Gegen eine Metaphysik der Arbeit:Nadja Gernalzick Der Ökonomiebegriff der Dekonstruktion und im PoststrukturalismusWenn
Jochen Hörisch feststellt, daß die “Derrida-Rezeption (gerade
in Deutschland) ... häufig übersehen [hat], wie sehr Derridas Theorie an ökonomischen Fragestellungen orientiert ist,”
[1]
kann diese Bemerkung nicht nur für die Dekonstruktion, sondern auch
für die Rezeption poststrukturalistischer Zeichentheorie bei Jean-Joseph
Goux, Jean Baudrillard oder Jean-François Lyotard gelten. Allein die
Titel einiger Werke verweisen auf die Proliferation des Ökonomiebegriffs
und seiner Korrelate in der dekonstruktionistischen und poststrukturalistischen
Theorienbildung der Postmoderne: “Numismatiques” (Goux 1968-69),
“Pour une critique de l’économie politique du signe”
(Baudrillard 1972),
Économie
libidinale
(Lyotard 1974), “Economimesis” (Derrida 1975), “Calcul de
jouissances” (Goux 1975),
Limited
Inc.
(Derrida 1977/1988),
Donner
le temps - 1. La fausse monnaie
(Derrida 1977-78/1991), “Du ‘sans prix’, ou le ‘juste
prix’ de la transaction” (Derrida 1992).
Hintergründe:
Saussure, Marxismus, Wert- und Geldtheorie
Den
Ansatzpunkt für die Proliferation des Ökonomiebegriffs und
insbesondere seiner Korrelate Wert-, Preis- und Geldbegriff als Denkmodell in
der Theorie der Dekonstruktion und im Poststrukturalismus bildet die
Übernahme wirtschaftstheoretischen Gedankenguts in die Linguistik durch
Ferdinand de Saussure, wie in den Vorlesungsmanuskripten von 1905-11 des
Cours
de linguistique générale
belegt. Saussure orientiert sich an der subjektiven Werttheorie der sogenannten
Grenznutzenschule oder Marginalisten der Jahrhundertwende und der
Mathematisierung der subjektiven Werttheorie bei Vilfredo Pareto. Mit dieser
erfolgt die Abkehr vom essentialistischen (metaphysischen) Wertbegriff und der
Arbeitswerttheorie der klassischen bzw. marxistischen Wirtschaftstheorie. Diese
Abkehr wird in der saussureschen Linguistik auch für den Begriff des
sprachlichen Zeichens, das in sprachlichen Wert umbenannt wird, vollzogen,
indem die saussuresche Theorie sprachlichen Wert (Bedeutung) über
Relativität im System von Werten oder Markierungen statt über
metaphysische Substanz oder Motiviertheit der Zeichen begründet.
Entsprechend wird Saussures von der Mathematisierung der Wirtschaftstheorie
inspirierter linguistischer Ansatz für seine “bestechende
mathematische Klarheit”
[2]
gelobt. Ebenso wie die Korrelation der Werttheorie des
Cours
mit der marxschen Werttheorie problematisch ist, erweist sich folglich die
Zuordnung der wirtschaftstheoretischen Prämissen der genannten
poststrukturalistischen Autoren zur marxistischen Sprach- und Literaturtheorie
trotz ihrer Verwendung marxscher Terminologie auch bei näherer
Untersuchung als unmöglich; Derrida und die poststrukturalistischen
Autoren wenden sich bekannterweise in mehr oder weniger umfassender und
eindeutiger Weise von marxistischer Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie ab,
auch wenn zunächst in den 60er und noch frühen 70er Jahren von dieser
ausgegangen wird: Der Poststrukturalismus kritisiert die Synchronizität
und Ahistorizität des Systembegriffs Saussures und in der Folge des
Strukturalismus und fordert eine (Wieder)Eingliederung des historischen
Moments, also der Zeit, und eine Dynamisierung der Struktur.
[3]
Um diese Forderung umzusetzen, versuchen Goux und Baudrillard, die saussuresche
Linguistik durch eine Verbindung mit der teleologischen Geschichtskonzeption
des historischen Materialismus zu dynamisieren, was jedoch zu
Widersprüchen zwischen der miteingebrachten essentialistischen, objektiven
marxistischen Arbeitswerttheorie und dem Wertbegriff Saussures führt,
dessen marginalistische Komponenten nicht wahrgenommen werden. So muß
Baudrillard bald - in
L’échange
symbolique et la mort
von
1972 - die Unvereinbarkeit von Marxismus und poststrukturalistischer
Zeichentheorie anerkennen. Goux legt schließlich 1975 eine kurze Notiz
zum Marginalismus vor,
[4]
die sich jedoch in ihrer dogmatischen marxistischen Voreingenommenheit
wirtschaftstheoretisch wie philosophiegeschichtlich selbst disqualifiziert.
Wenn Goux und Baudrillard Saussure im Kontext der marxistischen Werttheorie
rezipieren, zeigt doch die Untersuchung des
Cours
und seiner Referenzen auf die Wert- und Preistheorie Paretos, daß gerade
eine solche Zusammenführung der Argumentation des
Cours
widerspricht und sie verzerrt, indem die Relativität und Arbitrarität
des Werts bei Saussure mit einem substantiellen Wertbegriff konfrontiert wird.
Darüberhinaus stützen Baudrillard und Goux ihre Assoziation des
Cours
mit
der marxistischen Werttheorie jeweils auf eine einzige Stelle, nach der die
Gleichsetzung von Wirtschaftswissenschaft und Sprachwissenschaft anhand der
Gleichsetzung von Arbeit mit dem Signifikat und Lohn mit den Signifikanten
vorgelegt wird:
[H]ier
wie bei der Nationalökonomie [spielt] der Begriff des Wertes eine Rolle
...; in beiden Wissenschaften handelt es sich um ein System von
Gleichwertigkeiten zwischen Dingen verschiedener Ordnung: in der einen eine
Arbeit und ein Lohn, in der andern ein Bezeichnetes und ein Bezeichnendes.
[5] Aus
Anlaß dieser einzigen Stelle im
Cours,
an der in Bezug auf die Wirtschaftswissenschaften von Arbeit die Rede ist, wird
der Wertbegriff der Zeichentheorie Saussures mit der Arbeitswertlehre nach Marx
gleichgesetzt. Dahingestellt, daß die Arbeit bei Pareto ebenfalls eines
unter anderen Elementen des Wirtschaftssystems darstellt, also mit derselben
Berechtigung eine nicht-marxistische Wirtschafts- und Werttheorie aus
Anlaß des Vergleichs mit der Arbeit herangezogen werden könnte,
kommt hinzu, daß die zitierten Zeilen nach den Ergebnissen von Tullio de
Mauros Forschung am Manuskript Saussures von den ersten Herausgebern des Cours,
nicht von Saussure selbst stammen: “La seconde partie de la phrase
(‘dans les deux sciences ... signifiant’) est un ajout des
éditeurs, assez arbitraire étant donné la comparaison
qu’elle contient.”
[6]
Derrida
distanziert sich bereits mit seinen frühesten Schriften vom Arbeits- und
Produktionsbegriff auch der marxschen Theorie. Er verwendet die Begriffe Arbeit
und Produktivität - die er der
différance
als temporalisierendem und zeichengenerierendem Prinzip zuschreibt - nie ohne
“a sense of uneasiness,” auch wenn er sich an diese Begriffe
gebunden fühlt “in order to designate something irreducible.”
[7]
Eine die Zeichen und die Bedeutung generierende Instanz müsse angenommen
werden; es gelte jedoch “[that the] concept and the word
‘production’ pose enormous problems.”
[8]
So fordert Derrida, daß der Begriff der Arbeit “selbst einmal,
unabhängig von seiner Zugehörigkeit zu Hegel, neu zu überdenken
wäre.”
[9]
Die Engführung von Wirtschafts- und Zeichentheorie in der Dekonstruktion
und im Poststrukturalismus als Versuch der Dynamisierung und Temporalisierung
der Struktur scheitert also zunächst an der Angleichung des Wertbegriffs
der strukturalistischen Linguistik an die marxistische Arbeitswerttheorie,
indem wider Erwarten aufgrund der fortgeschrittenen Quantifizierung der
marginalistischen Werttheorie die Saussuresche Zeichentheorie über Marx
hinausführt. Es tritt jedoch schließlich die Geldtheorie als Kontext
für das Problem der Temporalisierung hervor. In der Fortschreibung des
seit der Antike geläufigen Vergleichs von Sprache und Geld konvergiert die
Engführung von Wirtschaftstheorie und Sprachtheorie in Dekonstruktion und
Poststrukturalismus schließlich auf die aktuelle Geldtheorie als
Denkmodell für die Semiotik. Es liegen sowohl bei Derrida wie auch bei
Goux und Baudrillard komplexe theoretische Konstrukte vor, die geldtheoretische
Begriffe auf die Zeichentheorie anwenden. Nur Derridas Theorie der
Dekonstruktion erreicht jedoch das Niveau der aktuellen Geld-, Kredit- und
Zinstheorie, während Gouxs und Baudrillards Entwürfe in letzter
Konsequenz auf eine idealisierte, vor-geldwirtschaftliche, unvermittelte
Kommunikation und Interaktion und daher, wird der Vergleich von Sprache und
Geld konsequent zu Ende gedacht, auf die Vorstellung einer sprachlosen
Gesellschaft verweisen; insbesondere Baudrillards Semiotik muß als
reaktionär gelten. Den traditionellen Kontext der geld- und
zeichentheoretischen Diskussion um die Opposition von utopischer
Unmittelbarkeit von Bedeutung (unter Verzicht auf Kommunikation durch Zeichen,
d.h. Geld oder Sprache und Schrift) und semiotisch vermittelndem Zeichensystem
(der Wirtschaft oder der Sprache) bildet die unter den genannten Autoren nur
von Derrida reflektierte Opposition von Ökonomik und Chrematistik bei
Aristoteles. Seitens der Geschichte der Wirtschaftstheorie wird diese
aristotelische Setzung als ursächlich für die erst mit John Maynard
Keynes überwundene Trennung von Werttheorie und Geldtheorie in den 30er
Jahren verortet. Erst mit der Anerkennung der Geld- und Zinswirtschaft als
temporalisierenden Motors der Wirtschaft seit Keynes wird die theoretische
Integration und Überwindung der aristotelischen Opposition möglich.
Derridas Konzept der
différance
erklärt analog mittels der Gleichsetzung von Geldzeichen und sprachlichem
Zeichen die Generativität der Sprache als Zeit - nicht als Arbeit oder
Substanz - und bezieht damit gegen Aristoteles Stellung: In
Falschgeld
(1977/92) wird festgehalten, daß die aristotelische Unterscheidung
zwischen Ökonomik und Chrematistik “unaushaltbar”
[10]
ist.
Aristotelische
Tradition: Natural- und Soforttauschwirtschaft vs. Geld- und Zinswirtschaft
Die
erste überlieferte systematische Erörterung
wirtschaftswissenschaftlicher Zusammenhänge in der westlichen Tradition
steht bei Aristoteles in der
Nikomachischen
Ethik
und der
Politik;
die ersten Belege für den Terminus
oikonomía
stammen aus Platons
Apologie
des Sokrates
und aus anderen denjenigen des Aristoteles unmittelbar vorgängigen
Schriften aus dem frühen 4. Jahrhundert.
[11]
Die systematische Beschäftigung mit der
oikonomía
als Hausverwaltungskunst, wozu auch die Darstellungen des Aristoteles
zählen, beginnt spätestens im 4. Jahrhundert, in der Folge lehrhafter
Darstellungen über die richtige Haushaltung, die bis in die frühe
griechische Literatur zurückreichen.
Oikos
-
das Haus - ist “bereits in den Epen Homers und Hesiods ein sozialer
Grundbegriff.”
[12]
Unter
oikos
sind dabei nicht nur “konkret Behausungen aller Art, sondern auch ... das
gesamte Hauswesen mit den dazugehörenden Personen und Gütern”
[13]
zu verstehen. Die Natur gibt nach Aristoteles eine begrenzte, aber angemessene
Menge an Gütern, die in der menschlichen Gemeinschaft wiederum in einer an
eine als natürlich begriffene Hierarchie gebundenen Ordnung verteilt wird.
Ein angenommener, natürlicher Überfluß sichert jedem Mitglied
der daran angepaßten, begrenzten und geschlossenen menschlichen
Gemeinschaft ein seinem natürlichen Stand angemessenes, gutes und wahres
Leben. Ziel der
oikonomía
ist die Autarkie der Hausgemeinschaft durch die dem Haus angeschlossene
Landwirtschaft. Zur
oikonomía
gehört
Tauschhandel, “damit von den Gütern, die in der Gemeinschaft ... des
Hauses für das Leben notwendig und nützlich sind, diejenigen zur
Verfügung stehen, die aufgespeichert werden können.”
[14]
Dieser Tauschhandel “ist weder gegen die Natur, noch ist er eine
besondere Form der Erwerbskunst (denn er dient nur der Erfüllung der
naturgemäßen Autarkie).”
[15]
Eine derart nur der Autarkie “eines vollkommenen Lebens” dienende
Erwerbskunst ist “wahre[r] Reichtum ... [,d]enn der Bedarf an solchem
Besitz ... ist nicht unbegrenzt.”
[16]
Die
oikonomía
steht somit immer unter dem ethischen Gesichtspunkt einer "Gemeinschaft des
Austausches.”
[17]
Den Tauschhandel als natürliche Form der Erwerbskunst setzt Aristoteles
von der Chrematistik - der geldwirtschaftlichen Kaufmannskunst - als
verderblicher, “besonderer Form der Erwerbskunst” mit dem Argument
der Künstlichkeit, Konventionalität und Grenzenlosigkeit ab. Diese
zweite Art der Erwerbskunst ist aus dem erweiterten Tauschhandel mit der
Erschaffung des Geldes hervorgegangen.
Als
nun schon das Geld aus den Bedürfnissen des Tauschverkehrs geschaffen war,
entstand ... die Kaufmannskunst, anfangs wohl nur ganz einfach, später
kunstmäßiger auf Grund der Erfahrung, woher und wie man Güter
vertauschen müsse, um den größten Gewinn zu erzielen.
[18] Die
Güter sind jedoch “in Wahrheit” nicht verrechenbar und es
bleibt ein Mißtrauen gegenüber dem repräsentierenden Geld:
“[I]n Wahrheit allerdings können Dinge, die so weit voneinander
verschieden sind, nicht kommensurabel werden, aber soweit es das Bedürfnis
verlangt, ist es möglich.”
[19]
Die beiden Fertigkeiten Ökonomik und Chrematistik seien leicht zu
verwechseln, aber für Aristoteles gilt, daß jene “von
Natur” ist, “die andere nicht,” denn sie “ergibt sich
eher aus einer Art von Erfahrung und Kunst;” sie ist “die Kunst des
Gelderwerbs.”
[20]
Indem die Kaufmannskunst durch den geldvermittelten Handel mit den
nützlichen Dingen -
chrema
bedeutet
‘nützliches
Ding’ - Gewinn und Zuwachs an Eigentum erzielt, sprengt sie die Grenzen
der
oikonomía
und gilt als “Erzeugerin des Reichtums und des Geldes.”
[21]
Sie
produziert
zwar Vermögen, aber ... nur durch den Umsatz von Gegenständen; und
nur sie scheint sich um das Geld zu drehen. Denn das Geld ist das Element und
die Grenze des Umsatzes. Darum ist der Reichtum, der von dieser Erwerbskunst
kommt, allerdings unbegrenzt. ... [A]lle, die sich mit Erwerb befassen,
vermehren ihr Geld ins Unbegrenzte.
[22] Das
Motiv der Grenze oder Geschlossenheit, die durch das Maß der Natur
bestimmt wird, ist für die aristotelische Systematik entscheidend. Die
oikonomía
besitzt eine natürliche Grenze, die Chrematistik nicht. Die Vermehrung des
Geldes durch die Zinswirtschaft kommt einer unnatürlichen Selbstvermehrung
gleich.
[S]o
ist erst recht der Wucher hassenswert, der aus dem Geld selbst den Erwerb zieht
und nicht aus dem, wofür das Geld da ist. Denn das Geld ist um des
Tausches willen erfunden worden, durch den Zins vermehrt es sich aber durch
sich selbst. Daher hat es auch seinen Namen: das Geborene ist gleicher Art wie
das Gebärende, und durch den Zins (
tokos)
entsteht Geld aus Geld. Diese Art des Gelderwerbs ist also am meisten gegen die
Natur.
[23] Die
Chrematistik wird von Aristoteles als nur vom
nomos,
den Gesetzen und der Konvention, bestimmt getadelt, “denn sie hat es
nicht mit der Natur zu tun, sondern mit den Menschen untereinander.”
[24]
Die Autonomie einer Wirtschaft, die über das Geld organisiert wird,
widerspricht der Forderung nach Naturgemäßheit und -verbundenheit
des menschlichen Lebens, seiner Organisation, und seiner gesellschaftlichen
Hierarchie. Ein auf menschliche Konvention begründetes, damit
künstliches System wie die Geldwirtschaft muß nach Aristoteteles
verurteilt werden.
Die
Bevorzugung der Ökonomik als autark und naturgemäß und die
Herabsetzung der Chrematistik als unnatürlich, scheinhaft, künstlich
und grenzenlos zieht sich als Topos bis zu Hegels Unterscheidung von
substantiellem Stand und Stand des Gewerbes und zur Verurteilung der
Scheinhaftigkeit des Warenfetischs bei Marx. Die in Hegels Rede vom Geld als
eines toten Dings, in seiner frühen Kritik des Kaufmannsstandes und im
Vergleich von Geld mit Kot zwar distanzierte, aber nicht aufgegebene Ablehnung
des Geldes und der Geldwirtschaft geht bis auf die antike, idealistische
Festschreibung der feudalen, naturalwirtschaftlichen Ökonomik bei
Aristoteles in Reaktion auf die pragmatische Orientierung an den Erfordernissen
des städtischen Marktes und der Geldwirtschaft bei den Sophisten im 4.
Jahrhundert v. Chr. zurück.
[25]
Die Grenzenlosigkeit der Geldwirtschaft, des Geldhandels und der Zinswirtschaft
wird auch von Marx noch unter Verweis auf Aristoteles formuliert: Die
“Bewegung des Kapitals” gilt Marx als “maßlos.”
[26]
Seine Beschreibung des Kapitalisten wiederholt die aristotelische
Charakterisierung des Erwerbs von unnatürlichem Reichtum im Geldverkehr
durch den
chrematistos
in einigen Wendungen fast wörtlich. Der Kapitalist sei nicht für den
einzelnen Gewinn, sondern nur “die rastlose Bewegung des Gewinnens”
zu interessieren und unterliege einem “absolute[n]
Bereicherungstrieb,” einer “leidenschaftliche[n] Jagd auf den
Wert,” dessen “rastlose Vermehrung”
[27]
sein Ziel sei. In der Entwicklung wirtschaftswissenschaftlicher Theorie
über die Kirchenväter bis zur Nationalökonomie Adam Smiths zeigt
die normative Position des Aristoteles ihre Wirkung im Zinsverbot und der
Theorie vom
iustum
pretium
.
Das “Vermächtnis der Griechen” kann “bis zum
The
Wealth of Nations
..., dessen fünf erste Kapitel nichts anderes sind als eine
Fortführung der gleichen Gedankengänge,”
[28]
verfolgt werden. Dazu trägt auch bei, daß sich die Position des
Aristoteles mit derjenigen des Alten Testaments hinsichtlich des Zinsverbots
deckt. Auch in der Rezeption des Neuen Testaments durch die Kirchenväter
setzt sich diese Ausrichtung fort. ”Aus der Verurteilung der Profitgier
wird z.B. die Verurteilung aller Handelsgeschäfte abgeleitet.”
[29]
Bei Aristoteles stellt die Natur den Horizont der Argumentation und ethische
Letztbegründung; bei Hegel stellt der lebendige Geist und bei Marx der
Gebrauchswert diese legitimierende Teleologie. Für alle drei Denker ist
die abstrahierende Mittelbarkeit, die durch das Geld entsteht, weil sie von
einem natürlichen oder authentischen Zustand oder Sollen ablenke,
problematisch. Die fehlende Unmittelbarkeit gilt als Künstlichkeit und
Dekadenz vom Ideal der Natürlichkeit, das mit Ungetrenntheit,
Unvermitteltheit und Ganzheit gekennzeichnet wird. Nostalgie für einen
angenommenen unmittelbaren und äquivalenten Naturaltausch orientiert die
geld- und werttheoretischen Positionen. Noch Marcel Mauss legt eine Definition
des Geldes anhand der Vorstellung der Entpersönlichung vor.
[30]
Wirtschaftstheorie und praktische Philosophie behalten derart bis lange in die
Neuzeit die Ausrichtung, Geldwirtschaft als ursprünglich verzichtbar und
im Handel wirksame geldwirtschaftliche Effekte wie Zins und Kredit als
überflüssig und verderblich zu konstruieren. Die Geschichte der
Chrematistik - als der Geldtheorie - ist entsprechend ”kümmerlich,
weil von ihr, als im Grunde verwerflich, keine Theorie entwickelt wird, weil
man sie nur in der Ethik und in der Politik gelegentlich erwähnt, wenn die
Grenzen ihrer Erlaubtheit erörtert werden.”
[31]
Zwar gibt es bereits vor dem 18. Jahrhundert Ansätze für
Erklärungen von Geld, Zins und Kredit, jedoch endet um 1760 die Geschichte
der Wirtschaftstheorie “mit einem Sieg der Realanalyse, der so vollkommen
war, daß sie die monetäre Analyse praktisch aus dem Felde schlug,
und zwar für mehr als ein Jahrhundert;”
[32]
im neunzehnten Jahrhundert wird “alles verworfen, was den Beigeschmack
der monetären Analyse hatte, und zwar nicht nur als falsch, sondern auch
als moralisch nicht ganz einwandfrei.”
[33]
Das geld- und marktwirtschaftliche Verständnis der Ökonomie hat, wie
Otto Brunner sich noch genötigt fühlt zu betonen, mit einer
ganzheitlichen, von familiären und herrschaftlichen Verhältnissen
geprägten Haus- oder Fürstenwirtschaft keine Vergleichsgrundlage
mehr. Die aristotelische
oikonomía
wird daher angemessen mit Ökonomik, nicht mit Ökonomie,
übersetzt, soll die Differenz zur Chrematistik nicht übergangen
werden.
Von
Realanalyse zu monetärer Analyse: Ende der Werttheorie
Die
Wirtschaftstheorie tritt erst mit der Aufwertung der Geldtheorie seit dem
Beginn des 20. Jahrhunderts die endgültige Überwindung der
aristotelischen Opposition einer natürlichen und einer künstlichen
Erwerbsform an, die über 2000 Jahre als Trennung von Realanalyse und
monetärer Analyse oder Werttheorie und Geldtheorie die Wirtschaftstheorie
bestimmt. Von den Anfängen in der Antike bis zu Keynes’ Kritik an
der Dichotomie von Realanalyse und monetärer Analyse geht die
Wirtschaftstheorie von einer Trennung der Werttheorie und der Geldtheorie und
einer Priorität der Werttheorie aus. In einer “gedankliche[n]
Trennung der ökonomischen Vorgänge in einen realen und einen davon
unabhängigen monetären Wirkungszusammenhang”
[34]
wird unterstellt, “daß zu den Prinzipien der Werttheorie ... Geld
nicht gehört;” so ist es der Wirtschaftstheorie “in ihrer ...
Geschichte als Werttheorie ... nicht gelungen, Geld in die Werttheorie zu
integrieren.
”[35]
Statt wie die Realanalyse die Ansicht zu vertreten, daß “die
Geldpreise hinter den Austauschrelationen zwischen den Waren zurücktreten,
die den eigentlich bedeutsamen Tatbestant ‘hinter’ den Preisen
ausmachen,”
[36]
argumentiert die monetäre Analyse, daß sich die Position des Geldes
im analytischen Apparat auch auf die Theorien der Wertbestimmung auswirkt, und
nicht umgekehrt. Diese wirtschaftstheoretische Durchsetzung der Geldtheorie im
20. Jahrhundert geht aus dem Ausbau der Preistheorie in Folge der Ablösung
der objektiven Werttheorie durch die subjektive Werttheorie der
Grenznutzenschule um 1900 hervor. Die historischen Werttheorien -
Arbeitstheorie und Nutzentheorie des Wertes oder objektive und subjektive
Werttheorie - versuchen die Preise aus dem Wert der Güter herzuleiten,
während die zeitgenössische Preistheorie durch mathematische
Formalisierung auf diese Begründung verzichten kann und auch mit
statistischen Methoden die Preise auf dem Markt beschreiben und vorherzusagen
sucht. Erst mit der Marginalanalyse wird diese marktwirtschaftliche
Orientierung der klassischen Wirtschaftstheorie initiiert; mit der Entwicklung
der modernen Marktformentheorie kommt es spätestens seit den 30er Jahren
zu einer vollständigen wirtschaftstheoretischen Abkehr von der am
einzelnen Produkt oder Konsumenten orientierten Werttheorie, für die es
keine Anwendung mehr gibt. Die Preise werden als Ergebnis des Zusammentreffens
von Nachfrage und Angebot auf Märkten definiert und als maßgebende
Einheiten begriffen, deren Zustandekommen vollständig mit allen
Komponenten allerdings nicht nachvollzogen werden kann, sondern nur reduziert,
akkumuliert und modelltheoretisch, so daß auch von Preisindizes
abhängige Finanzkalkulationen mit Unsicherheitsmargen operieren
müssen und immer nur fiktionale Annäherungen an die Komplexität
des Wirtschaftssystems darstellen. Entsprechend ”bilden sich”
[37]
Preise auf Märkten gleichsam durch sich selbst. Diese Entwicklung zur
Preistheorie spiegelt sich heute darin, daß “neuere Begriffslexika
- z.B. das
Handwörterbuch
der Wirtschaftswissenschaft
von
1981 ... - den Wert
als
eigene Kategorie nicht mehr behandeln und das Geld sowie die Preisbildung ohne
Bezug auf den Wert zu erklären versuchen.”
[38]
Ein Gut oder eine Arbeitsleistung ist soviel wert, wie dafür gezahlt wird;
der in Geld gerechnete Preis eines Gutes ist sein Wert. Erst mit der
Preistheorie ist daher die Möglichkeit der Überwindung der Trennung
von Realanalyse und monetärer Analyse gegeben, wie sie Keynes in den 30er
Jahren fordert. Erst im 20. Jahrhundert in der Folge der Orientierung von der
Werttheorie auf die Preistheorie also beginnt die Wirtschaftswissenschaft, das
Geld mit seinen Funktionen als menschliche Technik zu affirmieren und in das
theoretische Bemühen zu integrieren, auch wenn “[p]raktisch ...
natürlich niemand geleugnet [hat], daß, da das technische
Hilfsmittel versagen kann, das Geld- und Kreditsystem einer Gesellschaft den
Wirtschaftsprozeß in jedem Falle ganz erheblich beeinflußt.”
[39]
Initiiert durch Keynes’ Forderung nach Überwindung der Trennung von
realökonomischer Analyse und Geldtheorie stellt die Wirtschaftstheorie
fest, daß dem Geld nicht nur repräsentative und sekundäre
Funktionen zugebilligt werden können. Das Geld wird nicht länger als
“technisches Hilfsmittel ..., das man übergehen kann, wann immer
grundsätzliche Fragen auf dem Programm stehen, oder [als] Schleier, den
man beseitigen muß, um die dahinter liegenden Wesensmerkmale zu
erkennen,”
[40]
betrachtet. Es wird bestritten, daß “das Geld
jemals
in
irgendeiner sinnvollen Bedeutung des Wortes ‘neutral’ sein
kann.”
[41]
Das Geld und die Preise “erscheinen nicht mehr als Ausdrücke ... von
Austauschrelationen,” sondern “erlangen eigenes Leben und eigene
Bedeutung, und man muß sich der Tatsache bewußt sein, daß
wesentliche Eigenschaften der kapitalistischen Wirtschaft von diesem
‘Schleier’ abhängen können.”
[42]
Tauschmitteltheorie
vs. Theorie des Geldes als Vertrag über Eigentum
Wenn
sich seit Keynes gegen die Realanalyse und die metallistische Geldtheorie
“die monetäre Analyse ... durchgesetzt hat,”
[43]
äußert sich dies in der Unterordnung der traditionsreichen, auf den
äquivalenten Naturaltausch und das Warengeld rekurrierenden Definition des
Geldes als Tauschmittel unter die vertragstheoretische, auch mit dem
Phänomen der Zinswirtschaft kompatible Gelddefinition. Die Herleitung der
Definition des Geldes aus einem ursprünglichen, unmittelbaren und
äquivalenten Naturaltausch wird seit Keynes dafür kritisiert,
daß sie der Ansicht Vorschub leistet, daß die Vermittlung des
Geldes, das zirkuliert und als Wertaufbewahrungsmittel fungiert, “die
Determination der Tauschverhältnisse als solche oder andere Dinge, die
für das Verständnis des Wirtschaftsprozesses wesentlich sind, nicht
beeinflußt.”
[44]
Die Erklärung des Geldes als Tauschmittel impliziert, “daß es
zwischen einer Tauschwirtschaft und einer Geldwirtschaft keine wesentlichen
theoretischen Unterschiede gibt.”
[45]
Bei Implikation einer Gleichheit von Tausch- und Geldwirtschaft wird das
unbegriffene Geld jedoch zum Störenfried im analytischen Gebäude,
denn seine Wirkungen in Kredit und Zins können vor dem Hintergrund einer
idealisierten Naturaltauschwirtschaft nicht erklärt werden. Wird vom Geld
als Tauschmittel, nicht als Vertrag, ausgegangen, kann weder der Vertrag
über die Zeit, der sich in Kredit und Zinseffekten äußert, noch
die Konventionalität des nominalistischen Geldes, das keinen materiellen
Wert hat, erfaßt werden. Auslöser des wirtschaftswissenschaftlichen
Umdenkens hin auf die Vertragstheorie des Geldes und die theoretische
Durchsetzung der nominalistischen Geldtheorie ist eine Untersuchung von Keynes
über die antiken Geldformen, nach der er in den 20er Jahren zu der
Überzeugung gelangt, “daß für die Erklärung des
Geldes nur der in Kontrakten vereinbarte Geldstandard von Interesse ist.”
[46]
Die Vertragstheorie des Geldes erlaubt die Aufgabe der klassischen
Erklärung des Zinses durch Konsumverzicht, nach der ein
“schmerzhafte[r] Vorgang ... durch das Zugeständnis einer
Möglichkeit nach Fristablauf mehr als zuvor konsumieren zu können,
ausgeglichen”
[47]
werde. Nach Keynes gilt als unübersehbar, daß “jemand, der nur
auf den Konsum eines ihm verfügbaren Vermögens oder eines
Geldbestandes verzichtet, indem er es in seinem Haushalt hält und keiner
Verwendung zuführt, keinen Zins”
[48]
erhält. “Einen Zins realisiert nur, wer anderen
Verfügungsrechte auf sein Vermögen oder ihm bereits verfügbares
Geld einräumt.”
[49]
Das Geld ist nach dieser Erklärung nicht länger eine Ware im Tausch,
sondern ein Pfand im Rechtswesen und wird als Zeittechnologie erklärt. So
fließt nach Keynes die “Wichtigkeit des Geldes ... im wesentlichen
aus der Tatsache, daß es eine Verbindung zwischen Gegenwart und Zukunft
herstellt.”
[50]
Zeitgenössische Theorien erklären das Geld entsprechend aus dem
Vertrag über Eigentum und als Technologie der Zeit. Die Argumentation der
Vertreter der auf einen unmittelbaren, unversiegbaren Naturaltausch
rekurrierenden Tauschmitteltheorie des Geldes wird nicht nur wegen der
Naturalisierung und der mangelnden Berücksichtigung der das Geld erst
etablierenden Konventionalität, sondern auch wegen der
Vernachlässigung des Zeitmoments im Wirtschaftsgeschehen und einer
nostalgischen Sicht vorgeldwirtschaftlichen Lebens, das kein Verhältnis
zur Zeit gehabt habe, kritisiert. Die auf dem Tauschprinzip beruhende
Geldtheorie geht aus von einer “Soforttauschwirtschaft ... in deren
Haupttransaktion die Zeit stillstehe und deshalb ein Bedürfnis nach Geld
nicht verspürt werde;”
[51]
Die Verzeitlichung und der Aufschub in der Zeit, die das Geld ermöglicht,
werden zu seinen wichtigsten Definitionskriterien. Der aristotelische und
realanalytische Aufruf, das Geld zu kontrollieren, weil es durch
Zinsgeschäfte unbegrenzten Reichtum und unbegrenzte Selbstvermehrung
ermögliche, entsteht aus der Sorge um die Ungreifbarkeit der Effekte der
Zeit. Heute werden diese als ausschlaggebend für das Funktionieren der
Weltwirtschaft, als ihr Motor, begriffen. Das Geld ist die Zeit als
Maßstab, aber diese hat selbst keinen Maßstab und kann nicht
endgültig kalkuliert werden: Mit dem posthumanistischen “[w]e lack
the measure of the measure” interpretiert Derrida Shakespeares
“[t]he time is out of joint”
[52]
zur Beschreibung der Nicht-Formalisierbarkeit der Effekte der Zeit als
différance.
Ohne die “disjointed or dis-adjusted time,” d.h. ohne die von der
différance
gegebene
Unmöglichkeit, die Verzeitlichung zu kontrollieren, gäbe es
“neither history, nor event, nor promise of justice”
[53]
als der Momente, die der Kalkulation entgehen. Dabei ist nicht zwischen
Gütern, Dingen, Symbolen oder Zeichen zu unterscheiden, die alle
gleichermaßen bewirtschaftet werden. Das Prinzip der
différance
in
der Schrift entspricht dem der Geldwirtschaft und des Preissystems. Das
geldwirtschaftliche Kalkül ist eine unendliche Bewegung:
“L’équivalence générale rapporte chaque
phrase, chaque mot, chaque moignon d’écriture ... à chaque
autre, dans chaque colonne et d’une colonne à l’autre de
ce
qui est resté
infiniment calculable.”
[54]
Die Konsequenzen der Spekulation sind pinzipiell “ohne zuweisbare ...
Grenze,” so daß sich hier nach Derrida “die Unendlichkeit
oder vielmehr die Unbestimmtheit als ‘schlechtes
Unendliches’” ankündigt, die wie die Schrift,
die
Geldsache (echtes oder falsches Geld) und alles charakterisiert, an was sie
rührt, alles, was sie kontaminiert (das heißt, per definitionem,
alles). Hier kündigt sich das Quasi-Automatische ihrer Akkumulation an und
folglich das Verlangen, das sie hervorruft oder erzeugt.
[55] différance
und Temporalisierung durch Schrift und Geld
Ein
unauffälliger Text Derridas von 1992 - “Du ‘sans prix’,
ou le ‘juste prix’ de la transaction” - enthält einen
späten Abriß des Ökonomiebegriffs Derridas, der wie eine
Zusammenfassung der aktuellen wirtschaftswissenschaftlichen Geldtheorie anmutet
und die wichtigsten Aspekte des Vergleichs von dekonstruktionistischer
Sprachtheorie und Geldtheorie aufwirft: Mit den gegebenen Definitionen -
Konventionalität, Fiktionalität und Künstlichkeit des Geldes und
des Wertes, Allgemeingültigkeit der Geldwirtschaft und Redundanz der
Naturaltauschwirtschaft, Geld als Technologie der Zeit und des demokratischen
Individualismus - sind diejenigen Momente vorgeführt, die in der
Geschichte der Wirtschaftstheorie seit Aristoteles und bis in das 20.
Jahrhundert keine Selbstverständlichkeit, sondern äußerst
umstritten sind, sich auch in philosophischen, vor allem moralphilosophischen,
Kontroversen auswirken und in den von Derrida bezüglich der
Sekundarität der Schrift aufgewiesenen Disputen zwischen Idealismus und
Materialismus ihre Analogie haben. Auch hinsichtlich der Thematik der
beschränkten und allgemeinen Ökonomie nach Georges Bataille, die
Derrida rezipiert,
[56]
oder der akkumulierenden Supplementarität des Textes als Effekt der
différance
erlangt die aristotelische Unterscheidung für die Theorie der
Dekonstruktion Brisanz, unter Einschluß aller mit den Begriffen der
oikonomía
und
chrematistike
einhergehenden Etymologien und Korrelate von Haus, Heim, Maß, Geld, Zins,
Ursprung, Berechnung, Natur, Künstlichkeit und Grenze. Derrida kennt die
aristotelische Unterscheidung von Ökonomik und Chrematistik, die in seinen
späteren Schriften in wirtschaftstheoretischer Hinsicht herangezogen wird,
Mitte der 70er Jahre noch nicht. So weist seine Auseinandersetzung mit
Batailles Konzeption der beschränkten und allgemeinen Ökonomie von
1967 auch keine Referenz auf die im späteren Werk hinsichtlich
ökonomischer Theorie stark profilierte Unterscheidung von Ökonomik
und Chrematistik nach Aristoteles auf, obwohl sich der Vergleich mit Batailles
Unterscheidung aufdrängt. Derrida stellt erst 1991 diejenigen
aristotelischen Einflüsse seines Ökonomiebegriffs dar, die, wie sich
im Rückblick auf sein Werk seit 1962 zeigt, schon seit jeher, wenn auch
nicht benannt, in seinem Denken besonders hinsichtlich der Frage nach der
Grenze des Systems und der Kraft der
différance
konzeptionell markiert sind. In
Falschgeld
erst liegt die Zusammenfassung und nachträgliche Abrundung der
Überlegungen zum Ökonomiebegriff vor, wie Derrida in der Vorbemerkung
von 1991 betont. Die frühe Konzeption der Temporalisierung und des
Aufschubs, gefaßt als “Ökonomie der
différance,”
wird so im Geldbegriff gesammelt. Derridas späterer Ökonomiebegriff,
nachdem das Geld thematisiert wird, bedient sich auch nicht länger der
Arbeit als Produktivitätsquelle; der Wert und der Mehrwert, d.h. das
Kapital, entstehen nicht aus der
superadequacy
of human labor power
(Gayatri
Chakravorty Spivak nach Marx), sondern aus der Zeit und sind ein Effekt des
Geldes als differantieller Markierung. Die
différance
ermöglicht das Werten und den Mehrwert, die Öffnung, die Dynamik und
den Zuwachs der Elemente des Systems. Die Akkumulation wird nicht als Ergebnis
menschlicher Arbeit begriffen, sondern als Effekt der Temporalisierung. Das
Geld sei, so Derrida, der “excès moteur”
[57]
der Ökonomie und es habe diese motivierende Kraft nicht, weil die Zeit
Geld sei -
time
is money
-,
sondern weil das Geld die Zeit sei. Das Geld sei die Zeit, weil es als
Substitut oder allgemeines Äquivalent wie die Schrift die Zeit des
Gütertauschs bzw. der Kommunikation bewirtschaftet, die Zirkulation ins
Unendliche beschleunigt, und zwar nicht nur dadurch, daß es Substitute
bereitstellt, sondern indem es sein Prinzip dem Tauschhandel substituiert und
die Quantifizierung erlaubt.
En
ouvrant le règne de la répétition, de la substitution,
c’est-à-dire de la neutralisation qui efface les
caractéristiques individuelles des choses échangées et des
sujets de l’échange, [l’argent] fournit un
élément de quantification ou de mathématisation ... qui
est d’abord une extraordinaire neutralisation du temps.
[58]
Die
Beschleunigung, die die Kommunikationstechnologie dem Markt und der Börse
erlaubt, ist daher kein zufälliger Nebeneffekt, sondern der Effekt des
Wesens des Geldes (und der Schrift) als Quantifizierung und Technik der “
économie
du temps
.”[59]
“L’argent est du temps gagné, du temps
économisé.”
[60]
Derridas Beschreibung des Geldes deckt sich mit der Beschreibung des
differantiellen Effekts der Schrift als Temporisation. Wie die sprachlichen
Markierungen des Textes wirkt das Geld zugleich disseminierend und
kalkulierend, oder verzeitlichend und vergegenwärtigend:
“Temporalisierung der Zeit (Gedächtnis, Gegenwart, Antizipation;
Retention, Protention oder nahe Zukunft; Zeitekstasen usw.).”
[61]
Derrida schreibt, indem er das Prinzip des äquivalenten Tauschs ablegt,
die in Saussures Rezeption der Wirtschaftstheorie angelegte Angleichung des
Sprachbegriffs auf den Geldbegriff entsprechend der zeitgenössischen
Geldtheorie fort.
Chrematistik
und Fiktionalität: Geldwirtschaft als entgrenzte Textualität
Die
Preis- und Geldtheorie erklärt den Wert fiktional; eine Preissetzung
bestimmt den Wert eines Gutes. Diese Fiktionalität der Werte gilt auch als
das “Unwirkliche in der Ökonomie,”
[62]
obwohl die Wirksamkeit der Preissetzung nicht bestritten werden kann und gerade
damit die Unterscheidung von Realität und Fiktion unhaltbar wird. Derridas
Wertbegriff, nach welchem die Werte erst durch den syntaktischen Umgang mit den
differantiellen Markierungen, welche die Schrift generiert, gesetzt werden,
erweist sich als mit der zeitgenössischen Preistheorie kompatibel: Erst
die Preise, als Zusammenhänge von Angebot und Nachfrage, geben den Dingen
einen Wert; es gibt keinen absoluten, intrinsischen Wert. Der Wertbegriff
erfährt in der Dekonstruktion gegenüber dem Begriff der Schrift wie
in der Wirtschaftstheorie gegenüber dem Preisbegriff und Geldbegriff eine
Redundanz. Die Fiktionalität des Wertes (der Bedeutung) ist folglich nicht
nur Kriterium des Textes und der Literatur, sondern auch Charakteristikum der
Geldwirtschaft. Nur “beruhigend,” “teils naiv, teils
eigenmächtig,” aber unaushaltbar wie die zwischen Ökonomik und
Chrematistik, sind Unterscheidungen, die daran erinnern, “daß das
Natürliche nicht das Künstliche, das Echte nicht das Unechte, das
Ursprüngliche nicht das Abgeleitete oder Entlehnte ist.”
[63]
Die Ökonomik versucht sich “vor der Illusion, das heißt vor
der chrematistischen Spekulation”
[64]
zu bewahren. Für Aristoteles handelt es sich bei der Unterscheidung von
Ökonomik und Chrematistik um eine
ideale
und wünschenswerte Grenze, um eine Grenze zwischen dem Begrenzten und dem
Unbegrenzten, zwischen dem wahrhaften und begrenzten Gut (dem
Ökonomischen) und dem illusorischen und unbestimmten Gut (dem
Chrematistischen).
[65]
Diese
Grenze ist nach der dekonstruktionistischen Theorie der
différance
und des
mise
en abyme
der Signifikantenkette und Dissemination nicht zu halten, denn deren
Kontamination durch Fiktionalität affiziert “
a
priori
das familiale Gut.”
[66]
Sie affiziert “die Grenze zwischen der unterstellten Endlichkeit des
Bedürfnisses und der angeblichen Unendlichkeit des Verlangens.”
[67]
Nach Aristoteles übersteigt die Chrematistik als geldwirtschaftliche
Technik alle Grenzen des guten Lebens, die des Bedürfnisses, des
Nützlichen, des Natürlichen, des Vernünftigen, des
Kalkulierbaren, und den geregelten Bezug zwischen Produktion und Konsum auf dem
Markt. Die von Aristoteles gesetzte Grenze zwischen Bedürfnis und
exzessivem Verlangen ist jedoch schon überschritten, seit es den
geringsten Tausch, die geringste Spur, das erste Bedürfnis oder Zeichen
gebe. “Sobald es Geldzeichen und zunächst Zeichen gibt, das
heißt Differenz,”
[68]
ist der
oikos
offen
und kann seine Grenze nicht beherrscht werden. Dies ist nach Derrida zugleich
der ursprüngliche Verfall der Familie und die “Chance für all
die Gastfreundschaften.”
[69]
Erst durch chrematistische Offenheit gibt es Ereignisse und Akkumulation; es
kann “nichts ohne irgendwelche Chrematistik passieren.”
[70]
Derrida zeigt im Kontext der Auseinandersetzung mit der Unterscheidung von
Ökonomik und Chrematistik wie auch zwischen der Fiktionalität von
Falschgeld und derjenigen von Geld nicht unterschieden werden kann. Falschgeld
ist, “was es ist, nämlich falsch und nachgemacht,” nur
insofern, “als man dies nicht weiß, das heißt sofern es
zirkuliert, aussieht und funktioniert
wie
richtiges und gutes Geld
.”[71]
Der Unterschied von Wahrheit und Fiktion hat in der Geldwirtschaft wie in der
Literatur als Bereichen der Textualität keinen Bestand. “Alles, was
sich ... über Falschgeld ... sagen läßt, wird man von der
Geschichte sagen können, vom fiktiven Text.”
[72]
Die Literatur geht “aus dem Buch
heraus,”[73]
d.h. Fiktionalität, Text, Realität und Natur werden indistinkt. Die
Vorstellung der Metaphysik von einer wieder zu erlangenden Einheit verbindet
sich mit dem Gegensatz von
physis
und
nomos,
der
“überall,
besonders aber im linguistischen Diskurs wie selbstverständlich am
Werk”
[74]
ist; dieser Gegensatz wird mit der Textualität beendet; zwischen den
Elementen der Natur, Technik, Kunst oder Konvention kann nicht länger
kategorisch unterschieden werden. Es gibt “keine Natur, sondern allein
Naturwirkungen ... [,] Denaturierung oder Naturalisierung. Die Natur, die
Bedeutung von Natur wird nachträglich wiederhergestellt ausgehend von
einem Trugbild (zum Beispiel der Literatur), für dessen Ursache man sie
hält.”
[75]
So wird von der Pantextualität auch die Logik des
copyright
und der originären Schaffenskraft des Menschen ausgehend von einer
genialen Eingabe natürlicher Gesetze wie in Kants Ästhetik
aufgelöst. Denn die Konvention des
copyright
belegt, daß die Wahrheit als Allgemeingültigkeit und ideales Wesen
auch nur eine Konvention ist: Der Widerspruch im Anspruch auf einen im
copyright
als originaler Produktion geschützten Text liegt im Umstand, daß,
wenn ein Autor die Wahrheit sagt, wenn er behauptet, sie zu sagen, “the
copyright is irrelevant and devoid of interest: everyone will be able, will in
advance
have
been able
,
to reproduce what he says.”
[76]
Folglich gibt es auch “keine Metasprache” und “kein
Außerhalb
des Textes
.”[77]
Allerdings bejaht der Text in chrematistischer Weise das Draußen, indem
er die Grenze der Spekulation offen hält und alle Prädikate,
“worüber die Spekulation sich das Draußen aneignet, auf
‘Effekte’”
[78]
reduziert. Es muß auch die Beschreibung des Geldes nach der
metallistischen Geldtheorie, die ihm nur dann Geltung - Wert - zubilligt, wenn
es als Edelmetallgeld vorliegt oder auf einen Goldstandard bezogen wird, wie
die Vorstellung von der geisterfüllten Sprache abgelehnt werden, denn das
Geld funktioniert als Technik, weil es per Konvention institutionalisiert ist
(wie es die nominalistische Geldtheorie vertritt). “Si ... il faut
insister sur cette conventionnalité de l’argent ..., c’est
pour résister à une tendance
naturalisatrice
dans l’interprétation de l’histoire de la monnaie ou de la
valeur.”
[79]
Es ist daher nach Derrida eine Untersuchung der modernen Literatur auf
“die Transformation der monetären Formen (metallischer,
treuhänderischer Natur: die Banknote, oder schriftlicher Natur: das
Bankkonto),” auf das “Rarwerden von Barzahlungen, den
Rückgriff auf Kreditkarten, die Geheimzahl usw., kurz eine gewisse
Entmaterialisierung des Geldes”
[80]
angesagt. Die heutige materiell wertlose Geldform ist wie der Signifikant der
Schrift die Reduktion des Geldes als einer Markierung auf seine eigentliche,
vertragliche und verzeitlichende Funktion im Text. Die heutige Währung,
die nur noch nominalistisch erklärt werden kann, entspricht einer
Reduktion des Geldes auf seine grundlegende Funktion, die es auch im Mantel des
Edelmetallgeldes immer gehabt hat.
Konventionalität
von Sinn und Wert
Wenn
trotz ihrer Fiktionalität Werte und Sinn für eine Zeit stabil bleiben
und eine gewisse Permanenz haben, dann wegen Konventionen, die verhandelt und
bestimmt werden. Ebenso wie wegen der Beliebigkeit der Zeichen schon für
Saussure “nur der soziale Zustand ein sprachliches System ...
schaffen”
[81]
kann und die Gesellschaft notwendig ist, “um Werte aufzustellen, deren
einziger Daseinsgrund auf dem Gebrauch und dem allgemeinen Einverständnis
beruht,”
[82]
sind auch das Geld und die Preise Wertsysteme, die auf Konvention beruhen. Der
Wert und der Sinn sind durch Übereinkunft zugewiesen und darin relativ
stabil. Derridas Geldbegriff ist wie sein Schriftbegriff ein konventioneller;
eine Instanz muß erst Geltungskonvention und Sinn oder Wert etablieren.
Preis und Wert sind wie Sinn oder Bedeutung an kein absolutes Maß
gebunden. Über Sinn und Preis muß im Handel, den Verhandlungen und
der Kommunikation Konsens gefunden werden, also sowohl über die
Phänomene der Welt wie auch über die Produkte, Güter und auch
die Arbeit. Wahrheit und Wert sind damit eine Frage des Glaubens und der
Entscheidung; das Funktionieren der Literatur wie der Geldwirtschaft ist
“ein Glaubensakt, ein Phänomen von Kredit und Vertrauen, von
Glaubwürdigkeit und konventioneller Autorität.”
[83]
Handel, Kredit und Lektüre oder Kommunikation implizieren immer einen
Vertrag. Dieser “bleibt auf jeden Fall die unerläßliche
Grundvoraussetzung für den
Kredit,
den wir uns einräumen, für die Glaubwürdigkeit, die wir uns
zubilligen, für den Glauben, den wir uns schenken.”
[84]
Sobald es Kredit und Kapital gibt, verschwindet die Differenz zwischen echtem
und falschem Geld. “Alles hängt vom Akt des Vertrauens und dem
Erborgten [
crédit]
ab.”
[85]
Die Literatur ist wie das Geld an die Glaubwürdigkeit, den Kredit und
“folglich ans Kapital, an die Ökonomie und auch an die Politik”
[86]
gebunden. Wird der Kredit für unehrenvoll gehalten, werden auch der
Glaube, die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen zu einer Ehrlosigkeit
erklärt. “Als ob die Grenze zwischen dem Glauben, der
Glaubwürdigkeit und dem Kredit sicher wäre.”
[87]
Derrida
vollzieht in der Kritik am Identitätsdenken der Metaphysik und der Abkehr
vom essentialistischen arbeitswerttheoretischen und axiologischen Wertbegriff
die Entwicklung der zeitgenössischen Wirtschaftswissenschaft zum
kontraktuellen Geldbegriff nach. Der Geldbegriff und das Ökonomiekonzept
der Dekonstruktion stehen nicht nur in Einklang mit der subjektiven
Werttheorie, sondern auch mit der keynesianischen Vertragstheorie des Geldes
und mit zeitgenössischen wirtschaftswissenschaftlichen
Forschungsergebnissen zur Eigentumstheorie. Die Kritik an der Zirkulation und
Beschränktheit der geldlosen Ökonomik greift auf die
différance
und die Zeit als Erklärung für eine notwendige Überschreitung
und Entgrenzung zurück. Die
différance
ist,
wie sich im Verlauf von
Falschgeld
herausstellt, kein ökonomi(k)sches, sondern ein chrematistisches Prinzip.
Die Alterität zwischen einer beschränkten und einer allgemeinen
Ökonomie, so stellt Derrida fest, ist kein Verhältnis der Opposition,
so wie auch das Kalkül zwar statthat, aber nie vollständig und daher
begrenzt sein kann. Der späten Ökonomiekonzeption Derridas unterliegt
kein Naturaltausch, sondern Geldwirtschaft; kein äquivalenter, instantaner
Tausch, sondern vertragliche Verpflichtung und Vereinbarung über Werte und
Zeit. Zins und Kredit sind ein Effekt der Konvention und der Zeit, d.h. des
Geldes. Damit bezieht Derrida zu einer wirtschaftstheoretischen Tradition und
in wirtschaftstheoretischen Diskussionen Stellung, die bis weit in das 20.
Jahrhundert und noch heute Auswirkungen haben.
Fazit:
Zeichenökonomie bei Baudrillard, Derrida, Goux
Der
hohe Abstraktionsgrad der Dekonstruktion im Vergleich zu den Ansätzen bei
Goux oder Baudrillard liegt in ihrem Begriff der Zeit begründet, so wie er
auch den dekonstruktionistischen Ökonomiebegriff als einen der
Geldwirtschaft und des Geldes als Zeittechnologie vorgibt. Auch die
dekonstruktionistische Sprachökonomie beruht im Ausgang vom Prinzip der
différance
auf einem Begriff der Differenz und Polysemie als Effekt der Temporisation.
Ahistorische, statische oder strukturalistische Konzeptionen, die den
Übergang zwischen Strukturen nicht erklären können, sondern nur
als absolute Brüche, revolutionäre Umkehrungen oder einen
Strukturpluralismus begreifen, können anhand der Theorie der
différance
dekonstruiert werden. Die Werke von Baudrillard und Goux siedeln im Vergleich
mit dem Derridas auf einer Skala von Einstellungen, die zum
Ökonomiebegriff, zum Geld und zur Fiktionalität und
Konventionalität bezogen werden: Forderung nach Beherrschung der
Ökonomie, Rückkehr zur Soforttauschwirtschaft und Ablehnung der
Geldwirtschaft bei Baudrillard, Warnung vor der Fiktionalität des Werts
und der Konventionalität des Geldes verbunden mit der Suche nach einem
authentischen, überzeitlichen Maßstab bei Goux und Anerkennung der
Ökonomie als Bereich der auch monetär-spekulativen Innovation und der
Gelegenheit zu sozialer Verantwortung im Rechts- und Vertragswesen und in der
Kommunikation bei Derrida. Mit seiner Forderung nach Errichtung einer
geschlossenen Ökonomie des symbolischen Tausches zieht Baudrillard ein dem
Derridas entgegengesetztes Fazit, um das Problem des ethischen Maßstabs,
das mit dem Wegfall der Werttheorie auftritt, in einer Utopie, auf die die
Geschichte sich hinzubewegen habe, zu lösen. Auch Baudrillards Vorstellung
vom geschlossenen Kunstwerk ist mit Derridas Konzeption des immer offenen
Kontexts in der universellen, unbegrenzten Textualität nicht vereinbar.
Baudrillard möchte die
différance
arretieren und im symbolischen Tausch Wahrheit und Eindeutigkeit zuweisen
können, statt sich der Problematik der Fiktionalität und
Konventionalität zu stellen. Die Verselbständigung des
differantiellen, ökonomischen Moments im Geld und im Signifikanten wird
nur negativ beurteilt. Fiktion, Simulation und Akkumulation werden mit alten
Argumenten gegen die Chrematistik dämonisiert. Auch wenn Derrida
hinsichtlich der Medientheorie bei Baudrillards Thesen Anleihen nimmt, so in
der Rede von Simulakren in
Specters
of Marx
,
bleibt die Dekonstruktion doch einer optimistischen Zeitdiagnose verpflichtet,
die Fiktion als Chance begreift. Wegen der abschließenden Tendenz ist
Baudrillards Entwurf bei gleicher Diagnose wie Derrida also regressiv, sogar
mit Tendenzen zur Repressivität. Die wirtschaftswissenschaftliche
Komplexität der Konzeption Derridas oder die Aktualität derjenigen
Baudrillards wird von Goux nicht erreicht, obwohl er als einziger explizit auf
die wirtschaftstheoretische Grenznutzenschule verweist. Dennoch eröffnet
er mit diesem Zitat keinen neuen Kontext, weil jegliche Infragestellung der
klassischen und marxistischen Arbeitswerttheorie dogmatisch abgewehrt wird.
Goux wendet sich gegen die Arbitrarität des Zeichens und damit gegen
Fiktionalität und Konventionalität von Wert und Sinn mit dem
Argument, daß sonst keine Kommunikation möglich wäre. Derrida
bestätigt dagegen, daß Kommunikation erst unter Arbitrarität
gedacht werden kann, denn wären alle Werte und aller Sinn intrinsisch und
natürlich und alle Bedeutungen transparent gegeben, wäre
Kommunikation und Suche nach Konvention und Übereinstimmung unmöglich
und unnötig. Auseinandersetzung mit Fiktionalität wird von allen drei
Autoren gesucht, aber Fiktion wird von Baudrillard und Goux letztlich mit
Bedrohung einer ursprünglichen oder natürlichen Sicherheit
konnotiert, von Derrida dagegen als Chance zur Einrichtung zumindest
temporärer Sicherheiten affirmiert. Einzig Derrida verteidigt daher
implizit die Literatur. Ein ethischer Werterelativismus wird bei Derrida in
einem Grad von Permanenz von Sinn, Konvention und damit auch von Rechtsetzung
vermieden, während bei Baudrillard und Goux eine radikale Umkehr gefordert
wird, um ein stabiles, endgültiges Wertesystem zu oktroyieren. In der
Vorstellung dieser Umkehr verbleiben Baudrillard und Goux in der Dialektik oder
im Posthistoire, während Derrida die
différance
als andauernde posthumanistische Fortbewegung ohne massive Brüche zwischen
Systemen von Elementen, sondern mit gleitenden Verschiebungen begreift.
Brüche bestehen nur in der Wahrnehmung und im Wissen, das Kontexte
formalisieren und stabilisieren muß, um Sinn zu errichten.
Kommentare
oder Anfragen bitte an Nadja Gernalzick unter e-mail
gen@fb14.uni-mainz.de.
Eine ausführliche Darstellung der skizzierten Sachverhalte mit
Quellenmaterial und unter besonderem Bezug auf die Rezeption des
Ökonomiebegriffs der Dekonstruktion in der amerikanischen postmodernen
Literaturtheorie und in Auseinandersetzung mit deren wirtschaftstheoretischen
Prämissen erscheint demnächst als Publikation meiner Dissertation.
[1]Jochen
Hörisch, “Dekonstruktion des Geldes. Die Unvermeidbarkeit des
Sekundären,”
Ethik
der Gabe
,
hrsg. Michael Wetzel und Jean-Michel Rabaté (Berlin: Akademie, 1993) 180.
[2]Hans
Arens,
Sprachwissenschaft,
1955 (Freiburg: Verlag Karl Alber, 1969) 443.
[3]Jacques
Derrida, “Structure, Sign, and Play in the Discourse of the Human
Sciences,” 1966,
The
Structuralist Controversy
,
hrsg. Richard Macksey und Eugenio Donato (Baltimore: Johns Hopkins UP, 1970).
Jean-Joseph Goux, “Dialectique et histoire,” 1973,
Freud,
Marx: Économie et symbolique
(Paris:
Seuil, 1973) 47: Goux verwendet zur Betonung dieser Forderung meines Wissens
hier 1973 als erster den Begriff “post-structuraliste.”
[4]Jean-Joseph
Goux, “Calcul de jouissances,” 1975,
Les
Iconoclastes
(Paris:
Seuil, 1978). Hierzu und zu relevanten Details hinsichtlich der Hegelschen
Wirtschaftstheorie als proto-marginalistisch, und werttheoretisch trotz der
Rezeption Adam Smiths nicht arbeitswerttheoretisch orientiert, vgl. Birger P.
Priddat,
Hegel
als Ökonom
(Berlin: Duncker & Humblot, 1990), sowie zum dekonstruktionistischen und
sprachtheoretischen Kontext dieser ökonomischen Aspekte meine
Dissertation, erscheint demnächst.
[5]Ferdinand
de Saussure,
Grundfragen
der allgemeinen Sprachwissenschaft
,
1905-1911, übers. Herman Lommel (Berlin: de Gruyter, 1967) 94.
[6]Tullio
de Mauro, Hrsg.,
Cours
de linguistique générale
,
von Ferdinand de Saussure, 1905-11 (Paris: Payot, 1972) 115, Anm. 166.
[7]Jacques
Derrida, Afterword: Toward an Ethic of Discussion,” 1988,
Limited
Inc
,
1977/1988, übers. Samuel Weber (Evanston: Northwestern UP, 1988) 149.
[8]Derrida,
“Afterword” 148.
[9]Jacques
Derrida,
Positionen
, 1972, übers. Dorothea Schmidt (Wien: Böhlau, 1986) 129.
[10]Jacques
Derrida,
Falschgeld:
Zeit geben I
,
1991, übers. Andreas Knop und Michael Wetzel (München: Fink, 1993) 205.
[11]Vgl.
Peter Spahn, “Die Anfänge der antiken Ökonomik,”
Chiron
14 (1984): 304.
[12]
Spahn 304.
[13]
Spahn 304.
[14]Aristoteles,
Politik
,
übers. Olof Gigon (München: dtv, 1973) 58 [1256b].
[15]Aristoteles,
Politik
60 [1257a]
[16]Aristoteles,
Politik
59
[1257b]
[17]Aristoteles,
Die
Nikomachische Ethik
,
übers. Olof Gigon (München: dtv, 1991) 214 [1132b].
[18]Aristoteles,
Politik
60
[1257b]
[19]Aristoteles,
Nik. Ethik
216 [1133b]
[20]Aristoteles,
Politik
59 [1256b,1257a]
[21]Aristoteles,
Politik
60 [1257b]
[22]Aristoteles,
Politik
61 [1257b]
[23]Aristoteles,
Politik
63 [1258b]
[24]Aristoteles,
Politik
63 [1258a-b]
[25]Vgl.
Spahn 309 ff..
[26]Karl
Marx,
Das
Kapital
,
Bd. 1, 4. Aufl., 1890,
Karl
Marx/Friedrich Engels: Werke
(Berlin: Dietz, 1993) 167 und zu Aristoteles 167, Anm. 6.
[27]Marx
168.
[28]Joseph
A. Schumpeter,
Geschichte
der ökonomischen Analyse
,
1954, hrsg. Elizabeth B. Schumpeter (Göttingen: Vandenhoeck &
Ruprecht, 1965) 100.
[29]Francesca
Schinzinger, “Vorläufer der Nationalökonomie,”
Geschichte
der Nationalökonomie
,
hrsg. Otmar Issing, 3. rev. Aufl. (München: Vahlen, 1994) 20.
[30]Marcel
Mauss, “Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen
Gesellschaften,” 1923-24,
Soziologie
und Anthropologie
,
Bd. 2, übers. Eva Moldenhauer et al. (Frankfurt: Fischer, 1989) 43, Anm. 29.
[31]Otto
Brunner, “Das ‘ganze Haus’ und die alteuropäische
‘Ökonomik’,” 1956,
Neue
Wege der Verfassungs- und Sozialgeschichte
,
3. Aufl. (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1980) 105.
[32]Schumpeter
360.
[33]Schumpeter
360, Anm. 8.
[34]Dietmar
Kath, “Geld und Kredit,”
Vahlens
Kompendium der Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik
,
von Dieter Bender et al., Bd. 1, 6. rev. Aufl. (München: Vahlen, 1995) 177.
[35]Hajo
Riese, “Geld - das letzte Rätsel der Nationalökonomie,”
Rätsel
Geld
,
hrsg. Waltraud Schelkle und Manfred Nitsch (Marburg: Metropolis, 1995) 45, 46.
[36]Schumpeter
355.
[37]Jürgen
Siebke, “Preistheorie,”
Vahlens
Kompendium der Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik
,
von Dieter Bender et al., Bd. 2, 6. rev. Aufl. (München: Vahlen, 1995) 63.
[38]Winfried
Schwarz, “Wert, ökonomischer,”
Europäische
Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften
,
ed. H.J. Sandkühler, Bd. 4 (Hamburg: Meiner, 1990) 801.
[39]Schumpeter
719, Anm. 25.
[40]Schumpeter
719.
[41]Schumpeter
355.
[42]Schumpeter
355.
[43]Schumpeter
356.
[44]Schumpeter
719.
[45]Schumpeter
719. Kursivschreibung modifiziert.
[46]Gunnar
Heinsohn, “Muß die abendländische Zivilisation auf immer
unerklärbar bleiben?”
Rätsel
Geld
,
hrsg. Waltraud Schelkle and Manfred Nitsch (Marburg: Metropolis, 1995) 238.
[47]Hans-Joachim
Stadermann, “Tabu, Gewalt und Geld als Steuerungsmittel,”
Rätsel
Geld
,
hrsg. Waltraud Schelkle and Manfred Nitsch (Marburg: Metropolis, 1995) 161.
[48]Stadermann
161.
[49]Stadermann
161.
[50]John
Maynard Keynes,
The
General Theory of Employment, Interest, and Money
,
1936, Bd. 7 von
The
Collected Writings of John Maynard Keynes
(London: Macmillan, 1973) 293, nach Heinsohn 241.
[51]Heinsohn
241.
[52]Jacques
Derrida,
Specters
of Marx
,
1993, übers. Peggy Kamuf (London: Routledge, 1994) 77.
[53]Derrida,
Specters
170. [54]Jacques
Derrida,
Glas,
1974 (Paris: Denoël/Gonthier, 1981) 1. Die allgemeine Äquivalenz
konnotiert noch das Geld in seiner Funktion als allgemeines Äquivalent in
Marx’ Werttheorie.
[55]Derrida,
Falschgeld
202. [56]Vgl.
Jacques Derrida, “De l’économie restreinte à
l’économie générale: un hégélianisme
sans réserve,”
L’Arc:
Georges Bataille
32
(Mai 1967). Auch in
Die
Schrift und die Differenz
.
(Frankfurt: Suhrkamp, 1976).
[57]Jacques
Derrida, “Du ‘sans prix’, ou le ‘juste prix’ de
la transaction,”
Comment
penser l’argent?
hrsg. Roger-Pol Droit (Paris: Le Monde Éditions, 1992) 387.
[58]Derrida,
“Sans prix” 395.
[59]Derrida,
“Sans prix” 395.
[60]Derrida,
“Sans prix” 395.
[61]Derrida,
Falschgeld
25. [62]Vgl.
Holger Bonus,
Wertpapiere,
Geld und Gold - Über das Unwirkliche in der Ökonomie
(Graz:
1990).
[63]Derrida,
Falschgeld
95. [64]Derrida,
Falschgeld
202. [65]Derrida,
Falschgeld
202. [66]Derrida,
Falschgeld
202. [67]Derrida,
Falschgeld
202. [68]Derrida,
Falschgeld
203.
[69]Derrida,
Falschgeld
203. [70]Derrida,
Falschgeld
203. [71]Derrida,
Falschgeld
81-82. [72]Derrida,
Falschgeld
116. Kursivschreibung modifiziert.
[73]Jacques
Derrida, “Buch-Ausserhalb,” 1972,
Dissemination,
1972, übers. Hans-Dieter Gondek (Wien: Passagen, 1995) 63.
[74]Jacques
Derrida,
Grammatologie,
1967, übers. Hans-Jörg Rheinberger und Hanns Zischler (Frankfurt:
Suhrkamp, 1983) 78.
[75]Derrida,
Falschgeld
217. [76]Jacques
Derrida, “Limited Inc a b c ...,” 1977,
Limited
Inc
,
1977/1988, übers. Samuel Weber (Evanston: Northwestern UP, 1988) 30.
[77]Jacques
Derrida,
Positionen,
1972, übers. Dorothea Schmidt (Wien: Böhlau, 1986) 165, Anm. 46.
[78]Derrida,
“Buch-Ausserhalb” 43.
[79]Derrida,
“Sans prix” 388.
[80]Derrida,
Falschgeld
145-46. Derrida kritisiert jedoch eine solche Untersuchung bei Goux - vgl.
Jean-Joseph Goux,
Les
monnayeurs du langage
(Paris: Galilée, 1984) -, sobald sie das Edelmetallgeld als Standard
idealisiert und Dematerialisierung des Geldes als Bewegung der Dekadenz
begreift. Derrida,
Falschgeld
145.
[81]Saussure
135.
[82]Saussure
135.
[83]Derrida,
Falschgeld
129.
[84]Derrida,
Falschgeld
22. [85]Derrida,
Falschgeld
162.
[86]Derrida,
Falschgeld
129.
[87]Derrida,
Falschgeld
134, Anm. 38.
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