Von Frauen, Cyborgs und anderen Technologien des Selbst [1]Sylvia Pritsch Auch
wenn weiterhin unklar ist, wie überhaupt noch von Figuren wie "Frauen"
oder "Selbste" gesprochen werden kann, so treten sie doch allenthalben als
diskursive Selbstbezüge auf. In der feministischen Diskussion ist das
weibliche Subjekt bzw. das Subjekt des Feminismus weiterhin ein umkämpftes
Gebiet. Angesichts der bekannten double-bind-Situation - nämlich immer
schon im Rahmen einer patriarchalen Ordnung vergeschlechtlicht zu sein, in der
jegliche Repräsentation des Weiblichen den Subjektstatus ausschließt
- gab es von feministischer Seite vielfältige Versuche, andere
Repräsentationsformen zu finden, die diese Ordnung unterlaufen und
verändern sollten. Daraus entsteht die Frage nach dem Wie, nach den
Mitteln, mit denen andere Repräsentationen verfügbar gemacht werden
können. Eine beliebte Strategie ist der Entwurf metaphorischer
Selbstbilder auf der Grundlage kultureller Symbole, die angeeignet oder
umgewertet werden: Hexen, Amazonen und Göttinen waren einige zentrale
Gegenbilder, die dazu beitragen sollten, traditionelle Denkstrukturen der
Geschlechterhierarchie zu überschreiten. Gleichzeitig imaginärer
Identifikationspunkt und Sammlungspunkt sozialer Bewegung wirkten diese Bilder
nach innen identitätsstiftend,
[2]
nach außen abgrenzend. Auf diese Weise verfestigten sie jedoch auch eine
Form sexualisierter Identität, die dann Gegenstand der Dekonstruktion wurde.
Mit
der Dekonstruktion traditioneller Subjektivitätsformen schienen die
Möglichkeiten neuer Figurierungen zu schwinden, verstärkt auch
dadurch, daß sich zeitweilig das Interesse von dem "patriarchal
Symbolischen" ab- und einem "weiblichen Imaginären" zuwandte. Dabei hatten
längst neue Figuren die Szene betreten. Eine der interessantesten ist die
Figur des Cyborgs. Cyborgs, prothetische Wesen und Hybride erfreuen sich auch
im feministischen Kontext ab Ende der 80er Jahre zunehmender Beliebtheit, vor
allem im US-amerikanischen Kontext. Was mit diesen Figuren ins Spiel kommt, das
sind nicht mehr Aspekte - weiblicher - Natur und Wesenhaftigkeit, sondern
Technik und Konstruktion, die im Zeitalter der Hochtechnologien auf
unterschiedliche Weise phantasmatisch besetzt werden.
Dekonstruktive
Strategien und die Ausbreitung neuer Technologien attackieren beide auf ihre
Weise den Gegensatz von Natur und Kultur. Eine solche Erschütterung der
Grenzen ruft eine tiefgreifende Unsicherheit hervor:"Melodramen der unsicheren
Handlungsmöglichkeit" und Angst vor "Persönlichkeitsschwund" sind
Symptome, die bereits für die Jahrhundertwende konstatiert wurden.
[3]
So stehen auch in postmodernen Zeiten dekonstruktive wie technische Verfahren
im Verdacht, nicht nur die idealisierte Form des cartesianischen Subjekts
aufzudecken, sondern darüberhinaus jede Form von Subjektivität derart
in seine Bestandteile zu zerlegen, daß jegliche Autonomie und
Handlungsfähigkeit verloren geht. Mit der Auflösung der klaren
Konturen des Subjekt werden so Brüche zwischen Bewußtsein,
Körper, Handlungsfähigkeit thematisiert. In die Lücken, die
durch die Dissoziation des Subjekts offenbar werden, springt, so die Leitidee
dieses Textes, "die Technik" ein. Dies ist kein neues Phänomen, sprach
doch Freud schon von einer Selbstermächtigung des menschlichen Subjekts
als "Prothesengott". Doch nicht um diese kulturpessimistischen Version von
Naturunterwerfung und Entfremdung soll es im folgenden gehen. Ich möchte
vielmehr den Blick darauf wenden, wie Bilder des Technischen/technisierte
Bilder im Dienste der Selbstbezeichnung verwendet werden. Ihnen wird die
Fähigkeit zugesprochen, Verbindungen, die sowohl innerhalb als auch
zwischen den Subjekten brüchig erscheinen, auf eine neue Weise zu
knüpfen. Technik als Repräsentation wird zur Selbsttechnologie,
welches ein prothetisches, relationales Subjekt hervorbringt. Damit finden
Verschiebungen der Grenzen zwischen Imaignärem und Symbolischen statt,
welche die Grenzen sexueller Differenz verstärkt in den Blickpunkt
rücken.
Der
Ausgangspunkt dieses Textes ist der Begriff der "Technologie des Selbst", wie
Foucault ihn entworfen hat. Die unterschiedlichen Facetten des technisierten
Subjekts sollen im folgenden gegeneinandergestellt werden: das "unterworfene"
Subjekt, das selbst-gestaltete Subjekt und das noch zu gestaltende "Selbst der
Praktiken". Im Anschluß daran möchte ich die Verschiebung im
feministischen Kontext zum "vergeschlechtlichten Subjekt" und dem
"feministischen Selbst", ausgehend von Teresa de Lauretis, kurz umreissen. Im
letzten Teil geht es um Donna Haraways Mythos, um feministische Cyborgs und
Hybride und ihren Konsequenzen. Ich möchte damit einige Imaginationsweisen
des Selbst und diskursive Praktiken, die auf eine Erweiterung des Symbolsichen
zielen, vorstellen unter der Frage: Inwieweit trägt das Konzept der
Selbsttechnologie dazu bei, die Hierachie sexueller Differenz zu resignifizieren?
1. Das unterworfene Subjekt und das Selbst der PraktikenIch
möchte zunächst Foucaults Begriffe der Technologie in Einnerung
rufen. Foucault spricht von Technologien in mehrfacher Hinsicht: Den drei
Achsen der modernen Episteme - Leben, Arbeit, Sprache - entsprechen drei
Technologien: materielle, soziale, diskursive.
In
Überwachen
und Strafen
ist die Technologie an den Begriff der Disziplinarmacht geknüpft. Diese
strategische Form der Macht wird als eine spezifische Herrschaftstechnologie
entworfen, die auf einer Mikroebene zwischen komplexen staatlichen
Funktionseinheiten und dem Einzelnen angesiedelt ist.
[4]
Unter dem wachsamen Blick des Panopticons - die zentrale Gestalt dieser
allgegenwärtigen, politisch-physikalischen Technologie, die nicht den
Gesetzen eines Souveräns, sondern denen der Optik, Mechanik und Geometrie,
der Beobachtung und Anwendung folgt - werden die Objekte des Wissens und der
Macht produziert: überwachte, separierte und hierarchisch eingeordnete
"Disziplinarindividuen", die beliebig in die (ökonomischen)
Produktionsapparate einsetzbar erscheinen, da sie vollständig in das Netz
der Macht verwoben sind. "Wir sind", schreibt Foucault, "eingeschlossen in das
Räderwerk der panoptischen Maschine, das wir selber in Gang halten - jeder
ein Rädchen."
[5]
In diesem quasi -mechanistischen Modell von Gesellschaft und ihrem
ökonomischen Kalkül findet sich das Subjekt unterworfen von einer
doppelten Bewegung der Individualisierung und Totalisierung: zugleich
abgesondert und beliebig kombinierbar; als Einzelnes verortet und in der Norm
verallgemeinert. Durch den ihm zugewiesenen Raum konstituiert, ist diesem
Subjekt keine widerständige Begwegung möglich.
In
denTexten um
Sexualität
und Wahrheit
hat Foucault bekanntermaßen dieses eindimensionale Modell modifiziert. In
Der
Wille zum Wissen
,
wird der zuvor als Maschine gegenständlich verbildlichte
Macht/Wissenskomplex nun strukturell als "Dispositiv" thematisiert. Damit wird
nun der produktive und heterogene Charakter der Macht vor dem selektiven,
uniformen Mechanismus betont. Der Begriff der Maschine ist hier dem Modell des
mechanisierten Körpers vorbehalten.
[6]
Mit dem Dispositiv, das sich um Sexualität eingerichtet hat, betritt nach
dem diziplinierten Subjekt nun das sexualisierte Subjekt die Szene. Diskursive
Techniken lokalisieren ein verborgenes Geheimnis im Körperinneren, sie
verankern die "Wahrheit" des modernen Subjekts, das Begehren, "im Fleisch".
Sex
als
"einziger Signifikant und universales Signifikat" sichert als "imaginären
Punkt" Identität und Selbsterkenntnis, indem es diverse anatomische und
biologische Elemente, Verhaltensweisen, Empfindungen und Lüsten zu einer
fiktiven Einheit formiert.
[7]
Selbstechniken, die Foucault in den Folgetexten von anderen
Herrschaftstechniken abgrenzt, sind demnach spezielle Machttechniken, die das
Subjekt als Verstehens- und Verfügungsformen über sich selber
schafft, etwa in Form von "Bewußtsein und Selbsterkenntnis seiner eigenen
Identität".
[8] Foucaults
Interesse richtet sich hier auf eine spezielle Form der Selbsttechniken, denen
er zwar keine Machtfreiheit, aber eine größere Freiheit in Bezug auf
die Gestaltung zuspricht. Es sind dies ästhetisch und ethisch
verfaßte "Künste der Existenz". In
Der Gebrauch der Lüste
heißt es dazu:
"Darunter
sind gewußte und gewollte Praktiken zu verstehen, mit denen sich die
Menschen nicht nur die Regeln ihres Verhaltens festlegen, sondern sich selber
zu transformieren, sich in ihrem besonderen Sein zu modifizieren und aus ihrem
Leben ein Werk zu machen suchen, das gewisse ästhetische Werte trägt
und gewissen Stilkritererien entspricht." (s+w2:18)
Diese
Praktiken, die sich bei Foucault nach antikem Vorbild um die "Lüste"
organisieren, scheinen potentiell dazu fähig zu sein, das abgeschlossene
Innere des Körpersubjekts zu öffnen. Sie zielen auf eine
Überschreitung der Trennung zwischen Bewußtsein und Begehren als
abgezirkelte Orte der Souveränität und der Wahrheit, indem sie den
Anderen in einem Prozeß wechselseitiger Transformation zur unabdingbaren
Voraussetzung der Selbstgestaltung machen.
[9]
Der Begriff der Stilisierung ließe sich, wie Kirsten Hebel es
vorgeschlagen hat, als eine ästhetische Formgebung lesen, die im Rahmen
lokaler Vorgaben an die Stelle der universalen Norm tritt. Demnach geht es
gerade nicht um die Verwirklichung eines präexistenten Selbst unter dem
Regime einer normativen, womöglich am Ideal der Herrschaftsfreiheit
orientierten Ethik, wie Foucaults "Ästhetik der Existenz" auch rezipiert
wurde. Sondern es handelt sich um eine Form Selbst-konstituierender Macht,
einer "Selbstherrschaft", die sich nicht gegen Macht- oder
Wahrheitsansprüche als solche abgrenzt, sondern sich gegen eine normative
und codierte Wahrheit (des Subjekts) wendet..
[10]
Damit werden auch die Selbstpraktiken als Techniken lesbar, die wie die
Disziplinartechniken einen subjektkonstituierenden Raum bereitstellen - dabei
allerdings keine blinde Innen/Außen- bzw. Subjekt/Objekt-Schablone
vorgeben, sondern auf die Möglichkeit von Kritik und erfinderischen
Selbstbezügen im Sinne einer kritischen Autoformation verweisen.
Diskurstheoretisch
betrachtet, erscheinen die Selbstpraktiken der Existenzkünste in den
Texten Focuaults als Verweise, als projizierte Möglichkeit und Suche einer
Ästhetik der Differenz und dmait Teil der Diskurspraktiken. Techniken oder
Praktiken erscheinen in den Texten Foucaults als eher unscharfe Rand- oder
sogar Überscheitungsfiguren. Zum einen sind sie Teil der Diskurse, ihre
kleinsten und konkretesten Agenten bzw. Produzenten von Macht. Zum anderen
bilden sie eine Art Gegenstück, die diese Diskurse zu öffnen in der
Lage sind, etwa als Schweigen gegenüber der Sprache; als literarisches
Sprechen gegenüber metaphysischem Diskurs, oder eben als Selbstbezug
gegenüber normierender Subjektivation. Sie könnten mit den
Widerstandspunkten im "Kern der Machtverhältnisse" in Verbindung gebracht
werden,
[11]
die jedoch als solche ungenannt bleiben. Die Rede von Techniken/Praktiken hat
deshalb auch die Funktion, wie Petra Gehring formuliert, den Raum eines
"prozeßhaften Außen" einzurichten, letzlich "die pure
Möglichkeit, 'anders denken' zu können".
[12].
Eine solche Schweigetaktik steht zum einen im Dienste des Abbruchs von
Wissensformierung und der Lockerung des Zugriffs der Macht durch das Schaffen
"dunkler Spielräume".
[13]
Andererseits fordert noch sie eine Vervielfältigung von Wissen heraus,
ruft sie doch selbst das Begehren hervor, das noch Ungedachte zu artikulieren.
Dies wäre allerdings eine andere Praktik, wie Foucault zu verstehen gibt,
nämlich eine, die mit der Transformation des Denkens, des
Verhältnisses zur Wahrheit, auch die Transformation des Selbst, der
Verhaltensweisen, praktizierte. Philosophie in diesem Sinne wäre geleitet
von Wißbegierde und netzförmigen Praktiken, die nicht nur die
Dichotomie von Subjekt und Objekt, sondern auch von Theorie und Praxis
unterliefen.
[14] Wendet
man den Blick nochmal aus dieser Perspektive auf die Ästhetik der Existenz
und ihrem Vorbild, das Foucault in den Praktiken der Antike, situiert
zurück, dann erscheinen "die Griechen" weniger als Vorbild, denn als ein
Wissen um ein Anderswo. Sie stellen eben jene Andere dar, welche die Formgebung
des Selbst ermöglichen, und zwar für die sozialen Bewegungen der
Gegenwart, die Foucault mehrfach anspricht. Deren Hauptimpuls - die Rede ist
von Bewegungen sozialer Opposition der 70er/80er Jahre - sei der Widerstand
gegen die Individualisierungs- und Normalisierungsmacht, die um die Kernfrage
"wer sind wir" kreisen.
[15].
Diese Verkettung von kritischer Philosophie und sozialem Engagement in der
Frage der Subjektgestaltung machte Foucault auch für feministische Kritik
attraktiv.
[16] Zusammengefaßt
treten Technologien, Techniken bzw. Praktiken in folgenden Konstellationen in
Foucaults Diskurs-Welten auf: Auf der Ebene der Macht sind Technologien als
allgegenwärtige Herrschaftstechniken konzipiert, welche die moderne
Gesellschaft in ihrer instrumentellen Verwertungslogik prägt - die ganze
Gesellschaft wie einzelne Bereiche sind als diskursiv-materielle "Maschinen"
organisiert. Auf der Ebene des Subjekts sind Techniken oder Praktiken eine Art
Vermittlungsinstanz zwischen den Einzelnen und diesen größeren
Machtkonfigurationen, die konstitutiv verbunden sind mit der Herstellung von
Wahrheit. Sie sind immer produktiv, indem sie die Möglichkeitsbedingungen
schaffen, unter denen Subjektivität zur Existenz kommt, sie richten also
ein Dispositiv der Existenz ein. Normative Techniken der Diziplin organisieren
Identität und Differenz in der Form des separierten und gespaltenen,
sexualisierten und bewußten Individualsubjekts. Dagegen grenzt Foucault
ethisch-ästhetische Praktiken ab, die schöpferische Selbstbeziehungen
gestalten. Auf der Diskursebene setzen Praktiken Schweigetaktiken oder
Diskursivierungen in Gang, sie öffnen oder fixieren den Diskurs. Praktiken
des Wissens können Verbindungen herstellen, welche die
Separierungstendenzen unterlaufen und Vielfältigkeit produzieren, die sich
damit gegen Normalisierungen und Totalitarismen wenden - oder aber das
Gegenteil bewirken. Indem sie den Spielraum des Denkbaren erweitern oder
begrenzen stellen sie die Möglichkeitsbedingungen für
Transformationen dar, für ein anderes, noch zu entwerfendes Selbst. So
läßt sich eine Doppelstrategie ausmachen, die gegen
Individualisierung und Separierung auf die Herstellung von Verbindungen, gegen
Normalisierungbestrebungen auf Schweigen oder die Vervielfältigung von
Bedeutung setzt.
2. Das vergeschlechtlichte Subjekt und das feministische SelbstIm
feministischen Kontext treten die drei beschriebenen Konfigurationen - das
unterworfene Subjekt, das sich selbst-gestaltende und das noch zu entwerfende
Selbst - ebenfalls auf. Im Bezug auf Foucault lassen sich einige Unterschiede
beobachten, die ich am Ansatz der Film- und Kulturwissenschaftlerin Teresa de
Lauretis nun skizzieren werde.
De
Lauretis prägte in Analogie zur "Technologie des Sexes" den Begriff der
"Technologie des Geschlechts” (t
echnology
of Gender
),
um den vielschichtig konstruierten wie produktiven Charakter der
Vergeschlechtlichung zu betonen. Als Repräsentation wie
Selbstrepräsentation ist Gender hier sowohl Produkt diverser sozialer
Technologien, als auch selbst produktiv. Damit bezieht sie sich einerseits auf
die Gesamtheit sozialer Repräsentationsverfahren, die an der Konstruktion
von Gender über die Produktion von Gender-Normen beteiligt sind - dies
sind bei ihr in erster Linie Techniken der Kulturindustrie, umfaßt aber
auch Diskurse der Wissenschaft und des Alltags. Zum anderen versteht sie Gender
selbst als eine sozio-kulturelle Technologie: Gender-Repräsentationen
fungieren als Klassifikationssystem, das hierarchisch angeordnete, soziale
Positionen zuweist, die von den Individuen über die
Selbstrepräsentation als männlich oder weiblich angeeignet werden.
[17]
Der Begriff der Technologie erhält hier eine etwas andere Wendung:
Ausgangspunkt und Modell der Subjektivierung ist der filmische Apparat mit
seiner konkreten Repräsentationstechnologie - also nicht die
naturwissenschaftlich rationalisierte Technik bzw. die Verwissenschaftlichung
"des Menschen" mithilfe seiner Apparate im allgemeinen. Mit dem Wechsel vom
Panopticon zum Filmapparat kommt der individuelle Prozeß der
Subjektkonstituierung mittels Repräsentations- und
Visualisierungsverfahren aus einer anderen Warte in den Blick. De Lauretis
bedient sich zur Erklärung dieses Prozesses des psychoanalytischen
Konzepts der Identifizierung mit dem Ideal-Ich, der
Imago
als imaginäre Spiegelbeziehung, welches sie als Modell des sozialen
Subjekts konzipiert.
[18]
Die so bestimmten "Subjekte der Phantasie" zeigen die Verbindungstelle zwischen
imaginären Selbstbeziehungen des Individuums und dem gesellschaftlich
Symbolischen auf, so daß sich sowohl die Bedeutung imaginärer
Prozesse für die Selbstkonstituierung als auch deren soziale
Verfaßtheit thematisieren lassen. In der Filmtheorie konnte gezeigt
werden, daß Subjektivität auf konstitutive Weise mit bildlichen
Darstellungen von Ganzheit und körperlicher Kohärenz verknüpft
ist, die immer geschlechtlich codiert sind. Umgekehrt weist der Prozeß
der Vergeschlechtlichung auf eine sozio-symbolische Ordnung zurück, die
sich in Hinblick auf die sexuelle Differenz als grundlegend asymmetrisch
strukturiert zeigt. Auch wenn unterschiedliche Modelle kursieren,
wie
dominante Geschlechterrepräsentationen auf individiueller Ebene wirksam
werden, so herrscht doch Einigkeit darüber,
daß
kulturelle Selbst-Bilder und individuelle Identitätsbildung über
Prozesse der Identifizierung aneinander gekoppelt sind.
[19]
Die Umformung der kulturell geprägten Imago über die Neugestaltung
von Selbstbildern bietet sich aus dieser Perspektive als ein Ansatzpunkt der
Veränderung an. Dafür ist jedoch eine strategische Erweiterung des
Symbolischen notwendig, so daß nun repräsentierbar wird, was zuvor
als Nicht-Symbolisierbares ausgeschlossen war (sei es als Imaginäres oder
Reales). In diesem Kontext ist es also notwendig, einerseits bestehende
Repräsentationen in ihren Grundlagen zu dekonstruieren - dies
schließt ein, daß auch Identität als Konstruktionsleistung
ausgestellt wird, die über Identifizierungen vonstatten geht. Andererseits
gilt es, Selbstrepräsentationen mit der symbolischer Macht zu versehen, zu
signifizieren.
Zur
Situierung von "widerständigen" Prozessen der De- und Refigurierung nimmt
de Lauretis, im Unterschied zu Foucault, ein Anderswo in Anspruch, das sie in
den Rissen der dominanten Diskurse lokalisiert. Durch deren Ausschlüsse
bilde sich ein Raum, den de Lauretis mit einem Begriff aus der Filmtheorie als
space
off
bezeichnet:
"Der
Raum, der innerhalb des Einzelbilds nicht sichtbar ist, aber aus dem ableitbar
ist, was das Bild zeigt".
[20]
Dort identifiziert sie feministische, ebenfalls produktive
"Gegenpraktiken”:
"Die
Bewegung mit und gegen die ideologische Repräsentation des Geschlechts,
von der ich behaupte, daß sie das Subjekt des Feminismus charakterisiert,
ist eine Bewegung vorwärts und rückwärts zwischen der
Repräsentation des Geschlechts (in seinem männlich ausgerichteten
Begriffsrahmen) und dem, was diese Repräsentation ausläßt, oder
pointierter. was sie unrepräsentierbar macht. Es ist eine Bewegung
zwischen dem (repräsentierten) diskursiven Raum der Positionen, die der
hegemoniale Diskurs zugänglich macht, und dem
space-off,
dem Anderswo dieser Diskurse: Diese anderen Räume sind sowohl diskursiv
wie sozial." (de Lauretis 1996:89)
In
diesen anderen Räumen könnten andere soziale "Subjekte der Phantasie"
verfügbar und zur Identifikationsgrundlage lokaler Kollektive gemacht
werden.
In
der Subjektivierungs- und Machtkonzeption zeigen sich die Unterschiede zu
Foucault. Neben der binären Codierung des Subjekts auf Grundlage der
sexuellen Differenz selbst, beruht die Vergeschlechtlichung als Selbst- und
Fremdrepräsentation nicht einfach auf der Setzung eines "imaginären
Punktes", der irgendwie, d.h. zwangsläufig/unter wiederholtem Zwang,
internalisiert wird, sondern auf komplexen Identifizierungsprozessen. Um neben
den produktiven Machteffekten auch konstante Ausschließungseffekte
thematisieren zu können, ist es nützlich, Gender/sexueller Differenz
einen symbolischen Gesetzescharakter zuzusprechen.
[21]
Folgt man der Annahme einer solcherart verankerten Machtwirkung, dann erscheint
es umso gebotener, Widerstandsmöglichkeiten zu konzipieren, die gezielt
innerhalb des Symbolischen wirksam werden. Nicht um Schweigetaktiken oder
Strategien beliebiger Vervielfältigung möglicher Subjektivitäten
geht es hier, sondern um Gegen-Diskursivierungen, welche Gegenkulturen als
soziale Tatsachen schaffen.
Im
Verhältnis zu Diskurs und Subjekt erhält die (Film)Technik selbst
keinen eigenen Stellenwert. Als Repräsentationstechnik ist sie einerseits
ein Modell, um die Funktionsweise des Symbolischen aufzuzeigen, also eine Art
Materialisierung des Symbolischen, oder aber als Instrument der
Repräsentation thematisiert, derssen Inhalte und dessen
Verfügungsgewalt der Veränderung bedürfen. Inwieweit
Subjektivität oder das Symbolische insgesamt technisch-instrumentell
verfaßt seien, thematisiert de Lauretis nicht.
Schließlich
ergibt sich bei de Lauretis ein Paradox des eigentlich unmöglichen Bruchs
im Inneren: zwischen dem Alten, dem traditionell vergeschlechtlichten Subjekt,
und dem Neuen, imaginiert als "multiples" Subjekt auf der Grundlage von
differenten Identifizierungen, klafft eine Lücke. De Lauretis beschreibt
sie als konstitutives Paradox auf theoretischer wie praktischer Ebene, welches
die Spannung und den "Antrieb" feministischer Praktiken erzeuge. Aber diese
Lücke offenbart auch einen Widerspruch, der mit der Zusammenführung
von Gender und dem Foucaultschen Konzept entsteht: Gerade durch die Bestimmung
der sexuellen Differenz als Grundkategorie von Identität wie
"Gegenidentität" wird genau das, was Foucault als die Funktion des
imaginären Punktes "Sex" bestimmt, erneut bestätigt: Auch in der um
Geschlecht und andere Kategorien erweiterten Form bleibt es der "Kern" des
Subjekts wie Anreiz unersättlicher Diskursivierungen.
Ein
Modell, welches sexuelle Differenz thematisiert, sie aber nicht zum zentralen
Punkt der Identifizierung macht, soll nun betrachtet werden.
3. Feministische Cyborgs und HybrideDie
Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway entwarf mitte der 80er Jahre mit ihrem
"Manifest für Cyborgs" einen "ironischen politischen Mythos". Dieser
Mythos fand großen Anklang, und Cyborgs vermehrten sich in
unübersehbarer Anzahl nicht nur in Science Fiction, sondern auch in
theoretischen Texten, und natürlich in ihrem Biotop (Kybotop?), dem
Internet. Mit dieser Figur, die Allegorie gesellschaftlicher Wirklichkeiten,
politisches Programm und Mittel seiner Umsetzung in einem ist, wird das
Verhältnis von Subjektivität und Technologie auf eine neue Weise
thematisiert. Zunächst ein kurzer Blick auf die Genese:
Cyborgs
entstammen der militärischen Raumforschung der frühen 60er Jahre.
Kybernetischen Organismen sollte die Aufgabe zufallen, außerirdischen
Raum auszukundschaften, und zwar ohne daß sie durch ihre biologische
Verfaßtheit und eine Unmenge unhandlicher Apparaturen, wie
Raumanzügen u.ä., darin gehindert würden. Seine beiden Erzeuger
visierten so die Anpassung des irdischen Organismus an extraterrestrische
Bedingungen an. Als aktiver "Befreiungsschlag" in der evolutionären
Entwicklung sollte er die Menschheit von ihrem "Sklavenstatus" gegenüber
der Maschine erlösen.
[22]
Cyborg
bezeichnet hier die kybernetische Koppelung von Organismus und Maschinen, die
gleichermaßen als Ensembles von Informationseinheiten und Regelsystemen,
und auf dieser Grundlage kombinierbar, betrachtet werden.
Haraway
findet nun in dieser technisierten Verkörperung der Cyborgs genau
diejenigen Bedingungen wieder, die heute wirksam sind:
"Im
späten 20. Jahrhundert, in unserer Zeit, haben wir uns alle in
Chimären, theoretisiserte und fabrizierte Hybride aus Maschine und
Organismus verwandelt, kurz, wir sind Cyborgs."
schrieb
sie provokativ im "Manifest" (S.34) , und macht nicht nur auf geplante, sondern
auf bereits realisierte Koppelungen von organischen und maschinellen Elementen
aufmerksam, wie sie in Militär und Medizin, in Arbeits- und
Freizeitindustrien vorkommen. Mit Cyberspace, Herzschrittmachern sowie
transgenen Pflanzen und patentierten Mäusen ist Haraway zufolge das
Zeitalters der
Technoscience
angebrochen. Im Unterschied zu Foucault hat bei Haraway die Technisierung der
Gesellschaft in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts eine wirklich neue
Qualität angenommen: Die Folgen der Verschmelzung von Naturwissenschaft
und Technik unter spätkapitalistischen Bedingungen zeigten sich in der
"Implosion" aller relevanten Ordnungskategorien, wie Natur/Kultur,
Mensch/Tier/Maschine. Damit verändert sich fundamental, was als Subjekt,
Individuum oder Einheit gilt. Haraway konstatiert unter der Macht universaler
Codierung eine Verschärfung der Normierungen und gesellschaftlich
gültiger Körper. Darüberhinaus erscheinen neue Entitäten,
wie das Gen, der Mikrochip, der Cyborg, welche die Kategorien von Subjekt und
Objekt von Grund auf in Frage stellen.
[23].
Die Konsequenzen äußern sich in einer "schrankenlose Differenz", so
die apokalyptische Version, wo "jeder mögliche Widerstand gegen
instrumentelle Kontrolle verschwindet und in der jede Heterogenität der
Zerlegung und der Neukombination, der Investition und dem Tausch unterworfen
werden kann".
[24] Technologien,
konkretisiert als Kommunikations- und Bio-Technologien, thematisiert Haraway -
analog zu Foucault - als materiell, diskursiv und sozial bestimmte Gebilde.
Diese "semiotisch-materiellen Apparate" verknüpfen sich zu einem Netz, das
Bedeutungen und Lebensformen hervorbringt, wobei neben dem
Konstruktionsgedanken die materielle Kontextgebundenheit im Vordergrund steht.
Im Unterschied zu Foucault kann Haraway dieser Techno-Bio-Macht und ihren neuen
Verkörperungen auch positive Aspekte abgewinnen. Der Cyborg tritt als
materialisierteEinlösung der Foucaultschen Forderung nach Öffnung des
Diskurses und des normierenden Begriffs des Lebens auf, indem er
faktisch-praktisch Übergänge schafft zwischen einem Bereich des
Technisch-Künstlichen und dem des Natürlichen, in dem diese
Dichotomie ihre Differenzierungskraft verliert.
[25]
Diese Gestaltungsmacht von Welt, so Haraways Plädoyer, sollte nicht den
vergeistigten Männern in den Weiten des Weltraums vorbehalten bleiben,
sondern als Praktiken der Selbstgestaltung genutzt werden: "Die Cyborg ist eine
Art zerlegtes und neu zusammengesetztes, postmodernes kollektives und
individuelles Selbst. Es ist das Selbst, das Feministinnen kodieren
müssen." (Manifest, S.41).
Cyborg-Positionen,
wie sie im "Manifest" und in seiner Folge kreiert wurden, sind zwar nicht
einheitlich, weisen aber doch einige programmatische Grundmerkmale auf. Es
handelt sich um politische Positionen, die auf der Basis von bestimmten
Bedingungen konstruiert werden müssen: Zum einen beruhen sie, wie Haraway
schreibt, nicht auf freier Wahl: "We are constructed historically in places we
don´t choose. Nobody chose to be a cyborg".
[26]
Eben dies gilt es zum Ausgangspunkt für die Konstruktion eines
Standpunktes zu machen, der sowohl Machthierarchien von innen heraus
reflektiert, als auch ein mögliches Anderswo anvisiert. Ähnlich wie
de Lauretis hält die Cyborg-Standpunkttheorie an der Notwendigkeit eines
Standpunktes fest, der jedoch nicht vorausgesetzt, sondern erst konstruiert
werden muß. Bei aller Offenheit in Bezug auf traditionell
identitätsstiftende Merkmale wie Race/Class/Gender gibt Haraway
nichtsdestotrotz eine Vorgabe, nämlich die Position der vom Diskurs der
Technoscience marginalisierten.
[27]
Zum
anderen handelt es sich bei Cyborgs um bestimmte Verkörperungen, die ihren
Status als umkämpfte Grenzfiguren zwischen Organisch-Natürlichem und
Technisch-Kulturellem sichtbar machen. Im "Manifest" heißt es
programmatisch:
"Cyborgs
sind Geschöpfe in einer Post-Gender-Welt. Nichts verbindet sie mehr mit
Zweigeschlechtlichkeit, präödipaler Symbiose, nichtentfremdeter
Arbeit oder anderen Versuchungungen, organische Ganzheit durch die
endgültige Unterwerfung der Macht aller Teile unter ein höheres
Ganzes zu erreichen." (S.35).
Wo
das organische Kohärenzideal aufgehoben ist, da kann auch nicht mehr von
einer grundlegende Spaltung die Rede sein, geschweige denn von paradiesischen
oder "präödipal-unschuldigen" Zuständen. Stattdessen handelt es
sich bei Cyborg-Identitäten um den Effekt vielfältiger
Überlagerungen von Differenzen, Brechungen und Grenzverwischungen, womit
sie drittens als Hybride bestimmt werden. Hybride können verstanden
werden, wie Metaphern, als Wesen einer sowohl-als-auch-Struktur, mit der
Unvereinbarem eine Form zugewiesen wird. Als politischer Begriff stammt er aus
dem Kontext postkolonialer Theorien.
Cyborg-Figurierungen
gewinnen ihre Macht darüber, daß sie als Identifizierungsgrundlage
kollektivbildend wirken, also als eine Art
Imago
fungieren. Ganz im Sinne Judith Butlers formuliert Haraway ein paradoxes
weibliches Selbst als zugleich unmögliche Position und möglichen "Ort
der Hoffnungen und der streitbaren Anfechtungen".
[28]
Von sexueller Differenz ist hier nurmehr als eine soziale Formierung unter
mehreren die Rede. Dies hindert Haraway jedoch nicht, das Sprechen im Namen von
Frauen als rhetorisch-politische Strategie der Selbstbehauptung einzusetzen
oder einen gemeinsamen Horizont als "Female Symbolic" zu skizzieren.
[29]
Dieses
Female
Symbolic
ist von zahlreichen Figuren bevölkert: mehrgeschlechtliche
Science-Fiction-Wesen, Korallen, Amöben und Farne propagieren
Existenzformen, die nicht binär-heterosexuell codiert sind und keinem
Kohärenz- oder traditionellem Subjektideal entsprechen.
Solche
Praktiken der Figurierung sind Haraways zentrale "Cyborg-Technologien":
Geschichten erzählen, Schreiben, Konversationen betreiben - dies
betrachtet Haraway als die probaten Mittel, Verbindungen herzustellen, mit
denen der hegemonialen Codierung andere Bedeutungen und neues Wissen
gegenübergestellt werden kann. Figurierungspraktiken bezeichnen ganz
allgemein die Macht der Schrift, die Welt in Kategorien zu artikulieren, aber
auch die Macht technowissenschaftlicher Apparate, Wissen und Lebensformen zu
produzieren. Diese materiellen, semiotischen und sozialen Technologien gehen in
der Technoscience eine neue Verbindung ein, sie werden zu allgemeinen
Kulturpraktiken, durch die Bilder materialisiert werden, sie kreieren auf
wortwörtliche Weise Welten.
[30]
Die neuen Technologien funktionieren bei Haraway damit gleichermaßen als
Schreib- wie als Visualisierungstechniken, sowohl auf abstrakter, wie auch
konkreter Ebene. Dies bietet zugleich die Voraussetzungen dafür, daß
sich die technowissenschaftliche Abstraktion selbst entlarvt: Während
hochtechnologisierte Apparate, wie Satelliten oder hochauflösende
Minikameras, den objektiven Blick als die bestimmende Zugangsweise zur Welt
installieren, stellen sie (über die Distanz zum Auge) umso deutlicher
ihren Charakter als konstruierte, aktive Wahrnehmungsapparate zur Schau. Und
verweisen umso stärker darauf, daß es sich bei Wahrnehmung,
Repräsentation, ebenso wie Identität und Erkenntnis, womöglich
immer schon um prothetische Konstruktionen gehandelt hat, die mit einem
großartigen Versprechen auf Allwissenheit oder Einheit verbunden waren.
Daraus schöpft Haraway die Hoffnung, daß Konstruiertheit nicht mehr
als Gegensatz zur Realität verstanden wird, sondern als "Zeichen von
Realität überhaupt" nun auch die Produktion von Wissen und Visionen
"lebbarerer Welten" erlaubt, d.h. Welten auf der Grundlage der
Cyborg-Prinzipien, die ihren politischen Charakter nicht verschweigen.
[31] Eine
von Haraways zentralen Visualisierungsformen gelebter und lebbarer Welten ist
nicht die Maschine, sondern das Netz, das sich aus den Relationen der
beteiligten Akteure im Konstruktionsprozeß von Selbst und Welt bildet.
Daran sind die unterschiedlichsten Akteure gleichwertig beteiligt: menschliche
wie nicht-menschliche, semiotisch-diskursive wie materielle. Inspiriert ist das
Netz durch das Labor, insofern es "eine Zusammenstellung und Konzentration von
menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren, Handlungen und Produkten ist, die
Bedeutungen und Leben in globalem Maßstab verändern".
[32]
Handlungsfähigkeit, Erkenntnis und Erfahrung sind hier keine
Eigenschaften, die bestimmten Akteuren, etwa menschlichen Subjekten,
zugesprochen werden, sondern ist die Fähigkeit, in einem gemeinsamen
"Lernprozeß" Verbindungen herzustellen. Für die netzförmige
Produktion von Wissen, in der Verbindungsmöglichkeiten und instabile
Identitätspositionen gestaltet werden, verwendet Haraway das Bild des
Fadenspiels, des
Cat´s
Cradle
:
Muster, Figuren aus Fäden werden hier weiter- und zurückgereicht,
wobei sie sich jedes Mal verändern. Diese Form der Wissensgenerierung kann
nun wörtlich als Handlungsweise verstanden werden, in der Muster gebildet
werden, wobei mindestens zwei Hände, zumeist jedoch mehr als zwei
gebraucht werden.Diese Verbindungen bewirken Transformationen, idealerweise in
Richtung "lebbarerer Welten". Dieser Begriff markiert einen ethischen Horizont,
wobei sich die Kriterien dafür an den gesellschaftspolitischen
Implikationen der oben beschriebenen Cyborg-Position bemessen: an der
Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit, in der zugewiesenen Position
existieren zu können bzw. sie zu gestalten. Die Produktion von Wissen wird
also direkt zurückgewendet auf mögliche Konsequenzen für das
jeweilige Alltagsleben - die auch bloß als Konstruktionen erhältlich
sind, wobei Haraways Konstruktionsbegriff die Wirklichkeitseffekte
ausdrücklich einschließt. In diesem Sinn ist die Produktion von
Wissen über die Welt, insbesondere das (natur)wissenschaftliche Wissen,
ein unmittelbar politischer Akt, für den ethische Maßregeln gelten
sollten:"Practices for making sciences are practices of making worlds and that
is the essence of 'political'.
[33] Haraways
Konzept weist damit nicht bloß strukturelle Ähnlichkeiten mit
Foucaults ethisch-ästhetischem Ideal auf, sondern ließe sich, etwa
aufgrund der expliziten Anbindung an aktuelle gesellschaftliche
Konstellationen, auch als dessen Konkretisierung verstehen. Die Bemühungen
Foucaults jedoch, eine Distanz zwischen Diskurs und Körper einzurichten,
sich gleichsam (über bestimmte Praktiken) den Diskurs vom Leib zu halten,
erweisen sich aus Cyborg-Perspektive als illusorisch und wenig
wünschenswert. Die hybride Verfaßtheit läßt keine
Distanznahme durch Schweigen zu. Stattdessen fordert Haraway eine lautstarke,
vehemente Gegen-Diskursivierung, sie spricht von der Notwendigkeit einer
"Progaganda" vielfältig lebbarer Lebensformen, welche die
"Verwandtschaften" untereinander anerkennt.
[34]:
Mäuse, Cyborgs und Menschen sind für Haraway nicht bloß
unterworfene Objekte, sondern Akteure verschwisterter Arten.
4. Im TechnosymbolischenHaraways
Begriff der Technologie als Wirkungsmacht und Bedeutungsinhalt in Bezug auf die
drei Aspekte der gesellschaftlichen Macht, der subjektiven und diskursiven
Praktiken wirksam: Auf gesellschaftlicher Ebene bezeichnet Technocience die
grundlegende Verfaßtheit postmoderner, globalisierter Kultur, die in
ihrer Produktionslogik sowohl Differenzen markiert und Identitäten
festschreibt, als sie auch verwischt und auflöst. Identität oder
Differenz, Vielfältigkeit oder Einheitlichkeit, auch Objektivität und
Partikularität sind hier deshalb keine Werte, die in sich schon positiv
oder negativ zu bewerten wären, sondern sie sollen als relationale
Beziehungen kontextualisiert werden. Technologien, welche diese
Unterscheidungen in die Welt setzen, werden bei Haraway ebenfalls nicht in
positiv- schöpferische und negativ-instrumentalisierende Anteile
unterschieden, also als
techne
versus
poiesis
gegeneinander ausgespielt, sondern in ihrer Ambivalenz mit der Forderung nach
ethischer Verknüpfung versehen. Das entscheidende Kritierum ist, ob sie
Verbindungen im Sinne der Cyborg-Ethik herstellen können oder sie
abschneiden. Im Unterschied zum Panoptikon oder Filmapparat wird Technologie in
Haraways verwildertem Labor nicht allein als Subjekt von Macht und Bedeutung
verstanden, von dem es sich zu distanzieren oder das es zu instrumentalisieren
gilt. Sondern sie soll als Akteurin zur Verbündeten gemacht werden.
Auf
der Ebene des Subjekts fungieren Bio- und Kommunikationstechnologien als
Produzenten von Körpern wie als Konstrukteure von Subjektivität. Das
fremd- oder selbst-gestaltete Subjekt gründet nun auf der Implosion - oder
zumindest der Verschiebung, traditionell subjektkonstituierender Dichotomien
und verliert darüber seine fixierten Grenzen und Eigenschaften. Dabei
befragt Haraway nicht allein die die Objektivierung des Subjekts, sondern auch
die die mögliche Subjektivierung nicht-menschlicher "Objekte", was den
Status des menschlichen Subjekts noch einmal mehr, auf tiefgründigere
Weise, in Frage stellt. Im Gegenzug stellt das praktisch-technisch gewonnene
Netz Verbindungen und Figurierungsmöglichkeiten her. Auf diese Weise
entstehen nicht einerseits abstrakte, vom Einzelnen losgelöste Moralen,
wie es bei Foucault anklingt, noch wird die Identität der Einzelnen direkt
zur Grundlagen des Politischen. Vielmehr scheint hier die Möglichkeit
gegeben, politische Positionen auf der Grundlage gesellschaftlicher Erfahrung
zu entwerfen, ohne einzelne Akteure darauf zu fixieren. Dies ist sicherlich
auch der Tatsache geschuldet, daß es sich nicht um eine
gesellschaftsanalytische Theorie im traditionellen Sinne handelt, sondern ihre
mögliche Konstruktion als Echo enthält und in die Zukunft projiziert.
[35]
Die
Cyborg-Figur kann als konsequente Figurierung feministischer Einsichten
über den verkörperten, vergeschlechtlichten, konstruierten Charakter
von Subjektivität gelten, die zugleich die Forderung ihrer Analyse und
ihrer Vision enthält. Zur Frage der Aufhebung der Geschlechterhierarchie
hat sie jedoch keine zufriedenstellende Antwort parat. Wird einerseits eine
Post-Gender-Welt proklamiert, so steht ihr unverbunden die Bedingtheit der
Cyborgs durch Gender und andere Kategorien gegenüber. Stellt der
Cyborg-Hybrid zwar ein Programm dar, das irreduzible Partikularitäten
anerkennen, und trotzdem ein normatives Argument für deren
gerechte/gleichberechtigte Behandlung postulieren möchte, so verbleibt
dies letztlich auch auf der programmatischen Ebene. In der Schleife endloser
Konstruktionen bleibt zudem diffus, ob es sich bei der Rede von der Implosion
der Dichotomien um eine Wirklichkeitsbeschreibung oder eine programmatische
Aussage handelt. Ebenfalls unklar ist, wie in Verbindung mit dem Modell des
Netzes damit überhaupt Asymmetrien thematisiert werden können.
[36]
Dieses Problem stellt sich insbesondere in der Frage nach dem produktiven bzw.
repressiven Charakter der mit der Technoscience verbundenen Machtformen. Mit
dem Netzmodell lassen sich Asymmetrien, welche die Form symbolischer Gesetze
annehmen, nicht thematisieren. Das Problem, daß ganz bestimmte
SpielerInnen des Fadenspiels nicht mitspielen dürfen, bleibt in einem
dezentralisierten Netz ungelöst.
Zusammenfassend
ließe sich Haraways Techno-Symbolisches in Termini postmoderner
Identität beschreiben: als ein nicht vollständig vernähtes,
widersprüchliches, mehr-dimensionales Patchwork-Gebilde. Darin haben sich
die Koordinaten des Symbolischen der Moderne verschoben, und so läßt
sich nun nicht allein das Selbst als Kunstwerk imaginieren, sondern es haben
sich auch Grenzverwischungen materialisiert von Kunst und Körper,
Technischem und Organischem, von Imaginärem und Symbolischem selbst. Denn
dort, wo kein grundsätzlicher Unterschied im ontologischen Status als
Technisches zwischen Fiktion und Fakten gemacht wird, wo Phantasie, Erkenntnis
und Apparatur prinzipiell gleichartig und Verschiebung und Verdichtung
Wirklichkeitsbeschreibungen sind, dort weist das TechnoSymbolische bereits
selbst Charakteristika des Imaginär-Phantas(ma)tischen auf. Haraways
Cyborgs-Textpraktiken entwerfen diese Welt, um
in
ihr Forderungen nach Sinnstiftung, nach politischen Praktiken sowie Idealen von
Emanzipation und Verantwortung zu artikulieren, die ironischerweise gar nicht
weit entfernt zu sein scheinen von einem modernen, aufklärerischen
Politikverständnis. Statt eines Prothesengottes entstehen dabei
prothetische Cyborgs und mit ihnen das Versprechen, Phantasmen der
Entkörperung zur Verkörperung von Ideen zu verwenden. Die
Unvollkommenheiten, Widersprüchlichkeit, die dabei zum Vorschein kommen,
bleiben pragmatischerweise als Lücken - nicht als Mangel - die
Konstitutionsbedingungen von Subjektivität und ihren Praktiken. Ob dies
ausreicht, Normierungen des vergeschlechtlichten Subjekts mitsamt der dort
eingeschriebenen Geschlechterhierarachie aufzulösen, das bleibt jedoch mit
Blick auf andere Technophantasien zweifelhaft - haben sie doch schon deutlich
gemacht, daß nicht nur Natur, sondern auch die Technik-Konstruktion
vorzugsweise "weiblich" allegorisiert wird. Trotz ihrer Attraktivität,
welche die Cyborg-Figur bislang produzierte, muß sie ihre Kraft als
kollektive Imago - oder als "Propaganda-Trick"? - erst noch unter Beweis
stellen.
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Weissberg,
Liliane
(Hg.): Weiblichkeit als Maskerade, Frankfurt/M. 1994.
[1]
Der Text geht auf einen Vortrag zurück, den ich im Rahmen der
Vortragsreihe "Erkenntnisprojekt Feminismus", organisiert vom gleichnamigen
DoktorandInnenprogramm und der WE Frauenforschung der Universität Bremen
im Sommer 1998 gehalten habe.
[2]
Vgl. Großmaß.
[3]
Seltzer, S. 21.
[4]
"Die 'Diziplin' kann weder mit einer Institution, noch mit einem Apparat
identifiziert werden. Sie ist ein Typ von Macht; eine Modalität der
Ausübung von Gewalt; ein Komplex von Instrumenten, Techniken, Prozeduren,
Einsatzebenen, Zielscheiben; sie ist eine 'Physik' oder eine 'Anatomie' der
Macht, eine Technologie." (Ü+S, S. 277).
[5]
Ü+S, S. 279.
[6]
Vgl. S+W1, S.166.
[7]
S+W1, S. 185.
[8]"Selbsttechniken:
die es Individuen ermöglichen, mit eigenen Mitteln bestimmte Operationen
mit ihren eigenen Körpern, mit ihren eigenen Seelen, mit ihrer eigenen
Lebensführung zu vollziehen, und zwar so, daß sie sich selber
transformieren, sich selber modifizieren und einen Bestimmten Zustand von
Vollkommenheit, Glück, Reinheit, übernatürliche Kraft erlangen."
(S+E, S. 35f) Zu den Selbsttechniken siehe auch Focuault, S+M, S.252).
[9]
"Der Andere in in der Praxis des Selbst unerläßlich, damit die Form,
die diese Praxis definiert, tatsächlich ihr Objekt füllt, d.h. mit
dem Selbst. Der Andere ist unerläßlich, damit die Praxis des Selbst
zu dem von ihr anvisierten Selbst gelangt. Das ist die allgemeine Formel."
(Foucault, Hermeneutik des Subjekts, Vorlesung 1982, Nachschrift in: Freiheit
und Selbstsorge 1985, S.40). Vgl. zu diesem Punkt Hebel , S.237.
[10]
Hebel beschreibt den Unterschied zu einem substantiell gedachten Subjekt
folgendermaßen:
"Die
Stilisierung hat dort statt, wo es sich um Herstellung eines Selbst und nicht
eines Subjekts im traditionellen Sinne handelt. Das Selbst besteht im
Unterschied zum Subjekt in einer Kreisbewegung, die der sich um sich Sorgende
beschreibt, im Ausgang von sich über ein anderes und der den
Ausgangsstatus modifizierenden Rückkehr zu sich. In der Beziehung zu sich
wird nicht eine Seelensubstanz (und ebensowenig eine des Körpers)
rehabilitiert, sondern 'nur' ein Bogen über eine Leere gespannt, die als
solche nichts auszusagen hätte. Indem sie umkreist wird, zieht das Andere,
das Medium der Formung eine Krümmung und umschließt die Leerstelle,
die das Subjekt immer war. Hier entsteht der Ort eines ständig sich
wandelnden Selbstverhältnisses, dem nicht von den Strukturen der Macht-
und Wissensformationen seine unwandelbare Gestalt zugewiesen wird." (S.230).
[11]
Vgl. S+M, S. 259f.
[12]
Gehring, S.80.
[13]
S+W1, S.122f.
[14]
S+M, S. 22ff, vgl. auch S. 289
[15]
S+M, S. 245f, 250.
[16]
Beispielsweise für Lois McNay, die auch dafür plädiert, das
Konzept der Selbstpraktiken für die feministische Kritik aufzugreifen,
wobei sie diese allerdings im Sinne einer Reinstallierung der Subjektautonomie
favorisiert.
[17]"Demzufolge
ist das sex-gender-System sowohl ein soziokulturelles Konstrukt, wie ein
semiotischer Apparat, ein Repräsentationssystem, das den Individuen
innerhalb einer Gesellschaft Bedeutung (Identität, Wert ...etc.) zuweist.
Wenn Geschlechterrepräsentationen soziale Positionen sind, die
Bedeutungsunterschiede transportieren, dann liegt in der Darstellung oder
Selbstdarstellung als männlich oder weiblich die Aneignung des gesamten
Komplexes dieser Bedeutungswirkungen. (...). Die Konstruktion des Geschlechts
ist sowohl Produkt als auch Prozeß seiner Repräsentation." (de
Lauretis 1996, S.63)
[18]
De Lauretis 1995.
[19]
Einen kleinen Überblick bietet Weissbergs "Weiblichkeit als Maskerade";
die psychoanalytische Grundlage des "Subjekts der Phantasie" bildet das
Suture-Konzept Lacans, welches von unterschiedlichen Theoretikerinnen
aufgenommen wurde.
[20]
de Lauretis 1996, S.88.
[21]
Im Extrem hat Judith Butler dies in ihren ersten Büchern vorgenommen in
ihrem Projekt, die Foucaultsche Produktivität von Macht mit dem Lacanschen
symbolischen Gesetz zu verknüpfen, dabei sind zugleich auch die
(logischen) Grenzen eines solchen Unternehmens deutlich geworden. Allerdings
bleibt weiterhin unklar, wie konstante Machteffekte anders thematisiert werden
können.
[22]
Indem er selbst einen "aktiven Part in seiner eigenen biologischen Evolution
übernimmt" (Clynes/Kline 1961). Der erste kreierte Cyborg in diesem
Forschungsprogarmm war eine Ratte, der eine Pumpe unter die Haut genäht
war, welche eine kontinuierliche Zufuhr von Chemikalien erlaubte. Auf diese
Weise sollte dann ein Gleichgewichtszustand des Organismus' automatisch
aufrechterhalten werden können.
[23]
OncoMouse, S.349.
[24]
Manifest, S. 51f.
[25]
Der Cyborg kann, wie Angelika Saupe gezeigt hat, damit auch als autopoietische
Maschine verstanden werden, in der sich Organisches und Maschinelles
tatsächlich zu einer neuen Konfiguration verbinden. Die Konsequenz: "nicht
das Mechanizistische als Technik okkupiert totalitär die lebendige Welt,
sondern es ist ebenso sehr eine 'Verlebendigung' der Technik eingetreten, die
neue 'Welten' ermöglicht" (S.4).
[26]
SR, S.68.
[27]
Cyborg bezeichnet "das Verhältnis zwischen standardisierten Technologien
und lokaler Erfahrung, bei dem man zwischen die Kategorien fällt, aber
dennoch in Beziehung zu ihnen bleibt" (OncoMouse, S.364). Siehe auch den
Aufsatz "Situiertes Wissen" in: Die Neuerfindung der Natur.
[28]"She
- this she who is not yet, and maybe was never - becomes the site of hopes and
contestations." (SR, S. 67f)
[29]
WWC, S.56ff.
[30]
WWC, S.50f; OncoMouse S.384f.
[31]
OncoMouse, S.385.
[32]
OncoMouse, S.375.
[33]
WWC, S.71.
[34]
WWC, S.70.
[35]
Die marxistischen Wurzeln sind, insbesondere im "Manifest", unverkennbar.
Haraways Cyborg-Mythos kann auch, im Sinne Barthes, als Ideologiekritik gelesen
werden. Dabei geht aus auch darum, traditionelle gesellschaftstheoretische
Kategorien unter postmodernem Vorzeichen neu verfügbar zu machen.
[36]
Vgl. zu dem Problem, daß bestehende Hierarchien in Haraways
Netzwerkmodell verdeckt werden, Weber 1997.
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