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Rolf Kailuweit (Universität Heidelberg)

Iterum de scriptura - sprachwissenschaftliche Überlegungen im Anschluß an die Polemik Derrida-Searle


Konfrontation zwischen verschiedenen philosophischen Richtungen findet selten statt, da sie sich einander kaum einmal zugestehen, irgend etwas Sinnvolles zu sagen und wenn es doch einmal zu einer Auseinandersetzung kommt, so ist sie aufgrund der Hermetik der jeweiligen Ansätze leicht durch grobe Mißverständnisse geprägt: John R. Searle etwa erkennt in seiner Verteidigung der Austinschen Sprechakttheorie gegen die ihm 1976 in der englischen Übersetzung zugängliche Kritik in Jacques Derridas Aufsatz "Signature Événement Contexte" (1972): "the confrontation never quite [?!] takes place" (Searle 1977: 199), denn: "Derrida's Austin is unrecognizable. He bears almost [?!] no relation with the original" (ibd.: 204). Derrida, der Searles elfseitige Reply auf sage und schreibe 135 Druckseiten(1) kommentiert, kann Searle in diesem Punkt nur zustimmen: "c'est vrai. Mais ce qui est méconnaissable, sans [?!] rapport avec l'original, ce n'est pas seulement Austin, mais bien “Derrida's Austin”" (Derrida [1977] 1991: 164). Gleichwohl räumt Searle eingangs ein: "it is possible that I may have misinterpreted him as profoundly as I believe he has misinterpreted Austin" (Searle 1977: 199) - ein Satz, der aus Searls Perspektive wohl eine reine Höflichkeitsfloskel darstellt, aus Derridas Perspektive dagegen als der hellsichtigste der ganzen Reply gelten kann: Die Möglichkeit, ja in gewisser Weise Notwendigkeit des Mißverstehens - ein “absolutes”, “volles”, “reines” Verstehen des Gemeinten ist strukturell unmöglich - ist gerade die These Derridas: "le mis des misunderstandings dont nous nous entretenons ou accusons ici les uns les autres doit avoir sa condition de possibilité essentielle dans la structure des marques" (Derrida 1991: 120).
Searle räumt also, rein rhetorisch oder nicht, Zweifel ein an der von ihm ansonsten behaupteten problemlosen Interpretation intentionaler schriftlicher Sprechakte.(2) In seiner Argumentation geht er soweit, Derrida zu unterstellen, sogar absichtlich offensichtlich Falsches sagen zu wollen.(3) Derrida dagegen, der eigentlich jede Fehlinterpretation als Beweis für die Unkontrollierbarkeit illokutionärer Effekte begrüßen müßte, läßt sich, rhetorisch oder nicht, darauf ein, die Interpretationen der Reply als "enfermées dans l'autisme le plus entêté" zu brandmarken (Derrida 1991: 164). Wenn also offenbleibt, ob Searle an seinen eigenen Fähigkeiten als Sprechaktinterpret zweifelt, so läßt sich ebenfalls nicht entscheiden, ob eine verletzte Person Jacques Derrida hier auf die Eindeutigkeit [!] seiner Thesen beharrt oder ob dieses Beharren nur Teil eines literarischen Streitspiel zwischen zwei Masken (4) ist, wie Derrida behauptet (cf. ibd.: 78). Somit bleibt letztlich auch offen, ob eine philosophische Konfrontation nunmehr stattgefunden hat und Derrida schließt fragend: "Je me demande si nous serons jamais quittes avec cette confrontation. Aura-t-elle eu lieu, cette fois? Quite?" (ibd.: 197).

Es geht mir bei der Erörterung dieser Polemik keinesfalls darum, eine neutrale Haltung einzunehmen oder vorzutäuschen dies zu tun. Wenn ich ohne alle rhetorischen Beschönigungen Derrida unterstellte, er habe “zurecht” behauptet, Searle interpretiere ihn falsch, wäre ich allerdings Searle näher als mir lieb ist. Ich verzichte deshalb darauf, Derridas ausgiebige Diskussion der Reply Punkt für Punkt zu kommentieren.(5) Unabhängig also von der Frage, wer wen falsch interpretiert hat, möchte ich vielmehr die perlokutiven Effekte, die diese zwanzig Jahre alten Polemik für die Sprachwissenschaft zeitigt, nicht verpuffen lassen und zwar aus folgenden Gründen:

Erstens zählt die Pragmatik und als eines ihrer Teilgebiete die Sprechakttheorie nach wie vor zu den "tendance actuelles en linguistique générale" (cf. Hupet 1993). Zweitens thematisiert diese Theorie ihre zentralen Begriffe wie “Akt” und “Kommunikation” nicht. Diese Begriffe werden vielmehr operativ gebraucht, wobei ihnen ein intuitives Verständnis aus dem Horizont der Mündlichkeit heraus zugrunde liegt.(6) Die moderne Sprachwissenschaft des 19. und 20. Jahrhundert rechnet es sich als Verdienst an, die gesprochene Sprache als fundamental zu betrachten (cf. Lyons [1977] 1980 I: 81-82). Wenn andererseits in den letzten Jahren die Schrift wieder stärkere Beachtung in der Linguistik findet und zumal mit der Theorie konzeptioneller Mündlichkeit und Schriftlichkeit von Peter Koch und Wulf Oesterreicher ein nicht medial gebundenes Verständnis von Schrift -- das allerdings Schriftlichkeit ausschließlich und unhinterfragt als Kommunikation begreift -- Schule macht,(7) erscheint eine Aufarbeitung des in Auseinandersetzung mit der Sprechakttheorie gewonnenen Derridaschen Schriftbegriffs von brennender Aktualität.

1. Koch/Oesterreicher erwähnen Derrida als einen Autor, bei dem "neuerdings [?!] [...] auch wieder der Primat der Schriftlichkeit ausdrücklich vertreten" werde (cf. Koch/Oesterreicher 1994: 600), verzichten aber auf jede Darstellung des nicht medial gebundenen Derridaschen Schriftbegriffs. Dieser könnte indes dazu dienen, zu erklären, warum überhaupt ein "anthropologisch begründete[s] konzeptionelle[s] Kontinuum" zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit (cf. ibd.: 600-601) besteht. Ich komme weiter unten auf diese Frage zurück. Vorher möchte ich versuchen, einige Parallelen zwischen der Sprechakttheorie und der Theorie konzeptioneller Mündlichkeit und Schriftlichkeit aufzuzeigen.
Beide Theorien begreifen etwa die Wahl der sprachlichen Ausdrucksmittel als kontextbedingt. Durch die Wahl der Mittel erscheint aber auch der sprachliche Inhalt kontextbedingt. In der Sprechakttheorie entsteht meaning erst mit dem Äußern illokutioneller Akte. In der Auseinandersetzung mit einer auf Wahrheitbedingungen rekurrierenden Semantik zeigt sich, daß semantische sentence meaning nicht scharf von pragmatischer utterance meaning zu trennen ist. Die Annahme vorpragmatischer kontextfreier Satzbedeutungen erweist sich letztlich als illusorisch (cf. Hupet 1993: 155). In der Theorie der konzeptionellen Mündlichkeit und Schriftlichkeit sind bestimmte sprachliche Inhalte nur innerhalb einer entsprechenden Konzeption hervorzubringen: der Ausbau der Wissensbestände geht mit einem Ausbau konzeptionell schriftlicher syntaktischer und lexikalischer Strukturen einher (cf. Koch/Oesterreicher 1994: 590-591). Andererseits bedingen die Kontexte der Mündlichkeit die Ausprägung eines "in bestimmten durch Emotionalität gekennzeichneten Sinnbezirken [...]beachtlichen lexikalischen Reichtum[s]" (ibd.: 591).

Die Kontextabhängigkeit ermöglicht nun einen “originellen” Kommunikationsbegriff, nach dem eine Äußerung nicht mehr daran gemessen werden kann, ob sie einen vorgegebenen Sachverhalt als ihren Inhalt richtig oder falsch übermittelt. Der sprachliche Inhalt entsteht vielmehr erst durch die Äußerung und zwar als Wirkung auf den Rezipienten. So kommentiert Derrida die einleitenden Gedanken von Austin How do you do things with words, wo es um den Begriff des Performativen geht, wie folgt:

"Les notions austinniennes d'illocution et de perlocution ne désignent pas le transport ou le passage d'un contenu du sens, mais en quelque sorte la communication d'un mouvement original [...] une opération et la production d'un effet. Communiquer, dans le cas du performatif [...] ce serait communiquer une force par l'impulsion d'une marque." (Derrida 1972: 382).

Als eine ähnlich originäre Bewegung nicht nur der Sinn-, sondern auch der Bedeutungsschöpfung erscheint etwa Koch/Oesterreichers Idee, expressive drastische Neuschöpfungen ergäben sich spontan im Kontext hitziger, stark emotional aufgeladener “konzeptionell mündlicher” Gesprächssituationen (cf. Koch/Oesterreicher 1996).

2. Wenn die kontextabhängige Sinn- und Bedeutungsproduktion jedoch nicht als ereignishaft aus dem Rahmen jeder wissenschaftlichen Beschreibung fallen soll, muß nachgewisen werden, daß gewisse Sinn- und Bedeutungstypen von gewissen Kontexttypen abhängen. In der Sprechakttheorie wird deshalb nach typisierbaren Kontextbedingungen gesucht, die erfüllt sein müssen, wenn ein Versprechen, eine Drohung, ein Befehl etc. vorliegen soll. Ähnlich sind es bei Koch/Oesterreicher die in bestimmten Parametern faßbaren Kommunikationsbedingungen, die z.B. bei intensivierenden, drastisch figürlichen Ausdrücken im Bereich gewisser Themenzentren (“affektstarken Vorstellungskomplexen”) vorliegen müssen: starke emotionale Beteiligung im Zusammenspiel mit Privatheit, Vertrautheit der Partner, starke Situations- und Handlungseinbindung, Dialogizität etc. (cf. ibd.: 66-74).

Derrida hat nun gezeigt, daß Äußerungen als kontextabhhängig geschaffene originäre Komunikationen nicht typisierbar sind, da ihre Wirkungen nicht begrenzt werden können. Will ich eine Äußerung (token) nachträglich einem bestimmten Sprechakttyp zuordnen, so betrachte ich sie bereits in einem neuen Kontext und kann nur perspektivisch ihren Äußerungskontext rekonstuieren. Eine solche Rekonstruktion ist notwendig Fiktion. Sie kann Wirkung entfalten, wenn ich etwa als Richter “abschließend” über das Vorliegen einer rechtsverbindlichen Willenserklärung befinde. Doch kein Richter kann sich polizeilich davor schützen, daß das die Richtigkeit seines Urteils angezweifelt wird: "tout est possible contre la police du langage" (Derrida 1991: 185).

Wenn aber die Interpretation von Äußerungen eine Frage der Interpretationsmacht ist, entspricht sie nicht dem Ideal desinteressierter wissenschaftlicher Objektivität. Die Verzeitlichung des Kontextes im Horizont der Interpretation, bei der immer eine Frage offenbleibt, soll deshalb im Namen eines Objektivitätsideals reduziert werden, indem man vorgibt, die Äußerung aus der Perspektive des Produzenten betrachten zu können: Indem man meint, was man sagt, realisiert man in der Äußerung seine Intention. Um zu wissen, was ein Versprechen ist, gelte es, erst einmal ein “ernstgemeintes” Versprechen, das in der Absicht, es zu halten, geäußert wird, zu untersuchen und nicht etwa ein “parasitäres”, wie es z.B. ein Schauspieler auf der Bühne gebe (cf. Searle 1977: 204).

Nun scheint gerade die Bühne, solange dort das aristotelische Prinzip der Wahrscheinlichkeit herrscht, ein besonders geeigneter Ort, uns die konventionellen Mechanismen eines Sprechakts zu verdeutlichen. Ein Bühnenwerk erscheint uns gerade gelungen, wenn wir es für wahrscheinlich halten, daß der Schauspieler z.B. etwas verspricht und dafür im Rahmen des Stückes zur Verantwortung gezogen wird. Es ist in der Argumentation von Austin und Searle völlig unklar, was illokutionär den Unterschied zwischen einem “ernstgemeinten” und einem nicht “ernstgemeinten” Versprechen darstellen soll. Auch perlokutiv, d.h. in der Wirkung auf den Adressaten besteht kein Unterschied. Bei perlokutivem Erfolg vertraut der Adressat auf die Erfüllung, bei Mißerfolg vertraut er darauf nicht, und zwar entweder weil er an der “Ernsthaftigkeit” zweifelt oder aber weil er den Sich-verpflichtenden zwar nicht den guten Willen, wohl aber die Fähigkeit zur Erfüllung abspricht. Ein Unterschied zeigt sich bestenfalls bei der Erfüllung, die jedoch eine von der Verpflichtung unabhängige Handlung ist.(8) Man kann allerdings ein Versprechen auch halten, obwohl man das eigentlich gar nicht wollte, und man kann es nicht halten, selbst wenn man es mit bestem Wissen und Gewissen gegeben hat.

Im rechtlich relevanten Bereich ändert die vorhandene oder nicht vorhandene Intention nichts am Vorliegen einer verbindlichen “Willenserklärung”. Paragraph 116 BGB: [Geheimer Vorbehalt] stipuliert: "Eine Willenserklärung ist nicht deshalb nichtig, weil sich der Erklärende insgeheim vorbehält, das Erklärte nicht zu wollen." Bis in die jüngste Zeit tut sich die Sprechakttheorie schwer, ihren Gegenstand aus dem “Empfängerhorizont”, wie die Rechtstheorie sagt, zu betrachten. Nach Hupet ist es lediglich "en quelque sorte" [?!] der Hörer, der den Sprechakt identifiziert (Hupet 1993: 155).(9)

3. Im Zusammenspiel mit der Rechtstheorie oder allgemeiner mit einer soziologischen Theorie des Normativen könnte die Sprechakttheorie fruchtbare Ergebnisse zeitigen.(10) Sie müßte allerdings die “Schriftlichkeit” ihres Gegenstandes erkennen. Hier liegt der Hauptdissens zwischen Searle und Derrida, denn Searle betont: "Derrida's argument to show that all elements of language [...] are really graphemes is without any force" (Searle 1977: 201). Der Streit geht um das anhand des “klassischen” Fortdauer und Abwesentheit thematisierenden Schriftbegriffs entwickelte Konzept der “restance-non-présente”, die Derrida zufolge eine Bedingung der Möglichkeit schriftlichen wie mündlichen Zeichengebrauchs ist (cf. Derrida 1972: 378). Derridas Argument besteht darin, daß auch das Gesprochene nur als Sprachliches begriffen werden kann, wenn es als Realisierung eines bestimmten types verstanden wird. Die type/token Relation ermöglich aber die Wiederholung des Gesprochenen außerhalb seines Produktionskontextes (Zitieren). Im Zitieren ist das Zeichen nun von seiner eben durch den Produktionskontext determinierten Bedeutung sowie von einer seiner Produktion zugrundeliegenden Intention befreit (cf. ibd.).

Soweit stimmt Searle Derrida auch zu, nur sieht er nicht das speziell Schriftliche daran. Genuin schriftlich sei allein die Tatsache, das ein geschriebenes token als token überdauere, was ein gesprochenes aus materiellen Gründen nicht tue (cf. Searle 1977: 200-201). Searle mißversteht Derridas Iterabilitätsbegriff als schlichte Möglichkeit, ein token einem unveränderlichen, Produzent wie Rezipient gleich “präsenten” type zuzuordnen, bzw. - die “Präsenz” des unveränderlichen Kodes garantiere dies - es identisch zu wiederholen (cf. ibd.: 207). Deshalb versteht er auch nicht, warum Derridas restance-non-présente sich gleichermaßen auf Gesprochenes und Geschriebenes bezieht. Nach Derrida können die types und ihr System, der Kode, weder als unveränderlich, noch als präsent gedacht werden. Der type ist nichts anderes als ein Kette von tokens, deren Produktion in immer neuen Kontexten an die jeweils vorausgehende anknüpft. Im Begriff der Iterabilität klingen deshalb sowohl lateinisch iterum “noch einmal”, als auch sanskrit itara “anders” an (cf. Derrida 1972: 375). Nur so sind Bedeutungswandel und im allgemeinen Sprachwandel zu erklären. Beim Hören einer gesprochenen Äußerung wird diese genauso wie beim Lesen eines Textes in einen neuen Kontext gestellt: nur das dies beim Lesen produktionsferner geschehen, die Verzeitlichung größer sein kann.(11) Die Kontextlöslichkeit auch des Gesprochenen ermöglicht aber auch erst den kontinuierlichen Übergang von der Mündlichkeit zur konzeptionellen Schriftlichkeit, den Koch Oesterreicher, wie zitiert, für anthropologisch begründet halten.

4. Auf der Grundlage der Iterabilität des Zeichens stellt Derrida eine Typologie der Modi der sprachlichen Tätigkeit (Iteration) und ihrer Produkte, der Modi der restance-non-présente in Aussicht, die er selbst allerdings nicht weiter präzisiert.

Eine solche Typologie könnte im Sinne des konzeptionellen Mündlichkeits/Schriftlichkeits-Kontinuum verschiedene Schriftlichkeitsgrade abgrenzen. Gewissermaßen VOR einem solchen Kontinuum liegt allerdings, so meine These, die Unterscheidung zwischen einem “genologischen” und einem “grammologischen” Typ der Iteration. Ich werde dies kurz erläutern:(13) Die “genologische” Iteration charakterisiert das Sprechen im Kreis des Genos, den die von Husserl so genannte "Gemeinschaft des sich wechselseitig normalerweise voll verständlich Aussprechen-Könnens" (Husserl 1954: 369) bildet. In dieser Gemeinschaft geht die sprachliche Vertrautheit so weit, daß es auf das Wie des Sprechens gerade nicht ankommt. Wenn man also sprechen kann, “wie einem der Schnabel gewachsen ist”, ohne das dies auffällt, dann ist die Sprache gleichermaßen “durchsichtig”. Ihre Schriftlichkeit bleibt unerkannt. Außerhalb dieser Gemeinschaft muß man dagegen auf seine Sprache achten, soll das Gesagte vom Anderen akzeptiert werden. Wo die Vertrautheit fehlt, kann das Gesagte, obwohl vielleicht verständlich, leicht unangemessen wirken. Die Normen, die einem sagen, wie mit Fremden korrekt und angemessen zu sprechen ist, muß man erst erlernen und man erwirbt in ihnen nur eine prekäre Kompetenz.

Ein Sprechen, das sich im Sprechen selbst reflektiert, kann “grammologisch” genannt werden. Die Iteration ist hier nicht nur unmittelbar sach- und sinn-, sondern auch sprachorientiert. Die Kontextlöslichkeit des Zeichens, also seine “Schriftlichkeit”, wird intuitiv erkannt. Die volle Verständlichkeit des Genologischen ist aber nur “normalerweise” gegeben. Da jedes Zeichen im Derridaschen Sinne “schriftlich” und seine Rezeption verzeitlicht ist, kann auch bei Vertrautheit Verständlichkeit bisweilen fehlen. Es kommt zu Nachfragen, das Gesagte wird thematisiert und damit grammologisch betrachtet.

5. Mit diesen Gedanken können wir zu Koch/Oestereicher zurückkehren. Ihr Ansatz scheint insofern dem romantischen “phonozentrischen” Ideal der Sprachwissenschaft verpflichtet, als ihr Modell einen Zugang zu einem verloren geglaubten Bereich der Mündlichkeit suggeriert. Dies scheint dadurch möglich zu werden, daß der gesamte Bereich der Zeichenverwendung als “Kommunikation” erscheint, in der der Sprecher eine bestimmte Mitteilung “konzipiert”. Vom Begriff der “Konzeption” ist es nicht weit bis zum Intentionsbegriffs der Sprechakttheorie.

Für Searle ist Intentionalität in überlieferter schriftlicher Kommunikation in gleicher Weise präsent wie in mündlicher. Selbst wenn man sich nicht den Autor als einen Menschen denken würde, der, wie man selbst, Intentionen kodiere: "there is no getting away from intentionality because a meaningful sentences is just a standing possibility for the corresponding (intentional) speech act" (cf. Searle 1977: 201-202). Wenn somit die eigentlich vom Produktionskontext abhängige Intention nachträglich durch das Medium der Schrift zugänglich sein soll, so kann auch die mündliche “Konzeption” geschrieben überliefert werden. So suggerieren Koch/Oesterreicher durch den Begriff “konzeptionelle Mündlichkeit”,(14) man könne, und wenn auch noch so beschränkt und unvollkommen, etwa anhand von Aufzeichnungen gering gebildeter, mit den Normen der schriftlichen Konzeption nicht vertrauter Schreiber, in Texten festgehaltene vergangene “Mündlichkeit” rekonstruieren, welche der “normalerweise” im phonischen Medium realisierten Alltagssprache nahekomme.

Eine solche “Mündlichkeit” in Texten darf jedoch nicht mit genologischem Sprechen verwechselt werden. “Genologische Mündlichkeit” ist gerade nicht konzeptionell. Wenn sich Gesprächspartner aufgrund ihrer Vertrautheit voll verständlich aussprechen, “konzipieren” sie dieses Sprechen nicht. Aus diesem Grund konzipiert auch ein gering gebildeter Schreiber seinen Text nicht “mündlich”, sondern es fehlen ihm eben die Mittel, ihn NORMGERECHT “schriftlich” zu konzipieren. Nichtsdestoweniger bleibt ein solcher Text notwendig grammologisch produziert. Er besitzt einen geringen Grad von Schriftlichkeit, der ein eigener Modus der Iteration ist und mit dem genologischen Modus nicht zusammenfällt. Vor dem Kontinuum verschiedenen Schriftlichkeitsgrade bildet der Übergang vom Genologischen zum Grammologischen eine Schwelle, die zwar jederzeit in Richtung auf das Grammologische überschritten, hinter die aber nicht wieder zurückgegangen werden kann.(15)

Es gibt natürlich auch “konzeptionelle Mündlichkeit”: insofern nämlich, als grammologisch Mündlichkeit imitiert werden kann. Man kann einen Bühnen- oder Romandialog schreiben, einen Dialekt, der nicht der eigene ist, nachahmen oder sich für einen Werbespruch oder einen polemischen Text besonders emotionale intensivierende, drastisch figürliche Ausdrücke überlegen. “Expressive Mündlichkeit” sehen Koch/Oesterreicher als Ursprung von Sprachschöpfungen an, die in die Gemeinsprache Eingang gefunden haben, z.B. französisch beaucoup "viel", wörtlich aber "schöner Schlag", oder Kopf, das erst "Trinkgefäß" bedeutete, dann für Haupt in der heutigen Bedeutung verwendet wurde (cf. Koch/Oesterreicher 1996: 77-79). Die “synchronen” Beispiele solcher Expressiva, die Koch/Oesterreicher in Tonband- und Videotranskriptionen ausmachen (cf. ibd.: 69-72), scheinen jedoch kaum zu erhärten, daß diese notwendig als ad-hoc Bildungen in einer durch starke emotionale Beteiligung geprägten Sprechsituation entstehen. Den von Günter Wallraf in einer hitzigen Fernsehsituation gebrauchten Ausdruck Menschenschrott könnte sich der erfahrene Redner auch zuhause am Schreibtisch zurechtgelegt haben. Die französischen Beispiele caillou "schlechter Schwimmer" und regarder le bleu du ciel "faulenzen" fielen vielleicht auch einem Romanautor ein und ein Stammtischspruch wie Pompidou c'est Pompidou liegt nicht unter dem Niveau der gegenwärtigen politischen Werbung.

Wenn diese Ausdrücke also genologisch wie grammologisch gebildet werden könnten, so wäre doch ihre Sprachwandel bedingende Verbreitung notwendig grammologisch. Ihre Verbreitung beruht ja darauf, daß sie als AUSDRÜCKE AUFFALLEN, unabhängig von den kommunikativen Interessen, in deren Kontext sie entstanden sind. Wenn sie iteriert werden, so gerade grammologisch als besondere Ausdrücke, die mit der Zeit vielleicht wie beaucoup und Kopf ihre Besonderheit verlieren und auf ihre Bedeutung hin “durchsichtig” werden, so daß wir vermuten können, daß sie auch genologisch gebraucht werden. Der um seiner selbst willen aus dem Kontext seiner Produktion herausgelöste Ausdruck zeigt seine Schriftlichkeit. Seine Rezeption ist gerade nicht innerhalb eines Kommunikationsmodells zu erklären, da es hier nicht um eine "Differenz von Information und Mitteilung" im Sinne Luhmanns geht (cf. Luhmann 1987: 209), sondern die Mitteilung, als Möglichkeit zu einem neuartigen Sprachgebrauch, gleichsam die Information ist.

Die Schriftlichkeit des Zeichens ermöglicht, es losgelöst von seinem Produzenten außerhalb einer Kommunikationssituation zu betrachten. Mein Anrufbeantworter, der mir zu jeder Nachricht Datum und Zeit sagt, kommuniziert nicht mit mir und ebensowenig tut es der Autor eines Gedichtes, das ich lese, wenn ich mich nicht frage, was mir der Autor sagen will, sondern was der Text auch ohne und gegen alle Mitteilungsabsicht (mir) bedeutet. Einmal aus der Enge des Kommunikationsbegriffs und des Strebens nach genuiner Mündlichkeit befreit, wird erst der Beitrag deutlich, den Koch/Oesterreichers Theorie gradueller Schriftlichkeit für die Überwindung einer “phonozentrischen” Linguistik leisten kann.


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Anmerkungen:

1. In der 1977 erschienenen englischen Übersetzung sind es knapp 100 Seiten.

2. Die Interpretation ist problemlos "to the extent that the auther says what he means" (Searle 1977: 202).

3. "Derrida has a distressing penchant for saying things that are obviously false" (ibd.).

4. Oder Gesellschaften mit beschränkter Haftung (Limited Inc.).

5. Andere haben darauf ebenfalls verzichtet. Jonathan Culler nimmt Searles "ungeheuerliches Mißverständnis" lediglich zum Anlaß, zu Derridas Austin-Lektüre zurückzukehren, "etwas langsamer als Derrida vorzugehen und Austins Vorhaben und Derridas Verstellungen [sic] dazu detaillierter darzustellen" (Culler [1982] 1988: 125). Manfred Frank, der sich bemüht, Searles Argumente so stark zu machen, wie es geht, will seine Leser nicht "mit allerlei Späßen, die Derrida gegen Searle sich erlaubt" aufhalten: "einige sind sehr lustig, andere ein
bißchen fade" (cf. Frank 1983: 506).

6. Lyons weist darauf hin, daß die Sprechakttheorie zwar auch das Gestische berücksichtigt, jedoch grundsätzlich "das Prinzip der Priorität des phonischen Mediums" akzeptiere (cf. Lyons [1977] 1983 II: 331). Die Analyse von Gestik und Sprechen setzt zumal bei der Kopräsenz der Kommunikationspartner an.

7. Die Durchlässigkeit des Mediums für sprachliche Konstruktionen, die entweder im Geschrieben als “umgangssprachlich” oder im Gesprochenen als “papieren” auffallen, ist von einer Vielzahl von Linguisten erkannt worden (cf. Lyons 1980 I: 83; weitere Hinweise bei Koch/Oesterreicher 1985: 17). Von den terminologischen Unterscheidungen von Ludwig Söll ausgehend haben Koch/Oesterreicher seit 1985 eine einflußreiche Theorie konzeptioneller, d.h. vom Medium unabhängiger, Mündlichkeit und Schriftlichkeit erarbeitet (cf. zuletzt Koch/Oesterreicher 1994).

8. Deshalb unterscheidet das deutsche Zivilrecht zwischen Verpflichtungsgeschäft, bei dem ein Anspruch etwa auf Übergabe und Übereignung einer Sache entsteht und Erfüllungsgeschäft, bei dem die Sache übergeben und der Empfänger Eigentümer wird.

9. Anders die soziologische Systemtheorie: Niklas Luhmann stellt bei seiner Erörterungen der Begriffe “Kommunikation” und “Handlung” eingangs fest, daß die im Kommunikationsbegriff anklingende Übertragungsmetapher dazu "verführt, sich vorzustellen, daß die übertragende Information für Absender und Empfänger dieselbe sei" (Luhmann 1987: 194). Dies dürfe jedoch nicht so verstanden werden, daß "diese Selbigkeit [...] schon durch die inhaltliche Qualität der Information", d.h. a priori aus der Sicht des Senders garantiert werde. Sie entstehe vielmehr erst im Kommunikationsprozeß (cf. ibd.). Information als Bedingung von Kommunikation sei "eine Selektion aus einem (bekannten oder unbekannten) Repertoire von Möglichkeiten". Um “kommuniziert” zu werden, muß die Information durch absichtliches oder unabsichtliches Handeln mitgeteilt werden, wobei es auf die "Unterscheidung der Information von ihrer Mitteilung" ankommt. Deshalb nennt Luhmann "den Adressaten Ego und den Mitteilenden Alter" (cf. ibd.: 195), nimmt also konsequent die Perspektive des Empfängerhorizontes ein.

10. So bemerkt Derrida: "Je pense que la théorie des speech acts est, en son fond et pour ce qui est le plus fécond, le plus rigoureux, le plus intéressant [...] une théorie du droit, de la convention, de la morale politique, de la politique comme morale" (Derrida 1991: 180).

11. Diese Gedanken Derridas liegen nicht allzu fern von den Einwänden Coserius gegen den “statischen” Strukturalismus. Die synchrone systematische Beschreibung könne als Abstraktion weder dem Wandel der Sprache in concreto gerecht werden, noch der Abwesenheit von Wandel - sprachlicher Kontinuität (cf. Coseriu 31978: 25). Die konkrete Sprache “bleibt” überhaupt nicht als ein identisches System, denn "cuando un “estado de lengua” resulta prácticamente idéntico a un estado anterior, ello no significa que este estado permanece, sino sólo que se reconstruye con suficiente fidelidad por el hablar. [...] Como decía Platón [Cratylos, 378b-388d], el hablar es acto () que utiliza palabras puestas a su disposición por el “uso” (μ). Y hay que agregar que el acto manifiesta concretamente el μ y, al manifestarlo, lo supera y lo modifica (ibd.: 31-32).

13. Siehe auch bereits Kailuweit 1996; Kailuweit 1997: Kapitel 1.

14. Nach den Buch- und Aufsaztiteln scheint gerade dem “konzeptionell Mündlichen” das Hauptaugenmerk zu gelten: Gesprochene Sprache in der Romania (1990); "El español escrito en textos de semicultos. Competencia escrita de impronta oral en la historiografía indiana" (Oesterreicher 1994); "Sprachwandel und espressive Mündlichkeit" (1996).

15. Diese Schwelle zeigt sich auch darin, daß man keine unhinterfragbare “muttersprachliche”, ich sage lieber genolektale, Kompetenz in einer Sprache erlernt, die nicht diejenige der Genolektgemeinschaft ist, in der man als Kind sprechen gelernt habe.


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