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Rolf
Kailuweit (Universität Heidelberg)
Iterum
de scriptura - sprachwissenschaftliche Überlegungen im Anschluß
an die Polemik Derrida-Searle
Konfrontation
zwischen verschiedenen philosophischen Richtungen findet selten statt, da sie
sich einander kaum einmal zugestehen, irgend etwas Sinnvolles zu sagen und wenn
es doch einmal zu einer Auseinandersetzung kommt, so ist sie aufgrund der
Hermetik der jeweiligen Ansätze leicht durch grobe
Mißverständnisse geprägt: John R. Searle etwa erkennt in seiner
Verteidigung der Austinschen Sprechakttheorie gegen die ihm 1976 in der
englischen Übersetzung zugängliche Kritik in Jacques Derridas Aufsatz
"Signature Événement Contexte" (1972): "the confrontation never
quite [?!] takes place" (Searle 1977: 199), denn: "Derrida's Austin is
unrecognizable. He bears almost [?!] no relation with the original" (ibd.:
204). Derrida, der Searles elfseitige Reply auf sage und schreibe 135
Druckseiten(1) kommentiert, kann Searle in diesem Punkt nur zustimmen: "c'est
vrai. Mais ce qui est méconnaissable, sans [?!] rapport avec l'original,
ce n'est pas seulement Austin, mais bien “Derrida's Austin”"
(Derrida [1977] 1991: 164). Gleichwohl räumt Searle eingangs ein: "it is
possible that I may have misinterpreted him as profoundly as I believe he has
misinterpreted Austin" (Searle 1977: 199) - ein Satz, der aus Searls
Perspektive wohl eine reine Höflichkeitsfloskel darstellt, aus Derridas
Perspektive dagegen als der hellsichtigste der ganzen Reply gelten kann: Die
Möglichkeit, ja in gewisser Weise Notwendigkeit des Mißverstehens -
ein “absolutes”, “volles”, “reines”
Verstehen des Gemeinten ist strukturell unmöglich - ist gerade die These
Derridas: "le mis des misunderstandings dont nous nous entretenons ou accusons
ici les uns les autres doit avoir sa condition de possibilité
essentielle dans la structure des marques" (Derrida 1991: 120).
Searle
räumt also, rein rhetorisch oder nicht, Zweifel ein an der von ihm
ansonsten behaupteten problemlosen Interpretation intentionaler schriftlicher
Sprechakte.(2) In seiner Argumentation geht er soweit, Derrida zu unterstellen,
sogar absichtlich offensichtlich Falsches sagen zu wollen.(3) Derrida dagegen,
der eigentlich jede Fehlinterpretation als Beweis für die
Unkontrollierbarkeit illokutionärer Effekte begrüßen
müßte, läßt sich, rhetorisch oder nicht, darauf ein, die
Interpretationen der Reply als "enfermées dans l'autisme le plus
entêté" zu brandmarken (Derrida 1991: 164). Wenn also offenbleibt,
ob Searle an seinen eigenen Fähigkeiten als Sprechaktinterpret zweifelt,
so läßt sich ebenfalls nicht entscheiden, ob eine verletzte Person
Jacques Derrida hier auf die Eindeutigkeit [!] seiner Thesen beharrt oder ob
dieses Beharren nur Teil eines literarischen Streitspiel zwischen zwei Masken
(4) ist, wie Derrida behauptet (cf. ibd.: 78). Somit bleibt letztlich auch
offen, ob eine philosophische Konfrontation nunmehr stattgefunden hat und
Derrida schließt fragend: "Je me demande si nous serons jamais quittes
avec cette confrontation. Aura-t-elle eu lieu, cette fois? Quite?" (ibd.: 197).
Es
geht mir bei der Erörterung dieser Polemik keinesfalls darum, eine
neutrale Haltung einzunehmen oder vorzutäuschen dies zu tun. Wenn ich ohne
alle rhetorischen Beschönigungen Derrida unterstellte, er habe
“zurecht” behauptet, Searle interpretiere ihn falsch, wäre ich
allerdings Searle näher als mir lieb ist. Ich verzichte deshalb darauf,
Derridas ausgiebige Diskussion der Reply Punkt für Punkt zu
kommentieren.(5) Unabhängig also von der Frage, wer wen falsch
interpretiert hat, möchte ich vielmehr die perlokutiven Effekte, die diese
zwanzig Jahre alten Polemik für die Sprachwissenschaft zeitigt, nicht
verpuffen lassen und zwar aus folgenden Gründen:
Erstens
zählt die Pragmatik und als eines ihrer Teilgebiete die Sprechakttheorie
nach wie vor zu den "tendance actuelles en linguistique générale"
(cf. Hupet 1993). Zweitens thematisiert diese Theorie ihre zentralen Begriffe
wie “Akt” und “Kommunikation” nicht. Diese Begriffe
werden vielmehr operativ gebraucht, wobei ihnen ein intuitives Verständnis
aus dem Horizont der Mündlichkeit heraus zugrunde liegt.(6) Die moderne
Sprachwissenschaft des 19. und 20. Jahrhundert rechnet es sich als Verdienst
an, die gesprochene Sprache als fundamental zu betrachten (cf. Lyons [1977]
1980 I: 81-82). Wenn andererseits in den letzten Jahren die Schrift wieder
stärkere Beachtung in der Linguistik findet und zumal mit der Theorie
konzeptioneller Mündlichkeit und Schriftlichkeit von Peter Koch und Wulf
Oesterreicher ein nicht medial gebundenes Verständnis von Schrift -- das
allerdings Schriftlichkeit ausschließlich und unhinterfragt als
Kommunikation begreift -- Schule macht,(7) erscheint eine Aufarbeitung des in
Auseinandersetzung mit der Sprechakttheorie gewonnenen Derridaschen
Schriftbegriffs von brennender Aktualität.
1.
Koch/Oesterreicher erwähnen Derrida als einen Autor, bei dem "neuerdings
[?!] [...] auch wieder der Primat der Schriftlichkeit ausdrücklich
vertreten" werde (cf. Koch/Oesterreicher 1994: 600), verzichten aber auf jede
Darstellung des nicht medial gebundenen Derridaschen Schriftbegriffs. Dieser
könnte indes dazu dienen, zu erklären, warum überhaupt ein
"anthropologisch begründete[s] konzeptionelle[s] Kontinuum" zwischen
Mündlichkeit und Schriftlichkeit (cf. ibd.: 600-601) besteht. Ich komme
weiter unten auf diese Frage zurück. Vorher möchte ich versuchen,
einige Parallelen zwischen der Sprechakttheorie und der Theorie konzeptioneller
Mündlichkeit und Schriftlichkeit aufzuzeigen.
Beide
Theorien begreifen etwa die Wahl der sprachlichen Ausdrucksmittel als
kontextbedingt. Durch die Wahl der Mittel erscheint aber auch der sprachliche
Inhalt kontextbedingt. In der Sprechakttheorie entsteht meaning erst mit dem
Äußern illokutioneller Akte. In der Auseinandersetzung mit einer auf
Wahrheitbedingungen rekurrierenden Semantik zeigt sich, daß semantische
sentence meaning nicht scharf von pragmatischer utterance meaning zu trennen
ist. Die Annahme vorpragmatischer kontextfreier Satzbedeutungen erweist sich
letztlich als illusorisch (cf. Hupet 1993: 155). In der Theorie der
konzeptionellen Mündlichkeit und Schriftlichkeit sind bestimmte
sprachliche Inhalte nur innerhalb einer entsprechenden Konzeption
hervorzubringen: der Ausbau der Wissensbestände geht mit einem Ausbau
konzeptionell schriftlicher syntaktischer und lexikalischer Strukturen einher
(cf. Koch/Oesterreicher 1994: 590-591). Andererseits bedingen die Kontexte der
Mündlichkeit die Ausprägung eines "in bestimmten durch
Emotionalität gekennzeichneten Sinnbezirken [...]beachtlichen
lexikalischen Reichtum[s]" (ibd.: 591).
Die
Kontextabhängigkeit ermöglicht nun einen “originellen”
Kommunikationsbegriff, nach dem eine Äußerung nicht mehr daran
gemessen werden kann, ob sie einen vorgegebenen Sachverhalt als ihren Inhalt
richtig oder falsch übermittelt. Der sprachliche Inhalt entsteht vielmehr
erst durch die Äußerung und zwar als Wirkung auf den Rezipienten. So
kommentiert Derrida die einleitenden Gedanken von Austin How do you do things
with words, wo es um den Begriff des Performativen geht, wie folgt:
"Les
notions austinniennes d'illocution et de perlocution ne désignent pas le
transport ou le passage d'un contenu du sens, mais en quelque sorte la
communication d'un mouvement original [...] une opération et la
production d'un effet. Communiquer, dans le cas du performatif [...] ce serait
communiquer une force par l'impulsion d'une marque." (Derrida 1972: 382).
Als
eine ähnlich originäre Bewegung nicht nur der Sinn-, sondern auch der
Bedeutungsschöpfung erscheint etwa Koch/Oesterreichers Idee, expressive
drastische Neuschöpfungen ergäben sich spontan im Kontext hitziger,
stark emotional aufgeladener “konzeptionell mündlicher”
Gesprächssituationen (cf. Koch/Oesterreicher 1996).
2.
Wenn die kontextabhängige Sinn- und Bedeutungsproduktion jedoch nicht als
ereignishaft aus dem Rahmen jeder wissenschaftlichen Beschreibung fallen soll,
muß nachgewisen werden, daß gewisse Sinn- und Bedeutungstypen von
gewissen Kontexttypen abhängen. In der Sprechakttheorie wird deshalb nach
typisierbaren Kontextbedingungen gesucht, die erfüllt sein müssen,
wenn ein Versprechen, eine Drohung, ein Befehl etc. vorliegen soll.
Ähnlich sind es bei Koch/Oesterreicher die in bestimmten Parametern
faßbaren Kommunikationsbedingungen, die z.B. bei intensivierenden,
drastisch figürlichen Ausdrücken im Bereich gewisser Themenzentren
(“affektstarken Vorstellungskomplexen”) vorliegen müssen:
starke emotionale Beteiligung im Zusammenspiel mit Privatheit, Vertrautheit der
Partner, starke Situations- und Handlungseinbindung, Dialogizität etc.
(cf. ibd.: 66-74).
Derrida
hat nun gezeigt, daß Äußerungen als kontextabhhängig
geschaffene originäre Komunikationen nicht typisierbar sind, da ihre
Wirkungen nicht begrenzt werden können. Will ich eine Äußerung
(token) nachträglich einem bestimmten Sprechakttyp zuordnen, so betrachte
ich sie bereits in einem neuen Kontext und kann nur perspektivisch ihren
Äußerungskontext rekonstuieren. Eine solche Rekonstruktion ist
notwendig Fiktion. Sie kann Wirkung entfalten, wenn ich etwa als Richter
“abschließend” über das Vorliegen einer
rechtsverbindlichen Willenserklärung befinde. Doch kein Richter kann sich
polizeilich davor schützen, daß das die Richtigkeit seines Urteils
angezweifelt wird: "tout est possible contre la police du langage" (Derrida
1991: 185).
Wenn
aber die Interpretation von Äußerungen eine Frage der
Interpretationsmacht ist, entspricht sie nicht dem Ideal desinteressierter
wissenschaftlicher Objektivität. Die Verzeitlichung des Kontextes im
Horizont der Interpretation, bei der immer eine Frage offenbleibt, soll deshalb
im Namen eines Objektivitätsideals reduziert werden, indem man vorgibt,
die Äußerung aus der Perspektive des Produzenten betrachten zu
können: Indem man meint, was man sagt, realisiert man in der
Äußerung seine Intention. Um zu wissen, was ein Versprechen ist,
gelte es, erst einmal ein “ernstgemeintes” Versprechen, das in der
Absicht, es zu halten, geäußert wird, zu untersuchen und nicht etwa
ein “parasitäres”, wie es z.B. ein Schauspieler auf der
Bühne gebe (cf. Searle 1977: 204).
Nun
scheint gerade die Bühne, solange dort das aristotelische Prinzip der
Wahrscheinlichkeit herrscht, ein besonders geeigneter Ort, uns die
konventionellen Mechanismen eines Sprechakts zu verdeutlichen. Ein
Bühnenwerk erscheint uns gerade gelungen, wenn wir es für
wahrscheinlich halten, daß der Schauspieler z.B. etwas verspricht und
dafür im Rahmen des Stückes zur Verantwortung gezogen wird. Es ist in
der Argumentation von Austin und Searle völlig unklar, was
illokutionär den Unterschied zwischen einem “ernstgemeinten”
und einem nicht “ernstgemeinten” Versprechen darstellen soll. Auch
perlokutiv, d.h. in der Wirkung auf den Adressaten besteht kein Unterschied.
Bei perlokutivem Erfolg vertraut der Adressat auf die Erfüllung, bei
Mißerfolg vertraut er darauf nicht, und zwar entweder weil er an der
“Ernsthaftigkeit” zweifelt oder aber weil er den
Sich-verpflichtenden zwar nicht den guten Willen, wohl aber die Fähigkeit
zur Erfüllung abspricht. Ein Unterschied zeigt sich bestenfalls bei der
Erfüllung, die jedoch eine von der Verpflichtung unabhängige Handlung
ist.(8) Man kann allerdings ein Versprechen auch halten, obwohl man das
eigentlich gar nicht wollte, und man kann es nicht halten, selbst wenn man es
mit bestem Wissen und Gewissen gegeben hat.
Im
rechtlich relevanten Bereich ändert die vorhandene oder nicht vorhandene
Intention nichts am Vorliegen einer verbindlichen
“Willenserklärung”. Paragraph 116 BGB: [Geheimer Vorbehalt]
stipuliert: "Eine Willenserklärung ist nicht deshalb nichtig, weil sich
der Erklärende insgeheim vorbehält, das Erklärte nicht zu
wollen." Bis in die jüngste Zeit tut sich die Sprechakttheorie schwer,
ihren Gegenstand aus dem “Empfängerhorizont”, wie die
Rechtstheorie sagt, zu betrachten. Nach Hupet ist es lediglich "en quelque
sorte" [?!] der Hörer, der den Sprechakt identifiziert (Hupet 1993:
155).(9)
3.
Im Zusammenspiel mit der Rechtstheorie oder allgemeiner mit einer
soziologischen Theorie des Normativen könnte die Sprechakttheorie
fruchtbare Ergebnisse zeitigen.(10) Sie müßte allerdings die
“Schriftlichkeit” ihres Gegenstandes erkennen. Hier liegt der
Hauptdissens zwischen Searle und Derrida, denn Searle betont: "Derrida's
argument to show that all elements of language [...] are really graphemes is
without any force" (Searle 1977: 201). Der Streit geht um das anhand des
“klassischen” Fortdauer und Abwesentheit thematisierenden
Schriftbegriffs entwickelte Konzept der
“restance-non-présente”, die Derrida zufolge eine Bedingung
der Möglichkeit schriftlichen wie mündlichen Zeichengebrauchs ist
(cf. Derrida 1972: 378). Derridas Argument besteht darin, daß auch das
Gesprochene nur als Sprachliches begriffen werden kann, wenn es als
Realisierung eines bestimmten types verstanden wird. Die type/token Relation
ermöglich aber die Wiederholung des Gesprochenen außerhalb seines
Produktionskontextes (Zitieren). Im Zitieren ist das Zeichen nun von seiner
eben durch den Produktionskontext determinierten Bedeutung sowie von einer
seiner Produktion zugrundeliegenden Intention befreit (cf. ibd.).
Soweit
stimmt Searle Derrida auch zu, nur sieht er nicht das speziell Schriftliche
daran. Genuin schriftlich sei allein die Tatsache, das ein geschriebenes token
als token überdauere, was ein gesprochenes aus materiellen Gründen
nicht tue (cf. Searle 1977: 200-201). Searle mißversteht Derridas
Iterabilitätsbegriff als schlichte Möglichkeit, ein token einem
unveränderlichen, Produzent wie Rezipient gleich
“präsenten” type zuzuordnen, bzw. - die
“Präsenz” des unveränderlichen Kodes garantiere dies - es
identisch zu wiederholen (cf. ibd.: 207). Deshalb versteht er auch nicht, warum
Derridas restance-non-présente sich gleichermaßen auf Gesprochenes
und Geschriebenes bezieht. Nach Derrida können die types und ihr System,
der Kode, weder als unveränderlich, noch als präsent gedacht werden.
Der type ist nichts anderes als ein Kette von tokens, deren Produktion in immer
neuen Kontexten an die jeweils vorausgehende anknüpft. Im Begriff der
Iterabilität klingen deshalb sowohl lateinisch iterum “noch
einmal”, als auch sanskrit itara “anders” an (cf. Derrida
1972: 375). Nur so sind Bedeutungswandel und im allgemeinen Sprachwandel zu
erklären. Beim Hören einer gesprochenen Äußerung wird
diese genauso wie beim Lesen eines Textes in einen neuen Kontext gestellt: nur
das dies beim Lesen produktionsferner geschehen, die Verzeitlichung
größer sein kann.(11) Die Kontextlöslichkeit auch des
Gesprochenen ermöglicht aber auch erst den kontinuierlichen Übergang
von der Mündlichkeit zur konzeptionellen Schriftlichkeit, den Koch
Oesterreicher, wie zitiert, für anthropologisch begründet halten.
4.
Auf der Grundlage der Iterabilität des Zeichens stellt Derrida eine
Typologie der Modi der sprachlichen Tätigkeit (Iteration) und ihrer
Produkte, der Modi der restance-non-présente in Aussicht, die er selbst
allerdings nicht weiter präzisiert.
Eine
solche Typologie könnte im Sinne des konzeptionellen
Mündlichkeits/Schriftlichkeits-Kontinuum verschiedene
Schriftlichkeitsgrade abgrenzen. Gewissermaßen VOR einem solchen
Kontinuum liegt allerdings, so meine These, die Unterscheidung zwischen einem
“genologischen” und einem “grammologischen” Typ der
Iteration. Ich werde dies kurz erläutern:(13) Die
“genologische” Iteration charakterisiert das Sprechen im Kreis des
Genos, den die von Husserl so genannte "Gemeinschaft des sich wechselseitig
normalerweise voll verständlich Aussprechen-Könnens" (Husserl 1954:
369) bildet. In dieser Gemeinschaft geht die sprachliche Vertrautheit so weit,
daß es auf das Wie des Sprechens gerade nicht ankommt. Wenn man also
sprechen kann, “wie einem der Schnabel gewachsen ist”, ohne das
dies auffällt, dann ist die Sprache gleichermaßen
“durchsichtig”. Ihre Schriftlichkeit bleibt unerkannt.
Außerhalb dieser Gemeinschaft muß man dagegen auf seine Sprache
achten, soll das Gesagte vom Anderen akzeptiert werden. Wo die Vertrautheit
fehlt, kann das Gesagte, obwohl vielleicht verständlich, leicht
unangemessen wirken. Die Normen, die einem sagen, wie mit Fremden korrekt und
angemessen zu sprechen ist, muß man erst erlernen und man erwirbt in
ihnen nur eine prekäre Kompetenz.
Ein
Sprechen, das sich im Sprechen selbst reflektiert, kann
“grammologisch” genannt werden. Die Iteration ist hier nicht nur
unmittelbar sach- und sinn-, sondern auch sprachorientiert. Die
Kontextlöslichkeit des Zeichens, also seine “Schriftlichkeit”,
wird intuitiv erkannt. Die volle Verständlichkeit des Genologischen ist
aber nur “normalerweise” gegeben. Da jedes Zeichen im Derridaschen
Sinne “schriftlich” und seine Rezeption verzeitlicht ist, kann auch
bei Vertrautheit Verständlichkeit bisweilen fehlen. Es kommt zu
Nachfragen, das Gesagte wird thematisiert und damit grammologisch betrachtet.
5.
Mit diesen Gedanken können wir zu Koch/Oestereicher zurückkehren. Ihr
Ansatz scheint insofern dem romantischen “phonozentrischen” Ideal
der Sprachwissenschaft verpflichtet, als ihr Modell einen Zugang zu einem
verloren geglaubten Bereich der Mündlichkeit suggeriert. Dies scheint
dadurch möglich zu werden, daß der gesamte Bereich der
Zeichenverwendung als “Kommunikation” erscheint, in der der
Sprecher eine bestimmte Mitteilung “konzipiert”. Vom Begriff der
“Konzeption” ist es nicht weit bis zum Intentionsbegriffs der
Sprechakttheorie.
Für
Searle ist Intentionalität in überlieferter schriftlicher
Kommunikation in gleicher Weise präsent wie in mündlicher. Selbst
wenn man sich nicht den Autor als einen Menschen denken würde, der, wie
man selbst, Intentionen kodiere: "there is no getting away from intentionality
because a meaningful sentences is just a standing possibility for the
corresponding (intentional) speech act" (cf. Searle 1977: 201-202). Wenn somit
die eigentlich vom Produktionskontext abhängige Intention
nachträglich durch das Medium der Schrift zugänglich sein soll, so
kann auch die mündliche “Konzeption” geschrieben
überliefert werden. So suggerieren Koch/Oesterreicher durch den Begriff
“konzeptionelle Mündlichkeit”,(14) man könne, und wenn
auch noch so beschränkt und unvollkommen, etwa anhand von Aufzeichnungen
gering gebildeter, mit den Normen der schriftlichen Konzeption nicht vertrauter
Schreiber, in Texten festgehaltene vergangene “Mündlichkeit”
rekonstruieren, welche der “normalerweise” im phonischen Medium
realisierten Alltagssprache nahekomme.
Eine
solche “Mündlichkeit” in Texten darf jedoch nicht mit
genologischem Sprechen verwechselt werden. “Genologische
Mündlichkeit” ist gerade nicht konzeptionell. Wenn sich
Gesprächspartner aufgrund ihrer Vertrautheit voll verständlich
aussprechen, “konzipieren” sie dieses Sprechen nicht. Aus diesem
Grund konzipiert auch ein gering gebildeter Schreiber seinen Text nicht
“mündlich”, sondern es fehlen ihm eben die Mittel, ihn
NORMGERECHT “schriftlich” zu konzipieren. Nichtsdestoweniger bleibt
ein solcher Text notwendig grammologisch produziert. Er besitzt einen geringen
Grad von Schriftlichkeit, der ein eigener Modus der Iteration ist und mit dem
genologischen Modus nicht zusammenfällt. Vor dem Kontinuum verschiedenen
Schriftlichkeitsgrade bildet der Übergang vom Genologischen zum
Grammologischen eine Schwelle, die zwar jederzeit in Richtung auf das
Grammologische überschritten, hinter die aber nicht wieder
zurückgegangen werden kann.(15)
Es
gibt natürlich auch “konzeptionelle Mündlichkeit”:
insofern nämlich, als grammologisch Mündlichkeit imitiert werden
kann. Man kann einen Bühnen- oder Romandialog schreiben, einen Dialekt,
der nicht der eigene ist, nachahmen oder sich für einen Werbespruch oder
einen polemischen Text besonders emotionale intensivierende, drastisch
figürliche Ausdrücke überlegen. “Expressive
Mündlichkeit” sehen Koch/Oesterreicher als Ursprung von
Sprachschöpfungen an, die in die Gemeinsprache Eingang gefunden haben,
z.B. französisch beaucoup "viel", wörtlich aber "schöner
Schlag", oder Kopf, das erst "Trinkgefäß" bedeutete, dann für
Haupt in der heutigen Bedeutung verwendet wurde (cf. Koch/Oesterreicher 1996:
77-79). Die “synchronen” Beispiele solcher Expressiva, die
Koch/Oesterreicher in Tonband- und Videotranskriptionen ausmachen (cf. ibd.:
69-72), scheinen jedoch kaum zu erhärten, daß diese notwendig als
ad-hoc Bildungen in einer durch starke emotionale Beteiligung geprägten
Sprechsituation entstehen. Den von Günter Wallraf in einer hitzigen
Fernsehsituation gebrauchten Ausdruck Menschenschrott könnte sich der
erfahrene Redner auch zuhause am Schreibtisch zurechtgelegt haben. Die
französischen Beispiele caillou "schlechter Schwimmer" und regarder le
bleu du ciel "faulenzen" fielen vielleicht auch einem Romanautor ein und ein
Stammtischspruch wie Pompidou c'est Pompidou liegt nicht unter dem Niveau der
gegenwärtigen politischen Werbung.
Wenn
diese Ausdrücke also genologisch wie grammologisch gebildet werden
könnten, so wäre doch ihre Sprachwandel bedingende Verbreitung
notwendig grammologisch. Ihre Verbreitung beruht ja darauf, daß sie als
AUSDRÜCKE AUFFALLEN, unabhängig von den kommunikativen Interessen, in
deren Kontext sie entstanden sind. Wenn sie iteriert werden, so gerade
grammologisch als besondere Ausdrücke, die mit der Zeit vielleicht wie
beaucoup und Kopf ihre Besonderheit verlieren und auf ihre Bedeutung hin
“durchsichtig” werden, so daß wir vermuten können,
daß sie auch genologisch gebraucht werden. Der um seiner selbst willen
aus dem Kontext seiner Produktion herausgelöste Ausdruck zeigt seine
Schriftlichkeit. Seine Rezeption ist gerade nicht innerhalb eines
Kommunikationsmodells zu erklären, da es hier nicht um eine "Differenz von
Information und Mitteilung" im Sinne Luhmanns geht (cf. Luhmann 1987: 209),
sondern die Mitteilung, als Möglichkeit zu einem neuartigen
Sprachgebrauch, gleichsam die Information ist.
Die
Schriftlichkeit des Zeichens ermöglicht, es losgelöst von seinem
Produzenten außerhalb einer Kommunikationssituation zu betrachten. Mein
Anrufbeantworter, der mir zu jeder Nachricht Datum und Zeit sagt, kommuniziert
nicht mit mir und ebensowenig tut es der Autor eines Gedichtes, das ich lese,
wenn ich mich nicht frage, was mir der Autor sagen will, sondern was der Text
auch ohne und gegen alle Mitteilungsabsicht (mir) bedeutet. Einmal aus der Enge
des Kommunikationsbegriffs und des Strebens nach genuiner Mündlichkeit
befreit, wird erst der Beitrag deutlich, den Koch/Oesterreichers Theorie
gradueller Schriftlichkeit für die Überwindung einer
“phonozentrischen” Linguistik leisten kann.
Bibliographie:
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Derrida,
Jacques (1972): Marges. Paris: Éditions de Minuit.
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Hupet,
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Delachaux et Niestlé.
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bei der Ausprägung sprachlicher Identität", in: Fehrmann,
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Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Spannungsfeld von Sprachtheorie und
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Koch,
Peter/Oesterreicher, Wulf (1990): Gesprochene Sprache in der Romania:
Französisch, Italienisch, Spanisch. Tübingen: Niemeyer.
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Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
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escrita de impronta oral en la historiografía indiana", in: Lüdtke,
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Anmerkungen: 1.
In der 1977 erschienenen englischen Übersetzung sind es knapp 100 Seiten.
2.
Die Interpretation ist problemlos "to the extent that the auther says what he
means" (Searle 1977: 202).
3.
"Derrida has a distressing penchant for saying things that are obviously false"
(ibd.).
4.
Oder Gesellschaften mit beschränkter Haftung (Limited Inc.).
5.
Andere haben darauf ebenfalls verzichtet. Jonathan Culler nimmt Searles
"ungeheuerliches Mißverständnis" lediglich zum Anlaß, zu
Derridas Austin-Lektüre zurückzukehren, "etwas langsamer als Derrida
vorzugehen und Austins Vorhaben und Derridas Verstellungen [sic] dazu
detaillierter darzustellen" (Culler [1982] 1988: 125). Manfred Frank, der sich
bemüht, Searles Argumente so stark zu machen, wie es geht, will seine
Leser nicht "mit allerlei Späßen, die Derrida gegen Searle sich
erlaubt" aufhalten: "einige sind sehr lustig, andere ein
bißchen
fade" (cf. Frank 1983: 506).
6.
Lyons weist darauf hin, daß die Sprechakttheorie zwar auch das Gestische
berücksichtigt, jedoch grundsätzlich "das Prinzip der Priorität
des phonischen Mediums" akzeptiere (cf. Lyons [1977] 1983 II: 331). Die Analyse
von Gestik und Sprechen setzt zumal bei der Kopräsenz der
Kommunikationspartner an.
7.
Die Durchlässigkeit des Mediums für sprachliche Konstruktionen, die
entweder im Geschrieben als “umgangssprachlich” oder im
Gesprochenen als “papieren” auffallen, ist von einer Vielzahl von
Linguisten erkannt worden (cf. Lyons 1980 I: 83; weitere Hinweise bei
Koch/Oesterreicher 1985: 17). Von den terminologischen Unterscheidungen von
Ludwig Söll ausgehend haben Koch/Oesterreicher seit 1985 eine
einflußreiche Theorie konzeptioneller, d.h. vom Medium unabhängiger,
Mündlichkeit und Schriftlichkeit erarbeitet (cf. zuletzt
Koch/Oesterreicher 1994).
8.
Deshalb unterscheidet das deutsche Zivilrecht zwischen
Verpflichtungsgeschäft, bei dem ein Anspruch etwa auf Übergabe und
Übereignung einer Sache entsteht und Erfüllungsgeschäft, bei dem
die Sache übergeben und der Empfänger Eigentümer wird.
9.
Anders die soziologische Systemtheorie: Niklas Luhmann stellt bei seiner
Erörterungen der Begriffe “Kommunikation” und
“Handlung” eingangs fest, daß die im Kommunikationsbegriff
anklingende Übertragungsmetapher dazu "verführt, sich vorzustellen,
daß die übertragende Information für Absender und
Empfänger dieselbe sei" (Luhmann 1987: 194). Dies dürfe jedoch nicht
so verstanden werden, daß "diese Selbigkeit [...] schon durch die
inhaltliche Qualität der Information", d.h. a priori aus der Sicht des
Senders garantiert werde. Sie entstehe vielmehr erst im
Kommunikationsprozeß (cf. ibd.). Information als Bedingung von
Kommunikation sei "eine Selektion aus einem (bekannten oder unbekannten)
Repertoire von Möglichkeiten". Um “kommuniziert” zu werden,
muß die Information durch absichtliches oder unabsichtliches Handeln
mitgeteilt werden, wobei es auf die "Unterscheidung der Information von ihrer
Mitteilung" ankommt. Deshalb nennt Luhmann "den Adressaten Ego und den
Mitteilenden Alter" (cf. ibd.: 195), nimmt also konsequent die Perspektive des
Empfängerhorizontes ein.
10.
So bemerkt Derrida: "Je pense que la théorie des speech acts est, en son
fond et pour ce qui est le plus fécond, le plus rigoureux, le plus
intéressant [...] une théorie du droit, de la convention, de la
morale politique, de la politique comme morale" (Derrida 1991: 180).
11.
Diese Gedanken Derridas liegen nicht allzu fern von den Einwänden Coserius
gegen den “statischen” Strukturalismus. Die synchrone systematische
Beschreibung könne als Abstraktion weder dem Wandel der Sprache in
concreto gerecht werden, noch der Abwesenheit von Wandel - sprachlicher
Kontinuität (cf. Coseriu 31978: 25). Die konkrete Sprache
“bleibt” überhaupt nicht als ein identisches System, denn
"cuando un “estado de lengua” resulta prácticamente
idéntico a un estado anterior, ello no significa que este estado
permanece, sino sólo que se reconstruye con suficiente fidelidad por el
hablar. [...] Como decía Platón [Cratylos, 378b-388d], el hablar
es acto () que utiliza palabras puestas a su disposición por el
“uso” (μ). Y hay que agregar que el acto manifiesta
concretamente el μ y, al manifestarlo, lo supera y lo modifica (ibd.:
31-32).
13.
Siehe auch bereits Kailuweit 1996; Kailuweit 1997: Kapitel 1.
14.
Nach den Buch- und Aufsaztiteln scheint gerade dem “konzeptionell
Mündlichen” das Hauptaugenmerk zu gelten: Gesprochene Sprache in der
Romania (1990); "El español escrito en textos de semicultos. Competencia
escrita de impronta oral en la historiografía indiana" (Oesterreicher
1994); "Sprachwandel und espressive Mündlichkeit" (1996).
15.
Diese Schwelle zeigt sich auch darin, daß man keine unhinterfragbare
“muttersprachliche”, ich sage lieber genolektale, Kompetenz in
einer Sprache erlernt, die nicht diejenige der Genolektgemeinschaft ist, in der
man als Kind sprechen gelernt habe.
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