Michel Foucaults Konzeption von Aufklärung als philosophischem EthosNicole Gageur 1. EINLEITUNGIn
dieser Arbeit möchte ich zunächst Foucaults
Philosophieverständnis, anhand seines Zeitungsartikels "Was ist
Aufklärung?"
[1],
der mir als Grundlage dient, ergänzt durch seine kleineren Schriften und
Interviews, vorstellen. Dabei geht es mir darum, zu zeigen inwiefern er -
nämlich auf eine sehr spezielle Art und Weise - an die Tradition der
Aufklärung anknüpft. Danach werde ich sein
Philosophieverständnis aufzeigen und daran anschließend seine
Arbeitshypothesen, sein methodisches Vorgehen und die Verwendung zentraler
Begriffe darstellen. Es interessiert mich hierbei vor allem, inwieweit sein
eigenes Vorgehen mit seiner scharfen Kritik an Wahrheitsansprüchen
kohärent ist.
Im
dritten Abschnitt dieser Arbeit möchte ich Foucaults Konzeption von
Aufklärung als philosophischem Ethos mit der "Dialektik der Aufklärung"
[2]
von Horkheimer und Adorno kontrastieren. Dies bietet sich an, weil sich durch
die gleiche Thematik eine Verbindung herstellen läßt. Dabei geht es
mir darum, das unterschiedliche Verständnis zentraler Begriffe und die
Konsequenzen, die beide Parteien aus ihrer Wissenschafts- bzw. Wahrheitskritik
für ihr eigenes Vorgehen ziehen, deutlich zu machen. Hierbei habe ich den
Schwerpunkt bewußt darauf gelegt, zu prüfen inwieweit die beiden
Ansätze in sich plausibel sind. Die Frage nach den ethisch-politischen
Auswirkungen werde ich dabei nur am Rande behandeln. Dies würde eine sehr
spannende, weiterführende Analyse erfordern, die aber den Rahmen dieser
Arbeit sprengen würde. 2. FOUCAULT2.1 Foucault ein "postmoderner" Aufklärer?In
einem vergleichenden Aufsatz zu Foucaults Werk und der "Dialektik der
Aufklärung" bemerkt Peter Dews Folgendes:
"Paradoxerweise
ist es Foucault - oft als der archetypische Denker der
>>Postmoderne<< bezeichnet -, den man als Verteidiger des Konzepts
der Pluralität und Offenheit der Moderne sehen kann, während Adorno
und Horkheimer durch die Beinahe-Vernichtung der emanzipatorischen Kraft der
Vernunft als >postmodern< erscheinen."
[3] Auffallend
dabei und geradezu bezeichnend ist, daß "Postmoderne" in
Anführungszeichen gesetzt wird. Dies deutet schon an, daß es sich
hier um einen sehr schwammigen Begriff handelt. Hinzukommt, daß es
anscheinend als 'postmodern' gilt, Vernunft abzulehnen. Was bedeutet
Postmoderne eigentlich? Dies möchte ich zumindest kurz andeuten, um dann
auf Foucault zu sprechen zu kommen, der sich selbst in den Kontext von
Aufklärung und Moderne stellt.
Postmoderne[4]
ein Begriff der neueren französischen Philosophie ist in Deutschland in
erster Linie als Schlagwort der Medien bekannt geworden. Der Bezug zur
Philosophie oder gar die Bedeutung des Begriffs scheint dabei verloren gegangen
zu sein. So taucht der Begriff Postmoderne häufig im Zusammenhang mit
Kunst, Literatur und Architektur auf und zwar als Epoche-Begriff. Dies
entspricht aber nicht seiner ursprünglichen Bedeutung in der Philosophie.
'Post-' bedeutet hier kein zeitliches Danach zur Epoche der Moderne, sondern
soll einen Einschnitt markieren, der eine gewisse Distanz zur Moderne
kennzeichnet. Damit wird die Moderne nicht abgelehnt, sondern sie soll neu
überdacht werden. Philosophen wie Lyotard, Derrida oder Foucault, die der
Postmoderne zugerechnet werden, knüpfen durchaus an die Inhalte der
Moderne an, wie beispielsweise die Freiheit des Individuums oder die
Möglichkeit von Heterogenität, allerdings kritisieren sie ihre
Wertvorstellungen oder Ideologien. Gemeint sind hier, besonders in Bezug auf
Foucault, die Werte des Humanismus, die festschreiben, wie der Mensch zu sein
hat bzw. was eigentliches Menschsein ausmacht. Postmoderne bedeutet nicht
Inhaltslosigkeit und Beliebigkeit. Im Gegenteil, es wird nach neuen,
passenderen Möglichkeiten für Gesellschaftstheorien und Philosophien
gesucht. Die wissenschaftliche Technisierung und die verallgemeinernde,
szientistische Rationalität lassen die Pluralität und
Vielschichtigkeit der Dinge und Menschen unberücksichtigt. In der
postmodernen Denkrichtung wird daher der Versuch unternommen angemessenere
Konzepte zu entwickeln. Dies aber nicht als abstraktes Modell wie z. B. im
Marxismus, sondern als etwas Herzustellendes, daß sich aus der
kontinuierlichen Arbeit der kritischen Auseinandersetzung ergibt.
In
dem oben beschriebenen Sinne von 'postmodern' ist auch Foucault zu verstehen.
In dem Artikel "Was ist Aufklärung" stellt Foucault ganz bewußt eine
Verbindung seines Denkens zur Aufklärung und Moderne her, allerdings auf
eine sehr spezielle, ihm eigentümliche Art und Weise. Wie diese Verbindung
aussieht, möchte ich im Folgenden darlegen.
Anhand
seiner Rezeption von Kants Aufsatz "Was ist Aufklärung?"
[5]
arbeitet Foucault einen Typ philosophischen Fragens heraus, der für sein
Aufklärungsverständnis charakteristisch ist und der deutlich macht,
inwiefern er sich in die Tradition der Aufklärung stellt. Foucault
versteht den Ausgang aus der Unmündigkeit als einen Prozeß, der uns
aus dem Willenszustand befreit, in dem wir anderen die Autorität
zugestehen, uns in den Bereichen zu führen, in denen wir auch unsere
Vernunft benutzen könnten. Für ihn ist Aufklärung also "durch
eine Veränderung der bestehenden Beziehungen zwischen Wille,
Autorität und dem Gebrauch der Vernunft definiert"
[6].
Den Prozeß, den Foucault beschreibt, will er als kritische Reflexion auf
die gegenwärtig bestehende Situation, als auch auf die historische
Entwicklung dorthin verstanden wissen. Diese kritische Auseinandersetzung soll
daraufhin bezogen und problematisiert werden, daß man sich als autonomes
Subjekt konstituieren kann und somit einer ständigen Wandlung unterliegt.
In Anlehnung hieran entwickelt Foucault eine Haltung oder ein philosophisches
Ethos der Moderne. Sein Anliegen ist es, von der Moderne als Epoche-Begriff,
der zeitlich zugeordnet wird und mit bestimmten Ideen und Vorstellungen
verbunden ist, Abstand zu gewinnen. Er zielt damit auf eine Haltung oder
Einstellung, die den modernen Menschen auszeichnen soll. Dies bedeutet für
ihn, die Gegenwart als etwas historisch Gewordenes zu analysieren und sie dort
zu verändern, wo es nötig erscheint. Aber nicht nur das, dazu
gehört auch, sich selbst als wandelbares und zu transformierendes Subjekt
zu sehen und keiner Idee eines bestimmten Menschenbildes anzuhängen. Diese
Haltung beschreibt Foucault als "permanente Kritik unseres historischen Seins"
[7]. Im
Ganzen will Foucault also nicht ein auch nur annähernd vollständiges
Bild von Aufklärung und Moderne liefern, sondern aus ihnen Elemente
hervorheben, die noch aktuell für sein Philosophieverständnis und die
Konstitution eines kritischen autonomen Subjekts sind. Foucault weist dabei auf
zwei mögliche Fehler hin, die es für ihn zu vermeiden gilt: Erstens
sollte man nicht für oder gegen die Aufklärung Position beziehen um
nicht die Tradition des durch die Aufklärung geprägten Rationalismus
im Ganzen annehmen oder ablehnen zu müssen. Statt dessen muß erkannt
werden, daß man durch die historische Tradition der Aufklärung
geprägt ist. Zweitens sollte Aufklärung nicht mit den
Wertvorstellungen des Humanismus verwechselt werden, die den angeblichen Kern
des Menschseins festschreiben. Dies bedeutet für Foucault weder eine
elementare Form von Rationalismus noch bestimmte Werte festzuhalten.
[8]
Die
Fehler, die Foucault beschreibt und die er vermeiden möchte, lassen sich
als Abgrenzung zur "Dialektik der Aufklärung" von Horkheimer und Adorno
lesen. Denn in ihrer Auseinandersetzung mit der Tradition der Aufklärung
läuft ihre starke Kritik darauf hinaus, den Rationalitätsbegriff der
Aufklärung ablehnen zu müssen. Zudem scheint es so, als würden
sie an der Idee eines idealen Menschenbildes festhalten. Die Frage, ob dem
tatsächlich so ist, werde ich in Abschnitt 3 ( bes. 3. 3 und 3. 4) dieser
Arbeit beantworten.
2.2 Foucaults Philosophieverständnis oder Kritik als philosophisches EthosFoucault
entwickelt anhand seiner Rezeption von Kants Aufsatz "Was ist Aufklärung?"
eine kritische Haltung, ein philosophisches Ethos. Aus Foucaults Konzeption von
Philosophie "als permanente Kritik unseres historischen Seins"
[9]
ergeben sich eine Reihe von Fragen:
Diesen
Fragen werde ich im Folgenden nachgehen.
2.2.1 Die Arbeitshypothesen FoucaultsUm
Foucaults Anliegen und Wirken verstehen zu können, sollte man sich mit
seinen Arbeitshypothesen oder Annahmen befassen. Am deutlichsten sind sie in
"Die Ordnung des Diskurses", der Antrittsvorlesung Foucaults am Collège
de France, formuliert:
"Die
Hypothese, die ich heute abend entwickeln möchte, um den Ort – oder
vielleicht das sehr provisorische Theater – meiner Arbeit zu fixieren:
Ich setze voraus, daß in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses
zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird – und
zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die
Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Ereignishaftes zu
bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu umgehen."
[10] Hier
wird schon deutlich, daß es Foucault um
Machtwirkungen
geht. Zum einen um die Mächte, die den Diskurs lenken und somit
natürlich auch kontrollieren. Zum anderen um die Macht, die die Diskurse
haben, denn sonst könnten von ihnen keine Kräfte und Gefahren
ausgehen. Das also den Diskursen Machtwirkungen zugrunde liegen und von ihnen
ausgehen ist die erste Hypothese, die Foucault annimmt. Die zweite, die mit der
ersten eng zusammenhängt, ist mit der Art der Ausschließung
verknüpft. Denn klar ist: wenn die Diskurse gelenkt werden funktioniert
dies oft über
Ausschließungsmechanismen.
Diese können die verschiedensten Aspekte von Diskursen betreffen. Sie
können sowohl die Subjekte einschränken, die am Diskurs teilnehmen
dürfen oder können, als auch die Themen der Diskurse
einschränken, zumindest die Themen, die für einen bestimmten Diskurs
zugelassen sind. Oder sie können die Perspektiven vorschreiben, unter
denen Themen in einem Diskurs zirkulieren. Dabei sei angemerkt, daß dies
nur einige von vielen Beispielen sind, und daß die
Ausschließungsmechanismen nicht immer als offenkundige Verbote zu Tage
treten, sondern oftmals subtil oder unbewußt wirken.
Am
Anfang von "Die Ordnung des Diskurses" beschreibt Foucault drei große
Bereiche und Ausschließungsmechanismen und es sind sicherlich die, an
denen Foucault am meisten Interesse hat und die sein Werk geprägt haben.
Im ersten Bereich soll als Ausschließungsprinzip bevorzugt das Verbot
wirken, es ist das Feld von Sexualität und Politik.
"Tabu
des Gegenstandes, Ritual der Umstände, bevorzugtes oder
ausschließliches Recht des sprechenden Subjekts – dies sind drei
Typen von Verboten, die sich überschneiden, verstärken oder
ausgleichen und so einen komplexen Raster bilden, der sich ständig
ändert. Ich möchte nur anmerken, daß es heute zwei Bereiche
gibt, in denen der Raster besonders eng ist und die Verbote immer zahlreicher
werden: die Bereiche der Sexualität und der Politik."
[11] Es
gibt noch ein weiteres Ausschließungsprinzip, dem Foucaults besonderes
Interesse gilt, nämlich das der Grenzziehung in Verbindung mit der
Verwerfung der jeweils anderen Seite. Bezogen wird es von Foucault in der
"Ordnung des Diskurses" auf den zweiten Bereich, dessen beiden Pole Vernunft
und Wahnsinn bilden.
"Es
gibt in unserer Gesellschaft noch ein anderes Prinzip der Ausschließung:
kein Verbot, sondern eine Grenzziehung und eine Verwerfung. Ich denke hier an
die Entgegensetzung von Vernunft und Wahnsinn."
[12] Foucault
gibt noch einen dritten Bereich an, der ihm sehr wichtig ist, es ist die
Entgegensetzung von Wahrem und Falschem. Unter dem Gesichtspunkt der
Wissenschaft betrachtet ist er mit dem letzteren verknüpft. Denn der
wissenschaftliche Diskurs ist dadurch charakterisiert, daß er rational
und wahr sein soll. Diesen dritten Bereich, in dem es auch wieder um eine
Grenzziehung und Verwerfung geht, postuliert er allerdings als ein
eigenständiges Ausschließungsprinzip. Zuerst hat es natürlich
den Anschein, so Foucault, daß das Wahrseiende von keinen
Zufälligkeiten, historischen Ereignissen oder institutionellen
Entscheidungen abhängt. Für die Ebene des Urteils innerhalb eines
Diskurses hält er dies für zutreffend. Aber wenn man danach fragt,
was unseren "Willen zur Wahrheit"
[13]
und in diesem Zusammenhang unseren "Willen zum Wissen"
[14]
bestimmt, kommt Foucault zu der Überzeugung, daß dies nur
kontingente Grenzziehungen des Menschen sind. Im Zusammenhang mit Platon, der
sicherlich prägend für die westliche Philosophie und Wissenschaft
war, insofern er das Streben nach Erkenntnis mit einer bestimmten Form der
Wahrheit verknüpft hat, bemerkt Foucault folgendes:
"Diese
historische Grenzziehung hat unserem Willen zum Wissen zweifellos seine
allgemeine Form gegeben. Aber sie hat sich auch immer wieder verschoben: die
großen wissenschaftlichen Mutationen können vielleicht manchmal als
die Folgen einer Entdeckung verstanden werden, sie können aber auch als
das Erscheinen neuer Formen des Willens zur Wahrheit gesehen werden. [...] Es
sieht so aus, als hätte seit der großen Platonischen Grenzziehung
der Wille zur Wahrheit seine eigene Geschichte, welche nicht die der zwingenden
Wahrheit ist: eine Geschichte der Ebenen der Erkenntnisgegenstände, eine
Geschichte der Funktionen und Positionen des erkennenden Subjekts, eine
Geschichte der materiellen, technischen, instrumentellen Investitionen der
Erkenntnis."
[15] Zusammenfassend
läßt sich also zur zweiten Annahme Foucaults sagen, daß er die
Ausschließungsmechanismen als Grenzziehungen versteht, denn auch Verbote
sind letztendlich Grenzziehungen, nur eben besonders drastische. Wichtig ist
der dritte Aspekt der Ausschließungsmechanismen, nämlich daß
Foucault nicht mehr von einem absoluten Wahrheitsanspruch ausgeht, sondern
sieht, daß dieser kontingent ist. Auch Wahrheiten haben ihre historisch
bedingte Erscheinungsform und eine "institutionelle Basis"
[16],
die sie vermittelt, konstant hält, aber auch verändern kann. Dies
sind z. B. die Schulen, die Universitäten, die Bücher, die
Massenmedien und natürlich die Bedeutung und Funktion, die Wissenschaft in
einer Gesellschaft hat. Foucault unterstellt einem gesellschaftlichen System
eine Vielzahl von Machtmechanismen, die unter anderem durch Ausschließung
bzw. Grenzziehung wirken und er setzt voraus, daß dies auch auf den
Wahrheitsanspruch zutrifft. Dies ist unter verschiedenen Aspekten immer wieder
Gegenstand seiner Forschungen gewesen. In einem Interview, sieben Jahre nach
seiner Antrittsvorlesung, faßt er dies folgendermaßen zusammen:
"[...]
was zur Debatte steht, ist die Frage, was die Aussagen bestimmt und die Art, in
der sie sich zueinander verhalten und einen Komplex wissenschaftlich
gültiger und infolgedessen mittels wissenschaftlicher Verfahren
verifizierbarer oder falsifizierbarer Sätze bilden. Es ist letzten Endes
ein Problem der Ordnung, der >>Politik<< der wissenschaftlichen
Aussage. Auf dieser Ebene geht es darum herauszufinden, nicht welche Macht von
außen her auf der Wissenschaft lastet, sondern welche Machtwirkungen
unter den wissenschaftlichen Aussagen zirkulieren; wie ihr inneres Machtsystem
beschaffen ist und wie und warum dieses sich in bestimmten Augenblicken global
verändert."
[17] Diese
Hypothesen, von denen Foucault ausgeht, bestimmen aber nicht nur sein
Forschungsfeld, sondern auch seine Arbeitsweise. Wenn sich Machtwirkungen als
Grenzen manifestieren, dann gilt es für Foucault im Rahmen seiner Kritik,
diese Machtwirkungen und ihre Kontingenz aufzuzeigen. Dies versteht er als
"Grenzhaltung"
[18],
insofern besteht Kritik für ihn "gerade in der Analyse der Grenzen und
ihrer Reflexion"
[19]. Die
Annahmen Foucaults, daß es Machtwirkungen innerhalb von Diskursen gibt
und diese über Ausschließungsmechanismen funktionieren, sind
ebenfalls wichtig für die spätere Einschätzung, ob Foucault im
Rahmen seiner Kritik und seiner Forschungen diesen selbst genügt. Wie
verhält er sich, um die sein wissenschaftliches Arbeiten beeinflussende
Machtwirkungen zu relativieren und wie verhindert er, daß seine Werke
neue Machtstrukturen festschreiben? Natürlich kann er nicht verhindern,
daß auch seine Forschungen Formen von Wahrheit und neue Machtbeziehungen
hervorrufen, denn Foucault unterliegt nicht der Illusion er könnte sich
ihnen völlig entziehen:
"Es
geht nicht darum die Wahrheit von jeglichem Machtsystem zu befreien – das
wäre ein Hirngespinst, denn die Wahrheit selbst ist Macht [...]."
[20] Aber
gelingt es ihm, die induzierten Machtmechanismen transformierbar zu halten,
indem er ohne absoluten Wahrheitsanspruch und normativen Setzungen auskommt?
Wie muß also Foucaults Kritik beschaffen sein um seinen eigenen
Anforderungen gerecht zu werden?
2.2.2 Formen der Kritik - Archäologie und GenealogieFoucault
spricht von Kritik als einer Grenzhaltung, was zum einen bedeutet, die Grenzen,
die bestehen oder bestanden, aufzuzeigen und zum anderen zu analysieren, wie
diese Grenzen entstanden sind. Alles in allem soll dies die Möglichkeit
eröffnen, die Grenzen zu überschreiten.
[21]
In diesem Zusammenhang weist Foucault auf den Unterschied zu Kant hin, der
Kritik, wie ihn Foucault versteht, als Form der Begrenzung sieht. Demnach
würde Kant in der "Kritik der reinen Vernunft" bzw. "der praktischen
Vernunft" nach den formalen und universalen Strukturen suchen, die die Grenzen
jeder möglichen Erkenntnis oder moralischen Handlung ausmachen, sowie er
aus unserem Sein das ableiten würde, was wir unmöglich wissen oder
tun können.
[22]
Foucault dagegen möchte herausfinden, welche Strukturen uns begrenzen, um
dann die Möglichkeit zu eröffnen, die Strukturen oder unser Sein zu
ändern, damit sie dies nicht mehr tun. Wie Foucault dabei vorgehen will,
habe ich oben schon angedeutet. Er geht von zwei Formen der Kritik aus, die
sich ergänzen.
Zum
einen die Beschreibung der Strukturen, die sich als Grenzen manifestiert haben,
sowie deren Sinn oder Funktion. Diese Art des kritischen Vorgehens kann man als
Archäologie bezeichnen. Foucault macht dies in "Was ist Aufklärung?",
wenn er eine Methode als archäologisch betitelt "insofern als sie [...]
die Fälle von Diskursen zu behandeln sucht, die das, was wir denken, sagen
und tun in verschiedensten historischen Ereignissen bezeichnen"
[23].
In "Was ist Kritik" beschreibt Foucault die Vorgehensweise mittels
Archäologie als die "Akzeptabilitätsbedingungen eines Systems
herausarbeiten und die Bruchlinien seines Auftauchens verfolgen"
[24].
In "Die Ordnung des Diskurses" bezeichnet Foucault dieses Verfahren einfach
'nur' als "Kritik"
[25].
Wobei aus dem Kontext deutlich wird, daß er auch hier den gleichen Aspekt
anspricht:
"Der
kritische Teil der Analyse zielt auf die Systeme, die den Diskurs
umschließen; er versucht die Aufteilungs-, Ausschließungs- und
Knappheitsprinzipien des Diskurses aufzufinden und zu erfassen."
[26] Sehr
eng mit dieser archäologischen Form der Kritik verknüpft ist die
Genealogie, sie steht in Ergänzung zu ihr. Mittels der Genealogie soll
analysiert werden wodurch sich Grenzen oder Ausschließungsprinzipien
etabliert haben bzw. bestimmte Diskurse oder Systeme akzeptiert worden sind.
Wenn Foucault genealogisches Vorgehen in "Was ist Aufklärung?" als "Absicht"
[27]
beschreibt, dann deshalb, weil damit die Intention verbunden ist, zu zeigen,
daß die Grenzen transformierbar sind. Dies soll dadurch geschehen,
daß man analysiert, wodurch sich die Grenzen konstituiert haben. Daran
will Foucault zeigen, daß die Entstehung von Grenzen nur unter bestimmten
historischen Bedingungen, die variabel sind, möglich war und daß
daher die Grenzen kontingent sind. Die Genealogie schließt insofern an
die zweite Hypothese Foucaults an, die von der Kontingenz von
Ausschließungsmechanismen ausgeht, indem sie die Entstehungsbedingungen
verfolgt, als eine Möglichkeit unter vielen und so Raum für eine
mögliche Transformation eröffnet.
Ein
weiterer Aspekt der Genealogie ist es, "die Einmaligkeit der Ereignisse unter
Verzicht auf eine monotone Finalität ausfindig zu machen"
[28],
insofern "steht sie im Gegensatz zur metahistorischen Entfaltung der idealen
Bedeutungen und unbegrenzten Teleologien"
[29]
und sie steht auch "im Gegensatz zur Suche nach dem >>Ursprung<<"
[30]. Bleibt
nur noch zu bemerken, daß die Trennung von Archäologie und
Genealogie bei Foucault nicht eindeutig ist, sondern daß sie zwei Formen
der Kritik bilden, die sich abwechseln und ergänzen.
[31]
Die Schwerpunktsetzung und Betonung der beiden Kritikformen verschiebt sich
immer wieder in den einzelnen Arbeiten Foulcaults. Dies erkennt man daran,
daß Foucault, wie in "Die Ordnung des Diskurses", Archäologie als
"Kritik" bezeichnet
[32],
bzw. mal die Beschreibung von Archäologie Elemente der Genealogie
enthält und umgekehrt. Die obige Darstellung erfaßt Archäologie
und Genealogie, der einfacheren Erklärung halber, insofern nur rein
schematisch, die Akzentuierung bei Foucault ist aber durchaus variabel. Dies
ist charakteristisch für ihn, als es Foucaults Absicht ist "keine
allgemeine Methode, die für andere ebenso wie für mich definitiv
gültig wäre"
[33]
zu entwerfen. "Methodologische Überlegungen"
[34]
dienen ihm vielmehr als "Übergang"
[35]
von einer Arbeit zu einer anderen, indem sie helfen sollen, neue Arbeiten
einzugrenzen.
2.2.3 Foucaults Verständnis der Begriffe: Geschichte, Macht, Subjekt,Wissen und WahrheitFoucaults
Auffassung von Philosophie als philosophisches Ethos, seine Hypothesen und die
Art und Weise seiner Kritik sind prägend für die Begriffe, die er
verwendet und wie er sie versteht. Foucault läßt die Begriffe
gewissermaßen in einer anderen Perspektive erscheinen. Die, für den
späteren Vergleich mit "Der Dialektik der Aufklärung" Horkheimers und
Adornos, wichtigsten Begriffe möchte ich kurz vorstellen. Die Trennung der
Begriffe nehme ich nur der besseren Darstellung wegen vor, zum großen
Teil bedingen diese sich, da sie in enger Verbindung zueinander stehen.
2.2. 3. 1 GeschichteFoucaults
Geschichtsverständnis ist durch die Sichtweise der Genealogie
geprägt, welche stark durch seine Auseinandersetzung mit Nietzsche
beeinflußt wurde.
[36]
Er versteht Geschichte als Abfolge von singulären Ereignissen, die sich
zum Teil überlagern und die man so in ein auf vielfachen Ebenen sich
beeinflussendes Netz von Beziehungen einordnen kann.
[37]
Gegen die traditionelle Geschichtsauffassung grenzt sich Foucault ab, indem er
die Ereignisse gerade nicht in einen kontinuierlichen Ablauf integriert. Er
will der Geschichte keinen Ursprung unterstellen, aus dem sich alles nach
hierarchischen Prinzipien entwickelt hat, und daß sie mit innerer
Notwendigkeit auf den letzten Sinn zusteuert. In diesem Zusammenhang schreibt
Foucault:
"Eine
ganze (theologische oder rationalistische) Tradition der Geschichtsschreibung
möchte das einzelne Ereignis in eine ideale Kontinuität
verflüchtigen: in eine teleologische Bewegung oder natürliche
Verkettung. Die >>wirkliche<< Historie läßt das Ereignis
in seiner einschneidenden Einzigartigkeit hervortreten."
[38] Schärfer
formuliert folgt daraus seine Arbeitsanweisung bzw. die Perspektive, die er
gegenüber der Geschichte einnimmt:
"Alles,
woran man sich anlehnt, um sich der Geschichte zuzuwenden und sie in ihrer
Totalität zu erfassen, alles, was sie als eine geduldige und
kontinuierliche Bewegung erscheinen läßt, muß systematisch
zerbrochen werden. [...] Die Historie wird wirklich in dem Maße sein, in
dem sie das Diskontinuierliche in unser eigenes Sein einführen wird."
[39] Foucaults
Geschichtsverständnis wirkt sich auch auf die Bedeutung der Begriffe
Macht, Subjekt, Wissen und Wahrheit aus, da er diese alle als kontingent und
historisch geworden begreift, als diskontinuierlich und veränderbar.
2.2.3.2 MachtFoucault
gebraucht den relativ neutralen Begriff Macht, da dieser "viele einzelne
definierbare und definierte Mechanismen abdeckt, die in der Lage scheinen,
Verhalten oder Diskurse zu induzieren."
[40]
Machtausübung ist für Foucault daher definiert als: "Einwirkung auf
die Handlungen anderer"
[41].
Foucault möchte nicht nur ökonomische oder politische
Machtverhältnisse innerhalb eines Staatsgebildes erfassen, sondern ihm
geht es um Machtmechanismen überhaupt. Diese sieht er nicht nur als
repressiv an, weshalb er sich auch von Begriffen wie Herrschaft und
Unterdrückung distanziert. Foucault ist interessiert daran,
Machtverhältnisse in ihrer Produktivität zu erfassen, da es gerade
dadurch möglich wird, ihre vielfältigen Wirkungen und Funktionen zu
entschlüsseln. Für ihn stellt sich dies folgendermaßen dar:
"Der
Grund dafür, daß die Macht herrscht, daß man sie akzeptiert,
liegt ganz einfach darin, daß sie nicht nur als neinsagende Gewalt auf
uns lastet, sondern in Wirklichkeit die Körper durchdringt, Dinge
produziert, Lust verursacht, Wissen hervorbringt, Diskurse produziert; man
muß sie als produktives Netz auffassen, das den ganzen sozialen
Körper überzieht und nicht so sehr als negative Instanz, deren
Funktion in der Unterdrückung besteht."
[42] Die
Machtmechanismen, die Foucault untersucht, sind nicht unbedingt die des
staatlichen Überbaus, die sich in Grenzziehungen wie Verboten in Form von
Gesetzen darstellen, sondern die Machtbeziehungen, die darunter liegen und die
ihrerseits wieder die Machtmechanismen des Staates konditionieren.
[43]
Dies kann u. a. das wissenschaftliche Erkenntnisstreben und die Suche nach der
Wahrheit sein, die Einrichtung von Krankenhäusern, Irrenanstalten,
Gefängnissen oder Schulen. Erst die Vielzahl der kleinen Diskurse mit
ihren zum großen Teil undefinierten Machtwirkungen konstituiert den
großen Diskurs der staatlichen Macht. Schon durch sie werden die
Individuen konstituiert und geprägt, die im Staatsapparat funktionieren.
Dies alles faßt Foucault aber nicht als notwendig und gegeben auf,
sondern durch verschiedenste historische Entwicklungen bedingt und daher
veränderbar.
[44] 2.2.3.3 SubjektAllgemein
läßt sich sagen, daß Foucault vom Subjektbegriff als etwas
transformierbarem ausgeht. Dabei kommt dem Begriff Subjekt eine doppelte
Bedeutung zu.
[45]
Zum einen betrifft die Arbeit am Subjekt die Person selbst, zum anderen sind
damit allgemeine Subjektivierungsformen in Wissenschaft und Politik gemeint.
Von einem wandelbaren Subjekt im ersten Fall zu sprechen bedeutet für
Foucault, daß sich das Subjekt auf Grund einer Erfahrung, einer
Grenzerfahrung von sich selbst losreißt und sich verändert, diese
erfahrene Grenze überschreitet. Dies ist einerseits seine persönliche
Lebenseinstellung
[46],
anderseits aber auch Teil der kritischen Haltung des philosophischen Ethos,
denn diesen beschreibt er als:
"[...]
historisch-praktischen Test der Grenzen, die wir überschreiten
können, und damit als eine Arbeit von uns selbst an uns selbst als freie
Wesen."
[47] Die
andere, allgemeine Bedeutung von Subjekt ist die der Politik und Wissenschaft.
Foucault geht es darum zu zeigen, daß diese Bereiche von den Individuen
absehen und allgemeine Subjekte konstituieren, damit die Menschen für die
gesellschaftlichen Institutionen und wissenschaftliche Erkenntnis kalkulierbar
werden. Diese Machtmechanismen abstrahieren Individuen zu Subjekten.
[48]
Auf der gesellschaftlich-politischen Ebene werden die Menschen eingeteilt nach
Schulbildung, Einkommensklassen, Staatsangehörigkeit, Religion,
Geschlecht, Normalität etc., im wissenschaftlichen Bereich ist es noch
etwas komplizierter. Hier, so Foucault, wird das menschliche Subjekt zum einen
als ideales Subjekt der wissenschaftlichen Erkenntnisarbeit und als Objekt, auf
das diese Arbeit abzielt konstituiert. Foucault beschreibt dies als:
"[...]
in den Prozeß der Erkenntnis eines Objektbereiches einzutreten und dabei
gleichzeitig sich selbst als Subjekte mit einem festen und determinierten
Status zu konstituieren. Zum Beispiel: mit der Erkenntnis des Wahnsinns sich
als vernünftiges Subjekt zu konstituieren; mit der Erkenntnis der
Krankheit sich als lebendiges Subjekt zu konstituieren; mit der Erkenntnis der
Ökonomie sich als arbeitendes Subjekt zu konstituieren; [...] Überall
dieses Phänomen, daß der Mensch in das Innere seines Wissens eingeht."
[49] Anhand
dieser Aussage Foucaults sieht man, wie wissenschaftliche Erkenntnis
Machtwirkungen produziert, da dem Menschen sowohl als konstituiertes Subjekt,
als auch als Gegenstand der Erkenntnis Grenzen zugewiesen werden, indem sie in
sie bestimmende Bereiche eingeteilt werden. Außerdem läßt
dieses Beispiel erkennen, wie sich die Subjektivierungsformen mit der
Veränderung der wissenschaftlichen Erkenntnis ebenfalls ändern.
Foucault faßt dies mit folgenden Worten zusammen:
"Diese
Serie von Subjektivitäten wird niemals zu einem Ende kommen und uns
niemals vor etwas stellen, das >der Mensch< wäre. Die Menschen
treten ständig in einen Prozeß ein, der sie als Objekte konstituiert
und sie dabei gleichzeitig verschiebt, verformt, verwandelt – und der sie
als Subjekt umgestaltet."
[50] 2.2.3.4 Wissen und WahrheitDie
beiden Begriffe Wissen und Wahrheit sind bei Foucault so eng miteinander
verknüpft, daß ich sie auch gemeinsam besprechen werde. Foucault
selbst sagt: "die Wahrheit ist um die Form des wissenschaftlichen Diskurses und
die Institutionen, die ihn produzieren, zentriert"
[51] Zunächst
zum Wissen: Foucault benutzt diesen Begriff, da er allgemeiner und in diesem
Sinne neutraler ist, als beispielsweise Vernunft, Rationalität oder
Wissenschaft, er umfaßt sie gewissermaßen alle. Er gebraucht
Wissen, "um alle Erkenntnisverfahren und -wirkungen zu bezeichnen, die in einem
bestimmten Moment und in einem bestimmten Gebiet akzeptabel sind"
[52].
Wissen ist insofern abhängig von der historischen Entwicklung. In diesem
Zusammenhang unterliegt es sowohl den den wissenschaftlichen Diskurs
prägenden, als auch den von ihm ausgehenden Machtwirkungen. In diesem
Kontext wird die Wahrheit wichtig, denn Wahrheit ist nicht nur das Ziel des
wissenschaftlichen Diskurses, sie wirkt selbst auf den Diskurs ein. Foucault
stellt fest:
"Die
Wahrheit ist selbst Teil der Geschichte des Diskurses und ist gleichsam ein
Effekt innerhalb eines Diskurses."
[53] Daher
fordert Foucault:
"Es
genügt nicht, eine Geschichte der Rationalität zu schreiben; was wir
brauchen ist eine Geschichte der
Wahrheit."[54] Wissenschaft
produziert einerseits Wahrheit, andererseits unterliegt sie den
Machtmechanismen, die als wahr gelten. Foucaults Forderung nach einer
"Geschichte der Wahrheit" ist daher als Ruf nach einer genealogische Analyse
der Bedeutung von Wahrheit in den verschiedenen historischen Kontexten zu
verstehen, um deren Veränderbarkeit aufzuzeigen. Wahrheit entfaltet ihre
Machtwirkungen aber nicht nur innerhalb der Wissenschaft, sondern auch auf
allen gesellschaftlichen und politischen Ebenen. In diesem Sinne stellt
Foucault sein Wahrheitsverständnis dar und welche Implikationen für
ihn damit verbunden sind:
"Es
gibt einen Kampf >>um die Wahrheit<<, oder zumindest >>im
Umkreis der Wahrheit<<, wobei nochmals gesagt werden soll, daß ich
unter Wahrheit nicht >>das Ensemble der wahren Dinge, die zu entdecken
oder zu akzeptieren sind<<, verstehe, sondern >>das Ensemble der
Regeln, nach denen das Wahre vom Falschen geschieden und das Wahre mit
spezifischen Machtwirkungen ausgestattet wird<<; daß es nicht um
einen Kampf >>für die Wahrheit<< geht, sondern um einen Kampf
um den Status der Wahrheit und um ihre ökonomisch-politische Rolle."
[55] Auch
wenn ich diese wichtigen Begriffe Foucaults getrennt dargestellt habe, ist
hoffentlich deutlich geworden, daß sie alle in einem komplexen Geflecht
miteinander verwoben sind. Gerade die Begriffe Macht, Subjekt, Wissen und
Wahrheit erhalten ihre spezielle Bedeutung bei Foucault durch sein
Geschichtsverständnis. Zu dem unterliegen die Tradition der
Geschichtswissenschaft, der Subjektbegriff, die Wissenschaft im Allgemeinen und
das was als wahr gilt immer bestimmten Machtwirkungen. Auf der anderen Seite
sind sie aber auch in der Lage, Machtwirkungen zu induzieren. Dies gilt
besonders für den Bereich der Wissenschaft, denn in ihm wird dasjenige
produziert, welches als wahr gilt.
2.3 Konsequenzen und Kohärenz von Foucaults Philosophie-Konzeption als KritikFoucaults
Anliegen ist die Kritik von Machtmechanismen. Damit einher geht die Kritik von
Wahrheiten, die diese ermöglichen bzw. geholfen haben Machtmechanismen zu
induzieren. Hiermit steht im Zusammenhang, daß der Status von Wissen,
Wissenschaft in Frage gestellt wird, da diese sich bemüht, normative
Setzungen theoretisch zu begründen und somit Wahrheiten produzieren. Dies
sind von Foucault zwar auch Setzungen, aber keine normativen, sondern rein
hypothetische, die eine neue Perspektive ermöglichen sollen, damit Grenzen
erkannt und kritisiert werden können. In diesem Zusammenhang sei noch
einmal daran erinnert, daß Foucault Kritik als Ethos oder Haltung
versteht. Für ihn ist dies die "kritische Ontologie unserer selbst"
[56],
insofern als "die Kritik dessen, was wir sind, zugleich die historische Analyse
der uns gegebenen Grenzen ist und ein Experiment der Möglichkeit ihrer
Überschreitung"
[57].
Foucault kann sich bei seiner Kritik nicht auf normative Setzungen und deren
theoretische Begründung berufen, denn er stellt diese in Frage.
Es
ist aber auch gar nicht Foucaults Absicht zur Kritik der gegenwärtigen
Verhältnisse ein theoretisches System mit 'besseren' normativen Vorgaben
zu entwerfen. Im Gegenteil, dies lehnt er ab, da ein derartiger Entwurf zu
Totalitarismus-Formen wie Faschismus oder Stalinismus führen kann:
"Das
bedeutet, daß diese historische Ontologie unserer selbst von allen
Projekten Abstand nehmen muß, die beanspruchen, global oder radikal zu
sein. In der Tat wissen wir aus Erfahrung, daß der Anspruch, dem System
der gegenwärtigen Realität zu entkommen, um allgemeine Programme
einer anderen Gesellschaft, einer anderen Weise zu denken, einer anderen
Kultur, einer anderen Weltanschauung hervorzubringen, nur zur Rückkehr zu
den gefährlichsten Traditionen geführt haben."
[58] Wenn
Foucault aber auf normativ-theoretische Begründung verzichtet, bedeutet
dies nicht, daß die kritische Haltung um die es Foucault geht,
willkürlich oder unbegründet wäre. Die Kritik orientiert sich an
den direkt erfahrenen und erfahrbaren Grenzen auf die man stößt und
sie wird mit genau dieser Erfahrung der Grenzen begründet. Im Prinzip ist
dies die archäologische Aufgabe, zu problematisieren, Grenzen
aufzuspüren, die eigentlich als selbstverständlich erlebt werden und
die erst durch Veränderung der Perspektive als Grenzen erfahrbar werden.
Verzichtet wird dabei lediglich auf eine wissenschaftlich-rationale
Begründung, warum diese Grenze abzulehnen sei, denn Foucault geht es nicht
um Ablehnung, sondern um Problematisierung.
Foucault
verzichtet jedoch nicht prinzipiell auf wissenschaftliches Arbeiten. Innerhalb
der Genealogie geht er durchaus wissenschaftlich-historisch vor, um Grenzen in
Frage zu stellen, allerdings nicht um eine Begründung für die Annahme
oder Ablehnung dieser Grenzen zu liefern. Im genealogischen Bereich der Kritik,
der historischen Analyse, stellt Foucault dar, wie die Grenzen entstanden sind,
insofern "muß das, was darin gesagt wird, natürlich im Sinne
akademischer Wahrheit wahr sein, das heißt historisch verifizierbar"
[59].
In diesem Sinne dient szientifisches Vorgehen dazu, z. B.
Universalisierungsansprüche zu überprüfen und zu relativieren.
Natürlich
ist auch Foucaults eigene Erfahrung von Grenzen, durch die Perspektive, die er
einnimmt und die historischen Bezüge, die er herstellt, vermittelt.
Foucault ist sich aber bewußt, daß die Geschichtsschreibung, die er
verfaßt, auch nur eine perspektivische ist, denn er schreibt:
"Es
ist richtig, daß wir die Hoffnung aufgeben müssen, jemals einen
Standpunkt zu erreichen, der uns Zugang zu einer vollständigen und
definitiven Erkenntnis darüber gewähren könnte, was unsere
historischen Grenzen konstituiert."
[60] Da
Foucault davon ausgeht, das sein Kritik-Projekt nicht das 'einzige' und nicht
das 'richtige' sein kann, bemerkt er gleich im Anschluß an obige
Feststellung:
"Und
von diesem Standpunkt aus ist die theoretische und praktische Erfahrung, die
wir von unseren Grenzen und ihrer Überschreitung machen, stets selbst
begrenzt, bestimmt und von neuem zu beginnen."
[61] Dies
trägt dem Rechnung, daß Foucault die Möglichkeit zur
Überschreitung unserer Grenzen, die durch die "kritische Ontologie unserer
selbst"
[62]
eröffnet wird, als "Experiment"
[63]
charakterisiert, welches der ständigen Überprüfung bedarf.
Foucaults
Kritik-Konzeption erweist sich insofern als vorteilhaft, da Kritik, wenn sie
sich als unpassend oder nachteilig herausstellt, wesentlich leichter
korrigierbar ist, als wenn sie in allgemeinen Theorien verankert wäre. Die
Transformation von Machtwirkungen zu induzieren liegt durchaus in Foucaults
Absicht, wenn er die Möglichkeit der Überschreitung von Grenzen
eröffnen will, allerdings nicht um den Preis neue Machtmechanismen durch
wissenschaftlich begründete Wahrheitsansprüche zu etablieren.
Foucaults philosophisches Ethos ist daher nicht nur Mittel, um seine Kritik an
Machtmechanismen, Wissenschaft und Wahrheitsansprüchen umzusetzen, sondern
nimmt diese Kritik auch in sich auf, da es als experimentell, perspektivisch
und kontingent begriffen werden soll, dabei aber nicht willkürlich oder
unwissenschaftlich ist.
3. HORKHEIMERS UND ADORNOS "DIALEKTIK DER AUFKLäRUNG" VERSUS FOUCAULTS KONZEPTION VON AUFKLäRUNG – EIN VERGLEICHUm
Foucaults Verständnis der Aufklärung noch deutlicher zu machen
möchte ich ihn mit Horkheimers und Adornos "Dialektik der Aufklärung"
kontrastieren. Dies bietet sich an, weil auf den ersten Blick die
Gemeinsamkeiten ins Auge fallen. Es ist zum einen die Feststellung, daß
Rationalität und Herrschaftsstrukturen bzw. Machtmechanismen eng mit
einander verknüpft sind, zum anderen die daraus erfolgende
Wissenschaftskritik. Dies ist um so interessanter, als sich das
Aufklärungsverständnis und die daher resultierende
Wissenschaftskritik Foucaults sowie Horkheimers und Adornos in
Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld, das zwischen dem Aufklärer Kant
und dem Aufklärungskritiker Nietzsche besteht, entwickelt hat.
Foucault
selbst weist des öfteren auf seine Nähe zur Frankfurter Schule hin,
so auch in der Rede, die Foucault 1978 gehalten hat und die im nachhinein "Was
ist Kritik?"
[64]
betitelt wurde. Hier nimmt er sich ausdrücklich dem Problemfeld von Macht
und Rationalität an, das auch die "Dialektik der Aufklärung"
bestimmt. In dieser Rede stellt Foucault fest, daß Kant der
Aufklärung die Kritik der Erkenntnis, im Sinne einer methodischen
Grenzziehung, aufgebürdet hat und daß der Kritik der Vernunft im
historischen Verlauf wesentlich mehr Beachtung geschenkt wurde als der Frage:
"Was ist Aufklärung?". Die Auswirkungen davon sind laut Foucault besonders
auf zwei Gebieten deutlich: Zum einen zeigen sie sich in der positivistischen
Wissenschaft, die sich auf ihre Ergebnisse verlassen kann, solange sie alles
kritisch prüft. Zum anderen kann man sie bei der Entwicklung von
staatlichen Systemen erkennen, deren Grundlagen sich auf Vernunft beziehen und
deren Methoden die Rationalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft beinhalten.
Foucault beschreibt, daß sich zwischen diesen beiden Polen ein Netz enger
Beziehungen ausbildet, "insofern die Wissenschaft für die Entfaltung der
Produktivkräfte immer bestimmender wird und zum anderen die Staatsgewalten
sich in immer raffinierter werdenden Techniken vollziehen"
[65].
Soviel um das Problemfeld, das die Ausgangsbasis beider Untersuchungen bildet,
kurz zu umschreiben. Foucault hebt hervor, daß sich in Deutschland die
Frankfurter Schule diesem Problem schon viel eher gestellt hat. Dies zeigt auch
die "Dialektik der Aufklärung". In ihr wurde an der Rationalisierung und
Technisierung Kritik geübt und darauf hingewiesen, daß Wissenschaft
und Herrschaftsformen auf eigentümliche Art und Weise miteinander
verknüpft sind. Indem Foucault sich nun in Frankreich diesem Problem bzw.
der Beziehung von Macht und Rationalität nähert, fühlt er sich
in einer "[...]Position der Brüderlichkeit gegenüber der Frankfurter
Schule[...]"
[66].
Auch in dem Interview "Der Mensch ist ein Erfahrungstier" würdigt Foucault
die Verdienste der Frankfurter Schule, betont seine Nähe und drückt
sein Bedauern aus, nicht früher mit ihr konfrontiert worden zu sein:
"Wenn
ich die Verdienste der Philosophen der Frankfurter Schule anerkenne, so tue ich
es mit dem schlechten Gewissen von jemanden, der ihre Bücher früher
hätte lesen, sie früher hätte verstehen sollen. Hätte ich
ihre Bücher gelesen, so hätte ich eine Menge Dinge nicht sagen
müssen, und mir wären Irrtümer erspart geblieben. Vielleicht
wäre ich, wenn ich die Philosophen dieser Schule in meiner Jugend
kennengelernt hätte, von ihnen so begeistert gewesen, daß ich nichts
weiter hätte tun können, als sie zu kommentieren."
[67]
Glücklicherweise
hat Foucault die Philosophen der Frankfurter Schule nicht eher kennengelernt,
denn sonst wäre vielleicht sein umfangreiches und interessantes Werk gar
nicht entstanden, das doch beträchtliche Differenzen zur Frankfurter
Schule und ebenso zur "Dialektik der Aufklärung" aufweist. Natürlich
weiß auch Foucault darum und dementsprechend macht er diese im Verlauf
seiner Rede bzw. seines Interviews deutlich.
In
diesem Sinne geht es mir ebenfalls nicht darum, die Gemeinsamkeiten
hervorzuheben, nachdem ich sie oben kurz dargestellt habe, sondern ich
möchte die Unterschiede betonen. Das sind zum einen das von einander
abweichende Verständnis von Geschichte, Herrschaft und Macht, dem
Subjektbegriff, sowie Vernunft und Wissen. Zum anderen liegt ein gravierender
Unterschied vor in den Konsequenzen, die Horkheimer/Adorno und Foucault aus
ihrer stark ausgeprägten Wissenschaftskritik ziehen. Der Vergleich, anhand
dessen die Differenzen von Horkheimer/Adorno und Foucault dargestellt werden
sollen, kann in diesem Rahmen nur sehr grob und oberflächlich sein. Ich
werde dazu Horkheimers und Adornos Verständnis der verschiedenen Begriffe
in Anlehnung an die "Dialektik der Aufklärung" entwickeln,
problematisieren und jeweils im Anschluß gegen Foucault
[68]
abgrenzen. Dabei werde ich dem letzten Abschnitt, dem Verständnis von
Vernunft und Wissenschaft und der daraus resultierenden Kritik Horkheimers und
Adornos die meiste Aufmerksamkeit widmen, da mich hier besonders der, oben
schon erwähnte, Unterschied der Konsequenzen, die sie und Foucault daraus
ziehen, interessiert.
In
der zwischen Foucault und der "Dialektik der Aufklärung" vergleichenden
Literatur
[69]
wird oft sehr wertend für oder gegen Foucault bzw. Horkheimer und Adorno
Position bezogen. Da ich feststellen mußte, daß dies häufig
recht undifferenziert geschieht und nicht selten mit einem
Totalitarismus-Vorwurf gegen eine der beiden Seiten endet, werde ich mich in
meiner Darstellung hauptsächlich auf Foucault und Horkheimer/Adorno selbst
beziehen.
3.1 Geschichte – Dialektik von Aufklärung und Mythos versus GenealogieDie
These von Horkheimer und Adorno ist, daß Aufklärung einerseits einen
Gegensatz zum Mythos bildet, andererseits, daß Aufklärung und Mythos
in einander übergehen. Daß Aufklärung und Mythos
Gegensätze sind, war bis dahin die allgemein gängige Ansicht, die
sich spätestens seit Platon etabliert hatte. Gemeint ist hier die Trennung
von Wissenschaft und Kunst, von Idee und Anschauung, von Vernunft und
Vorstellung. Die Mythen, hinter denen sich zweifelhafte Erzählungen
verbergen, sollten durch unbezweifelbares Wissen ersetzt werden. Dies war
damals der Anspruch der Philosophie und ist es zum Teil heute noch im
Positivismus und der Naturwissenschaft. Auf der anderen Seite sehen Horkheimer
und Adorno aber auch die Verschlingung von Aufklärung und Mythos.
Aufklärung fassen sie dabei zeitlich so weit, daß sie die gesamte
Menschheitsgeschichte umspannt. In dem Sinne ist schon der Mythos
Aufklärung, da mit ihm erstmals versucht wird, Naturphänomene, die
für die Menschen zunächst unverständlich sind, zu erklären.
[70]
Umgekehrt ist Aufklärung immer noch Mythos. Dies begründen Horkheimer
und Adorno mit der Parallele, die sie zwischen der Allgemeingültigkeit und
ewigen Wiederholbarkeit der mythischen Erzählungen und den immer gleichen
Gesetzen der Naturwissenschaften sehen.
[71]
Mir
erscheint daran fragwürdig, daß Horkheimer und Adorno die gesamte
Entwicklung der Menschheitsgeschichte ausschließlich unter dem Aspekt des
dialektischen Zusammenwirkens von Mythos und Aufklärung betrachten.
Gewiß enthält das Spannungsverhältnis von Mythos und
Aufklärung, so wie Horkheimer und Adorno es aufzeigen, zahlreiche und
vielschichtige Elemente, wie z. B. die Beziehungen von Rationalität und
Wissenschaft zur Natur, Naturbeherrschung und gesellschaftliche
Herrschaftsverhältnisse. Dennoch handelt es sich hierbei um die
Beschreibung einer kontinuierlichen Entwicklung der Menschheitsgeschichte als
einen einheitlichen, dialektischen Aufklärungsprozeß. Dieser ist
zwar durch die dialektische Bewegung zwischen Aufklärung und Mythos
gebrochen, d.h. aber nur, daß die Geschichte unter dem einheitlichen
Aspekt der Dialektik von Aufklärung und Mythos subsumiert wird. Folglich
muß sie eine notwendig kausale Stringenz aufweisen. Thomas Schäfer
stellt Ähnliches bei seiner Rezeption des Aphorismus "Zur Kritik der
Geschichtsphilosophie"
[72]
fest:
"Dagegen
schließen Horkheimer und Adorno eine >>philosophische Konstruktion
der Weltgeschichte<< aber keineswegs aus, sondern sie begreifen eine
solche vielmehr als Desiderat kritischen Geschichtsdenkens. Daran, daß
bei ihnen Geschichte in der Tat als ein Ganzes bzw. als ein Kontinuum
vorgestellt wird, ändert auch die Tatsache nichts, daß sie die
historische Entwicklung als ein durch dialektische Umschläge gebrochene
Bewegung darstellen."
[73] Problematisch
ist diese Tendenz Horkheimers und Adornos, da von einer subjektiven Position
aus geurteilt und dies mit einem (scheinbar) objektiven Wahrheitsanspruch
verknüpft wird.
[74]
Subjektiv ist ihre Position, da sie es sind, die Geschichte als Dialektik von
Aufklärung und Mythos begreifen. Mit einem objektiven Wahrheitsanspruch
ist Horkheimers und Adornos Position verknüpft, da dies unter dem Druck
der Diagnose von der "Selbstzerstörung der Aufklärung"
[75]
das einzig mögliche Geschichtsverständnis zu sein scheint.
Foucault
dagegen versteht Geschichte als eine Summe von Ereignissen. Diese kann man auf
Grund von historischen Fakten zwar in ein Kausalnetz einordnen, aber nicht in
ein einheitliches. Für jedes Ereignis läßt sich ein Kausalnetz
konstruieren, dieses ist aber ein einzelnes, variables, das mit anderen nur
insofern im Zusammenhang steht, als sie sich berühren oder
überlappen. Jedes Ereignis kommt nur unter bestimmten
Möglichkeitsbedingungen zustande und diese sind nicht zwingend notwendig,
sondern ihre Konstellation ist zufällig.
3.2 Herrschaft und MachtEng
verbunden mit dem scheinbaren Voranschreiten vom Präanimismus über
Mythologie zur Aufklärung sehen Horkheimer und Adorno die Entwicklung von
Herrschaft. Horkheimer und Adorno gehen von der Annahme aus, daß die
Menschen sich zu Urzeiten mit der Natur verbunden gefühlt haben. Davon
zeugt auch der animistische Zauber, durch den sich die Menschen in die Natur
hineinversetzen konnten. Aber die Menschen waren zugleich der Naturherrschaft
ausgeliefert, Naturprozesse wurden als unbegreifliche Schrecken erlebt. Um
diese verstehen zu können, wurden erste Mythologien als Erklärungen
ersonnen. Naturphänomene wurden zu Wesenheiten und Mächten,
später zu Elementen und Naturgesetzen. So verwandelte sich, nach
Horkheimer/Adorno Naturherrschaft in Naturbeherrschung. Verbunden mit der Angst
der Menschen vor Naturkatastrophen ist ihre Trennung von der Natur, die als ein
unerklärbares Draußen erlebt wird. Die durch die Individuation
erlebte Trennung von Ich und Welt, versucht die Philosophie aufzuheben. Aber um
welchen Preis? Die einzelnen Individuen werden unter einem einheitlichen,
abstrakten Subjektbegriff subsumiert. Das Einzelschicksal erhält kein
Gewicht mehr, was zählt ist nach Horkheimer und Adorno die Gleichmachung
der Massen, die mit Hilfe der instrumentalisierten Vernunft organisiert und
regierbar gemacht werden. Die Einzelnen fühlen sich verloren und machtlos
vor dem System. Dies unterstreicht auch folgender Satz Horkheimers und Adornos:
"Die
Absurdität des Zustandes, in dem die Gewalt des Systems über die
Menschen mit jedem Schritt wächst, der sie aus der Gewalt der Natur
herausführt, denunziert die Vernunft der vernünftigen Gesellschaft
als obsolet."
[76]
Die
Abwehr von Naturherrschaft führt direkt zu gesellschaftlichen
Herrschaftsverhältnissen, die durch die Vernunft noch legitimiert werden.
Mit
Thomas Schäfer kann man zum Herrschaftsverständnis Horkheimers und
Adornos folgendes feststellen:
"Die
Herrschaft der instrumentellen Vernunft wird von Horkheimer/Adorno als Macht in
einem
negativen
und pejorativen Sinne dargestellt, da sie unterdrückende und entstellende
Wirkung auf die mögliche Entfaltung menschlichen Glücks und eines
guten Lebens habe."
[77] Foucault
dagegen geht es darum auch den produktiven Charakter von Macht zu betonen,
weshalb er auch schon diesen neutralen Begriff wählt und nicht von
Herrschaftsverhältnissen oder Unterdrückung spricht. Er versteht
Machtausübung als das Einwirken auf die Handlungen anderer, dies kann
durchaus auch positiv verstanden werden, wobei es natürlich auch die
negative Seite der radikalen Einschränkung durch Verbote gibt.
Außerdem sieht Foucault, daß Machtwirkungen nicht notwendig in eine
Richtung gehen und Unterdrückung sein müssen. In diesem Sinne stellt
sich ihm der Staat auch nur als Überbau von diversen
Machtverhältnissen dar, ohne die er gar nicht existieren könnte und
nicht so sehr als Herrschaftsapparat von dem alle Macht ausginge.
3.3 SubjektHorkheimer/Adorno
und Foucault haben auch ein wesentlich anderes Verständnis der, von der
Aufklärung geforderten, Mündigkeit der Menschen. Dies liegt daran,
daß sie von unterschiedlichen Subjektbegriffen ausgehen.
Für
Horkheimer und Adorno ist die Mündigkeit an das Ideal des freien,
selbstbestimmten, kritischen Menschens gebunden, der in der Lage sein soll,
seine Urteile selbstkritisch zu reflektieren, daß sie daran festhalten
bekunden sie eindeutig in der Vorrede zur "Dialektik der Aufklärung".
[78]
Allerdings müssen sie feststellen, daß Ideal und Realität weit
auseinanderklaffen. Horkheimer/Adorno attestieren ihren Mitmenschen im
Kulturindustrie-Kapitel, daß diese auf Grund ihres
'Verblendungszusammenhangs' diesem Ideal nicht entsprechen können:
"Die
kapitalistische Produktion hält sie [die Arbeiter und Angestellten, die
Farmer und Kleinbürger] mit Leib und Seele eingeschlossen, daß sie
dem, was ihnen geboten wird widerstandslos verfallen. Wie freilich die
Beherrschten die Moral, die ihnen von den Herrschenden kam, stets ernster
nahmen als diese selbst, verfallen heute die betrogenen Massen mehr noch als
die Erfolgreichen dem Mythos des Erfolgs. Sie haben ihre Wünsche.
Unbeirrbar bestehen sie auf die Ideologie durch die man sie versklavt."
[79] Zudem
werfen Horkheimer und Adorno im Antisemitismus-Kapitel ihren Mitmenschen vor
wegen ihrer "Halbbildung"
[80]
und der daraus resultierenden "Paranoia"
[81]
immer die Tendenz zu haben, an eine Ideologie glauben zu müssen.
[82]
Die Vorwürfe treffen Horkheimers/Adornos Mitmenschen freilich nur
indirekt, da sie der Verblendung, Halbbildung und Paranoia nur auf Grund des
herrschenden Systems unterliegen. Solche Urteile lassen auf elitäres
Denken schließen, denn es spricht Menschen ab, selbstbestimmt und
reflektiert zu leben. Anhand welchen Maßstabs können Horkheimer und
Adorno beurteilen, ob dies so ist? Sie müssen einen objektiven, d. h.
universalen Wahrheitsanspruch auf ihr Ideal eines mündigen, freien,
selbstbestimmten und reflektierenden Subjekts haben.
Von
diesem Subjektbegriff grenzt sich Foucault eindeutig ab:
"Schematisch
und vorläufig könnte man behaupten, daß die Konzeption des
Subjekts, welche die Frankfurter Schule vertrat, eine ziemlich traditionelle,
ihrem Wesen nach philosophische war; sie war weitgehend geprägt vom
marxistischen Humanismus. [...] Wir umkreisen da einen Satz von Marx: Der
Mensch erzeugt den Menschen. Wie ist das zu verstehen? Meiner Ansicht nach ist
das, was erzeugt werden soll, nicht der Mensch, so wie ihn die Natur
vorgezeichnet hat oder wie sein Wesen es vorschreibt; wir haben etwas zu
schaffen, das noch nicht existiert und von dem wir nicht wissen können,
was es sein wird. [...] Nun scheint mir, daß die Vorstellung, die sich
die Vertreter der Frankfurter Schule von dieser Erzeugung des Menschen machten,
wesentlich darin bestand, zu meinen, es müsse all das befreit werden, was
in einem System, das Rationalität mit Repression verbindet, oder in einem
Ausbeutungssystem, das mit einer Klassengesellschaft verbunden ist, den
Menschen von seinem eigentlichen Wesen entfremdet hat."
[83] Wie
man aus dem obigen Zitat schon andeutungsweise entnehmen kann ist Foucaults
Subjektbegriff nicht gefüllt, in dem Sinne, daß Subjekte
irgendwelchen Idealen genügen müßten. Subjekte begreift
Foucault als etwas sich ständig Wandelndes, neu zu Konstituierendes. Dem
entsprechend ist Mündigkeit für Foucault eine Arbeitsanweisung, eine
Haltung, ein philosophisches Ethos. Dies bedeutet, beständig Kritik an den
herrschenden Macht- und Wahrheitsverhältnissen zu üben. Er erwartet
dabei aber nicht, daß dies alle Menschen tun. In erster Linie ist dies
seine
Arbeitsanweisung aus
seiner
Interpretation von Aufklärungsstreben. Es ist eine Wahrheit von vielen.
3.4 Vernunft und Wissenschaft – ihre Kritik und die KonsequenzenAusgehend
von Kants "Was ist Aufklärung?" und der "Kritik der reinen Vernunft"
[84]
stellen Horkheimer/Adorno fest, das "Denken im Sinn der Aufklärung die
Herstellung von einheitlicher, wissenschaftlicher Ordnung und die Ableitung von
Tatsachenerkenntnissen aus Prinzipien [...]"
[85]
ist. Für Horkheimer und Adorno reicht dies nicht aus, um die Menschen aus
ihrer Unmündigkeit zu befreien, denn wenn der Gebrauch der Vernunft nur so
verstanden wird, kann dies in schlimmster Konsequenz auch zum Faschismus
führen. Horkheimer und Adorno beklagen die Instrumentalisierung der
Vernunft, die mit Kants Vernunftbegriff einhergeht. Sie stellen fest, daß
Menschen nur mit Hilfe ihrer Vernunftprinzipien wissen und wahrnehmen
können, insofern ist Erkenntnis nur in dem Sinne wahr, als das sie von den
Menschen gemacht worden ist. Wissenschaft besteht demnach in der Subsumtion von
Einzeltatsachen unter hierarchisch gegliederte Prinzipien, mit dem Ergebnis
einer logisch-systematischen Einheitlichkeit der Erkenntnis. Jedes Besondere
wird ins Allgemeine überführt und mit dem Allgemeinen kann man das
Besondere bestimmen. Jedes inhaltliche Ziel läßt sich genauso gut
vernunftmäßig begründen wie widerlegen.
Dies
sind Folgerungen, die zum Teil explizit in der "Kritik der reinen Vernunft"
enthalten sind oder die Horkheimer/Adorno aus ihr ableiten. Die Autoren
betonen, daß es Nietzsches Verdienst ist, immer wieder auf den
anthropomorphen Charakter und die Doppeldeutigkeit von wissenschaftlicher
Erkenntnis und Vernunft hingewiesen zu haben. Horkheimer und Adorno geht es in
ihrer Kant-Lektüre darum, deutlich zu machen, daß Aufklärung
nicht notwendig zu mündigen und reflektiert (insofern vernünftig)
handelnden Menschen führen muß. Vier zentrale Ansätze der
Kritik Horkheimers und Adornos, in denen sie zeigen, welche Gefahren der
kantische Vernunftbegriff in sich birgt, wenn man ihn instrumentalisiert, werde
ich im Folgenden thesenhaft darstellen und jeweils mit einem Zitat belegen.
1.
Kritikansatz:
Das
Prinzip des Systems der Aufklärung ist die Selbsterhaltung
.
"Das
System, das der Aufklärung im Sinne liegt, ist die Gestalt der Erkenntnis,
die mit den Tatsachen am besten fertig wird, das Subjekt am wirksamsten bei der
Naturbeherrschung unterstützt. Seine Prinzipien sind die der
Selbsterhaltung."
[86] 2.
Kritikansatz:
Die
im Schematismus angelegte Überführbarkeit des Besonderen ins
Allgemeine und umgekehrt führt dazu, daß der einzelne Mensch, das
Einzelschicksal von den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Theorien
schnell vernachlässigt wird.
"Die
wahre Natur des Schematismus, der Allgemeines und Besonderes, Begriff und
Einzelfall von außen aufeinander abstimmt, erweist sich schließlich
in der aktuellen Wissenschaft als das Interesse der Industriegesellschaft. Das
Sein wird unter dem Aspekt der Verarbeitung und Verwaltung angeschaut. Alles
wird zum wiederholbaren, ersetzbaren Prozeß, zum bloßen Beispiel
für die begrifflichen Modelle des Systems, auch der einzelne Mensch, vom
Tier ganz zu schweigen."
[87] 3.
Kritikansatz:
Wissenschaft
hat die Reflexion auf ihr eigenes Ziel verloren. Vor der positivistischen
Wissenschaft haben keine inhaltlichen Ziele bestand. Es geht lediglich um die
bestmögliche Beschreibung des Bestehenden.
"Mit
der von Kant als Resultat vollzogenen Bestätigung des wissenschaftlichen
Systems als Gestalt der Wahrheit besiegelt der Gedanke seine eigene
Nichtigkeit, denn Wissenschaft ist technische Übung, von Reflexion auf ihr
eigenes Ziel so weit entfernt wie andere Arbeitsarten unter dem Druck des
Systems."
[88] 4.
Kritikansatz:
Die
Morallehren der Aufklärung können vor der Vernunft nicht bestehen, da
sich moralische und unmoralische Handlungen genauso gut
vernunftmäßig begründen wie widerlegen lassen.
"Das
anti-autoritäre Prinzip muß schließlich ins eigene Gegenteil,
in die Instanz gegen die Vernunft umschlagen: die Abschaffung alles von sich
aus Verbindlichen, die es leistet, erlaubt es der Herrschaft, die ihr jeweils
adäquaten Bedingungen souverän zu dekretieren und zu manipulieren.
Nach Bürgertugend und Menschenliebe, für die sie schon keine guten
Gründe hatte, hat denn auch die Philosophie Autorität und Hierarchie
als Tugenden verkündigt, als diese längst auf Grund der
Aufklärung zu Lügen geworden waren."
[89]
Diese
vier Kritikansätze laufen bei Horkheimer/Adorno zusammen in eine
Beschreibung und Kritik von kapitalistischen Gesellschaftssystemen, die sich
unter Berufung auf die Aufklärung zum Liberalismus bekennen. Dieser zeigt
sich vor allem in der freien Markwirtschaft, ein Wirtschaftssystem, das sich im
Sinne der Aufklärung, wie Horkheimer und Adorno sie beschreiben, auf das
ausgleichende Potential der Selbsterhaltung bezieht. Die Autoren mußten
aber erfahren, das es statt zu einer wahrhaft harmonischen Gesellschaftsordnung
mit ausgeglichenen Machteffekten zum Faschismus kam. Einem totalitären
Herrschaftssystem, welches mit Rückgriff auf ökonomische
Machtfaktoren und Prinzipien der Selbsterhaltung menschenverachtende
Absurditäten letztlich mit Hilfe von Vernunft begründete und
durchsetzte. Dies, so Horkheimer und Adorno, war nur möglich, weil es
keine verbindlichen Normen mehr gibt. Vor rationaler Begründung und
Widerlegung haben keine inhaltlichen Ziele mehr Bestand.
Sämtliche
Normen und Ideologien haben Horkheimer und Adorno als vom Menschen gesetzt
entlarvt, zudem betonen sie das Zusammenwirken von Rationalität und
Herrschaft. Welche Konsequenzen ziehen sie aus ihrer vernichtenden Vernunfts-
und Wissenschaftskritik? Im Antisemitismus-Kapitel stellen Horkheimer/Adorno
ihre 'Lösung' dieser problematischen Situation dar. Dort fassen sie noch
mal zusammen, daß Wahrnehmung immer schon in vorgegebenen Begriffen
geschieht, die vom Subjekt auf die Außenwelt, das sogenannte Objektive
projiziert werden, insofern gibt es keine objektive Wahrheit mehr. Allerdings
neigt das Subjekt dazu, an die Illusion der "Selbstgegebenheit des Objekts"
[90]
zu glauben, sie als unwiderrufbare Tatsache anzunehmen. Nach Horkheimer und
Adorno gibt es nur eine Möglichkeit, dem zu entfliehen:
"Einzig
die ihrer selbst bewußte Arbeit des Gedankens kann sich diesem
Halluzinatorischen wieder entziehen [...]. Indem der Gedanke im Gang der
Erkenntnis die in der Wahrnehmung unmittelbar gesetzten und daher zwingenden
Begriffsmomente als begriffliche identifiziert, nimmt er sie stufenweise ins
Subjekt zurück und entkleidet sie der anschaulichen Gewalt."
[91]
Jede
Philosophie mit universalistischem Anspruch unterliegt daher dem Fehler, die
Unmittelbarkeit der Behauptungen anzunehmen, wobei sie sich jedoch auf
vermittelte Begriffsmomente beruft. Solch eine Verblendung, wie Horkheimer und
Adorno es nennen, wohnt jedem Urteil als "konstitutives Element"
[92]
bei. Jedes Urteil behauptet etwas als Tatsache, egal wie vorsichtig es
formuliert sein mag, ein Urteil kann nicht relativ sein. Das Gefährliche
ist nach Horkheimer und Adorno nun nicht das Urteilen selbst, sondern das
Festhalten an einem Urteil.
[93]
Ihnen geht es darum den negierenden Schritt über das Urteil hinweg zutun,
zu reflektieren warum der absolute Anspruch scheitern mußte. Horkheimer
und Adorno betonen, daß Besinnung es schafft, die "Macht falscher
Unmittelbarkeit"
[94]
zu brechen. "Als negative nicht geradeaus gerichtete Bewegung entbehrt sie die
Brutalität, die dem Positiven innewohnt."
[95]
In diesem Sinne läßt sich auch der Ausdruck der Autoren verstehen:
"Aber nur die Übertreibung ist wahr."
[96]
Die Übertreibung kann nicht so stehen bleiben. Sie fordert dazu auf
reflektiert und negiert zu werden, sie fordert den Widerspruch heraus, die
gedankliche Auseinandersetzung.
Horkheimer
und Adorno führen in ihrer radikalen Wissenschafts- und Vernunftskritik
einen absoluten Wahrheitsanspruch ad absurdum. Auf der anderen Seite halten sie
an objektiven Wahrheitsansprüchen fest, wenn es um ihr
Geschichtsverständnis, ihr Ideal von mündigen Menschen, ihre Diagnose
der verblendeten Massen oder der Verurteilung der instrumentalisierten Vernunft
und in diesem Sinne ihre Wissenschaftskritik geht. Sie wollen also die
Möglichkeit Urteile zu fällen beibehalten. Horkheimer und Adorno
meinen, dies durch dialektisches Vorgehen rechtfertigen zu können. Das
gelingt ihnen jedoch nicht vollständig, statt dessen verstricken sie sich
in einen gravierenden Widerspruch. Nachdem sie einen objektiven
Wahrheitsanspruch widerlegt haben, ist es unlogisch weiterhin, zumindest in
einigen Fällen, auf einem zu beharren.
In
der Rede "Was ist Kritik?" grenzt sich Foucault gegen die Herangehensweise von
Horkheimer und Adorno ab. Diese diagnostizieren "die Selbstzerstörung der
Aufklärung"
[97],
da nach ihrer These sich die Vernunft, sobald sie ihren kritischen Standpunkt
verläßt, als instrumentelle der unreflektierten Wissenschaft, der
Technik und dem Herrschaftsapparat ausliefert. Foucault beschreibt das Vorgehen
Horkheimers/Adornos als "Legitimationsprüfung"
[98]
der Erkenntnis:
"Ihre
Fragestellung lautet: welche falsche Idee hat sich die Erkenntnis von sich
selbst gemacht, welchem exzessiven Gebrauch sah sie sich ausgesetzt und an
welche Herrschaft fand sie sich folglich gebunden?"
[99]
Foucault
glaubt, daß es auf Kant zurückzuführen ist, daß
Horkheimer/Adorno das Problemfeld von Herrschaft und Rationalität von der
Seite der Erkenntnis her angehen, denn Kant hat die richtige Definition
möglicher Erkenntnis zur Bedingung moderner Wissenschaft und
gesellschaftlichen Fortschritts gemacht. Foucault folgert daraus, daß man
insofern in der Erkenntnis danach suchte, was in ihrer Bestimmung schon auf die
Machteffekte hindeutete mit denen sie durch die Wissenschaft und die
Technisierung verbunden sein sollte.
Foucault
möchte dagegen nicht den Weg der "Legitimationsprüfung"
[100]
der Erkenntnis beschreiten, sondern er wählt den Weg der
"Ereignishaftmachung"
[101]
der Macht. Foucault charakterisiert dieses Vorgehen folgendermaßen:
"Man
möchte nicht wissen, was wahr oder falsch, begründet oder nicht
begründet, wirklich oder illusorisch, wissenschaftlich oder ideologisch,
legitim oder mißbräuchlich ist. Man möchte wissen, welche
Verbindungen zwischen Zwangsmechanismen und Erkenntniselementen aufgefunden
werden können, welche Verweisungen und Stützungen sich zwischen ihnen
entwickeln, wieso ein bestimmtes Erkenntniselement - sei es wahr oder
wahrscheinlich oder ungewiß oder falsch - Machtwirkungen hervorbringt und
wieso ein bestimmtes Zwangsverfahren rationale, kalkulierte, technisch
effiziente Formen und Rechtfertigungen annimmt."
[102] Zusammenfassend
läßt sich zu Foucault sagen, daß er in Anlehnung an Nietzsche
davon ausgeht, daß es keinen absoluten Wahrheitsanspruch gibt. Wahrheit
ist für ihn etwas Kontingentes, daß sich aus den bestehenden
Wissens- und Machtverhältnissen ergibt. Daraus entwickelt er die Form von
Kritik, die er anstrebt. Dabei geht es ihm darum zu zeigen, durch welche
Möglichkeiten sich bestimmte Wissenschaftsformen und
Herrschaftsverhältnisse konstituieren konnten. Die Rationalitäts- und
Machtstrukturen bedingen dann ihrerseits Wahrheitsansprüche, die auf die
Entwicklung der bestehenden Strukturen einwirken. Anhand der Analyse von
Wahrheits- und Machtstrukturen, die unsere Lebenswelt prägen, will
Foucault zeigen, daß unser Weltverständnis nur
ein
mögliches ist und damit veränderbar. Sämtlichen Ideologien und
Herrschaftssystemen wird so ihr Wahrheitsanspruch entzogen. Foucault beurteilt
nicht, sondern beschreibt lediglich, weil er Totalisierungen vermeiden will.
Sicherlich kann er aus dieser Position Ideologien, wie den Faschismus nicht
verurteilen, aber er kann ihn ad absurdum führen. Foucault ist logisch
konsequent, gerade wenn er auf Verallgemeinerungen mit Wahrheitsansprüchen
verzichtet, da genau diese es sind, durch die sich totalitäre Systeme
etablieren können.
4. FAZIT: "UNIVERSELLE" UND "SPEZIFISCHE" INTELLEKTUELLEIn
dem Interview "Wahrheit und Macht" führt Foucault die Unterscheidung
zwischen dem "universellen"
[103]
Intellektuellen und dem "spezifischen"
[104]
Intellektuellen ein. Letzterer, so Foucault, hat sich erst langsam nach dem
zweiten Weltkrieg angefangen zu etablieren, insofern kann Foucault über
dem "universellen" Typ des Intellektuellen sagen:
"Tatsächlich
ging man lange Zeit davon aus, daß, wenn ein sogenannter
>>Linksintellektueller<< das Wort ergreift, ihm dabei das Recht
zuerkannt wird, als Träger der Wahrheit und Gerechtigkeit zu sprechen. Man
hörte auf ihn als Repräsentanten der Allgemeinheit oder er erhob den
Anspruch, als solcher gehört zu werden."
[105] Dem
gegenüber grenzt Foucault den neuen Typ des "spezifischen" Intellektuellen
folgendermaßen ab:
"Die
Intellektuellen sind dazu übergegangen, ihre Arbeit nicht mehr im
>>Allgemeinen<< und >>Exemplarischen<<, in dem, was
>>für alle wahr und gerecht<< ist, anzusiedeln, sondern in
bestimmten Bereichen und an spezifischen Punkten, kurz dort, wo sie in ihren
Arbeits- und Lebensbedingungen betroffen sind."
[106] Nun
scheinen mir Horkheimer und Adorno mit der "Dialektik der Aufklärung",
obwohl Foucault keine Zuordnung vornimmt, exemplarisch der Beschreibung des
"universellen" Intellektuellen zu entsprechen. Von Foucault dagegen kann man
ausgehen, daß er sich den "spezifischen" Intellektuellen zuzählt.
Der Intellektuelle, mit dem Foucault sich identifiziert besetzt eine
spezifische Position, "die jedoch in ihrer Spezifität von den allgemeinen
Funktionen des Wahrheitsdispositivs in einer Gesellschaft wie der unsrigen
bestimmt wird"
[107].
Genau hier, an seiner speziellen Position, hat der "spezifische"
Intellektuelle, nach Foucault, aber die Möglichkeit allgemeine
Veränderungen zu bewirken, denn er "wirkt oder kämpft auf der
allgemeinen Ebene dieser Ordnung der Wahrheit, die für die Struktur und
das Funktionieren unserer Gesellschaft fundamental ist"
[108].
Dies ist für Foucault die Rolle des neuen Intellektuellen, die er Zeit
seines Lebens eingenommen hat und in diesem Sinne ist auch die Bedeutung seines
philosophischen Ethos als "kritische Ontologie unserer selbst"
[109]
zu sehen.
LITERATURVERZEICHNIS1. Zitierte PrimarliteraturAdorno,
Theodor W. und Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung. Philosophische
Fragmente. - In: Max Horkheimer. Gesammelte Schriften Bd. 5. Hrsg. v. Gunzelin
Schmid Noerr. - Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch 1987
Foucault,
Michel: Das Subjekt und die Macht. - In: Michel Foucault. Jenseits von
Strukturalismus und Hermeneutik. Hrsg. v. Hubert L. Dreyfus u. Paul Rabinow.
Mit e. Nachwort v. u. e. Interview m. Michel Foucault. Aus dem Amerikanischen
v. Claus Rath u. Ulrich Raulff. - 2. Aufl., Weinheim: Beltz Athenäum 1994
Foucault,
Michel: Der Mensch ist ein Erfahrungstier. Gespräch mit Ducio Trombadori.
Übers. v. Horst Brühmann. Mit e. Vorw. v. Wilhelm Schmid. Mit e.
Bibliogr. v. Andrea Hemminger. - 1. Aufl., Frankfurt/M.: Suhrkamp Taschenbuch
1996
Foucault,
Michel: Die Ordnung des Diskurses. Aus dem Französischen übertragen
v. Walter Seitter. Mit einem Essay v. Ralf Konersmann. - Erw. Ausg.
Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch 1991
Foucault,
Michel: Nietzsche, die Genealogie, die Historie. - In: Michel Foucault. Von der
Subversion des Wissens. Hrsg. u. aus dem Französischen und Italienischen
übertragen v. Walter Seitter. - Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch 1987
Foucault,
Michel: Wahrheit und Macht. Interview von A. Fontana und P. Pasquino. - In:
Dispositive der Macht. Michel Foucault. Über Sexualität, Wissen und
Wahrheit. - Berlin: Merve 1978
Foucault,
Michel: Was ist Aufklärung? - In: Ethos der Moderne. Foucaults Kritik der
Aufklärung. Hrsg. v. Eva Erdmann u. a. - Frankfurt/M.: Campus 1990
Foucault,
Michel: Was ist Kritik? Übers. aus dem Französischen v. Walter
Seitter. - Berlin: Merve 1992
2. Zitierte SekundärliteraturDews,
Peter: Foucault und die "Dialektik der Aufklärung". - In: Die
Aktualität der "Dialektik der Aufklärung. Zwischen Moderne und
Postmoderne. Hrsg. v. Harry Kunneman u. Hent de Vries. - Frankfurt/M., New
York: Campus 1989
Engelmann,
Peter: Einführung. Postmoderne und Dekonstruktion. Zwei Stichwörter
zur zeitgenössischen Philosophie. - In: Postmoderne und Dekonstruktion.
Texte französischer Philosophen der Gegenwart. Hrsg. v. Peter Engelmann. -
Stuttgart: Reclam 1990
Kant,
Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. Nach der 1. u. 2. Originalausg. hrsg. v.
Raymund Schmidt. Mit einer Bibliogr. v. Heiner Klemme. - 3. Aufl., Hamburg:
Meiner 1990
Kant,
Immanuel: Was ist Aufklärung? - In: Immanuel Kant. Politische Schriften.
Hrsg. v. Otto H. v. d. Gablentz. - Köln, Opladen: Westdeutscher Verlag 1965
Schäfer,
Thomas: Aufklärung und Kritik. Foucaults Geschichte des Denkens als
Alternative zur "Dialektik der Aufklärung". - In: Ethos der Moderne.
Foucaults Kritik der Aufklärung. Hrsg. v. Eva Erdmann u. a. -
Frankfurt/M.: Campus 1990
Schäfer,
Thomas: Reflektierte Vernunft. Michel Foucaults philosophisches Projekt einer
antitotalitären Macht- und Wahrheitskritik. - 1.Aufl., Frankfurt/M.:
Suhrkamp Taschenbuch 1995
[1]
Foucault, Michel: Was ist Aufklärung? - In: Ethos der Moderne. Foucaults
Kritik der Aufklärung. Hrsg. v. Eva Erdmann u. a. - Frankfurt/M.: Campus
1990 (In deutsch zuerst erschienen in: Die Tageszeitung v. 2.7.1984)
[2]
Adorno, Theodor W. und Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung.
Philosophische Fragmente. - In: Max Horkheimer. Gesammelte Schriften Bd. 5.
Hrsg. v. Gunzelin Schmid Noerr. - Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch 1987
[3]
Dews, Peter: Foucault und die "Dialektik der Aufklärung". - In: Die
Aktualität der "Dialektik der Aufklärung. Zwischen Moderne und
Postmoderne. Hrsg. v. Harry Kunneman u. Hent de Vries. - Frankfurt/M., New
York: Campus 1989, S. 92
[4]
Vgl. dazu auch: Engelmann, Peter: Einführung. Postmoderne und
Dekonstruktion. Zwei Stichwörter zur zeitgenössischen Philosophie. -
In: Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der
Gegenwart. Hrsg. v. Peter Engelmann. - Stuttgart: Reclam 1990
[5]
Kant, Immanuel: Was ist Aufklärung? - In: Immanuel Kant. Politische
Schriften. Hrsg. v. Otto H. v. d. Gablentz. - Köln, Opladen: Westdeutscher
Verlag 1965
[6]
Foucault, Michel: Was ist Aufklärung?, a. a. O., S. 37
[7]
Ebd., S. 45
[8]
Vgl. ebd., S. 45 ff.
[9]
Ebd., S. 45
[10]
Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses. Aus dem Französischen
übertragen v. Walter Seitter. Mit einem Essay v. Ralf Konersmann. - Erw.
Ausg. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch 1991, S. 10 f.
[11]
Ebd., S. 11
[12]
Ebd., S. 11 f.
[13]
Ebd., S. 14
[14]
Ebd., S. 14
[15]
Ebd., S. 14 f.
[16]
Ebd., S. 15
[17]
Foucault, Michel: Wahrheit und Macht. Interview von A. Fontana und P. Pasquino.
In: Dispositive der Macht. Michel Foucault. Über Sexualität, Wissen
und Wahrheit. – Berlin: Merve 1978, S. 26
[18]
Foucault, Michel: Was ist Aufklärung?, a. a. O., S. 48
[19]
Ebd., S. 48
[20]
Foucault, Michel: Wahrheit und Macht, a. a. O., S. 54
[21]
Vgl. Foucault, Michel: Was ist Aufklärung?, a. a. O., S. 48
[22]
Vgl. ebd., S. 49
[23]
Ebd., S. 49
[24]
Foucault, Michel: Was ist Kritik?, a. a. O., S. 35
[25]
Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses, a. a. O., S. 38
[26]
Ebd., S. 43
[27]
Foucault, Michel: Was ist Aufklärung?, a. a. O., S. 49
[28]
Foucault, Michel: Nietzsche, die Genealogie, die Historie. - In: Michel
Foucault. Von der Subversion des Wissens. Hrsg. u. aus dem Französischen
und Italienischen übertragen v. Walter Seitter. - Frankfurt/M.: Fischer
Taschenbuch 1987, S. 69
[29]
Ebd., S. 69
[30]
Ebd., S. 69
[31]
Vgl. Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses, a. a. O., S. 43
[32]
Siehe diesen Abschnitt weiter oben.
[33]
Foucault, Michel: Der Mensch ist ein Erfahrungstier. Gespräch mit Ducio
Trombadori. Übers. v. Horst Brühmann. Mit e. Vorw. v. Wilhelm Schmid.
Mit e. Bibliogr. v. Andrea Hemminger. - 1. Aufl., Frankfurt/M.: Suhrkamp
Taschenbuch 1996, S. 25
[34]
Ebd., S. 25
[35]
Ebd., S. 25
[36]
Vgl. Foucault, Michel: Nietzsche, die Genealogie, die Historie, a. a. O., S. 69ff
[37]
Vgl. Foucault, Michel: Was ist Kritik?, a. a. O., S. 36-38
[38]
Foucault, Michel: Nietzsche, die Genealogie, die Historie, a. a. O., S. 80
[39]
Ebd., S. 80
[40]
Foucault, Michel: Was ist Kritik?, a. a. O., S. 32
[41]
Foucault, Michel: Das Subjekt und die Macht. - In: Michel Foucault. Jenseits
von Strukturalismus und Hermeneutik. Hrsg. v. Hubert L. Dreyfus u. Paul
Rabinow. Mit e. Nachwort v. u. e. Interview m. Michel Foucault. Aus dem
Amerikanischen v. Claus Rath u. Ulrich Raulff. - 2. Aufl., Weinheim: Beltz
Athenäum 1994, S. 255
[42]
Foucault, Michel: Wahrheit und Macht, a. a. O., S. 35
[43]
Vgl. ebd. S. 39
[44]
Vgl. Foucault, Michel: Das Subjekt und die Macht, a. a. O., S. 257
[45]
Ebd., S. 246
[46]
Vgl. Foucault, Michel: Der Mensch ist ein Erfahrungstier, a. a. O., S. 27
[47]
Foucault, Michel: Was ist Aufklärung?, a. a. O., S. 50
[48]
Vgl. Foucault, Michel: Das Subjekt und die Macht, a. a. O., S. 243
[49]
Foucault, Michel: Der Mensch ist ein Erfahrungstier, a. a. O., S. 53
[50]
Ebd., S. 85
[51]
Foucault, Michel: Wahrheit und Macht, a. a. O., S. 52
[52]
Foucault, Michel: Was ist Kritik?, a. a. O., S. 32
[53]
Foucault, Michel: Der Mensch ist ein Erfahrungstier, a. a. O., S. 47
[54]
Ebd., S. 46
[55]
Foucault, Michel: Wahrheit und Macht, a. a. O., S. 53
[56]
Foucault, Michel: Was ist Aufklärung?, a. a. O., S. 53
[57]
Ebd., S. 53
[58]
Ebd., S. 49
[59]
Foucault, Michel: Der Mensch ist ein Erfahrungstier, a. a. O., S. 30
[60]
Foucault, Michel: Was ist Aufklärung?, a. a. O., S. 50
[61]
Ebd., S. 50
[62]
Ebd., S. 53
[63]
Ebd., S. 53
[64]
Vgl. das Vorwort zu Foucault, Michel: Was ist Kritik?, a. a. O.
[65]
Foucault, Michel: Was ist Kritik?, a. a. O., S. 19
[66]
Ebd., S. 27
[67]
Foucault, Michel: Der Mensch ist ein Erfahrungstier, a. a. O., S. 82
[68]
Vgl. zu Foucault auch Abschnitt 2. 2. 3 dieser Arbeit
[69]
Vgl. Dews, Peter: Foucault und die "Dialektik der Aufklärung", a. a. O.
oder Schäfer, Thomas: Aufklärung und Kritik. Foucaults Geschichte des
Denkens als Alternative zur "Dialektik der Aufklärung". - In: Ethos der
Moderne. Foucaults Kritik der Aufklärung. Hrsg. v. Eva Erdmann
u.
a. - Frankfurt/M.: Campus 1990
[70]
Vgl. Adorno, Theodor W. und Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung, a.
a. O., S. 30
[71]
Vgl. ebd., S. 34
[72]
Ebd., S. 253 ff.
[73]
Schäfer, Thomas: Reflektierte Vernunft. Michel Foucaults philosophisches
Projekt einer antitotalitären Macht- und Wahrheitskritik. - 1.Aufl.,
Frankfurt/M.: Suhrkamp Taschenbuch 1995, S. 173
[74]
Siehe dazu auch Schäfer, Thomas: Reflektierte Vernunft, a. a. O., S. 167 f.
[75]
Adorno, Theodor W. und Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung, a. a.
O., S. 18
[76]Ebd.,
S. 62
[77]
Schäfer, Thomas: Reflektierte Vernunft, a. a. O., S. 174
[78]
Vgl. Adorno, Theodor W. und Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung, a.
a. O., S. 18
[79]
Ebd., S. 158
[80]
Ebd., S. 226
[81]
Ebd., S. 225
[82]
Vgl. ebd., S. 226 ff.
[83]
Foucault, Michel: Der Mensch ist ein Erfahrungstier, a. a. O., S. 83 f.
[84]
Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. Nach der 1. u. 2. Originalausg.
hrsg. v. Raymund Schmidt. Mit einer Bibliogr. v. Heiner Klemme. - 3. Aufl.,
Hamburg: Meiner 1990
[85]
Adorno, Theodor W. und Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung, a. a.
O., S. 104
[86]
Ebd., S. 106
[87]
Ebd., S. 107
[88]
Ebd., S. 108
[89]
Ebd., S. 116
[90]
Ebd., S. 224
[91]
Ebd., S. 224
[92]
Ebd., S. 224
[93]
Vgl. ebd., S. 224 f.
[94]
Ebd., S. 224
[95]
Ebd., S. 225
[96]
Ebd., S. 142
[97]
Ebd., S. 18
[98]
Foucault, Michel: Was ist Kritik?, a. a. O., S. 30
[99]
Ebd., S. 30
[100]
Ebd., S. 30
[101]
Ebd., S. 30
[102]
Ebd., S. 31
[103]
Foucault, Michel: Wahrheit und Macht, a. a. O., S. 45
[104]
Ebd., S. 45
[105]
Ebd., S. 44
[106]
Ebd., S. 44
[107]
Ebd., S. 52
[108]
Ebd., S. 53
[109]
Foucault, Michel: Was ist Aufklärung?, a. a. O., S. 52
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