht mir nun nicht darum, das Scheitern der Wissenschaft zu verkünden
und nitzscheanisch die Kunst als Retterin verloren gegangener Einheit
herbeizurufen; ebensowenig bin ich für die Ablösung einer rationalen
Vernunft durch eine ästhetische (obwohl mir dies möglicherweise den
Beifall von VertreterInnen der Postmoderne einbringen würde). Allerdings
nütze ich durchaus den postmodernen Zeitgeist, der ästhetische
– und auch alltagssprachliche – Diskurse als kognitive
Erkenntnisinstrumente begreift und damit gegenüber logisch-rationalen
Zugängen in eine Reihe rückt. Das ermöglicht mir erstens,
daß ich theoretische Unterstützung für meine Arbeit finde, und
daß ich zweitens eine derartige empirische Arbeit im akademischen Milieu
vertreten kann.
Warum
muß eine solche Sprache literarisch sein? Wie bereits angedeutet,
zeigt
uns Kunst Beispiele, Beispiele von konkreten Menschen die in konkreten
Situationen mit einem ganz bestimmten Kontext handeln. Eine solche Struktur
erlaubt es uns, durch Analogieschlüsse Vergleiche mit unseren eigenen
Handlungszusammenhängen zu ziehen, wobei wir etwas ausnützen
können, das Francisco Varela
Ausdehnung
genannt hat:
[15]
Wir dehnen bereits gemachte Erfahrung auf Situationen aus, die für uns
noch neu sind, wodurch sich unser Erfahrungswissen wie konzentrische Kreise
immer mehr erweitert und verstärkt. Wenn wir eine einfache Schlitzschraube
in ein Stück Holz hineindrehen können, dann kommen wir auch mit einer
Kreuzschlitzschraube zurecht, auch wenn wir eine solche noch nie gesehen haben.
Literatur kann dabei sowohl die Quelle neuer Beispiele und
Anwendungssituationen sein, ist aber gleichzeitig – da wir uns ja in
einem kognitiven Bereich bewegen – ein Ausgangspunkt neuer Reflexionen,
ein Filter oder eine Brille, durch die wir unsere gewohnten Zusammenhänge
anders sehen können.
Erfahrungswissen
benötigt andere Kanäle der Vermittlung als Aussagewissen, da es nicht
einfach in Vorlesungen gelehrt werden kann, so wie man Informationseinheiten
überträgt und weitergibt. Erfahrungswissen heißt, daß man
selbst Erfahrungen machen muß, daß man selbst ausprobieren und
lange üben muß, bis man es zu einer gewissen Fertigkeit bringt. Aber
können
wir Erfahrungen über die Rezeption von Kunst begreifen, denn diese
Rezeption ist doch ein kognitiver Vorgang, der mit der Übertragung von
Information doch sehr viel mehr zu tun hat als mit der Einübung von
Fertigkeiten und Tätigkeiten? Ich möchte diese Frage weder mit einem
Ja noch mit einem Nein beantworten. Natürlich ist die Rezeption von Kunst
(und gerade von Literatur) ein kognitiver Erkenntnisvorgang, aber ich habe auch
nie behauptet, daß hier
dasselbe
passiert, wie wenn man eine manuelle Tätigkeit ausübt. Kunst ist
vielmehr ein Art und Weise der kognitiven
Reflexion,
die unsere Formen des Übens und Ausprobierens beeinflußt, sie
kritisch hinterfrägt und damit beeinflußt. Trotzdem begreifen wir
Erfahrung in der Kunstrezeption auch direkt und unvermittelt, denn wenn man den
fiktiven Charakter der Kunst und ihre Unbestimmtheit (ihre
„Leerstellen”, um einen gängigeren literaturtheoretischen
Ausdruck zu verwenden) betont, wird auch klar, warum Kunst als
Vollzug
verstanden werden kann, so wie Francisco Varela (in seinem Buch
Ethisches
Können
)
Erkennen als vollzugsorientiertes Handeln beschreibt. Denn ein Text wird erst
im
Akt des Lesens zum literarischen Kunstwerk. In diesem Vollzug (als Lesen)
werden in erster Linie nicht dargestellte Erfahrungen als Information
aufgenommen, sondern Erfahrungen aktiv
gemacht,
indem ein Text mit Hilfe des Hintergrundwissens des Lesers gestaltet wird, d.h.
die Leerstellen aufgefüllt werden. Erst dieses aktive Gestalten vermittelt
einem die Bedeutung des Gesagten. Das ist ein zentraler Punkt ästhetischer
Erfahrung, da die geschlossene Struktur wissenschaftlicher Texte diese Form des
Rezipierens zurückdrängt, und daher
Bedeutung
nur schwer vermittelt werden kann.
In
wissenschaftlichen Texten wird Information vermittelt. Allerdings hilft einem
diesem vermittelte Information oft nicht weiter, wenn man eine Handlung
ausführen will oder die Bedeutung von Erfahrung verstehen möchte,
selbst wenn man den Fall annimmt, daß diese Information vollständig,
authentisch oder ‘wahr’ wäre. Die Analyse des Klangs einer
Klarinette oder die Analyse der Duftstoffe, die im Kaffee enthalten sind,
helfen uns nicht, die Frage nach dem Klang einer Klarinette oder nach dem
Geschmack von Kaffee zu beantworten, so wie ja auch einem Radfahrer das
explizite Wissen um Schwerkraft, Fliehkraft und Reibung nicht hilft – und
sei es noch so detailliert –, eine Kurve zu meistern. Ich behaupte nicht,
daß literarische Texte keine Information beinhalten (man kann ja
über Texte sprechen, sie nacherzählen etc.), aber es
passiert
auch etwas, wenn man sie liest, etwas, das über die Vermittlung von
Information oder über die reine kognitive Reflexion hinausgeht.
[16] Es
ist aber nicht nur diese Struktur der Unbestimmtheit, die es dem/der LeserIn
erlaubt, Erfahrungen zu machen, sondern auch die metaphorische Struktur
literarischer Texte, die unmittelbares Begreifen ermöglichen; vereinfacht
formuliert: Man begreift etwas, ohne nachzudenken, so wie man manchmal Bilder
(und Metaphern sind nichts anderes als mentale Bilder) direkt und unmittelbar
versteht. Erfahrungswissen ist dadurch gekennzeichnet, daß der Handelnde
fähig ist, innerhalb eines Augenblicks alle relevanten Informationen und
Einzelheiten (und das können sehr viele sein) zu erfassen, ist also durch
Gleichzeitigkeit charakterisiert. Ebenso kann man bei der ästhetischen
Erfahrung diese Struktur der Gleichzeitigkeit beobachten, während der
wissenschaftliche Diskurs linear-sukzessiv aufgebaut ist.
[17] Einem
möglichen Mißverständnis sei hier vorgebeugt: Erfahrungswissen
ist niemals völlig sprachlos, und daher wäre es auch irreführend
zu behaupten, daß die
einzige
Möglichkeit zur Aneignung von Erfahrung ausschließlich Erfahrung
selbst sei und daß der
einzig
gangbare diskursive Weg zum Erfahrungswissen ein ästhetischer sein
muß. Erstens sind die Grenzen zwischen Erfahrungswissen und Aussagewissen
sowie auch zwischen wissenschaftlichen, ästhetischen und
alltagssprachlichen Diskursen weitaus vielfältiger, diffuser und
transparenter, wie ich es in so einem kurzen Artikel ausführen
könnte, und zweitens kann Sprache das Erfahrungswissen gewissermaßen
begleiten, kann Richtlinien formulieren oder „Winke” geben, wie es
Wittgenstein genannt hat.
[18] 4.3* Michael
Polanyi hat gezeigt, daß die Grundlage jeglichen expliziten Wissens ein
implizites Wissen sein muß. Das reicht von einfachen motorischen
Tätigkeiten bis zu hochkomplexen kulturellen Leistungen: Wenn wir einen
Nagel in die Wand schlagen, dann richten wir unsere Aufmerksamkeit (
focal
awareness
)
auf den Hammer, den Nagel und die Wand. Die Handlung funktioniert allerdings
nur, weil wir Nervenreize in der Handfläche und in unserem Arm
unterschwellig wahrnehmen (
subsidiary
awareness
).
Würden wir uns auf diese Nervenreize konzentrieren, dann hätten wir
bald blau geschlagene Fingerspitzen. Eine analoge Struktur entdeckte Polanyi
auch in komplexeren Tätigkeiten wie der Wissenschaft: Auch
wissenschaftliche Tätigkeit beruht auf impliziten Prämissen und
Vorannahmen, die wir als Basis brauchen, die jedoch selten hinterfragt werden
(und die auch im Akt der wissenschaftlichen Tätigkeit nicht bezweifelt
werden können, so wie ein Klavierspieler bei einem Tremolo unweigerlich
scheitern würde, wenn er immer überlegen müßte, ob er nun
mit dem Zeigefinger vor dem Ringfinger oder umgekehrt beginnen müsse). Die
Prämissen sind auch nicht vollständig ‘hinterfragbar’.
[19] Die
Postmoderne begreift nun – vorbereitet durch den „linguistic
turn” – diese beiden Formen des Wissens oder der Erfahrung auch als
diskursive Phänomene, die es erlauben, den Analogieschluß zwischen
implizitem Wissen und ästhetischen Diskursformen zu ziehen.
Jean-François Lyotard spricht vom narrativen und vom wissenschaftlichen
Wissen, und er analysiert auch die Gründe dafür, warum das narrative
Wissen die Legitimierung, die Basis, für wissenschaftliches Wissen
darstellt:
[20]
Wissenschaftliches Wissen kann niemals seine eigene Legitimierung wiederum
wissenschaftlich absichern. Die Letztbegründungen wissenschaftlicher
Bemühungen müssen zwangsläufig ‘unbeweisbare’ mehr
oder weniger persönliche, wirtschaftliche oder allgemein ethische
Begründungen sein, in Lyotards Diktion „narratives Wissen”,
also die Geschichten, die wir uns über unsere Welt erzählen, mit der
wir unsere Welt gestalten und ihr Sinn verleihen. Literarische Texte sind Teil
dieser kulturellen Sinngebung und Gestaltung und werden dadurch zu einer Basis
unseres wissenschaftlichen Aussagewissens, unserer wissenschaftlichen
Tätigkeit.
In
der Arbeit mit Krankenschwestern versuchen wir gemeinsam, diese Basis
bewußt zu machen, zu reflektieren, zu erweitern und zu verändern.
Ein wichtiger Schritt in dieser Reflexion ist es zu begreifen, daß die
Wurzeln unseres Tuns, daß die Basis unserer Handlungen kulturelle
Vorannahmen und Prämissen sind – daß es Texte sind – und
nicht einfach ‘ganz natürliche’, immer und überall
gültige Tatsachen. Gerade ein Blick in vergangene Epochen oder in andere
Kulturen erlaubt es, diese Kulturabhängigkeit wahrzunehmen.
Sie
könnten jetzt allerdings immer noch mit den Schultern zucken und fragen:
Und? was hat das mit dem Thema dieser Konferenz zu tun, mit Macht und Sprache,
mit Differenz und Krise der Moderne?
Meine
Antwort auf diese Frage wird kurz ausfallen, und wird gleichzeitig modern und
postmodern sein: Ich habe als Literaturwissenschaftler im diskursiven Bereich
Erfahrung,
sowohl was ästhetische, als auch was wissenschaftliche Texte betrifft. Die
Krankenschwestern haben sehr große Erfahrung im Bereich ihres impliziten
Berufswissen. In einer gemeinsamen Arbeit können wir eine Sprache für
diesen Bereich finden, was letzten Endes – so hoffe ich – auch eine
Stärkung der politischen Position (was beispielsweise die
Durchsetzungskraft bezüglich der Bezahlung betrifft) bewirken könnte.
Hier möchte ich allerdings sehr vorsichtig sein, da ich den Einfluß
einer solchen Forschungsarbeit nicht überschätzen möchte.
Ich
könnte diese Antwort auch postmoderner formulieren: Die Krankenschwestern
bewegen sich in einem diskursiven Feld (der Medizin oder der Klinik), in dem
teilweise inkommsensurable Sprachspiele (der medizinische Diskurs, der Diskurs
der Pflege) um symbolisches (und um reales) Kapital kämpfen. Und dieser
Kampf ist auch ein ‘diskursiver’ Kampf, denn es geht um Sprache, um
symbolische Ordnungen. Wo es um symbolisches Kapital geht, geht es auch um
Macht und um Gewalt. Die Ärzte sind meist Männer, die – um es
lacanianisch zu formulieren – das Gesetz des Vaters vertreten und die
symbolische Ordnung verwalten. Die Konsequenzen der symbolischen Gewalt sind
oft erschreckend nicht-diskursiv: So liegt die Selbstmordrate bei Ärzten
um 50 Prozent über dem Durchschnitt der restlichen Bevölkerung, bei
Ärztinnen um 250 Prozent.
[21]
Tragen müssen diese Konsequenzen allerdings beide Seiten –
Männer wie Frauen, Ärzteschaft wie Pflegepersonal. Hier könnte
man eine breite Palette von Fragen anschließen, die ich an dieser Stelle
nicht weiterverfolgen kann: Warum befinden sich in meiner Lektüregruppe
nur Frauen? Warum gibt es sowenige Männer unter dem Pflegepersonal? Wie
kam es historisch gesehen zur Bevorzugung des rationalen Wissens vor dem
intuitiven Handlungswissen?
[22]
etc.
Ich
denke, daß GeisteswissenschaftlerInnen in dieser Auseinandersetzung (in
diesem ‘machtvollen’ Kampf) um symbolisches Kapital durchaus Partei
ergreifen sollen. Das wäre ein zugleich moderne (linke) Reaktion (Partei
ergreifen) und eine postmoderne Reaktion (es geht um das diskursive Feld, um
Sprache und Sprachspiele). Ich hatte weiter vorne gesagt, daß die
Prämissen unseres Handelns (in allen Bereichen menschlichen Lebens)
„mehr oder weniger persönliche, wirtschaftliche oder allgemein
ethische Begründungen sind”. Damit rede ich nicht einem
hemmungslosen Relativismus das Wort, denn es ist eine Tatsache, daß viele
Menschen für die gleiche Arbeit nur halb so viel Lohn bekommen wie andere,
daß wiederum andere (und zwar mehr und mehr) keine Arbeit haben oder
hungern. Und dafür gibt es auch Ursachen. D.h. die Prämissen unseres
Tuns sind zwar
Wertungen,
welche aber keineswegs willkürlich sind und unsere poltische Verantwortung
erfordern.
Wir
können vielleicht nicht erklären und definieren, warum die Kunst und
die Literatur wichtig sind. Wir können vielleicht auch nicht erklären
– und vielleicht sollten wir es auch nicht –, was Erfahrung genau
ist. Aber wir können uns dafür einsetzen. Die Geisteswissenschaft kann
sagen,
daß
Kunst etwas Wichtiges
zeigt.
Somit kann die Geisteswissenschaft als Anwalt des Impliziten verstanden werden,
durchaus dem „Admiral” von Lyotard vergleichbar, der zwar keine
eigene (diskursive) „Insel” besitzt, aber zwischen verschiedenen
Inseln (Kunst, Politik, Wirtschaft etc.) hin- und herfährt, um
„Waren” von einer Insel zur anderen zu transportieren.
Geisteswissenschaft
kann somit Kommunikationsprozesse
gestalten.
LiteraturwissenschaftlerInnen könnten durch ihre Mittlerstellung –
geschult als WissenschaftlerInnen und auch als LeserInnen – den
Widerstreit zwischen Diskursen thematisieren, könnten
Kommunikationsprozesse verbessern, sensibilisieren, mitgestalten oder
überhaupt erst in Gang bringen, aber auch Unverständnis und
‘Aneinander-Vorbeireden’ kritisch reflektieren, wobei man sich im
Klaren sein muß, daß eine solche Reflexion immer auch Grenzen hat.
[1]
Und damit meine ich jene – philosophische – Postmoderne, die
Wolfgang Welsch in seinen Publikationen zu diesem Thema als „veritable
Postmoderne” bezeichnete (vgl. z.B.
Unsere postmoderne Moderne
.
Weinheim 1987; ders. (Hg.):
Wege
aus der Moderne. Schlüsseltexte zur Postmoderne-Diskussion.
Weinheim 1988), und nicht eine „Postmoderne der Beliebigkeit”
– den Begriff habe ich bei Lyotard gefunden –, die ohne Stringenz
und Exaktheit alle möglichen Kunststile und philosophischen Richtungen und
Denkweisen in einem konzeptlosen Mix durcheinandermischt.
Der
Begriff „Postmoderne” bezeichnet ein heterogenes Bündel von
Denkansätzen und Bewegungen. Darunter fallen auch Positionen, welche die
Differenz zwischen Realität und Text und die Möglichkeit
präziser Analysen oder einer klaren politischen Position nicht einfach
verabschieden oder dekonstruieren, sondern als möglich und auch notwendig
erachten. Diesen Positionen fühle ich mich durchaus verbunden,
während ich wiederum andere – ebenso postmoderne –
Auffassungen nicht teilen kann, die von einem Ende der Geschichte, von der
Unübersetzbarkeit von Diskursen, der Unmöglichkeit von Kritik oder
der Nicht-Existenz von Subjekt und Wirklichkeit sprechen.
[2]
Im folgenden möchte ich mich vor allem auf dieses Problem des häufig
unformulierbaren Handlungswissens konzentrieren. Natürlich kamen im Laufe
dieser eineinhalb Jahre auch viele andere Themen zur Sprache: Probleme der
Verantwortung (auch der juristischen) gegenüber PatientInnen; Sterben und
Leiden sowie die Hilflosigkeit, die dabei oft auftaucht; die Problematik von
Nähe und Distanz in der Pflege (wo auch die Themen Emotionen und
Sexualität eine große Rolle spielen) etc. Im Laufe der Arbeit wurde
jedoch sichtbar, daß viele dieser Problem mit dem des Erfahrungswissens
unmittelbar zusammenhängen: Gerade die Thematisierung von Emotionen (Ekel,
Wut, Trauer, Hilflosigkeit, Aggression...), von Nähe und Distanz oder auch
der Umgang mit Tod und Leiden war untrennbar mit der Diskussion des
Erfahrungswissens verknüpft. An dieser Stelle möchte ich mich
allerdings nur mit den erkenntnistheoretischen (und sprachphilosophischen)
Implikationen auseinandersetzen.
[3]
Natürlich spielt auch die Frage des Verkaufs bzw. der Verpackung eine
Rolle: Ich bin Teil einer wissenschaftlichen Gemeinschaft, und in dieser
Gemeinschaft geht es auch um Macht, die sich rund um das symbolische Kapital
(Bourdieu) abspielt. Allerdings stellt sich die Frage, ob die Aktien der
Postmoderne nach dem Höhenflug der letzten Jahre ihr hohen Wert halten
werden können. Wenn man die literaturtheoretische Diskussion der letzten
Jahre im angloamerikanischen Raum verfolgt (wo die
New
Historicists
die
Yale
Critics
bereits mehr oder weniger verdrängt haben), dann scheint mit postmodernem
Kapital nicht mehr allzu viel Gewinn gemacht werden zu können.
[4]
Ingela Josefson wechselte in den 70er-Jahren von der Universität an das
Institut für Arbeitsweltforschung. Dieses Institut wurde von Olof Palme in
Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften ins Leben gerufen, da die
Universität von den konkreten Problemen der Arbeitswelt zu weit entfernt
war (und ist). An dieses Institut können sich Berufsgruppen (über
ihre Vertretungen) wenden, wenn in der Arbeitswelt bestimmte Probleme
auftauchen. WissenschaftlerInnen dieses Instituts entwickeln dann in
interdisziplinärer Zusammenarbeit Theorien und Strategien, mit denen
diesen spezifischen Problemen begegnet werden kann.
[5]
Wittgensteins Philosophie bietet eine breite und vielfältige
Thematisierung jener Bereiche menschlichen Wissens, die nicht oder nur
äußerst schwer in eine Sprache gebracht werden können. In
seiner frühen Phase des Philosophierens negiert Wittgenstein strikt die
Möglichkeit, wichtige Teile menschlicher Lebenswelt zu formulieren. Der
berühmte letzte Satz des
Tractatus
logico-philosophicus
gibt dem den überzeugendsten Ausdruck: „Worüber man nicht
sprechen kann, darüber muß man schweigen.” (in: Werkausgabe,
Band 1, Frankfurt a. M. 1984, hier S. 85). Daß dieser unsagbare Bereich
unwesentlich und zu vernachlässigen sei, ist meines Erachtens ein
Mißverständnis, das sich jedoch durch den Einfluß des
Positivismus und des Wiener Kreises sehr lange gehalten hat. Wittgenstein
selbst hat diese Interpretation allerdings nie vertreten, denn innerhalb dieses
Bereichs des Unsagbaren finden sich die „Lebensprobleme”:
„Wir fühlen, daß, selbst wenn alle
möglichen
wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar
nicht berührt sind.” (
Tractatus,
ebd., S. 85).
Trotz
der Unmöglichkeit der Beschreibung bestimmter Formen des Wissens sind
diese doch sprachlich zugänglich: „Es ist nicht nur schwierig zu
beschreiben, worin Kennerschaft besteht, sondern unmöglich. Um zu
beschreiben, worin sie besteht, müßten wir die ganze Umgebung
beschreiben.” (Wittgenstein,
Vorlesungen
und Gespräche über Ästhetik, Psychoanalyse und religiösen
Glauben
,
Düsseldorf-Bonn
21996,
hier S. 18). Der Konjunktiv im letzten Satz bedeutet ja keine prinzipielle
Unmöglichkeit, sondern einen erhöhten heuristischen Aufwand und eine
Verschiebung der Ebene der Beschreibung, so wie man die Antwort auf die Frage
nach der Existenz eines Loches auch mit der Beschreibung dessen Randes in
Angriff nehmen könnte.
In
den
Philosophischen
Untersuchungen
hat Wittgenstein die strikte Grenzziehung mit der Einführung des Begriffs
der „Sprachspiele” aufgeweicht: Es gibt nun nicht mehr zwei
völlig voneinander getrennte Bereiche (Wissenschaft und ‘unsagbare
Lebensprobleme’), sondern verschiedenste Sprachspiele, die
mehr
oder weniger
rationalisierbare und formulierbare Wissensanteile aufweisen. Vergleiche
beispielsweise §78 der Philosophischen Untersuchungen:
„Vergleiche:
wissen
und
sagen: wieviele
m hoch der Mont-Blanc ist –
wie
das Wort ‘Spiel’ gebraucht wird –
wie
eine Klarinette klingt.
Wer
sich wundert, daß man etwas wissen könne, und nicht sagen, denkt
vielleicht an einen Fall wie den ersten. Gewiß nicht an einen wie den
dritten.” (Ebd., S. 284)
Mit
den Begriffen „Sprachspiel” und
„Familienähnlichkeit” verabschiedet Wittgenstein die allzu
monistische Position aus dem
Tractatus
und gesteht nun zu, daß die Sprache auf vielfältige Weise auf die
Welt bezogen ist, wobei einige dieser Bezugnahmen rationaler und expliziter
sind wie andere.
Michael
Polanyi (vor allem in seinem wissenschaftsphilosophischen Hauptwerk
Personal
Knowledge
von 1958) entwickelt ein komplexes System eines expliziten und eines impliziten
Wissens, das er mit den Begriffen
implicit
knowledge
oder auch
tacit
knowledge
bezeichnet. (Mit dem Terminus
personal
knowledge
bezeichnet Polanyi den kompletten Erkenntnisakt, der explizites und implizites
Wissen umfaßt). Entscheidend ist dabei nicht nur, daß das zweitere
kaum – wenn überhaupt – formulierbar ist, sondern daß
dieses auch die unabdingbare Grundlage für jegliches formulierbares Wissen
darstellt.
[6]
„Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies
zeigt
sich, es ist das Mystische.” (Wittgenstein, Tractatus, a.a.O. Seite 85).
Wittgenstein deutet auch Parallelen an zwischen der Kunst und diesem
„Unaussprechlichen”, sowohl im
Tractatus,
wie auch in seinen
Vorlesungen
und Gesprächen über Ästhetik, Psychoanalyse und religiösen
Glauben
.
„Darum kann es auch keine Sätze der Ethik geben. Sätze
können nichts Höheres ausdrücken. Es ist klar, daß sich
die Ethik nicht aussprechen läßt. [...] Ethik und Ästhetik sind
eins.” (
Tractatus,
a.a.O. Seite 83).
[7]
Wenn ich hier von
der
Literatur spreche, trifft dies natürlich nicht auf alle Texte zu, die wir
als literarische bezeichnen, sondern auf jene Texte, die eine mehr oder weniger
klassische Erzählstruktur oder dramatische Organisation aufweisen. Jedoch
auch wissenschaftliche oder philosophische Texte bieten genügend
Anregungen, um mit den TeilnehmerInnen einer solchen Gruppe zu reflektieren.
Um
Erfahrungswissen zu vermitteln oder solches zu erweitern, muß man selbst
Erfahrungen machen. Wie kann man davon sprechen, daß man Erfahrungen
macht, wenn man Texte liest? Dies macht jedoch durchaus Sinn, wenn man –
so wie ich – Literatur als
ästhetische
Erfahrung
von LeserInnen begreift. Im Sinne der Rezeptionsästhetik oder einiger
pragmatistischer Theorien besteht Literatur nicht aus den Texten, die vor uns
liegen, sondern ‘entsteht’ erst dann, wenn sie von konkreten
LeserInnen (mit Emotionen, einem Körper etc.) in einem spezifischen
Kontext konkretisiert werden.
[8]
Vladimir Biti: „Geschichte als Literatur – Literatur als
Geschichte?”, in:
ÖZG.
Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
,
4. Jg, Heft 3. Wien 1993, hier S. 371.
[9]
Man darf den Einfluß der Postmoderne jedoch nicht überschätzen.
Die Postmoderne hat sicherlich dazu beigetragen, bestimmte Themen auf die
Tagesordnungen zu setzen, die vor 20 oder 30 Jahren nur wenige interessierten
(Fragen der Sexualität, des Geschlechts und der Ethnizität
beispielsweise). Aber – wie Terry Eagleton (
Die
Illusionen der Postmoderne
,
Stuttgart-Weimar 1997, hier S. 180) treffend bemerkt – „die
Frauenbewegung und die Bürgerrechtsbewegung haben früher
stattgefunden.”
[10]
Die VertreterInnen des
New
Historicism
,
welche die poststrukturalistische Theorie (vor allem im Rahmen der
Diskursanalyse von Michel Foucault) mit historischen Fragestellungen zu
verbinden suchen, stehen zu dieser willkürlich anmutenden Methode, welche
vereinzelte und unscheinbare Texte und Diskurse aufgreift, diese verfolgt,
möglicherweise wieder verläßt, um einen anderen, parallelen Weg
zu verfolgen, der möglicherweise wieder ganz woanders hinführt. Vgl.
beispielsweise die Arbeiten von Stephen Greenblatt (
Wunderbare
Besitztümer. Die Erfindung des Fremden: Reisende und Entdecker
,
Berlin 1998. Oder auch die Artikel von Greenblatt in Moritz Baßler
(Hrsg.):
New
Historicism. Literaturgeschichte als Poetik der Kultur
,
Frankfurt a. M. 1995).
Die
Auswahl dieser Berufsgruppe ist natürlich nicht ganz zufällig,
beziehungsweise können die ‘Bedingungen des Zufalls’ benannt
werden: Sie haben mit persönlichen Kontaken zu den Teilnehmerinnen der
Gruppe zu tun, mit dem Kontakt zu Ingela Josefson, die sehr lange mit
Pflegepersonal und mit Ärzten gearbeitet hat und mit einer Eigenschaft des
diskursiven Feldes „Krankenhaus” bzw. „Medizin und
Pflege”, die für dieses Berufsfeld typisch ist: Vor allem in
Krankenhäusern stehen sich zwei Berufsgruppen in der Arbeit direkt
gegenüber bzw. arbeiten in einem gemeinsamen Feld zusammen, nämlich
Ärzte und Pflegerinnen – die männliche und weibliche Form
verwende ich hier bewußt. Ärzte sind meist Männer, und das
Studium der Medizin ist auf rationalisierbares, formalisierbares und
formulierbares Wissen ausgerichtet, während die Anteile impliziter
Erfahrung in der Pflegeausbildung und vor allem in der Arbeit der Pflege selbst
sehr groß sind. Das führt zu Konflikten (die an der Grenze zwischen
Sagbarkeit und Unsagbarkeit, zwischen Emotion/Intuition und Ratio, zwischen
Männlichkeit und Weiblichkeit angesiedelt sind), die sich in dieser Form
vor allem im Bereich der Medizin in Hospitälern verfolgt werden kann. Den
erkenntistheoretischen Hintergrund dieser Konflikte habe ich oben bereits
geschildert.
[11]
Im übrigen bin ich davon überzeugt, daß auch die meisten
postmodernen AutorInnen nicht daran zweifeln. Die Auffassung, daß
alles
ein Text sei und daß die Realität als solche (als vorsprachliche
Entität) nicht existiere, wird zwar von einigen Dekonstruktivisten (sowohl
in der Literaturwissenschaft wie auch in anderen geisteswissenschaftlichen
Disziplinen) vertreten, wird aber von vielen anderen zu Recht kritisiert. Unter
einer postmodernen Auffassung verstehe ich vielmehr die Verschiebung des
Erkenntnisinteresses, die Einsicht in die Beschränktheit unserer
sprachlichen und wissenschaftlichen Möglichkeiten und das Zulasssen
verschiedenster
Sprachspiele.
Im
übrigen teilen diese Positionen auch viele ErkenntnistheoretikerInnen und
PhilosophInnen, die nicht als postmoderne AutorInnen gelten bzw. diese
Zuschreibung zurückweisen. Daher scheinen mir die Differenzen zwischen
postmodern und modern häufig als konstruiert.
[12]
Dieses ‘Ereignis’ ist im übrigen sozialwissenschaftlich gut
untersucht und dokumentiert; d.h. die Berufswelt von Pflegepersonal ist
Gegenstand von vielen Untersuchungen. Vgl. dazu beispielsweise – die
folgenden Hinweise verstehen sich nur als exemplarische – die Arbeiten
von Patrizia Benner
:
Stufen
zur Pflegekompetenz. From Novice to Expert
.
Bern-Göttingen-Toronto-Seattle 1994; Benner, P./Tanner, C.: „Die
Intuition der Pflegeexperten”, in:
Pflege,
Heft 2, Bern 1990; Benner, P./Schachtner C.: „Der Pflege eine Sprache
verleihen. Interview mit Patricia Benner”, in:
Pflege,
Heft 10, Bern 1997; vgl. auch Ingela Josefson: „The Nurse as Engineer -
the Theory of Knowledge in Research in the Care Sector”, in:
Göranzon, B./Josefson, I.:
Knowledge,
Skill and Artificial Intelligence
,
London-Berlin 1988; Kesselring, A.: „Praxiserfahrung als Quelle des
Lernens”, Referat am SBK-Kongreß, in:
Krankenpflege,
Heft 8, 1993; Overlander, G.:
Die
Last des Mitfühlens. Aspekte der Gefühlsregulierung in sozialen
Berufen am Beispiel der Krankenpflege
,
Frankfurt a. M. 1996. Diese Arbeiten beschäftigen sich vor allem mit den
Konflikten und Schwierigkeiten des Pflegepersonals, das implizite
Erfahrungswissen zu formulieren, in der Ausbildung zu vermitteln und
gegenüber Bereichen des theoretischen Wissens (den Ärzten, der
Wissenschaft etc.) entsprechend zu verteidigen. Unter den Gegensatz zwischen
Erfahrungs- und Aussagewissen fällt auch die Dichotomie zwischen
Emotion/Intuition und rationaler Vernunft und die Dichotomie von weiblich und
männlich.
Allerdings
beschäftigen sich noch wenige Arbeiten mit den spezifischen
sprachlichen
Gegebenheiten, die sich in dem Feld von Erfahrungswissen konfigurieren, und
ebenso gibt es wenige wissenschaftliche Texte, die in ihrer eigenen
Schreibweise auf die Skepsis von Krankenschwestern gegenüber
wissenschaftlicher Fachsprache reagieren und darauf Rücksicht nehmen,
daß man zu Krankenschwestern gewissermaßen anders sprechen
muß. Vgl. dazu vor allem Bernhard Kathan:
„Mein
sozialer Tic ist geheilt”. Krankenschwestern sprechen über ihre
Belastungen
,
Innsbruck 1991.
[13]
Ich denke, daß es kein Zufall ist, daß gerade in letzter Zeit das
Thema der Erinnerung, der
mémoire
culturelle
,
im Zusammenhang mit literarischen Texten in den Vordergrund gerückt ist.
[14]
Wolfgang Welsch weist immer wieder auf die Verbindungen zwischen Kunst
(Ästhetik) und Wahrnehmung (aisthesis) hin (vgl. beispielsweise
Ästhetisches
Denken
,
Stuttgart 1990, oder:
Grenzgänge
der Ästhetik
,
Stuttgart 1996) und gehört auch zu den Philosophen, die für die
Verbreitung und Verteidigung postmoderner Philosophie im deutschsprachigen Raum
sehr viel getan haben und tun.
[15]
Francisco Varela:
Ethisches
Können
,
Frankfurt 1994.
[16]
Ich denke, daß dies ein Grund ist, warum Jean-François Lyotard in
seiner Thematisierung des Erhabenen (in seiner Thematisierung des
Ereignisses
(occurence), des
Es
geschieht
)
auf die Avantgarde-Bewegungen in der Kunst der 20er-Jahre zurückgreift.
Vgl. vor allem „Das Erhabene und die Avantgarde”, in:
Merkur,
8.Jahrgang, Nr.424, 1984.
[17]
Vgl. dazu auch Doris Bachmann-Medick: „Einleitung”, in: dies.:
Kultur
als Text. Die anthropologische Wende in der Literaturwissenschaft
,
Frankfurt a.M. 1996.
[18]
"Gibt es über die Echtheit des Gefühlsausdrucks ein
>fachmännisches< Urteil? - Es gibt auch da Menschen mit
>besserem< und Menschen mit >schlechterem< Urteil. Aus dem Urteil
des besseren Menschenkenners werden, im allgemeinen, richtigere Prognosen
hervorgehen. Kann man Menschenkenntnis lernen? Ja; Mancher kann sie lernen.
Aber nicht durch einen Lehrkurs, sondern durch
>Erfahrung<.
– Kann ein Andrer dabei sein Lehrer sein? Gewiß. Er gibt ihm von
Zeit zu Zeit den richtigen
Wink.
- So schaut hier das >Lernen< und >Lehren< aus. – Was man
erlernt, ist keine Technik; man lernt richtige Urteile. Es gibt auch Regeln,
aber sie bilden kein System, und nur der Erfahrene kann sie richtig anwenden.
Unähnlich den Rechenregeln." (Wittgenstein,
Philosophische
Untersuchungen
,
a.a.O., S. 574/575).
[19]
Vgl. dazu auch Ludwig Wittgenstein:
Über
Gewißheit
,
Werkausgabe, Band 8, Frankfurt a. M. 1984. Auch Wittgenstein bringt eine
Fülle an Beispielen, daß wir unser Wissen auf etwas gründen
müssen, das wir nicht mehr sinnvoll bezweifeln können. Daß
diese Basis keine unverrückkbare Natur ist, war auch Wittgenstein schon
klar: „Ich will eigentlich sagen, daß ein Sprachspiel nur
möglich ist, wenn man sich auf etwas verläßt. (
Ich
habe nicht gesagt ‘auf etwas verlassen kann’
.)”
(ebd., S. 221, Hervorhebungen von mir).
[20]
Vgl. Jean-François Lyotard:
Das
postmoderne Wissen
,
Graz-Wien 1986.
[21]
Diese Zahlen betreffen Österreich und sind einem Artikel der
österreichischen Tageszeitung
Der
Standard
von Anfang Juli 1998 entnommen
[22]
Hier möchte ich nur auf das ausgezeichnete, wenn auch umstrittene Buch von
Stephen Toulmin verweisen:
Kosmopolis
– Die unerkannten Aufgaben der Moderne
.
Frankfurt 1991. Toulmin untersucht in diesem Buch die Zusammenhänge
zwischen der Entwicklung rationalistischer Systeme in der Philosophie mit dem
jeweiligen, allgemeinen sozial- und wirtschaftspolitischen Hintergrund seit
René Descartes.
|